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Filme | Kritiken
  • Culpa Tuya – Deine Schuld: London | Amazon Film – Kritik: Neu auf Prime Video

    Culpa Tuya – Deine Schuld: London

    TitelCulpa Tuya – Deine Schuld: London
    Genre Romanze
    Jahr2026
    FSK12
    RegieCharlotte Fassler, Dani Girdwood

    Starttermin: 17.06.2026 | Prime Video

    Bleibt Prime Video der Red Flag auch in „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ treu?

    Manchmal liegt die Messlatte so tief, dass bereits ein Film, der nicht mit voller Wucht dagegen prallt, wie ein kleines Wunder wirkt. Wer sich schon einmal durch Amazons unerträgliche Vertreter des New-Adult-Genres „Culpa Tuya – Deine Schuld“ und „Culpa Nuestra – Unsere Schuld“ gearbeitet hat, dürfte wissen, wie sich diese Form cineastischer Anspruchslosigkeit anfühlt. Zweimal 0,5 Sterne, zweimal die Erkenntnis, dass romantische Leidenschaft offenbar auch als mehrstündiger Belastungstest für das menschliche Nervensystem verstanden werden kann. Umso befremdlicher wirkte es, als ausgerechnet die britische Neuauflage, die das toxische Beziehungsdrama von Madrid nach London verpflanzte, plötzlich beinahe freundliche Worte provozierte. Zwei Sterne bekam „Culpa Mia – Meine Schuld: London“ am Ende – kein Triumph, nicht einmal ein Achtungserfolg, innerhalb dieser Reihe aber fast schon ein diplomatisches Zugeständnis. Dabei blieb auch das Remake weit davon entfernt, einen umgangssprachlichen Blumentopf zu gewinnen. Mehr kurzweilige Action, etwas weniger Toxizität und eine insgesamt ansehnlichere Umsetzung machten aus der alten Geschichte lediglich die erträglichere Version desselben Elends. Gut war daran wenig, weniger schmerzhaft hingegen überraschend viel. Und so fällt die Aussicht, dass in „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ erneut die schüchterne Maus dem coolen Bad Boy verfällt, zumindest nicht ganz so bedrohlich aus wie bei „Mala influencia – Verbotene Liebe“ oder „Love Me, Love Me“

    Culpa Tuya: Deine Schuld London Amazon Prime Video Film 2026
    Culpa Tuya – Deine Schuld: London ©Prime Video

    Hoffnungslose Optimisten könnten nun vermuten, die Fortsetzung setze den zaghaften Aufwärtstrend ihres Vorgängers tatsächlich fort. Realistischer wäre allerdings die Annahme, dass sie wieder genau in jene alten Muster zurückfällt, aus denen dieses Genre seit Jahren seine fragile Persönlichkeit zusammenbaut. Der Weg dorthin ist jedenfalls bereits bestens ausgeschildert. Noah (Asha Banks) beginnt ihr Studium an der Universität Oxford und lässt damit nicht nur London, sondern vorerst auch Nick (Matthew Broome) hinter sich. Der arbeitet inzwischen im Unternehmen seines Vaters und versucht, zwischen beruflichen Erwartungen und familiärem Druck so etwas wie ein erwachsenes Leben zu führen. Für eine Beziehung, die schon unter günstigeren Bedingungen kaum ohne emotionalen Flächenbrand auskommt, wird die räumliche Trennung erwartungsgemäß zum nächsten Brandbeschleuniger. Neue Bekanntschaften, alte Feindseligkeiten und Menschen, die das liebestolle Stiefgeschwisterpaar lieber heute als morgen auseinanderbringen würden, liefern Eifersucht, Misstrauen und melodramatische Verwicklungen gleich im Komplettpaket. Noah und Nick müssen also beweisen, dass ihre große Liebe mehr aushält als ein paar Kilometer Entfernung und die nächste strategisch platzierte Red Flag. Mit anderen Worten: dieselbe Geschichte, die „Culpa Tuya – Deine Schuld“ bereits mit bemerkenswerter Gründlichkeit an die Wand gefahren hat. Soweit, so schlecht.

    Filmpodcast

    Madrid, London – Hauptsache, das Drama reist mit

    Aus Mist können Rosen wachsen, heißt es. Im Kino bleibt Mist allerdings meistens einfach Mist – nur gelegentlich hübscher ausgeleuchtet. Genau darin lag bereits die bescheidene Leistung von „Culpa Mia – Meine Schuld: London“: Es verwandelte den alten Unrat nicht in etwas Gutes, sondern sorgte lediglich dafür, dass er weniger streng roch. Von „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ nun plötzlich eine romantische Erleuchtung zu erwarten, wäre deshalb selbst für hoffnungslose Optimisten ein gewagter Schritt. Zu schwer wiegt der Ballast eines Genres, das seine Schwächen längst für unverzichtbare Zutaten hält. Dialoge klingen wie ausrangierte Kalendersprüche, Gefühle werden so lange aufgedreht, bis jedes Zwischengeräusch verstummt, und der Sex knistert ungefähr so leidenschaftlich wie feuchtes Brennholz. Rosen sehen jedenfalls anders aus. Immerhin verzichtet die britische Variante auf einen Teil jener besonders unangenehmen Machtspiele, mit denen ihre Vorgänger toxisches Verhalten als große Leidenschaft verkauften. Noah ist hier nicht bloß das naive Opfer eines übergriffigen Bad Boys, Nick nicht ausschließlich der dominante Mann, dessen Kontrollzwang mit einem hübschen Blick entschuldigt werden soll. Toxisch sind sie höchstens gemeinsam – nicht aufgrund eines eindeutigen Machtgefälles, sondern weil beide unfähig sind, vernünftig miteinander zu sprechen. Das ist zunächst sogar glaubwürdiger. Wer verliebt ist, will Nähe. Wer eine Beziehung führt, hat Sex, vermisst den anderen, begehrt ihn und reagiert nicht immer vollkommen souverän, wenn plötzlich eine andere Person auftaucht. Ein gesundes Maß an Eifersucht ist kein Beweis emotionaler Verdorbenheit, ebenso wenig wie Lust und Hingabe automatisch Ausdruck einer alles verschlingenden Schicksalsliebe sind. All das gehört zu Beziehungen. Entscheidend ist nicht, dass diese Gefühle existieren, sondern wie zwei Menschen mit ihnen umgehen. Genau dort versagen Noah und Nick – und mit ihnen auch der gesamte Film.

