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Filme | Kritiken
  • Paris Murder Mystery | Film – Kritik: Ein Mordfall für die Seele

    Paris Murder Mystery

    TitelParis Murder Mystery
    Genre Krimi
    Jahr2025
    FSK12
    RegieRebecca Zlotowski

    Heimkinostart: 23.07.2026

    Mord ist ihre Therapie

    Eine regnerische Nachmittag, eine Tasse Tee und ein guter Krimi – was für eine wunderbare Vorstellung. Das Problem dabei? Moderne Krimifilme sind rar geworden. Früher flimmerten Reihen wie „Mord ist ihr Hobby“ oder die zahlreichen Agatha-Christie-Verfilmungen regelmäßig über die Bildschirme. Heute gibt es abseits neuer Christie-Adaptionen oder des „Knives Out“-Franchises kaum noch vergleichbare Filme. Selbst „Glennkill: Ein Schafskrimi“ konnte zwar Kritiker überzeugen, blieb an den Kinokassen jedoch hinter den Erwartungen zurück. Stattdessen dominieren düstere Thriller und Horrorfilme das Genreangebot, wie aktuelle Erfolge à la „Backrooms“ oder „Obsession“ eindrucksvoll zeigen.

    Paris Murder Mystery Film 2025
    Paris Murder Mystery ©Plaion Pictures

    Dabei haben gute Krimis einen ganz eigenen Charme. Sie wirken vertraut und nostalgisch, bieten gleichzeitig Spannung und laden dazu ein, selbst mitzurätseln. Die etablierte Regisseurin Rebecca Zlotowski möchte dieses Genre nun wieder stärker in den Fokus rücken und konnte für „Paris Murder Mystery“ Jodie Foster gewinnen, die erstmals seit rund 20 Jahren wieder in einem französischen Spielfilm zu sehen ist. Sie spielt die Psychiaterin Lilian, deren Patientin Paula (Virginie Efira) sich plötzlich das Leben nimmt. Von Schuldgefühlen getrieben beginnt Lilian, die Umstände des Todes zu hinterfragen, und geht der Frage nach, ob hinter dem vermeintlichen Suizid nicht doch ein Mord steckt.

    Filmpodcast

    Mehr Charakterstudie als Krimi

    Was für ein Glück, dass Jodie Foster die Filmwelt bis heute bereichert. Die 63-Jährige besitzt eine Ausstrahlung und Präsenz, der man sich kaum entziehen kann. In „Paris Murder Mystery“ verleiht sie ihrer Figur Lilian allein durch ihr Spiel eine beeindruckende Tiefe. Entsprechend funktioniert auch das Drehbuch immer dann am besten, wenn es sich auf den inneren Konflikt der Psychiaterin konzentriert: ihren Umgang mit Schuld, Emotionen und alten Traumata. Der titelgebende Mordfall ist dabei letztlich eher Mittel zum Zweck. Er dient dazu, Lilian als fehlerhaften, vielschichtigen Menschen zu zeichnen und sie auf eine Reise zu schicken, auf der sie sich ihren eigenen Beziehungen und ungelösten Konflikten stellen muss. Das ist ein spannender Ansatz, der sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, jedoch immer wieder vom eigentlichen Krimiplot ausgebremst wird.

    Paris Murder Mystery Film 2025
    Paris Murder Mystery ©Plaion Pictures

    Denn „Paris Murder Mystery“ will eben gleichzeitig auch ein klassisches Mordrätsel sein. Und genau hier gerät Regisseurin und Drehbuchautorin Rebecca Zlotowski ins Straucheln. Der Film scheint sich nie ganz entscheiden zu können, was er eigentlich sein möchte. Als Krimi fehlt es ihm an echter Spannung, und auch die Auflösung fällt überraschend unspektakulär aus, auch wenn sie im Hinblick auf Lilians Entwicklung durchaus Sinn ergibt. Als Komödie ist er nicht witzig genug, und als Satire mangelt es an Biss. Als wäre das nicht schon genug, bringt Zlotowski später auch noch frühere Leben ins Spiel und lässt den Film endgültig in ein tonales Durcheinander abdriften. Unterhaltsam bleibt „Paris Murder Mystery“ zwar trotzdem, doch er wirkt spürbar überladen. Weniger Genre-Spielereien und mehr Vertrauen in die starke Charakterstudie und Jodie Fosters herausragende Performance hätten dem Film deutlich besser getan.

    Paris Murder Mystery Film 2025
    Paris Murder Mystery ©Plaion Pictures

    Fazit

    „Paris Murder Mystery“ überzeugt vor allem als feinfühlige Charakterstudie und lebt von der großartigen Präsenz Jodie Fosters. Der eigentliche Kriminalfall bleibt dagegen überraschend blass und die Mischung aus Krimi, Komödie und Satire findet nie ganz ihre Balance. Trotzdem ist Rebecca Zlotowski ein sehenswerter Film gelungen, der seine größte Stärke in seiner Hauptfigur findet.

