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Filme | Kritiken
  • The Runner | Amazon Film – Kritik: Prime Video schickt Gal Gadot ins Rennen

    The Runner

    TitelThe Runner
    Genre Thriller
    Jahr2026
    FSK12
    RegieKevin Macdonald

    Starttermin: 02.09.2026 | Prime Video

    Da hat sich Amazon aber ganz schön verrant

    Die Großstadt ist ein ziemlich effizientes Paradoxon. Man kann sich morgens in eine U-Bahn quetschen, Schulter an Schulter mit hundert Menschen stehen, das Parfüm einer Unbekannten in der Nase, das halbe Trennungsgespräch des Mannes gegenüber mithören und trotzdem das Gefühl haben, dass die eigene Existenz ungefähr so viel Aufmerksamkeit erzeugt wie ein Werbeprospekt, der im Wind über den Bahnsteig flattert. Millionen Menschen leben auf wenigen Quadratkilometern übereinander, aneinander vorbei und meistens ohne voneinander zu wissen. Einsamkeit funktioniert nirgends so gut wie dort, wo eigentlich niemand allein ist. Im Kino ist die Großstadt deshalb selten bloß Kulisse. Sie kann Labyrinth sein, Gefängnis, Resonanzkörper, gesellschaftlicher Querschnitt oder einfach ein wunderbar praktischer Ort, an dem ein Mensch verschwinden kann, obwohl ihn theoretisch ständig jemand sehen müsste. Gerade Thriller lieben diesen Widerspruch. Je voller die Straßen, desto größer die Isolation. Auch „The Runner“ baut darauf. Regisseur Kevin Macdonald ließ große Teile des Films mitten im laufenden Londoner Alltag drehen. Keine sauber abgeriegelte Studioversion der britischen Hauptstadt, in der jeder Passant exakt weiß, wann er durchs Bild laufen und welches Taxi wann um die Ecke biegen muss. Echte Straßen, echtes Gedränge, echte Großstadtunordnung. Dazwischen Gal Gadot als Maia, die rennt. Und rennt. Und weiter rennt. Denn Maia hat ein Problem, das einen schlechten Vormittag ziemlich zuverlässig in den Schatten stellt: Ihr Sohn wurde entführt. Ein Mann kontrolliert sie über das Telefon, setzt sie unter Zeitdruck und schickt sie quer durch London. Sie muss seine Anweisungen befolgen, darf niemandem vertrauen und soll schließlich sogar einen Menschen töten. Um sie herum gehen Leute zur Arbeit, kaufen Kaffee, tippen Nachrichten, stehen an roten Ampeln und haben vermutlich gerade Probleme wie einen verspäteten Bus oder die Frage, was sie abends essen. Für Maia dagegen ist die ganze Welt auf einen einzigen Punkt zusammengeschrumpft. Die Stadt bewegt sich weiter. Ihre Welt nicht. Das ist als Ausgangslage stark. Vielleicht sogar stärker, als es das Amazon Original selbst irgendwann wahrhaben möchte.

    The Runner Amazon Prime Video Film 2026
    The Runner ©Amazon MGM Studios

    In diesem Gegensatz steckt mehr als nur eine hübsche Ausgangsidee. Maias körperliche Bewegung wird zum Ausdruck einer vollkommenen inneren Ausweglosigkeit. Sie bewegt sich permanent und kommt trotzdem keinen Zentimeter aus ihrer Situation heraus. Je schneller sie läuft, desto deutlicher wird, wie wenig Kontrolle sie besitzt. Und dass all das nicht auf menschenleeren Straßen, sondern zwischen Menschenmassen geschieht, verschärft den Gedanken noch. Hilfe wäre überall. Nur erreichbar ist sie nicht. Millionen Menschen, Jahrhunderte Stadtgeschichte, ein hochkomplexes Geflecht aus Verkehr, Kommunikation und sozialem Zusammenleben – und mittendrin Gal Gadot, die aussieht, als hätte sie den vermutlich stressigsten Anschlusszug Europas zu erwischen. Das Grundprinzip ist nicht neu. „The Runner“ erinnert unweigerlich an „The Desperate Hour“, in dem Naomi Watts ebenfalls praktisch permanent unterwegs ist, während sie aus der Distanz mit einer Bedrohung konfrontiert wird, die ihr Kind betrifft. Der Film war nicht gerade ein Denkmal erzählerischer Plausibilität, besaß aber etwas, das „The Runner“ überraschend oft fehlt: unmittelbare Spannung. Wer „The Desperate Hour“ nicht kennt, dürfte gedanklich schneller bei „Nicht auflegen!“ mit Colin Farrell landen. Dort steht der Protagonist zwar im Wesentlichen nur in einer Telefonzelle herum und absolviert damit ungefähr das Gegenprogramm zu Gadots London-Marathon, das dramaturgische Prinzip ist aber ähnlich. Eine Stimme am Telefon kontrolliert die Situation. Der Raum wird zum Gefängnis. Jede falsche Entscheidung kann alles beenden. „The Runner“ liegt irgendwo dazwischen: „The Desperate Hour“ liefert die Bewegung, „Nicht auflegen!“ die Telefonerpressung. Eigentlich eine ziemlich brauchbare Mischung. Nur fehlt ausgerechnet das wichtigste Fundament einer Geschichte, die sich so radikal auf eine einzelne Figur konzentriert: eine Hauptdarstellerin, die dieses Konstrukt beinahe allein tragen kann.

    Filmpodcast

    Gal Gadot rennt, die Mimik schläft 

    Die Kamera ist fast permanent bei Gal Gadot. Es gibt kaum Möglichkeiten, sich vor ihr zu verstecken, und für Gadot noch weniger Gelegenheiten, sich im Spiel mit anderen Figuren zu entlasten. Ihre drahtige, physische Präsenz funktioniert hervorragend für die Rolle. Das Problem beginnt oberhalb der Schultern. Wo Naomi Watts selbst in vollkommen überdrehten Situationen eine nervöse, fast fiebrige Unmittelbarkeit erzeugen kann und Colin Farrell eine Telefonzelle allein mit wachsender Panik, Aggression und Verzweiflung füllen konnte, bleibt Gadot erstaunlich leer. Angst, Erschöpfung, Verzweiflung – in ihrem Gesicht kommt davon erschreckend wenig an. Und gerade ein Thriller wie dieser lebt davon. Wenn die Handlung über lange Strecken aus Rennen, Telefonieren, Schauen und Weiterlaufen besteht, wird ein Gesicht zur eigentlichen Spezialeffektabteilung. Bei Gadot herrscht dort leider Personalmangel. Trotzdem wäre es zu einfach, „The Runner“ allein an seiner Hauptdarstellerin aufzuhängen. Das größere Problem liegt tiefer und lässt sich auf ein Wort herunterbrechen: Inkonsequenz. Der Film ist inkonsequent in seiner Inszenierung, inkonsequent in seiner Logik und inkonsequent in der Auslegung seiner eigenen Figuren. Und Inkonsequenz ist bei einem Thriller gefährlich. Besonders schade ist das, weil „The Runner“ visuell zunächst genau das Gegenteil vermittelt. Was Amazon hier liefert, sieht erstaunlich wenig nach glattgezogener Streaming-Stangenware aus. Das enge 4:3-Format sperrt Maia förmlich in das Bild ein. Links und rechts fehlt ihr der Raum, den andere Actionfilme ihren Figuren großzügig schenken. Dazu kommen entsättigte Farben, leichte Körnung, natürliches Licht, Straßen, die tatsächlich wie Straßen aussehen und nicht wie frisch abgesperrte Filmsets. London wird nicht auf Hochglanz poliert, sondern wirkt grau, voll, etwas schmutzig und vollkommen gleichgültig gegenüber dem Drama, das gerade durch seine Straßen rennt. Das passt ausgezeichnet. Zeitweise erinnert die Rastlosigkeit sogar eher an ein Werk der Safdie-Brüder als an einen typischen Prime-Video-Thriller. Alles ist nah dran, nervös, körperlich, unangenehm. Die Stadt drückt auf Maia, die Kamera klebt an ihr, das Format zieht die Wände zusammen. Man könnte fast meinen, hier wolle jemand einen Actionthriller mit den Mitteln eines urbanen Stressfilms erzählen. Doch dann meldet sich das Drehbuch. 

