In einer Ära, in der CGI-Effekte und digitale Nachbearbeitung den modernen Horrorfilm dominieren, wagt der spanische Regisseur Manu Herrera mit „Lily’s Ritual“ eine blutige und atmosphärische Zeitreise. Angesiedelt im Jahr 1999, verbeugt sich der Folk-Horror-Thriller nicht nur vor der Ästhetik des Kinos der späten 90er-Jahre, sondern setzt konsequent auf das, was dem Genre heute oft fehlt: greifbaren, handgemachten Grusel. Doch hält die Geschichte rund um einen verratenen Hexenzirkel, was die visuelle Aufmachung verspricht?
Für die Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum zeichnet die Busch Media Group verantwortlich, die diesen spanischen Independent-Geheimtipp pünktlich zur dunklen Jahreszeit auf DVD, Blu-ray und digital in die Heimkinos bringt. Die Geschichte entfaltet sich zur herbstlichen Tagundnachtgleiche des Jahres 1999: Die drei jungen Hexen Lola, Leo und Laura (Patricia Peñalver, Elena Gallardo und Eve Ryan) laden die mysteriöse Lily (Maggie García) in eine abgelegene, tief im Wald versteckte Hütte ein. Angeblich soll Lily durch ein heiliges Ritual als neues Mitglied in ihren Zirkel aufgenommen werden. Doch die Einladung ist eine tödliche Falle: In Wahrheit planen die drei Frauen, Lily als blutige Opfergabe für den Dämon Lilith darzubringen. Was als vermeintlich leichtes Spiel beginnt, entwickelt sich jedoch schnell zum Albtraum für die Initiatorinnen, denn sie haben Lilys eigene finstere Kräfte und die Natur des Rituals fatal unterschätzt.
Der Schrecken lässt auf sich warten
Geduld ist eine Tugend. So sagt man jedenfalls. Und die braucht man für „Lily’s Ritual“ reichlich. Im Prinzip spricht nichts gegen einen langsamen Aufbau. Im Gegenteil: Für die Charakterzeichnung kann das durchaus förderlich sein und den Figuren im besten Fall die nötige Tiefe verleihen. Nur hält Regisseur Manu Herrera nicht viel davon. Auch nach fast einer Stunde sucht man bei den Charakteren vergeblich nach einer eigenen Persönlichkeit oder einem nachvollziehbaren Antrieb für ihre Handlungen. Sie bleiben allesamt blass und austauschbar. Nichtssagende Dialoge vermischen sich mit pseudo-erotischen Momenten, in denen die vier Frauen über Gegenstände streicheln, sich verträumt anschauen oder in Zeitlupe die Haare bürsten, ohne dass dies den Plot spürbar voranbringen würde. Wenn „Lily’s Ritual“ doch wenigstens den nostalgischen Gothic-Charme von „Der Hexenclub“ oder den Witz von „Forbidden Fruits“ versprühen würde. Doch davon ist Herrera mit seinem Werk weit entfernt.
Immerhin sind Kameraführung und Sounddesign durchaus solide, was sich vor allem in den Naturaufnahmen zeigt und dem Film zumindest etwas Atmosphäre verleiht. Nach dem mehr als zähen Aufbau kommen Horrorfans im letzten Drittel dann aber doch noch auf ihre Kosten. Hier dreht Herrera gehörig auf und zeigt, was „Lily’s Ritual“ mit einem besseren Drehbuch und einem strafferen Erzähltempo hätte sein können. Auch wenn die plötzliche 180-Grad-Wendung der Charaktere Rätsel darüber aufwirft, was eigentlich ihr ursprünglicher Plan war. Ein möglichst blutiges Ende herbeizuführen? Dieses Ziel wird auf jeden Fall erreicht und macht beim Zuschauen durchaus Spaß. Dazu trägt auch Maggie Garcias Performance bei, die gegen Ende voll aufblüht. Mit ihrem Make-up erinnert sie zudem an Dämonenfilme der 80er- und 90er-Jahre. Würde es doch nur ein Ritual geben, mit dem sich die erste Stunde des Films weniger langatmig gestalten ließe.
„Lily’s Ritual“ lässt mit seinem zähen Erzähltempo und blassen Figuren viel Potenzial liegen, dreht im letzten Drittel aber ordentlich auf. Handgemachter Dämonenhorror, blutige Effekte und eine starke Maggie Garcia sorgen für einen versöhnlichen Abschluss. Schade nur, dass der Weg dorthin so langatmig ausfällt.