    Bewertung: 3 von 5.
    Paris Murder Mystery Film 2025 Amazon Prime Video
    Paris Murder Mystery Film 2025 Amazon Prime Video
  • Glennkill: Ein Schafskrimi | Amazon Film – Kritik: Mord auf der Weide 

    Glennkill: Ein Schafskrimi

    TitelGlennkill: Ein Schafskrimi
    Genre Krimi, Komödie
    Jahr2026
    FSK6
    RegieKyle Balda

    Starttermin: 08.07.2026 | Prime Video

    Bei Prime Video grasen die Schafe durch einen Mordfall

    Es gab einmal eine Zeit, da war das Kino für Filme noch ein Ereignis, ein Ort, an dem ein Start nicht nur Veröffentlichung bedeutete, sondern Erwartung, Sichtbarkeit, ein bisschen Glanz und manchmal sogar die leise Behauptung, dass dieser Film genau dorthin gehöre: auf die große Leinwand, vor Menschen, die sich für zwei Stunden in einen dunklen Raum setzen, statt ihn nebenbei zwischen Abendessen, Handy und Sofakissen verschwinden zu lassen. Heute wirkt das Kino immer häufiger wie eine höfliche Durchgangsstation. Ein kurzer Auslauf vor der endgültigen Heimkehr ins Abo. Amazon hat dieses Modell inzwischen zur eigenen Veröffentlichungslogik erhoben. Erst darf ein Film noch ein paar Wochen auf der großen Leinwand grasen, Kritiken einsammeln, ein bisschen Prestige erzeugen, vielleicht sogar so tun, als wäre er ein klassischer Kinofilm – und kurz darauf steht er schon bei Prime Video im digitalen Streamingregal. „Crime 101“ folgte zuletzt genau diesem Muster: Starensemble, Kinostart, überschaubares Fenster, schnelle Verwertung im Streaming. „Glennkill: Ein Schafskrimi“ tut es ihm gleich. Und das passt fast zu gut. Ein Film über eine Herde, die aus ihrer gewohnten Ordnung ausbrechen muss, landet selbst in einer Auswertungslogik, die Kino und Streaming längst nicht mehr als Gegensätze behandelt, sondern als zwei Weiden desselben Schäfers.

    Glennkill: Ein Schafskrimi Amazon Prime Video Film 2026
    Glennkill: Ein Schafskrimi ©Prime Video

    Die Prämisse von „Glennkill: Ein Schafskrimi“ klingt zunächst nach jener Sorte Familienfilm, bei der schon der Titel nach weichgespülter Harmlosigkeit riecht: Schafe lösen einen Mordfall. Das kann nach niedlichem Tierquatsch klingen, nach Sonntagnachmittag, nach synchronisierten Wollknäueln mit Gagquote, nach einem Film also, der seine eigene Absurdität so lange anstupst, bis auch wirklich jeder verstanden hat, dass Tiere hier Dinge tun, die Tiere normalerweise nicht tun. Lustig, weil Schafe. Fertig. Doch ganz so einfach ist es nicht. Hinter dieser albern wirkenden Ausgangslage steckt eine erstaunlich dankbare Krimimechanik, weil der Mordfall eben nicht aus der Perspektive zynischer Ermittler betrachtet wird, nicht aus dem üblichen Blick eines kaputten Kommissars, der wieder einmal mehr über seine eigene Vergangenheit als über das Opfer herausfinden soll, sondern aus der Sicht von Wesen, die die Menschenwelt nie wirklich verstanden haben. Die Schafe kennen die Regeln des Genres, weil ihr Schäfer ihnen jeden Abend Krimis vorgelesen hat. Sie kennen Verdächtige, Spuren, Motive und falsche Fährten. Nur die Menschen selbst bleiben ihnen ein Rätsel.

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    Amazon zeigt einen Krimi im Schafspelz

    Schäfer George Hardy (Hugh Jackman) führt ein friedliches Leben mit seiner Herde, liest ihr abends Kriminalgeschichten vor und hält das vermutlich für eine liebevolle Marotte, vielleicht auch nur für einen dieser seltsamen kleinen Rituale, mit denen einsame Menschen ihre Welt zusammenhalten, ohne sich eingestehen zu müssen, wie einsam sie eigentlich ist. Dass seine Schafe jedes Wort verstehen, ahnt er nicht. Dann liegt George plötzlich tot auf der Weide. Die Idylle ist vorbei. Für die Herde ist sofort klar, dass hier kein gewöhnlicher Unfall passiert ist, sondern ein Fall, und weil der örtliche Polizist Tim Derry (Nicholas Braun) mit der Situation eher überfordert als erhellend wirkt, bleibt den Schafen kaum etwas anderes übrig, als selbst zu tun, was ihnen George jahrelang beigebracht hat: hinsehen, kombinieren, misstrauen. Zum ersten Mal verlassen sie ihre vertraute Umzäunung, folgen Spuren, beobachten Menschen und begreifen Stück für Stück, dass die Welt außerhalb ihrer Weide deutlich komplizierter ist als in den Kriminalromanen, die ihnen vorgelesen wurden. Zwischen Dorfgeheimnissen, menschlicher Gier und tierischer Naivität wird aus der putzigen Idee ein Whodunit, in dem die eigentliche Frage nicht nur lautet, wer George getötet hat, sondern was diese Herde über die Menschen lernen muss, um seinen Tod überhaupt begreifen zu können.