    The Runner Amazon Prime Video Film 2026
    The Runner ©Amazon MGM Studios

    Während die Form dem Publikum durchaus etwas zutraut, scheint die Dramaturgie permanent Angst zu haben, dass dreißig Sekunden lang nichts Spektakuläres passiert. Also werden Situationen konstruiert, Regeln gedehnt und Hindernisse aufgebaut, die weniger aus der Geschichte entstehen als aus dem Bedürfnis, jetzt bitte noch einmal den Puls hochzutreiben. Deutlich wird das auch, wenn man an das andere Ende der Leitung schaut. Maias gesichtsloser Gegenspieler hat alles vorbereitet. Er kennt Maias Wege, überwacht sie scheinbar lückenlos, kontrolliert ihren Sohn und hat für beinahe jede Eventualität einen Plan. Jedenfalls so lange, bis das Skript möchte, dass Maia ihn austrickst. Dann übersieht dieser allwissende Strippenzieher plötzlich die durchschaubarsten Täuschungsmanöver. Seine Regeln sind absolut. Bis sie es nicht mehr sind. Seine Kontrolle ist total. Bis die Handlung ein Schlupfloch braucht. Seine Drohungen gelten ohne Ausnahme. Außer natürlich in den Szenen, in denen eine Ausnahme spannender erscheint. Inkonsequent eben. Ein Film muss nicht immer realistisch sein. Er muss nur überzeugend lügen und sich dabei an die Regeln halten, die er selbst aufgestellt hat. „The Runner“ gelingt weder das eine noch das andere – und spätestens mit Maias Wettrennen mit einer U-Bahn war es das dann auch mit dem letzten bisschen Bodenhaftung. Plötzlich sieht man nicht mehr eine verzweifelte Frau, die versucht, Sekunden herauszuschlagen. Man sieht eine Drehbuchkonstruktion, die ihre Protagonistin am nächsten Ort braucht und deshalb Raum, Zeit und Nahverkehrsphysik kurzerhand durchs dramaturgische Drehkreuz jagt.

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    The Runner ©Amazon MGM Studios

    Prime Video dreht auf – und kommt trotzdem nicht vom Fleck 

    Eigentlich bräuchte die Prämisse gar nicht viel mehr, als sie ohnehin schon mit sich bringt. Eine Mutter. Ein entführtes Kind. Eine Stimme am Telefon. Eine Stadt. Eine Uhr, die heruntertickt. Daraus lässt sich ein unglaublich effektiver Thriller bauen, gerade weil die Konstruktion so übersichtlich ist. Je weniger bewegliche Teile eine Geschichte hat, desto präziser kann sie diese einsetzen. „The Runner“ besitzt dieses Fundament. Er vertraut ihm nur nicht. Statt die Schlinge langsam enger zu ziehen, zieht Macdonald ständig neue Knoten hinein. Er wird schneller, ohne intensiver zu werden. Lauter, ohne dringlicher zu wirken. Die Beine arbeiten ununterbrochen, der Puls erstaunlicherweise kaum. „The Runner“ bewegt sich permanent und kommt dramaturgisch trotzdem nicht vom Fleck. Dabei gibt es immer wieder Momente, in denen man sieht, welcher Film hier möglich gewesen wäre. Wenn Maia zwischen vollkommen unbeteiligten Passanten steht. Wenn das enge Bildformat sie einquetscht. Wenn London nicht aussieht wie eine Sehenswürdigkeitensammlung, sondern wie eine Stadt, die schlicht keine Zeit für ihr Problem hat. Dann greifen Form und Inhalt plötzlich ineinander. Für kurze Augenblicke ist da diese unangenehme Vorstellung, inmitten Tausender Menschen vollkommen allein zu sein. Dann rennt Maia wieder los. Irgendwann wird aus Bewegung Wiederholung, aus Zeitdruck Routine und aus dem Thriller beinahe ein Ausdauertest. Nicht für Gal Gadot – die scheint konditionell bestens vorbereitet –, sondern für das Publikum. Am Ende erinnert „The Runner“ deshalb ein wenig an die alte Fabel vom Hasen und der Schildkröte. Amazon setzt alles auf Geschwindigkeit. Der Film sprintet, hetzt, schneidet, treibt an und scheint davon überzeugt, dass Bewegung automatisch Spannung erzeugt. Aber Spannung ist keine Frage von Kilometern pro Stunde. Manchmal reicht dafür ein Mann, der in einer Telefonzelle steht und nicht wegkann. Prime Video hat auf den Hasen gesetzt. Gewonnen hat trotzdem die Schildkröte.

    The Runner Amazon Prime Video Film 2026
    The Runner ©Amazon MGM Studios

    Fazit

    „The Runner“ rennt, bis er sich selbst aus den Augen verliert. Aus Tempo wird Hektik, aus Zuspitzung Übertreibung und aus einer guten Idee ein Thriller, der sich mit jedem neuen Haken ein Stück tiefer verrennt. Am Ende bleibt vor allem die Erkenntnis: Wer ständig Vollgas gibt, kommt nicht automatisch schneller ans Ziel. 

    Bewertung: 2 von 5.
    Amazon Prime Video
  • Der Kinderflüsterer | Netflix Film – Kritik: De Niro jagt einen Killer

    Der Kinderflüsterer

    TitelDer Kinderflüsterer
    Genre Thriller
    Jahr2026
    FSK16
    RegieJames Ashcroft

    Starttermin: 28.08.2026 | Netflix

    Netflix auf den Spuren von „Sieben“ 

    Es gab einmal eine Zeit, da waren Serienkiller keine Streamingware, die am Freitagabend zwischen zwei Staffeln irgendeiner anderen Netflix Serie verschwand. Sie waren Albträume mit Gesicht. Filme wie „Sieben“ haben das Genre nicht deshalb geprägt, weil darin ein besonders cleverer Ermittler einen besonders cleveren Mörder jagte. Die eigentliche Wucht lag woanders: in der Atmosphäre, in der Dreckigkeit der Welt, in dem Gefühl, dass hinter jeder Tür etwas wartet, das man lieber nicht sehen möchte – und in der Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten. „Sieben“ wollte sein Publikum nicht bloß unterhalten. David Fincher wollte mit ihm ein schmerzhaftes Gefühl hinterlassen, das sich tiefer und tiefer in die Eingeweide frisst. Ein Serienkiller-Thriller braucht schließlich mehr als nur eine Leiche und einen Mann mit psychischem Knacks. Er braucht diese ganz spezielle Form von Unbehagen, bei der sich die Spannung nicht erst dann einstellt, wenn jemand mit einem Messer durchs Bild läuft, sondern schon weit vorher. Genau daraus entstand eine fast schon perfide Faszination für ein Genre, bei dem man nie wusste, wie weit ein Film gehen würde. Auf dem Papier hat „Der Kinderflüsterer“ dafür eine geradezu ideale Ausgangslage. Es gibt kaum eine Urangst, die unmittelbarer ist als die Vorstellung, dass das eigene Kind verschwinden könnte. Nicht zu wissen, wo es ist. Nicht zu wissen, ob es lebt. Und vor allem nicht zu wissen, was mit ihm geschieht. Tom Kennedy, gespielt von Adam Scott, kennt diese Angst bald aus nächster Nähe. Der verwitwete Schriftsteller zieht mit seinem Sohn Jake in eine neue Stadt, nachdem der Tod seiner Frau die Familie aus der Bahn geworfen hat.

    Der Kinderflüsterer Netflix Film 2026
    Der Kinderflüsterer ©Netflix

    Jake ist ein verschlossener, empfindsamer Junge, der den Verlust seiner Mutter anders verarbeitet als sein Vater und von einem geheimnisvollen Freund erzählt, den nur er sehen kann. Dann verschwindet ein Kind – und plötzlich scheint ein längst vergangener Albtraum zurückzukehren: der sogenannte Kinderflüsterer, ein Serienmörder, der Jahre zuvor bereits mehrere Kinder entführt und getötet hat. Zwar sitzt der Täter Frank Carter (Michael Keaton) für sein grausames Verbrechen längst hinter Gittern, aber abgeschlossene Fälle haben in dieser Art von Film bekanntlich die unangenehme Eigenschaft, irgendwann wieder anzuklopfen. Bei der Suche nach Jake wird deshalb auch Pete Willis (Robert De Niro) wichtig – Toms entfremdeter Vater, der vor seinem Ruhestand vor 25 Jahren die Ermittlungen leitete und Carter einst überführte. Nun muss er seinem Sohn helfen, dessen Sohn zu finden. Und damit liegt unter dem eigentlichen Kriminalfall noch eine zweite Geschichte: Väter und Söhne, Verlust und Schuld, die Frage, was Eltern ihren Kindern hinterlassen – und ob sich manche Wunden über Generationen hinweg weiterreichen. Das ist viel Material. Eigentlich sogar mehr als genug – und doch bleibt davon erstaunlich wenig hängen. Aber warum sollte ein altmodisch gestrickter Serienkiller-Thriller wie „Der Kinderflüsterer“ heute nicht mehr funktionieren? Nur weil „Sieben“ inzwischen fast dreißig Jahre alt ist, sind tote Kinder, verschwundene Menschen und psychopathische Täter ja nicht plötzlich weniger beunruhigend geworden. Das Genre muss nicht jedes Mal neu erfunden werden. Es muss nur verstehen, warum seine alten Zutaten einmal so gut funktioniert haben.

