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Filme | Kritiken
  • Normal | Film – Kritik: Der normale Wahnsinn trägt Winterjacke

    Normal

    TitelNormal
    Genre Action, Thriller
    Jahr2026
    FSK18
    RegieBen Wheatley

    Heimkinostart: 31.07.2026

    Ein Actionfilm, der seinen Titel Lügen straft

    Normal klingt nach beige. Nach Mittelfeld, Mehrheitsentscheidung, Alltagsverwaltung. Nach Menschen, die in der Schlange nicht vordrängeln, aber auch nie etwas sagen würden, wenn es jemand anderes tut. Normal ist kein Versprechen, sondern ein Achselzucken. Für einen Actionfilm also denkbar schlechtes Ausgangsmaterial, denn normale Actionfilme gibt es inzwischen nicht nur wie Sand am Meer, sondern wie Patronenhülsen nach einem John-Wick-Finale. Männer mit Vergangenheit. Kleinstädte mit Geheimnissen. Eine Bank, ein Überfall, ein Held wider Willen. Alles schon gesehen. Mehrfach. In Zeitlupe. Mit schlechterem Schnitt. Dass „Normal“ ausgerechnet aus dieser Wiedererkennungskiste einen der unterhaltsameren Genrebeiträge des Jahres baut, ist deshalb fast schon eine kleine Frechheit. Nichts an den Einzelteilen ist neu. Ihre Zusammensetzung aber hat einen sehr eigenen Knall.

    Normal Film 2026
    Normal ©LEONINE

    Ulysses Richardson (Bob Odenkirk) kommt als vorübergehender Sheriff in das verschneite Städtchen Normal, Minnesota. Der bisherige Gesetzeshüter ist tot, der Ort wirkt schläfrig, die Menschen freundlich bis leicht sonderbar, und alles sieht erst einmal so aus, als müsste hier höchstens ein entlaufener Hund eingefangen oder ein Streit im Tante-Emma-Laden geschlichtet werden. Dann wird eine Bank überfallen. Ulysses greift ein, tut, was ein Sheriff eben tut, und merkt dabei ziemlich schnell, dass in Normal ungefähr nichts normal ist. Hinter der gepflegten Kleinstadtfassade liegt ein Geheimnis, das nicht nur ein paar Bewohner betrifft, sondern den ganzen Ort in eine Art Verschwörungsschneekugel verwandelt. Einmal kräftig geschüttelt, und plötzlich fliegen nicht mehr nur Flocken.

    Filmpodcast

    Fargo-Schnee, Wick-Bodycount und Wheatley-Wahnsinn

    Wer „John Wick“ kennt, wer irgendeinen x-beliebigen Liam-Neeson-Spätphasenprügler kennt, wer „Fargo“ kennt, kennt auch „Normal“. Nur eben nicht in diesem Zusammenschluss. Wenn Wick sich durch Menschenmengen schießt, dann in einem abstrakten Unterweltuniversum aus Goldmünzen, Neonlicht und Killeretikette. Hier aber stehen einheimische Ladenbesitzer, unfähige Deputys, grantige Nebenfiguren und alte Damen mit erstaunlich belastbarem Nervenkostüm im Weg. Wenn Liam Neeson im Rentenalter zuschlägt, dann meist mit der trockenen Effizienz eines Mannes, der nur noch schnell seine Tochter, seinen Sohn, seine Würde oder irgendeinen anderen dramaturgischen Wertgegenstand retten möchte. Bob Odenkirk dagegen greift zur Bazooka im Eins-gegen-eins – und aus dem Gegner wird plötzlich nur noch ein sehr roter Vorschlag von Mensch. Und wenn in „Fargo“ im Schnee Verbrechen geplant und Dialoge getauscht werden, dann zynisch, gemein, oft leise. „Normal“ nimmt diese frostige Kleinstadtkomik und jagt ihr ein brachiales Actionfeuerwerk unter den Hintern. Das funktioniert, weil der Film seinen Ton erstaunlich genau trifft. Die Dialoge haben diesen trockenen, leicht vergifteten Humor, bei dem nicht jede Pointe mit dem Ellenbogen in die Rippen stößt. Ben Wheatley inszeniert das nicht als ehrfürchtige Genreverbeugung, sondern als Blut-und-Schnee-Groteske mit erstaunlich viel Rhythmus. Der Schnitt sitzt. Die Eskalation hat Druck. Und wenn die Gewalt kommt, dann kommt sie nicht halbherzig, sondern ultrabrutal, cartoonhaft, absurd komisch – nur leider manchmal auch ziemlich dunkel. Etwas mehr Wintersonne hätte dem Gemetzel gutgetan.