    Glennkill: Ein Schafskrimi Amazon Prime Video Film 2026
    Glennkill: Ein Schafskrimi ©Prime Video

    Wer bei „Glennkill: Ein Schafskrimi“ allerdings ein Gag-Feuerwerk erwartet, bei dem jede Szene auf den nächsten tierischen Kalauer zuläuft, dürfte schnell merken, dass der Film daran nur bedingt interessiert ist. Sein Humor entsteht weniger aus Pointendruck als aus Haltung, aus kleinen Beobachtungen, aus dem liebevollen Blick auf eine Herde, deren einzelne Mitglieder nicht bloß als flauschige Stichwortgeber angelegt sind, sondern als erstaunlich klar gezeichnete Schafcharaktere mit eigenen Eigenheiten, Ängsten und Formen von Klugheit. Natürlich ist das alles seichte Unterhaltung. Niemand sollte hier einen besonders raffiniert konstruierten Kriminalfall erwarten, der Agatha Christie nervös an der Teetasse rütteln lässt. Die Whodunit-Geschichte erfüllt ihren Zweck, setzt Spuren, verteilt Verdächtige, hält die Bewegung am Laufen und bleibt dabei vor allem das Gerüst, an dem sich die eigentliche Stärke des Films entlanghangelt: seine Wärme. Denn so harmlos der Amazon Film auf den ersten Blick wirkt, so schön ist sein Blick auf Tierliebe, Verlust und die Frage, was von einem Leben bleibt, wenn diejenigen zurückbleiben, die es vielleicht nie ganz verstanden haben, aber trotzdem gespürt haben, dass sie geliebt wurden. Das ist nicht groß. Aber ehrlich süß.

    Glennkill: Ein Schafskrimi Amazon Prime Video Film 2026
    Glennkill: Ein Schafskrimi ©Prime Video

    Fazit

    „Glennkill: Ein Schafskrimi“ ist kein besonders scharfsinniger Krimi, aber ein erstaunlich liebenswerter. Zwischen Wolle, Weide und Todesfall findet der Film eine sanfte Wärme, die seine Harmlosigkeit nicht versteckt, sondern fast trotzig umarmt. Flauschig, seicht, herzlich – und damit genau richtig.

    Bewertung: 3 von 5.
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  • Bis zum Ende | Netflix Film – Kritik: Wie weit geht eine Mutter für ihr Kind?

    Bis zum Ende

    TitelBis zum Ende
    Genre Drama, Thriller
    Jahr2026
    FSK12
    RegieNawell Madani, Ludovic Colbeau-Justin

    Starttermin: 08.07.2026 | Netflix

    Netflix fragt, wie weit Mutterliebe gehen darf

    Wie weit geht eine Mutter, wenn das Leben ihres Kindes auf dem Spiel steht? Es ist eine dieser Fragen, die in ihrer Schlichtheit fast unverschämt wirken, weil jede vernünftige Antwort sofort an ihre Grenzen stößt. Natürlich: weit. Sehr weit. Bis dahin, wo Moral plötzlich weich wird, Regeln wie Luxus erscheinen und das Gesetz nicht mehr wie Ordnung klingt, sondern wie ein Hindernis. Das Kino kennt solche Ausnahmesituationen. In „John Q.“ war es Denzel Washington, der als verzweifelter Vater ein Krankenhaus besetzte, weil das Leben seines Sohnes an Versicherungsklauseln, Kostenfragen und institutioneller Kälte zu scheitern drohte. Ein Film, der seine moralische Zuspitzung grob, aber wirkungsvoll ausspielte: Was ist ein Menschenleben wert, wenn es erst durch ein System bezahlbar gemacht werden muss? Tyler Perrys „Straw“ nahm sich zuletzt ein ähnliches Eskalationsmuster vor, scheiterte aber daran, Wut mit Wucht zu verwechseln und gesellschaftliche Überforderung in plakativen Alarmismus zu verwandeln. „Bis zum Ende“ schlägt nun in eine verwandte Kerbe. Wieder steht ein Elternteil im Zentrum, wieder geht es um ein krankes Kind, wieder wird aus Hilflosigkeit Druck, aus Druck Verzweiflung und aus Verzweiflung irgendwann eine Grenzüberschreitung. Doch findet der Netflix Film dafür wirklich eine menschliche Form – oder nur den nächsten moralischen Ausnahmezustand im Streaming-Gewand?

    Bis zum Ende Netflix Film 2026
    Bis zum Ende ©Netflix

    Was zunächst wie ein vertrautes Mutterdrama klingt, wird in „Bis zum Ende“ schnell zu einer Geschichte darüber, wie dünn die Wand zwischen Verzweiflung und Verbrechen wirklich ist. Jada (Nawell Madani) und ihr Mann Paul (Guillaume Gouix) haben lange versucht, ein Kind zu bekommen. Als es endlich klappt, scheint das Leben ihnen doch noch etwas geschenkt zu haben, das vorher immer knapp außerhalb ihrer Reichweite lag. Doch wenige Jahre später will das Schicksal genau dieses Geschenk wieder zurückfordern. Ihr Sohn (Paul Fouré) erkrankt an Leukämie und braucht dringend eine passende Spende. Während die Zeit gegen die Familie arbeitet und jede medizinische Möglichkeit zur nächsten Sackgasse wird, klammert sich Jada an alles, was noch nach Chance aussieht. Was als verzweifelte Suche nach Rettung beginnt, entwickelt sich zu einem Kampf, in dem eine Mutter nicht mehr nur gegen eine Krankheit antritt, sondern gegen Ohnmacht, Zufall und irgendwann auch gegen die Grenzen dessen, was erlaubt ist. Hoffnung, Schuld und Gesetz lassen sich dabei immer schwerer sauber voneinander trennen. 

