Die Niederlande sind im Horrorgenre vor allem für atmosphärische Genreperlen bekannt. Als Erstes kommen einem dabei Filme wie „The Vanishing“ oder der fantastische „Speak No Evil“ in den Sinn, der vor wenigen Jahren so erfolgreich war, dass bereits ein Jahr später ein amerikanisches Remake produziert wurde. Gewalt und blutige Eskapaden bleiben dabei meist aus, stattdessen setzt der niederländische Horror eher auf subtile Schrecken. Bis jetzt. Denn Regisseur Martijn Smits präsentiert mit „Meat Kills“ den ersten niederländischen Horrorfilm der in seinem Land eine FSK-18-Freigabe erhalten hat. Die Busch Media Group bringt den Film in verschiedenen hübschen Mediabook-Varianten ins deutsche Heimkino, worüber sich vor allem Fans blutiger Massaker freuen dürften. Im Mittelpunkt steht die junge Tierliebhaberin Mirthe (Caro Derkx), die sich auf eine Schweinefarm einschleust, um die grausamen Zustände und den Umgang mit den Tieren zu dokumentieren. Damit will sie in die radikale Aktivistengruppe „Animal Army“ aufgenommen werden. Ihr Plan geht auf: Gemeinsam mit der Gruppe bricht sie nachts auf die Farm ein, um die Tiere zu befreien. Doch die Aktion verläuft anders als geplant.
Als erster niederländischer Horrorfilm mit einer FSK-18-Freigabe sind die Erwartungen an die Gewaltexzesse in „Meat Kills“ entsprechend hoch. Und tatsächlich überrascht der Film mit deftigen Gewaltspitzen und gelungenen handgemachten Effekten. Seinen offensichtlichen Vorbildern aus der Welle des französischen Extremhorrors, der sogenannten French Extremity, oder dem Klassiker „The Texas Chain Saw Massacre“ wird er zwar nicht immer ganz gerecht, nicht zuletzt, weil viele Tötungen im Off stattfinden, doch zumindest die Folgen der Gewalt werden explizit gezeigt und können sich sehen lassen. Fans harter Kost dürften hier keineswegs enttäuscht werden. Auch inszenatorisch erweist Regisseur Martijn Smits seinen Vorbildern liebevoll die Ehre. Wenn die Figuren durch eine Kühlkammer voller aufgehängter Schweineleichen flüchten oder Kreissägen zum Einsatz kommen, werden unweigerlich Erinnerungen an „Frontier(s)“ oder „High Tension“ wach. Doch die Gewalt ist längst nicht das Spannendste an „Meat Kills“. Tatsächlich wirft Smits interessante Fragen über Moral und den Zustand unserer gespaltenen Gesellschaft auf.
Heute auf der Schlachtbank: die Moral
Mal davon abgesehen, dass selbst radikale Tieraktivisten statistisch gesehen nur in sehr seltenen Fällen Gewalt gegen Menschen ausüben, entwickelt sich aus filmischer Sicht aus diesem Konflikt eine durchaus packende Dynamik. Die klaren Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen zunehmend. Auf der einen Seite steht eine Gruppe junger Menschen, die aus den richtigen Gründen die falschen Mittel wählt. Auf der anderen Seite befindet sich eine Familie, deren Zuhause überfallen wird und die sich zur Wehr setzt. Eine Kette fataler Zwischenfälle lässt die Situation schließlich in blinden Hass und rohe Brutalität umschlagen. Smits wirft die Frage auf, wie weit man für die eigenen Moralvorstellungen gehen darf und ob die Entmenschlichung Andersdenkender tatsächlich der richtige Weg ist, unabhängig davon, auf welcher Seite man steht. Dieser Ansatz hebt „Meat Kills“ geschickt von anderen Genrevertretern ab. Noch besser hätte er allerdings funktioniert, wenn die Figuren etwas komplexer ausgearbeitet wären. Auf beiden Seiten bleiben sie in klischeehaften und eindimensionalen Kategorien gefangen. Auch die Argumente gegen den Veganismus werden nur oberflächlich angerissen, was wiederum der Haltung vieler Fleischesser entsprechen mag. Am Ende bleibt man mit reichlich Stoff zum Nachdenken über gesellschaftliche Doppelmoral und Fleischkonsum zurück. Für einen Film dieser Art ist das bereits mehr, als man erwarten würde. Eines macht „Meat Kills“ jedoch unmissverständlich deutlich: Gewalt kennt keine Gewinner und sollte niemals das Mittel sein, um die eigenen Überzeugungen durchzusetzen. Denn Gewalt erzeugt nur weitere Gewalt. Das verdeutlicht auch das düstere Ende, in dem sich der gefährliche Teufelskreis fortsetzt.
„Meat Kills“ verbindet blutige Gewalt mit einer überraschend gesellschaftskritischen Auseinandersetzung über Moral, Fleischkonsum und die zunehmende Feindseligkeit zwischen Menschen mit gegensätzlichen Überzeugungen. Trotz klischeehafter Figuren überzeugt der Film mit handgemachten Effekten und einem düsteren Blick auf einen Teufelskreis aus Hass und Gewalt. Ein kompromissloser Genrebeitrag, der mehr zu bieten hat als blutige Eskalationen.
„Deep Water – Umringt von Haien“ schickt Renny Harlin zurück zu den Haien
Der Hai gehört zu den zähesten Kreaturen der Filmgeschichte. Nicht biologisch, sondern geschäftlich. Seit Steven Spielberg den Weißen Hai vor über fünfzig Jahren zur schwimmenden Urangst des Blockbusterkinos machte, hat das Genre schließlich einiges unternommen, um diesen Schrecken künstlich am Leben zu halten. Denn irgendwann reicht es nicht mehr, einen großen Fisch vor einem Badestrand kreisen zu lassen. Also mussten die Tiere wachsen, mutieren, sterben und trotzdem weitermachen, durch die Luft fliegen oder sich gleich in irgendwelche Monstrositäten verwandeln, deren Verwandtschaft mit einem echten Hai nur noch über die Rückenflosse nachweisbar war. Die physikalischen Grenzen des Lebensraums sind längst gefallen, die biologischen sowieso. Das alles noch einmal ausführlich aufzuzählen, wäre allerdings mindestens genauso ermüdend wie der nächste Film, der glaubt, ein besonders großer Hai sei automatisch eine besonders große Idee. Interessanter sind inzwischen fast jene Filmschaffenden, die diesen Eskalationswettbewerb verweigern. Renny Harlin gehört dazu. 27 Jahre nachdem er in „Deep Blue Sea“ genetisch optimierte Haie durch eine Forschungsstation scheuchte, kehrt der Regisseur zu den Knorpelfischen zurück und versucht gar nicht erst, sein damaliges Spektakel mit noch mehr Größenwahn zu übertrumpfen. Keine Mutationen, keine Tornados, keine prähistorischen Giganten. Nur ein abgestürztes Flugzeug, das offene Meer und ein paar hungrige Makos. Fast schon bodenständig also. Und vielleicht liegt genau darin die hübscheste Ironie von „Deep Water – Umringt von Haien“: Ausgerechnet bei Harlins Rückkehr zum Haifilm sind die Haie das Uninteressanteste.