    Normal Film 2026
    Normal ©LEONINE

    Gerade diese Überzeichnung bewahrt „Normal“ davor, nur ein weiterer Odenkirk-prügelt-wieder-Film zu sein. Natürlich spielt der Film mit der „Nobody“-Persona, mit diesem immer noch leicht unwahrscheinlichen Bild eines Mannes, der aussieht, als könne er einem die Steuererklärung erklären und anschließend mit demselben Kugelschreiber einen Gangster kampfunfähig machen. Aber Odenkirk trägt diese Rolle nicht als Machofantasie. Er hat Müdigkeit im Gesicht. Zwischen all den Kugeln, Gedärmen und Kleinstadtfratzen bleibt Ulysses ein Mensch, der eigentlich längst woanders sein müsste, aber nun einmal hier steht, mitten im winterlichen Blutbad. Das macht „Normal“ zu einem Film, der sein bekanntes Actiongerüst nicht neu erfindet, aber erfreulich schräg zusammensetzt. Er schraubt Fargo-Schnee, Westernmoral, Wick-Bodycount und schwarzen Humor daran und jagt das Ding dann mit quietschenden Bremsen durch die finstere Winternacht. Am Ende liegt der Schnee nicht mehr rein da, sondern voller Blut, Gehirn, Gedärm und schlechter Entscheidungen. Umso lieber hätte man manchmal das Licht etwas länger angelassen, damit dieses hübsch hässliche Gemetzel auch seinen vollen Kontrasteffekt entfalten kann. Die FSK hätte diesem Treiben vermutlich schon aus Selbstschutz kaum weniger gegeben. Normal ist daran fast nichts. Zum Glück. 

    Normal Film 2026
    Normal ©LEONINE

    Fazit

    „Normal“ nimmt bekannte Actionbausteine und baut daraus eine herrlich dreckige, trockene, brutale Kleinstadtgroteske. Nicht tief, nicht makellos, aber verdammt unterhaltsam. 

    Bewertung: 3.5 von 5.
    Amazon Prime Video
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  • Citizen Vigilante | Kritik: Bolls verbotener Film ist keiner – aber ein Desaster

    Citizen Vigilante

    TitelCitizen Vigilante
    Genre Thriller
    Jahr2026
    FSKungeprüft
    RegieUwe Boll

    Starttermin: unbekannt

    Der verbotene Film, der nie verboten war 

    Der verbotene Film. Der Film, den Regierung und Justiz angeblich vor der Öffentlichkeit verstecken wollen. Der Film, in dem Uwe Boll endlich ausspricht, was sich sonst niemand mehr zu sagen traut. Der Film, der dem Volk aus dem Herzen spricht. So oder so ähnlich lauten die Schlagzeilen, die man zu „Citizen Vigilante“ lesen kann. Vorausgesetzt natürlich, man informiert sich ausschließlich in rechtspopulistischen Pseudo-Medien, aufgeheizten Kommentarspalten oder jenen Social-Media-Ecken, in denen aus jeder verweigerten Jugendfreigabe sofort Zensur, aus jedem Widerspruch Unterdrückung und aus jedem schlechten Film ein angeblich gefährliches Meisterwerk wird. Dabei wurde „Citizen Vigilante“ nie verboten. Der Film hat lediglich keine FSK-Freigabe erhalten, was für Verleih, Bewerbung und reguläre Auswertung ein Problem ist, aber eben kein staatliches Verbot. Boll hätte den Film trotzdem veröffentlichen können. Hat er ja auch. Der Rest ist Skandalverpackung, Opferpose, Marketingnebel. Und damit im Grunde sehr Uwe Boll. Provokation war bei ihm nie ein Nebenprodukt, sondern Geschäftsmodell. Schon immer lebte sein “Kino” davon, sich mit beiden Händen in Themen zu wühlen, bei denen andere wenigstens kurz innehalten würden. „Hanau“ etwa, sein Versuch, den Opfern eines rassistischen Anschlags zu gedenken, war bereits so geschmacklos und grotesk taktlos, dass man kaum wusste, ob man über die Unfähigkeit oder die Dreistigkeit mehr erschrecken sollte. Trotzdem stand dahinter zumindest noch der behauptete Impuls, Opfer sichtbar zu machen. „Citizen Vigilante“ kippt nun auf die andere Seite. In eine Selbstjustizfantasie, die Migranten als Bedrohungsmasse zeichnet, den Rechtsstaat als lächerliche Kulisse behandelt und einen Mann mit Waffe dort zum Vollstrecker erhebt, wo Demokratie und Justiz angeblich versagen.

    Citizen Vigilante Film 2026 Verboten?
    Citizen Vigilante ©Event Filmproduktion

    Das Irritierende daran ist nicht einmal, dass Boll provoziert. Natürlich provoziert Boll. Das tut er immer. Irritierend ist die Zielrichtung. Ob er dieses rassistische, ausländerfeindliche und rechtsstaatsverachtende Weltbild tatsächlich teilt oder nur genau weiß, bei wem solche Bilder zünden, bleibt am Ende fast zweitrangig. Denn der Film steht nun einmal da. Mit allem, was er zeigt, behauptet und nahelegt. Und er weiß sehr genau, in welche offenen Wunden er seine schmutzigen Finger legt. In Frust. In Abstiegsangst. In institutionelles Misstrauen. In das Bedürfnis nach einfachen Schuldigen. Dort, wo Menschen die eigene Ohnmacht nicht mehr als eigenes Problem begreifen wollen, sondern als Beweis dafür, dass „die anderen“ schuld sind, kommt ein Film wie dieser nicht als Provokation an. Sondern als Bestätigung. Dabei wäre „Citizen Vigilante“ selbst ohne diesen ideologischen Bodensatz kaum erträglich. Handwerklich ist das eine einzige Trümmerfläche. Szenen hängen wie schlecht vernagelte Bretter aneinander. Licht wirkt nicht gesetzt, sondern versehentlich vorhanden. Räume sehen aus, als seien sie kurz vor Drehbeginn gefunden, aber nie eingerichtet worden. Der Schnitt stolpert. Die Dialoge liegen tot auf der Tonspur. Dramaturgie, Spannung, Action-Choreografien gibt es nicht.  Und wenn dann doch einmal geschossen wird, dann so fahrig und  reizlos inszeniert, dass selbst der Gewalt ihre behauptete Wucht fehlt. 