Das deutsche Kino steckt in einer Sackgasse. Während öffentliche Fördergelder bevorzugt in altbewährte Konzepte fließen und ein überschaubarer Kreis bestens vernetzter Produktionsfirmen den Markt unter sich aufzuteilen scheint, darf sich die Generation Babyboomer schon auf die nächste unlustige Ensemblekomödie freuen. Irgendetwas mit einem Familienessen, einem politisch unkorrekten Spruch und der Erkenntnis, dass die Jugend, die Grünen und überhaupt die ganze moderne Gesellschaft doch völlig verrückt geworden seien. Dieselben Gesichter, dieselben Gags, dieselbe Selbstgefälligkeit. Hauptsache, am Ende haben sich alle wieder lieb und die Fördergelder wurden ordnungsgemäß verbrannt. Filmische Innovation findet derweil bestenfalls in den Randgebieten dieser erstaunlich komfortablen Sackgasse statt. Dabei haben Filme wie „Berlin Alexanderplatz“, „Victoria“ oder „Der Nachtmahr“ längst bewiesen, dass deutsches Kino auch jenseits von Beziehungskisten und generationsübergreifenden Befindlichkeitskomödien existieren kann. Nur bleiben solche Werke, wie es die Bezeichnung bereits verrät, bemerkenswerte Ausnahmen. Wer eigene Vorstellungen verwirklichen möchte, braucht deshalb neben Talent und Durchhaltevermögen vor allem die Bereitschaft, von einer Produktionsfirma zur nächsten zu tingeln, Förderanträge auszufüllen oder gleich das eigene Geld in die Hand zu nehmen. Und manchmal reicht selbst das kaum für die Verpflegung am Set. Ben Voit hat mit gerade einmal 13.000 Euro einen abendfüllenden Spielfilm realisiert. Sein „Gropiusstadt Supernova“ zeigt eindrucksvoll, wie viel Kino mit verschwindend wenig Geld möglich ist, wenn hinter der Kamera jemand steht, der tatsächlich etwas zu erzählen hat.
Silvester in Berlin-Gropiusstadt. Während sich die Bewohner der riesigen Plattenbausiedlung auf den Jahreswechsel vorbereiten und die ersten Feuerwerkskörper zwischen den grauen Hochhausfassaden explodieren, droht für drei junge Menschen das bisherige Leben auseinanderzubrechen. Luan (Mo Issa) erwacht aus einem Albtraum, in dem ihn die beiden wichtigsten Menschen seines Lebens verlassen. Was zunächst wie eine unbegründete Verlustangst erscheint, nimmt innerhalb weniger Stunden erschreckend konkrete Formen an. Seine Freundin Stella (Berfin Sönmez) hat eine Zusage für eine Schauspielschule in den USA erhalten und steht damit vor der Möglichkeit, sich ihren lang gehegten Berufswunsch zu erfüllen. Gleichzeitig erreicht Luans älteren Bruder Tarik (Walid Al-Atiyat) ein Abschiebungsbescheid, der ihn aus seinem vertrauten Umfeld reißen könnte. Während Stella einer verheißungsvollen Zukunft entgegenblickt, muss Tarik um seine Gegenwart fürchten. Und Luan? Der sieht plötzlich alles verschwinden, woran er sich bislang festgehalten hat. Verzweifelt versucht er, die drohenden Veränderungen aufzuhalten, sucht nach rechtlichen Möglichkeiten und verliert sich zunehmend in seinen eigenen Befürchtungen. Als Tarik nach einem heftigen Streit verschwindet und ein missglückter Überfall die Nachbarschaft in Aufruhr versetzt, verdichten sich Luans schlimmste Vorahnungen zu einer vermeintlichen Gewissheit. Seine Suche führt ihn durch die nächtliche Gropiusstadt, vorbei an Polizeikontrollen, beleuchteten Hochhausfassaden und Menschen, die längst mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Je verzweifelter er nach Antworten sucht, desto schwerer fällt ihm die Unterscheidung zwischen tatsächlichen Ereignissen und den Schreckensbildern seiner Vorstellungskraft. Aus einem gewöhnlichen Silvesterabend wird eine zunehmend fiebrige Odyssee durch ein Viertel, in dem für einen jungen Mann plötzlich nichts mehr sicher scheint.