    Filmpodcast Netflix

    „Bis zum Ende“ macht Mutterliebe zur Thriller-Prämisse 

    Subtilität aus, Film an. Bevor „Bis zum Ende“ überhaupt dazu kommt, seine eigentliche moralische Versuchsanordnung aufzubauen, muss der Netflix Film erst einmal alles abräumen, was nach Vorgeschichte, Schicksal und Charakterzeichnung aussieht. Jada ist Boxtrainerin, also natürlich eine Kämpferin. Eine Frau, die nicht aufgibt, die einsteckt, austeilt, weitermacht. Eine Löwin, wie es solche Filme gern behaupten, wenn sie keine Lust haben, eine Figur wirklich zu ergründen. Nach vergeblichen Schwangerschaftsversuchen folgt die Embryonenspende, das Schicksal wird ausgetrickst, zumindest vorerst, Noah kommt zur Welt, ein paar Jahre vergehen, die Beziehung zu Paul ist inzwischen zerbrochen, die Trennung wird beiläufig im Nebensatz entsorgt, und dann schlägt das Leben wieder zu. Leukämie. Diagnose. Ausnahmezustand. Kurz davor darf Noah noch einen Boxkampf gegen einen Gegner gewinnen, der natürlich größer, schwerer und eigentlich überlegen ist. Auch er ist also ein Kämpfer. Egal, wie schlecht die Chancen stehen. Eine Metapher, so dick aufgetragen, dass sie nicht mehr getroffen werden muss, weil sie längst mit beiden Fäusten ins Gesicht schlägt. „Bis zum Ende“ lässt kaum ein Klischee aus, sondern arbeitet sie ab, als läge dem Drehbuch eine Checkliste vor: unerfüllter Kinderwunsch, spätes Glück, Krankheit, getrennte Eltern, Kampfgeist, Mutterinstinkt, Zeitdruck. Nur entsteht daraus kein Emotion. Keine Figur wird wirklich geöffnet, keine Situation erhält Raum, keine Verzweiflung darf sich entwickeln, weil der Film sie schon fertig beschriftet hat, bevor sie überhaupt spürbar werden kann.

    Bis zum Ende Netflix Film 2026
    Bis zum Ende ©Netflix

    Also wird geweint, gestritten, gekämpft – und doch bleibt nichts haften. „Bis zum Ende“ weiß genau, welche Knöpfe ein Krebsdrama drücken müsste, findet aber keinen Zugang zu ihnen. Der Schmerz bleibt Behauptung, die Angst bleibt Funktion, die Wut bleibt Motor für den nächsten Schritt in Richtung Thriller, der dem Drama schließlich wie eine zweite Haut übergezogen wird. Denn ohne Knochenmarktransplantation wird Noah nicht überleben. Die Warteliste ist lang, die Regeln sind streng, die Zeit läuft davon. Für Jada ist das nicht länger ein System, das alle schützen soll, sondern nur noch ein Hindernis zwischen ihr und der möglichen Rettung ihres Sohnes. Dass andere Familien ebenfalls warten, ebenfalls hoffen, ebenfalls an denselben Grenzen scheitern könnten, interessiert weder Jada noch den Film, der sich ganz auf Jadas Tunnelblick verengt. Als sich dann auch noch die anonymen Spender des Embryos gegen eine Knochenmarkprüfung aussprechen, kippt die Verzweiflung endgültig in Eskalation. Jada rennt durch die Stadt, übertritt Absperrungen, fordert Kontakt zu Menschen, deren Anonymität geschützt ist, und prallt immer wieder an Datenschutz, Regeln und Zuständigkeiten ab. Das könnte funktionieren, wenn die Geschichte einen emotional wirklich an ihre Seite gezwungen hätte. Wenn ihre Grenzüberschreitung nachvollziehbar und schmerzhaft ambivalent wäre. So aber bleibt vor allem eine verzweifelte, in erster Linie jedoch nervige Mutter, die ihren Ego-Trip als moralische Notwendigkeit behandelt. Am Ende liegen die Parallelen zu „Straw“ näher, als einem lieb sein kann: zum Glück ohne die polemische Sozialkritik, die dort im Kern nur dumm war, aber ähnlich naiv, grob und seelenlos.

    Bis zum Ende Netflix Film 2026
    Bis zum Ende ©Netflix

    Fazit

    „Bis zum Ende“ will Mutterliebe als moralischen Ausnahmezustand verkaufen, hat dafür aber weder emotionale Tiefe noch Ambivalenz im Gepäck. Übrig bleibt ein grobes, klischeeverliebtes Krebsdrama mit angeklebtem Thriller-Motor, das laut verzweifelt tut und dabei erschreckend wenig fühlen lässt.