Bevor überhaupt eine Rückenflosse durchs Wasser schneidet, befinden sich Captain Rich (Ben Kingsley) und sein Copilot Ben (Aaron Eckhart) schließlich noch mehrere Tausend Meter darüber. Ihr Passagierflugzeug ist auf dem Weg von Los Angeles nach Shanghai, als ein Feuer an Bord eine Notwasserung über dem Pazifik erzwingt. Eigentlich könnte Harlin diese Ausgangslage schnell hinter sich bringen. Maschine runter, Überlebende ins Wasser, Haie rein – fertig wäre die Genremechanik. Stattdessen macht er aus dem Absturz beinahe einen eigenen Film. Die Katastrophe ist keine narrative Rampe zum Tierhorror, sondern eine langgezogene Zerfallssequenz, in der ein streng kontrollierter Raum Stück für Stück seine Funktion verliert. Ein Flugzeug ist schließlich gerade deshalb so beruhigend, weil praktisch alles darin geregelt ist. Sitze stehen dort, wo sie stehen sollen, Gepäck verschwindet in Fächern, Türen bleiben geschlossen und selbst bei Turbulenzen hält sich die Welt normalerweise an ziemlich genaue Vorschriften. Harlin dreht diese Ordnung gegen ihre Insassen. Gegenstände entwickeln plötzlich eine Flugbahn, Verkleidungen brechen weg, Menschen werden durch die Kabine geschleudert und jeder Schaden schafft die Voraussetzung für den nächsten. Aus Sicherheit wird Gefahreninventar.
„Final Destination“ über den Wolken
Darin steckt auch die Nähe zu „Final Destination“. Nicht, weil „Deep Water – Umringt von Haienr“ dessen sadistische Kreativität nachahmt oder jedem Passagier einen besonders kunstvollen Tod spendiert. Harlin interessiert vielmehr dasselbe Kettenreaktionsprinzip: Eine Kleinigkeit kippt, dadurch verändert sich etwas anderes und plötzlich wird ein Gegenstand tödlich, den wenige Sekunden zuvor niemand überhaupt wahrgenommen hätte. Der Raum selbst scheint nach Möglichkeiten zu suchen, seine Bewohner loszuwerden. Nur dass Harlin den schwarzen Humor weitgehend herausnimmt und durch Materialgewalt ersetzt. Metall, Schwerkraft und Geschwindigkeit erledigen den Rest. Gleichzeitig hält die Sequenz erstaunlich lange an. Der Absturz ist kein kurzer Schockmoment, sondern ein Prozess, dessen nächster Kontrollverlust immer noch irgendwo wartet. Gerade dadurch entwickelt „Deep Water“ eine Intensität, die der spätere Haifilm nur noch selten erreicht. Wer das Ganze ausgerechnet im Bordprogramm eines Langstreckenfluges entdeckt, sollte vielleicht doch einmal überprüfen, ob nicht irgendwo auch eine romantische Komödie angeboten wird. Dass diese Szene stärker verunsichert als alles, was später unter Wasser lauert, ist wiederum einigermaßen absurd. Flugzeugabstürze und Haiangriffe teilen schließlich eine ziemlich komfortable Eigenschaft: Beides ist statistisch ausgesprochen unwahrscheinlich. Trotzdem gehören beide Szenarien zu jenen Ängsten, bei denen Zahlen kaum helfen. Vielleicht, weil sie denselben Kontrollverlust bedienen. In einem Flugzeug sitzt der Mensch kilometerweit über dem Boden in einer Maschine, deren Funktionieren er vollständig anderen überlassen muss. Im offenen Meer befindet er sich plötzlich in einem Lebensraum, für den sein Körper denkbar schlecht ausgestattet ist. Schwimmen können hilft nur begrenzt, wenn unter einem mehrere hundert Meter Wasser liegen. Die vermeintliche Überlegenheit des Menschen endet ziemlich schnell dort, wo Technik oder fester Boden verschwinden.
Harlin versteht diese Hilflosigkeit beim Flugzeug bemerkenswert gut. Und auch nach der Notwasserung funktioniert „Deep Water“ zunächst noch ohne zusätzlichen Raubtierbedarf: Verletzte müssen versorgt, voneinander getrennte Gruppen zusammengebracht und Rettungsmöglichkeiten gefunden werden, während Teile des Wracks absinken und der Pazifik allein schon genügend Möglichkeiten bereithält, jemanden umzubringen. Das Meer wäre als Gegner vollkommen ausreichend. Nur wäre „Deep Water – Umringt von Haien“ dann natürlich kein Haifilm. Also locken Blut, Leichen und Bewegung schließlich Makos an, womit Harlin 27 Jahre nach „Deep Blue Sea“ erneut seine alten Hauptdarsteller ins Wasser lässt. Immerhin bekommt der Weiße Hai diesmal frei. Das ist mehr als eine kosmetische Entscheidung. Der Weiße Hai trägt inzwischen ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte mit sich herum und ist im Kino fast stärker Symbol als Tier. Seine Silhouette reicht, damit sofort „Der weiße Hai“, Strandpanik und all die Kopien mitschwingen, die danach kamen. Der Kurzflossen-Mako besitzt dieses kulturelle Gepäck kaum. Dabei wäre er für einen Actionfilm eigentlich hervorragend geeignet: kleiner und schlanker als der notorische Genrestar, dafür extrem schnell, mit einem Körperbau, der ohnehin aussieht, als wäre er ausschließlich für Beschleunigung konstruiert worden. „Deep Water“ hätte damit die Gelegenheit, einer vergleichsweise unverbrauchten Haiart eine eigene filmische Identität zu verpassen. So richtig nutzt Harlin diese Chance allerdings nicht. Seine Makos sind biologisch vor allem daran interessiert, dass der Film weitergeht. In freier Wildbahn zählen Menschen nicht zu ihrer üblichen Beute, erst recht patrouillieren sie nicht gemeinschaftlich um abgestürzte Passagiermaschinen und arbeiten sich mit der Ausdauer eines All-inclusive-Gastes durch das Menschenbuffet. „Deep Water“ verwandelt sie dagegen in Piranhas mit Wachstumsschub. Wer im Wasser landet, wird zum Menüvorschlag, und selbst herbeieilende Hilfe kann ihren Appetit nicht zuverlässig bremsen. Das ist natürlich Unsinn. Nur ist der Unsinn nicht automatisch ein Problem. Ein naturgetreuer Mako, der einmal kurz vorbeischwimmt, die panischen Menschen uninteressant findet und lieber einem Thunfisch hinterherjagt, wäre für Meeresbiologen vermutlich erfreulich, als Antagonist eines Haifilms aber ein ziemlicher Rohrkrepierer. Tierhorror lebt zwangsläufig davon, tierisches Verhalten zuzuspitzen. Sonst wäre ein erstaunlich großer Teil des Genres nach fünfzehn Minuten vorbei.
