Back to the 90s
| Titel | Back to the 90s |
| Genre | Komödie, Musik |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Facundo Scalerandi |
Starttermin: 21.08.2026 | Prime Video
Die Elevator Boys machen Prime Video Unsicher – kann das gut gehen?
Karriereleiter war gestern. Heute reicht es, einen Aufzug zu erwischen. Und der hat schließlich einen entscheidenden Vorteil: Er bringt einen ohne nennenswerten eigenen Aufwand von A nach B. Türknopf, Stockwerkauswahl, Fahrstuhlmusik – und schon geht es durch die Decke. Aufzugschacht sei Dank. Genau das ist ungefähr auch die Geschichte einer handelsüblichen Influencerkarriere: Gestern noch irgendein Mensch mit Kamera und Stativ, heute Millionenpublikum, Werbevertrag, Eisteemarke – und wenn es ganz gut läuft, auch gleich noch die Hauptrolle in einem Spielfilm oben drauf. Bei den Elevator Boys bekommt diese Entwicklung eine beinahe rührende Konsequenz. Sie wurden in einem Aufzug berühmt, machten aus diesem Fahrstuhl ihr Markenzeichen und wollen mit „Back to the 90s“ auf Prime Video nun offenbar noch ein paar Hochhaus-Etagen höher. Raus aus dem Aufzug, rein ins Filmgeschäft. Vom viralen Clip auf die Leinwand. Vom Influencer zum Filmstar? Dass die ohnehin taumelnde deutsche Komödie für solche Höhenflüge ein dankbares Auffangbecken ist, hat sie schließlich schon mehrfach bewiesen. „Kartoffelsalat“ holte YouTube-Stars wie Freshtorge, Dagi Bee und die Lochis ins Kino, „Bruder vor Luder“ machte aus den Lochmann-Zwillingen gleich Hauptdarsteller. Nun also die nächste Generation. Dabei besitzt das Influencertum gegenüber der Schauspielerei einen durchaus unfairen Wettbewerbsvorteil: Man spielt ohnehin ständig eine Rolle. Das perfekte Leben. Die perfekte Beziehung. Und wenn einmal nichts perfekt läuft, wird eben auch der Zusammenbruch zur Geschichte. Tränen werden zu Content, Krisen zu Storylines und Verletzlichkeit zur nächsten vermarktbaren Facette der eigenen Persönlichkeit. Eigentlich sollte man annehmen, dass Influencer hervorragende Schauspieler sein müssten. Sie verbringen schließlich ihr ganzes Leben damit, uns etwas vorzuspielen. Doch was Amazon mit diesem Film liefert, lässt mehr als nur daran zweifeln.

Prime Video liefert mit „Back to the 90s“ ein regelrechtes Trümmerfeld von einem Film. Quasi das Worst-of des Filmemachens. Das „Wie man es nicht macht“ für Dummies. Und das Schauspiel ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Dabei ist die Ausgangslage eigentlich so simpel, dass man schon fast wieder etwas daraus hätte machen können: Matteo, Jonas, Chris, Ben und Oliver sind fünf Freunde, die seit ihrer Kindheit davon träumen, gemeinsam als Boyband durchzustarten. Eine Aufführung an ihrem College soll endlich die große Chance sein, doch ausgerechnet Ben bekommt kalte Füße und will aussteigen. Während die fünf sich im Aufzug in die Haare kriegen, macht der plötzlich, was Aufzüge in Filmen gelegentlich tun, wenn Drehbuchautoren keine Lust auf eine kompliziertere Zeitmaschine haben: Er stürzt ab. Nicht besonders tief. Dafür ziemlich weit. Denn als sich die Türen wieder öffnen, ist nicht mehr 2026, sondern 1995. Willkommen in den 90ern. Ein bisschen albern, ein bisschen fantastisch, ein bisschen „Was wäre, wenn?“. Die fünf Jungs, smartphonesozialisiert und Social-Media-affin von Geburt an, landen in einer Welt, in der niemand auf einen Touchscreen tippen kann, weil es schlicht keinen gibt. Internet bedeutet ein Geräusch, das klingt, als hätte die Technik den Freitod gewählt. Computer sind graue Kisten. Und wer jemanden erreichen will, ruft eben an. Von einem Telefon. Mit Kabel. Ein geradezu barbarischer Zustand. Also schnell zurück in die Gegenwart – und dafür glauben sie, dass ein unbekannter Song aus den 90ern der Schlüssel sein könnte. Also machen Ben und Co. sich auf die Suche nach der Frau, die diesen Song geschrieben hat, während nebenbei Freundschaften auf die Probe gestellt, romantische Gefühle entwickelt und die Tücken einer Welt ohne moderne Technik bewältigt werden. Aber sind das wirklich die 90er?