    Filmpodcast

    Kostenlos auf X – und trotzdem zu teuer 

    Armie Hammer, einst Hollywood-Versprechen, nun nach schweren Missbrauchsvorwürfen und dem daraus folgenden Karriereabsturz praktisch aus dem Mainstream verschwunden, steht mittendrin wie jemand, der selbst nicht ganz glauben kann, wo er gelandet ist. Strafrechtlich wurde er nicht angeklagt, beruflich aber ist der Schaden längst eingetreten. Große Studios meiden Risikofiguren. Uwe Boll sammelt sie ein. Auch das gehört zum Geschäftsmodell: Namen, die noch Wiedererkennungswert besitzen, aber kaum noch Marktwert. Hammer spielt entsprechend leblos, müde, abwesend – und nie präsent genug, um den Film zu tragen. Er existiert einfach, als blasser Körper im Dienst einer noch blasseren Erzählung. Und diese Erzählung schleppt sich schließlich auf einen Punkt zu, an dem ein Mann eine muslimische Migrantenfamilie erschießt, weil ein Sohn für eine Vergewaltigung nicht belangt wurde – und genau dort fällt endgültig jede Maske. Nicht, weil Kino keine Gewalt zeigen dürfte. Nicht, weil Selbstjustiz kein Thema sein kann. Sondern weil „Citizen Vigilante“ daraus keinen Konflikt macht, keine moralische Zumutung, keine finstere Befragung von Schuld, Wut und Vergeltung. Er macht daraus eine Entlastungsfantasie. Der Rechtsstaat hat versagt, also darf der Einzelne richten. Die Justiz ist schwach, also spricht die Kugel. Die Demokratie ist zu langsam, also übernimmt der Abzug. 

    Citizen Vigilante Film 2026 Verboten?
    Citizen Vigilante ©Event Filmproduktion

    Das ist nicht mutig. Das ist erbärmlich simpel – und zutiefst menschenverachtend. Genau deshalb verweilt die vermeintliche Handlung dort, wo man ohnehin lieber nach Feindbildern als nach Ursachen sucht. Er erzählt Menschen, die sich betrogen, übersehen oder abgehängt fühlen, nicht, dass die Welt kompliziert ist. Er erzählt ihnen, dass ihre Wut recht hat. Dass ihre Verachtung Erkenntnis sei. Dass Gewalt nur Konsequenz bedeute. Und damit betreibt er keine Analyse, sondern Affektbewirtschaftung. Ein Hassverstärker im Gewand eines Thrillers, nur ohne Thriller, ohne Kino, ohne Verstand. Dass „Citizen Vigilante“ für 48 Stunden kostenlos auf X zu sehen war – Elon Musk sei Dank, und ja, zynischer lässt sich dieser Dank kaum formulieren –, ist fast die einzige Pointe, die dieser Film besitzt. Genau deshalb erscheint diese Review auch bewusst erst nach Ablauf dieses Gratis-Zeitfensters, damit niemand auf die Idee kommt, aus reiner Neugier doch noch nachzuschauen, ob das alles wirklich so schlimm sein kann. Ja. Kann es. Am Ende bleibt von „Citizen Vigilante“ nicht einmal ein gelungener Skandal. Nur ein miserabel gemachter Film, der seine eigene handwerkliche Nichtigkeit unter politischem Dreck begräbt und dann hofft, dass die Empörung schon reichen wird. Die einzige Grenze, die Boll hier sprengt, ist die des guten Geschmacks, und selbst das nicht auf eine Weise, die erschüttert, sondern auf eine, die beschämt. Schlechter Film des Jahres? Sicher. Schlechter Film des Jahrzehnts? Gut möglich. Schlechtester Film überhaupt? Man hat nicht alle gesehen. Aber die Chancen stehen erschreckend gut. 

    Citizen Vigilante Film 2026 Verboten?
    Citizen Vigilante ©Event Filmproduktion

    Fazit

    „Citizen Vigilante“ ist kein gefährlich unterdrücktes Meisterwerk, sondern ein miserabel inszenierter Selbstjustiz-Schund, der rassistische Feindbilder, Rechtsstaatsverachtung und kalkulierte Empörung als Provokation verkauft. Uwe Bolls angeblich verbotener Film ist handwerklich erbärmlich, politisch widerlich und jetzt schon der schlechteste Film des Jahres.

    Bewertung: 0.5 von 5.
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  • Enola Holmes 3 | Netflix Film – Kritik: Millie Bobby Brown ermittelt weiter

    Enola Holmes 3

    TitelEnola Holmes 3
    Genre Abenteuer, Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegiePhilip Barantini