„Gropiusstadt Supernova“ zwischen Sozialrealismus und Großstadtpoesie
„Pfau – Bin ich echt?“, „No Dogs Allowed“, „Roter Himmel“ oder „Bubbles … wir waren doch Freunde“ – natürlich gibt es sie noch, die kleinen Perlen des deutschen Films. Wer mit diesen Titeln allerdings wenig anfangen kann, befindet sich vermutlich in bester Gesellschaft. Denn während sich für die eigentliche Produktion mit etwas Glück noch ausreichend Geld auftreiben lässt, endet die finanzielle Großzügigkeit spätestens bei deren Vermarktung. Millionenschwere Komödien mit den immergleichen Gesichtern werden wochenlang beworben, kleinere Produktionen verschwinden hingegen nach einer Handvoll Vorstellungen im Programmkino klammheimlich in der Arte-Mediathek. Von Cineasten geschätzt, vom Mainstream kaum wahrgenommen. Nicht einmal bewusst gemieden, denn dafür müsste man schließlich erst einmal von ihrer Existenz erfahren. Dass „Gropiusstadt Supernova“ beim Filmfestival Max Ophüls Preis den Hauptpreis gewinnen konnte, dürfte an seinen bescheidenen Aussichten auf ein größeres Publikum wenig ändern. Ein regulärer Kinostart allein verhilft schließlich noch keinem Film zu der Aufmerksamkeit, die er verdient. Umso bedauerlicher, denn Voits ausgesprochen ambitioniertes Herzensprojekt gehört zu den erfreulichsten Überraschungen des jüngeren deutschen Kinos. Darin inszeniert er die Silvesternacht als rastlosen, beinahe hypnotischen Trip durch eine Großstadt, die mit zunehmender Dunkelheit ihre vertrauten Konturen verliert. Ein sphärisches Großstadtmärchen, irgendwo zwischen jugendlicher Orientierungslosigkeit, existenzieller Verzweiflung und dem fiebrigen Gefühl, dass jederzeit etwas Schreckliches geschehen könnte. Seine Erzählung entwickelt eine eigentümliche Schwerelosigkeit, als würde sie sich allmählich von den Gesetzen ihrer zunächst noch greifbaren Wirklichkeit lösen. Die nächtliche Irrfahrt mutet zeitweise wie eine kosmische Odyssee an, deren unendliche Weiten sich aus Beton, Asphalt und tausenden erleuchteten Fenstern zusammensetzen. Voit gelingt es, der häufig auf Kriminalität und soziale Missstände reduzierten Gropiusstadt eine beinahe außerirdische Schönheit abzugewinnen. Zwischen den gewaltigen Hochhauskomplexen verliert sich die Verzweiflung eines Einzelnen in einer Stadt, die von seinem persönlichen Ausnahmezustand vollkommen unbeeindruckt bleibt. Ausgerechnet dort, wo Luan bislang Geborgenheit gefunden hat, beginnt ihm seine vertraute Umgebung zunehmend fremd zu werden. Und während ringsherum eine ganze Stadt dem neuen Jahr entgegenfeiert, scheint für ihn ausgerechnet die Zukunft zur größten Bedrohung geworden zu sein.
Diese innere Unruhe überträgt Voit unmittelbar auf seine Inszenierung, deren fiebrige Körperlichkeit an das frühe Kino der Safdie-Brüder erinnert. Auch dort manövrieren sich die Protagonisten mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit immer tiefer in ihre selbstverschuldeten Schwierigkeiten. Ähnlich rastlos folgt hier die Kamera ihrem Protagonisten auf Schritt und Tritt. Konrad Waldmann findet dafür eindrucksvolle Bilder, deren visuelle Raffinesse in keinem Verhältnis zum verschwindend geringen Budget steht. Feuerwerkskörper erhellen die nächtliche Häuserschlucht, grelle Lichtquellen durchbrechen das Dunkel und die gewaltige Architektur scheint Luan regelrecht zu verschlucken. Gemeinsam mit der ruhelosen Montage und einem sphärischen Synthesizer-Soundtrack entsteht eine audiovisuelle Sogwirkung, die das Publikum beinahe ebenso atemlos durch die Silvesternacht treibt wie ihren zunehmend überforderten Protagonisten. Die elektronischen Klangflächen verleihen der nächtlichen Großstadtkulisse eine entrückte, mitunter geradezu unwirkliche Atmosphäre, während sich die Inszenierung immer tiefer in Luans aufgewühlte Gefühlswelt vorarbeitet. Allerdings fehlt Voits Geschichte die kriminelle Zuspitzung, die das Kino der Safdies gewöhnlich bestimmt. Seine Spannung speist sich hauptsächlich aus der psychologischen Verfassung eines jungen Mannes, dessen Verlustängste allmählich krankhafte Züge annehmen. Mitunter überträgt sich diese Rastlosigkeit allerdings auch auf das Drehbuch, das manche seiner Verwicklungen vorschnell hinter sich lässt. Einzelne Begegnungen bleiben dramaturgisch folgenlos, Konflikte verlieren sich in der nächsten nächtlichen Eskapade und die stellenweise etwas aufdringliche Symbolik verrät eine Inszenierung, deren Ambitionen das erzählerische Fundament gelegentlich überfordern. Besonders die Beziehung zwischen Luan und Stella hätte eine ausführlichere Beschäftigung verdient. Die emotionale Fallhöhe ihrer möglichen Trennung ergibt sich überwiegend aus Luans Reaktionen, während die gemeinsame Vergangenheit und die tatsächliche Beschaffenheit ihrer Beziehung ausgespart bleiben. Dass solche erzählerischen Schwächen den Gesamteindruck dennoch kaum beeinträchtigen, verdankt der Film nicht zuletzt seiner bemerkenswerten Milieugenauigkeit. Voit besitzt ein ausgesprochen feines Gespür für die Eigenheiten seines Schauplatzes, dessen alltägliche Geschäftigkeit und soziale Widersprüche sich mit der stilisierten Bildsprache zu einem erstaunlich homogenen Gesamtbild verbinden. Die Gropiusstadt erscheint als lebendiger Mikrokosmos, dessen Bewohner keinerlei Interesse daran haben, die Erwartungen eines Publikums zu erfüllen, das solche Viertel überwiegend aus problemorientierten Fernsehreportagen kennt.