    Filmpodcast Netflix

    Wenn selbst De Niro und Keaton die Spannung nicht retten können

    „Der Kinderflüsterer“ bringt diese Zutaten eigentlich alle mit, zumal mit James Ashcroft auch noch ein Mann auf dem Regiestuhl sitzt, der längst bewiesen hat, dass er Atmosphäre kann. Schon sein Debüt „Coming Home in the Dark“ lebte von dieser großartigen, minimalistischen Zurückhaltung, die mit ganz einfachen Mitteln eine tief sitzende Unruhe erzeugt. Und erst kürzlich hat er mit „The Rule of Jenny Pen“ gezeigt, dass er selbst ein harmloses Altenheim in einen bitterbösen Ort verwandeln kann, an dem Grausamkeit, grotesker Humor und blankes Unbehagen ziemlich unangenehm miteinander verschmelzen. Doch ausgerechnet dieses Händchen scheint Ashcroft bei seinem Netflix-Thriller vollständig abhandengekommen zu sein. Dabei beginnt der Film zunächst genau so, wie ein Slow Burner beginnen sollte. Er nimmt sich Zeit. Er führt Tom und Jake ein. Er erzählt vom Tod der Mutter. Von Jakes Angst. Von Toms Schuldgefühlen. Von der Entfremdung zwischen Vater und Sohn. Und auch auf der Seite des Täters scheint sich dieses Motiv fortzusetzen. Es steht nicht ausschließlich die Jagd nach einem Monster im Zentrum. Es geht um die Menschen, die Teil davon sind. Ob gewollt oder nicht. Nur muss man aus Zeit irgendwann auch etwas machen. „Der Kinderflüsterer“ nimmt sich Zeit, aber er nutzt sie nicht. Ein Slow Burner lässt einen langsam in seine Welt sinken. Er baut Atmosphäre, Unbehagen und Spannungen auf. Er lässt es unter der Oberfläche faulen und brodeln. Ashcrofts Film dagegen stellt seine Bausteine einfach nebeneinander. Hier das Familientrauma. Dort der tote Elternteil. Da die Angst eines Kindes. Daneben die Ohnmacht eines Vaters. Und im Hintergrund lauert das Böse. Man sieht förmlich, wie das Skript seine psychologischen Karteikarten sortiert. Aber man fühlt sie nicht – und den namhaften Cast, der sich durch dieses Drehbuch arbeitet, schon gar nicht. Es ist Schauspiel als Pflichterfüllung. Und genau so fühlt es sich auch an.

    Der Kinderflüsterer Netflix Film 2026
    Der Kinderflüsterer ©Netflix

    Bei einem Film über tote Kinder müsste sich die Atmosphäre eigentlich wie kalter Nebel über die Szenerie legen. Man müsste irgendwann das Gefühl bekommen, dass selbst ein leerer Flur nicht mehr leer ist. Dass hinter einem Fenster jemand stehen könnte. Dass ein Geräusch aus dem Kinderzimmer plötzlich nicht mehr nach einem Geräusch klingt, sondern nach einer Warnung. „Der Kinderflüsterer“ ist zwar bemüht, genau solche Situationen herzustellen, aber er lädt sie kaum auf. Und damit verpufft ausgerechnet das, was seine Geschichte so stark machen könnte. Die Angst vor einem verschwundenen Kind funktioniert nicht allein über die Frage, wer der Täter ist. Sie funktioniert über die Zeit dazwischen. Über das Warten. Über die Ungewissheit. Über das Wissen, dass jede Minute etwas Schlimmeres bedeuten könnte. Genau diese quälende Zwischenzeit müsste der Film mit Leben füllen. Stattdessen füllt er sie mit Leerlauf. Natürlich erinnert „Der Kinderflüsterer“ an jene Ära, in der Hollywood regelmäßig düstere Erwachsenen-Thriller produzierte, die sich nicht davor fürchteten, ihr Publikum mit unangenehmen Bildern und moralischen Abgründen zu konfrontieren. Nur reicht es nicht, die Tapete dieser Zeit wieder an die Wand zu kleben. Man muss auch wieder ein Zimmer daraus machen. Hier hängt die Tapete, aber das Zimmer bleibt leer. Dabei wäre es einfach gewesen, die Verbindung zwischen Tom und seinem Vater zur emotionalen Achse des Films zu machen. Der Blick auf die Täterseite könnte das Ganze zusätzlich spiegeln. Der Sohn eines Monsters, der sich mit dem Erbe seines Vaters auseinandersetzen muss, während ein anderer Vater verzweifelt versucht, seinen Sohn zu retten – daraus hätte man einen psychologischen Thriller bauen können, der seine eigentliche Bedrohung nicht nur im Serienmörder findet, sondern in der Frage, was Eltern ihren Kindern mitgeben. Doch auch hier bleibt der Film an der Oberfläche.

    Der Kinderflüsterer Netflix Film 2026
    Der Kinderflüsterer ©Netflix

    Netflix auf den Spuren von „Sieben“ 

    „Der Kinderflüsterer“ benennt seine Themen, statt sie zu erzählen. Und wenn dann irgendwann das Finale kommt, soll plötzlich alles passieren, was vorher nicht passiert ist. Netflix zieht die Zügel an, die Ereignisse überschlagen sich, Figuren geraten in Gefahr und die Geschichte versucht, mit letzter Kraft jene Spannung nachzuliefern, die sie zuvor konsequent verweigert hat. Doch ein Finale kann nicht von der Spannung leben, die vorher nie entstanden ist. Es kann eine aufgebaute Fallhöhe nutzen. Es kann Ängste zuspitzen. Es kann eine Figur an den Punkt bringen, an dem sie eine Entscheidung treffen muss, die wehtut, weil wir wissen, was sie kostet. „Der Kinderflüsterer“ hat dafür schlicht zu wenig investiert. Wenn es der ausladenden Exposition bereits nicht gelingt, bei der Zuschauerschaft einen Knoten im Magen zu erzeugen, dann wird es schwierig, diesen Knoten im letzten Akt noch schnell mit einer Actionsequenz hineinzubinden. Und so wirkt auch die Auflösung weniger wie der Höhepunkt einer sorgfältig konstruierten Geschichte als wie das Ende eines Films, der langsam merkt, dass ihm die Zeit davonläuft. Was fehlt, ist das Entscheidende: eine eigene Handschrift. „Der Kinderflüsterer“ fühlt sich nie so an, als hätte jemand wirklich etwas mit diesem Stoff vor. Er fühlt sich an, als hätte man sich erinnert, dass Serienkiller-Thriller einmal ziemlich gut funktioniert haben, ein paar bekannte Zutaten aus dem Regal genommen und anschließend gehofft, dass die alten Geschmacksstoffe noch Wirkung zeigen. Sie tun es nicht. Das Ergebnis ist B-Movie durch und durch, weil hinter der Hollywood-Fassade kaum eine Idee steckt, die über das Nachkochen bekannter Thriller-Muster hinausgeht. Robert De Niro, Michael Keaton und Adam Scott verleihen dem Ganzen Namen und Gewicht. Aber Namen ersetzen keine Atmosphäre. Ein großer Cast macht noch keinen großen Thriller.„Der Kinderflüsterer“ hätte ein schmutziger, unheimlicher und psychologisch aufgeladener Serienkiller-Thriller werden können. Stattdessen bekommt man einen Film, der ständig von seinen Möglichkeiten erzählt, ohne sie wirklich auszuschöpfen. Er will langsam sein und wird langweilig. Er will psychologisch sein und bleibt oberflächlich. Er will unheimlich sein und wirkt erstaunlich harmlos.

    Der Kinderflüsterer Netflix Film 2026
    Der Kinderflüsterer ©Netflix

    Fazit

    „Der Kinderflüsterer“ hinterlässt vor allem das seltsame Gefühl einer verpassten Gelegenheit. Man schaut auf den Abspann und fragt sich weniger, was man gerade gesehen hat, sondern warum es einen überhaupt nicht berührt hat. Kein Schock, kein Nachhall, kein unangenehmes Kribbeln, das man mit ins Bett nimmt. Nur diese eigentümliche Leere, wenn ein Film bereits vorbei ist, bevor er einen überhaupt erreicht hat.

    Bewertung: 1.5 von 5.
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  • Die Frau ohne Vergangenheit | Netflix Film – Kritik: Wer bin ich?