    Bewertung: 1 von 5.
    Amazon Filme Blu-ray
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  • Normal | Film – Kritik: Der normale Wahnsinn trägt Winterjacke

    Normal

    TitelNormal
    Genre Action, Thriller
    Jahr2026
    FSK18
    RegieBen Wheatley

    Heimkinostart: 31.07.2026

    Ein Actionfilm, der seinen Titel Lügen straft

    Normal klingt nach beige. Nach Mittelfeld, Mehrheitsentscheidung, Alltagsverwaltung. Nach Menschen, die in der Schlange nicht vordrängeln, aber auch nie etwas sagen würden, wenn es jemand anderes tut. Normal ist kein Versprechen, sondern ein Achselzucken. Für einen Actionfilm also denkbar schlechtes Ausgangsmaterial, denn normale Actionfilme gibt es inzwischen nicht nur wie Sand am Meer, sondern wie Patronenhülsen nach einem John-Wick-Finale. Männer mit Vergangenheit. Kleinstädte mit Geheimnissen. Eine Bank, ein Überfall, ein Held wider Willen. Alles schon gesehen. Mehrfach. In Zeitlupe. Mit schlechterem Schnitt. Dass „Normal“ ausgerechnet aus dieser Wiedererkennungskiste einen der unterhaltsameren Genrebeiträge des Jahres baut, ist deshalb fast schon eine kleine Frechheit. Nichts an den Einzelteilen ist neu. Ihre Zusammensetzung aber hat einen sehr eigenen Knall.

    Normal Film 2026
    Normal ©LEONINE

    Ulysses Richardson (Bob Odenkirk) kommt als vorübergehender Sheriff in das verschneite Städtchen Normal, Minnesota. Der bisherige Gesetzeshüter ist tot, der Ort wirkt schläfrig, die Menschen freundlich bis leicht sonderbar, und alles sieht erst einmal so aus, als müsste hier höchstens ein entlaufener Hund eingefangen oder ein Streit im Tante-Emma-Laden geschlichtet werden. Dann wird eine Bank überfallen. Ulysses greift ein, tut, was ein Sheriff eben tut, und merkt dabei ziemlich schnell, dass in Normal ungefähr nichts normal ist. Hinter der gepflegten Kleinstadtfassade liegt ein Geheimnis, das nicht nur ein paar Bewohner betrifft, sondern den ganzen Ort in eine Art Verschwörungsschneekugel verwandelt. Einmal kräftig geschüttelt, und plötzlich fliegen nicht mehr nur Flocken.

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    Fargo-Schnee, Wick-Bodycount und Wheatley-Wahnsinn

    Wer „John Wick“ kennt, wer irgendeinen x-beliebigen Liam-Neeson-Spätphasenprügler kennt, wer „Fargo“ kennt, kennt auch „Normal“. Nur eben nicht in diesem Zusammenschluss. Wenn Wick sich durch Menschenmengen schießt, dann in einem abstrakten Unterweltuniversum aus Goldmünzen, Neonlicht und Killeretikette. Hier aber stehen einheimische Ladenbesitzer, unfähige Deputys, grantige Nebenfiguren und alte Damen mit erstaunlich belastbarem Nervenkostüm im Weg. Wenn Liam Neeson im Rentenalter zuschlägt, dann meist mit der trockenen Effizienz eines Mannes, der nur noch schnell seine Tochter, seinen Sohn, seine Würde oder irgendeinen anderen dramaturgischen Wertgegenstand retten möchte. Bob Odenkirk dagegen greift zur Bazooka im Eins-gegen-eins – und aus dem Gegner wird plötzlich nur noch ein sehr roter Vorschlag von Mensch. Und wenn in „Fargo“ im Schnee Verbrechen geplant und Dialoge getauscht werden, dann zynisch, gemein, oft leise. „Normal“ nimmt diese frostige Kleinstadtkomik und jagt ihr ein brachiales Actionfeuerwerk unter den Hintern. Das funktioniert, weil der Film seinen Ton erstaunlich genau trifft. Die Dialoge haben diesen trockenen, leicht vergifteten Humor, bei dem nicht jede Pointe mit dem Ellenbogen in die Rippen stößt. Ben Wheatley inszeniert das nicht als ehrfürchtige Genreverbeugung, sondern als Blut-und-Schnee-Groteske mit erstaunlich viel Rhythmus. Der Schnitt sitzt. Die Eskalation hat Druck. Und wenn die Gewalt kommt, dann kommt sie nicht halbherzig, sondern ultrabrutal, cartoonhaft, absurd komisch – nur leider manchmal auch ziemlich dunkel. Etwas mehr Wintersonne hätte dem Gemetzel gutgetan.

    Normal Film 2026
    Normal ©LEONINE

    Gerade diese Überzeichnung bewahrt „Normal“ davor, nur ein weiterer Odenkirk-prügelt-wieder-Film zu sein. Natürlich spielt der Film mit der „Nobody“-Persona, mit diesem immer noch leicht unwahrscheinlichen Bild eines Mannes, der aussieht, als könne er einem die Steuererklärung erklären und anschließend mit demselben Kugelschreiber einen Gangster kampfunfähig machen. Aber Odenkirk trägt diese Rolle nicht als Machofantasie. Er hat Müdigkeit im Gesicht. Zwischen all den Kugeln, Gedärmen und Kleinstadtfratzen bleibt Ulysses ein Mensch, der eigentlich längst woanders sein müsste, aber nun einmal hier steht, mitten im winterlichen Blutbad. Das macht „Normal“ zu einem Film, der sein bekanntes Actiongerüst nicht neu erfindet, aber erfreulich schräg zusammensetzt. Er schraubt Fargo-Schnee, Westernmoral, Wick-Bodycount und schwarzen Humor daran und jagt das Ding dann mit quietschenden Bremsen durch die finstere Winternacht. Am Ende liegt der Schnee nicht mehr rein da, sondern voller Blut, Gehirn, Gedärm und schlechter Entscheidungen. Umso lieber hätte man manchmal das Licht etwas länger angelassen, damit dieses hübsch hässliche Gemetzel auch seinen vollen Kontrasteffekt entfalten kann. Die FSK hätte diesem Treiben vermutlich schon aus Selbstschutz kaum weniger gegeben. Normal ist daran fast nichts. Zum Glück. 