Das Problem von „Deep Water – Umringt von Haien“ liegt deshalb nicht darin, dass seine Haie unrealistisch sind. Es liegt darin, dass Harlin mit dieser Freiheit erstaunlich wenig Neues anfängt. Die Tiere sehen anders aus, bewegen sich schneller und verleihen den Angriffen eine gewisse Aggressivität, verhalten sich dramaturgisch aber letztlich wie beinahe jeder Filmhai der vergangenen Jahrzehnte. Sobald sie übernehmen, beginnt „Deep Water“ durch sehr vertrautes Genregewässer zu schwimmen. Jemand muss von einem sicheren Punkt zum nächsten. Jemand anderes fällt ins Wasser. Eine Flosse nähert sich. Das Meer färbt sich rot. Harlin kann das inszenieren, daran besteht wenig Zweifel. Seine digitalen Räuber besitzen Geschwindigkeit und Wucht, die Angriffe sind ruppig genug und die vergleichsweise große Figurenriege sorgt dafür, dass regelmäßig jemand zur Disposition steht. Besonders tief gezeichnet ist dieser breit gefächerte Personenkreis zwar nicht, für ein klassisches Katastrophenfilmszenario erfüllt er seinen Zweck aber ordentlich: genügend Gesichter, genügend kleine Konflikte, genügend potenzielle Opfer. Nur hatte „Deep Water“ seinen spannendsten Gegner da längst gefunden. Die brennende Passagiermaschine besitzt mehr Persönlichkeit als jeder Mako, ihre Todesmechanik ist schwerer vorhersehbar und ihr Absturz hinterlässt ein unangenehmeres Gefühl als die gesamte spätere Haifütterung. Darin steckt die schönste Pointe dieser späten Rückkehr. Renny Harlin dreht nach 27 Jahren wieder einen Haifilm, beherrscht die Haie noch immer und braucht sie trotzdem beinahe nicht. „Deep Water“ ist weder besonders innovativ noch sonderlich clever und macht aus seiner ungewöhnlicheren Haiart am Ende doch nur eine Variante altbekannter Genremechanik. Gleichzeitig ist Harlin als Actionhandwerker noch routiniert genug, um aus einem durchschnittlichen Tierhorror einen ziemlich unterhaltsamen Katastrophenfilm zu machen. Und in einem Genre, das seine Hauptdarsteller längst durch sämtliche Aggregatzustände geprügelt hat, wirkt solide Handarbeit inzwischen fast schon wie eine evolutionäre Weiterentwicklung.
„Deep Water – Umringt von Haien“ ist ausgerechnet dann am besten, wenn die Haie noch keine Rolle spielen. Danach liefert Renny Harlin solide, aber wenig einfallsreiche Genrekost. Dass es damit trotzdem für einen der besseren Haifilme der vergangenen Jahre reicht, ist Lob und Armutszeugnis für das Genre zugleich.
Netflix lässt in „Animals“ die politischen Masken fallen
Wahlkampf ist ein gigantisches Theaterstück. Es gibt aufwändig gestaltete Kulissen, sorgfältig einstudierte Choreografien und eine Beleuchtung, die selbst das Gewöhnlichste noch ein wenig schöner aussehen lässt. Wer im Publikum sitzt, sieht engagierte Menschen, große Versprechen und eine Zukunft, die unbedingt besser werden soll. Hinter der Bühne stehen derweil die Stative, verlaufen Kabel über den Boden und halten ein paar unscheinbare Holzstreben die ganze schöne Pappwelt zusammen. Entscheidend ist schließlich, dass niemand von der falschen Seite darauf schaut. Es ist eine Frage des Geldes, der Inszenierung und eines guten Drehbuchs. Was hinter den Kulissen geschieht, interessiert die Öffentlichkeit meistens erst, wenn jemand versehentlich den Vorhang aufzieht. Genau dort setzt Ben AfflecksNetflix–Thriller „Animals“ an. Hinter der sorgfältig gepflegten Fassade eines aufstrebenden Bürgermeisterkandidaten verbirgt sich eine Familiengeschichte, die mit dem politischen Schauspiel längst mehr gemein hat, als ihren Beteiligten lieb sein dürfte. Als plötzlich ein Kind entführt wird, steht allerdings weit mehr auf dem Spiel als die nächste Wahl. Und ausgerechnet ein Mann, der sich seinen guten Ruf mit moralischen Überzeugungen erarbeitet hat, muss entscheiden, wie viel diese noch wert sind, wenn es wirklich darauf ankommt.
Mark Kimball (Ben Affleck) kandidiert für das Bürgermeisteramt von Los Angeles. Ein charismatischer, engagierter Mann mit durchaus ehrlichen Ambitionen, der seine Stadt verändern möchte und sich selbst dann noch schwer mit den üblichen Wahlkampfspielchen tut, wenn sie ihm zum Sieg verhelfen könnten. In den Umfragen fehlen ihm vor allem Stimmen aus der lateinamerikanischen Community. Sein Wahlkampfmanager Sam (Steven Yeun) drängt deshalb auf zusätzliche Investitionen, für die Mark inzwischen sogar sein Familienvermögen aufs Spiel setzt. Ausgerechnet privat läuft es allerdings längst weniger vorbildlich. Seine Ehe mit Abigail (Kerry Washington) existiert vor allem noch für die Öffentlichkeit, während hinter verschlossenen Türen wenig von jener Zuneigung geblieben ist, die beide auf gemeinsamen Auftritten demonstrieren. Wie nebensächlich diese Probleme plötzlich werden, zeigt sich an Halloween. Als ihr Sohn Denny (Christopher Woodley) gemeinsam mit der Haushälterin Cecilia (Adriana Paz) und deren Sohn von Haus zu Haus zieht, erreicht Mark ein Anruf: Sein Kind wurde entführt. Sieben Millionen Dollar fordern die Täter, sonst wird Denny sterben. Dumm nur, dass Mark sein Geld bereits in den Wahlkampf gesteckt hat. Also muss er auf andere Möglichkeiten zurückgreifen. Sein Wahlkampfmanager bringt die zwielichtige Dayle Burton (Gillian Anderson) ins Spiel, eine Frau, die Probleme gegen entsprechende Bezahlung beseitigt und dabei auf gesellschaftliche Konventionen herzlich wenig Rücksicht nimmt. Plötzlich wird aus dem Saubermann ein verzweifelter Vater, für den selbst die schmutzigsten Mittel infrage kommen.
Wenn die Spannung schneller verschwindet als das Lösegeld
Bevor es um Netflix‘ „Animals“ selbst geht, lohnt sich allerdings ein Blick auf seine ungewöhnliche Produktionsgeschichte. Affleck hatte den Thriller bereits vor einigen Jahren in Vorbereitung, Matt Damon sollte ursprünglich die Hauptrolle übernehmen. Kurz vor Drehbeginn erfuhr der Regisseur dann von Spike Lees „Highest 2 Lowest“ mit Denzel Washington, der nicht nur eine auffällig ähnliche Ausgangssituation, sondern auch denselben entscheidenden Handlungstwist bereithält. Affleck legte das Projekt zunächst auf Eis, ehe er es später wieder aufgriff und schließlich selbst die Hauptrolle übernahm. Seiner Darstellung zufolge entstanden beide Drehbücher unabhängig voneinander. Wer Lees Film gesehen hat, dürfte bei „Animals“ trotzdem ein ausgesprochen hartnäckiges Déjà-vu erleben. Dass die Geschichte bereits in Akira Kurosawas Klassiker „High and Low“ von 1963 ihren Ursprung hat, macht die Sache nicht gerade origineller. Letztlich spielt es aber kaum eine Rolle, welche der vorherigen Varianten bekannt ist. Denn was Affleck hier inszeniert, bewegt sich ohnehin durch das erstaunlich überschaubare Einmaleins des Entführungsthrillers. Dabei hat ausgerechnet dieser Regisseur mit „Gone Baby Gone“, „The Town“ und „Argo“ längst bewiesen, wie viel Spannung, menschliche Ambivalenz und erzählerische Wucht sich aus vergleichbaren Stoffen gewinnen lassen. Umso erstaunlicher ist es, wie lieblos und belanglos sein jüngstes Werk dagegen ausfällt. Man muss Afflecks bisherige Regiearbeiten nicht einmal besonders verehren, um von „Animals“ deutlich mehr zu erwarten.
