Jahresrückblick

Alle Jahresrückblicke anzeigen

Nach Genre suchen

Podcast | Binge & Booze
Binge & Booze Filmpodcast
Spotify
Apple Podcast
Amazon Music

Alle Infos anzeigen

Filme | Kritiken
  • Deseo – Verlangen | Netflix Film – Kritik: Netflix und die Kunst der lustlosen Erotik

    Deseo – Verlangen

    TitelDeseo – Verlangen
    Genre Romanze
    Jahr2026
    FSK16
    RegieTeresa Simone

    Starttermin: 17.07.2026 | Netflix

    Erotik à la Netflix – eher Drohung als Versprechen

    Wer „365 Days“ nicht gut findet, ist prüde. Wer „Fifty Shades of Grey“ zu hart findet, hat offenbar Angst vor Leidenschaft. Und wer „After“ für eine pseudoerotische Ansammlung von Instagram-tauglichen Beinahe-Nacktbildern hält, besitzt angeblich kein Gespür für sexuelles Begehren. Willkommen in der wunderbaren Welt vorgegaukelter Leidenschaft, in der ein schlecht geschriebenes Drehbuch plötzlich zur sexuellen Befreiung erklärt wird – solange irgendwo ein offenes Hemd, eine dramatische Geste und ein halbnackter Herrenpo im Gegenlicht stehen. Es ist die gleiche merkwürdige Logik, nach der jeder Kritiker, der einen Erotikfilm hinterfragt, offenbar ein frustrierter Zölibatär mit Notizblock und Moralpredigt sein muss. Als würde man einen schlechten Burger nur dann erkennen können, wenn man noch nie Hunger hatte. Ein bisschen Dominanz hier, ein bisschen Schlafzimmerästhetik da – und schon wird aus einer blassen Liebesgeschichte die nächste große sexuelle Revolution erklärt. Dabei hat „Babygirl“ mit Nicole Kidman bewiesen, dass weibliche Lust, Sexualität und Charaktertiefe kein Widerspruch sein müssen. Begehren darf chaotisch sein. Es darf unbequem sein. Es darf widersprüchlich sein. Aber es braucht mehr als eine toxische Aura und eine mit Weichzeichner zugekleisterte Kamera, die langsam über nackte Haut fährt. Genau an dieser Stelle stolpert nun „Deseo – Verlangen“ ins Schlafzimmer wie ein Mann, der nach drei Podcasts über Alpha-Energie glaubt, weibliche Lust verstanden zu haben – geschrieben von einer Frau wohlgemerkt –, und beweist, dass zwischen Lust und Lustprojektion ein gewaltiger Unterschied liegt. Schade nur, dass das Netflix Original ihn nicht kennt.

    Deseo – Verlangen Netflix Film 2026
    Deseo – Verlangen ©Netflix

    Die Theorie hinter der Kritik ist damit erzählt. Jetzt zum Beweisstück. „Deseo – Verlangen“ begleitet die erfolgreiche Anwältin Lucero (Ludwika Paleta), deren scheinbar perfektes Leben durch die Begegnung mit dem jungen Schwimmlehrer Matías (Óscar Casas) aus den Fugen gerät. An der Seite ihres Ehemanns Fernando (José María Yazpik) führt sie ein Leben, das nach außen kaum Wünsche offenlässt: beruflicher Erfolg, finanzielle Sicherheit und eine intakte Familie. Doch hinter der makellosen Fassade wächst eine Leere, die sich nicht länger ignorieren lässt. Als Matías in ihr längst verdrängte Sehnsüchte weckt, beginnt Lucero eine leidenschaftliche Affäre, die schon bald weit mehr als nur ihre Ehe aufs Spiel setzt. Je tiefer sie sich auf die Beziehung einlässt, desto stärker gerät ihr sorgfältig aufgebautes Leben ins Wanken – und mit ihm das Verhältnis zu ihrer Tochter, ihrer Karriere und schließlich auch ihr eigenes Selbstbild. So die Synopsis – doch wenig überraschend bleibt Letzteres selbstverständlich Wunschdenken. Wir befinden uns schließlich nicht in einer psychologisch dichten Charakterstudie, sondern auf den ausgetrampelten Pfaden billiger Erotik-Versprechungen.

    Filmpodcast Netflix

    Wenn das einzige Verlangen das Abschalten ist 

    Eine erfolgreiche Frau, die in der Außenwelt perfekt funktioniert, während im Inneren längst etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Der jüngere Mann als Gegenpol zur kontrollierten Karrierewelt. Verdrängte Wünsche, umgekehrte Machtverhältnisse und die Frage, was passiert, wenn eine Frau, die ihr gesamtes Leben auf Kontrolle, Leistung und Anpassung aufgebaut hat, plötzlich mit Seiten ihrer eigenen Persönlichkeit konfrontiert wird, die keinen Platz in diesem sorgfältig konstruierten Selbstbild finden. Klingt nach „Babygirl“ – und könnte trotz dieser offensichtlichen Parallelen kaum weiter davon entfernt sein. Denn wo Halina Reijns tatsächlich pointierter Gegenentwurf zur sexuellen Machtphantasie aus „Fifty Shades of Grey“ genau diese Widersprüche ernst nahm, verliert sich „Deseo – Verlangen“ bereits an der Oberfläche seiner eigenen Idee. Reijn hinterfragte Machtverhältnisse, zeigte eine Hauptfigur voller Gegensätze, drang in ihre Unsicherheiten und Abgründe vor und verstand Erotik nicht als dekoratives Element, sondern als Motor einer Geschichte über Identität, Kontrolle und Selbsttäuschung.