    Starttermin: 01.07.2026 | Netflix

    Netflix setzt den Detektivbaukasten wieder zusammen

    Nach dem ersten Fall hätte man „Enola Holmes“ eigentlich wieder in der Netflix-Schublade verschwinden lassen können, aus der er gekommen war: solide ausgestattet, bemüht modern, detektivisch überschaubar und getragen von einer Hauptfigur, deren permanente Direktansprache mehr Energie behauptete, als der Film tatsächlich besaß. Der zweite Teil machte es besser. Nicht gut, aber besser. Die Erzählung lief flüssiger, der Kriminalfall hatte zumindest mehr Zug, und Henry Cavill durfte als Sherlock Holmes gelegentlich so tun, als spiele er in einem interessanteren Film. Trotzdem blieb das Grundproblem bestehen: zu lang, zu glatt, zu harmlos – viel zu viel von Millie Bobby Browns Grimassenbetrieb. Für Netflix war das allerdings nie ein ernsthaftes Hindernis. Die Formel stimmte. Bekannter Name, bekannte Marke, junge Zielgruppe, Kostüme, ein bisschen Feminismus aus dem Baukasten, ein bisschen Holmes-Mythos für alle, die bei Sherlock sofort einsteigen, und genug Tempo, damit niemand zu lange über die dünne Dramaturgie nachdenkt. Dass „Enola Holmes 2“ kein guter Film war, musste seinen Erfolg also nicht verhindern. Er erfüllte exakt das, was Netflix von solchen Stoffen erwartet: Wiedererkennbarkeit, Anschlussfähigkeit, Algorithmus-Futter. Nun macht „Enola Holmes 3“ genau dort weiter.

    Enola Holmes 3 Netflix Film 2026
    Enola Holmes 3 ©Netflix

    Diesmal führt der Fall Enola Holmes (Millie Bobby Brown) nach Malta, wo persönliche und berufliche Pläne ziemlich unsanft ineinanderkrachen. Eigentlich steht die nächste große Lebensentscheidung bevor: Enola will Lord Tewkesbury (Louis Partridge) heiraten. Doch die Feierlichkeiten werden unterbrochen, als ihr Bruder Sherlock Holmes (Henry Cavill) verschwindet beziehungsweise entführt wird. Gemeinsam mit Tewkesbury und Dr. Watson (Himesh Patel) nimmt Enola die Suche auf und gerät in eine Intrige, die größer, gefährlicher und internationaler wirken soll als ihre bisherigen Fälle. Zwischen Hochzeitschaos, Familienbanden, kolonialem Malta und Holmes’schem Rätselspiel muss Enola also erneut beweisen, dass sie nicht nur Sherlocks kleine Schwester ist – und „Enola Holmes 3“ vielleicht doch noch zur Rettung einer angeschlagenen Reihe wird, die von Anfang an auf wackeligen Beinen stand. Ob Ersteres gelingt, wäre ein Spoiler, wenngleich die Antwort selbstverständlich bereits klar sein dürfte – letzteres hingegen funktioniert ganz sicher nicht. 

    Filmpodcast Netflix

    „Enola Holmes 3“ macht einen potenziellen Teil 4 nicht verlockender

    Man fühlt sich langsam wie ein Leierkastenmann, wenn man jedes Mal aufs Neue dieselben Worte finden muss, sobald sich Millie Bobby Brown über die Leinwand oder wahlweise den heimischen Bildschirm grimassiert. Aber was soll man machen? Wäre seitens des „Stranger Things“-Stars irgendwann so etwas wie eine darstellerische Entwicklung festzustellen, ließe sich auch einmal etwas anderes schreiben. Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum Brown weniger wie ein Kinostar wirkt als wie eine Netflix-Gewohnheit. Abseits ihrer beiden „Godzilla“-Auftritte – jeweils in eher überschaubaren Rollen – hat sich ihre Karriere vor allem auf dem Streamingdienst eingerichtet: „Stranger Things“, „Enola Holmes“, „Damsel“, „The Electric State“. Eine erstaunlich erfolgreiche, aber ebenso erstaunlich geschlossene Plattformkarriere. Und zu Netflix passt das leider ziemlich gut. Große Gesten, wenig dahinter. Zumindest dann, wenn es um jene mainstreamtaugliche Fließbandware geht, die Browns Vita inzwischen so prominent durchzieht. So ist es auch hier zunächst wieder die emoji-eske Visagenakrobatik, die sie aufs Parkett legt, sobald irgendeine Emotion gefragt ist. Erstaunen? Augen auf. Entschlossenheit? Kinn nach vorn. Verletzlichkeit? Mund leicht offen. Dazwischen ein paar hektische Blicke in Richtung Kamera, als müssten emotionale Regungen nicht gespielt, sondern für ein GIF vorbereitet werden. Das strengt an – und zwar jedes Mal aufs Neue.

    Enola Holmes 3 Netflix Film 2026
    Enola Holmes 3 ©Netflix

    Abseits dieser Gesichtsentgleisungen, die mit Schauspiel nur sehr entfernt verwandt sind und vermutlich besser bei einer Runde „Scharade“ oder „Activity“ am heimischen Wohnzimmertisch aufgehoben wären, macht „Enola Holmes 3“ auch sonst munter dort weiter, wo die Reihe schon vorher ihre größten Schwächen hatte. Es fehlt der Drive, es fehlen die guten Ideen, es fehlt die raffinierte Geschichte. Von echter Charakterzeichnung ganz zu schweigen. Optisch mag das auch im dritten Anlauf wieder routiniert daherkommen, mit okayen Kostümen, ordentlichen Kulissen und jener polierten Netflix-Oberfläche, die immer nach Standard-Produktion aussieht, aber selten nach Kino. Nur macht das eben noch lange keinen guten Film. Ob Teil 4 bereits in der Pipeline steckt, darüber hält sich Netflix bislang bedeckt. Die Befürchtung jedoch ist da – die Lust darauf liegt nach der inzwischen dritten Schlaftablette allerdings tief unterhalb der Nachweisgrenze.