    Normal Film 2026
    Normal ©LEONINE

    Fazit

    „Normal“ nimmt bekannte Actionbausteine und baut daraus eine herrlich dreckige, trockene, brutale Kleinstadtgroteske. Nicht tief, nicht makellos, aber verdammt unterhaltsam. 

    Bewertung: 3.5 von 5.
    Amazon Prime Video
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  • Citizen Vigilante | Kritik: Bolls verbotener Film ist keiner – aber ein Desaster

    Citizen Vigilante

    TitelCitizen Vigilante
    Genre Thriller
    Jahr2026
    FSKungeprüft
    RegieUwe Boll

    Starttermin: unbekannt

    Der verbotene Film, der nie verboten war 

    Der verbotene Film. Der Film, den Regierung und Justiz angeblich vor der Öffentlichkeit verstecken wollen. Der Film, in dem Uwe Boll endlich ausspricht, was sich sonst niemand mehr zu sagen traut. Der Film, der dem Volk aus dem Herzen spricht. So oder so ähnlich lauten die Schlagzeilen, die man zu „Citizen Vigilante“ lesen kann. Vorausgesetzt natürlich, man informiert sich ausschließlich in rechtspopulistischen Pseudo-Medien, aufgeheizten Kommentarspalten oder jenen Social-Media-Ecken, in denen aus jeder verweigerten Jugendfreigabe sofort Zensur, aus jedem Widerspruch Unterdrückung und aus jedem schlechten Film ein angeblich gefährliches Meisterwerk wird. Dabei wurde „Citizen Vigilante“ nie verboten. Der Film hat lediglich keine FSK-Freigabe erhalten, was für Verleih, Bewerbung und reguläre Auswertung ein Problem ist, aber eben kein staatliches Verbot. Boll hätte den Film trotzdem veröffentlichen können. Hat er ja auch. Der Rest ist Skandalverpackung, Opferpose, Marketingnebel. Und damit im Grunde sehr Uwe Boll. Provokation war bei ihm nie ein Nebenprodukt, sondern Geschäftsmodell. Schon immer lebte sein “Kino” davon, sich mit beiden Händen in Themen zu wühlen, bei denen andere wenigstens kurz innehalten würden. „Hanau“ etwa, sein Versuch, den Opfern eines rassistischen Anschlags zu gedenken, war bereits so geschmacklos und grotesk taktlos, dass man kaum wusste, ob man über die Unfähigkeit oder die Dreistigkeit mehr erschrecken sollte. Trotzdem stand dahinter zumindest noch der behauptete Impuls, Opfer sichtbar zu machen. „Citizen Vigilante“ kippt nun auf die andere Seite. In eine Selbstjustizfantasie, die Migranten als Bedrohungsmasse zeichnet, den Rechtsstaat als lächerliche Kulisse behandelt und einen Mann mit Waffe dort zum Vollstrecker erhebt, wo Demokratie und Justiz angeblich versagen.

    Citizen Vigilante Film 2026 Verboten?
    Citizen Vigilante ©Event Filmproduktion

    Das Irritierende daran ist nicht einmal, dass Boll provoziert. Natürlich provoziert Boll. Das tut er immer. Irritierend ist die Zielrichtung. Ob er dieses rassistische, ausländerfeindliche und rechtsstaatsverachtende Weltbild tatsächlich teilt oder nur genau weiß, bei wem solche Bilder zünden, bleibt am Ende fast zweitrangig. Denn der Film steht nun einmal da. Mit allem, was er zeigt, behauptet und nahelegt. Und er weiß sehr genau, in welche offenen Wunden er seine schmutzigen Finger legt. In Frust. In Abstiegsangst. In institutionelles Misstrauen. In das Bedürfnis nach einfachen Schuldigen. Dort, wo Menschen die eigene Ohnmacht nicht mehr als eigenes Problem begreifen wollen, sondern als Beweis dafür, dass „die anderen“ schuld sind, kommt ein Film wie dieser nicht als Provokation an. Sondern als Bestätigung. Dabei wäre „Citizen Vigilante“ selbst ohne diesen ideologischen Bodensatz kaum erträglich. Handwerklich ist das eine einzige Trümmerfläche. Szenen hängen wie schlecht vernagelte Bretter aneinander. Licht wirkt nicht gesetzt, sondern versehentlich vorhanden. Räume sehen aus, als seien sie kurz vor Drehbeginn gefunden, aber nie eingerichtet worden. Der Schnitt stolpert. Die Dialoge liegen tot auf der Tonspur. Dramaturgie, Spannung, Action-Choreografien gibt es nicht.  Und wenn dann doch einmal geschossen wird, dann so fahrig und  reizlos inszeniert, dass selbst der Gewalt ihre behauptete Wucht fehlt. 