    Die Frau ohne Vergangenheit

    TitelDie Frau ohne Vergangenheit
    Genre Thriller
    Jahr2026
    FSK16
    CreatorBarbara Topsøe-Rothenborg

    Starttermin: 28.08.2026 | Netflix

    Warum Netflix’ neuer Thriller seine beste Idee vergisst

    Familienfotoalben sind merkwürdige kleine Geschichtsbücher. Sie stehen jahrelang unbeachtet in irgendeinem Schrank, überleben Umzüge, Wohnungsauflösungen und den unbarmherzigen Versuch, das eigene Leben auf möglichst wenige Kartons zu reduzieren, und werden irgendwann wieder hervorgeholt. Dann liegt da plötzlich die Vergangenheit auf dem Tisch. Ein Geburtstag. Ein Urlaub. Weihnachten. Hochzeit. Einschulung. Dazwischen Menschen, die einmal jünger waren und Frisuren trugen, für die sich heute niemand mehr freiwillig vor eine Kamera stellen würde. Das Merkwürdige daran: Ein Foto behauptet immer, die Wahrheit zu kennen. Es zeigt, was gewesen ist, und lässt dabei alles verschwinden, was unmittelbar davor oder danach passiert ist. Ein Ehepaar kann auf einem Bild aussehen wie die große Liebe und sich fünf Minuten vorher beinahe getrennt haben. Eine Familie sitzt geschlossen vor dem Weihnachtsbaum, während hinter der Kamera vielleicht gerade ein Streit eskaliert. Ein Lächeln wird eingefroren und bekommt dadurch eine Bedeutung, die es in diesem Moment womöglich überhaupt nicht hatte. Das Foto weiß davon nichts. Es ist unschuldig. Und gerade deshalb so überzeugend. Vielleicht liegt darin der eigentliche Trost solcher Alben. Sie verwandeln ein kompliziertes Leben in eine überschaubare Sammlung von Beweisen. Hier warst du. Dort waren wir. Das ist deine Mutter. Das ist dein Vater. Das ist der Urlaub, an den du dich längst nicht mehr erinnerst. Das ist der Mensch, mit dem du einmal dein ganzes Leben verbringen wolltest. Man muss nicht mehr alles wissen, solange es irgendwo ein Bild davon gibt Schwierig wird es erst, wenn der Mensch auf diesen Bildern sich selbst nicht mehr erkennt. Aus Erinnerungen werden Zeugenaussagen, aus Fotos Beweismittel und aus dem eigenen Leben ein Archiv, dessen Inhalt zwar eindeutig zu sein scheint, dessen Bedeutung aber plötzlich jemand anderes bestimmen muss. Genau mit diesem unangenehmen Gedanken beginnt „Die Frau ohne Vergangenheit“. Was passiert, wenn sämtliche Menschen um einen herum behaupten können, wer man gewesen ist, während man selbst nicht mehr weiß, wer man eigentlich sein soll? Ein ziemlich guter Ausgangspunkt für einen psychologischen Thriller – auch auf Netflix.

    Die Frau ohne Vergangenheit Netflix Film 2026
    Die Frau ohne Vergangenheit ©Netflix

    Louise Andersen lebt mit ihrem Partner Joachim auf der norwegischen Insel Hidra und betreibt dort ein kleines Café. Ihr Leben wirkt ruhig, beinahe unspektakulär, so weit entfernt von den großen Katastrophen der Welt, wie man sich ein Leben eben einrichten kann, wenn man sich eine Insel als Lebensmittelpunkt ausgesucht hat. Dann taucht eines Tages ein Fremder auf und behauptet, Louise sei gar nicht Louise. Sie sei Helene Söderberg. Eine dänische Frau, die zwei Jahre zuvor verschwunden ist. Noch verstörender ist, dass Helene eine Familie besitzt und aus einem wohlhabenden Schifffahrtsimperium stammt. Louise beginnt deshalb, nach ihrer Vergangenheit zu suchen, und stößt dabei auf ein Leben, das zunächst wie die luxuriöse Ausgabe eines Familienalbums aussieht: Wohlstand, gesellschaftliche Sicherheit, ein Ehemann, eine Familie, ein Haus, eine Vergangenheit, die offensichtlich bereits vollständig erzählt wurde. Nur eben nicht von ihr. Und genau darin steckt der interessante Kern von „Die Frau ohne Vergangenheit“. Louise steht vor den Bildern ihres eigenen Lebens und hat trotzdem das Gefühl, niemals darin gewesen zu sein. Sie kennt die Gesichter nicht, die andere sofort erkennen. Sie kennt die Geschichten nicht, die für alle anderen längst feststehen. Sie besitzt keine Erinnerungen, dafür aber Menschen, die sich an sie erinnern. Und plötzlich wird die eigene Identität zu einer Art Gemeinschaftsprojekt. Normalerweise sind Erinnerungen das private Fotoalbum des Gehirns. Man braucht keinen Zeugen dafür, dass man gestern Geburtstag hatte. Man muss nicht nachschlagen, ob die eigene Mutter tatsächlich die eigene Mutter ist oder ob der Partner, neben dem man morgens aufwacht, tatsächlich der Mensch ist, mit dem man seit Jahren zusammenlebt. Man weiß es einfach. Zumindest solange das eigene Gedächtnis mitspielt. Louise hat diesen Luxus nicht. Sie muss anderen Menschen glauben.

    Filmpodcast Netflix

    Am Ende nur ein Sonntagskrimi, der sich selbst erklärt

    In „Die Frau ohne Vergangenheit“ verschiebt sich die Macht der Erinnerung auf eine ziemlich unangenehme Weise. Wer die Vergangenheit eines Menschen kennt, besitzt plötzlich auch eine gewisse Macht über dessen Gegenwart. Wenn Louise nicht weiß, wer Helene war, können andere ihr erzählen, wer sie gewesen sein soll. Sie können Erinnerungen liefern, die sie selbst nicht überprüfen kann. Ein Gesicht auf einem Foto wird dadurch nicht mehr zu einem Beweis für die eigene Vergangenheit, sondern zu einer Behauptung. Netflix hätte daraus einen wunderbar paranoiden psychologischen Thriller machen können. Einen Film, in dem Louise irgendwann nicht mehr weiß, ob sie den Menschen um sich herum trauen kann – und vielleicht irgendwann auch sich selbst nicht mehr. Nicht einmal ein hochkomplexes Psychodrama wäre dafür notwendig gewesen. Es hätte gereicht, die Unsicherheit konsequent auszuspielen. Leider interessiert sich Regisseurin Barbara Topsøe-Rothenborg für genau diese Möglichkeit erstaunlich wenig. So besitze „Die Frau ohne Vergangenheit“ zwar eine Prämisse, die ständig nach psychologischer Spannung ruft, behandelt sie aber zunehmend wie eine hübsch verpackte Ermittlungsaufgabe. Louise sucht nach ihrer Vergangenheit, spricht mit Menschen aus ihrem früheren Leben, sammelt Hinweise und setzt langsam zusammen, was geschehen ist. Das funktioniert als Handlung durchaus ordentlich. Das Problem liegt woanders. Topsøe-Rothenborg scheint vergessen zu haben, dass ihre Hauptfigur keine Ermittlerin ist. Sie ist eine Frau, die ihr eigenes Leben nicht kennt. Eine Mutter, ohne Erinnerung an ihr Kind. Eine Ehefrau, die ihren Mann nicht wiedererkennt und einen anderen liebt. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Ein Ermittler kann einen alten Brief finden und daraus eine Spur entwickeln. Louise müsste in einem solchen Brief möglicherweise auch einen Teil ihrer eigenen Identität finden. Ein Ermittler kann einem Verdächtigen misstrauen. Louise muss sich fragen, ob sie gerade einem Fremden misstraut oder einem Menschen, den sie eigentlich seit Jahren lieben müsste. Genau dort hätte das Netflix Original seine eigentliche Spannung entwickeln können: nicht in der Frage, welcher Hinweis als Nächstes auftaucht, sondern in der viel unangenehmeren Frage, was ein Mensch überhaupt noch für wahr halten kann, wenn sein eigenes Gedächtnis als Zeuge ausfällt. So verkommt die anfängliche Identitätskrise zur konventionellen Verschwörungsgeschichte. Und damit wird die Ausgangsidee gewissermaßen überflüssig.