    Deseo – Verlangen Netflix Film 2026
    Deseo – Verlangen ©Netflix

    „Deseo – Verlangen“ hingegen lässt genau diese Tiefe vermissen. Zwar rückt das Netflix Original zur Abwechslung mal die weibliche Lust ins Zentrum und verzichtet dabei weitgehend auf den klassischen männlich-dominierten Blick auf das, was vermeintlich heiß und sexy ist, doch seine Vorstellung von Erotik bleibt dennoch im Bereich eines weichgezeichneten Groschenromans mit Netflix-Hochglanzästhetik gefangen. Softcore der zahmsten Sorte – ein nackter Po hier, etwas Spitzendessous da –, der mit Leidenschaft wirbt, aber kaum den Mut besitzt, sich freizügig genug zu zeigen, um wirklich über mögliche Tabus oder überhaupt die Begrifflichkeit Erotik selbst zu sprechen. Und so kommt es dann auch, dass sich auch das letzte Fähnchen Resthoffnung auf prickelnde Leidenschaft spätestens im letzten Akt komplett verabschiedet. Statt die Konsequenzen der Affäre auszuloten, moralische Fragen zu stellen oder Luceros persönliche Entwicklung konsequent weiterzudenken, entscheidet sich „Deseo – Verlangen“ auf den letzten Metern dann doch noch, die Genretür gen Spannungsfilm zu durchqueren, und somit für ein angehängtes Thriller-Finale, das weder Thrill erzeugt noch neue Perspektiven eröffnet. Am Ende bleibt von all dem Verlangen vor allem eines übrig: die Erkenntnis, dass ein Film über Lust nicht automatisch weiß, was Lust eigentlich bedeutet.

    Deseo – Verlangen Netflix Film 2026
    Deseo – Verlangen ©Netflix

    Fazit

    „Deseo – Verlangen“ ist der Beweis, dass selbst ein Film über Lust erstaunlich lustlos sein kann. Am Ende bleibt nur ein einziges echtes Verlangen: der Ausschaltknopf. 

    Bewertung: 1 von 5.
    Amazon Filme Blu-ray

  • 23.000 Leben | Netflix Film – Kritik: Ein Netflix-Drama gegen das Wegsehen

    23.000 Leben

    Titel23.000 Leben
    Genre Drama
    Jahr2026
    FSK12
    RegieMarkus Goller

    Starttermin: 17.07.2026 | Netflix

    Nach einer wahren Begebenheit

    Es beginnt mit Bildern, die man nicht einfach wieder vergisst. Menschen in überfüllten Schlauchbooten, Gesichter voller Erschöpfung, die Weite des Mittelmeers als Grenze zwischen Hoffnung und Untergang. Während die Nachrichten von immer neuen Tragödien berichteten, blieb bei vielen vor allem ein Gefühl zurück: Man sah, was geschah, und wusste trotzdem nicht, was man tun konnte. Die Flüchtlingskrise im Mittelmeer wurde damit auch zu einer Frage der eigenen Haltung. Reicht es, betroffen zu sein? Oder entsteht aus dem Wissen über ein Unglück irgendwann die Verantwortung, einzugreifen? 2015 entschieden sich junge Menschen in Deutschland, diese Frage nicht nur theoretisch zu beantworten. Aus der Initiative „Jugend Rettet“ entstand ein Rettungsschiff, die „Iuventa“, das Tausende Menschen vor dem Ertrinken bewahrte. Doch wo Hilfe beginnt, entstehen auch Konflikte: über Recht, Politik und die schwierige Frage, ob ein Eingreifen manchmal genau dort notwendig wird, wo andere längst weggesehen haben. Diese Geschichte bildet den Ausgangspunkt für „23.000 Leben“. Darin blickt Netflix zurück auf jene Menschen, die aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus gehandelt haben – und auf eine Entscheidung, die ihr Leben verändern sollte. Denn manchmal ist nicht die Frage entscheidend, ob eine Situation schwierig ist. Sondern, ob jemand trotzdem den ersten Schritt macht. 

    23 000 Leben Netflix Film 2026
    23.000 Leben ©Netflix

    Lukas (Louis Hofmann) hält die Bilder aus dem Mittelmeer irgendwann nicht mehr aus. Während seine Freundin Kitty (Mala Emde) ihr Jurastudium fortsetzt, entscheidet er sich gegen den Willen seiner Mutter (Franka Potente), sein bisheriges Leben vorerst hinter sich zu lassen. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen gründet er die Initiative „Jugend Rettet“. Was zunächst wie eine verrückte Idee klingt, nimmt schnell Gestalt an: Über Crowdfunding sammeln sie Geld, kaufen ein ausrangiertes Schiff, restaurieren es in Eigenarbeit und schicken die „Iuventa“ schließlich zu ihrer ersten Mission ins Mittelmeer. Auf See treffen die jungen Aktivisten auf erfahrene Seenotretter wie Viola (Maria Dragus) und Einsatzleiter Sören (Frederick Lau), die ihnen zeigen, was es bedeutet, Menschen unter Zeitdruck aus überfüllten Schlauchbooten zu bergen. Mit jeder Mission wächst die Zahl der Geretteten – ebenso wie der politische Druck. Aus einer improvisierten Hilfsaktion entwickelt sich ein Fall, der europaweit Schlagzeilen macht und schließlich in der Beschlagnahmung der „Iuventa“ sowie einem Strafverfahren gegen die Crew mündet.