    Culpa Tuya: Deine Schuld London Amazon Prime Video Film 2026
    Culpa Tuya – Deine Schuld: London ©Prime Video

    „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ behandelt jede Form von Eifersucht und jeden Anflug von Unsicherheit, als würde sich darin eine Liebe offenbaren, die größer ist als das Leben selbst. Musik schwillt an, Blicke werden verlängert, Körper in dekoratives Licht getaucht. Die Inszenierung ruft ununterbrochen: Seht her, wie außergewöhnlich diese Leidenschaft ist. Das Drehbuch und der Cast liefern dafür allerdings kaum einen Grund. Denn eigentlich ist an dieser Beziehung nichts außergewöhnlich. Zwei junge Menschen fühlen sich zueinander hingezogen, schlafen bei jeder Gelegenheit miteinander, vermissen sich und werden eifersüchtig, wenn der andere sich wie ein Arsch verhält. Das ist keine romantische Offenbarung, sondern ein ziemlich gewöhnlicher Zustand. Erst der Umgang damit könnte daraus eine interessante Geschichte machen. Doch statt ehrlich zu reden, verschweigen beide ihre Gefühle, treffen zweifelhafte Entscheidungen und erwarten anschließend, dass der andere die unausgesprochenen Regeln ihrer Beziehung trotzdem versteht. Keine Schicksalsliebe, nur schlechte Kommunikation. „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ möchte erzählen, dass äußere Umstände eine große Liebe auf die Probe stellen. Das Geheimhalten der Beziehung, misstrauische Eltern, neue Bekanntschaften und alte Feinde sollen Noah und Nick wie tragische Figuren erscheinen lassen, die von einer feindseligen Welt auseinandergetrieben werden. Tatsächlich braucht es diese Hindernisse kaum. Die beiden erledigen das schon selbst.

    Culpa Tuya: Deine Schuld London Amazon Prime Video Film 2026
    Culpa Tuya – Deine Schuld: London ©Prime Video

    Amazon legt wieder den Rückwärtsgang ein

    Wer Gefühle für eine andere Person entwickelt und sich bereitwillig auf sie einlässt, sollte vielleicht keine Beziehung führen. Wer jede Unsicherheit in Schweigen, Vorwürfe oder demonstrative Rücksichtslosigkeit verwandelt, ebenfalls nicht. Und wer erwartet, dass der Partner Gedanken lesen kann, sollte nicht überrascht sein, wenn die gemeinsame Zukunft irgendwann an Dingen zerbricht, die ein einziges ehrliches Gespräch hätte klären können. Das Problem ist nicht, dass Noah und Nick zu leidenschaftlich lieben. Es ist auch nicht ihre Eifersucht. Nicht die räumliche Trennung, nicht das Verheimlichen ihrer Beziehung und nicht die Menschen, die von außen auf sie einwirken. Das Problem ist, dass beide unreif sind, nicht kommunizieren und sich wiederholt beschissen behandeln. Darin liegt nichts Süßes, nichts Tragisches und schon gar nichts Romantisches. Als Charakterdrama könnte diese Erkenntnis durchaus funktionieren. Ein Film über zwei Menschen, die sich aufrichtig lieben und trotzdem erkennen müssen, dass Liebe allein keine funktionierende Beziehung ergibt, hätte sogar etwas Schmerzhaftes. Er könnte davon erzählen, wie Nähe in Besitzdenken kippt, wie Leidenschaft Konflikte überdeckt und wie zwei Menschen einander verlieren, weil beide erst bei sich selbst aufräumen müssten. Doch dafür müsste „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ seine Figuren ernst nehmen. Er müsste ihnen Widersprüche, Einsicht und Entwicklung zugestehen. Stattdessen braucht es eine psychotische Ex, illegale Straßenrennen und künstlich platzierte Versuchungen, weil Noah und Nick selbst erschreckend wenig hergeben. Wo keine Figuren sind, muss eben das Drehbuch Lärm machen. So bleibt keine große Liebesgeschichte, die an widrigen Umständen zerbricht. Nur die Bestandsaufnahme zweier Menschen, die nicht zusammen sein sollten, solange sie nicht gelernt haben, miteinander zu reden. Der Film hält das für Schicksal. Tatsächlich ist es bloß eine schlecht funktionierende Beziehung mit zu lauter Musik.

    Culpa Tuya: Deine Schuld London Amazon Prime Video Film 2026
    Culpa Tuya – Deine Schuld: London ©Prime Video

    Fazit

    Nach dem kurzen Aufwärtstrend fährt „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ wieder rückwärts. Weniger toxisch als Madrid, aber ebenso substanzlos, bleibt nur eine laut inszenierte Beziehung ohne Tiefe, Reife oder echte romantische Wirkung.

    Bewertung: 1 von 5.
    Amazon Prime Video
  • Over Your Dead Body | Amazon Film – Kritik: Bis dass der Tod sie scheidet

    Over Your Dead Body

    TitelOver Your Dead Body
    Genre Horror, Komödie
    Jahr2026
    FSK18
    RegieTommy Wirkola

