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Filme | Kritiken
  • Sacrifice | Film – Kritik: Groteske Satire statt Hollywood-Einheitsbrei

    Sacrifice

    TitelSacrifice
    Genre Satire, Thriller
    Jahr2025
    FSK16
    RegieRomain Gavras

    Kinostart: 15.09.2026

    In „Sacrifice“ wird die Rettung der Welt zur Gala

    Eine Gala für die Weltrettung, ein Vulkan vor der Tür und Chris Evans mittendrin: „Sacrifice“ ist vieles, nur kein gewöhnlicher Klimathriller. Es gibt diese eigentümliche Sorte Veranstaltung, bei der schon der Ort verrät, wie wenig die anwesenden Menschen mit dem Problem zu tun haben, über das sie gerade sprechen. Champagnergläser stehen auf polierten Tischen, irgendwo läuft Musik, Menschen in maßgeschneiderten Kleidern unterhalten sich über die Zukunft des Planeten – und am Ende des Abends wird vermutlich wieder jemand mit einem Privatjet nach Hause fliegen. Romain Gavras braucht für diese Absurdität keine große Erklärung. Er stellt sie einfach hin. In „Sacrifice“ versammelt sich die internationale Geld- und Prominenzgesellschaft zu einer luxuriösen Umweltgala auf einer griechischen Insel. Man spricht über Nachhaltigkeit, Verantwortung und die Rettung der Erde, während sich gleichzeitig jene wirtschaftlichen Interessen durch die Veranstaltung ziehen, die von ihrer Ausbeutung profitieren. Dann stürmt eine radikale Gruppe die Feier. Aus der Gala wird eine Geiselnahme, aus der Geiselnahme ein fanatisch anmutendes Ritual – und ausgerechnet ein abgehalfterter Hollywoodstar steht plötzlich im Zentrum einer Prophezeiung über das Ende der Welt. Was danach passiert, lässt sich nur schwer in eine Genrebezeichnung pressen. „Sacrifice“ ist Satire, Actionfilm, Thriller, schwarze Komödie, Öko-Fabel, Charakterporträt und irgendwann beinahe schon ein mythologisches Abenteuer. Manchmal wirkt das sperrig. Manchmal sogar ein wenig überladen. Gleichzeitig fühlt es sich erstaunlich befreiend an, einem Film dabei zuzusehen, der sich nicht ständig darum bemüht, möglichst sauber in die nächste Hollywood-Schublade zu passen.

    Sacrifice Film 2025
    Sacrifice ©ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

    Chris Evans spielt Mike Tyler, einen ehemaligen Hollywoodliebling, dessen Karriere nach einem öffentlichen Ausraster gründlich gegen die Wand gefahren ist. Ein Flammenwerfer spielte dabei eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Nun soll die exklusive Umweltgala zur Gelegenheit werden, das beschädigte Image wieder aufzupolieren. Mike ist dabei kein geläuterter gefallener Engel, der nur darauf wartet, wieder auf die richtige Spur zu kommen. Er ist ein ziemlich kaputter Typ, der vor allem eines vermisst: die Aufmerksamkeit. Und damit ist er bei dieser Veranstaltung eigentlich genau richtig. Denn zwischen Milliardären, Schauspielern, Aktivisten und Selbstdarstellern ist Moral hier längst zur eigenen Währung geworden. Jeder hat etwas zu sagen. Jeder möchte Haltung zeigen. Jeder hat eine Geschichte darüber, warum er auf der richtigen Seite steht. Und natürlich schauen dabei genügend Kameras zu. Mittendrin steht Ben Bracken (Vincent Cassel), ein milliardenschwerer Unternehmer, der mit seiner Technologie den Planeten retten möchte und gleichzeitig von einem Geschäftsmodell profitiert, das die Ausbeutung natürlicher Ressourcen voraussetzt. Eine Figur, bei der man gar nicht erst lange überlegen muss, worauf Gavras hinauswill. Dann taucht Joan (Anya Taylor-Joy) auf. Mit ihrer radikalen Gruppe macht sie aus dem Öko-Event eine Geiselnahme. Ihre Überzeugung ist ebenso simpel wie radikal: Eine gewaltige Katastrophe steht bevor, ein Vulkan droht auszubrechen und die Erde verlangt ein Opfer. Drei Menschen sollen dafür sterben. Und plötzlich bekommt die Gala eine völlig andere Bedeutung. Was zunächst nach einer ziemlich direkten „Eat the Rich“-Nummer aussieht, entwickelt sich schnell zu etwas Unberechenbarerem. Natürlich hat Gavras sichtlich Spaß daran, die Luxuswelt seiner Figuren auseinanderzunehmen. Menschen, die über die Rettung des Planeten sprechen und dabei in einer Umgebung sitzen, deren dekadenter Lebensstil genau jene Widersprüche sichtbar macht, gegen die sie angeblich kämpfen. Es geht um Greenwashing, um Vermögenskonzentration und um die eigentümliche Fähigkeit einer privilegierten Gesellschaftsschicht, sich selbst noch für wohltätig zu halten, wenn das eigene Handeln längst Teil des Problems geworden ist. Aber „Sacrifice“ bleibt dort nicht stehen. Denn auf der anderen Seite stehen Menschen, die aus der Klimakrise eine Weltanschauung gemacht haben. Aus wissenschaftlicher Erkenntnis wird bei ihnen eine Prophezeiung, aus Angst ein Glaubenssystem und aus dem Wunsch nach Veränderung eine Bereitschaft zur Gewalt. Das macht „Sacrifice“ deutlich interessanter, als es die Ausgangslage vermuten lässt.

    Filmpodcast

    Warum Romain Gavras Öko-Satire in keine Hollywood-Schublade passt

    Gavras stellt nicht einfach die reichen Heuchler auf die eine Seite und die aufrichtigen Aktivisten auf die andere. Er interessiert sich vielmehr für die Mechanismen, mit denen Menschen ihre eigene Position rechtfertigen. Jeder braucht eine Erklärung. Jeder braucht einen Schuldigen. Und irgendwann braucht jeder eine Geschichte, in der das eigene Handeln sinnvoll erscheint. Mike ist dabei die vielleicht passendste Figur für diesen Film. Denn er kennt Geschichten. Er hat sein halbes Leben davon gelebt, anderen Menschen Geschichten zu verkaufen. Er weiß, wie ein Held aussehen muss, wie ein Publikum auf ihn reagiert und wie sich ein Moment anfühlen muss, damit er größer wird als der Mensch, der ihn erlebt. Jetzt befindet er sich selbst in einer solchen Geschichte. Und langsam wird unklar, ob er sie nur spielt. Das ist der Punkt, an dem „Sacrifice“ seine gesellschaftliche Ebene ausweitet. Der Film spricht nicht nur über Klimawandel. Er spricht darüber, wie wir über den Klimawandel sprechen. Über die Menschen, die tatsächlich etwas verändern wollen. Über jene, die jede Veränderung ablehnen. Und über die, die das richtige Statement zur richtigen Zeit vor der richtigen Kamera abgeben. Der Milliardär als vermeintlich visionärer Unternehmer. Die Stars als die moralischen Stimmen ihrer Generation. Die Aktivisten als radikale Weltverbesserer. Und Mike als der gefallene Held, der dringend wieder einer werden möchte. Alle haben eine Rolle. Aber nicht alle wissen, wann sie aufhören sollten, sie zu spielen. „Sacrifice“ macht daraus kein trockenes Gedankenspiel. Der Film steckt seine Figuren in eine Situation, in der solche Fragen plötzlich nicht mehr theoretisch sind. Denn irgendwann geht es tatsächlich um Leben und Tod. Dabei hat der Film ein ziemlich gutes Bild für seine Gesellschaft im Kopf. Alle sitzen im selben Boot. Nur manche haben eben ein Rettungsboot. Oder zumindest glauben sie es zu haben. Das ist die eigentliche soziale Schieflage, die unter der teilweise grotesken Oberfläche von „Sacrifice“ liegt. Wer reich genug ist, kann sich lange einreden, von den Konsequenzen seines Handelns getrennt zu sein. Man kann Verantwortung delegieren, Risiken auslagern und sich mit Geld einen gewissen Abstand zur Realität kaufen. Nur funktioniert das bei einer globalen Katastrophe irgendwann nicht mehr. Das macht die Umweltgala so zynisch. Hier sitzen Menschen zusammen, die theoretisch dasselbe Problem haben wie alle anderen. Praktisch verfügen sie aber über völlig unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen. Der eine kauft sich vermeintlichen Schutz. Der andere demonstriert. Der nächste hält eine Rede. Ein weiterer zündet vielleicht einen Flammenwerfer an. Und irgendjemand beschließt schließlich, dass nur noch ein Opfer helfen kann.