Gerade aus dieser glaubhaft eingefangenen Lebenswirklichkeit erwächst auch die gesellschaftspolitische Dimension der Geschichte, deren eigentlicher Konflikt weit über Luans persönliche Verlustängste hinausreicht. Denn die drei Hauptfiguren stehen vor grundverschiedenen Zukunftsperspektiven, obwohl sie bislang denselben Lebensraum miteinander geteilt haben. Stella sieht in ihrer Heimat einen Ausgangspunkt, von dem aus sie endlich den nächsten Schritt wagen möchte. Für Tarik bedeutet derselbe Ort ein Zuhause, das ihm gegen seinen Willen genommen werden soll. Und Luan steckt irgendwo dazwischen, ohne erkennbare Perspektive, ohne größere Ambitionen und mit der verzweifelten Hoffnung, dass wenigstens alles so bleiben möge, wie es ist. Drei junge Menschen, deren Verhältnis zur eigenen Heimat ebenso unterschiedlich ausfällt wie die Möglichkeiten, über ihre persönliche Zukunft zu bestimmen. Darin liegt die eigentliche gesellschaftspolitische Tragweite von Voits Geschichte. Denn wo für die einen ein Auslandsaufenthalt den Beginn einer vielversprechenden Karriere markieren kann, bedeutet derselbe Grenzübertritt für andere die unfreiwillige Rückkehr in ein Land, zu dem womöglich längst keine persönliche Verbindung mehr besteht. Und mittendrin wächst eine Generation heran, deren Zugehörigkeitsgefühl permanent mit den Erwartungen und Vorurteilen einer Gesellschaft kollidiert, die sie trotz ihrer Sozialisation in Deutschland noch immer als Fremde betrachtet. Voit verzichtet auf große politische Reden und moralische Belehrungen. Rassismus, gesellschaftliche Ausgrenzung und die Unsicherheit über den eigenen Platz in einer Gesellschaft gehören zum Alltag seiner Figuren, deren Erfahrungen dadurch eine Selbstverständlichkeit erhalten, die vielen bemüht gesellschaftskritischen Produktionen abgeht. Die soziale Wirklichkeit seiner Protagonisten wird weder romantisiert noch auf eine Abfolge demonstrativer Ungerechtigkeiten reduziert. Aus dieser Verbindung von Milieugenauigkeit und fiebriger Bildsprache entsteht ein visuell außergewöhnliches, atmosphärisch dichtes und vor allem aufrichtiges Sozialdrama, das seine erzählerischen Unzulänglichkeiten durch eine inszenatorische Eigenständigkeit weitgehend aufzufangen vermag. Ben Voits Spielfilmdebüt besitzt genau die cineastische Entschlossenheit, die dem finanziell ungleich besser ausgestatteten deutschen Mainstreamkino mittlerweile erschreckend häufig abgeht. Dass dafür ausgerechnet 13.000 Euro ausreichen, während andernorts Millionen in die Wiederverwertung längst erschöpfter Erfolgskonzepte fließen, verleiht diesem kleinen Großstadtmärchen eine beinahe schon groteske Ironie. Vielleicht besteht die eigentliche Tragik des deutschen Kinos schließlich darin, dass es sich seine größten Talente kaum leisten möchte, während es für seine größten Belanglosigkeiten offenbar immer noch genügend Geld findet.
Ben Voit verwandelt die Berliner Gropiusstadt in den Schauplatz einer hypnotischen Großstadtodyssee. Sphärisch, rastlos und von bemerkenswerter visueller Eigenständigkeit erzählt „Gropiusstadt Supernova“ ein zutiefst menschliches Sozialdrama, dessen cineastische Strahlkraft weit über das deutsche Filmeinerlei hinausreicht.
Liam Neeson und Jason Statham haben erstaunlich viel gemeinsam. Dabei könnten ihre schauspielerischen Werdegänge unterschiedlicher kaum sein. Während sich Neeson einst als ernstzunehmender Charakterdarsteller einen Namen machte, verdiente Statham seine ersten großen Meriten als großmäuliger Ganove in den herrlich pulpigen Gangsterkomödien von Guy Ritchie. Heute genügt es allerdings, einen beliebigen Trailer ihrer jüngsten Actionfilme gesehen zu haben, um auch die nächsten fünf zu kennen. Ein grimmiger Gesichtsausdruck, ein paar gebrochene Knochen, reichlich Schießereien und irgendein austauschbarer Bösewicht, der sich ausgerechnet mit dem falschen Mann angelegt hat. Die einzige wirkliche Überraschung ist häufig der Schriftzug, der am Ende eingeblendet wird. Dass sich diese Filme mittlerweile kaum noch voneinander unterscheiden, wäre halb so schlimm, wenn sie wenigstens etwas taugen würden. Doch aus dem einstigen Charakterdarsteller und dem charismatischen Sprücheklopfer sind zwei ausgesprochen zuverlässige Lieferanten erschreckend langweiliger Actionkost geworden. Umso bemerkenswerter, dass Statham unter Ritchies Regie auch heute noch immer wieder richtig unterhaltsam sein kann und Neeson in den wenigen anspruchsvolleren Rollen, die ihm noch geblieben sind, daran erinnert, was für ein hervorragender Schauspieler in ihm steckt. Was das alles mit „The Mongoose“ zu tun hat? Erstaunlich wenig. Denn ausgerechnet der neue Amazon-Actionthriller lässt sich keiner dieser beiden Kategorien zuordnen. Qualitativ parkt er irgendwo dazwischen. Kein großer Wurf, aber auch längst kein weiterer Tiefpunkt der Neeson’schen Fließbandproduktion. Einfach solide Unterhaltung. Dass sich das mittlerweile beinahe wie ein Befreiungsschlag anfühlt, sagt vermutlich mehr über die vergangenen Jahre als über den Film selbst.