    Starttermin: 10.06.2026 | Prime Video

    Samara Weaving entfesselt ein FSK-18-Gemetzel bei Prime Video

    Wo Menschen durch dunkle Wälder stolpern, in blutverschmierten Hochzeitskleidern um ihr Leben rennen oder mit weit aufgerissenen Augen feststellen, dass hinter der nächsten Tür schon wieder jemand mit einem Messer wartet, kann Samara Weaving nicht weit sein. Auch Amazons „Over Your Dead Body“ bestätigt diese inzwischen beinahe naturgesetzliche Verbindung zwischen der australischen Schauspielerin und dem unmittelbar bevorstehenden Ableben. Mal ist es eine exzentrische Schwiegerfamilie, die sie während eines rituellen Versteckspiels zur Strecke bringen will („Ready or Not“). Mal eine fanatische Sekte, die zwischen kahlen Bäumen und religiösem Wahn eine unheimliche Kreatur anbetet („Azrael“). Und manchmal genügt bereits ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag, bis ein Virus auch noch den letzten Rest menschlicher Hemmung aus dem Büroalltag spült („Mayhem“). Ganz gleich, ob die Gefahr zunächst nur leise an die Tür klopft oder bereits mit erhobenem Messer im Wohnzimmer steht: Sobald irgendwo getötet werden kann, gerät Samara Weavings körperliche Unversehrtheit zuverlässig zur Verhandlungsmasse. Kaum eine Darstellerin ihrer Generation musste häufiger schreien, rennen, kämpfen, kriechen, bluten und sich in irgendwelche dunklen Winkel pressen, während der Tod wenige Schritte entfernt ungeduldig mit den Fingern trommelt.

    Over Your Dead Body Amazon Prime Video Film 2026
    Over Your Dead Body ©Independent Film Company

    Spätestens als sogar Ghostface sie in „Scream VI“ durch eine finstere Gasse jagte, war die Krone vergeben: Samara Weaving ist die Scream-Queen ihrer Generation – nicht nur, weil sie so überzeugend um ihr Leben kämpft, sondern weil bei ihr selbst Panik noch aussieht, als hätte sie eine Choreografie. Und wenn sie ausnahmsweise einmal nicht vor dem Tod davonläuft, bringt sie ihn eben selbst mit. Dann macht sie in „The Babysitter“ Jagd auf arglose Teenager oder hetzt Daniel Radcliffe, unfreiwillig beidhändig bewaffnet, durch den grell überdrehten Wahnsinn von „Guns Akimbo“. Weaving kennt beide Seiten des mörderischen Spiels: den kalten Atem im Nacken und das Messer in der eigenen Hand. Für „Over Your Dead Body“ auf Prime Video kommt ihr diese doppelte Erfahrung nun gerade recht. Dort ist sie Jägerin und Gejagte zugleich, wenn sie gemeinsam mit „HIMYM“-Jason Segel ein hoffnungslos unglückliches Ehepaar verkörpert, das zu einer ebenso bitteren wie blutigen Erkenntnis gelangt: Eine Scheidung mag teuer sein – ein gegenseitiger Mord ist allerdings auch nicht gerade die unkomplizierteste Form der Trennung. Wem dieser Ehekrieg mit Ferienhaus, Mordabsichten und eskalierender Gewalt verdächtig bekannt vorkommt, dürfte sofort an Tommy Wirkolas „The Trip – Ein mörderisches Wochenende“ denken – und liegt mit diesem Verdacht auch vollkommen richtig.

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    Mit „Over Your Dead Body“ liefert Amazon den blutigsten Rosenkrieg des Jahres

    „Over Your Dead Body“ nämlich präsentiert sich als nicht minder zeigefreudiges US-Remake der norwegischen Ehestreitgroteske von 2021, in der schon Noomi Rapace und Aksel Hennie ihre zerrüttete Beziehung lieber mit stumpfen Gegenständen als mit offenen Gesprächen zu retten versuchten. Tommy Wirkola sollte den Rosenkrieg ursprünglich selbst noch einmal für Hollywood aufwärmen, zog sich während der langen Entwicklungsphase jedoch vom blutverschmierten Ehebett zurück. Den Platz auf dem Regiestuhl übernahm Jorma Taccone, Mitglied des Comedy-Trios „The Lonely Island“ und verantwortlich für den hemmungslos albernen Irrsinn von „MacGruber“ und „Popstar: Never Stop Never Stopping“. Eine durchaus passende Wahl für einen Film, der schlechte Kommunikation nicht mit Paartherapie beantwortet, sondern mit Mordwerkzeugen, Kollateralschäden und der Hoffnung, dass nach dem großen Knall wenigstens einer von beiden den gemeinsamen Hausstand behalten darf. Dass Taccone hierbei nicht bloß als Verwalter eines fremden Blutbads antritt, zeigt sich bereits daran, wie selbstverständlich „Over Your Dead Body“ die Ausgangslage in seinen eigenen komödiantischen Rhythmus überführt. Die Geschichte bleibt dabei unverkennbar dieselbe. Wer „The Trip“ kennt, wird viele Stationen wiedererkennen – stellenweise gar eins zu eins. Doch Taccone behandelt diese Nähe nicht wie eine Verpflichtung, sondern wie eine bereits aufgebaute Bühne, auf der er den Zynismus höher stapeln, die Figuren deutlicher zuspitzen und die Gewalt noch etwas weiter über die Geschmacksgrenze hinausschieben kann. Gerade der Humor profitiert davon. Wo Tommy Wirkola seine Ehehölle mit jener trockenen norwegischen Bosheit inszenierte, mischt Taccone der rabenschwarzen Verbindung aus gegenseitiger Verachtung und Mordlust jene hemmungslose Comedy bei, die schon die Arbeiten von „The Lonely Island“ prägte. Der Witz liegt hier nicht darin, dass Menschen einander töten wollen, sondern darin, wie erschreckend kleinlich ihre Gründe dafür erscheinen.