Dabei beginnt die Geschichte durchaus solide. Affleck nimmt sich Zeit, seinen Protagonisten als beinahe unangenehm sympathischen Musterschüler politischer Integrität aufzubauen. Mark ist aufrichtig, verständnisvoll, engagiert und sieht dabei auch noch so aus, als würde er nach jeder Wahlkampfveranstaltung persönlich die Stühle zusammenklappen. Das hat durchaus Charme, wirkt allerdings schon früh derart glatt poliert, dass kaum etwas Menschliches darunter hervorschaut. Als die Situation schließlich eskaliert, gelingt Affleck immerhin eine bemerkenswert intensive Plansequenz, die den Kontrollverlust der Familie unmittelbar erfahrbar macht. Für einige Minuten entsteht tatsächlich jene Anspannung, die ein Entführungsthriller dringend benötigt. Doch dann kommt nach nicht einmal einer Dreiviertelstunde die entscheidende Wendung und mit ihr beginnt das große emotionale Desinteresse. Plötzlich sollen Menschen im Mittelpunkt stehen, über die zuvor kaum etwas erzählt wurde. Figuren werden wichtig, weil das Drehbuch ihre Bedeutung verlangt, nicht weil der Film eine Beziehung zu ihnen aufgebaut hätte. Gerade bei einer Geschichte, deren moralische Konflikte eigentlich davon leben müssten, dass fremdes Leid plötzlich zur persönlichen Angelegenheit wird, ist das ein gewaltiges Problem. Die gesellschaftlichen Fragen nach Wohlstand, Herkunft, politischer Verantwortung und menschlicher Solidarität werden zwar angesprochen, entwickeln aber kaum eine eigene Schärfe. Stattdessen verliert sich „Animals“ in vorhersehbaren Entscheidungen, angestrengten Ehekonflikten und einer Handlung, die mit zunehmender Laufzeit immer beliebiger wird. Handwerklich ist das ordentlich, visuell weitgehend unspektakulär und schauspielerisch trotz namhafter Besetzung erstaunlich wenig mitreißend. Gillian Anderson bringt als undurchsichtige Problemlöserin noch eine gewisse Unberechenbarkeit ins Geschehen – wirklich helfen kann sie dem Film allerdings auch nicht. Das eigentliche Problem bleibt die gewaltige emotionale Distanz zu nahezu allen Beteiligten. Und wenn einem irgendwann ziemlich egal ist, wie sich eine Entführung entwickelt, werden selbst knapp zwei Stunden verdammt lang.
Wenn die politische Schmutzwäsche plötzlich nach Heldentum riecht
Am merkwürdigsten wird „Animals“ allerdings dort, wo Affleck seine Geschichte wieder mit der politischen Inszenierung zusammenführen möchte. Denn eigentlich steckt darin ein ziemlich bissiger Gedanke: Es kommt in der Politik weniger darauf an, was tatsächlich geschehen ist, als darauf, welche Geschichte sich anschließend daraus erzählen lässt. Selbst moralisch fragwürdige Entscheidungen können im richtigen Licht plötzlich heldenhaft aussehen. Eine durchaus zynische Betrachtung jener öffentlichen Selbstinszenierung, mit der „Animals“ begonnen hat. Nur scheint der Netflix Film seiner eigenen Boshaftigkeit nicht recht zu vertrauen. Der zunehmend absurde Schlussakt gerät zu einer Mischung aus konstruiertem Heldenmut, familiärer Versöhnung und politischer Abrechnung, die sich gegenseitig erstaunlich zuverlässig die Wirkung nehmen. Einerseits soll deutlich werden, wie sich Wahrheit manipulieren und selbst moralisches Versagen noch in einen persönlichen Triumph verwandeln lässt. Andererseits wird das Geschehen mit einem derart versöhnlichen Pathos aufgeladen, dass sich die Frage aufdrängt, ob hier gerade politische Heuchelei entlarvt oder irgendwie doch noch gerechtfertigt werden soll. Vielleicht liegt darin sogar die bitterste Pointe: Dass eine gute Tat sämtliche schmutzigen Mittel entschuldigt, solange am Ende die richtige Geschichte darüber erzählt wird. Nur müsste ein Film diese Ambivalenz auch tatsächlich aushalten können, anstatt seine Figuren und Konflikte immer wieder zurechtzubiegen, bis alles irgendwie passt. „Animals“ möchte die Kulissen des politischen Theaters einreißen, interessiert sich für das, was dahintersteckt, dann aber erschreckend wenig. Übrig bleibt ein Thriller, der von großen moralischen Fragen erzählt und dabei selbst kaum etwas zu sagen hat. Immerhin eine Erkenntnis bleibt: Für einen erfolgreichen Wahlkampf genügt offenbar schon eine überzeugende Geschichte. Für einen guten Film leider nicht.
Ben Affleck kennt sich mit spannungsgeladenen Kriminalgeschichten aus. Umso ernüchternder, wie schnell „Animals“ nach einem vielversprechenden Auftakt im Genre-Einerlei versinkt. Wo selbst eine Entführung kaum noch zum Mitfiebern einlädt, können knapp zwei Stunden verdammt lang werden.
Wenn Kokain, Knarren und Haie denselben Ausflug buchen
Man traut es sich kaum noch zu sagen, so häufig hat das Kino diese Erkenntnis inzwischen durch Wälder, Labore, Freizeitparks und sämtliche Weltmeere geschleppt: Das gefährlichste Tier ist der Mensch. Wo irgendwo Zähne, Klauen oder Tentakel auftauchen, dauert es selten lange, bis jemand beweist, dass Gier, Größenwahn und mangelnde Impulskontrolle auch ohne Reißzähne ziemlich weit kommen. „Jurassic Park“ brauchte dafür einen Konzern, „Deep Blue Sea“ wissenschaftliche Hybris, „Dangerous Animals“ zuletzt einen Serienkiller mit ausgeprägtem Hai-Faible. Neu ist daran wenig. Wahr bleibt es trotzdem. „Tides of Fear“ macht daraus ein erfreulich simples Zwei-Etagen-Modell: Unter Wasser kreisen Haie, über Wasser Männer mit Waffen. Die einen folgen ihrem Jagdinstinkt, die anderen Kokain, Geld und einer bemerkenswert niedrigen Frustrationstoleranz. Dazwischen sitzt eine Gruppe Urlauber fest, die ziemlich schnell feststellen muss, dass große Zähne womöglich noch das kalkulierbarere Problem darstellen. Regisseur Jesse V. Johnson versucht daraus gar nicht erst eine große Abhandlung über die Bestie Mensch zu machen. Er nimmt den vertrauten Gedanken, steckt ihn in einen Haikäfig und wirft anschließend so lange Probleme hinterher, bis niemand mehr vernünftig aussteigen kann.
