Animals
| Titel | Animals |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Regie | Ben Affleck |
Starttermin: 09.10.2026 | Netflix
Netflix lässt in „Animals“ die politischen Masken fallen
Wahlkampf ist ein gigantisches Theaterstück. Es gibt aufwändig gestaltete Kulissen, sorgfältig einstudierte Choreografien und eine Beleuchtung, die selbst das Gewöhnlichste noch ein wenig schöner aussehen lässt. Wer im Publikum sitzt, sieht engagierte Menschen, große Versprechen und eine Zukunft, die unbedingt besser werden soll. Hinter der Bühne stehen derweil die Stative, verlaufen Kabel über den Boden und halten ein paar unscheinbare Holzstreben die ganze schöne Pappwelt zusammen. Entscheidend ist schließlich, dass niemand von der falschen Seite darauf schaut. Es ist eine Frage des Geldes, der Inszenierung und eines guten Drehbuchs. Was hinter den Kulissen geschieht, interessiert die Öffentlichkeit meistens erst, wenn jemand versehentlich den Vorhang aufzieht. Genau dort setzt Ben Afflecks Netflix–Thriller „Animals“ an. Hinter der sorgfältig gepflegten Fassade eines aufstrebenden Bürgermeisterkandidaten verbirgt sich eine Familiengeschichte, die mit dem politischen Schauspiel längst mehr gemein hat, als ihren Beteiligten lieb sein dürfte. Als plötzlich ein Kind entführt wird, steht allerdings weit mehr auf dem Spiel als die nächste Wahl. Und ausgerechnet ein Mann, der sich seinen guten Ruf mit moralischen Überzeugungen erarbeitet hat, muss entscheiden, wie viel diese noch wert sind, wenn es wirklich darauf ankommt.

Mark Kimball (Ben Affleck) kandidiert für das Bürgermeisteramt von Los Angeles. Ein charismatischer, engagierter Mann mit durchaus ehrlichen Ambitionen, der seine Stadt verändern möchte und sich selbst dann noch schwer mit den üblichen Wahlkampfspielchen tut, wenn sie ihm zum Sieg verhelfen könnten. In den Umfragen fehlen ihm vor allem Stimmen aus der lateinamerikanischen Community. Sein Wahlkampfmanager Sam (Steven Yeun) drängt deshalb auf zusätzliche Investitionen, für die Mark inzwischen sogar sein Familienvermögen aufs Spiel setzt. Ausgerechnet privat läuft es allerdings längst weniger vorbildlich. Seine Ehe mit Abigail (Kerry Washington) existiert vor allem noch für die Öffentlichkeit, während hinter verschlossenen Türen wenig von jener Zuneigung geblieben ist, die beide auf gemeinsamen Auftritten demonstrieren. Wie nebensächlich diese Probleme plötzlich werden, zeigt sich an Halloween. Als ihr Sohn Denny (Christopher Woodley) gemeinsam mit der Haushälterin Cecilia (Adriana Paz) und deren Sohn von Haus zu Haus zieht, erreicht Mark ein Anruf: Sein Kind wurde entführt. Sieben Millionen Dollar fordern die Täter, sonst wird Denny sterben. Dumm nur, dass Mark sein Geld bereits in den Wahlkampf gesteckt hat. Also muss er auf andere Möglichkeiten zurückgreifen. Sein Wahlkampfmanager bringt die zwielichtige Dayle Burton (Gillian Anderson) ins Spiel, eine Frau, die Probleme gegen entsprechende Bezahlung beseitigt und dabei auf gesellschaftliche Konventionen herzlich wenig Rücksicht nimmt. Plötzlich wird aus dem Saubermann ein verzweifelter Vater, für den selbst die schmutzigsten Mittel infrage kommen.

Wenn die Spannung schneller verschwindet als das Lösegeld
Bevor es um Netflix‘ „Animals“ selbst geht, lohnt sich allerdings ein Blick auf seine ungewöhnliche Produktionsgeschichte. Affleck hatte den Thriller bereits vor einigen Jahren in Vorbereitung, Matt Damon sollte ursprünglich die Hauptrolle übernehmen. Kurz vor Drehbeginn erfuhr der Regisseur dann von Spike Lees „Highest 2 Lowest“ mit Denzel Washington, der nicht nur eine auffällig ähnliche Ausgangssituation, sondern auch denselben entscheidenden Handlungstwist bereithält. Affleck legte das Projekt zunächst auf Eis, ehe er es später wieder aufgriff und schließlich selbst die Hauptrolle übernahm. Seiner Darstellung zufolge entstanden beide Drehbücher unabhängig voneinander. Wer Lees Film gesehen hat, dürfte bei „Animals“ trotzdem ein ausgesprochen hartnäckiges Déjà-vu erleben. Dass die Geschichte bereits in Akira Kurosawas Klassiker „High and Low“ von 1963 ihren Ursprung hat, macht die Sache nicht gerade origineller. Letztlich spielt es aber kaum eine Rolle, welche der vorherigen Varianten bekannt ist. Denn was Affleck hier inszeniert, bewegt sich ohnehin durch das erstaunlich überschaubare Einmaleins des Entführungsthrillers. Dabei hat ausgerechnet dieser Regisseur mit „Gone Baby Gone“, „The Town“ und „Argo“ längst bewiesen, wie viel Spannung, menschliche Ambivalenz und erzählerische Wucht sich aus vergleichbaren Stoffen gewinnen lassen. Umso erstaunlicher ist es, wie lieblos und belanglos sein jüngstes Werk dagegen ausfällt. Man muss Afflecks bisherige Regiearbeiten nicht einmal besonders verehren, um von „Animals“ deutlich mehr zu erwarten.

