Drive – The Pretenders
| Titel | Drive – The Pretenders |
| Genre | Romanze |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Sergej Moya |
Starttermin: 28.10.2026| Prime Video
In Sachen Liebe fährt Prime Video gegen die Wand
Je größer die romantischen Gefühle, desto kleiner mitunter die weibliche Selbstbestimmung. Es ist schon eine bemerkenswerte Ironie, dass die Gesellschaft über Jahrzehnte mühsam um Gleichberechtigung gerungen hat, während die romantische Literatur und ihre filmischen Ableger die Emanzipation allzu gerne wieder rückwärts durch die Geschichte schickten. Da durfte eine Frau zwar studieren, Karriere machen und ihr Leben selbst gestalten, solange sie am Ende doch in den Armen eines möglichst wohlhabenden, vorzugsweise emotional verkorksten Mannes landete, der ihr erklärte, was wahre Erfüllung bedeutet. Lange waren Frauen im Young-Adult-Kosmos vor allem eines: Objekte romantischer Begierde. Was sie selbst vom Leben wollten, interessierte weit weniger als die Frage, welcher attraktive Problemfall ihr Herz erobern würde. Erst seit ein, zwei Jahren zeichnet sich ein vorsichtiges Umdenken ab. Plötzlich dürfen die Heldinnen wieder ehrgeizig sein, eigene Ziele verfolgen und gelegentlich sogar ein Leben besitzen, das sich nicht ausschließlich um den männlichen Gegenpart dreht. Ein Fortschritt, der allerdings einen unangenehmen Beigeschmack besitzt. Denn allzu oft entpuppt sich die vermeintliche Emanzipation als trojanisches Pferd, in dessen Bauch die alten Rollenbilder längst auf ihren nächsten Einsatz warten. Kaum ist die erste große Liebe in Sichtweite, werden persönliche Ambitionen zu lästigen Nebensächlichkeiten degradiert. „Drive – The Pretenders“, Amazons jüngste Young-Adult-Romance aus Deutschland, macht da keine Ausnahme. Sarah Jenkins (Lisa-Marie Koroll) weiß jedenfalls, was sie will. Die ehemalige Kartmeisterin arbeitet inzwischen als Mechanikerin in einem Rennstall, obwohl sie viel lieber selbst am Steuer sitzen würde. Mit Motoren kennt sie sich aus, an Ehrgeiz mangelt es ihr nicht, und auf den passenden Mann wartet sie schon gar nicht. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, für die eine Frauenfigur im Jahr 2026 keine besondere Anerkennung verdient. „Drive – The Pretenders“ scheint sich trotzdem schon dafür auf die Schulter klopfen zu wollen, dass Sarah überhaupt eine eigene Zukunft vor Augen hat. Umso bedauerlicher, dass das Drehbuch diese Zukunft bald selbst aus dem Blick verliert.

Als Sarah bei Eagle Racing anheuert, trifft sie auf Dante Annunziata (Amin Baahmed), einen ehemaligen Formel-1-Fahrer, der es mit seinen Eskapaden inzwischen häufiger in die Klatschpresse als aufs Siegerpodest schafft. Nach dem Unfalltod seiner Schwester ist der einstige Hoffnungsträger des Motorsports zu einem wandelnden Problemfall geworden, der seine sportlichen Misserfolge vorzugsweise mit schlechter Laune und öffentlichkeitswirksamen Entgleisungen kompensiert. Das gefällt weder dem Rennstall noch den Sponsoren, die langsam die Geduld mit ihrem schwer vermittelbaren Aushängeschild verlieren. Als ein unglücklich entstandenes Foto Sarah und Dante plötzlich in den Mittelpunkt der Boulevardberichterstattung rückt, kommt der PR-Abteilung eine rettende Idee: Die beiden sollen eine Verlobung vortäuschen, um Dantes Image aufzupolieren. Ein verliebter Mann verkauft sich schließlich besser als einer, der regelmäßig negativ auffällt. Sarah lässt sich auf das Schauspiel ein, weil ihr im Gegenzug eine Chance auf ihre eigene Rennfahrerkarriere winkt. Ein Arrangement, bei dem die Interessen zunächst klar verteilt sind. Er bekommt eine gesellschaftlich vorzeigbare Partnerin, sie die Aussicht auf einen Platz hinter dem Steuer. Dass beide einander anfangs kaum ausstehen können, versteht sich bei einem Film dieser Art beinahe von selbst. Ebenso, dass aus der inszenierten Zuneigung irgendwann echte Gefühle werden, während ein paar gut gehütete Geheimnisse das frisch entdeckte Liebesglück wieder bedrohen. Fake it till you make it, heißt es schließlich so schön. Und wenn zwei Menschen, die uns die Kamera mit bemerkenswerter Beharrlichkeit als unwiderstehlich attraktiv verkaufen möchte, über einen längeren Zeitraum eine romantische Beziehung vortäuschen, dann muss daraus irgendwann natürlich die große Liebe entstehen. Zumindest scheint das Drehbuch fest davon überzeugt. Die Figuren selbst wirken dagegen weniger sicher. Das gilt leider auch für die beiden Hauptdarsteller.