    Sacrifice Film 2025
    Sacrifice ©ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

    Dass „Sacrifice“ dabei immer wieder die Richtung wechselt, ist Fluch und Segen zugleich. Nach dem Trailer könnte man einen ziemlich klassischen Actionfilm erwarten. Chris Evans, Anya Taylor-Joy, Vincent Cassel, Geiselnahme, Terroristen, Vulkan – die Zutaten liegen auf dem Tisch. Aber Gavras hat offensichtlich wenig Interesse daran, daraus die erwartbare Hollywood-Mischung zu kochen. Sein Film ist dafür zu seltsam. Die erste Hälfte funktioniert noch stark über bissige Gesellschaftskomik und die Absurdität dieser reichen Welt. Danach wird es zunehmend düsterer, religiöser und fantastischer. Und irgendwann steht man plötzlich in einer Art „Herr der Ringe“-Situation – nur dass hier niemand einen Ring nach Mordor bringen muss, sondern eine Gruppe von Menschen mit ihren eigenen Glaubenssystemen an einen Vulkan marschiert. Das könnte furchtbar schiefgehen. Tut es auch manchmal. Einige Szenen verweilen einen Tick zu lange, manche Dialoge wollen ihre Pointe etwas zu deutlich ausbuchstabieren und der Film verliert gelegentlich das sichere Gefühl dafür, welche Tonlage er gerade eigentlich bedienen möchte. Aber gerade darin steckt auch seine Eigenständigkeit. „Sacrifice“ fühlt sich nicht wie ein Film an, der sich vorher gefragt hat, wie man einer möglichst großen Zuschauerschaft gefallen könnte. Er fühlt sich eher wie ein Film an, der unbedingt etwas ausprobieren wollte und dabei in Kauf nimmt, dass nicht jede Kurve perfekt genommen wird. Dass dieser wilde Genre-Mix überhaupt trägt, liegt wesentlich an seinem Ensemble. Chris Evans ist zunächst die offensichtlichste Besetzung für einen solchen Film. Der Mann bringt das Actionkomödien-Gesicht gleich mit. Und gerade deshalb ist es schön, ihm dabei zuzusehen, wie sich unter dieser Oberfläche langsam eine deutlich kompliziertere Figur entwickelt. Mike ist eitel, lächerlich, beschädigt und manchmal ziemlich unsympathisch. Gleichzeitig steckt in ihm eine Verletzlichkeit, die Evans nicht mit großen Gefühlsmonologen ausstellen muss. Vieles liegt in kleinen Reaktionen und in diesem permanenten Versuch, nach außen größer zu wirken, als man sich innen fühlt. Anya Taylor-Joy macht etwas Ähnliches auf völlig andere Weise.

    Sacrifice Film 2025
    Sacrifice ©ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

    Das Ende der Welt zwischen Opfer und Selbsterfüllung

    Joan ist eine Figur, die sich mit einer erschreckenden Sicherheit durch ihre eigene Welt bewegt. Taylor-Joy muss dafür nicht permanent große Reden halten. Vieles läuft über ihre Mimik. Ein Blick kann bei ihr zwischen religiöser Gewissheit, kindlicher Verletzlichkeit und fanatischer Entschlossenheit kippen, ohne dass sich an ihrer Körperhaltung überhaupt viel verändern muss. Und dann ist da Jade Croot. Louise spricht im gesamten Film kein einziges Wort. Und trotzdem gehört sie zu den Figuren, die am längsten im Kopf bleiben. Croot steht häufig nur am Rand des Geschehens, schaut, beobachtet und lässt ihr Gesicht die Arbeit erledigen, für die andere Figuren Dialogseiten benötigen. Dabei entsteht etwas, das fast schon aus einem anderen Film stammen könnte. Nicht laut, nicht hysterisch, nicht auf Effekt gespielt – eher eine stille, schwer zu entschlüsselnde Unheimlichkeit. Man schaut sie an und wartet beinahe darauf, dass der Horrorfilm beginnt. Vielleicht hat er zu diesem Zeitpunkt längst begonnen. Und je näher „Sacrifice“ seinem Finale kommt, desto stärker stellt sich deshalb eine Frage, die der Film lange bewusst in der Schwebe hält: Ist das alles tatsächlich wahr? Ist Joan eine fanatische junge Frau, die aus einer realen Bedrohung eine religiöse Fantasie gebaut hat? Oder steckt hinter ihrer Prophezeiung mehr, als die Menschen um sie herum wahrhaben wollen? Diese Frage ist nicht bloß ein Mysterykniff. Sie entscheidet darüber, wie man den gesamten Film liest. Und dann bekommt auch das Opfer, um das sich die gesamte Geschichte dreht, eine andere Bedeutung. Gavras hält diese Spannung erstaunlich lange aufrecht. Und während er sie im finalen Drittel langsam auflöst, wird aus dem zuvor teilweise überdrehten Film plötzlich etwas unerwartet Emotionales. Denn unter all dem Gala-Glamour, den Klimadebatten, den Vulkanbildern und der schwarzen Komik steckt letztlich eine viel persönlichere Geschichte. Mike Tyler muss sich plötzlich mit der Frage auseinandersetzen, was ihm diese neue Rolle eigentlich bedeutet – und ob er überhaupt zwischen einem selbstlosen Opfer und der vielleicht größten Bühne seines Lebens unterscheiden kann. Es geht um den Tod des Egos. Oder vielleicht auch um das genaue Gegenteil: um die Erfüllung eines Egos, das endlich genau die Aufmerksamkeit bekommt, nach der es sich die ganze Zeit gesehnt hat. Denn wenn die Kameras auf ihn gerichtet sind, wenn alle Menschen zusehen und ausgerechnet er zum Helden dieser Geschichte werden könnte – ist ein Opfer dann überhaupt noch selbstlos? Oder erfüllt sich darin vielleicht gerade der größte Wunsch eines Mannes, der sein ganzes Leben davon abhängig gemacht hat, gesehen zu werden? „Sacrifice“ gibt darauf keine bequeme Antwort. Und genau deshalb bekommt auch der Filmtitel eine zusätzliche Schwere.

    Sacrifice Film 2025
    Sacrifice ©ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

    Fazit

    „Sacrifice“ ist kein perfekter Film. Dafür ist er zu zerfasert, zu wechselhaft und stellenweise zu verliebt in seine eigenen Ideen. Die Genrewechsel funktionieren nicht immer gleich gut, manche Dialoge tragen ihre Botschaft etwas sichtbar vor sich her und gerade im Mittelteil hätte ein wenig mehr erzählerische Disziplin nicht geschadet. Aber es ist ein Film, der etwas hinterlässt. Und das ist bei einer Satire vielleicht wichtiger als die perfekte Pointe. Denn was zunächst nach einer weiteren Hollywood-Nummer über reiche Menschen und radikale Aktivisten aussieht, entwickelt sich zu einer erstaunlich bitteren Geschichte über Verantwortung. Über öffentliche Moral. Über die Frage, wer eigentlich bereit ist, einen Preis für seine Überzeugungen zu bezahlen.