Dabei beginnt die Geschichte durchaus solide. Affleck nimmt sich Zeit, seinen Protagonisten als beinahe unangenehm sympathischen Musterschüler politischer Integrität aufzubauen. Mark ist aufrichtig, verständnisvoll, engagiert und sieht dabei auch noch so aus, als würde er nach jeder Wahlkampfveranstaltung persönlich die Stühle zusammenklappen. Das hat durchaus Charme, wirkt allerdings schon früh derart glatt poliert, dass kaum etwas Menschliches darunter hervorschaut. Als die Situation schließlich eskaliert, gelingt Affleck immerhin eine bemerkenswert intensive Plansequenz, die den Kontrollverlust der Familie unmittelbar erfahrbar macht. Für einige Minuten entsteht tatsächlich jene Anspannung, die ein Entführungsthriller dringend benötigt. Doch dann kommt nach nicht einmal einer Dreiviertelstunde die entscheidende Wendung und mit ihr beginnt das große emotionale Desinteresse. Plötzlich sollen Menschen im Mittelpunkt stehen, über die zuvor kaum etwas erzählt wurde. Figuren werden wichtig, weil das Drehbuch ihre Bedeutung verlangt, nicht weil der Film eine Beziehung zu ihnen aufgebaut hätte. Gerade bei einer Geschichte, deren moralische Konflikte eigentlich davon leben müssten, dass fremdes Leid plötzlich zur persönlichen Angelegenheit wird, ist das ein gewaltiges Problem. Die gesellschaftlichen Fragen nach Wohlstand, Herkunft, politischer Verantwortung und menschlicher Solidarität werden zwar angesprochen, entwickeln aber kaum eine eigene Schärfe. Stattdessen verliert sich „Animals“ in vorhersehbaren Entscheidungen, angestrengten Ehekonflikten und einer Handlung, die mit zunehmender Laufzeit immer beliebiger wird. Handwerklich ist das ordentlich, visuell weitgehend unspektakulär und schauspielerisch trotz namhafter Besetzung erstaunlich wenig mitreißend. Gillian Anderson bringt als undurchsichtige Problemlöserin noch eine gewisse Unberechenbarkeit ins Geschehen – wirklich helfen kann sie dem Film allerdings auch nicht. Das eigentliche Problem bleibt die gewaltige emotionale Distanz zu nahezu allen Beteiligten. Und wenn einem irgendwann ziemlich egal ist, wie sich eine Entführung entwickelt, werden selbst knapp zwei Stunden verdammt lang.

Wenn die politische Schmutzwäsche plötzlich nach Heldentum riecht
Am merkwürdigsten wird „Animals“ allerdings dort, wo Affleck seine Geschichte wieder mit der politischen Inszenierung zusammenführen möchte. Denn eigentlich steckt darin ein ziemlich bissiger Gedanke: Es kommt in der Politik weniger darauf an, was tatsächlich geschehen ist, als darauf, welche Geschichte sich anschließend daraus erzählen lässt. Selbst moralisch fragwürdige Entscheidungen können im richtigen Licht plötzlich heldenhaft aussehen. Eine durchaus zynische Betrachtung jener öffentlichen Selbstinszenierung, mit der „Animals“ begonnen hat. Nur scheint der Netflix Film seiner eigenen Boshaftigkeit nicht recht zu vertrauen. Der zunehmend absurde Schlussakt gerät zu einer Mischung aus konstruiertem Heldenmut, familiärer Versöhnung und politischer Abrechnung, die sich gegenseitig erstaunlich zuverlässig die Wirkung nehmen. Einerseits soll deutlich werden, wie sich Wahrheit manipulieren und selbst moralisches Versagen noch in einen persönlichen Triumph verwandeln lässt. Andererseits wird das Geschehen mit einem derart versöhnlichen Pathos aufgeladen, dass sich die Frage aufdrängt, ob hier gerade politische Heuchelei entlarvt oder irgendwie doch noch gerechtfertigt werden soll. Vielleicht liegt darin sogar die bitterste Pointe: Dass eine gute Tat sämtliche schmutzigen Mittel entschuldigt, solange am Ende die richtige Geschichte darüber erzählt wird. Nur müsste ein Film diese Ambivalenz auch tatsächlich aushalten können, anstatt seine Figuren und Konflikte immer wieder zurechtzubiegen, bis alles irgendwie passt. „Animals“ möchte die Kulissen des politischen Theaters einreißen, interessiert sich für das, was dahintersteckt, dann aber erschreckend wenig. Übrig bleibt ein Thriller, der von großen moralischen Fragen erzählt und dabei selbst kaum etwas zu sagen hat. Immerhin eine Erkenntnis bleibt: Für einen erfolgreichen Wahlkampf genügt offenbar schon eine überzeugende Geschichte. Für einen guten Film leider nicht.

Fazit
Ben Affleck kennt sich mit spannungsgeladenen Kriminalgeschichten aus. Umso ernüchternder, wie schnell „Animals“ nach einem vielversprechenden Auftakt im Genre-Einerlei versinkt. Wo selbst eine Entführung kaum noch zum Mitfiebern einlädt, können knapp zwei Stunden verdammt lang werden.












