    Over Your Dead Body Amazon Prime Video Film 2026
    Over Your Dead Body ©Independent Film Company

    Jason Segel und Samara Weaving sind dafür ein überzeugenderes Gespann. Wo Noomi Rapace und Aksel Hennie im Original ihre eheliche Feindschaft betont schroff und verbissen spielten, geben Segel und Weaving ihr mehr Beweglichkeit, ohne dass das Amazon Original sie deshalb zu heimlichen Sympathieträgern verklären müsste. Auch in Sachen Gewalt legt Taccone sichtbar nach. „Over Your Dead Body“ versteht seine blutige Eskalation nicht als notwendiges Übel, sondern als kreativen Wettbewerb. Das Blut spritzt noch etwas großzügiger als bei Wirkola, den Treffern wohnt mehr kreativer Einfallsreichtum inne und das Gemetzel folgt einer klaren, makabren Choreografie. Dass die Handlung dabei kaum versucht, ihre Herkunft zu verschleiern, lässt sich allerdings nicht bestreiten. „Over Your Dead Body“ folgt dem norwegischen Vorbild über weite Strecken so eng, dass kaum Raum für echte Neuerfindungen bleibt. Doch gerade im direkten Vergleich zeigt sich, dass Originalität nicht ausschließlich darin besteht, eine völlig neue Geschichte zu erzählen. Manchmal reicht es, eine bekannte Konstruktion mit dem besseren Timing, einem stärkeren Ensemble und einem klareren Gefühl dafür zu versehen, wann ein makabrer Einfall noch eine Stufe weitergetrieben werden muss. Somit erfindet Jorma Taccone den blutigen Ehestreit nicht neu. Er sorgt lediglich dafür, dass er diesmal ein Stückchen härter trifft, häufiger zündet und unterm Strich noch etwas besser funktioniert als die ohnehin schon solide Vorlage. 

    Over Your Dead Body Amazon Prime Video Film 2026
    Over Your Dead Body ©Independent Film Company

    Fazit

    „Over Your Dead Body“ übernimmt den mörderischen Ehekrieg von „The Trip“ fast unverändert, findet unter Jorma Taccone aber den besseren Rhythmus. Mehr schwarzer Humor, einfallsreichere Gewalt und das überzeugendere Zusammenspiel von Samara Weaving und Jason Segel machen aus der bekannten Geschichte das stärkere Gesamtpaket.

    Bewertung: 3.5 von 5.
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  • Farben des Bösen: Schwarz | Netflix Film – Kritik: Lohnt sich der Thriller?

    Farben des Bösen: Schwarz

    TitelFarben des Bösen: Schwarz
    Genre Thriller, Krimi
    Jahr2026
    FSK16
    RegieAdrian Panek

    Starttermin: 10.06.2026 | Netflix

    Trotz grauer Routine: Netflix-Flop bekommt düsteres Sequel 

    Rot ist die Farbe der Liebe – für Thriller-Fans bedeutete sie vor zwei Jahren allerdings vor allem eines: gepflegte Langeweile. Der polnische Ermittlungsthriller „Farben des Bösen: Rot“ entpuppte sich trotz makabrem Mordszenario als graues Mäuschen von der Stange, das sein farbliches Titelmotiv irgendwo zwischen Aktenordnern, finsteren Blicken und Netflix-Routine verscharrte. Nun folgt also „Farben des Bösen: Schwarz“. Schon der Titel klingt, als hätte jemand beschlossen, das Versagen des Vorgängers einfach mit einer dunkleren Farbe zu überstreichen – und das Ergebnis liefert den filmischen Beweis. Inhaltlich führt es den Staatsanwalt Leopold Bilski (Jakub Gierszał) in die Kaschubei, wo ein kleiner Junge spurlos verschwindet und ein älterer Vermisstenfall plötzlich wieder Schatten wirft. Dazu kommen verschlossene Bewohner, alte Schuld, ländlicher Aberglaube und natürlich die übliche Ahnung, dass in dieser Gegend vermutlich niemand ganz unschuldig ist. Das klingt auf dem Papier nach jener Sorte Thriller, die ihre Spannung aus Schweigen, Verdrängung und kollektiver Fäulnis zieht. Auf dem Bildschirm sieht es leider eher aus wie die Serienversion eines sehr ernsten Moodboards.

    Farben des Bösen: Schwarz Netflix Film 2026
    Farben des Bösen: Schwarz ©Netflix

    Die Kaschubei wird in „Farben des Bösen: Schwarz“ nicht zum atmenden Schauplatz, sondern zur schwarz lackierten Kulisse. Ein paar mürrische Gesichter, ein paar karge Straßen, ein bisschen Aberglaube im Hintergrund – fertig ist die Netflix-Provinz aus dem Baukasten für nordosteuropäische Ermittlungsdepression. Alles soll nach Finsternis riechen, riecht aber eher nach Produktionsdesign. Der Film stellt seine Düsternis aus wie ein Möbelstück: ordentlich platziert, korrekt ausgeleuchtet, dekorativ ungemütlich. Nur bedrohlich wird sie selten. Als würde man das Ikea-Sortiment online im augen- und akkuschonenden Dark Mode des Browsers durchscrollen. Dabei wäre genug Material da. Ein verschwundenes Kind. Eine Gemeinschaft, die sich in Ausreden eingerichtet hat. Ein Ort, an dem Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern nur schlecht vergraben. „Farben des Bösen: Schwarz“ streift immer wieder die Idee, dass das eigentliche Grauen nicht im einzelnen Verbrechen liegt, sondern in der Bequemlichkeit derer, die weggesehen haben. Genau dort hätte der Film unangenehm werden können. Hätte.

    Filmpodcast Netflix

    Rot, Schwarz – und am Ende vor allem grau

    Stattdessen verkriecht sich die Handlung in routiniert abgewickelter Ermittlungsmechanik. Hinweise werden gefunden, erklärt, erneut erklärt und anschließend mit einem weiteren Hinweis verklebt. Figuren betreten Szenen, um Informationen abzuladen, und verschwinden wieder im Dunkel der Zweckmäßigkeit. Kaum entsteht einmal so etwas wie Spannung, wird sie von Dialogen zerredet, die klingen, als hätte jemand die Fallakte in Drehbuchform gegossen. Das Ergebnis ist kein Sog, sondern Verwaltung. Noch ärgerlicher ist, dass „Farben des Bösen: Schwarz“ sich permanent wichtiger nimmt, als er ist. Jede Szene wird auf Bedeutung getrimmt, jede Pause mit Schwere vollgepumpt, jede Enthüllung bekommt den dramatischen Trommelwirbel eines Films, der überzeugt ist, gerade in sehr tiefe Abgründe zu blicken. Doch je länger diese Finsternis beschworen wird, desto sichtbarer werden ihre Ränder. Dahinter wartet kein Abgrund, sondern ein weiterer sauber sortierter Netflix-Thriller, der lieber düster aussieht, als wirklich weh zu tun.