Amazon verwechselt Requisiten mit Gefühl
Wer die Elevator Boys kennt und mag, dem muss man die Frage vermutlich ohnehin nicht stellen. Die Zielgruppe kennt die 90er schließlich höchstens aus Erzählungen. Und wer tatsächlich in diesem Jahrzehnt aufgewachsen ist, dürfte sich beim Anblick der fünf Jungs ohnehin erst einmal fragen, ob die Zeitreise vielleicht nicht doch noch ein paar Jahre weiter zurückgegangen ist. Denn die 90er waren nicht einfach nur eine Ansammlung von Retro-Requisiten, die man in einen Raum stellt und anschließend mit einem Weichzeichner fotografiert. Sie waren eine Zeit. Und Zeiten haben ein Gefühl. Genau dieses Gefühl fehlt „Back to the 90s“ beinahe vollständig. Natürlich gibt es Tamagotchis. Natürlich gibt es klobige Röhrenmonitore. Natürlich stehen irgendwo Telefone herum, die nicht aussehen, als würden sie nebenbei noch WhatsApp öffnen können. Natürlich wird sich in Klamotten geworfen, bei denen man heute froh sein darf, dass Fotos nicht automatisch in der Cloud gespeichert werden. Da sind die Trainingsjacken, die weiten Hosen, die bunten Muster, die Jeans, die offenbar niemals gelernt haben, dass ein Bein auch schmaler als ein Kantholz sein darf. Dazu kommen die Frisuren. Haare, irgendwo zwischen Boyband, Bravo-Fotostrecke und „Mama, darf ich heute selbst zum Friseur?“. Und natürlich darf auch das technische Museum der Neunziger nicht fehlen. Walkman, Diskman, Kassetten, Computer, Modem. Alles ist da. Nur die 90er selbst scheinen irgendwo auf der Strecke geblieben zu sein.

Ein Modemgeräusch macht noch keine 90er. Ein Röhrenmonitor macht noch keine 90er. Eine Plastikkette, eine Trainingsjacke und ein paar schlecht sitzende Jeans ergeben noch keine Zeitreise. Und wenn man fünf Menschen vor eine Kamera stellt, ihnen die Kostüme einer vergangenen Epoche überzieht und anschließend einen Retrofilter über das Bild legt, hat man noch lange nicht verstanden, wie diese Epoche ausgesehen hat. Schon gar nicht, wie sie sich angefühlt hat. Denn Nostalgie funktioniert nicht über Inventarlisten. Sie funktioniert über Erinnerung. Und genau da wird es schwierig, denn Erinnerung besteht eben nicht aus Gegenständen. Sie besteht aus dem, was diese Gegenstände einmal bedeutet haben. Aus dem ersten eigenen Handy, das plötzlich die ganze Welt kleiner erscheinen ließ, obwohl es eigentlich kaum mehr konnte als telefonieren und SMS verschicken. Aus Musik, die nicht einfach irgendwo im Hintergrund lief, sondern manchmal tatsächlich den halben Tag bestimmte, weil man eben nicht jederzeit alles hören konnte. Das sind die Dinge, die eine Zeit zurückholen. Nicht der Röhrenmonitor allein, sondern das Gefühl, davor gesessen zu haben. „Back to the 90s“ kennt diese Gegenstände, aber nicht dieses Gefühl. Der Film stellt sie aus. Er benutzt sie wie Wegweiser, die der Zuschauerschaft ständig zurufen: Hier ist übrigens gerade Nostalgie. Und irgendwann wird aus der Zeitreise deshalb eine Art 90er-Jahre-Museum, in dem zwar alles beschriftet ist, aber nichts mehr lebt. Statt in einem authentischen Gefühl für Vergangenheit landet „Back to the 90s“ so unfreiwillig bei einem ziemlich modernen Problem: Reichweite wird inzwischen gern mit Talent verwechselt. Wer Millionen Menschen erreicht, bekommt irgendwann die Möglichkeit, alles Mögliche zu machen. Musik, Mode, Moderation, Schauspiel. Warum auch nicht? Wenn die Followerschaft da ist, wird sich schon jemand finden, der das nächste Projekt finanziert. Nur funktioniert ein Spielfilm leider nicht nach diesem Prinzip. Ein Politiker nimmt schließlich auch nicht plötzlich ein Skalpell in die Hand und operiert am offenen Herzen, nur weil ihn viele Menschen kennen. Und wenn sich fünf Männer in einem Aufzug erfolgreich dabei filmen, wie sie tanzen, besitzt deshalb noch lange nicht automatisch das Werkzeug, um eine Filmfigur über anderthalb Stunden glaubwürdig zum Leben zu erwecken. Was daraus entsteht, sind Dialoge, bei denen man das Umblättern der Drehbuchseiten förmlich hören kann. Man vernimmt bloßen Text. Satz für Satz. Blick, Pause, Antwort. Und wo eigentlich Spontaneität, Timing oder wenigstens ein bisschen Leben entstehen müsste, bleibt die sichtbare Anstrengung, bloß ja nicht den nächsten Einsatz zu verpassen.