Ryan „Fang“ Flanagan (Liam Neeson) hat seinem Land als hochdekorierter Elitesoldat jahrelang treue Dienste geleistet. Zurück im zivilen Leben gestaltet sich die Rückkehr in einen halbwegs gewöhnlichen Alltag allerdings schwierig. Die traumatischen Erfahrungen seiner Einsätze verfolgen ihn ebenso hartnäckig wie die Erinnerungen an seine gescheiterte Ehe mit Tara (Marisa Tomei). Als diese nach Misshandlungen durch ihren neuen Lebensgefährten Todd (Brett Tucker) im Krankenhaus landet, verspricht Ryan ihr, die Angelegenheit friedlich zu regeln. Eigentlich möchte er lediglich ihre persönlichen Sachen aus der gemeinsamen Wohnung holen. Eine Entscheidung mit verhängnisvollen Konsequenzen. Dort angekommen, wird er von Todd überrascht und unvermittelt angegriffen. Ryan setzt sich zur Wehr, wobei sein Angreifer ums Leben kommt. Besonders verhängnisvoll ist dabei, dass Todd ein einflussreicher Mann mit besten Verbindungen zur örtlichen Polizei ist. Statt sich den Behörden auszuliefern, steigt der ehemalige Soldat in einen Shelby Mustang und ergreift die Flucht. Was zunächst wie ein verzweifelter Versuch aussieht, einer ungerechtfertigten Verurteilung zu entgehen, entwickelt sich bald zu einer landesweiten Verfolgungsjagd. Während Major Walter Pope (Michael Chiklis) sämtliche verfügbaren Polizeikräfte mobilisiert, erhält Ryan Unterstützung von seinem ehemaligen Kameraden Tanker (Ving Rhames) und zahlreichen anderen Veteranen. Selbst die US-amerikanische Bevölkerung beginnt, mit dem Flüchtigen zu sympathisieren, dessen spektakuläre Flucht inzwischen zum medialen Großereignis geworden ist. Ein Kriegsheld auf der Flucht vor seinem eigenen Land. Viel amerikanischer lässt sich eine solche Geschichte wohl kaum erzählen.
„The Mongoose“ gerät ins Schleudern zwischen Asphaltromantik und US-Heldenkitsch
Hätte man vor zwanzig Jahren behauptet, dass einer der besten Liam-Neeson-Filme seit langer Zeit gerade einmal zweieinhalb von fünf Sternen verdient, wäre das vermutlich mit herzhaftem Gelächter quittiert worden. Heute fühlt sich „The Mongoose“ beinahe wie eine kleine Offenbarung an. Und das liegt ausgerechnet an einer Eigenschaft, die man in einem Actionthriller über einen flüchtigen Kriegsveteranen kaum erwarten würde. Was Amazon Prime Video hier liefert, ist unglaublich herzlich. Zwischen quietschenden Reifen, heulenden Polizeisirenen und den obligatorischen Explosionen verbirgt sich eine Geschichte, die vor menschlicher Zuneigung geradezu übersprudelt. Das mag angesichts des ausgeprägten US-amerikanischen Heldenpathos zunächst befremdlich wirken. Schließlich gehört die beinahe religiöse Verehrung militärischer Verdienste zu den fragwürdigeren Eigenheiten einer Gesellschaft, die ihren Veteranen gerne Denkmäler errichtet, während deren tatsächliche Probleme unbeachtet bleiben. Genau diese Doppelmoral hat „The Mongoose“ durchaus im Blick, auch wenn seine Antwort darauf amerikanischer kaum ausfallen könnte. Für ihr Land dürfen Soldaten alles geben, nach ihrer Rückkehr müssen sie mit den seelischen Trümmern ihrer Einsätze selbst zurechtkommen. Was ihnen die Gesellschaft an Fürsorge schuldig bleibt, versuchen deshalb diejenigen aufzufangen, die denselben Wahnsinn durchlebt haben. Hier genügt die gemeinsame Vergangenheit im Militär, um ein lebenslanges Band zwischen völlig unterschiedlichen Menschen zu knüpfen. Männer, deren Leben eigentlich kaum noch Berührungspunkte aufweist, stehen plötzlich füreinander ein. Wildfremde Veteranen helfen einem flüchtigen Kameraden, weil sie sich ihm allein durch ihre Kriegserfahrungen verbunden fühlen. Und während sich die Unterstützung immer weiter ausbreitet, sitzt man irgendwann vor dem Bildschirm und freut sich tatsächlich über jeden weiteren Menschen, der Ryan auf seiner Reise unter die Arme greift. Natürlich ist das polemisch. Ein patriotisches Gemeinschaftsmärchen, in dem sich die amerikanische Bevölkerung voller Begeisterung hinter einen ihrer größten Helden stellt. Aber ja, es funktioniert. Nicht zuletzt, weil Liam Neeson seiner Figur eine beinahe väterliche Wärme verleiht, die man in seinen jüngsten Actionrollen schmerzlich vermisst hat. Sein Ryan ist ein gezeichneter, erschöpfter Mann, dessen stoische Entschlossenheit immer wieder von einer erstaunlich liebenswerten Verletzlichkeit durchbrochen wird. Gemeinsam mit dem wunderbar sympathischen Ving Rhames entsteht daraus eine Kameradschaft, deren emotionale Wirkung sich erstaunlich mühelos über sämtliche erzählerischen Ungereimtheiten hinwegsetzt. Man möchte diesen Männern ihre Verbundenheit einfach glauben. Und wenn halb Amerika irgendwann vor dem Fernseher mitfiebert, dann tut man es eben auch.