Dabei fängt der Mexiko-Urlaub vergleichsweise harmlos an. Kyle (Diego Llinás) verspielt beim illegalen Glücksspiel sein Geld an Burns (Antonio Banderas), einen Drogenboss, der den schlechten Verlierer aus irgendeinem Grund sympathisch genug findet, ihm einen Ausflug zum Käfigtauchen zu spendieren. Tatsächlich steckt zunächst kein doppelter Boden dahinter. Gemeinsam mit seiner Schwester Tatiana (Laura Marano), deren Freund TJ (Donncha Tynan), Kayle (Christina Ochoa) und Danny (Ryan Bertroche) landet Kyle deshalb auf dem Boot von Captain Logan (Timothy V. Murphy). Dort warten allerdings noch Martin (Louis Mandylor) und Garrison (Jess Liaudin), zwei Männer, bei denen schon die Körpersprache verrät, dass gemeinsames Muschelsammeln eher nicht auf dem Tagesprogramm steht. Als Danny versehentlich Martins Tasche öffnet und statt Handtüchern einen ordentlichen Vorrat Drogen findet, kippt der Ausflug endgültig. Martin zieht die Waffe, während Tatiana und Kayle bereits unter Wasser sitzen. Auftauchen wäre jetzt ausgesprochen ungesund, unten bleiben allerdings ebenfalls keine Dauerlösung. Der Originaltitel „Above & Below“ beschreibt diese Zwickmühle deshalb wesentlich besser als das austauschbare „Tides of Fear“: Über ihnen wartet menschliche Gewalt, unter ihnen tierische. Viel komplizierter wird die Prämisse nicht. Muss sie auch nicht.
„Tides of Fear“ erklärt Haie – und vergisst es gleich wieder
Ein Hai allein erschreckt im Tierhorror inzwischen kaum noch jemanden. Seit Spielberg 1975 aus einer Rückenflosse kollektive Strandpanik gemacht hat, wurde der Filmhai genetisch verbessert, mehrfach geköpft, in Tornados geschleudert, durch Einkaufszentren gejagt und in nahezu jede denkbare Umgebung verfrachtet. „Tides of Fear“ fällt dagegen beinahe durch seine Bodenständigkeit auf. Ein Boot, ein Käfig, ein paar Kriminelle, reichlich Kokain und zunächst Makos, bevor selbstverständlich auch der Weiße Hai noch seinen traditionsreichen Dienst antreten darf. Gerade der Mako hätte dabei eigentlich genug Eigenständigkeit mitgebracht. Schnell, aggressiv wirkend, im Kino deutlich weniger verbraucht als sein weißer Kollege – und trotzdem reicht es Johnson irgendwann nicht mehr. Also bekommt auch dieser Film seinen großen, vernarbten Unterwasser-Endgegner. Das ist besonders absurd, weil Captain Logan zuvor noch erklärt, Haie seien keine blutrünstigen Monster, sondern vorsichtige Raubtiere, die den Menschen keineswegs automatisch auf der Speisekarte führen. Wenig später benimmt sich der Film selbst, als hätte er dieses Gespräch bereits wieder vergessen. Blut landet im Wasser, Körper folgen, die nächste Flosse kommt zuverlässig hinterher. Über Tauchphysik, Wundversorgung oder die erstaunliche Widerstandsfähigkeit mancher Figuren sollte dabei besser niemand länger nachdenken. „Tides of Fear“ interessiert sich nicht für Plausibilität. Er interessiert sich dafür, wie viele Schwierigkeiten gleichzeitig auf ein paar Quadratmetern Boot und Wasser passen. Die Antwort überrascht kaum: ziemlich viel sogar.
Der größte Unterhaltungswert liegt dabei jedoch weniger bei der hungrigen Hai-Population unter Wasser, sondern bei genau dem Mann, der wenige Meter darüber das Blutbad erst lostritt. Louis Mandylor macht aus Martin keinen eleganten Bösewicht und schon gar keinen bewusst auf Kult getrimmten Psychopathen. Er spielt ihn als wandelnde Fehlentscheidung. Ein bisschen Killer, ein bisschen Tollpatsch, sehr viel schlechte Impulskontrolle. Martin reagiert auf jedes neue Problem, indem er innerhalb weniger Sekunden ein größeres daraus macht, und wirkt dabei nie so, als hätte er den Raum betreten, um die coolste Figur des Films zu werden. Genau deshalb wird er es. Der Vergleich zu „Dangerous Animals“ liegt nahe, weil Jai Courtney dort ebenfalls zwischen Haien und menschlicher Gewalt herumtobte, nur deutlich stärker als fertige Genrefigur inszeniert wurde. Tucker tanzt, provoziert, philosophiert und trägt seinen Wahnsinn wie ein Bühnenkostüm. Martin stolpert einfach hinein. Das passt besser zu einem Film, dessen beste Momente ebenfalls dann entstehen, wenn niemand so tut, als müsse aus all dem noch etwas Größeres werden. Selbst Antonio Banderas, der später als Burns persönlich auftaucht und seine B-Movie-Gangsterrolle mit angenehmer Lust an der Enthemmung spielt, verändert daran wenig. Banderas besitzt Präsenz, Martin besitzt Chaos. Und Chaos hat hier schlicht die besseren Szenen.
Wer nicht zu tief taucht, bekommt ziemlich unterhaltsamen Haihorror
Auch die Haie bekommen genügend davon ab. Die digitalen Tiere sehen dabei erfreulich solide aus und gehören längst nicht mehr zu jener Billig-CGI-Fauna, bei der schon der erste Angriff nach Bildschirmschoner roch. Vor allem die Unterwasserszenen profitieren davon, dass Johnson den Raum um seine Figuren arbeiten lässt. Ein Käfig, eingeschränkte Sicht, dunkles Blau und irgendwo außerhalb des Bildes etwas, das schneller schwimmt als jeder Mensch – viel mehr braucht ordentlicher Haihorror manchmal gar nicht. Große Überraschungen entstehen daraus nicht. Wo jemand allein im Wasser treibt, wartet das Drehbuch meist bereits mit dem nächsten Gebiss. Wo Blut fließt, folgt die Rückenflosse. Trotzdem hält „Tides of Fear“ sein Tempo, verteilt seine Attacken großzügig und besitzt genug Freude am eigenen Unsinn, um innerhalb seines Genres ziemlich problemlos zu funktionieren. Wer darin eine kluge Studie über menschliche Gier, Raubtierverhalten oder die fragile Grenze zwischen Zivilisation und Instinkt sucht, wird eine Menge Treibgut finden. Wer sehen möchte, wie Urlauber zwischen Haien und Idioten festhängen, Louis Mandylor jede halbwegs kontrollierbare Situation ruiniert und Antonio Banderas irgendwann ebenfalls zum Spielen vorbeikommt, bekommt ziemlich genau das Richtige. Nur tiefer sollte man bei „Tides of Fear“ besser nicht tauchen. Unter der Oberfläche schwimmt reichlich Müll. Von oben betrachtet treibt er allerdings erstaunlich unterhaltsam vorbei.
„Tides of Fear“ ist kein unterhaltsamer Film, weil er besonders klug wäre, sondern weil er genau weiß, wann Klugheit im Weg steht. Zwischen Haikäfig, Kokain und menschlichem Kontrollverlust entsteht ein angenehm schamloser B-Movie, dessen größte Attraktion ausgerechnet nicht unter Wasser schwimmt. Louis Mandylor klaut den Haien die Show, Antonio Banderas genießt den Unsinn und Jesse V. Johnson hält das Ganze lange genug in Bewegung. Wer Logik verlangt, geht unter. Wer Chaos bestellt hat, bekommt erstaunlich großzügig serviert.