    Farben des Bösen: Schwarz Netflix Film 2026
    Farben des Bösen: Schwarz ©Netflix

    Im Vergleich zu „Rot“ ist „Schwarz“ vielleicht der etwas stimmungsvollere Film. Das ist allerdings ungefähr so, als würde man einen lauwarmen Kaffee dafür loben, dass er nicht ganz kalt ist. Die Reihe macht minimale Fortschritte, bleibt aber in denselben Problemen stecken: blasse Figuren, hölzerne Dialoge, eine überfrachtete Handlung und eine Hochglanzästhetik, die jeden Schmutz sofort wieder wegpoliert. Schwarz steht für das Unbekannte, das Verborgene, die Angst vor dem, was sich im Dunkeln regt. Hier steht es vor allem für einen Thriller, der verzweifelt geheimnisvoll wirken möchte und dabei vergisst, interessant zu sein. „Farben des Bösen: Schwarz“ malt alles dunkler an, aber unter der frischen Schicht bleibt derselbe matte Untergrund. Das zeigt sich bis zum Finale, dem jede Gravitas fehlt. Wo andere Genrefilme im Showdown die Muskeln spielen lassen und frühere Schwächen mit einem Schlag vergessen machen, reicht es hier nur für ein müdes Achselzucken. Die Auflösung macht das Vorangegangene nicht besser – sie erklärt die erzählerische Armut lediglich zu Ende.

    Farben des Bösen: Schwarz Netflix Film 2026
    Farben des Bösen: Schwarz ©Netflix

    Fazit


    „Farben des Bösen: Schwarz“ ist ein etwas stimmungsvollerer, aber kaum besserer Nachfolger zu „Farben des Bösen: Rot“. Der Netflix-Thriller besitzt genug Motive für ein beklemmendes Provinzdrama über Schuld, Verdrängung und kollektives Wegsehen, macht daraus aber erneut nur routinierte Ermittlungsware mit düsterer Oberfläche. Viel Schwere, wenig Sog. Viel Finsternis, wenig Abgrund. Am Ende bleibt ein Film, der Schwarz verspricht, aber vor allem grau liefert.

    Bewertung: 1.5 von 5.
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  • México 86 | Netflix Film – Kritik: Hinter den Kulissen der WM 1986

    México 86

    TitelMéxico 86
    Genre Sport, Biopic
    Jahr2026
    FSK12
    RegieGabriel Ripstein

    Starttermin: 05.06.2026 | Netflix

    Netflix enttarnt das Sommermärchen als Millionengeschäft

    Die WM steht vor der Tür. Vier Wochen Ausnahmezustand. Der Geruch von Grillkohle zieht durch Kleingärten, Bierkästen werden in Garagen gestapelt und plötzlich interessieren sich Menschen wieder für Länder, die sie sonst nicht einmal auf einer Karte finden würden. Fahnen hängen aus Schlafzimmerfenstern, Laien werden zu Bundestrainern und irgendwo sitzt immer ein Kind vor dem Fernseher, das gerade seine erste Weltmeisterschaft erlebt und noch glaubt, dass Fußball ausschließlich aus Emotionen besteht. Für viele Menschen ist die WM mehr als nur ein Turnier. Sie ist Erinnerung. An Sommerferien. An lange Abende mit den Eltern auf der Couch. An Elfmeterschießen, bei denen man nicht wusste, ob man jubeln oder weinen soll. An diese seltenen Momente, in denen Millionen Menschen gleichzeitig dieselbe Hoffnung teilen. Und dann wird man älter. Irgendwann liest man zum ersten Mal das Wort FIFA in einer Schlagzeile, die nichts mit Fußball zu tun hat. Irgendwann begreift man, dass hinter den Trikots, den Hymnen und den Traumtoren ein milliardenschweres Geschäft steht. Ein Geschäft voller Machtspiele, politischer Interessen, Lobbyismus und Männer in teuren Anzügen, die von der Liebe zum Fußball sprechen, während sie im Hintergrund Verträge aushandeln. Willkommen in der Welt von Netflix’ „México 86“.

    México 86 Netflix Film 2026
    México 86 ©Netflix

    Das Netflix Original interessiert sich nicht für den Sport auf dem Platz. Es interessiert sich für die Menschen hinter den Kulissen. Für jene, die darüber entscheiden, wo Weltmeisterschaften stattfinden, wer davon profitiert und welche Versprechen, Drohungen oder Gefälligkeiten notwendig sind, damit am Ende die richtige Nation den Zuschlag erhält. Im Mittelpunkt steht Martín de la Torre, gespielt von Diego Luna. Ein ehrgeiziger Funktionär, der unbedingt erreichen will, dass die Weltmeisterschaft 1986 nach Mexiko kommt. Ein Mann, dessen moralischer Kompass ungefähr so zuverlässig arbeitet wie ein Wetterbericht für das nächste Jahrzehnt. Beruflich manipuliert er, wo er kann. Privat betrügt er seine Frau, pflegt eine Affäre und verfolgt letztlich immer nur ein Ziel: seinen eigenen Aufstieg. Sympathisch ist das nicht. Unterhaltsam schon. Das Kino liebt solche Figuren seit Jahrzehnten. Jordan Belfort machte in „The Wolf of Wall Street“ Betrug zu einer Party. Dick Cheney wurde in „Vice“ zum Symbol politischer Machtgier. „The Big Short“ verwandelte die Finanzkrise in ein zynisches Unterhaltungsstück über Menschen, die aus dem Zusammenbruch eines Systems Profit schlagen. „México 86“ bewegt sich klar in dieser Tradition.