    Bewertung: 3.5 von 5.
    Amazon Prime Video
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  • Hungry | Film – Kritik: Neues Tier, alte Fehler 

    Hungry

    TitelHungry
    Genre Horror, Thriller
    Jahr2026
    FSK16
    RegieJames Nunn

    Heimkinostart: 16.10.2026

    Warum „Hungry“ trotz Flussgigant zahnlos bleibt

    Riesenschlangen, Krokodile, Raubkatzen – wenn sich der Tierhorror in Sümpfe, dichte Wälder oder an die Ufer irgendeines Gewässers verirrt, begegnet uns der Tod erstaunlich häufig in derselben Gestalt. Irgendwo lauert etwas mit Zähnen, Schuppen oder Krallen und wartet darauf, dass eine Gruppe ahnungsloser Menschen genau dort auftaucht, wo sie besser nicht gewesen wäre. Und wenn das Wasser schließlich groß genug wird, ist die Sache ohnehin geklärt: Dann kommt der Hai um die Ecke. Das Genre hat seine ganz eigene zoologische Besetzungscouch. Ein Flusspferd jedoch war darauf bislang erstaunlicherweise nicht zu finden. Dabei ist es doch geradezu prädestiniert für die Rolle. Dreieinhalb Tonnen Körpermasse, gewaltige Eckzähne, ein massiger Schädel und kaum natürliche Feinde, die einem ausgewachsenen Exemplar ernsthaft gefährlich werden könnten. Das Tier, das aussieht, als würde es nachmittags gemütlich durch einen Zeichentrickfilm spazieren, gehört in Wirklichkeit zu den gefährlichsten Großsäugern überhaupt. Gegen einen ausgewachsenen Bullen wirken selbst Löwe und Krokodil plötzlich wie bemitleidenswerte Lakaien. „Hungry“ greift diese evolutionäre Urgewalt auf und schickt mit dem Flusspferd einen unkonventionellen, neuen Koloss in das angestaubte Genre des Tierhorrors. Das hat zumindest einmal die richtige Portion Absurdität, ohne gleich nach billigem Trash zu riechen. Nur leider bleibt der überraschend unverbrauchte Antagonist die einzige wirklich neue Idee in einem Film, der ansonsten streng nach Vorschrift agiert. Denn bereits lange bevor sich der wuchtige Wasserbewohner auf seine unaufhaltsame Menschenjagd begibt, verschwindet die Fantasie dahinter beinahe vollständig. „Hungry“ gibt seinem Monster zwar ein neues Gebiss, aber denselben alten Drehbuchkörper.

    Hungry Film 2026
    Hungry ©Leonine

    Sistine (Madison Davenport) steckt nach einigen privaten Rückschlägen in einer schwierigen Lebensphase. Ihre Mutter ist schwer erkrankt, dazu hat sie ihren Job verloren. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Hannah (Olivia Bernstone) reist sie nach New Orleans, um auf andere Gedanken zu kommen. Eine geführte Tour durch den Louisiana Bayou soll dafür offenbar die richtige Ablenkung sein. Mit dem Sumpfführer Rodrigo (Michel Curiel), dem Witwer Tim (Jim Meskimen), dessen Tochter Sally (Samantha Coughlan), seinem Enkel Mikey (River Codack) und der Geschäftsfrau Dionne (Tracey Bonner) geht es auf eine abgelegene Route. Rodrigo will der Gruppe dort einen legendären Riesenalligator namens „Big Ben“ zeigen. Nur ist Big Ben bereits tot – und das schon, bevor die eigentliche Geschichte überhaupt richtig angefangen hat. Das Monster ist nach zehn Sekunden bekannt – und „Hungry“ macht daraus kurzen Prozess. Noch bevor Sistine und die anderen ihren Ausflug überhaupt antreten, attackiert etwas einen Alligator und zerlegt ihn innerhalb weniger Sekunden. Kein langer Dialog, keine ominöse Vorgeschichte, kein Expositionsmonolog. Ein Alligator verschwindet im Wasser. Blut bleibt zurück. Damit wären die Kräfteverhältnisse geklärt. Es ist plumpe Exposition, aber immerhin eine visuelle. Zehn Sekunden reichen aus, um zu sagen: Was auch immer hier im Wasser lebt, ein Alligator ist kein Gegner für ihn. Erzählerisch besitzt dieser kurze Auftakt damit schon mehr Selbstvertrauen als der gesamte restliche Film. Denn wo später Figuren ihre Probleme erklären, Beziehungen ausbuchstabieren und die Herkunft des Monsters nachreichen müssen, lässt die Eröffnung einfach etwas sterben – doch dann beginnt die große Rückkehr des bereits Bekannten. Das Boot kentert. Menschen sitzen fest. Das Wasser wird zur Todeszone. Taschen mit wichtigem Proviant treiben davon. Eine Verletzung erhöht den Zeitdruck. Irgendjemand muss ans Ufer. Irgendjemand fällt ins Wasser. Irgendjemand wird plötzlich unter die Oberfläche gezogen. Danach schwimmt Blut dort, wo eben noch ein Mensch war. Man könnte eine Checkliste danebenlegen. Eine Runde Tierhorror-Bingo gefällig? Der filmische Spielplan lässt sich binnen weniger Minuten lückenlos mit Kreuzen versehen – ein allzu vorhersehbares Bingo der Genre-Klischees.

    Filmpodcast

    Ein Alligator stirbt – und das Genre-Bingo beginnt

    Dass „Hungry“ das erzählerische Potenzial seines unbeschriebenen Antagonisten derart verschenkt, ist besonders bedauerlich, weil das Flusspferd eigentlich ein ganz anderes Bedrohungspotenzial besitzt. Es ist kein Hai. Es ist kein Krokodil. Es ist kein klassisches Raubtier. Es muss seine Opfer nicht aus dem Wasser heraus verfolgen, sondern kann seine schiere Körpermasse, seine Geschwindigkeit und sein Territorialverhalten nutzen. Es hätte dem Tierhorror eine neue Bewegungslogik geben können. „Hungry“ interessiert sich dafür kaum. Es tauscht lediglich die zoologische Besetzung aus. Tierhorror nach Baukastenprinzip eben – und dabei wäre das nicht einmal ein Problem. Es liegt nicht daran, dass „Hungry“ bekannte Genremechanismen verwendet. Jeder Tierhorrorfilm steht auf den Schultern seiner Vorgänger. Die Frage ist, wie man diese Bauteile zusammensetzt. „Der weiße Hai“ machte aus der unsichtbaren Gefahr eine Maschinerie der Suspense. „The Shallows“ verwandelte einen überschaubaren Strandabschnitt in ein Überlebensgefängnis. „Crawl“ nutzte Haus, Wasser und Krokodil, bis aus jedem Kubikmeter Wasser eine potenzielle Todeszone wurde. Und „Hungry“ hätte nun ebenfalls eine Umgebung im Gepäck, die geradezu nach Verwertbarkeit schreit. Der Louisiana Bayou ist bereits ein fertiges Horrorszenario: stehendes Wasser, dichte Vegetation, schlechte Sicht, kaum Orientierung und eine Landschaft, in der Schönheit und Bedrohung unmittelbar nebeneinanderliegen. Nur schaut James Nunn kaum hin. Der Bayou bleibt Kulissenmaterial. Er ist da, weil der Film einen Schauplatz braucht, aber selten, weil die Regie oder das Buch etwas Eigenes in dieser Landschaft entdeckt hätte. Das Wasser ist gefährlich, weil das Drehbuch es behauptet. Die Bäume sind Verstecke, weil die Figuren irgendwo hinmüssen. Das Dickicht erschwert die Flucht, weil ein Tierhorrorfilm nun einmal einen Ort braucht, an dem man nicht einfach davonfahren kann. Selbst die Unsichtbarkeit des Tieres entwickelt kaum jene nervöse Ungewissheit, die solche Szenen eigentlich tragen müsste. Wenn im Wasser etwas platscht, jemand erschrickt und sich anschließend herausstellt, dass dort natürlich doch nichts war, ist der Jumpscare schon beim ersten Bild so vorhersehbar, dass man beinahe selbst den nächsten Schnitt setzen könnte. Das wäre sogar dann verzeihlich, wenn die Figuren wenigstens als Gegengewicht funktionieren würden. Tun sie aber nicht.