    Filmpodcast

    Kostenlos auf X – und trotzdem zu teuer 

    Armie Hammer, einst Hollywood-Versprechen, nun nach schweren Missbrauchsvorwürfen und dem daraus folgenden Karriereabsturz praktisch aus dem Mainstream verschwunden, steht mittendrin wie jemand, der selbst nicht ganz glauben kann, wo er gelandet ist. Strafrechtlich wurde er nicht angeklagt, beruflich aber ist der Schaden längst eingetreten. Große Studios meiden Risikofiguren. Uwe Boll sammelt sie ein. Auch das gehört zum Geschäftsmodell: Namen, die noch Wiedererkennungswert besitzen, aber kaum noch Marktwert. Hammer spielt entsprechend leblos, müde, abwesend – und nie präsent genug, um den Film zu tragen. Er existiert einfach, als blasser Körper im Dienst einer noch blasseren Erzählung. Und diese Erzählung schleppt sich schließlich auf einen Punkt zu, an dem ein Mann eine muslimische Migrantenfamilie erschießt, weil ein Sohn für eine Vergewaltigung nicht belangt wurde – und genau dort fällt endgültig jede Maske. Nicht, weil Kino keine Gewalt zeigen dürfte. Nicht, weil Selbstjustiz kein Thema sein kann. Sondern weil „Citizen Vigilante“ daraus keinen Konflikt macht, keine moralische Zumutung, keine finstere Befragung von Schuld, Wut und Vergeltung. Er macht daraus eine Entlastungsfantasie. Der Rechtsstaat hat versagt, also darf der Einzelne richten. Die Justiz ist schwach, also spricht die Kugel. Die Demokratie ist zu langsam, also übernimmt der Abzug. 

    Citizen Vigilante Film 2026 Verboten?
    Citizen Vigilante ©Event Filmproduktion

    Das ist nicht mutig. Das ist erbärmlich simpel – und zutiefst menschenverachtend. Genau deshalb verweilt die vermeintliche Handlung dort, wo man ohnehin lieber nach Feindbildern als nach Ursachen sucht. Er erzählt Menschen, die sich betrogen, übersehen oder abgehängt fühlen, nicht, dass die Welt kompliziert ist. Er erzählt ihnen, dass ihre Wut recht hat. Dass ihre Verachtung Erkenntnis sei. Dass Gewalt nur Konsequenz bedeute. Und damit betreibt er keine Analyse, sondern Affektbewirtschaftung. Ein Hassverstärker im Gewand eines Thrillers, nur ohne Thriller, ohne Kino, ohne Verstand. Dass „Citizen Vigilante“ für 48 Stunden kostenlos auf X zu sehen war – Elon Musk sei Dank, und ja, zynischer lässt sich dieser Dank kaum formulieren –, ist fast die einzige Pointe, die dieser Film besitzt. Genau deshalb erscheint diese Review auch bewusst erst nach Ablauf dieses Gratis-Zeitfensters, damit niemand auf die Idee kommt, aus reiner Neugier doch noch nachzuschauen, ob das alles wirklich so schlimm sein kann. Ja. Kann es. Am Ende bleibt von „Citizen Vigilante“ nicht einmal ein gelungener Skandal. Nur ein miserabel gemachter Film, der seine eigene handwerkliche Nichtigkeit unter politischem Dreck begräbt und dann hofft, dass die Empörung schon reichen wird. Die einzige Grenze, die Boll hier sprengt, ist die des guten Geschmacks, und selbst das nicht auf eine Weise, die erschüttert, sondern auf eine, die beschämt. Schlechter Film des Jahres? Sicher. Schlechter Film des Jahrzehnts? Gut möglich. Schlechtester Film überhaupt? Man hat nicht alle gesehen. Aber die Chancen stehen erschreckend gut. 

    Citizen Vigilante Film 2026 Verboten?
    Citizen Vigilante ©Event Filmproduktion

    Fazit

    „Citizen Vigilante“ ist kein gefährlich unterdrücktes Meisterwerk, sondern ein miserabel inszenierter Selbstjustiz-Schund, der rassistische Feindbilder, Rechtsstaatsverachtung und kalkulierte Empörung als Provokation verkauft. Uwe Bolls angeblich verbotener Film ist handwerklich erbärmlich, politisch widerlich und jetzt schon der schlechteste Film des Jahres.

    Bewertung: 0.5 von 5.
    Amazon Prime Video
  • Enola Holmes 3 | Netflix Film – Kritik: Millie Bobby Brown ermittelt weiter

    Enola Holmes 3

    TitelEnola Holmes 3
    Genre Abenteuer, Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegiePhilip Barantini

    Starttermin: 01.07.2026 | Netflix

    Netflix setzt den Detektivbaukasten wieder zusammen

    Nach dem ersten Fall hätte man „Enola Holmes“ eigentlich wieder in der Netflix-Schublade verschwinden lassen können, aus der er gekommen war: solide ausgestattet, bemüht modern, detektivisch überschaubar und getragen von einer Hauptfigur, deren permanente Direktansprache mehr Energie behauptete, als der Film tatsächlich besaß. Der zweite Teil machte es besser. Nicht gut, aber besser. Die Erzählung lief flüssiger, der Kriminalfall hatte zumindest mehr Zug, und Henry Cavill durfte als Sherlock Holmes gelegentlich so tun, als spiele er in einem interessanteren Film. Trotzdem blieb das Grundproblem bestehen: zu lang, zu glatt, zu harmlos – viel zu viel von Millie Bobby Browns Grimassenbetrieb. Für Netflix war das allerdings nie ein ernsthaftes Hindernis. Die Formel stimmte. Bekannter Name, bekannte Marke, junge Zielgruppe, Kostüme, ein bisschen Feminismus aus dem Baukasten, ein bisschen Holmes-Mythos für alle, die bei Sherlock sofort einsteigen, und genug Tempo, damit niemand zu lange über die dünne Dramaturgie nachdenkt. Dass „Enola Holmes 2“ kein guter Film war, musste seinen Erfolg also nicht verhindern. Er erfüllte exakt das, was Netflix von solchen Stoffen erwartet: Wiedererkennbarkeit, Anschlussfähigkeit, Algorithmus-Futter. Nun macht „Enola Holmes 3“ genau dort weiter.