    Enola Holmes 3 Netflix Film 2026
    Enola Holmes 3 ©Netflix

    Fazit

    „Enola Holmes 3“ setzt die Schwächen der Reihe zuverlässig fort: solide ausgestattet, aber dramaturgisch dünn, als Detektivgeschichte belanglos und durch Millie Bobby Browns anstrengenden Grimassenbetrieb zusätzlich belastet. Netflix bekommt seine Formelware – ein guter Film wird daraus trotzdem nicht.

    Bewertung: 1 von 5.
    Amazon Filme Blu-ray
    ,
  • The Piano Tuner | Film – Kritik: Leo Woodall knackt den richtigen Ton

    The Piano Tuner

    TitelThe Piano Tuner
    Genre Drama, Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieDaniel Roher

    Kinostart: 02.07.2026

    Leo Woodall überzeugt als sensibler Tresorknacker wider Willen

    Man könnte meinen, das Kino würde inzwischen nach einer Gebrauchsanweisung funktionieren. Ein großer Name auf dem Poster. Eine Prämisse, die sich in einem Satz verkaufen lässt. Figuren, die genau das tun, was das Drehbuch von ihnen verlangt. Ein paar emotionale Zwischenstopps, ein Finale, das möglichst niemanden überfordert. Punkt A, Punkt B, Abspann. Die eigentliche Überraschung besteht meist nur noch darin, wie routiniert – oder eben auch nicht –, diese Checkliste abgearbeitet wird. „The Piano Tuner“ schlägt da einen angenehm andersartigen Ton an. Weder lauter, noch spektakulärer und schon gar nicht mit dem Drang, größer sein zu müssen als die davor. Daniel Roher verlässt sich auf etwas, das im modernen Genrekino fast aus der Mode gekommen ist: Fingerspitzengefühl. Sein Film tritt keine Türen ein. Er legt das Ohr an seine Figuren, hört auf Zwischentöne, auf das leise Klicken im Inneren. Und irgendwann ist dieses Schloss offen. Nicht aufgebrochen. Geöffnet.

    The Piano Tuner Film 2025
    The Piano Tuner ©Black Bear Pictures

    Niki (Leo Woodall) wollte Konzertpianist werden, bis ihm sein eigenes Gehör zum Gegner wurde. Eine auditive Hypersensibilität macht die Welt für ihn zu einem Lärmraum, in dem selbst Alltagsgeräusche eine Zumutung sein können. Geblieben ist die Musik nicht als Bühne, sondern als Handwerk. Gemeinsam mit Harry (Dustin Hoffman), einem alten Klavierstimmer mit trockenem Witz und müder Wärme, stimmt er Instrumente für andere Menschen, während sein eigener Traum längst verstimmt im Hintergrund steht. Bei einem Auftrag gerät Niki zufällig in einen Überfall und entdeckt, dass sein feines Gehör nicht nur Klaviere lesen kann, sondern auch Tresore. Aus der Last wird eine Fähigkeit. Aus einem neu entdeckten Talent, die Chance, dem sich zwischenzeitlich erkrankten und in stationärer Behandlung befindenden Harry finanziell unter die Arme zu greifen. Gleichzeitig begegnet er Ruthie, einer Pianistin, die ihm wieder eine Richtung gibt. Auf dem Papier klingt das durchaus nach Baukasten. Der gescheiterte Traum. Der Mentor. Die Frau als neuer, tonangebender Impuls im Leben. Der kriminelle Abzweig. Man kennt die Einzelteile. Nur setzt Roher sie nicht zusammen, als müsse daraus ein möglichst glatter Crowdpleaser entstehen. „The Piano Tuner“ rennt keiner Handlung hinterher. Er lässt seine Figuren vorangehen. Entscheidend ist weniger, welcher Safe als Nächstes geöffnet wird, sondern was mit Niki passiert, wenn sich eine Tür auftut, die er nie gesucht hat.

    Filmpodcast

    Wo „The Piano Tuner“ seine stärksten Töne findet

    Leo Woodall („Vladimir“) trägt das mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit. Nach kleineren Rollen wie in „The White Lotus“ und „Nürnberg“, in denen er bereits Akzente setzen konnte, bekommt er in „The Piano Tuner“ endlich den Raum, den ein Schauspieler braucht, um eine Figur wirklich atmen zu lassen. Sein Niki ist kein cooler Sonderling, kein Genietyp mit Schattenblick, kein weiteres beschädigtes Männerklischee mit hübscher Macke. Er ist sensibel, verletzlich, offen, loyal. Einer, der Schutz sucht und trotzdem Halt gibt. Woodall besitzt dieses natürliche Charisma, das nicht um Aufmerksamkeit bittet. Es ist einfach da. In einem Blick. In einem halben Lächeln. In der Art, wie er eine Szene ausfüllt, ohne sie an sich reißen zu wollen. Fast noch schöner wird es, wenn Dustin Hoffman („As They Made Us“) danebensteht. Die Vater-Sohn-Beziehungen von Harry und Niki wirken authentisch und fußen auf einem vertrauten Gefühl für Bindungen, die sich aus Gewohnheit, Reibung und unausgesprochenem Vertrauen bilden. Zwei Männer, die einander vermutlich nie sagen würden, wie viel sie sich bedeuten. Also tun sie es anders. Über Arbeit. Über kleine Sticheleien. Über ihre bloße Anwesenheit. Hoffman spielt das wunderbar unaufgeregt, mit Wärme, Witz und jener Altersmüdigkeit, die nicht bitter wirkt, sondern erfahren. Am Rand des Mainstreams hat man eine solche Männerfreundschaft zuletzt vielleicht bei „Ziemlich beste Freunde“ ähnlich selbstverständlich gesehen. Dass all das nicht in Behäbigkeit kippt, liegt auch an der Form.