    Filmpodcast Netflix

    Die wahre Geschichte hinter der WM 1986

    Der Film präsentiert seinen Protagonisten nicht als Helden, sondern als jemanden, dessen größte Stärke darin besteht, keine Skrupel zu besitzen. Die eigentliche Überraschung besteht dabei weniger in seinen Methoden als in der Erkenntnis, dass nahezu alle anderen Figuren genauso funktionieren. Jeder verfolgt eigene Interessen. Jeder versucht, den anderen auszutricksen. Jeder spricht von Idealen, meint aber Geld, Einfluss oder Macht. Doch anders als in „The Wolf of Wall Street“ leiden hier nicht die Menschen am unteren Ende der Nahrungskette. Niemand verliert seine Altersvorsorge. Niemand verliert sein Haus. Stattdessen beobachtet man Präsidenten, Verbandsbosse, Lobbyisten und Funktionäre dabei, wie sie sich gegenseitig übers Ohr hauen wollen. Menschen, die ohnehin alle am selben Tisch sitzen und sich lediglich darüber streiten, wer das größere Stück vom Kuchen bekommt. Das macht die Vorgänge nicht moralischer – erstaunlich unterhaltsam. Vielleicht auch deshalb, weil die Realität längst jede Satire überholt hat. Wer heute an die FIFA denkt, denkt selten zuerst an Fußball. Man denkt an Korruptionsskandale, dubiose Vergaben und an eine Weltmeisterschaft in Katar, die von Diskussionen über Menschenrechte, Arbeitsbedingungen von Gastarbeitern und politische Einflussnahme begleitet wurde. Man denkt an Gianni Infantino, dessen öffentliche Auftritte eher an einen Konzernchef erinnern als an den Präsidenten eines Sportverbands. Vor diesem Hintergrund wirkt „México 86“ beinahe nostalgisch. Nicht weil die Menschen damals besser gewesen wären. Sondern weil ihre Skandale kleiner wirken. Weil ihre Intrigen persönlicher erscheinen. Weil die Korruption noch nicht den globalisierten Größenwahn erreicht hatte, den man heute beinahe als Normalzustand akzeptiert.

    México 86 Netflix Film 2026
    México 86 ©Netflix

    „México 86“ macht aus dieser Welt keine investigative Enthüllung. Er besitzt nicht die Schärfe eines Dokumentarfilms und auch nicht die politische Wucht eines großen Gesellschaftsdramas. Stattdessen setzt er auf Tempo, Ironie und den Spaß daran, Menschen bei ihren Machtspielen zuzusehen. Das gelingt über weite Strecken überraschend gut. Die Inszenierung erinnert unverkennbar an Werke wie „Vice“ oder „The Big Short“. Die Kamera bleibt ständig in Bewegung, die Dialoge sind schnell, die Figuren reden viel und oft gleichzeitig, während sich politische Entscheidungen wie ein Börsenspiel entwickeln. Der Film vermittelt permanent das Gefühl, dass hinter jeder Tür ein neuer Deal abgeschlossen wird. Dabei entsteht ein angenehmer Sog. Man möchte wissen, welcher Plan als Nächstes geschmiedet wird. Welche Allianz zerbricht. Wer wen verrät. „México 86“ versteht, dass Machtgeschichten selten durch ihre Ergebnisse spannend werden, sondern durch die Menschen, die glauben, alles kontrollieren zu können. Diego Luna trägt den Film dabei souverän. Seine Darstellung besitzt genug Charisma, um die Figur interessant zu halten, ohne ihre Unsympathien zu verharmlosen. Dennoch bleibt er letztlich der größte Unterschied zu den Filmen, an denen sich „México 86“ offensichtlich orientiert.

    México 86 Netflix Film 2026
    México 86 ©Netflix

    Nicht der neue „The Wolf of Wall Street“, aber solide

    Denn was Leonardo DiCaprio für „The Wolf of Wall Street“ war oder Christian Bale für „Vice“, besitzt dieser Film nicht. Es fehlt die ikonische Performance. Es fehlt jener eine Darsteller, der jede Szene an sich reißt und aus einem guten Film einen unvergesslichen macht. „Mexico 86“ macht im Grunde beinahe alles richtig. Er ist flott erzählt, gut gespielt und thematisch interessant. Er besitzt Humor, Tempo und ausreichend Biss, um über seine gesamte Laufzeit zu unterhalten. Gleichzeitig fühlt sich fast jede seiner Ideen vertraut an. Man erkennt die Vorbilder in nahezu jeder Szene. Der Film folgt einer bewährten Formel und verlässt sie kaum jemals. Das Ergebnis ist ein Werk, das funktioniert, ohne jemals wirklich zu überraschen. Man hat Spaß daran. Man verfolgt die Geschichte interessiert. Man schmunzelt über die Absurditäten eines Systems, das längst niemand mehr ernsthaft für sauber hält. Doch sobald der Abspann läuft, bleibt erstaunlich wenig zurück. Trotzdem ist „México 86“ ein unterhaltsamer Blick hinter die Kulissen eines Geschäfts, das sich gerne als Sport verkauft. Kein großer Wurf, kein neuer Klassiker des satirischen Biopics, aber ein solider Vertreter eines Genres, das Netflix inzwischen regelmäßig bedient. Und manchmal reicht das eben.

    México 86 Netflix Film 2026
    México 86 ©Netflix

    Fazit

    „México 86“ steht klar in der Tradition von „The Wolf of Wall Street“, „Vice“ und „The Big Short“: Macht, Gier und Korruption werden als bitter-komische Farce erzählt. Der Film erreicht nie die Schärfe oder ikonische Energie seiner Vorbilder, funktioniert aber als flotte, zynische Satire über ein Geschäft, das sich als Fußballromantik tarnt.

    Bewertung: 3 von 5.
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  • Die Unbekannte vom Hafen | Netflix Film – Kritik: Thriller oder Algorithmus?