Dabei bedient sich Regisseur Mark Vanselow ausgesprochen großzügig an den Konventionen des amerikanischen Verfolgungsjagdkinos der 1970er-Jahre. Endlose Highways, sonnenverbrannte Landschaften und ein leistungsstarker Sportwagen, der scheinbar nur darauf wartet, die nächste Polizeisperre zu durchbrechen. Die warme Farbgebung verleiht den ausgedehnten Fahrten eine nostalgische Atmosphäre, während die Inszenierung ihre größte Stärke aus dem handwerklichen Spektakel der zahlreichen Stunts bezieht. Wenn Ryan seinen Mustang über die Landstraßen jagt und ein Polizeifahrzeug nach dem anderen aus dem Weg räumt, entwickelt das durchaus einen gewissen Reiz. Zumal Vanselow als ehemaliger Stuntkoordinator offensichtlich weiß, wie man solche Szenen wirkungsvoll in Szene setzt. Mit zunehmender Laufzeit macht sich allerdings bemerkbar, dass das Amazon Original abseits seiner motorisierten Flucht nur wenig erzählerischen Nachschub besitzt. Irgendwann folgt eine Verfolgungsjagd auf die nächste, während Ryan mit immer unwahrscheinlicheren Manövern entkommt und sein erstaunlich widerstandsfähiger Mustang offenbar mehr Leben besitzt als eine durchschnittliche Hauskatze. Dass auch noch eine überaus leistungsfähige künstliche Intelligenz mit an Bord sitzt, macht die Sache kaum glaubwürdiger. Überhaupt nimmt es das Drehbuch mit der Wahrscheinlichkeit ausgesprochen locker. Polizeiliche Maßnahmen wirken gelegentlich wie die improvisierten Einfälle einer besonders überforderten Streifenbesatzung, während sich Hindernisse immer dann in Wohlgefallen auflösen, wenn Ryan gerade einen Ausweg benötigt. Trotzdem bleibt die Verfolgungsjagd über weite Strecken unterhaltsam. Auch weil „The Mongoose“ seine absurde Grundkonstellation mit einer solchen Selbstverständlichkeit ausspielt, dass man irgendwann aufhört, jedes neue Manöver auf seine physikalische Machbarkeit zu überprüfen. Wesentlich schwerer fällt es dagegen, die sentimentale Überzeichnung der eigentlichen Geschichte zu ignorieren. Die Rückblenden in Ryans militärische Vergangenheit sollen den Zusammenhalt seiner ehemaligen Kameraden erklären und seine psychischen Verletzungen begreifbar machen, erschöpfen sich allerdings häufig in einer ausgesprochen plakativen Kriegstraumadarstellung. Auch die Beziehung zu seiner Exfrau wird mit einer derart großzügigen Portion Zuckerguss überzogen, dass selbst die aufrichtige Zuneigung zwischen den Figuren irgendwann etwas künstlich erscheint. Und über allem schwebt diese eigentümliche Vorstellung einer amerikanischen Volksgemeinschaft, die ihre militärischen Helden bedingungslos liebt und sich geschlossen hinter sie stellt. Dabei ist Ryans Verhalten durchaus nachvollziehbar. Er gerät unverschuldet in eine tragische Situation und versucht anschließend verzweifelt, einer drohenden Verurteilung zu entkommen. Die eigentliche Fragwürdigkeit liegt deshalb weniger in seinen Entscheidungen als in der maßlosen Verklärung, mit der die Geschichte praktisch jeden Menschen in seinem Umfeld auf seine Seite zieht. Das hat stellenweise etwas von einem patriotischen Wunschkonzert, bei dem die amerikanische Flagge zwar nicht permanent durchs Bild weht, gedanklich aber über jeder zweiten Szene gehisst wird.