    Filmpodcast Netflix

    Netflix zeigt die „Iuventa“-Rettung – doch verliert den Blick für die Menschen 

    Das Problem beginnt oft nicht dort, wo Menschen nichts wissen. Es beginnt dort, wo sie längst wissen, was passiert, und trotzdem weitergehen. Genau dieses Gefühl stand am Anfang von „Jugend Rettet“. Der damals 19-jährige Jakob Schoen wollte 2015 nicht länger nur auf die Bilder aus dem Mittelmeer schauen, die jeden Tag für kurze Zeit in den Nachrichten auftauchten und kurz darauf wieder verschwanden. Er wollte nicht akzeptieren, dass aus Menschen in Seenot Zahlen werden, die man liest und anschließend vergisst. Gemeinsam mit anderen jungen Menschen entschied er sich, aus dieser Ohnmacht heraus etwas zu tun. Aus der Frage „Warum macht niemand etwas?“ entstand ein Rettungsschiff. Aus Hilflosigkeit wurde Verantwortung. Für „23.000 Leben“ wird aus Jakob die fiktive Figur Lukas – ein Versuch, einer realen Geschichte ein persönliches Gesicht zu geben. Denn Zahlen erzählen, was passiert ist. Menschen erzählen, warum es passiert. Also ergänzt der Film die Fakten um familiäre Konflikte, eine Liebesgeschichte und persönliche Zweifel. Ein nachvollziehbarer Ansatz, der allerdings nur bedingt funktioniert. Denn genau hier liegt die eigentliche Herausforderung von „23.000 Leben“. Die Geschichte selbst braucht keine zusätzliche Dramatik. Sie besitzt sie bereits. Die Entscheidung, ein Schiff zu kaufen und in ein politisch aufgeheiztes Mittelmeer zu fahren, trägt genügend Konflikte in sich. Die Frage ist deshalb nicht, ob diese Geschichte wichtig ist. Das war sie lange vor dem Film. Die Frage ist, ob „23.000 Leben“ hinter die bekannten Bilder blicken kann. Ob aus einer Rettungsmission auch ein Drama über Menschen wird, die mit den Folgen ihrer Entscheidung leben müssen.

    23 000 Leben Netflix Film 2026
    23.000 Leben ©Netflix

    Und genau an diesem Punkt verliert das Netflix Original zunehmend seine Nähe. „23.000 Leben“ möchte keinen Moment dieser Geschichte auslassen. Die ersten Treffen, die Crowdfunding-Kampagne, der Aufbau des Schiffs, die bürokratischen Hürden, die Einsätze auf dem Mittelmeer und der spätere politische Konflikt bekommen ihren Platz. Fast wirkt es, als wolle der Film jede einzelne Station dieser Reise festhalten. Doch zwischen all diesen Ereignissen verschwindet ausgerechnet das, was diese Geschichte tragen könnte: der Mensch hinter der Entscheidung. Denn „23.000 Leben“ ist keine Dokumentation. Es reicht nicht, zu zeigen, was passiert ist. Man muss zeigen, was diese Ereignisse mit den Menschen machen. Lukas wird zu Beginn als jemand eingeführt, der die Bilder aus dem Mittelmeer nicht länger erträgt. Einer, der nicht nur zuschauen möchte, sondern dorthin geht, wo andere wegsehen. Doch nachdem diese Entscheidung gefallen ist, bleibt der Blick nach innen erstaunlich begrenzt. Die Erzählung erklärt, warum Lukas handelt – aber er zeigt nur selten, was diese Entscheidung mit ihm macht. Gerade deshalb fallen jene wenigen Momente auf, in denen „23.000 Leben“ diesen Abstand überwindet. Wenn Lukas mit den Bildern und Erinnerungen der Rettungseinsätze konfrontiert wird, bekommt die Geschichte plötzlich eine persönliche Ebene. Auch die dramatischen Rettungsszenen selbst gehören zu den stärksten Momenten des Films. Wenn die „Iuventa“ auf überfüllte Schlauchboote trifft, Menschen in Panik aus dem Wasser gezogen werden und jede Sekunde zählt, findet „23.000 Leben“ endlich jene Unmittelbarkeit, die seiner Geschichte angemessen ist. Hier braucht es keine zusätzlichen Konflikte – die Realität hält bereits genug Dramatik parat.

    23 000 Leben Netflix Film 2026
    23.000 Leben ©Netflix

    Fazit

    „23.000 Leben“ erzählt von Menschen, die gehandelt haben, als andere noch diskutierten. Die Geschichte der „Iuventa“ ist beeindruckend, die Rettungseinsätze gehören zu den stärksten Momenten des Films. Doch ausgerechnet dort, wo Netflix näher an die Menschen heranrücken möchte, bleibt die Distanz bestehen. 