    Die Frau ohne Vergangenheit Netflix Film 2026
    Die Frau ohne Vergangenheit ©Netflix

    Auch inszenatorisch findet „Die Frau ohne Vergangenheit“ keinen Zugang zu dieser inneren Verunsicherung. Die norwegische Landschaft könnte für die Erzählung eigentlich ein Geschenk sein: Insel, Meer, Distanz, fremde Gesichter, eine überschaubare Gemeinschaft und das Gefühl, dass man nirgendwohin verschwinden kann, ohne dass irgendjemand davon weiß. Ein idealer Ort für einen Thriller über eine Frau, die nicht mehr weiß, wem sie glauben darf. Doch die Landschaft bleibt letztlich Landschaft. Was fehlt, ist das Gefühl, dass dieser Ort Louise langsam den Boden unter den Füßen wegzieht. Dass die Weite nicht Freiheit bedeutet, sondern Isolation. Dass das Meer nicht beruhigt, sondern trennt. Dass ein Haus, das eigentlich Geborgenheit versprechen sollte, plötzlich wie ein Raum voller fremder Erinnerungen wirkt. Stattdessen erzählt Topsøe-Rothenborg erstaunlich nüchtern. „Die Frau ohne Vergangenheit“ schaut auf seine Geschichte, als wolle er bloß nicht zu viel Unruhe verursachen. Selbst dort, wo eigentlich Misstrauen, Beklemmung oder emotionale Verwerfungen entstehen müssten, bleibt vieles auffallend glatt. Man bekommt Informationen. Man bekommt neue Informationen. Dann noch ein paar Informationen. Dabei wäre gerade die emotionale Unordnung hier so wichtig gewesen. Louise müsste nicht permanent schreien oder zusammenbrechen. Im Gegenteil. Ein psychologischer Thriller kann viel beunruhigender sein, wenn eine Figur äußerlich ruhig bleibt und innerlich langsam merkt, dass sämtliche Gewissheiten brüchig werden. „Die Frau ohne Vergangenheit“ bleibt jedoch lieber auf sicherem Boden. Hätte Hollywood diese Geschichte produziert, nicht als großen Kinofilm, sondern als mittelgroßen Streaming-Thriller, in dem ein halbwegs bekannter Name zwischen zwei größeren Projekten noch schnell ein bisschen Geld verdienen darf, hätte man vermutlich genau gewusst, was einen erwartet. Ein paar kräftige Wendungen. Dunklere Bilder. Mehr Tempo. Musik, die bereits drei Sekunden vor der Gefahr verrät, dass jetzt gleich etwas passieren wird. Und natürlich irgendeine bedeutungsschwere Stimme aus dem Off, die erklärt: „Du weißt nicht, wer du wirklich bist.“ Kitschig. Berechenbar. Aber vermutlich spannender. Denn manchmal ist eine klare Entscheidung für den klassischen Thriller tatsächlich ehrlicher als der Versuch, gleichzeitig psychologisch anspruchsvoll, atmosphärisch zurückhaltend und möglichst leicht konsumierbar zu sein. „Die Frau ohne Vergangenheit“ steht irgendwann genau zwischen diesen Stühlen. Für ein psychologisches Thrillerdrama bleibt er zu oberflächlich. Für einen klassischen Spannungsfilm fehlt ihm der Biss. Und so bekommt das Ganze diesen eigentümlichen Charakter eines öffentlich-rechtlichen Sonntagabend-Thrillers. Nicht, weil hier tatsächlich plötzlich der „Tatort“ auf norwegisch gedreht worden wäre. Sondern weil Netflix die eigene Unheimlichkeit ständig auf Zimmerlautstärke herunterregelt. Am Ende ist „Die Frau ohne Vergangenheit“ also wirklich wie ein Fotoalbum. Man kennt die Bilder. Man kennt die Geschichte. Man weiß bei jedem Umblättern ganz genau, welches Motiv als Nächstes kommt, weil man diese Art von Thriller schon dutzende Male gesehen hat. Nur: Das Album holt man irgendwann gerne wieder raus. Diesen Film nicht.

    Die Frau ohne Vergangenheit Netflix Film 2026
    Die Frau ohne Vergangenheit ©Netflix

    Fazit

    „Die Frau ohne Vergangenheit“ hat eine Figur, die sich selbst fremd geworden ist, und macht daraus einen Menschen, der einen Fall lösen muss. Was als psychologischer Thriller hätte funktionieren können, entwickelt sich so schnell zum gepflegten Sonntagabend-Krimi. Viel Vergangenheit, viele Fragen, wenig Thrill. 

    Bewertung: 1.5 von 5.
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    ,
  • Mutiny | Film – Kritik: FSK-18-Action mit Jason Statham

    Mutiny

    TitelMutiny
    Genre Action
    Jahr2026
    FSK18
    RegieJean-François Richet

    Kinostart: 27.08.2026

    Jason Statham: Kein Schauspieler, ein ganzes Genre!

    Es gibt Schauspieler, die einen Film prägen. Und es gibt Jason Statham. Bei ihm reicht inzwischen die Besetzungsliste als Inhaltsangabe: Statham ist da, irgendwo gibt es Männer mit schlechten Absichten, und irgendjemand wird gleich sehr unangenehm mit einem Werkzeug Bekanntschaft machen. Seit „The Transporter“ hat sich daraus ein erstaunlich stabiles Modell entwickelt. Statham spielt ehemalige Soldaten, Agenten, Polizisten, Bodyguards oder Männer mit einer Vergangenheit, die sich vorzugsweise mit Schusswaffen und gebrochenen Nasen aufarbeiten lässt. Die Namen wechseln. Das Prinzip bleibt. Inzwischen könnte man deshalb tatsächlich vom eigenen „Statham-Genre“ sprechen und von einer Art Ein-Mann-Franchise. „Mutiny“ passt ziemlich genau in diese Schublade – und stellt zugleich die interessante Frage, wie viel Variation eine solche Formel überhaupt noch braucht. Jason Statham spielt Cole Reed, einen ehemaligen Special-Forces-Soldaten, der inzwischen als Bodyguard für den thailändischen Milliardär Tibu arbeitet. Als Tibu bei einem Mordanschlag getötet wird, gerät Reed selbst unter Verdacht. Er flieht, will den tatsächlichen Drahtziehern auf die Spur kommen und landet schließlich an Bord eines Frachters. Dort entdeckt er eine internationale Verschwörung und einen Menschenhandelsring. Aus der Suche nach dem Mörder seines Freundes wird damit ein persönlicher Rachefeldzug auf hoher See.

    Binge & Booze Podcast

    „Mutiny“ setzt auf die typische Statham-Formel

    Der Frachter ist auch in „Mutiny“ wieder eine ziemlich typischsche Statham-Spielwiese. Enge Gänge, Container, Maschinenräume, Decks und jede Menge Gegenstände, die sich im richtigen Moment als improvisierte Waffen eignen. Das Prinzip erinnert an „Under Siege“ oder die alte „Die Hard“-Formel: ein einzelner Mann, ein begrenzter Schauplatz, eine Übermacht und möglichst wenig Anlass, irgendwo gemütlich sitzen zu bleiben. Hinter „Mutiny“ steht Jean-François Richet, der bereits mit „Plane“ einen Actionfilm auf engem Raum inszenierte. Dort musste Gerard Butler nach einer Notlandung auf einer abgelegenen Insel ums Überleben kämpfen; diesmal bekommt Richet einen Frachter und Statham. Die Presse sieht darin eine gewisse Linie: Richet beherrscht solide, körperliche Action, bewegt sich aber auffällig gern in Geschichten, deren Grundgerüst schon mehrfach im Kino herumstand.

    Mutiny Film 2026
    Mutiny ©Leonine

    Spannend ist auch die Produktionsgröße. „Mutiny“ ist kein 200-Millionen-Dollar-Blockbuster, sondern gehört zum immer wichtiger werdenden Mid-Budget-Actionkino. Der Film muss keine Stadt dem Erdboden gleichmachen und keine digitale Armee losschicken. Ein Frachter genügt. Ein Star genügt. Dazu ordentlich Stuntarbeit – und schon kann aus überschaubaren Mitteln ein international vermarktbarer Actionfilm werden. Statham produziert „Mutiny“ zudem selbst; es ist die erste Produktion seiner eigenen Firma Punch Palace Productions. Genau darin liegt der Reiz dieses Films – und möglicherweise auch sein Problem. „Mutiny“ muss erst einmal gar nicht beweisen, dass Jason Statham einen Jason-Statham-Film tragen kann. Das ist längst geklärt. Interessanter ist, was darüber hinaus übrig bleibt. Wie gut Richet diese vertraute Maschine in Gang bekommt, wie viel Eigenständigkeit „Mutiny“ tatsächlich besitzt und ob der nächste Statham-Ausflug aufs Meer mehr ist als „The Stath“ gegen die Mannschaft eines Frachters, zeigt unsere Videokritik.

    Amazon Prime Video
  • The Last Sunrise | Amazon Film – Kritik: Große Gefühle auf Prime Video?