    The Piano Tuner Film 2025
    The Piano Tuner ©Black Bear Pictures

    Das Sounddesign ist fantastisch, weil es nicht bloß die Besonderheit der Figur illustriert, sondern Nikis Wahrnehmung in den Körper des Films übersetzt. Geräusche schneiden plötzlich durch Räume. Stille bekommt Gewicht. Ein Ton kann Gefahr sein, Erinnerung, Hoffnung. Dazu kommen ein wacher Schnitt und eine Inszenierung, die die Geschichte mit erstaunlicher Leichtfüßigkeit vorantreiben. Drama, Romanze, Kriminalspannung und trockener Humor laufen nicht nebeneinander her, sondern ineinander. Keine Genretrenntüren. Eher ein fein gestimmter Mechanismus, bei dem ein Zahnrad ins andere greift. Der Wermutstropfen liegt dort, wo dieser Mechanismus am stärksten nach außen sichtbar wird. Den Thriller-Plot braucht es, weil er Niki aus seinem gedämpften Dasein holt, nur wird er auf den letzten Metern etwas zu gängig. Auch der später angehängte Strang um Jean Reno fühlt sich an, als würde noch einmal ein Riegel vorgeschoben, obwohl der Film das Schloss längst geöffnet hat. Nicht schlimm. Aber spürbar. Es bleibt ein charmanter, liebenswerter Film. Wohlfühlkino, ohne Watte. Berührend, ohne sich aufzudrängen. Herzergreifend, wenn es sein muss. Leicht, wenn es sein darf – und getragen von Figuren, denen man irgendwann nicht mehr beim Funktionieren einer Geschichte zusieht, sondern beim Leben. „The Piano Tuner“ ist kein Film, der die Tür eintritt. Er lauscht, tastet, wartet auf den richtigen Moment. Dann macht es leise Klick.

    The Piano Tuner Film 2025
    The Piano Tuner ©Black Bear Pictures

    Fazit

    „The Piano Tuner“ ist charmantes Wohlfühlkino mit feinem Gespür für Figuren, Ton und Zwischentöne. Getragen von Leo Woodall, Dustin Hoffman und einem fantastischen Sounddesign stimmt Daniel Roher einen Film, der berührt, ohne sich aufzudrängen. 

    Bewertung: 4 von 5.
    Amazon Prime Video
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  • Little Brother | Netflix Film – Kritik: Zwischen Slapstick und Brüderlichkeit

    Little Brother

    TitelLittle Brother
    Genre Komödie
    Jahr2026
    FSK16
    RegieMatt Spicer

    Starttermin: 26.06.2026 | Netflix

    Stumpf ist Trumpf – warum diese Netflix-Komödie trotzdem funktioniert

    Blut ist dicker als Wasser, heißt es. Ein Satz, der so oft wiederholt wurde, dass man fast vergisst, wie bequem er eigentlich ist. Als würde Familie allein durch Biologie entstehen. Durch Nachnamen, Stammbäume, zufällige Ähnlichkeiten im Gesicht. Dabei kann ein großer Bruder auch jemand sein, der gar keiner ist. Der etwas ältere Junge von nebenan, der einem zeigt, wie man heimlich länger draußen bleibt. Der erste, der einem eine Zigarette anbietet, obwohl beide keine Ahnung haben, was daran cool sein soll. Einer, der einem schlechte Musik vorspielt, gute Filme empfiehlt, vor anderen den Mund aufmacht, wenn man selbst noch keinen Ton herausbekommt. Brüderlichkeit entsteht nicht immer im Kinderzimmer. Manchmal wächst sie auf Bolzplätzen, in Treppenhäusern oder an Bushaltestellen. Und manchmal reicht schon eine einzige Person, die für einen kurzen Moment zur wichtigsten der Welt wird. Netflix macht aus genau dieser Idee den Ausgangspunkt von „Little Brother“ und nutzt sie als Sprungbrett für eine derbe Buddy-Komödie, die ihre Figuren von einer absurden Eskalation in die nächste schickt.

    Little Brother Netflix Film 2026
    Little Brother ©Netflix

    Für Marcus (Eric André) ist Rudd (John Cena) bis heute genau dieser große Bruder geblieben – obwohl die beiden sich im Rahmen eines Mentorenprogramms gerade einmal fünfmal begegnet sind. Während Rudd diese Episode längst vergessen hat und als Immobilienmakler verzweifelt versucht, aus dem Schatten seines milliardenschweren Bruders Josh (Christopher Meloni) herauszutreten, hält Marcus noch immer an dieser kurzen Verbindung fest, als wäre sie ein Familienersatz mit Ewigkeitsversprechen. Dreißig Jahre später flieht er aus einer psychiatrischen Einrichtung und steht plötzlich vor Rudds Haustür. Ausgerechnet jetzt, wo eine Reality-TV-Show dessen Karriere retten soll. Viel mehr braucht „Little Brother“ eigentlich gar nicht. Die Geschichte ist kein großer Erzählapparat, sondern eine ziemlich dankbare Versuchsanordnung: zwei Männer, ein Missverständnis von Nähe, jede Menge Kränkungspotenzial. Das erinnert in seinen besseren Momenten an jene Komödien, mit denen die Farrelly-Brüder einst berühmt wurden. An Filme, die keine Angst davor hatten, geschmacklos, laut oder einfach herrlich albern zu sein, solange unter dem ganzen Krawall noch ein Rest Menschlichkeit zu erkennen war. 