    Bewertung: 2.5 von 5.
    Amazon Filme Blu-ray
  • Me Before Me | Netflix Film – Kritik: Ein Sohn auf der Suche nach sich selbst

    Me Before Me

    TitelMe Before Me
    Genre Drama, Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieGina S. Noer

    Starttermin: 16.07.2026 | Netflix

    Netflix erzählt vom Druck des Erfolgs – und verliert dabei seine Hauptfigur aus den Augen

    Für manche Menschen ist es ein Gefühl, das sie seit ihrer Jugend begleitet. Für andere klingt es vielleicht fremd: der Eindruck, dass aus kleinen Erwartungen irgendwann eine große Last werden kann. Wenn die Frage, was man selbst möchte, langsam von der Frage überlagert wird, was andere von einem erwarten. Besonders die Wünsche der Eltern begleiten einen oft länger, als man denkt. Sie sind in den eigenen Alltag eingewoben, in Erinnerungen, Gespräche und all jene kleinen Gesten, die eigentlich von Liebe erzählen – und sich trotzdem manchmal wie Druck anfühlen können. Während man versucht, den eigenen Weg zu finden, läuft im Hintergrund immer das Gefühl mit, jemanden enttäuschen zu können. Die Angst, nicht genug zu sein. Nicht erfolgreich genug, nicht zielstrebig genug, nicht so, wie man es sich einst für die eigene Zukunft vorgestellt hat. Dabei geht es häufig gar nicht um große Konflikte oder laute Auseinandersetzungen. Manchmal genügt ein Satz beim Abendessen, ein Vergleich mit anderen oder die stille Enttäuschung in einem Blick. Das Erwachsenwerden kann deshalb auch bedeuten, mit diesen Erwartungen zu leben. Mit dem Wunsch, die Menschen stolz zu machen, die einen geprägt haben, und gleichzeitig der leisen Erkenntnis, dass das eigene Leben nicht nach einem fremden Entwurf funktionieren kann. Doch was bleibt von einem jungen Menschen, wenn er unter den Erwartungen seiner Eltern langsam zerbricht? Netflix‘ „Me Before Me“ stellt genau diese Frage.

    Me Before Me Netflix Film 2026
    Me Before Me ©Netflix

    Im Mittelpunkt der indonesischen Netflix Produktion steht der hochbegabte Schüler Jati (Bima Sena), dessen Leben von außen betrachtet kaum besser verlaufen könnte. Er gewinnt einen renommierten Wissenschaftswettbewerb, gilt als Vorzeigeschüler und erfüllt scheinbar jede Erwartung seines Umfelds. Hinter dieser Fassade wächst jedoch ein Druck heran, der sich längst nicht mehr kontrollieren lässt. Als Jati plötzlich von Panikattacken heimgesucht wird, gerät das sorgsam aufgebaute Bild des perfekten Sohnes ins Wanken. Ausgerechnet ein Schulprojekt über die Geschichte seiner eigenen Familie zwingt ihn dazu, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen – und mit seinem Vater Jaya (Ringgo Agus Rahman), dessen hohe Ansprüche tiefer reichen, als es zunächst den Anschein hat. Auf dieser Reise begegnet Jati der gleichaltrigen Asa (Widuri Puteri), die ebenfalls versucht, die verborgenen Kapitel ihrer Familie zu verstehen. Gemeinsam stoßen sie auf Wahrheiten, die ihre Sicht auf Herkunft, Erfolg und das eigene Selbst nachhaltig verändern.

    Filmpodcast Netflix

    Am Ende bleibt nur ein gut gemeinter Versuch

    Vielleicht liegt genau darin eine der schwierigsten Seiten des Erwachsenwerdens: Nicht nur herauszufinden, wer man sein möchte, sondern auch zu akzeptieren, dass dieser Mensch nicht immer mit der Vorstellung übereinstimmt, die andere von einem hatten. Jatis Vater setzt Erfolg mit Glück gleich – sein Sohn mit Druck. Eine Dissonanz, die nicht lange gut gehen kann. Jati bricht unter dieser Last zusammen. Doch „Me Before Me“ weiß mit dieser starken Ausgangslage erstaunlich wenig anzufangen. Anstatt die vielversprechende Prämisse zu nutzen, um das Innenleben seines Protagonisten zu erkunden, sucht der Film nach einer erstaunlich einfachen Antwort. Er flüchtet sich in einen fast märchenhaften Eskapismus, indem er nicht zeigt, wie Jati lernen muss, mit dem Druck und den Erwartungen umzugehen, sondern die Lösung in einem vollständigen Gegenentwurf findet. Die starre Leistungsschule mit ihrem Fokus auf Wettbewerb und Perfektion wird einer freien Bildungseinrichtung gegenübergestellt, in der Kreativität und Selbstentfaltung plötzlich den Ausweg aus allen Problemen darstellen. Aus dem regelorientierten Vater wird zudem ein unangepasster Freigeist als Gegenpol in Gestalt des entfremdeten Bruders. Der Film denkt seine Figuren dabei selten weiter, sondern ersetzt Zwischentöne konsequent durch Gegensätze. Alles wirkt wie das Spiegelbild des Vorherigen, als gäbe es zwischen strikter Disziplin und grenzenloser Freiheit keinen Raum für Nuancen. Diese Schwarz-Weiß-Zeichnung setzt sich auch tonal fort. 