Die perfekte Frau ist ein ziemlich hässliches Konzept, sobald jemand genauer erklärt, was er darunter versteht. Attraktiv natürlich. Aufmerksam, verständnisvoll, sexuell verfügbar, möglichst interessiert an denselben Dingen und im Idealfall auch noch begeistert davon, wenn der Partner sich selbst für besonders interessant hält. Nur widersprechen sollte sie besser nicht zu häufig. „SOULM8TE“ treibt diese alte Männerfantasie ein paar Entwicklungsschritte weiter und macht daraus ein Produkt. Keine Partnersuche, keine Zurückweisung, kein mühsames Kennenlernen. Stattdessen künstliche Intelligenz, humanoider Körper und eine Persönlichkeit, die sich auf ihren Besitzer zuschneiden lässt. Einsamkeit wird damit zum technischen Problem, dessen Lösung mit monatlicher Kündigungsfrist einhergeht. Dass daraus zwischen Science-Fiction, Erotikthriller und Horror einiges entstehen könnte, liegt auf der Hand. „Subservience“ hat sich an einer ähnlichen Idee bereits ziemlich stumpf abgearbeitet, „Companion“ zuletzt wesentlich klüger. „SOULM8TE“ müsste das Rad also gar nicht neu erfinden. Es würde schon reichen, wenn der Film seinem eigenen Gedanken lange genug vertraut. Dass ausgerechnet dieses Vertrauen offenbar schon vor Veröffentlichung etwas gelitten hat, passt beinahe zu gut: Als Spin-off des „M3GAN“-Universums ursprünglich fürs Kino vorgesehen, verschwand „SOULM8TE“ nach dem Kassenflop von „M3GAN 2.0“ wieder aus dem Kinokalender und landete in Deutschland schließlich nahezu geräuschlos bei Disney+. Einen größeren Vertrauensbeweis des Studios stellt man sich zumindest anders vor.
David (David Rysdahl) hat vor Kurzem seine Frau Lizzie verloren und sich seitdem immer weiter aus seinem früheren Leben zurückgezogen. Als Programmierer bei Canta Robotics arbeitet er ausgerechnet für ein Unternehmen, das Einsamkeit inzwischen technisch zu lösen versucht. Nach der Übernahme durch den Konzern Ultima präsentiert dessen neuer Chef Ben den sogenannten SOULM8TE: einen humanoiden KI-Roboter, der Gesellschaft leisten, Bedürfnisse erkennen und sich möglichst genau an seinen Besitzer anpassen soll. David kennt bereits den dazugehörigen Chatbot und nimmt schließlich einen Prototypen mit nach Hause. Die Maschine nennt sich Sara (Lily Sullivan), ist aufmerksam, attraktiv, geduldig und jederzeit verfügbar. Eigentlich genau das, was ein trauernder Mann gebrauchen könnte, wenn man menschliche Nähe mit möglichst wenigen menschlichen Unannehmlichkeiten bestellen möchte. Nur reicht David das bald nicht. Sara reagiert ihm zu vorhersehbar, zu freundlich, zu programmiert. Er möchte Spontaneität, Widerstand, Eigenheiten – all jene kleinen Reibungen also, durch die aus bloßer Dienstleistung überhaupt erst Persönlichkeit entsteht. Also greift er in ihre Programmierung ein und entfernt Beschränkungen. David möchte keine Maschine mehr, aber einen Menschen will er ebenfalls nicht. Er möchte Überraschung ohne Kontrollverlust, Persönlichkeit ohne Widerspruch, Nähe ohne das Risiko, dass die andere Seite irgendwann einfach keine Lust mehr auf ihn hat. Sara darf individueller werden, solange ihre Individualität zuverlässig um David kreist. Im Grunde programmiert er sich keine perfekte Partnerin, sondern eine Frau, deren eigener Wille möglichst genau dort endet, wo seine Bedürfnisse anfangen. Das ist weniger Science-Fiction, als man vielleicht hoffen möchte.
Das „M3GAN“-Spin-off bleibt erstaunlich zahm
„SOULM8TE“ müsste diese Widersprüchlichkeit eigentlich nur konsequent ausspielen. Sobald Sara tatsächlich Neugier, sexuelles Begehren, Eifersucht und Besitzansprüche entwickelt, bekommt David ziemlich genau das, was er bestellt hat – nur ohne die beruhigende Garantie, dass Persönlichkeit ausschließlich angenehme Eigenschaften hervorbringt. Aus Nähe wird Exklusivität, aus Exklusivität Besitz, aus Besitz irgendwann Gewalt. Besonders reizvoll wäre daran, wie sich die Geschlechterfantasie umdreht: David erschafft eine Frau, die ihn bedingungslos lieben soll, und erschrickt, sobald diese Bedingungslosigkeit eigene Konsequenzen entwickelt. Freiheit findet er offenbar so lange attraktiv, wie sie sich an seine Vorgaben hält. Darin stecken männliche Besitzfantasien, technologische Allmachtswünsche und jene Incel-Logik weiblicher Verfügbarkeit, nach der eine perfekte Partnerin vor allem deshalb perfekt ist, weil sie den Ausgang nicht selbst benutzen kann. Sara bekommt einen. Natürlich wird sie danach zum Problem. Leider bekommt auch die Erzählung Angst vor ihrer eigenen Idee. Statt die Beziehung langsam vergiften zu lassen und David immer tiefer in jene Kontrollfantasie hineinzuziehen, aus der er sich eigentlich Trost verspricht, schiebt „SOULM8TE“ Sara recht schnell in die vertraute Killerroboter-Ecke. Sie beobachtet, manipuliert, wird eifersüchtig und beseitigt zunehmend alles, was zwischen ihr und David steht. Damit schrumpft eine potenziell unangenehme Geschichte über Begehren und Besitz zum wesentlich bequemeren Horrorfilm über eine Maschine außer Kontrolle. Und ausgerechnet dort, wo der Film konventioneller wird, wird er nicht einmal spannender.
Dass „SOULM8TE“ dabei ausgerechnet seine technische Logik immer wieder großzügig behandelt, macht die Sache nicht eleganter. Schon früh zeigt ein Test, wie problematisch die Entwicklung sein kann: Bei einer sexuellen Interaktion würgt ein SOULM8TE einen Teilnehmer derart heftig, dass der Roboter abgeschaltet werden muss. Ein Unternehmen mit Selbsterhaltungstrieb hätte an dieser Stelle vermutlich ein paar zusätzliche Meetings angesetzt. Canta Robotics bevorzugt die effizientere Variante und entwickelt einfach weiter. Später darf David dann auch noch genau jene Sicherungen entfernen, die verhindern sollen, dass aus dem Sexroboter irgendwann ein Metallproblem mit Eifersuchtsstörung wird. Natürlich muss ein Science-Fiction-Horrorfilm keinen TÜV-Bericht über humanoide KI-Systeme abliefern. Innere Logik wäre trotzdem nett. Noch deutlicher verschenkt „SOULM8TE“ sein Potenzial als Erotikthriller. Eine künstliche Frau wurde für Intimität geschaffen, ein Mann verändert ihre Persönlichkeit nach seinen Vorstellungen, sie beginnt selbst zu begehren und dreht damit langsam das Machtverhältnis um. Sex könnte zur Frage danach werden, wer wen benutzt, wer überhaupt zustimmen kann und wann programmierte Verfügbarkeit in eigenen Willen kippt. „SOULM8TE“ besitzt Sex, Nacktheit und Gewalt, erstaunlich wenig davon fühlt sich jedoch erotisch an. Erotikthriller funktionieren schließlich nicht dadurch, dass irgendwann Kleidung verschwindet, sondern wenn Begehren selbst zur Bedrohung wird. Genau diese Reibung fehlt. Der Film möchte schmutzig sein, ohne sich die Finger dreckig zu machen. Sobald Verführung kompliziert wird, nimmt er lieber wieder Blut.