    Hungry Film 2026
    Hungry ©Leonine

    Wie so oft im Genre geht es der Zuschauerschaft irgendwann genauso wie den Gestrandeten: warten und aushalten, bis endlich etwas passiert. Nur gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die Figuren haben Angst. Das Publikum langweilt sich. Sistines persönliche Geschichte mit ihrer kranken Mutter soll dem Überlebenskampf eine emotionale Tiefenschicht verleihen, bleibt jedoch so plakativ, dass daraus keine echte Anteilnahme entsteht. Ihr privater Ausnahmezustand wird weniger erlebt als dramaturgisch abgearbeitet. Die Krankheit der Mutter, der verlorene Job, die Reise, die vermeintliche Selbstfindung – nichts davon entwickelt eine emotionale Reibung, die aus einer geschriebenen Figur einen Menschen machen könnte. Auch die übrigen Figuren bleiben im Drehbuch eher Funktionspersonal als Persönlichkeiten. Sie tragen Taschen, treffen Entscheidungen, streiten sich, bekommen Informationen und warten darauf, dass ihre jeweilige dramaturgische Halbwertszeit abläuft. Die Dialoge ziehen sich, obwohl sie kaum etwas über die Menschen verraten, die sie führen. Das ist eine besonders ungünstige Kombination. Denn wenn schon das Monster nur sporadisch auftritt, müssen die Menschen die Zwischenzeit tragen. „Hungry“ lässt stattdessen vor allem Zeit verstreichen. Dabei besitzt der Film durchaus etwas, auf das sich das Warten eigentlich lohnen könnte: die niedliche Fassade eines dreieinhalb Tonnen schweren Kieferapparats. Wenn die Kreatur dann irgendwann einmal auch für mehr als den Bruchteil einer Sekunde zu sehen ist, funktioniert das Design erstaunlich ordentlich. Der massige Körper, der breite Schädel, die gewaltigen Zähne – aus dem vermeintlich gemütlichen Pflanzenfresser wird tatsächlich eine imposante Bedrohung. Das Monster wirkt nicht wie ein beliebiges CGI-Reptil mit aufgeklebten Stoßzähnen. Nur hat „Hungry“ bis dahin bereits so viel Geduld verlangt, dass selbst die passable Qualität seiner Kreatur kaum noch etwas retten kann. Denn bei einem so homöopathisch dosierten Einsatz des Monsters ist ein handwerklich solides Creature-Design samt ordentlicher Effekte ohnehin das absolute Minimum, das man erwarten darf. Das funktioniert bei einem Film wie „Der weiße Hai“, weil die Abwesenheit des Tieres selbst zum Schrecken wird. Dort ist das Unsichtbare interessanter als das Sichtbare. „Hungry“ besitzt diese Suspense-Mechanik jedoch nicht. Wenn das Flusspferd endlich vollständig aus dem Wasser beziehungsweise aus dem Dickicht tritt, ist die entscheidende Frage nicht mehr: „Was kommt da?“ Sondern: „Endlich. Und jetzt?“ Und selbst dann folgt kein großer Befreiungsschlag.

    Hungry Film 2026
    Hungry ©Leonine

    „Hungry“ erklärt lieber sein Flusspferd, als es von der Leine zu lassen

    Mit der finalen Präsenz des Monsters könnte „Hungry“ an diesem Punkt all das nachholen, was es zuvor versäumt hat. Die Figuren sind endlich an Land, das Tier ist sichtbar, die räumlichen Möglichkeiten wären da. Stattdessen beginnt der Film ausgerechnet jetzt damit, seine eigene Existenzgeschichte zu erklären. Woher kommen diese Flusspferde eigentlich? Warum leben sie im Bayou? Wie konnte es dazu kommen? Es ist die Art von Hintergrundinformation, die vielleicht in einem anderen Film interessant wäre. Hier fühlt sie sich an wie eine Fußnote, die jemand ausgerechnet dann vorliest, wenn im Kino endlich das Licht ausgehen sollte. Überhaupt nimmt sich „Hungry“ erstaunlich bierernst. Das wäre kein Problem, wenn die Inszenierung diesen Ernst mit Atmosphäre, Härte oder emotionaler Konsequenz füllen würde. Stattdessen hängt der Film zwischen ernsthaftem Survival-Drama und Creature Feature, ohne aus einem der beiden Lager genügend Energie zu beziehen. Für einen augenzwinkernden Monsterfilm fehlt es an Humor. Für einen ernsthaften Survivalfilm an menschlichem Drama. Für einen spannenden Tierhorrorfilm passiert zu wenig. Und für einen Film über ein dreieinhalb Tonnen schweres Flusspferd besitzt er erstaunlich wenig Lust, mit genau dieser Absurdität etwas anzufangen. Das Tier hätte den Film von seiner Genrevergangenheit befreien können. Stattdessen wird es von ihr verschluckt. Anakonda, Krokodil, Hai – und nun eben Nilpferd. Die Formel bleibt dieselbe. Menschen geraten in ein abgelegenes Gebiet, das Wasser wird zur Todeszone, das Tier verschwindet irgendwo außerhalb des Bildausschnitts und die Handlung wartet darauf, dass es wiederkommt. Nur ist ein neues Tier noch lange keine neue Idee. „Hungry“ besitzt mit seinem Flusspferd eigentlich einen perfekten Genre-Aufhänger. Einen Gegner, der körperlich absurd, biologisch faszinierend und tatsächlich gefährlich ist. Einen Ort, der nach Atmosphäre schreit. Und ein Szenario, das daraus einen ungewöhnlichen Survivalfilm machen könnte. Am Ende bleibt davon vor allem das Tier. Und das ist dann doch ziemlich wenig.

    Hungry Film 2026
    Hungry ©Leonine

    Fazit

    „Hungry“ hat seinem Tierhorror einen Flussgiganten geschenkt – leider aber keine neue Idee. Was eigentlich ein wilder, packender Survival-Trip sein sollte, fühlt sich über weite Strecken eher wie eine bleierne, träge Fahrt durch stehendes Gewässer an.