    The Last Sunrise

    TitelThe Last Sunrise
    Genre Romanze
    Jahr2026
    FSK12
    RegieCarlson Young

    Starttermin: 26.08.2026 | Prime Video

    Amazon macht aus „Lebe jeden Tag“ eine Geschichte

    Es gibt Ratschläge, die werden so oft wiederholt, dass sie irgendwann den Weg vom Lebensweisheitenspruch zum Wandtattoo antreten. „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ gehört ganz weit nach oben auf diese Liste und macht sich hervorragend neben dem Cappuccino-Schriftzug über der Küchenzeile. Ein Satz für Kalenderblätter, Instagram-Posts und Menschen, die beim Sonnenuntergang am Strand gerne #blessed unter ein Foto schreiben. Klingt wunderbar. Ist aber auch erstaunlich unpraktisch. Wer wirklich jeden Tag behandelt, als wäre morgen Schluss, müsste schließlich ständig die Arbeit kündigen, das Konto plündern und mit einem Fallschirm aus dem Bürofenster springen. Auf Dauer eher schwierig. Und doch steckt hinter dem abgenutzten Spruch eine ziemlich plausible Wahrheit: Wir werden erst dann besonders aufmerksam für das Leben, wenn uns etwas daran erinnert, dass es nicht unendlich ist. Solange die Zukunft zuverlässig wie ein gut gefüllter Vorratsschrank vor uns steht, lässt sich wunderbar auf später verschieben, was heute eigentlich wichtig wäre. Die Reise. Die Liebe. Der Streit. Die Entscheidung. Das Leben selbst. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Für die Protagonistin von Amazons „The Last Sunrise“ Oriah „Ry“ Pera, gespielt von Maia Reficco, ist dieses Morgen allerdings keine Selbstverständlichkeit. Ry leidet an tuberöser Sklerose, einer seltenen genetischen Erkrankung, die unter anderem ihr Gehirn und ihre Nieren betrifft und bei ihr mit epileptischen Anfällen einhergeht. Die Krankheit bestimmt, wie sie lebt, was sie sich zutraut und wie sie über ihre eigene Zukunft denkt. Eine Operation könnte ihr Leben retten. Gleichzeitig besteht das Risiko, danach Erinnerungen und Teile ihrer Persönlichkeit zu verlieren. Für Ry ist die Entscheidung deshalb nicht einfach Leben oder Tod. Es geht um die unangenehmere Frage, was vom eigenen Leben eigentlich übrig bleibt, wenn man zwar weiterlebt, aber nicht mehr ganz der Mensch ist, der man vorher war. Das ist, vorsichtig formuliert, ziemlich viel Stoff für einen Film über einen Sommer auf Mallorca.

    The Last Sunrise Amazon Prime Video Film 2026
    The Last Sunrise ©Amazon MGM Studios

    Wer nun allerdings auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterblichkeit und der Frage wartet, wie ein junger Mensch mit einer Zukunft umgeht, die sich nicht einfach bis zum Renteneintritt durchplanen lässt, dürfte relativ schnell feststellen, dass „The Last Sunrise“ andere Prioritäten hat. Carlson Young, der hier Regie führt, hat bereits in früheren Arbeiten ein recht gutes Gespür dafür bewiesen, wie man schöne Menschen in schöne Umgebungen stellt und alles, was darunter an Konflikten, Problemen und echten Gefühlen lauert, möglichst tief unter einer glänzenden Oberfläche verschwinden lässt. „First Class“ lässt grüßen. Denn auch in seinem jüngsten, direkt für Amazon Prime Video produzierten Werk bleibt die Kamera lieber dort, wo das Licht gut aussieht. Das Meer glitzert, die Sonne scheint, Mallorca sieht aus wie Mallorca in einem Reisekatalog, der niemals einen schlechten Tag gebucht hat. Ry wird von ihrer Mutter Isolde, gespielt von Eva Longoria, nach Mallorca mitgenommen. Eigentlich soll sie dort vor allem behütet werden. Stattdessen trifft sie auf Julián García, verkörpert von Fernando Lindez, einen jungen Fischer und Einheimischen, der zunächst ungefähr so sympathisch wirkt, wie junge Männer in romantischen Filmen eben wirken müssen, bevor das Drehbuch beschließt, dass sie jetzt doch die große Liebe sind. Er ist ein bisschen frech, ein bisschen widerspenstig, sieht gut aus – so sagt man zumindest – und besitzt selbstverständlich genau die richtige Menge an Eigenwillen, damit die beiden nicht einfach fünf Minuten miteinander reden und danach feststellen, dass sie eigentlich nichts verbindet. Natürlich verlieben sie sich. Und zwar so schnell, dass die Romanze gar nicht erst in die unangenehme Situation kommt, tatsächlich eine Beziehung entwickeln zu müssen. Chemie wäre dafür hilfreich gewesen. Persönlichkeit ebenfalls. Beides bleibt überschaubar. Ry und Julián verbringen Zeit miteinander, sehen gut dabei aus – so sagt man es ihnen weiterhin nach – und bekommen vom Drehbuch regelmäßig mitgeteilt, dass sie füreinander bestimmt sind. Man glaubt es nur leider nicht.

    Filmpodcast

    „The Last Sunrise“ und die große Checkliste

    Ein Mensch, der tatsächlich das Gefühl hat, seine Zeit sei begrenzt, müsste Liebe anders erleben als jemand, der davon ausgeht, dass ihm noch sechzig Jahre für sämtliche Fehlentscheidungen zur Verfügung stehen. Was bedeutet Nähe, wenn Zukunft plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist? Was macht man mit einem Menschen, in den man sich verliebt, wenn man gleichzeitig weiß, dass der eigene Körper einem jederzeit einen Strich durch die Rechnung machen kann? „The Last Sunrise“ stellt diese Fragen zwar gelegentlich in den Raum. Es lässt sie dort aber auch ziemlich bequem stehen. Denn Ry soll lernen, endlich am Leben teilzunehmen. Das wird behauptet. Sie soll spontaner werden, Risiken eingehen, nicht mehr jede Entscheidung von ihrer Krankheit bestimmen lassen. Auch das wird behauptet. Nur sieht man davon erstaunlich wenig, das über die üblichen Verrichtungen einer romantischen Sommergeschichte hinausgeht. Sie geht an den Strand. Sie verliebt sich. Sie erlebt ein paar Abenteuer. Sie hat Sex. Sie gerät in Gefahr. Irgendwann verschlechtert sich ihr Zustand. Das ist kein Wandel. Das ist eine Checkliste. Und weil das Drehbuch offenbar keine besondere Lust verspürt, aus der Krankheit ein richtiges Drama, aus Ry eine richtige Figur und aus einem Urlaubsflirt eine glaubwürdige Liebe zu machen, werden einfach noch ein paar weitere Zutaten aus dem Young-Adult-Regal darübergestreut. Sicher ist sicher. Natürlich ist Julián ausgerechnet der Sohn von Mateo García, dessen Familie wirtschaftlich von einem Immobilienprojekt bedroht wird. Und natürlich gehört das Unternehmen, das dieses Projekt vorantreibt, ausgerechnet Rys Mutter. Natürlich waren Isolde und Mateo in ihrer Jugend einmal ein Paar, weil eine normale Geschäftsbeziehung offenbar nicht genug Konfliktpotenzial besitzt. Natürlich hat auch Julián seine eigenen Probleme, während gleichzeitig ein Finanzhai Druck auf ihn und seine Familie ausübt. Und natürlich gerät irgendwann auch Ry ins Fadenkreuz. Die Konflikte sind da – nur leider nur deshalb, weil sie da sein müssen.

    The Last Sunrise ©Amazon MGM Studios Film 2026 Prime Video
    The Last Sunrise ©Amazon MGM Studios

    So zieht die Geschichte ein Klischee nach dem anderen aus der Schublade, als hätte jemand vor Drehbeginn eine Liste mit Genrebausteinen abgearbeitet: verbotene Liebe, reiche Mutter, armer Einheimischer, alte Jugendliebe, Familiengeheimnis, Immobilienkonflikt, Krankheit, Gefahr, Selbstfindung. Man wartet fast darauf, dass noch ein verlorener Hund auftaucht, damit wirklich jeder Eintrag abgehakt werden kann. Amazon kratzt alles ein wenig an – und schaut dann doch wieder lieber aufs azurblaue Mittelmeer. Das ist schließlich der eigentliche Star von „The Last Sunrise“. Mallorca bekommt hier eine Behandlung, wie man sie aus Hochglanzwerbung kennt: warmes Licht, türkisfarbenes Wasser, hübsche Buchten, Sonnenuntergänge, nackte Füße im Sand und eine Insel, die jederzeit so aussieht, als hätte sie gerade eine Kooperation mit einer Luxus-Hotelkette unterschrieben. Das ist hübsch. Wirklich hübsch. Nur ist Schönheit noch keine Atmosphäre. Mallorca wird so zur Projektionsfläche der US-amerikanischen Vorstellung des mediterranen Europas. Als müsste eine Insel, sobald sie auf Prime Video auftaucht, automatisch für Freiheit, Sinnlichkeit und ein bisschen verlorene Lebenszeit stehen. Die tatsächliche Insel mit ihren Widersprüchen, ihrer Geschichte und ihrem Alltag bleibt dagegen weitgehend draußen. Der Konflikt um die Immobilienentwicklung deutet zwar an, dass es ihn gibt, aber selbst daraus entsteht keine echte Auseinandersetzung. Das Thema ist vorhanden, weil es zur Geschichte gehört. Nicht, weil der Film etwas darüber zu erzählen hätte. Und so wird ausgerechnet der Ort, an dem Ry angeblich zum ersten Mal wirklich lebt, zum leblosesten Bestandteil einer austauschbaren Geschichte.