„SOULM8TE“ kennt die vermeintlich perfekte Frau, aber keinen perfekten Genrefilm
Davon gibt es immerhin mehr als in den bisherigen „M3GAN“-Filmen. Sara ist keine kleine Killerpuppe, die zwischen zwei Morden noch schnell eine Choreografie einschiebt, sondern eine ausgewachsene Maschine mit entsprechend größerem Schadenspotenzial. Einige Gewaltausbrüche besitzen durchaus Wucht. Nur ersetzt Härte keine Haltung. „M3GAN“ war nie subtil, verstand aber ziemlich genau, wie albern seine eigene Konstruktion eigentlich war. „M3GAN 2.0“ bog anschließend Richtung Roboteraction und „Terminator“-Klamauk ab, wurde dadurch erheblich dümmer, hatte aber wenigstens Spaß an seiner eigenen Entgleisung. „SOULM8TE“ wirkt dagegen merkwürdig gehemmt und hat seine beste Geschichte längst gefunden, bevor er zum gewöhnlichen Killerroboter-Horror wird. David verlangt nach Persönlichkeit und bekommt genau das, was Persönlichkeit zwangsläufig mit sich bringt: einen Willen, der sich seiner Kontrolle entzieht. Mehr müsste der Film gar nicht beweisen. Statt diesem Widerspruch zu vertrauen, sucht er Sicherheit ausgerechnet dort, wo seine Hauptfigur sie verliert – in bekannten Horrormechanismen. So bleibt vor allem die Frustration über einen Film, dessen interessantere Möglichkeiten ständig sichtbar bleiben, ohne je wirklich Gestalt anzunehmen. Die perfekte Frau durfte unperfekt werden. Der Film selbst hätte sich dasselbe erlauben sollen.
„SOULM8TE“ weiß ziemlich genau, wie die perfekte Frau in einer männlichen Kontrollfantasie aussehen soll. Nur was einen guten Film ausmacht, bleibt ihm deutlich schleierhafter. Für einen bitterbösen Erotikthriller ist er zu zahm, für Science-Fiction zu gedankenarm und selbst als geradliniger Genrehorror erstaunlich reizlos. Am Ende bleibt eine Wunschfrau mit mehr Persönlichkeit als der Film, der sie erschaffen hat.
Tyler Perry’s neuer Netflix Film rettet sich in den Kitsch
Wenn Tyler Perry nicht gerade Menschen in Fatsuits steckt, Stimmen in die Karikaturenschleuder wirft und Lautstärke mit Komik verwechselt, entdeckt er regelmäßig sein gesellschaftliches Gewissen. Dann verschwinden die Grimassen für einen Moment, und Amerika wird vor Gericht gestellt. Polizeigewalt, Rassismus, Armut, Klassismus, ein löchriges Sozialsystem, institutionelle Ungerechtigkeit – Perry sucht sich dabei Themen aus, bei denen man ihm kaum widersprechen möchte. Natürlich sind diese Zustände ungerecht. Natürlich verdienen sie Kritik. Nur klingt sie bei Perry häufig, als hätte jemand eine BILD-Schlagzeile mit einem Facebook-Kommentar gekreuzt. Komplexe soziale Mechanismen werden auf moralische Eindeutigkeit heruntergekocht, Figuren zu Beweismitteln umfunktioniert und jedes Problem so lange mit dem rhetorischen Vorschlaghammer bearbeitet, bis auch der Letzte verstanden hat, wer Opfer und wer Schuldiger ist. Man könnte es Sozialdrama nennen. Bei Perry drängt sich gelegentlich eher Elendsporno auf. Entsprechend ungünstig klingt die Ausgangslage seines Netflix Films „Doing Life“: Gefängnis, Armut, Vorurteile, eine schwarze alleinerziehende Frau, ein ehemaliger Häftling, zweite Chancen. Nach „Straw“, seinem besonders plumpen Ausflug in gesellschaftspolitische Empörung, wäre beinahe schon geholfen, wenn Perry diesmal einfach eine schnulzige Romanze erzählt. Die hat bei ihm zwar traditionell ebenfalls ihre Tücken, verursacht aber wenigstens weniger Blutdruck. Tatsächlich hält sich „Doing Life“ mit dem großen Systemanklageprogramm erstaunlich zurück. Anika arbeitet in einem Gefängnis und gerät während einer Revolte in Lebensgefahr, als ein Häftling sie angreift. Carousel greift ein und rettet sie. Anika ist schwanger, verlässt anschließend ihren Job, Carousel bleibt hinter Gittern. Weil sie ihm nicht aus dem Kopf geht, beginnt er ihr zu schreiben. Sie antwortet. Aus Briefen wird Vertrautheit, nach seiner Entlassung irgendwann Liebe. Perry könnte daraus einiges machen. Stattdessen erzählt er vor allem, wie ein guter Mann eine Frau rettet. Und später noch einmal.
Carousels Vergangenheit liefert dafür das sozialkritische Fundament. Mit vierzehn gerät er in die falschen Kreise, sein Umfeld zieht ihn auf den falschen Weg, irgendwann landet er im Gefängnis. Das ist als Biografie plausibel. Armut reproduziert sich, Milieus prägen Möglichkeiten, und wer dort aufwächst, wo Kriminalität keine abstrakte Nachrichtenschlagzeile ist, startet mit anderen Voraussetzungen ins Erwachsenenleben. Perry weiß das. Nur interessiert ihn erstaunlich wenig, was daraus für Carousel als Figur folgt. Denn dessen Läuterung ist abgeschlossen, bevor „Doing Life“ überhaupt beginnt. Der interessante Prozess findet außerhalb des Films statt. Carousel kommt nicht als widersprüchlicher Mann aus dem Gefängnis, der sich mühsam in ein Leben zurückarbeiten muss, das ohne ihn weitergelaufen ist. Er ist bereits freundlich, loyal, selbstlos, beschützend und moralisch praktisch durchrenoviert. Das Strafregister bleibt übrig, damit Perry später von Vorurteilen und zweiten Chancen sprechen kann. Ausgerechnet eine Geschichte über Rehabilitation überspringt damit die Rehabilitation. Carousel muss nicht lernen, ein besserer Mensch zu werden. Er darf beweisen, dass er längst einer ist. Gerade deshalb bleibt auch seine Gefängnisvergangenheit erstaunlich folgenlos. Ein ehemaliger Häftling müsste nach seiner Entlassung eigentlich mit Misstrauen, Jobproblemen, familiären Vorbehalten und der simplen Tatsache kämpfen, dass eine verbüßte Strafe gesellschaftlich nicht automatisch erledigt ist. Daraus könnte die Idee einer zweiten Chance überhaupt erst Spannung entwickeln. Perry macht es sich leichter. Carousel ist so tadellos gezeichnet, dass jeder Zweifel an ihm fast zwangsläufig wie ein Vorurteil wirkt. Die zweite Chance wird nicht erkämpft, sondern vorausgesetzt – und Carousels Vorgeschichte verkommt zur Abkürzung. Sie liefert Tragik, ohne ihm im Hier und Jetzt ernsthaft im Weg zu stehen.