    Bewertung: 1.5 von 5.
    Hungry Film 2026 Amazon Prime Video
    Hungry Film 2026 Amazon Prime Video Film

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  • Crawlers | Film – Kritik: Wenn der Horror durch die Hochhausflure krabbelt 

    Crawlers – Im Netz der Spinnen

    TitelCrawlers – Im Netz der Spinnen
    Genre Horror, Thriller
    Jahr2026
    FSK16
    RegieÁngel Gómez Hernández

    Heimkinostart: 23.10.2026

    In „Crawlers – Im Netz der Spinnen“ kommt der Horror auf acht Beinen 

    Hochhauskomplex verhält sich zu Spinne ungefähr wie Gewässersystem zu Haifisch. Möchte man jedenfalls meinen. Wäre der gefräßige Meeresräuber nicht schon wenige Jahre, nachdem Steven Spielberg ihn mit „Der weiße Hai“ zum Leinwandmonster adelte, aus seinem natürlichen Lebensraum ausgebrochen, um fortan in Sand, Schnee, Wohnwagensiedlungen, Wirbelstürmen, den unendlichen Weiten des Alls und irgendwann vermutlich auch im heimischen Wäschekorb sein Unwesen zu treiben. Sharkploitation war nie besonders wählerisch. Hauptsache Zähne, irgendwas zum Reinbeißen und möglichst wenig Rücksicht auf Biologie. So abwechslungsreich diese Reise durch sämtliche Aggregatzustände des Unsinns klingt, so zuverlässig bewegt sich ein beträchtlicher Teil der dazugehörigen Filme irgendwo zwischen albern, billig und spektakulär misslungen. Bei Spinnen scheint sich dieses Verhältnis seit ein paar Jahren fast ins Gegenteil zu verkehren. Die Achtbeiner zeigen nämlich erstaunlich wenig Reiselust. „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“, „Sting“ und nun „Crawlers“ bleiben im Wesentlichen dort, wo schon der Vorgänger herumkrabbelte: Apartmentkomplex, enge Flure, dünne Wände, zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Der Haifisch braucht für jeden neuen Auftritt offenbar erst ein neues Ökosystem, nur um dort wieder gegen Drehbuch, Budget und gesunden Menschenverstand anzuschwimmen. Die Spinne hingegen zieht kaum um – und schafft es trotzdem, aus denselben vier Wänden bemerkenswert viel herauszuholen. Dabei musste der Spinnenhorror erst einmal erstaunlich lange auf seine Wiederbelebung warten. „Arachnophobia“ hatte Anfang der Neunziger noch einmal großflächig dafür gesorgt, dass das Publikum beim Anziehen der Schuhe kurz hineinpustete und dunklen Kellerecken mit einer gewissen Skepsis begegnete, danach wurde es auffällig still. Jetzt geht es beinahe Schlag auf Schlag. Für Regisseur Ángel Gómez Hernández bedeutet das allerdings auch: Wer sich mit seinem Film freiwillig in einen derart eng besetzten Hochhausflur stellt, darf sich nicht wundern, wenn sofort jemand die Nachbartüren öffnet und vergleicht. Denn „Crawlers“ teilt mit seinen jüngeren Spinnenverwandten weit mehr als nur acht Beine. 

    Crawlers – Im Netz der Spinnen Film 2026
    Crawlers – Im Netz der Spinnen ©Leonine

    Wieder ein Wohnkomplex, wieder räumliche Isolation, wieder eine Hausgemeinschaft, die nicht einfach gehen kann, wenn es unangenehm wird. Selbst die gesellschaftliche Begleitmusik klingt vertraut: heruntergewirtschaftete Bausubstanz, ein Eigentümer, dessen Interesse an seinen Mietern ungefähr dort endet, wo die nächste Rechnung beginnt, und Menschen, die mit den Folgen leben müssen. Dass sich daraus kein besonders eigenständiges Motivgeflecht ergibt, merkt man schnell. Entscheidend ist deshalb weniger, ob „Crawlers“ etwas grundsätzlich Neues erfindet, sondern was er aus diesen längst bekannten Zutaten noch herausholt. Inhaltlich bewegt sich zunächst ohnehin alles auf vertrautem Terrain: Serena arbeitet als Hausverwalterin eines Hochhauskomplexes und ist dort so etwas wie das letzte halbwegs menschliche Bindeglied zwischen Mietergemeinschaft und schmierigem Eigentümer. Als der Mieter George (Chris Rogers) nach einem Auslandsaufenthalt zurückkehrt und kurz darauf plötzlich stirbt, sieht zunächst alles nach einem medizinischen beziehungsweise infektiösen Problem aus. Die Behörden vermuten einen Virusausbruch, das Gebäude wird abgeriegelt, niemand darf hinein, niemand hinaus. Und genau damit ist die bekannte Horrorgrundlage angerührt. Menschen auf engem Raum. Keine Fluchtmöglichkeit. Draußen stehen diejenigen, die helfen könnten, drinnen sitzt das eigentliche Problem bereits zwischen Wänden, Rohren und Möbeln. Nur handelt es sich eben nicht um einen Virus, sondern um etwas weitaus Unbehaglicheres. Im Körper des Verstorbenen hat sich eine äußerst unangenehme Spinne eingenistet und dort offenbar auch gleich Familienplanung betrieben. Aus dem vermeintlichen Infektionsfilm wird ein Creature-Horror, der sein Quarantäne-Motiv nicht einmal besonders weit umdeuten muss. Eingesperrt waren die Figuren ohnehin. Jetzt wissen sie nur, warum das eine ziemlich schlechte Nachricht ist.

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    Erst wenn es krabbelt, wird es interessant

    Dieses Quarantäne- und Lockdown-Prinzip gehört mittlerweile fast schon zur Grundausstattung des modernen Spinnenfilms – und auch die Sozialkritik kommt zuverlässig mit ins Gebäude. Schlechte Wohnverhältnisse, Vernachlässigung, ökonomische Abhängigkeiten. „Crawlers“ streift diesen Aspekt allerdings deutlich oberflächlicher als „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“. Statt ihn über die Handlung und das Umfeld der Figuren langsam mitzuerzählen, genügen hier ein paar flüchtige Dialogzeilen, bevor das Thema ebenso schnell wieder verschwindet, wie es aufgetaucht ist. Das ist schade, fällt aber weniger schwer ins Gewicht, sobald „Crawlers“ sich auf das konzentriert, was ihm ohnehin deutlich besser liegt: die sehr unmittelbare Angst vor Spinnen. Dafür braucht es kein kompliziertes Mythologiehandbuch, keinen antiken Fluch und keine ausführlich erklärte Evolutionsmutation. Spinnen sind schnell, klein, können plötzlich verschwunden sein und besitzen die ausgesprochen unhöfliche Eigenschaft, sich an Orten aufzuhalten, an denen man sie erst bemerkt, wenn der eigene Körper bereits entschieden hat, sämtliche Haare gleichzeitig aufzustellen. Genau aus dieser Nähe zieht „Crawlers“ später seine stärksten Momente. Bis dahin steht ihm allerdings ausgerechnet sein menschliches Personal im Weg. Die Figuren bleiben austauschbar, oberflächlich und teilweise so funktional geschrieben, als hätte man ihnen neben dem Namen gleich ihren späteren Todeszeitpunkt ins Drehbuch gesetzt. Doch dann krabbelt endlich etwas durchs Bild. Und plötzlich findet „Crawlers“ zu sich.