    Me Before Me Netflix Film 2026
    Me Before Me ©Netflix

    Wo das Drama zunächst einen betont überdramatisierten Blick auf Leistungsdruck und psychische Überforderung wirft, schlägt die Inszenierung später unvermittelt in eine bemüht heitere, stellenweise sogar alberne Richtung um. Der Wechsel wirkt nicht befreiend, sondern entfremdend, weil er den emotionalen Kern der Geschichte immer weiter verwässert. Statt die Widersprüche seiner Figuren auszuhalten, entscheidet sich „Me Before Me“ immer wieder für den offensichtlichsten Weg. Die Erzählung bringt dem Publikum dabei auffallend wenig Vertrauen entgegen. Kaum bleibt ein Gefühl einmal unausgesprochen, wird es wenige Minuten später in Dialogen erklärt. Figuren sprechen aus, was ihr Handeln bereits vermittelt hat, ordnen Situationen ein, die längst verständlich waren, und formulieren Emotionen, die eigentlich zwischen den Zeilen hätten wirken dürfen. Dadurch entsteht der Eindruck einer Erzählweise, die jede Unsicherheit vermeiden möchte – auf Kosten der Subtilität. Am schwersten wiegt jedoch, dass sich der Fokus zunehmend verschiebt. Aus der intimen Geschichte eines Kindes, das unter den Erwartungen seines Vaters zusammenbricht, entwickelt sich immer mehr ein breit angelegtes Familiendrama, das Generationenkonflikte und Stammbaum-Enthüllungen miteinander verknüpft. Das mag einzelne Figuren erweitern, nimmt dem Film aber genau das, was ihn anfangs so interessant macht: die persönliche Perspektive Jatis. Seine Überforderung bleibt Behauptung. Der Film zeigt die Symptome, selten aber den Menschen dahinter. So bleibt am Ende eine Tragikomödie, die ihr Thema durchaus ernst nimmt und einen wahren Kern berührt, sich jedoch nie traut, diesem wirklich nahezukommen. Statt den Schmerz seiner Hauptfigur aus ihrem Inneren heraus erfahrbar zu machen, sucht „Me Before Me“ nach Antworten im Außen – und verschenkt damit das Potenzial einer Geschichte, die weit mehr hätte sein können als ein gut gemeintes Plädoyer gegen Leistungsdruck.

    Me Before Me Netflix Film 2026
    Me Before Me ©Netflix

    Fazit

    „Me Before Me“ besitzt eine Ausgangslage, die viel emotionales Potenzial verspricht. Der Konflikt zwischen elterlicher Liebe, Erfolgsdruck und dem Wunsch nach Selbstbestimmung bietet eigentlich genügend Stoff für ein eindringliches Coming-of-Age-Drama. Doch statt sich wirklich in die innere Welt seiner Hauptfigur zu wagen, entscheidet sich der Film für einfache Gegensätze und offensichtliche Antworten. 

    Bewertung: 2 von 5.
    Amazon Filme Blu-ray
    ,
  • Die Odyssee | Film – Kritik: Nolans Meisterwerk oder monumentaler Fehlschlag? 

    Die Odyssee

    TitelDie Odyssee
    Genre Historie, Action
    Jahr2026
    FSK12
    RegieChristopher Nolan

    Kinostart: 16.06.2026

    Christopher Nolans größtes Kinoabenteuer führt zurück zum Mythos

    Kaum ein Regisseur wird heute so eng mit dem Kino als Erlebnis verbunden wie Christopher Nolan. Während sich viele Blockbuster zunehmend an der heimischen Leinwand orientieren, setzt der Oscarpreisträger konsequent auf Filme, die für die größte mögliche Projektionsfläche gedacht sind. Mit „Die Odyssee“ wagt sich Nolan nun an eines der einflussreichsten Werke der Weltliteratur – und zugleich an das wohl ambitionierteste Projekt seiner Karriere. Entsprechend groß sind die Erwartungen an eine Verfilmung, die schon lange vor ihrem Kinostart als eines der wichtigsten Filmereignisse des Jahres gehandelt wird. Dass „Die Odyssee“ mehr sein soll als eine weitere Adaption von Homers Epos, zeigt bereits der enorme Produktionsaufwand. Der Film entstand vollständig mit IMAX-Kameras und setzt erneut auf praktische Effekte, reale Drehorte und aufwendig gebaute Kulissen statt einer überwiegend digitalen Inszenierung. Gedreht wurde unter anderem in Griechenland, Italien, Marokko und Schottland. Vor der Kamera versammelt Nolan ein hochkarätiges Ensemble mit Matt Damon („The Rip“) als Odysseus, Tom Holland („The Crowded Room“) als Telemachos, Anne Hathaway („Mothers‘ Instinct“) als Penelope und Zendaya („Das Drama – Noch einmal auf Anfang“) als Athene. Gemeinsam mit Kameramann Hoyte van Hoytema und Komponist Ludwig Göransson verfolgt der Regisseur einmal mehr das Ziel, Bilder und Klang zu schaffen, die ihre volle Wirkung erst im Kinosaal entfalten. Für viele Filmfans ist genau dieser kompromisslose Anspruch ein Grund dafür, warum Nolan immer wieder als einer der wichtigsten Fürsprecher des modernen Kinos gilt.