    Die Unbekannte vom Hafen

    TitelDie Unbekannte vom Hafen
    Genre Thriller, Krimi
    Jahr2026
    FSK16
    RegieGabe Ibáñez

    Starttermin: 05.06.2026 | Netflix

    „Die Unbekannte vom Hafen“ und das Rätsel der fehlenden Identität 

    Eine Frau wird gefesselt in einem Schiffscontainer gefunden, ohne Erinnerung daran, wer sie ist, wie sie dort gelandet ist und weshalb irgendjemand offenbar bereit ist, sie unmittelbar nach ihrer Rettung erneut zum Schweigen zu bringen. Gleichzeitig folgt „Die Unbekannte vom Hafen“ einer Ermittlerin, die selbst die Schatten ihrer Vergangenheit mit sich trägt und sich in einem Fall wiederfindet, dessen Antworten hinter immer neuen Sackgassen verschwinden. Eigentlich ist das genau jene Ausgangslage, aus der große Thriller ihre beklemmendsten Momente ziehen. Doch während Clara und Anna den Bruchstücken einer Geschichte hinterherjagen, die von verschwundenen Menschen, Korruption und verborgenen Verbindungen erzählt, drängt sich eine ganz andere Erkenntnis in den Vordergrund. Die eigentliche Herausforderung des spanischen Netflix Films besteht nicht darin, sein Rätsel zu lösen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sich daran zu erinnern, wann man diese Geschichte nicht schon einmal gesehen hat.

    Die Unbekannte vom Hafen Netflix Film 2026
    Die Unbekannte vom Hafen ©Netflix

    Denn je länger „Die Unbekannte vom Hafen“ läuft, desto stärker entsteht das Gefühl, weniger einem eigenständigen Werk als vielmehr einer Art Netflix-Genresynthese zuzusehen. Da ist die Frau ohne Gedächtnis, die nach und nach verdrängte Wahrheiten freilegt. Da sind die undurchsichtigen Ermittlungsstrukturen, die korrumpierten Machtverhältnisse, die düsteren Hafenanlagen, die kryptischen Hinweise und die schrittweise Enthüllungsdramaturgie, die sich in exakt jenem Tempo entfaltet, das möglichst lange den Eindruck von Komplexität aufrechterhalten soll. Nichts davon ist handwerklich schlecht. Aber nahezu alles wirkt wie das Ergebnis einer jahrelangen Erfolgsmusteranalyse, bei der jedes Element sorgfältig darauf überprüft wurde, ob es bereits irgendwo funktioniert hat. Die Inszenierung von Gabe Ibáñez bleibt dabei kompetent, aber körperlos. Die Bilder erfüllen ihren Zweck, die Atmosphäre zeigt Präsenz, die Spannungsarchitektur steht auf stabilen Fundamenten. Doch weder die visuelle Gestaltung noch die Erzählweise entwickeln eine Identität, die über das reine Funktionieren hinausgeht. Es gibt keinen Moment, der unverwechselbar wirkt. Kein Bild, das sich einbrennt. Keine Szene, die plötzlich erkennen lässt, weshalb genau dieser Film erzählt werden musste.

    Filmpodcast Netflix

    Wie das Ende der Originalität den Erfolg von Netflix erklärt

    Während die Ermittlungen schließlich auf eine kriminelle Organisation, eine verschwundene Schwester und korrupte Polizeistrukturen zulaufen, verstärkt sich dieses Problem zunehmend. Die Handlung bewegt sich von Wendung zu Wendung, doch jede Enthüllung fühlt sich an wie ein weiterer Eintrag in einer längst vertrauten Genrebausteinsammlung. Das liegt nicht einmal daran, dass die Auflösung besonders schwach wäre. Es liegt vielmehr daran, dass die gesamte Erzählkonstruktion bereits früh ihre Mechanik offenlegt. Man erkennt die Bewegungsrichtung der Geschichte lange bevor sie dort ankommt. Was einst Spannung erzeugte, erzeugt heute vor allem Wiedererkennung. Und Wiedererkennung allein ist für einen Thriller ein gefährlicher Zustand. Denn sobald das Publikum beginnt, nicht mehr der Geschichte, sondern den Produktionsmustern hinter der Geschichte zu folgen, verliert das Geheimnis seinen Reiz. Die Figuren suchen nach Antworten, während die Zuschauerschaft längst damit beschäftigt ist, bekannte Erzählschablonen abzuhaken – ein mittlerweile beinahe archetypisches Netflix-Problem.

    Die Unbekannte vom Hafen Netflix Film 2026
    Die Unbekannte vom Hafen ©Netflix

    Vielleicht erklärt genau das auch, weshalb Filme wie „Die Unbekannte vom Hafen“ dennoch regelmäßig in den Netflix-Charts auftauchen. Nicht, weil sie außergewöhnlich wären. Sondern weil sie die Logik einer Plattform perfekt bedienen, die Aufmerksamkeit oft höher bewertet als Nachhaltigkeit. Solche Produktionen verfügen über starke Prämissen, eingängige Vorschaubilder und ausreichend Spannungssimulation, um für zwei Stunden Interesse vorzugaukeln. Sie verlangen wenig, liefern Unterhaltung – oder zumindest so etwas in der Art – und doch hinterlassen sie kaum Reibungsflächen. Wo früher eigenwillige Handschriften, erzählerische Risiken oder charakteristische Bildsprachen standen, findet man heute häufig austauschbare Streamingkompatibilitätsdramaturgien, die darauf ausgelegt sind, möglichst vielen Menschen gleichzeitig zu gefallen. „„Die Unbekannte vom Hafen“ funktioniert ähnlich wie jüngst auch „The Woman in Cabin 10“ – ein gleichermaßen erschreckend symptomatischer Film mit derselben Fehleinschätzung von echten Unterhaltungswerten. Denn Unterhaltung entsteht nicht allein durch Vertrautheit, sondern durch Reibung, Überraschung und Persönlichkeit. Als hätte der Algorithmus beschlossen, dass Wiedererkennbarkeit wichtiger ist als Eigenständigkeit. 

    Die Unbekannte vom Hafen Netflix Film 2026
    Die Unbekannte vom Hafen ©Netflix

    Fazit

    Vielleicht ist „Die Unbekannte vom Hafen“ weniger ein schlechter Film als ein Symptom seiner Zeit. Einer Zeit, in der Wiedererkennbarkeit wichtiger geworden ist als Persönlichkeit und Verlässlichkeit wichtiger als Überraschung. Eine Geschichte, die genauso funktioniert, wie sie funktionieren soll. Das Problem ist nur, dass man sie in dem Moment, in dem man sie sieht, bereits wieder vergessen hat.