    Crawlers – Im Netz der Spinnen Film 2026
    Crawlers – Im Netz der Spinnen ©Leonine

    Hernández findet immer wieder Einstellungen, die genau dort ansetzen, wo Spinnenhorror wirklich funktioniert: nicht beim großen Angriff, sondern beim Verdacht. Die Kamera blickt aus einer Chipstüte, während eine Hand wieder und wieder hineingreift, jedes Mal nur wenige Zentimeter an dem Tier vorbei, das sich darin versteckt. Ein Achtbeiner lässt sich langsam an seinem Faden herab und landet beinahe im geöffneten Mund einer meditierenden Frau. Hinter Geschirr bewegt sich etwas. Unter einem Duschvorhang erscheint plötzlich ein dünnes Bein. Nichts davon ist besonders kompliziert, aber genau deshalb wirksam. Man sieht die Gefahr. Die Figur noch nicht. Das reicht. Der Körper reagiert ohnehin deutlich schneller als der Kopf. Man kratzt sich plötzlich am Arm, prüft mit einem kurzen Blick die Zimmerdecke oder entwickelt ein auffällig gesteigertes Interesse an Dingen, die sich im Augenwinkel bewegen. „Crawlers“ versteht in seinen besten Momenten sehr gut, dass Spinnenhorror vor allem eine Sache der Nähe ist. Eine Spinne irgendwo im Raum ist unangenehm. Eine Spinne zehn Zentimeter von einer nackten Hand entfernt ist ein persönliches Problem. Auch ästhetisch zeigt Hernández mehr Ehrgeiz, als das reine Krabbeltierkino zwingend verlangen würde. Die Kamera dreht sich um die eigene Achse, Flure kippen in seltsame Perspektiven, Licht und Farbe werden mit auffallender Konsequenz eingesetzt. Lila, Rot, Dunkelheit, künstliches Neon – der Hochhauskomplex bekommt zeitweise etwas traumartig Klaustrophobisches. Die Räume wirken nicht einfach nur eng, sondern zunehmend falsch. Als hätte das Gebäude selbst beschlossen, seine Bewohner nicht mehr hinauszulassen. Dass das CGI in einzelnen Momenten nicht vollständig mithalten kann, fällt durchaus auf. Vor allem dann, wenn „Crawlers“ seine Zurückhaltung verliert. Denn mit Spinnen verhält es sich ein wenig wie mit schlechtem Besuch: Eine ist schlimm. Zwei sind schlimmer. Zweihundert werden irgendwann erstaunlich abstrakt. Sobald die Tiere in Scharen über Böden, Wände und Menschen laufen, geht etwas von dem verloren, was zuvor so schön unter die Haut gekrabbelt ist. Aus dem kleinen, kaum sichtbaren Schrecken wird eine digitale Masse. Das Auge nimmt nicht mehr das einzelne Tier wahr, sondern eine schwarze Bewegung. Der Ekel wird größer, der Horror kleiner. Wo vorher noch die Frage im Raum stand, ob irgendwo hinter einer Tasse etwas sitzt, marschiert nun eine ganze Krabbelarmee durchs Bild. Das ist spektakulärer. Nur leider nicht unbedingt unangenehmer.

    Crawlers – Im Netz der Spinnen Film 2026
    Crawlers – Im Netz der Spinnen ©Leonine

    Wenn aus Kribbeln plötzlich Monsterkino wird

    Im letzten Drittel dreht „Crawlers“ dann ohnehin noch einmal kräftig am Tonfallregler. Aus dem vergleichsweise kleinen, fiesen Hochhaus-Horror wird eine Flucht durch dunkle Korridore, die stellenweise deutlich in Richtung „Alien“ schielt. Serena bewegt sich dabei in einem Outfit durch die Gänge, das irgendwo zwischen Kampfmontur, Fetischclub und Endzeit-Ripley angesiedelt ist – Ripley goes BDSM-Party gewissermaßen –, während Synthieklänge durch die Dunkelheit pulsieren und die zuvor so wirkungsvoll gepflegte Kleinteiligkeit zunehmend größeren Gesten weicht. Das kann man durchaus unterhaltsam finden. Nur fühlt es sich plötzlich an, als wäre man in einen anderen Genreflur abgebogen. Die Hautkribbelqualität verschwindet weitgehend, dafür übernimmt ein beinahe pulpiger Survivalmodus. Rennen, kämpfen, durchhalten. Wo vorher der Horror darin bestand, dass unter einem Teller möglicherweise acht Beine hervorschauen könnten, wird nun offensiver Monsterfilm gespielt. Nicht schlecht, aber weniger eigen. Und gerade weil „Crawlers“ zuvor bewiesen hat, wie effektiv er mit kleinen Beobachtungen sein kann, wirkt dieser Genrewechsel fast ein bisschen so, als würde jemand mitten in einem gelungenen Kammerspiel plötzlich die Nebelmaschine einschalten. Und damit landet man am Ende doch wieder bei den Vergleichen, denen „Crawlers“ eigentlich entkommen möchte. „Sting“ besitzt die charmanteren Figuren. „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ verbindet seine Monster wirkungsvoller mit einem emotionalen Unterbau und trifft seine sozialkritischen Spitzen präziser. „Crawlers“ hat von beidem etwas, erreicht aber in keinem dieser Bereiche dieselbe Wirkung. Seine Menschen bleiben zu blass, seine gesellschaftlichen Untertöne zu beiläufig, sein Finale zu sehr auf Genrepose gebürstet. Was ihm bleibt, ist allerdings nicht wenig: Er kann Spinnen. Und zwar erstaunlich gut. Immer wenn „Crawlers“ nicht versucht, größer, lauter oder spektakulärer zu werden, sondern einfach eine kleine dunkle Form dort platziert, wo sie absolut nichts zu suchen hat, ist er am wirkungsvollsten. Dann kribbelt es am Nacken, die Hand bleibt lieber noch eine Sekunde außerhalb der Chipstüte und man betrachtet den Duschvorhang am Abend möglicherweise mit etwas mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich. Für einen Spinnenfilm ist das vermutlich ohnehin die wichtigste Qualitätsprüfung.

    Crawlers – Im Netz der Spinnen Film 2026
    Crawlers – Im Netz der Spinnen ©Leonine

    Fazit

    „Crawlers“ bleibt dort am stärksten, wo es klein, fies und unangenehm nah wird. Sobald es überall kribbelt, juckt und man der eigenen Chipstüte plötzlich misstraut, hat der Film eigentlich schon gewonnen. Mehr Spinnen braucht kein Mensch – mehr Wirkung manchmal auch nicht.

    Bewertung: 3 von 5.
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  • Nervous | Film – Kritik: Das stumme Echo der Emanzipation 

    Nervous

    TitelNervous
    Genre Horror, Thriller
    Jahr2026
    FSKungeprüft
    RegieAbner Pastoll

    Fantasy Filmfest 2026

    Eine Platte ohne Ton. Eine Welt ohne Männerstimmen.

    Fast genauso wichtig wie das Visuelle ist das Sounddesign von Horrorfilmen. Das Knarzen einer Holzdiele, ein leises Flüstern oder ein stimmungsvoller Score: Das alles kann stark zur Atmosphäre eines Gruselfilms beitragen. Zuletzt bewiesen das vor allem Erfolgsfilme wie „Obsession“ oder „undertone“. Für sein neuestes Werk „Nervous“ hat sich Regisseur Abner Pastoll daher gemeinsam mit seinem Team für ganze fünf Monate intensiv in der Postproduktion mit dem Sounddesign beschäftigt, um die isolierende und paranoide Wahrnehmung der Protagonistin direkt auf das Publikum zu übertragen und die Metapher, dass Frauen oft nicht gehört werden, zu unterstreichen. Besetzt ist „Nervous“ mit Sarah Bolger, mit der Pastoll bereits für seinen Film „A Good Woman Is Hard to Find“ erfolgreich zusammenarbeitete. Mit ihrer neuesten Kooperation haben sie es direkt ins Programm des Fantasy Filmfests 2026 geschafft. Pastoll wollte bereits seit rund zwanzig Jahren einen Film mit dem Titel „Nervous“ machen. Darin finden Sarah (Sarah Bolger) und ihr Mann Sungsoo(Sungsoo Yune) eine alte Vinylplatte auf dem Dachboden ihres neuen Zuhauses. Als sie diese abspielen, ist darauf kein Ton zu hören. Als Sarah kurz darauf die Fähigkeit verliert, männliche Stimmen wahrzunehmen, gerät ihr Leben immer weiter aus den Fugen.

