Deseo – Verlangen
| Titel | Deseo – Verlangen |
| Genre | Romanze |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Regie | Teresa Simone |
Starttermin: 17.07.2026 | Netflix
Erotik à la Netflix – eher Drohung als Versprechen
Wer „365 Days“ nicht gut findet, ist prüde. Wer „Fifty Shades of Grey“ zu hart findet, hat offenbar Angst vor Leidenschaft. Und wer „After“ für eine pseudoerotische Ansammlung von Instagram-tauglichen Beinahe-Nacktbildern hält, besitzt angeblich kein Gespür für sexuelles Begehren. Willkommen in der wunderbaren Welt vorgegaukelter Leidenschaft, in der ein schlecht geschriebenes Drehbuch plötzlich zur sexuellen Befreiung erklärt wird – solange irgendwo ein offenes Hemd, eine dramatische Geste und ein halbnackter Herrenpo im Gegenlicht stehen. Es ist die gleiche merkwürdige Logik, nach der jeder Kritiker, der einen Erotikfilm hinterfragt, offenbar ein frustrierter Zölibatär mit Notizblock und Moralpredigt sein muss. Als würde man einen schlechten Burger nur dann erkennen können, wenn man noch nie Hunger hatte. Ein bisschen Dominanz hier, ein bisschen Schlafzimmerästhetik da – und schon wird aus einer blassen Liebesgeschichte die nächste große sexuelle Revolution erklärt. Dabei hat „Babygirl“ mit Nicole Kidman bewiesen, dass weibliche Lust, Sexualität und Charaktertiefe kein Widerspruch sein müssen. Begehren darf chaotisch sein. Es darf unbequem sein. Es darf widersprüchlich sein. Aber es braucht mehr als eine toxische Aura und eine mit Weichzeichner zugekleisterte Kamera, die langsam über nackte Haut fährt. Genau an dieser Stelle stolpert nun „Deseo – Verlangen“ ins Schlafzimmer wie ein Mann, der nach drei Podcasts über Alpha-Energie glaubt, weibliche Lust verstanden zu haben – geschrieben von einer Frau wohlgemerkt –, und beweist, dass zwischen Lust und Lustprojektion ein gewaltiger Unterschied liegt. Schade nur, dass das Netflix Original ihn nicht kennt.

Die Theorie hinter der Kritik ist damit erzählt. Jetzt zum Beweisstück. „Deseo – Verlangen“ begleitet die erfolgreiche Anwältin Lucero (Ludwika Paleta), deren scheinbar perfektes Leben durch die Begegnung mit dem jungen Schwimmlehrer Matías (Óscar Casas) aus den Fugen gerät. An der Seite ihres Ehemanns Fernando (José María Yazpik) führt sie ein Leben, das nach außen kaum Wünsche offenlässt: beruflicher Erfolg, finanzielle Sicherheit und eine intakte Familie. Doch hinter der makellosen Fassade wächst eine Leere, die sich nicht länger ignorieren lässt. Als Matías in ihr längst verdrängte Sehnsüchte weckt, beginnt Lucero eine leidenschaftliche Affäre, die schon bald weit mehr als nur ihre Ehe aufs Spiel setzt. Je tiefer sie sich auf die Beziehung einlässt, desto stärker gerät ihr sorgfältig aufgebautes Leben ins Wanken – und mit ihm das Verhältnis zu ihrer Tochter, ihrer Karriere und schließlich auch ihr eigenes Selbstbild. So die Synopsis – doch wenig überraschend bleibt Letzteres selbstverständlich Wunschdenken. Wir befinden uns schließlich nicht in einer psychologisch dichten Charakterstudie, sondern auf den ausgetrampelten Pfaden billiger Erotik-Versprechungen.

Wenn das einzige Verlangen das Abschalten ist
Eine erfolgreiche Frau, die in der Außenwelt perfekt funktioniert, während im Inneren längst etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Der jüngere Mann als Gegenpol zur kontrollierten Karrierewelt. Verdrängte Wünsche, umgekehrte Machtverhältnisse und die Frage, was passiert, wenn eine Frau, die ihr gesamtes Leben auf Kontrolle, Leistung und Anpassung aufgebaut hat, plötzlich mit Seiten ihrer eigenen Persönlichkeit konfrontiert wird, die keinen Platz in diesem sorgfältig konstruierten Selbstbild finden. Klingt nach „Babygirl“ – und könnte trotz dieser offensichtlichen Parallelen kaum weiter davon entfernt sein. Denn wo Halina Reijns tatsächlich pointierter Gegenentwurf zur sexuellen Machtphantasie aus „Fifty Shades of Grey“ genau diese Widersprüche ernst nahm, verliert sich „Deseo – Verlangen“ bereits an der Oberfläche seiner eigenen Idee. Reijn hinterfragte Machtverhältnisse, zeigte eine Hauptfigur voller Gegensätze, drang in ihre Unsicherheiten und Abgründe vor und verstand Erotik nicht als dekoratives Element, sondern als Motor einer Geschichte über Identität, Kontrolle und Selbsttäuschung.

„Deseo – Verlangen“ hingegen lässt genau diese Tiefe vermissen. Zwar rückt das Netflix Original zur Abwechslung mal die weibliche Lust ins Zentrum und verzichtet dabei weitgehend auf den klassischen männlich-dominierten Blick auf das, was vermeintlich heiß und sexy ist, doch seine Vorstellung von Erotik bleibt dennoch im Bereich eines weichgezeichneten Groschenromans mit Netflix-Hochglanzästhetik gefangen. Softcore der zahmsten Sorte – ein nackter Po hier, etwas Spitzendessous da –, der mit Leidenschaft wirbt, aber kaum den Mut besitzt, sich freizügig genug zu zeigen, um wirklich über mögliche Tabus oder überhaupt die Begrifflichkeit Erotik selbst zu sprechen. Und so kommt es dann auch, dass sich auch das letzte Fähnchen Resthoffnung auf prickelnde Leidenschaft spätestens im letzten Akt komplett verabschiedet. Statt die Konsequenzen der Affäre auszuloten, moralische Fragen zu stellen oder Luceros persönliche Entwicklung konsequent weiterzudenken, entscheidet sich „Deseo – Verlangen“ auf den letzten Metern dann doch noch, die Genretür gen Spannungsfilm zu durchqueren, und somit für ein angehängtes Thriller-Finale, das weder Thrill erzeugt noch neue Perspektiven eröffnet. Am Ende bleibt von all dem Verlangen vor allem eines übrig: die Erkenntnis, dass ein Film über Lust nicht automatisch weiß, was Lust eigentlich bedeutet.

Fazit
„Deseo – Verlangen“ ist der Beweis, dass selbst ein Film über Lust erstaunlich lustlos sein kann. Am Ende bleibt nur ein einziges echtes Verlangen: der Ausschaltknopf.


