    The Last Sunrise Amazon Prime Video Film 2026
    The Last Sunrise ©Amazon MGM Studios

    Prime Video verpasst den letzten Sonnenaufgang

    Das ist besonders ironisch, weil der vom Titel implizierte Sonnenaufgang eigentlich ein ziemlich passendes, wenngleich ausgelutschtes Bild bereithält. Ein Sonnenaufgang ist der Beginn von etwas. Ein neuer Tag, ein neuer Versuch, eine neue Möglichkeit. Für Ry müsste das eine enorme Bedeutung haben. Wenn man tatsächlich mit einer Krankheit lebt, die einem die eigene Zukunft ständig vor Augen führt, bekommt ein gewöhnlicher Morgen schließlich ein anderes Gewicht. Nur muss ein Film dieses Gewicht auch spürbar machen. „The Last Sunrise“ tut das nicht. Der Sonnenaufgang bleibt schön anzusehen, die Krankheit eine tragische Hintergrundinformation und die Liebe Behauptung. Gerade in den kleinen Übergängen hätte der Film zeigen können, was diese begrenzte Zeit mit Ry macht. Nicht in großen Monologen oder dramatischen Zusammenbrüchen, sondern dort, wo plötzlich eine Sekunde länger dauert, weil sie womöglich nicht selbstverständlich wiederkommt. Doch Young lässt kaum einen Moment stehen. Szenen werden auf ihre Funktion reduziert, Gefühle bekommen ihren Einsatz und werden anschließend wieder abgeräumt, damit die Handlung zum nächsten Programmpunkt weiterziehen kann. Selbst Entscheidungen, die für sie eigentlich existenziell sein müssten, besitzen ungefähr dieselbe dramaturgische Halbwertszeit wie die Frage, an welchem Strand man den Nachmittag verbringt. Vielleicht wäre genau hier weniger tatsächlich mehr gewesen. Weniger Konflikte, weniger Nebenhandlungen, weniger Mechanik – und dafür ein paar Augenblicke, in denen Ry einfach existieren darf, ohne dass sofort das nächste Drehbuchsignal ertönt. Denn ein kostbarer Moment wird nicht dadurch kostbar, dass jemand ihn im Dialog dazu erklärt. Carlson Young verwechselt oberflächliche Schönheit mit tiefgreifenden Gefühlen. Er zeigt uns, wie ein Leben aussehen könnte, in dem jeder Tag kostbar ist, statt uns spüren zu lassen, warum er es für Ry tatsächlich sein sollte. Und vielleicht ist das die bitterste Pointe an einem Film, der „The Last Sunrise“ heißt: Man wartet die ganze Zeit darauf, dass endlich etwas beginnt. 

    The Last Sunrise Amazon Prime Video Film 2026
    The Last Sunrise ©Amazon MGM Studios

    Fazit

    „The Last Sunrise“ möchte unbedingt schön aussehen. Doch selbst diese Ästhetik bleibt rein oberflächlich. Mallorca glänzt, die Bilder sind makellos, die Farben satt – aber der Inszenierung fehlt ein eigenes Gesicht. Es ist Hochglanz ohne Seele; eine Kulisse, die mediterranes Lebensgefühl bloß behauptet, anstatt es spürbar zu machen. Wenn schon die Atmosphäre so steril bleibt, wie sollen dann erst eine Romanze oder das schwere Thema einer Krankheit emotional funktionieren?

    Bewertung: 1.5 von 5.
    Amazon Prime Video
  • Protector | Amazon Film – Kritik: Prime Video schickt eine Mutter auf die Jagd

    Protector

    TitelProtector
    Genre Action, Thriller
    Jahr2025
    FSK16
    RegieAdrian Grunberg

    Starttermin: 26.08.2026 | Prime Video

    Härter als Liam Neeson? Milla Jovovich schießt sich durch Prime Video

    Es gibt im Actionkino eine ziemlich zuverlässige Methode, aus einem durchschnittlichen Menschen eine hocheffiziente Tötungsmaschine zu machen: Man nehme ein Kind, lasse es verschwinden und gebe dem zurückgelassenen Elternteil anschließend eine möglichst große Auswahl an Schusswaffen. Schon transformiert sich eine Familiengeschichte in einen blutigen Rachefeldzug. Der moralische Kompass darf dabei getrost zu Hause bleiben. Schließlich geht es um das eigene Kind. Spätestens Liam Neeson hat dieses Prinzip mit „96 Hours – Taken“ zum Naturgesetz gemacht. Ein paar Telefonate, eine entführte Tochter und schon mutierte der besorgte Vater zum internationalen Problemlöser, der selbst den mächtigsten Menschenhändlerring mit der Konsequenz einer Naturgewalt zerlegte. Seitdem geht es eigentlich Schlag auf Schlag. In „Peppermint“ wurde aus einer Mutter eine Ein-Frau-Rachearmee, in „Silent Night – Stumme Rache“ aus einem Vater eine wortlose Tötungsmaschine und in „The Retirement Plan“ selbst aus dem scheinbar harmlosen Opa eine wandelnde Nahkampfwaffe. Das Muster ist dabei immer dasselbe: Elternliebe wird zur moralischen Generalvollmacht. Was unter normalen Umständen als bedenklich, brutal oder schlicht strafbar gelten würde, bekommt plötzlich einen Heiligenschein, sobald irgendwo ein Kinderfoto auf dem Nachttisch liegt. Folter als verständliche Konsequenz. Mord als unangenehmes, aber nachvollziehbares Werkzeug. Man muss schließlich Prioritäten setzen. Hollywood hat die Elternliebe damit längst zur ultimativen Action-Superkraft erklärt. Und „Protector“ treibt dieses Prinzip auf Amazon Prime Video nun konsequent weiter, indem eine Liam Neeson-eske Vaterfigur kurzerhand durch eine nicht weniger entschlossene Mutter ersetzt wird. Nicht irgendeine Mutter allerdings, sondern Nikki Halsted, gespielt von Milla Jovovich, die neben ihrem Beschützerinstinkt auch noch eine Vergangenheit als Elitesoldatin mitbringt. Die Waffe ist bereits geladen. Es fehlt nur noch der Grund, sie abzufeuern.

    Protector Amazon Prime Video Film 2025
    Protector ©Magenta Light Studios / 828 Productions

    Und den liefert „Protector“ ziemlich schnell. Nikki hat einen beträchtlichen Teil ihres Lebens im Dienst der US-Armee verbracht und dabei mehr Zeit im Krieg als bei ihrer Tochter Chloe, gespielt von Isabel Myers, verbracht. Nach dem Tod ihres Mannes versucht sie deshalb, die verlorenen Jahre nachzuholen und mit der inzwischen sechzehnjährigen Chloe so etwas wie ein normales Familienleben aufzubauen. Ein schwieriges Unterfangen, denn zwischen einer Mutter, die ihre Tochter beschützen möchte, und einer Jugendlichen, die lieber ihr eigenes Leben lebt, liegen naturgemäß ein paar Welten. Als Chloe an ihrem Geburtstag mit Freunden ausgeht, gerät sie allerdings an Ben Blaine, der Teil eines Menschenhändlerrings ist. Das Mädchen wird unter Drogen gesetzt und verschleppt. Für Nikki ist damit Schluss mit Familienversöhnung, vorsichtigem Annähern und allen anderen zivilisierten Formen der Problemlösung. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Tochter und stößt dabei auf eine Organisation, die deutlich größer ist als ein gewöhnlicher Entführerring. Und weil eine ehemalige Elitesoldatin natürlich nicht einfach nur ermitteln kann, beginnt bald das, was das Genre eben verlangt, sobald eine Mutter ihr Kind verliert: Menschen sterben. Nikki arbeitet sich durch die Strukturen des Syndikats, während Polizei und Militär Jagd auf sie machen. Denn ihre Vergangenheit hat sie noch lange nicht hinter sich gelassen. Die Tochter muss zurück. Der Rest ist Kollateralschaden.