    Nervous Film 2026
    Nervous ©February Films

    Allein in den letzten 24 Stunden sahen die Nachrichten für Frauen wie folgt aus: Eine Passagierin musste auf ihren Platz zurückkehren, obwohl ihr Sitznachbar sich vor ihr befriedigt hatte. Auf ein junges Mädchen wurde zehnmal eingestochen, während der Täter lediglich mit einer einstweiligen Verfügung davonkam. Und sieben männliche Studenten, die eine Kommilitonin missbraucht hatten, mussten zur Strafe lediglich einen Aufsatz schreiben. Frauen können bis heute nicht in Sicherheit leben, während ihre Ängste und Probleme viel zu oft nicht gehört werden. Pastoll spinnt daraus eine interessante Idee und dreht in „Nervous“ den Spieß einfach um. Sarah verliert die Fähigkeit, männliche Stimmen wahrzunehmen, wodurch plötzlich eine völlig neue Form der Isolation entsteht. Die Themen Entfremdung und fehlende Kommunikation in Beziehungen kommen dabei durchaus zum Tragen, unterstrichen von Sarahs Leben in einem für sie fremden Land, doch der Film macht aus seiner ungewöhnlichen Prämisse letztlich zu wenig. Sarahs veränderte Wahrnehmung wird immer wieder für ähnliche Situationen genutzt, ohne daraus wirklich neue Facetten zu entwickeln. Auch einige Handlungsstränge, etwa rund um die ältere Frau und die Herkunft der Vinylplatte, werden zwar angedeutet, führen aber nur bedingt irgendwohin. Vieles dreht sich dadurch im Kreis und die eigentliche Botschaft geht zunehmend hinter dem Gimmick des Films unter.

    Wenn Männer die Welt aus den Augen einer Frau erzählen

    Es zeichnet sich zudem schnell ab, dass „Nervous“ durch eine männlich geprägte Brille erzählt wird. Pastoll präsentiert einen oft schablonenhaften Blick auf Feminismus und darauf, was es für eine Frau bedeutet, frei und selbstbestimmt zu sein, und verengt die eigentlich komplexe Thematik dabei auf oberflächliche Geschlechterrollen und heteronormative Klischees. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, ob die Geschichte mit einer Frau hinter der Kamera und insbesondere hinter dem Drehbuch nicht eine andere Tiefe hätte entwickeln können. Nicht, weil nur Frauen solche Geschichten erzählen können, sondern weil eine eigene Erfahrung mit weiblichen Lebensrealitäten der Thematik möglicherweise eine differenziertere und authentischere Perspektive verliehen hätte. Besonders deutlich wird das während Sarahs Abend mit Eunbyeol, wenn diese ihr vermitteln möchte, dass sie als Frau tun und lassen könne, was sie wolle. Die Szene reduziert weibliche Selbstbestimmung auf eine auffallend vereinfachte Vorstellung von Freiheit und verstärkt damit den Eindruck, dass der Film selbst nicht wirklich über die Oberfläche seiner feministischen Prämisse hinauskommt. Auch die queeren Untertöne fügen sich nur schwer in dieses Bild ein und wirken eher wie ein Stilmittel für das männliche Publikum, statt tatsächlich etwas von Bedeutung auszusagen. So verkommt Eunbyeol zu einer Nebenfigur, die hauptsächlich als Femme Fatale und Versuchung für die Hauptfigur dient, darüber hinaus aber kaum eigene Eigenschaften erhält.

    Nervous Film 2026
    Nervous ©February Films

    Es wäre durchaus spannend gewesen, die ungewöhnliche Situation, in der Sarah plötzlich keine männlichen Stimmen mehr wahrnehmen kann, konsequenter auszuloten. Hätte Sarah lediglich die Stimme ihres Mannes verloren, wäre die Geschichte stärker auf ihre persönliche Beziehung und die daraus entstehenden Kommunikationsprobleme konzentriert gewesen. Dass sie jedoch sämtliche männlichen Stimmen nicht mehr wahrnehmen kann, verleiht dem Film zwangsläufig eine deutlich größere gesellschaftliche Bedeutung. Genau diese Entscheidung weckt Erwartungen, denen „Nervous“ inhaltlich nicht immer gerecht wird. Die Idee, nur Frauen könnten einander wirklich verstehen und zuhören, hätte dabei auch ohne die queere Komponente funktioniert und wäre möglicherweise sogar überzeugender gewesen. „Nervous“ sieht allerdings gut aus und hört sich noch besser an. Besonders das Sounddesign spielt geschickt mit der ungewöhnlichen Wahrnehmung der Hauptfigur und macht die Abwesenheit männlicher Stimmen geradezu körperlich spürbar. Auch am Schauspiel von Sarah Bolger und Ko Asung gibt es nichts zu meckern. Im Gegenteil: Die beiden versprühen eine unglaubliche Chemie und verleihen ihren gemeinsamen Szenen eine Intensität, die das Drehbuch nicht immer erreicht. Optisch und vor allem soundtechnisch macht Pastoll damit alles richtig. 

    Nervous Film 2026
    Nervous ©February Films

    Fazit

    „Nervous“ überzeugt mit starker Optik, herausragendem Sounddesign und zwei großartigen Darstellerinnen, verschenkt aber das Potenzial seiner eigenen Prämisse. Statt die komplexen Themen rund um Feminismus und weibliche Selbstbestimmung konsequent auszuloten, verliert sich der Film in oberflächlichen Klischees. Ein visuell und akustisch beeindruckender, inhaltlich jedoch ernüchternder Horrorfilm.

    Bewertung: 2.5 von 5.
    Alle Kritiken der Fantasy Filmfest 2026
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  • The Plague | Film – Kritik: Die grausame Seite des Erwachsenwerdens

    The Plague

    TitelThe Plague
    Genre Horror, Drama
    Jahr2025
    FSKungeprüft
    RegieCharlie Polinger

    Fantasy Filmfest 2026

    Wenn Anderssein zur Krankheit erklärt wird

    Coming-of-Age wird im Film oft mit Nostalgie und romantischer Verklärung der Jugend assoziiert. Doch es geht auch ganz anders. Horrorfilme brechen gerne mit dieser Tradition und gehen radikalere Wege. So auch Regisseur Charlie Polinger, der mit seinem Debüt „The Plague“ keine wortwörtliche Seuche in den Mittelpunkt rückt, sondern eine Geschichte über das Erwachsenwerden erzählt und dieses als moralisches Minenfeld des Verlusts der Unschuld zeichnet. „The Plague“ feierte seine Premiere als Eröffnungsfilm der Internationalen Filmfestspiele von Cannes und begeisterte dort bereits das Publikum.

    The Plague Film 2025
    The Plague ©AGC Studios

    Ähnliches lässt sich für das Fantasy Filmfest 2026 erhoffen, wo der Film einen Platz im Programm gefunden hat und sicher ebenfalls zahlreiche Fans finden wird. Angesiedelt im Sommer 2003, handelt „The Plague“ von dem 12-jährigen Ben (Everett Blunck), der sich in der Hierarchie eines reinen Jungen-Wasserballcamps zurechtfinden muss. Als Ben ins Visier der anderen Jungs gerät, verbreiten sie das Gerücht, er trage eine mysteriöse und ansteckende Krankheit. Die Geschichte nimmt rasend schnell ihren Lauf und zieht Ben immer tiefer in den Abgrund eines psychologischen Albtraums.