Amazon lädt ein zum Einsteigen und Wohlfühlen – aber bitte nicht hinterfragen
Und trotzdem fällt es erstaunlich schwer, dieser hemmungslosen Gefühlsduselei ernsthaft böse zu sein. Vielleicht liegt darin sogar die größte Besonderheit von „The Mongoose“. Denn selten klafften die nüchterne Betrachtung eines Films und seine tatsächliche emotionale Wirkung so weit auseinander. Auf dem Papier ist Mark Vanselows Regiedebüt ein ausgesprochen durchschnittlicher Actionthriller, der seine dünne Geschichte mit reichlich Wiederholungen streckt, gesellschaftliche Konflikte auf beinahe kindliche Vorstellungen von Zusammenhalt reduziert und seine Figuren gelegentlich mit einer Sentimentalität überfrachtet, die selbst eingefleischten Romantikern peinlich werden könnte. Beim Anschauen fühlt sich das alles allerdings erstaunlich angenehm an. Man genießt die charmante Dynamik zwischen den Darstellern, freut sich über jede noch so unglaubwürdige Hilfestellung und fiebert einem Happy End entgegen, dessen Ausgang kaum ernsthaft infrage steht. Gerade die bedingungslose Solidarität der Veteranen besitzt eine emotionale Aufrichtigkeit, die sich durch dramaturgische Einwände nur bedingt entkräften lässt. Natürlich könnte man Prime Video vorwerfen, eine geradezu naive Vorstellung von Kameradschaft und gesellschaftlicher Geschlossenheit zu propagieren. Doch vielleicht muss eine Geschichte über menschlichen Zusammenhalt auch nicht zwangsläufig sämtliche Widersprüche ihrer eigenen Idealisierung ausdiskutieren. Vanselow übergießt seine durchaus berechtigte Kritik an einer Gesellschaft, die ihre Soldaten im Krieg braucht und nach ihrer Rückkehr allzu gerne vergisst, allerdings mit so viel patriotischem Heldenkitsch, dass sie gelegentlich ihre eigentliche Schärfe verliert. Er möchte einen Mann nach Hause bringen, der im Krieg bereits genug verloren hat und dem auf diesem Weg möglichst viele Menschen helfen sollen. Eine einfache, beinahe rührend altmodische Vorstellung, deren filmische Umsetzung ebenso viele Schwächen wie liebenswerte Eigenheiten besitzt. Und genau darin offenbart sich die Schwierigkeit, „The Mongoose“ gerecht zu werden. Denn was erzählerisch kaum einen Blumentopf gewinnt, kann emotional trotzdem einiges richtig machen. Das entschuldigt weder die plumpen Kriegserinnerungen noch die zahlreichen dramaturgischen Bequemlichkeiten. Es erklärt allerdings, weshalb man nach knapp anderthalb Stunden überraschend zufrieden aus einem Film kommt, den man bei genauerer Betrachtung eigentlich gar nicht besonders gut finden dürfte. Dass sich dahinter diesmal ein tatsächlich liebenswerter Film verbirgt, ist für Liam Neesons jüngere Karriere fast schon versöhnlich. Und tatsächlich unterscheidet sich „The Mongoose“ damit endlich durch mehr als den Schriftzug am Ende von seinen zahlreichen Vorgängern. Man hat ausnahmsweise wieder gerne zugesehen.
„The Mongoose“ ist ein repetitiver, reichlich unglaubwürdiger Actionthriller voller US-amerikanischem Heldenkitsch. Dank sympathischer Darsteller, handgemachter Verfolgungsjagden und erstaunlich viel Herzlichkeit funktioniert die sentimentale Veteranengeschichte trotzdem besser, als sie eigentlich dürfte.