    Filmpodcast

    „96 Hours“ mit Mutterinstinkt – aber ohne roten Faden

    Militär bedeutet, Leben zu nehmen. Mutter sein heißt, Leben zu schenken. Nikki kennt beides – und mehr, so scheint zumindest das Drehbuch zu glauben, müssen wir über sie auch nicht wissen. Adrian Grunberg, der nach „Rambo: Last Blood“ und „The Black Demon“ erneut ein ziemlich grobmotorisches Verhältnis zur Dramaturgie pflegt, reduziert seine Hauptfigur auf zwei Etiketten: Soldatin. Mutter. Dazwischen herrscht erstaunlich viel Leerstand. Was Nikki denkt, was sie außer Schuldgefühlen, Beschützerinstinkt und militärischer Konditionierung eigentlich ausmacht, bleibt weitgehend ausgespart. Das wäre bei einem kompromisslosen B-Film nicht automatisch ein Problem. Figuren müssen nicht immer seziert werden, bis nur noch Psychologieprotokoll übrig ist. Aber „Protector“ möchte immer wieder so tun, als würde unter seiner Patronenhülsenoberfläche ein ernsthaftes Mutter-Tochter-Drama schlagen. Genau dafür fehlt ihm dann jedoch das Material. Er behauptet Nähe, wo vorher kaum Beziehung aufgebaut wurde, beschwört Reue, wo keine Vergangenheit spürbar geworden ist, und verlangt emotionale Beteiligung an einer Bindung, die vor allem aus Drehbuchinformationen besteht. Dazu passt, dass auch Milla Jovovich für diese Art von Zwischenton nicht unbedingt die Idealbesetzung ist. Körperlichkeit kann sie, Härte sowieso. Wenn sie mit eingefrorenem Blick durch einen Raum geht, eine Waffe hebt oder den nächsten Gegner wie ein logistisches Problem behandelt, funktioniert das. Sobald „Protector“ jedoch in den Bereich innerer Zerrissenheit vordringen will, wird es dünn. Jovovich spielt Nikki nicht schlecht, weil sie zu wenig tut, sondern weil bei ihr emotional fast alles auf derselben Frequenz liegt: angespannt, grimmig, noch angespannter. Ihre Figur trägt Trauer, Schuld, Wut und Mutterliebe mit ungefähr derselben Gesichtsmuskulatur. Das mag zu einer Soldatin passen, die gelernt hat, Gefühle wegzusperren; der Film gibt diesem möglichen Gedanken aber keinerlei Form. Also bleibt am Ende weniger kontrollierte Verhärtung als schlichte Ausdrucksarmut. Ein Problem, das umso stärker auffällt, weil „Protector“ seine Hauptfigur fast permanent ins Zentrum stellt und von ihr verlangt, einen Film zu tragen, der ihr selbst kaum etwas zum Spielen gibt.

    Protector Amazon Prime Video Film 2025
    Protector ©Magenta Light Studios / 828 Productions

    Auch der Beginn wirkt, als hätte das Drehbuch keine Lust, seine Voraussetzungen glaubhaft einzurichten und würde stattdessen möglichst schnell zur nächsten roten Markierung auf dem Plotplan springen. Chloe will an ihrem Geburtstag raus, Nikki klammert, die Tochter widerspricht – und wenige Minuten später ist sie verschwunden. Dass eine Mutter, die einen beträchtlichen Teil der Kindheit ihrer Tochter abwesend war, nun mit beinahe panischer Konsequenz jede Bewegung kontrolliert, könnte eine interessante Spannung ergeben. „Protector“ nutzt sie nicht. Er setzt sie einfach voraus. Ebenso mechanisch funktioniert die Entführung selbst. Ein Menschenhändlerring operiert in einer öffentlichen Bar in den USA, setzt eine Minderjährige unter Drogen und verschleppt sie mit einer Beiläufigkeit, als würde hier ein falsch geparkter Mietwagen abgeschleppt. Natürlich darf ein Thriller Zufälle, Zuspitzungen und Genreabkürzungen benutzen. „Taken – 96 Hours“ war schließlich auch kein sozialrealistisches Protokoll internationaler Kriminalität. Aber dessen Mechanik besaß wenigstens eine innere Logik. Man wusste, wer wen sucht, warum eine Spur zur nächsten führt und welche Konsequenz sich daraus ergibt. „Protector“ reiht dagegen Handlungssplitter aneinander und hofft, Geschwindigkeit könne Kausalität ersetzen. Besonders deutlich wird das im Voice-over, das wie ein notdürftig verlegtes Verlängerungskabel durch das Amazon Exclusive läuft. Immer wenn die Handlung etwas erklären, eine Figur vertiefen oder schlicht einen sauberen Übergang bauen müsste, meldet sich die Stimme aus dem Off und verteilt Hintergrundinformationen, Plattitüden oder Pseudoweisheiten. Dann wird über Leben und Tod, Krieg und Mutterschaft, Schuld und Schutz gesprochen, als hätte jemand Kalendersprüche für Menschen mit Sturmgewehr gesammelt. Das Voice-over erzählt uns, wie Nikki sich fühlt, weil der Film keine Szene findet, in der wir es selbst erkennen könnten. Es erklärt Vergangenheit, weil diese in der Gegenwart nicht sichtbar wird. Und es klebt einzelne Fragmente zusammen, die ohne Kommentar noch deutlicher als Fragmente auffallen würden. Man könnte das schnörkellos nennen. Tatsächlich ist es häufig einfach erzählerisch bequem.

    Protector Amazon Prime Video Film 2025
    Protector ©Magenta Light Studios / 828 Productions

    Bei aller Mutterliebe: Das war nichts, Amazon!

    Diese Bequemlichkeit zieht sich auch durch die Action. Wenn sie einsetzt, wird „Protector“ immerhin ehrlicher. Dann hört der Film kurz auf, Tiefe zu simulieren, und macht das, was er tatsächlich kann: Körper aufeinanderprallen lassen. Die Gewalt kommt knapp, hart und mit einer gewissen Schmutzigkeit. Das hat seine Momente. Nur entsteht daraus noch keine gute Action. Menschen betreten Szenen, damit Nikki sie erledigen kann. Manche früher, manche später. Wer wann wie stirbt, ist dabei erstaunlich egal, weil der Film nie das Gefühl erzeugt, dass diese Menschen außerhalb ihrer Funktion als Zielscheibe existieren. Genau hier liegt das eigentliche Problem von „Protector“: Der Film behauptet permanent maximale emotionale Dringlichkeit und hält die Zuschauerschaft trotzdem auf Abstand. Chloe ist entführt, Nikki verzweifelt, die Zeit läuft – theoretisch müsste das ein Selbstläufer sein. Praktisch bleibt vieles merkwürdig unberührt. „Protector“ möchte Entführungsthriller, Mutter-Tochter-Drama, Militärverschwörung und Racheaction gleichzeitig sein, doch nichts davon bekommt Raum, um wirklich Gewicht zu entwickeln. So entsteht ein Film, der erstaunlich viel behauptet und erstaunlich wenig erzählt. Milla Jovovich darf schießen, schlagen und grimmig schauen, Adrian Grunberg Männer in relativ kurzer Taktung zu Boden schicken, und „Protector“ darf sich für knapp anderthalb Stunden einbilden, irgendwo zwischen „96 Hours – Taken“ und spätem Stallone-Kino seinen Platz gefunden zu haben. Hat er nicht. Dafür fehlen ihm Figuren, Spannung, Ideen und vor allem eine Geschichte, die mehr ist als die Summe ihrer Leichen.

    Protector Amazon Prime Video Film 2025
    Protector ©Magenta Light Studios / 828 Productions

    Fazit

    „Protector“ hat durchaus verstanden, warum dieses Rachekino seit „96 Hours – Taken“ so zuverlässig funktioniert: Man nimmt einem Elternteil das Kind, gibt ihm anschließend genügend Waffen und lässt die Moral dort zurück, wo sie ohnehin nur im Weg stehen würde. Nur reicht das allein eben nicht mehr. Zwischen den stakkatoartig verstreuten Schusswechseln klafft ein erzählerisches Vakuum, das auch das permanente Voice-over nicht zukleistern kann. Was bleibt, ist eine erstaunlich schematische Rachegeschichte, deren Figuren kaum über ihre Funktion im nächsten Handlungsschritt hinauskommen.

    Bewertung: 1 von 5.
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