„Drive – The Pretenders“ verbannt glaubhafte Gefühle auf den Beifahrersitz
Überhaupt gehört „Drive – The Pretenders“ zu diesen Filmen, die mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit voraussetzen, dass sich Gefühle allein durch ihre Behauptung einstellen. Ein paar gequält begierige Blicke, etwas körperliche Nähe, eine romantisch ausgeleuchtete Kulisse, und schon soll aus der anfänglichen Egalhaltung eine leidenschaftliche Beziehung geworden sein. Wie sich diese Gefühle entwickelt haben, bleibt weitgehend der Fantasie des Publikums überlassen. Lisa-Marie Koroll und Amin Baahmed finden jedenfalls kaum einen überzeugenden Zugang zueinander. Ihre Dialoge wirken wie Pflichtübungen einer Liebesgeschichte, deren emotionale Wendepunkte bereits feststanden, bevor sich überhaupt eine glaubwürdige Beziehung zwischen den Figuren entwickeln konnte. Besonders Baahmed hat mit einem Charakter zu kämpfen, dessen vermeintliche Tiefe sich über weite Strecken auf einen finsteren Gesichtsausdruck und eine möglichst steinerne Mimik beschränkt. Sein Trauma soll Verletzlichkeit erzeugen, seine Eskapaden den Bad Boy etablieren und die Zuneigung zu Sarah schließlich den guten Menschen unter der rauen Schale hervorholen. Alles was dazugehört eben, zumindest auf dem Papier. Im Film bleibt davon jedoch wenig übrig. Selbst die Rennstrecke, die als obligatorischer, vor „männlicher“ Energie nur so strotzdender Gegenpol zur romantischen Geschichte quasi zum Genre dazugehört, dient überwiegend als Kulisse für ein Milieu, dessen behauptete Leidenschaft sich selten auf das Geschehen überträgt. Authentizität entsteht allenfalls dort, wo Steven Gätjen auf dem roten Teppich Interviews führt oder ein halbwegs bekanntes Instagram-Gesicht die jüngste Entgleisung des Rennfahrers in einem Reel kommentiert. Ausgerechnet die künstliche Medienwelt wirken glaubwürdiger als das, was das Amazon Original als echte Gefühle verkaufen möchte. Dabei hätte die Geschichte durchaus Möglichkeiten geboten, über das übliche romantische Pflichtprogramm hinauszugehen. Schließlich verfolgen Sarah und Dante denselben beruflichen Traum, stehen dabei aber auf entgegengesetzten Seiten. Sie möchte endlich dorthin gelangen, wo er längst gewesen ist. Er versucht verzweifelt, an einen Erfolg anzuknüpfen, den sie noch vor sich hat. Eine Ausgangslage, aus der sich mehr entwickeln ließe als ein weiterer Liebeskonflikt, der durch ein verschwiegenes Geheimnis künstlich am Leben gehalten wird.