    Filmpodcast Netflix

    Little Brother, große Klappe

    Ausgerechnet am selben Tag schickt auch Bobby Farrelly mit „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ auf Prime Video eine neue Komödie ins Rennen. Die setzt allerdings auf Coming-of-Age, Romantik und warme Zwischentöne. „Little Brother“ fühlt sich dagegen deutlich näher an der alten Farrelly-Schule an – dort, wo Peinlichkeitskomik, körperlicher Schmerz und absurder Slapstick nicht als Betriebsunfall gelten, sondern als Arbeitsprinzip.  Das Netflix Original versucht gar nicht erst, schlauer zu wirken, als es ist. Statt die  eher dünne Handlung mit Bedeutung aufzupumpen, verlässt er sich auf das, was solche Komödien tragen muss: Tempo, Timing und zwei Darsteller, die wissen, wann sie einander Raum lassen müssen. Eric André ist dabei der Störfall auf zwei Beinen. Marcus platzt in Situationen hinein, überschreitet Grenzen, ignoriert jede soziale Warnlampe und bringt selbst einfache Pläne innerhalb weniger Minuten zum Einsturz. Dass diese Figur trotzdem nicht bloß nervt, liegt an André, der unter dem ganzen Wahnsinn eine seltsam kindliche Verletzlichkeit mitschleppt, ohne daraus gleich ein großes Seelendrama zu machen. John Cena bildet dazu den richtigen Gegenkörper. Es bestätigt sich einmal mehr, dass seine größten Stärken nicht im bierernsten Actionfach liegen. Dort wirkt er oft austauschbar, als hätte jemand einem sehr großen Mann Dialoge in die Hand gedrückt und gehofft, dass es reicht. In Komödien dagegen besitzt Cena ein bemerkenswertes Gespür für Reaktionskomik. Viele Lacher entstehen nicht aus der Pointe selbst, sondern aus diesem kurzen Moment danach: ein Blick, ein Zucken, eine Sekunde innerer Kapitulation. Gerade weil er nicht versucht, Eric André zu übertrumpfen, sondern dessen Chaos wie eine Zumutung aushält, funktioniert ihr Zusammenspiel so gut. 

    Little Brother Netflix Film 2026
    Little Brother ©Netflix

    Natürlich zündet nicht jeder Witz. Bei einer Komödie, die so bereitwillig durch den Schlamm robbt, wäre alles andere auch verdächtig. Manche Gags sind plump, manche werden etwas zu lange geritten, andere kommen mit so wenig Schamgefühl um die Ecke, dass man kurz entscheiden muss, ob man lachen oder die Augen verdrehen will. Oft gewinnt das Lachen. Weil „Little Brother“ seine eigene Dummheit nicht versteckt, sondern mit einer erstaunlichen Selbstsicherheit vor sich herträgt. Gerade das wirkt im heutigen Streaming-Einerlei fast befreiend. Hier wird nicht weichgespült, nicht dauernd zwinkernd relativiert, nicht jeder Moment auf Verträglichkeit gebürstet. Dass das Netflix Original zum Schluss trotzdem nicht einfach nach dem letzten Krawall umfällt, passt zu dieser Mischung. Das Finale macht aus Marcus und Rudd keine großen Sinnbilder beschädigter Männlichkeit, es quetscht ihnen auch keine therapeutische Lebensweisheit aus den Rippen. Es gönnt ihnen nur einen versöhnlichen Moment, der klein genug bleibt, um nicht falsch zu wirken. Vielleicht ist genau das der Grund, warum „Little Brother“ besser funktioniert, als seine Einzelteile vermuten lassen. Der Film ist laut, derb, manchmal daneben und selten besonders elegant. Aber er hat Timing, ein starkes Duo und genug Herz unter der Schmutzschicht. Kein Klassiker. Aber ein verdammt unterhaltsamer Abend.

    Little Brother Netflix Film 2026
    Little Brother ©Netflix

    Fazit

    „Little Brother“ erfindet die Buddy-Komödie nicht neu, erinnert aber daran, warum dieses Genre so gut funktionieren kann. Eric André und John Cena tragen den Netflix Film mit perfektem Timing, viel Chaos und ehrlicher Herzlichkeit. Laut, derb, dumm – und genau deshalb erstaunlich sympathisch.