Eine Zeitreise ins filmische Erdgeschoss
Aber was für eine Art von Film ist es denn nun? Eine Komödie? Dann müsste man lachen. Eine Romanze? Dann müsste man etwas fühlen. Ein Musikfilm? Dann müsste die Musik mehr sein als uninspiriertes Beiwerk. Eine Zeitreisegeschichte? „Back to the 90s“ nimmt von allem ein bisschen und entwickelt aus nichts davon eine eigene Identität. Übrig bleibt eine Geschichte, die ungefähr in die Länge eines Instagram-Reels passt und nun trotzdem anderthalb Stunden lang auf Prime Video herumsteht. Ein paar Jungs steigen in einen Aufzug, landen in den 90ern, suchen einen Song, lernen ein paar Menschen kennen, bekommen Gefühle und wollen wieder nach Hause. Das ist als Idee nicht schlecht. Nur hätte die Idee vielleicht selbst erst einmal eine Idee gebraucht. Denn auch handwerklich bleibt erstaunlich wenig hängen. Das Bild ist weichgezeichnet, als müsse jeder Pixel persönlich davon überzeugt werden, dass er wirklich aus den 90ern stammt. Die Musik funktioniert auf einer Retro-Playlist vermutlich besser als innerhalb des Films, weil ein guter Song noch lange keine Szene gut macht. Und die Kostüme mögen tatsächlich den gewünschten Zeitraum markieren, ersetzen aber eben keine Atmosphäre. Alles sieht nach 90ern aus. Fast nichts fühlt sich nach 90ern an. Und irgendwann wird aus diesem Mangel an Gefühl ein viel größeres Problem: „Back to the 90s“ macht schlicht keinen Spaß. Nicht auf die angenehm schlechte Art, bei der man sich irgendwann über den Unsinn freut. Nicht auf die charmant alberne Art, bei der man einem Film seine Fehler verzeiht. Sondern auf eine erstaunlich leere Weise. Es passiert ständig etwas und gleichzeitig fühlt sich nichts wirklich wichtig an. Vielleicht hätte der Film deshalb tatsächlich dort bleiben sollen, wo die Elevator Boys groß geworden sind: im kurzen Moment. Im Aufzug. In einem Clip, der nach wenigen Sekunden vorbei ist und genau deshalb funktioniert. Denn ein Aufzug kann einen ziemlich schnell nach oben bringen. Eine Filmkarriere leider nicht.

Fazit
„Back to the 90s“ will hoch hinaus und bleibt doch im Aufzug stecken. Zwischen Retro-Requisiten, Fahrstuhlmusik und Influencer-Schauspiel entsteht ein Film, der zwar ständig an die 90er erinnert, aber kaum etwas davon fühlen lässt. Die Elevator Boys mögen den Aufzug beherrschen – die Zeitreise führt allerdings direkt ins filmische Erdgeschoss. Und dort hätte man sie besser gelassen.



