    Mobbing ist ansteckend

    „Boys will be Boys.“ Mit diesen vier einfachen Worten wird das unangebrachte Verhalten heranwachsender Jungs gerne klein geredet und die Verantwortung für Schikanen gegen Gleichaltrige von ihnen weggeschoben. Auch in Polingers Regiedebüt wirkt zunächst alles ganz harmlos. Dumme Neckereien zwischen pubertierenden Jungs, die es scheinbar nicht besser wissen. Doch nach und nach offenbart sich die wahre Grausamkeit der Gruppe: das systematische Ausgrenzen und Demütigen all jener, die anders sind. „The Plague“ ist kein Horrorfilm im klassischen Sinne, doch Polinger nutzt gekonnt die Bildsprache des Genres und auch der dröhnende Score lässt jederzeit einen Schreckmoment erwarten. Der eigentliche Horror ist hier jedoch, ganz simpel gesagt, die harte Realität von Mobbing und dessen Konsequenzen für die Opfer. Nicht als einhämmernde Metapher, sondern authentisch erzählt und mitreißend inszeniert. Die unterschwelligen Horrorelemente unterstützen dabei die Atmosphäre, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Besonders das Sounddesign ist herausragend und trägt maßgeblich zur Atmosphäre des Films bei.

    The Plague Film 2025
    The Plague ©AGC Studios

    Unschuldig erscheinende Situationen erzeugen so ein beklemmendes Gefühl von Hilflosigkeit, das unter die Haut geht. Eine weitere Stärke von „The Plague“ liegt in Polingers intelligentem Drehbuch. Die Gruppendynamik wirkt direkt aus dem Leben gegriffen, während der subtile Body-Horror die psychische Belastung der gemobbten Teenager unterstreicht. Vor allem in den Figuren zeigt sich Polingers Talent fürs Schreiben. Bens Unsicherheit und sein verzweifelter Versuch, sich seinen Teammitgliedern anzupassen, werden zur treibenden Kraft der Geschichte. Mobber Jake ist ein regelrechtes Monster, aber dennoch charismatisch genug, um nachvollziehbar zu machen, warum er der Anführer der Gruppe ist. Eli wiederum bildet einen Gegenpol zu Ben. Auch er ist ein Opfer, bei dem die Schikanen Spuren hinterlassen, doch gleichzeitig akzeptiert er sein Anderssein und trägt eine beinahe unbeschwerte Leichtigkeit in sich. Etwas, wonach sich auch Ben sehnt. „The Plague“ wird so zu einer Reise, auf der Ben seine eigene Identität finden und den Gruppenzwang sowie die toxisch-männliche Performance ablehnen muss. Das mündet in einer emotional aufgeladenen Schlussszene, die sich geradezu kathartisch anfühlt. „Beau Travail“ und „Aftersun“ lassen grüßen.

    The Plague Film 2025
    The Plague ©AGC Studios

    Fazit

    „The Plague“ ist ein beklemmendes Coming-of-Age-Drama, das die Grausamkeit von Mobbing mit den Mitteln des Horrors greifbar macht. Polinger erzählt seine Geschichte authentisch, atmosphärisch und mit einem bemerkenswerten Gespür für seine Figuren. Ein intensiver Film über Gruppenzwang, Identität und die schmerzhafte Suche nach dem eigenen Platz.

    Bewertung: 4 von 5.
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  • The Restoration of Grayson Manor | Film – Kritik: Queerer Gothic Horror

    The Restoration of Grayson Manor

    TitelThe Restoration of Grayson Manor
    Genre Horror, Komödie
    Jahr2026
    FSKungeprüft
    RegieGlenn McQuaid

    Fantasy Filmfest 2026

    Toxische Mütter und tödliche Hände

    Queerer Horror gehört beim diesjährigen Fantasy Filmfest zu den prägenden Themen des Programms. Nicht nur, dass „Leviticus“ das Filmfestival eröffnet, auch die gefeierte Horrorkomödie „The Restoration of Grayson Manor“, in der Regisseur Glenn McQuaid seine persönlichen Erlebnisse auf überspitzte Art und Weise verarbeitet, ist Teil des Programms. Und für die Hauptrolle konnte er jemand ganz Besonderen gewinnen: Chris Colfer, der mit seiner Rolle in der Kultserie „Glee“ zum Star wurde, sich nach dem Ende der Serie allerdings zurückzog und sich auf seine Karriere als Autor konzentrierte.

    The Restoration at Grayson Manor Film 2025
    The Restoration At Grayson Manor © Bankside Films

    Für die besondere Mischung aus queeren Familiendrama, Gothic Horror und blutiger Komödie zog es ihn endlich zurück vor die Kamera. Und die Prämisse hört sich mehr als originell an. Der Film handelt von Boyd (Chris Colfer), dem Spross einer irischen Adelsfamilie, der im Familienanwesen regelmäßig Sex mit Männern hat, um seine Mutter Jacqueline (Alice Krige) zu kränken. Als Boyd bei einem makaberen Unfall beide Hände verliert, sieht Jacqueline die Chance, ihn endlich zu dem Erben zu formen, den sie sich immer gewünscht hatte.

    Queerer Horror trifft auf Vorabendprogramm

    An den Dialogen merkt man schnell, dass mit McQuaid eine queere Person hinter dem Drehbuch steckt. Denn nichts für ungut, aber selten gelingt es einem heterosexuellen Drehbuchautor, ein so authentisch wortgewandtes und bitchiges Hin und Her zwischen einem schwulen Sohn und seiner toxischen Mutter zu schreiben. Die einfallsreichen Beleidigungen bringen einen immer wieder zum Schmunzeln. Das liegt vor allem auch an den hingebungsvollen Darbietungen von Chris Colfer und Alice Krige, die sichtlich Vergnügen an ihren Rollen haben. Zwischen all den Zickereien versäumt es McQuaid allerdings, der Mutter-Sohn-Dynamik echte Tiefe zu verleihen. Die Konflikte und die ernsten Themen von Homophobie und familiärem Druck kommen im verbalen Schlagabtausch der beiden immer wieder zur Sprache, finden aber selten Raum, um sich wirklich auf emotionaler Ebene zu entfalten.

    The Restoration at Grayson Manor Film 2025
    The Restoration At Grayson Manor © Bankside Films

    McQuaid legt mehr Wert auf Spaß, und den bekommt man hier definitiv. Der Regisseur war nicht nur von Horrorfilmen inspiriert, sondern auch von Soaps. Und das merkt man. Er baut zahlreiche hirnrissige Wendungen ein, die man sonst nur aus dem Vorabendprogramm von RTL kennt, und treibt sie konsequent ins Absurde. An Kreativität mangelt es hier definitiv nicht. Der Horroranteil bleibt dabei allerdings eher gering und kommt hauptsächlich durch die blutigen Effekte zum Vorschein, statt eine echte Atmosphäre oder Grusel aufzubauen. Hier erinnert „The Restoration of Grayson Manor“ vor allem an Kultklassiker wie „Die Killerhand“ oder auch „Die Addams Family“. Nur verpasst man den tödlichen Händen hier einen etwas moderneren Twist.

    The Restoration at Grayson Manor Film 2025
    The Restoration At Grayson Manor © Bankside Films

    Fazit

    „The Restoration of Grayson Manor“ ist eine herrlich schräge Mischung aus Horror, schwarzem Humor und überdrehter Soap, die vor allem von ihren bissigen Dialogen und den spielfreudigen Darbietungen von Chris Colfer und Alice Krige lebt. Auch wenn die emotionalen Konflikte etwas mehr Tiefe vertragen hätten und der Horror eher kurz kommt, sorgt die kreative Inszenierung für jede Menge Unterhaltung. Ein blutiger, queerer Spaß, der sich selbst nie zu ernst nimmt.

    Bewertung: 3.5 von 5.
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