    Bewertung: 1.5 von 5.
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  • Office Romance | Netflix Film – Kritik: Zwischen Karriere und Romantik

    Office Romance

    TitelOffice Romance
    Genre Romanze, Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieOl Parker

    Starttermin: 05.06.2026 | Netflix

    Netflix sucht die Liebe am Arbeitsplatz 

    Catfishing, belanglose Bargespräche, leergewischte Dating-Apps und die letzten Zuckungen der Freundeskreisverkupplung: Wer 2026 noch nach Liebe sucht, braucht vor allem Geduld. Menschen sitzen einander gegenüber, erzählen zum wiederholten Mal dieselbe Lebensgeschichte und hoffen, dass aus höflichem Interesse irgendwann so etwas wie Schicksal wird. Vielleicht liegt genau darin die Romantik des Arbeitsplatzes. Dort fällt das inszenierte Kennenlern-Theater irgendwann von selbst in sich zusammen. Zwischen Termindruck, Müdigkeit und gereiztem Schweigen bröckelt die Fassade – und darunter erscheint, mit etwas Glück, ein Mensch. Netflix’ „Office Romance“ setzt auf genau diese Idee. Jackie Cruz, gespielt von Jennifer Lopez („The Mother“, „Atlas“), leitet erfolgreich eine Fluggesellschaft. Daniel Blanchflower, gespielt von Brett Goldstein („Ted Lasso“), ist der Unternehmensjurist derselben Firma. Beide arbeiten zusammen, beide kommen einander näher, und bald steht nicht nur ihre Beziehung, sondern auch Jackies berufliche Integrität auf dem Spiel.

    Office Romance Netflix Film 2026
    Office Romance ©Netflix

    Das klingt nach klassischem RomCom-Material: heikle Machtverhältnisse, berufliche Verstrickungen, ein wenig Chaos, dazu Betty Gilpin („American Primeval“) als Vertraute an Jackies Seite. Doch „Office Romance“ findet aus dieser Ausgangslage nichts Eigenes. Schon der Auftakt wirkt bemüht. Jackie und Daniel sitzen in einem Restaurant, allerdings nicht miteinander, sondern bei jeweils misslungenen Dates. Ihr Gegenüber bricht in Tränen aus, sobald die Heimatstadt seiner Exfrau erwähnt wird. Sein Date trinkt zu viel und macht den Abend zunehmend unangenehm. Das soll vermutlich ein schräges kleines Feuerwerk der Peinlichkeit sein, verpufft aber fast sofort. Die Pointen kommen zu früh, zu laut und trotzdem ohne Timing. Man erkennt jeden bemüht platzierten Gag lange bevor er ausgesprochen wird und wartet dann nur noch darauf, dass das Netflix ihn endlich selbst bemerkt. Der Humor wirkt konstruiert, ohne Beobachtung, ohne Rhythmus, ohne jenen kleinen Stich Wahrheit, der selbst einfache Komödien tragen kann.

    Filmpodcast Netflix

    Wenn die Romantik die Kündigung einreicht 

    Vor allem aber fehlt „Office Romance“ das Entscheidende: Chemie. Jennifer Lopez und Brett Goldstein stehen nebeneinander, reden miteinander – und doch entsteht kaum etwas, das über kollegiale Höflichkeit hinausgeht. Selbst jene klassische RomCom-Reibung, aus der sich irgendwann Zuneigung entwickeln könnte, bleibt aus. Wo Funken fliegen müssten, herrscht eine seltsam sterile Freundlichkeit. Das Drehbuch behauptet Liebe, aber es zeigt sie nicht. Es schiebt zwei Figuren aufeinander zu und tut dann überrascht, dass kein Funke überspringt. Genau hier liegt das Problem vieler Netflix-Romanzen („Groom & Two Wifes“, „Mango“): Sie erzählen nicht vom Verlieben, sie simulieren es. Gefühle werden wie Pflichtprogrammpunkte gesetzt, alte Tropen aus dem Klischeebaukasten gezogen und so glatt poliert, dass nichts mehr daran hängen bleibt. Alles wirkt überkandiert, glattgezogen, berechenbar – und erstaunlich leblos. Liebe hat hier selten etwas Dringliches oder Unordentliches. Sie ist eine Excel-Tabelle in Gestalt einer Liebesgeschichte. „Office Romance“ fügt sich darin nahtlos ein. 

    Office Romance Netflix Film 2026
    Office Romance ©Netflix

    Bei fast zwei Stunden Laufzeit wird diese emotionale Leerstelle zunehmend zur Belastungsprobe – und das selbst für selbst für unverbesserliche Romantikfans. „Office Romance“ wird nicht von seinen Klischees erdrückt, sondern von der Einfallslosigkeit, mit der er sie abarbeitet. Statt scharf geschriebener Wortgefechte gibt es Dialoge ohne Biss, statt temporeicher Missverständnisse nur brav abgearbeitete Situationen, statt heimlicher Blicke lediglich Momente, die kurz so tun, als schlüge im Inneren der leeren Figuren ein Herz. Alles bleibt flach, kontrolliert und seltsam unbeteiligt. Am Ende verlieben sich Jackie und Daniel natürlich trotzdem. Das verlangt das Genre. Nur müsste der Film bis dahin wenigstens eine Ahnung davon vermittelt haben, warum ausgerechnet diese beiden Menschen einander brauchen. Stattdessen wirkt ihre Annäherung wie eine erzählerische Formalität, die irgendwann eben abgehakt werden muss. Es reicht nicht, zwei Figuren lange genug nebeneinanderzustellen, bis der Abspann Mitleid bekommt.

    Office Romance Netflix Film 2026
    Office Romance ©Netflix

    Fazit

    „Office Romance“ fühlt sich an wie eine Wordvorlage für romantische Komödien: Die Überschriften sind gesetzt, die Leerstellen brav ausgefüllt, jeder vertraute Baustein sitzt an seinem vorgesehenen Platz. Doch zwischen all den sauber formatierten Gefühlen findet sich kein Herzschlag. 

    Bewertung: 1 von 5.
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