    Enola Holmes 3 Netflix Film 2026
    Enola Holmes 3 ©Netflix

    Diesmal führt der Fall Enola Holmes (Millie Bobby Brown) nach Malta, wo persönliche und berufliche Pläne ziemlich unsanft ineinanderkrachen. Eigentlich steht die nächste große Lebensentscheidung bevor: Enola will Lord Tewkesbury (Louis Partridge) heiraten. Doch die Feierlichkeiten werden unterbrochen, als ihr Bruder Sherlock Holmes (Henry Cavill) verschwindet beziehungsweise entführt wird. Gemeinsam mit Tewkesbury und Dr. Watson (Himesh Patel) nimmt Enola die Suche auf und gerät in eine Intrige, die größer, gefährlicher und internationaler wirken soll als ihre bisherigen Fälle. Zwischen Hochzeitschaos, Familienbanden, kolonialem Malta und Holmes’schem Rätselspiel muss Enola also erneut beweisen, dass sie nicht nur Sherlocks kleine Schwester ist – und „Enola Holmes 3“ vielleicht doch noch zur Rettung einer angeschlagenen Reihe wird, die von Anfang an auf wackeligen Beinen stand. Ob Ersteres gelingt, wäre ein Spoiler, wenngleich die Antwort selbstverständlich bereits klar sein dürfte – letzteres hingegen funktioniert ganz sicher nicht. 

    Filmpodcast Netflix

    „Enola Holmes 3“ macht einen potenziellen Teil 4 nicht verlockender

    Man fühlt sich langsam wie ein Leierkastenmann, wenn man jedes Mal aufs Neue dieselben Worte finden muss, sobald sich Millie Bobby Brown über die Leinwand oder wahlweise den heimischen Bildschirm grimassiert. Aber was soll man machen? Wäre seitens des „Stranger Things“-Stars irgendwann so etwas wie eine darstellerische Entwicklung festzustellen, ließe sich auch einmal etwas anderes schreiben. Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum Brown weniger wie ein Kinostar wirkt als wie eine Netflix-Gewohnheit. Abseits ihrer beiden „Godzilla“-Auftritte – jeweils in eher überschaubaren Rollen – hat sich ihre Karriere vor allem auf dem Streamingdienst eingerichtet: „Stranger Things“, „Enola Holmes“, „Damsel“, „The Electric State“. Eine erstaunlich erfolgreiche, aber ebenso erstaunlich geschlossene Plattformkarriere. Und zu Netflix passt das leider ziemlich gut. Große Gesten, wenig dahinter. Zumindest dann, wenn es um jene mainstreamtaugliche Fließbandware geht, die Browns Vita inzwischen so prominent durchzieht. So ist es auch hier zunächst wieder die emoji-eske Visagenakrobatik, die sie aufs Parkett legt, sobald irgendeine Emotion gefragt ist. Erstaunen? Augen auf. Entschlossenheit? Kinn nach vorn. Verletzlichkeit? Mund leicht offen. Dazwischen ein paar hektische Blicke in Richtung Kamera, als müssten emotionale Regungen nicht gespielt, sondern für ein GIF vorbereitet werden. Das strengt an – und zwar jedes Mal aufs Neue.

    Enola Holmes 3 Netflix Film 2026
    Enola Holmes 3 ©Netflix

    Abseits dieser Gesichtsentgleisungen, die mit Schauspiel nur sehr entfernt verwandt sind und vermutlich besser bei einer Runde „Scharade“ oder „Activity“ am heimischen Wohnzimmertisch aufgehoben wären, macht „Enola Holmes 3“ auch sonst munter dort weiter, wo die Reihe schon vorher ihre größten Schwächen hatte. Es fehlt der Drive, es fehlen die guten Ideen, es fehlt die raffinierte Geschichte. Von echter Charakterzeichnung ganz zu schweigen. Optisch mag das auch im dritten Anlauf wieder routiniert daherkommen, mit okayen Kostümen, ordentlichen Kulissen und jener polierten Netflix-Oberfläche, die immer nach Standard-Produktion aussieht, aber selten nach Kino. Nur macht das eben noch lange keinen guten Film. Ob Teil 4 bereits in der Pipeline steckt, darüber hält sich Netflix bislang bedeckt. Die Befürchtung jedoch ist da – die Lust darauf liegt nach der inzwischen dritten Schlaftablette allerdings tief unterhalb der Nachweisgrenze.

    Enola Holmes 3 Netflix Film 2026
    Enola Holmes 3 ©Netflix

    Fazit

    „Enola Holmes 3“ setzt die Schwächen der Reihe zuverlässig fort: solide ausgestattet, aber dramaturgisch dünn, als Detektivgeschichte belanglos und durch Millie Bobby Browns anstrengenden Grimassenbetrieb zusätzlich belastet. Netflix bekommt seine Formelware – ein guter Film wird daraus trotzdem nicht.

    Bewertung: 1 von 5.
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