    Binge & Booze Podcast

    Worum geht es in „Die Odyssee“?

    Im Mittelpunkt steht Odysseus, der nach dem Ende des Trojanischen Krieges endlich nach Ithaka zurückkehren möchte. Was als Heimreise beginnt, entwickelt sich zu einer jahrelangen Irrfahrt voller Gefahren, Versuchungen und Prüfungen. Während seine Familie zu Hause auf seine Rückkehr hofft, muss sich der legendäre König immer neuen Herausforderungen stellen, die ihn körperlich und seelisch an seine Grenzen bringen. Die Geschichte der „Odyssee“ wurde bereits unzählige Male erzählt, doch Christopher Nolan nähert sich dem Stoff aus einer anderen Perspektive. Statt die Mythologie ausschließlich als Fantasy-Spektakel zu inszenieren, rückt er den Menschen hinter der Legende in den Mittelpunkt. Themen wie Heimkehr, Identität, Familie und die Folgen des Krieges sollen ebenso wichtig sein wie monumentale Bilder und spektakuläre Abenteuer. Das Versprechen ist klar: Nolan will seiner Handschrift treu bleiben und großes Blockbusterkino mit einer erzählerischen Tiefe verbinden, für die Filme wie „Inception“, „Interstellar“ oder „Oppenheimer“ bekannt sind. Genau diese angestrebte Mischung macht „Die Odyssee“ schon im Vorfeld zu einem der meistdiskutierten Kinostarts des Jahres und weckt die Hoffnung auf ein Leinwanderlebnis, das weit über klassische Unterhaltung hinausgehen soll.

    Die Odysee Film 2026
    The Furious ©Capelight Pictures

    Doch hält „Die Odyssee“ den enormen Erwartungen tatsächlich stand? Gelingt Christopher Nolan die definitive Verfilmung von Homers berühmtem Epos oder beeindruckt vor allem die technische Umsetzung? Diese Fragen lassen sich erst beantworten, wenn der Film seine Wirkung vollständig entfaltet. Wie sich „Die Odyssee“ im Kino schlägt, welche Stärken und Schwächen der Film besitzt und ob sich der Gang auf die große Leinwand lohnt, besprechen wir ausführlich in unserer Videokritik.

    Amazon Prime Video
    ,
  • Paris Murder Mystery | Film – Kritik: Ein Mordfall für die Seele

    Paris Murder Mystery

    TitelParis Murder Mystery
    Genre Krimi
    Jahr2025
    FSK12
    RegieRebecca Zlotowski

    Heimkinostart: 23.07.2026

    Mord ist ihre Therapie

    Eine regnerische Nachmittag, eine Tasse Tee und ein guter Krimi – was für eine wunderbare Vorstellung. Das Problem dabei? Moderne Krimifilme sind rar geworden. Früher flimmerten Reihen wie „Mord ist ihr Hobby“ oder die zahlreichen Agatha-Christie-Verfilmungen regelmäßig über die Bildschirme. Heute gibt es abseits neuer Christie-Adaptionen oder des „Knives Out“-Franchises kaum noch vergleichbare Filme. Selbst „Glennkill: Ein Schafskrimi“ konnte zwar Kritiker überzeugen, blieb an den Kinokassen jedoch hinter den Erwartungen zurück. Stattdessen dominieren düstere Thriller und Horrorfilme das Genreangebot, wie aktuelle Erfolge à la „Backrooms“ oder „Obsession“ eindrucksvoll zeigen.

    Paris Murder Mystery Film 2025
    Paris Murder Mystery ©Plaion Pictures

    Dabei haben gute Krimis einen ganz eigenen Charme. Sie wirken vertraut und nostalgisch, bieten gleichzeitig Spannung und laden dazu ein, selbst mitzurätseln. Die etablierte Regisseurin Rebecca Zlotowski möchte dieses Genre nun wieder stärker in den Fokus rücken und konnte für „Paris Murder Mystery“ Jodie Foster gewinnen, die erstmals seit rund 20 Jahren wieder in einem französischen Spielfilm zu sehen ist. Sie spielt die Psychiaterin Lilian, deren Patientin Paula (Virginie Efira) sich plötzlich das Leben nimmt. Von Schuldgefühlen getrieben beginnt Lilian, die Umstände des Todes zu hinterfragen, und geht der Frage nach, ob hinter dem vermeintlichen Suizid nicht doch ein Mord steckt.

    Filmpodcast

    Mehr Charakterstudie als Krimi

    Was für ein Glück, dass Jodie Foster die Filmwelt bis heute bereichert. Die 63-Jährige besitzt eine Ausstrahlung und Präsenz, der man sich kaum entziehen kann. In „Paris Murder Mystery“ verleiht sie ihrer Figur Lilian allein durch ihr Spiel eine beeindruckende Tiefe. Entsprechend funktioniert auch das Drehbuch immer dann am besten, wenn es sich auf den inneren Konflikt der Psychiaterin konzentriert: ihren Umgang mit Schuld, Emotionen und alten Traumata. Der titelgebende Mordfall ist dabei letztlich eher Mittel zum Zweck. Er dient dazu, Lilian als fehlerhaften, vielschichtigen Menschen zu zeichnen und sie auf eine Reise zu schicken, auf der sie sich ihren eigenen Beziehungen und ungelösten Konflikten stellen muss. Das ist ein spannender Ansatz, der sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, jedoch immer wieder vom eigentlichen Krimiplot ausgebremst wird.