    Bewertung: 3.5 von 5.
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  • Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe | Amazon Film – Kritik: Roadtrip mit Herz

    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe

    TitelDriver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe
    Genre Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieBobby Farrelly

    Starttermin: 26.06.2026 | Prime Video

    Prime Video trifft den Nerv des Erwachsenwerdens 

    Es gab eine Zeit, da haben die Farrelly-Brüder jede Komödie behandelt, als müsste sie dem Publikum erst einmal mit Anlauf gegen das Schienbein treten. Alles war lauter, schmutziger und geschmackloser als nötig. Genau deshalb funktionierte es. Zwischen Fremdscham, Fäkalwitzen und völlig entgleisten Situationen steckte immer eine erstaunliche Zuneigung für ihre Figuren. Selbst die größten Idioten durften am Ende Menschen bleiben. Heute macht Bobby Farrelly („Dear Santa – Teuflische Weihnachten“) andere Filme. Schon mit „Champions“ zeigte er, dass er niemanden mehr schockieren muss, um zu unterhalten. Die Geschichte eines Basketball-Außenseiterteams war damals ungefähr so neu wie der Ballsport selbst – und trotzdem ging sie auf, weil Farrelly verstand, dass Originalität manchmal überschätzt wird. Nicht jede Komödie muss das Genre neu erfinden. Manchmal reicht es völlig, bekannte Zutaten so zusammenzusetzen, dass man die Menschen darin einfach gerne begleitet. Genau nach diesem Prinzip funktioniert auch „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ auf Prime Video

    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe Amazon Prime Video Film 2026
    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe ©Prime Video

    Die Geschichte selbst kennt praktisch jeder. Jeremy (Sam Nivola) glaubt, seine Beziehung retten zu müssen, stiehlt kurzerhand den Wagen seiner Fahrschule und fährt mit drei Mitschülern quer durchs Land seiner Freundin hinterher. Natürlich geht dabei alles schief, was schiefgehen kann. Erwachsene nehmen die Verfolgung auf, Freundschaften werden auf die Probe gestellt und irgendwo zwischen Autobahn, Tankstellen und schlechten Entscheidungen merken die Jugendlichen langsam, dass Erwachsenwerden selten nach Plan verläuft. Neu ist daran fast nichts. Roadtrips gehören seit Jahrzehnten zum Inventar des Teenie-Kinos. Schon Anfang der 2000er schickten solche Filme ihre Figuren auf die Straße, weil Freiheit auf vier Rädern eben aufregender wirkt als jedes Kinderzimmer. Auch „Driver’s Ed“ erzählt letztlich vom ersten richtigen Loslassen, von Freundschaft, von der Suche nach dem eigenen Platz und von der großen Liebe, die sich mit achtzehn oft größer anfühlt, als sie am Ende tatsächlich ist. Das Überraschende ist nicht die Geschichte. Das Überraschende ist eher, wie selbstverständlich Bobby Farrelly die Sprache und Sorgen seiner jungen Figuren versteht und den klassischen Roadtrip in die Gegenwart holt. Dadurch bekommt der Roadtrip genau das Gefühl, das solche Filme brauchen: Man möchte einfach noch ein Stück mitfahren.

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    Amazon setzt auf Wohlfühlkino statt Krawall-Komödie 

    Auch der Humor findet dabei eine angenehme Balance. Natürlich merkt man, dass hier ein Farrelly am Werk ist. Die Pointen sitzen locker, manche Situationen eskalieren herrlich unnötig und Yoshis Drumherumreden, ob er nun Drogen dabei hat oder nicht, entwickelt sich zu einem Running Gag, der mit jeder Wiederholung ein bisschen besser funktioniert. Gleichzeitig ist das alles deutlich zahmer als früher. Die Zeiten von provozierendem Klamauk scheinen endgültig vorbei zu sein. Stattdessen bewegt sich der Film spürbar näher an einer Generation, für die Selbstfindung, Identität und gegenseitiger Respekt selbstverständlich zum Erwachsenwerden dazugehören. Das macht „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ vielleicht weniger anarchisch als die alten Farrelly-Komödien, nimmt ihm seinen Charme aber keineswegs. Am ehrlichsten ist der Amazon Film ohnehin dort, wo er seine Liebesgeschichte nicht künstlich aufbläht. Bobby Farrelly macht sich darüber weder lustig noch verklärt er das unbeschreibliche Gefühl der ersten Liebe. Er zeigt einfach, dass Erwachsenwerden manchmal bedeutet zu akzeptieren, dass man sich erst selbst finden muss, bevor man dauerhaft mit jemand anderem glücklich werden kann. 

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    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe ©Prime Video

    „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ wird die Teenie-Komödie nicht neu definieren. Das will Bobby Farrelly aber offensichtlich auch gar nicht. Er erinnert vielmehr daran, dass manche Geschichten zeitlos sind, wenn sie mit den richtigen Figuren, einer guten Portion Humor und viel Herz erzählt werden. Der Film kennt seine Grenzen, macht aus ihnen aber keinen Makel. Er versucht nicht, lauter, wilder oder moderner zu wirken, als er ist, sondern vertraut auf ein Gefühl, das im Teenie-Kino schon immer funktioniert hat: ein Auto, ein paar Freunde, eine schlechte Idee und die kurze Illusion, dass hinter der nächsten Kurve das eigene Leben wartet. Man steigt aus diesem Roadtrip nicht mit dem Gefühl aus, etwas noch nie Dagewesenes gesehen zu haben. Aber mit einem Lächeln. Und manchmal ist genau das völlig ausreichend.

    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe Amazon Prime Video Film 2026
    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe ©Prime Video

    Fazit

    Nicht jede Komödie muss das Genre neu erfinden. „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ setzt auf bekannte Zutaten, sympathische Figuren und einen lockeren Humor, der ohne allzu viel Krawall auskommt. Charmant, ehrlich und unterhaltsam – auch wenn die großen Überraschungen ausbleiben. 

    Bewertung: 3.5 von 5.
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