Stattdessen bedient sich „Drive – The Pretenders“ ausgiebig an allem, was das Genre seit Jahren zuverlässig in Bewegung hält. Ein bisschen Cinderella, ein bisschen angedeutetes Liebesdreieck, dazu ein vermeintlich verwegener Bad Boy mit tragischer Vergangenheit und ein möglichst männlich aufgeladenes Rennsportmilieu, in dem sich die große Liebe besonders eindrucksvoll zwischen Sportwagen und Luxusunterkünften inszenieren lässt. Dass Sarah innerhalb dieses Geflechts immer mehr an Bedeutung verliert, macht die Angelegenheit umso ernüchternder. Schließlich wird sie zunächst als selbstbewusste junge Frau eingeführt, die ihren eigenen Weg gehen möchte, um sich anschließend zunehmend um die emotionalen Bedürfnisse eines Mannes zu kümmern. Ihre berufliche Selbstbestimmung wird zur romantischen Verhandlungsmasse. Und während die Geschichte so tut, als hätte sie mit den alten Rollenbildern aufgeräumt, werden im Hintergrund bereits die vertrauten Abhängigkeiten neu eingerichtet. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der Blick der Kamera auf den männlichen Protagonisten. Ob beim Training oder im Eisbad, kaum eine Gelegenheit wird ausgelassen, um Dantes entblößten Oberkörper ausgiebig zu betrachten. Die Kamera tastet jeden Bauchmuskel mit einer Hingabe ab, die Erinnerungen an die Coca-Cola-Light-Werbung der frühen 2000er-Jahre weckt. Damals durften sich Frauen an einem halbnackten Handwerker erfreuen, heute übernimmt ein Rennfahrer den Dienst am weiblichen Blick. Fortschritt sieht anders aus. Die jahrzehntelange Sexualisierung weiblicher Körper wird schließlich nicht dadurch emanzipatorisch, dass man das Gefälle einfach auf den Kopf stellt. Doch genau das ist im Young-Adult-Kino längst zur Gewohnheit geworden. Seit Jahren werden hier männliche Körper mit derselben Hingabe zum Schauobjekt gemacht, für die man das männlich dominierte Kino früher zu Recht kritisierte. Wo in den Neunzigern und Nullerjahren vorzugsweise Frauen für überflüssige Duschszenen herhalten mussten, dürfen heute die männlichen Traummänner ihre Bauchmuskeln zur Schau stellen. Der Blick hat lediglich die Richtung gewechselt. Ihn deshalb als Ausdruck weiblicher Selbstermächtigung zu verstehen, wäre allerdings eine ziemlich bequeme Auslegung von Gleichberechtigung.

Fake it till you make it
All das wäre allerdings leichter zu verschmerzen, wenn Prime Video mit „Drive – The Pretenders“ wenigstens einen funktionalen Liebesfilm präsentieren würde. Schließlich gehören unrealistische Zufälle, emotionale Übertreibungen und reichlich vorhersehbare Verwicklungen seit jeher zum romantischen Kino. Niemand muss das Rad neu erfinden, schon gar nicht für eine Geschichte, die ihren Reiz ausdrücklich aus vertrauten Fantasien bezieht. Doch selbst die schönsten Klischees brauchen Figuren, mit denen sich mitfiebern lässt, und Gefühle, die über das bloße Abspulen romantischer Konventionen hinausgehen. Genau daran scheitert „Drive – The Pretenders“ mit einer Konsequenz, die beinahe schon wieder bewundernswert ist. Weder die schauspielerischen Leistungen noch das Drehbuch schaffen es, der Beziehung eine glaubwürdige emotionale Grundlage zu geben. Stattdessen werden Konflikte aufgetürmt, Traumata bemüht und romantische Höhepunkte inszeniert, deren Wirkung vor allem davon abhängt, wie bereitwillig das Publikum die ausbleibende Figurenentwicklung ergänzt. Immerhin besitzt die Inszenierung eine handwerkliche Qualität, die der Geschichte selbst weitgehend abgeht. Die Kamera von Armin Franzen mag kaum Charakter oder Eigenwillen an den Tag legen, doch versteht es immerhin, die Rennstrecke und die europäischen Schauplätze ansprechend in Szene zu setzen. Nur hilft die attraktivste Verpackung wenig, wenn sich darunter kaum etwas befindet, das die investierten Gefühle rechtfertigt. Am Ende hat „Drive – The Pretenders“ vor allem eines verstanden: wie man den äußeren Anschein einer großen Romanze erzeugt. Die Leidenschaft wird behauptet, die Charaktertiefe behauptet, die Emanzipation behauptet. Und ausgerechnet ein Film über zwei Menschen, die ihre Liebe nur vorspielen, scheint irgendwann selbst zu vergessen, wie echte Gefühle aussehen. Fake it till you make it. Bei Amazon bleibt es leider beim ersten Teil.

Fazit
„Drive – The Pretenders“ erklärt die große Liebe zum Sieger, bevor sie überhaupt an den Start gegangen ist. Gefühle werden behauptet, Charaktertiefe vorgetäuscht und die Selbstbestimmung der Heldin irgendwo am Streckenrand zurückgelassen.





