    Paris Murder Mystery Film 2025
    Paris Murder Mystery ©Plaion Pictures

    Denn „Paris Murder Mystery“ will eben gleichzeitig auch ein klassisches Mordrätsel sein. Und genau hier gerät Regisseurin und Drehbuchautorin Rebecca Zlotowski ins Straucheln. Der Film scheint sich nie ganz entscheiden zu können, was er eigentlich sein möchte. Als Krimi fehlt es ihm an echter Spannung, und auch die Auflösung fällt überraschend unspektakulär aus, auch wenn sie im Hinblick auf Lilians Entwicklung durchaus Sinn ergibt. Als Komödie ist er nicht witzig genug, und als Satire mangelt es an Biss. Als wäre das nicht schon genug, bringt Zlotowski später auch noch frühere Leben ins Spiel und lässt den Film endgültig in ein tonales Durcheinander abdriften. Unterhaltsam bleibt „Paris Murder Mystery“ zwar trotzdem, doch er wirkt spürbar überladen. Weniger Genre-Spielereien und mehr Vertrauen in die starke Charakterstudie und Jodie Fosters herausragende Performance hätten dem Film deutlich besser getan.

    Paris Murder Mystery Film 2025
    Paris Murder Mystery ©Plaion Pictures

    Fazit

    „Paris Murder Mystery“ überzeugt vor allem als feinfühlige Charakterstudie und lebt von der großartigen Präsenz Jodie Fosters. Der eigentliche Kriminalfall bleibt dagegen überraschend blass und die Mischung aus Krimi, Komödie und Satire findet nie ganz ihre Balance. Trotzdem ist Rebecca Zlotowski ein sehenswerter Film gelungen, der seine größte Stärke in seiner Hauptfigur findet.

    Bewertung: 3 von 5.
    Paris Murder Mystery Film 2025 Amazon Prime Video
    Paris Murder Mystery Film 2025 Amazon Prime Video
  • Glennkill: Ein Schafskrimi | Amazon Film – Kritik: Mord auf der Weide 

    Glennkill: Ein Schafskrimi

    TitelGlennkill: Ein Schafskrimi
    Genre Krimi, Komödie
    Jahr2026
    FSK6
    RegieKyle Balda

    Starttermin: 08.07.2026 | Prime Video

    Bei Prime Video grasen die Schafe durch einen Mordfall

    Es gab einmal eine Zeit, da war das Kino für Filme noch ein Ereignis, ein Ort, an dem ein Start nicht nur Veröffentlichung bedeutete, sondern Erwartung, Sichtbarkeit, ein bisschen Glanz und manchmal sogar die leise Behauptung, dass dieser Film genau dorthin gehöre: auf die große Leinwand, vor Menschen, die sich für zwei Stunden in einen dunklen Raum setzen, statt ihn nebenbei zwischen Abendessen, Handy und Sofakissen verschwinden zu lassen. Heute wirkt das Kino immer häufiger wie eine höfliche Durchgangsstation. Ein kurzer Auslauf vor der endgültigen Heimkehr ins Abo. Amazon hat dieses Modell inzwischen zur eigenen Veröffentlichungslogik erhoben. Erst darf ein Film noch ein paar Wochen auf der großen Leinwand grasen, Kritiken einsammeln, ein bisschen Prestige erzeugen, vielleicht sogar so tun, als wäre er ein klassischer Kinofilm – und kurz darauf steht er schon bei Prime Video im digitalen Streamingregal. „Crime 101“ folgte zuletzt genau diesem Muster: Starensemble, Kinostart, überschaubares Fenster, schnelle Verwertung im Streaming. „Glennkill: Ein Schafskrimi“ tut es ihm gleich. Und das passt fast zu gut. Ein Film über eine Herde, die aus ihrer gewohnten Ordnung ausbrechen muss, landet selbst in einer Auswertungslogik, die Kino und Streaming längst nicht mehr als Gegensätze behandelt, sondern als zwei Weiden desselben Schäfers.

    Glennkill: Ein Schafskrimi Amazon Prime Video Film 2026
    Glennkill: Ein Schafskrimi ©Prime Video

    Die Prämisse von „Glennkill: Ein Schafskrimi“ klingt zunächst nach jener Sorte Familienfilm, bei der schon der Titel nach weichgespülter Harmlosigkeit riecht: Schafe lösen einen Mordfall. Das kann nach niedlichem Tierquatsch klingen, nach Sonntagnachmittag, nach synchronisierten Wollknäueln mit Gagquote, nach einem Film also, der seine eigene Absurdität so lange anstupst, bis auch wirklich jeder verstanden hat, dass Tiere hier Dinge tun, die Tiere normalerweise nicht tun. Lustig, weil Schafe. Fertig. Doch ganz so einfach ist es nicht. Hinter dieser albern wirkenden Ausgangslage steckt eine erstaunlich dankbare Krimimechanik, weil der Mordfall eben nicht aus der Perspektive zynischer Ermittler betrachtet wird, nicht aus dem üblichen Blick eines kaputten Kommissars, der wieder einmal mehr über seine eigene Vergangenheit als über das Opfer herausfinden soll, sondern aus der Sicht von Wesen, die die Menschenwelt nie wirklich verstanden haben. Die Schafe kennen die Regeln des Genres, weil ihr Schäfer ihnen jeden Abend Krimis vorgelesen hat. Sie kennen Verdächtige, Spuren, Motive und falsche Fährten. Nur die Menschen selbst bleiben ihnen ein Rätsel.