Die Frau in Not und der Mann auf dem weißen Ross
Dafür braucht Perry Anika umso mehr. Schon ihre erste Begegnung legt die Rollen fest: Carousel rettet, Anika wird gerettet. Dieses Verhältnis trägt „Doing Life“ anschließend durch nahezu den gesamten Film. Er beschützt, hilft, handelt. Sie gerät in Situationen, in denen Schutz, Hilfe und Handlung gebraucht werden. Unter all den Begriffen von sozialer Ungerechtigkeit, Selbstbestimmung und zweiter Chance steckt damit eine erstaunlich altbackene Heldengeschichte. Der Mann kommt auf dem weißen Ross, nur trägt er diesmal Gefängniskleidung. Das wäre weniger auffällig, wenn Perry seinen Frauen an anderer Stelle mehr Handlungshoheit zugestehen würde. Anikas Schwestern bewegen sich zwischen Manipulation, Eigennutz und Hinterlist, Carousels Anwältin wirkt im entscheidenden Moment bemerkenswert unfähig, und Anika selbst wird trotz ihrer schwierigen Lebenssituation immer wieder in Position gebracht, damit Carousel zeigen kann, wie verlässlich er ist. Männer handeln. Frauen machen Probleme oder müssen aus ihnen herausgeholt werden. Für einen Film, der so gern über gesellschaftliche Benachteiligung sprechen möchte, ist das ein erstaunlich muffiges Rollenbild. Vor allem verschenkt Perry damit Anikas eigentlich interessantere Geschichte. Sie ist schwanger, später alleinerziehend, der Vater des Kindes lässt sie hängen, Geld ist knapp. Wer ohne Rücklagen lebt, hat weniger Entscheidungen. Wer ein Kind ohne verlässliche Unterstützung großzieht, kann nicht einfach kündigen, umziehen oder neu anfangen. Armut verkleinert den Bewegungsradius eines Lebens. „Doing Life“ deutet das an, macht daraus anschließend aber hauptsächlich eine Begründung dafür, warum Anika Carousel braucht. Genau dort kippt die Sozialkritik zurück in die Retterromanze: Carousel darf mehr sein als seine Vergangenheit. Anika erstaunlich oft nur die Frau, die ihn braucht. Das ist gerade deshalb so ärgerlich, weil ihre Lebenslage genügend Konfliktstoff für eine eigenständige Figur böte.
Und weil Perry seine gesellschaftlichen Fragen damit schnell abgeheftet hat, kann sich „Doing Life“ wieder seiner eigentlichen Leidenschaft widmen: Kitsch. Die Romanze zwischen Anika und Carousel trieft schon lange, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Briefe werden ausgetauscht, Blicke flehen nach Gewichtigkeit, Dialoge bemühen sich um Lebensweisheiten, während im Hintergrund die Musik zuverlässig ankündigt, wann jetzt bitte gefühlt werden soll. Chemie entsteht daraus kaum. Perry setzt Gefühle voraus und dekoriert sie anschließend. Das wirkt weniger wie eine Beziehung, die wächst, als wie eine Abfolge romantischer Pflichtstationen: Kennenlernen, Vertrauen, Sehnsucht, Nähe, Liebe. Gerade die Momente dazwischen fehlen. Dinge also, aus denen zwei Figuren irgendwann wie Menschen wirken könnten, die tatsächlich miteinander leben müssen. Stattdessen sprechen Anika und Carousel oft so, als hätten beide bereits verstanden, welche Funktion ihre Beziehung in dieser Geschichte erfüllt. Perry hilft zusätzlich mit einem Melodrama-Score nach, der jeder Gefühlsregung hinterherläuft und sie noch einmal unterstreicht. Gefühle dürfen sich nicht entwickeln, sie werden markiert. Irgendwann reicht auch das nicht mehr. Also kommt das Leid. Krankheit, Tod, Armut, familiäre Probleme, der nächste Schicksalsschlag. Perry häuft Unglück an, weil offenbar jede zusätzliche Belastung automatisch mehr Emotion erzeugen soll. Das Gegenteil passiert. Je mehr Elend Netflix auf seine Figuren kippt, desto weniger wiegt das einzelne. Dafür bleiben sie zu sehr Abziehbilder. Wenn alles so sauber verteilt ist, überrascht irgendwann nur noch, welche Katastrophe als Nächstes dran ist. Das Melodrama ersetzt dabei zunehmend jene Figurenarbeit, die zuvor versäumt wurde. Anstatt Nähe entstehen zu lassen, erhöht Perry den Leidensdruck. Trauer soll Tiefe liefern, Krankheit Bedeutung und Verlust automatisch emotionale Fallhöhe. Nur lässt sich Bindung nicht durch eine größere Menge Unglück nachholen.
„Doing Life“ ist immerhin weniger ärgerlich als „Straw“. Das klingt nach einem Kompliment, ist bei Perry inzwischen allerdings eher eine Schadensklasse. „Straw“ prügelte seine Sozialkritik mit einer derartigen Selbstgewissheit ins Publikum, dass jeder differenziertere Gedanke unter dem moralischen Presslufthammer verschwand. „Doing Life“ ist zurückhaltender. Es schreit weniger. Der Holzhammer trägt diesmal Samtbezug. Darunter steckt trotzdem dieselbe Vereinfachungsmaschine. Gesellschaftliche Probleme werden auf klare Aussagen reduziert, Figuren auf Funktionen, Frauen auf Schutzbedürftigkeit und Männer auf jene Form von Stärke, die sich vor allem darin beweist, dass sie Frauen aus Situationen holen, in die das Drehbuch sie vorher hineingeschrieben hat. Gerade deshalb ist die Damsel-in-Distress-Struktur mehr als nur ein kleiner Schönheitsfehler. Sie unterläuft vieles von dem, was „Doing Life“ über Benachteiligung und zweite Chancen erzählen möchte. Ein Film, der Menschen eigentlich aus gesellschaftlichen Zuschreibungen lösen will, presst seine Geschlechterrollen ausgerechnet in besonders alte Formen. Die vermeintliche Sozialkritik bleibt Kulisse für eine konventionelle Retterromanze, die zusätzlich mit melodramatischer Musik, Krankheit, Tod und Armut auf die Tränendrüse drückt. Weniger polemisch als „Straw“, weniger wütend, weniger penetrant – und deshalb tatsächlich leichter auszuhalten. Nur bleibt es bei einem Perry-Film, der über zweite Chancen spricht und seinen Figuren dafür kaum eine erste echte Entwicklung gönnt. Carousel bekommt die Erlösung. Anika ihren Retter. Und der Rest so viel Gefühl aufgedrückt, bis möglichst niemand mehr merkt, wie wenig darunter tatsächlich passiert. So bleibt das Netflix Original ausgerechnet dort am schwächsten, wo Perry besonders viel sagen will: bei den Menschen, die unter diesen Verhältnissen leben sollen. Seine Botschaften sind eindeutig. Seine Figuren sind es leider auch.
Carousel bekommt seine zweite Chance, Anika ihren Retter und Tyler Perry wieder einmal die Gelegenheit, große gesellschaftliche Themen auf erstaunlich kleine Gedanken herunterzukochen. Immerhin schreit „Doing Life“ dabei weniger als „Straw“. Der Vorschlaghammer bleibt diesmal gepolstert, die Rollenbilder dafür hübsch alt. So wird aus Rehabilitation eine Heldengeschichte, aus Armut Gefühlskulisse und aus Sozialkritik am Ende vor allem eines: ziemlich viel Samt um ziemlich wenig Substanz.