    Filmpodcast Netflix

    Amazon zeigt einen Krimi im Schafspelz

    Schäfer George Hardy (Hugh Jackman) führt ein friedliches Leben mit seiner Herde, liest ihr abends Kriminalgeschichten vor und hält das vermutlich für eine liebevolle Marotte, vielleicht auch nur für einen dieser seltsamen kleinen Rituale, mit denen einsame Menschen ihre Welt zusammenhalten, ohne sich eingestehen zu müssen, wie einsam sie eigentlich ist. Dass seine Schafe jedes Wort verstehen, ahnt er nicht. Dann liegt George plötzlich tot auf der Weide. Die Idylle ist vorbei. Für die Herde ist sofort klar, dass hier kein gewöhnlicher Unfall passiert ist, sondern ein Fall, und weil der örtliche Polizist Tim Derry (Nicholas Braun) mit der Situation eher überfordert als erhellend wirkt, bleibt den Schafen kaum etwas anderes übrig, als selbst zu tun, was ihnen George jahrelang beigebracht hat: hinsehen, kombinieren, misstrauen. Zum ersten Mal verlassen sie ihre vertraute Umzäunung, folgen Spuren, beobachten Menschen und begreifen Stück für Stück, dass die Welt außerhalb ihrer Weide deutlich komplizierter ist als in den Kriminalromanen, die ihnen vorgelesen wurden. Zwischen Dorfgeheimnissen, menschlicher Gier und tierischer Naivität wird aus der putzigen Idee ein Whodunit, in dem die eigentliche Frage nicht nur lautet, wer George getötet hat, sondern was diese Herde über die Menschen lernen muss, um seinen Tod überhaupt begreifen zu können.

    Glennkill: Ein Schafskrimi Amazon Prime Video Film 2026
    Glennkill: Ein Schafskrimi ©Prime Video

    Wer bei „Glennkill: Ein Schafskrimi“ allerdings ein Gag-Feuerwerk erwartet, bei dem jede Szene auf den nächsten tierischen Kalauer zuläuft, dürfte schnell merken, dass der Film daran nur bedingt interessiert ist. Sein Humor entsteht weniger aus Pointendruck als aus Haltung, aus kleinen Beobachtungen, aus dem liebevollen Blick auf eine Herde, deren einzelne Mitglieder nicht bloß als flauschige Stichwortgeber angelegt sind, sondern als erstaunlich klar gezeichnete Schafcharaktere mit eigenen Eigenheiten, Ängsten und Formen von Klugheit. Natürlich ist das alles seichte Unterhaltung. Niemand sollte hier einen besonders raffiniert konstruierten Kriminalfall erwarten, der Agatha Christie nervös an der Teetasse rütteln lässt. Die Whodunit-Geschichte erfüllt ihren Zweck, setzt Spuren, verteilt Verdächtige, hält die Bewegung am Laufen und bleibt dabei vor allem das Gerüst, an dem sich die eigentliche Stärke des Films entlanghangelt: seine Wärme. Denn so harmlos der Amazon Film auf den ersten Blick wirkt, so schön ist sein Blick auf Tierliebe, Verlust und die Frage, was von einem Leben bleibt, wenn diejenigen zurückbleiben, die es vielleicht nie ganz verstanden haben, aber trotzdem gespürt haben, dass sie geliebt wurden. Das ist nicht groß. Aber ehrlich süß.

    Glennkill: Ein Schafskrimi Amazon Prime Video Film 2026
    Glennkill: Ein Schafskrimi ©Prime Video

    Fazit

    „Glennkill: Ein Schafskrimi“ ist kein besonders scharfsinniger Krimi, aber ein erstaunlich liebenswerter. Zwischen Wolle, Weide und Todesfall findet der Film eine sanfte Wärme, die seine Harmlosigkeit nicht versteckt, sondern fast trotzig umarmt. Flauschig, seicht, herzlich – und damit genau richtig.

    Bewertung: 3 von 5.
    Amazon Filme Blu-ray
    ,

Alle Filmkritiken anzeigen

Filme | Redaktionstipps

ALLE Redaktionstipps anzeigen

NACH ORIGINALS SUCHEN

ALLE STREAMING ORIGINALS ANZEIGEN

Amazon Filme Blu-ray
Serien | Redaktionstipps
  • Peacemaker: Kritik –  Das DCEU macht wieder Spaß

    Peacemaker: Kritik –  Das DCEU macht wieder Spaß

    ,

Alle SERIENTIPPS anzeigen

Über uns