Netflix hat ein Herz für Hunde – und viel zu wenig Zeit für sie
Auf Weihnachtskarten sind Familien für gewöhnlich ziemlich glücklich. Die Kinder sind prächtig geraten, die Ehepartner lächeln sich an, als wären sie noch immer frisch verliebt, und irgendwo dazwischen sitzt ein Hund im winzigen Weihnachtspullover, dessen treuherziger Blick selbst dem größten Weihnachtsmuffel ein warmes Gefühl um die Brust bescheren dürfte. Auf der Rückseite wird noch einmal schriftlich versichert, wie wunderbar das vergangene Jahr gewesen ist und wie sehr man sich auf das nächste freut. Alles schön, alles harmonisch. Eine kleine familiäre Selbstinszenierung, die vor allem davon lebt, dass sich niemand dafür interessiert, was außerhalb des sorgfältig ausgewählten Bildausschnitts passiert. Schließlich lässt sich einer solchen Karte nur schwer entnehmen, dass die Tochter womöglich das Schuljahr wiederholen muss, der Vater um seinen Arbeitsplatz bangt oder die Ehefrau zunehmend genervt davon ist, dass sich das Interesse ihres Mannes auf Fußball, Bier und die neue Assistentin im Büro beschränkt. Ganz zu schweigen von schweren Krankheiten und persönlichen Verlusten, die sich bekanntlich wenig darum scheren, ob gerade Weihnachten vor der Tür steht. Natürlich gehören solche Dinge zum Leben. Auf die Weihnachtskarte gehören sie trotzdem nicht. Schließlich soll die Verwandtschaft ein wenig Freude empfinden und keine ausführliche Bestandsaufnahme der familiären Katastrophen erhalten. Ähnlich verhält es sich mit den unzähligen Weihnachtsfilmen, die jedes Jahr die Streaminglandschaft überschwemmen und ihrer Zuschauerschaft eine heile Welt versprechen, in der selbst die größten Probleme spätestens zum Weihnachtsfest wieder in Ordnung gebracht werden. Dass Netflix mit „Winstead – Ein Hund feiert Weihnachten“ ausgerechnet von einer Familie erzählt, deren Leben von allerlei Schicksalsschlägen überschattet wird, könnte deshalb auf eine erfreuliche Abwechslung zum alljährlichen Streaming-Einerlei hoffen lassen. Wer darin allerdings schon den Grund vermutet, weshalb sich der Weihnachtsfilm tatsächlich positiv von seinen unzähligen Genreverwandten abhebt, irrt. Denn wie auf der Weihnachtskarte ist es auch hier der Hund, der alle Blicke auf sich zieht. Man muss nur sehen, wie treuherzig er einen mit seinen großen Augen anschaut, und schon wird einem warm ums Herz. Was seine Menschen alles durchmachen, wird zur lästigen Nebensache.
Dabei hätte die Familie Goss auf der Rückseite ihrer Weihnachtsgrüße einiges zu berichten. Seit dem Tod seiner Ehefrau vor zwei Jahren hat sich Sander (Dennis Quaid) zunehmend von seinen Mitmenschen zurückgezogen. Aus dem ehemals lebensfrohen Familienvater ist ein verbitterter alter Mann geworden, dessen schlechte Laune vor allem seine Enkelin Ello (Brooke Lena Johnson) zu spüren bekommt. Die Jugendliche hat allerdings ohnehin genügend eigene Probleme. Zwischen schulischen Schwierigkeiten, den ersten romantischen Gefühlen und den üblichen Auseinandersetzungen mit Erwachsenen versucht sie, ihren Platz im Leben zu finden. Auch Ellos Vater Hunter (Milo Ventimiglia) ist mit seiner beruflichen Karriere derart beschäftigt, dass für seine Familie immer weniger Zeit bleibt. Als dessen Ehefrau Juliana (Kathleen Rose Perkins) schließlich schwer erkrankt, geraten die ohnehin wankenden Familienverhältnisse endgültig aus dem Gleichgewicht. Mitten in diesem emotionalen Durcheinander lebt der betagte Basset Hound Winstead, der seine menschlichen Eltern seit vielen Jahren begleitet und deren alltägliche Sorgen mit erstaunlicher Aufmerksamkeit beobachtet. Dass der gemütliche Vierbeiner die meisten ihrer Probleme überhaupt nicht versteht, hindert ihn jedenfalls nicht daran, sich um das Wohlergehen seiner Familie zu bemühen. Unterstützung bekommt er dabei von Ruby, einem jungen Corgi, dessen Einzug das Zusammenleben um einiges turbulenter gestaltet. Während die beiden Hunde versuchen, ihren Menschen wieder ein wenig Freude zu bereiten, müssen diese lernen, mit ihren Verlusten umzugehen und trotz aller persönlichen Schwierigkeiten wieder zueinanderzufinden. Bis zum Weihnachtsfest ist schließlich noch einiges zu erledigen. Und irgendwie soll am Ende ja doch wieder eine glückliche Familie auf der Weihnachtskarte zu sehen sein.
Zwei Hunde stehlen dem Weihnachtskitsch die Show
Schwere Krankheiten, berufliche Zukunftsängste, die erste große Liebe und ein älterer Mann, der nach dem Tod seiner langjährigen Partnerin erst mühsam wieder ins Leben zurückfinden muss. Am festlich gedeckten Weihnachtstisch der Familie Goss ist einiges los. Eigentlich sogar erstaunlich viel für eine Geschichte, die ihr Publikum vor allem ein paar gemütliche Stunden bescheren möchte. Doch ausgerechnet die zahlreichen persönlichen Veränderungen offenbaren, wie wenig aufrichtiges Interesse Netflix‘ „Winstead – Ein Hund feiert Weihnachten“ letztlich an den Menschen besitzt, deren Sorgen hier fortwährend in den Mittelpunkt gerückt werden. Kaum hat sich eine neue familiäre Krise angekündigt, beschäftigt sich das Drehbuch bereits mit dem nächsten Problem, ohne dem vorherigen genügend Zeit einzuräumen, um tatsächlich etwas über die betroffenen Figuren zu erzählen. Es sind Probleme aus der Retorte, ohne authentischen Unterbau, einzig und allein dazu da, sie möglichst schnell wieder aus der Welt zu schaffen. Natürlich darf ein Weihnachtsfilm seine Figuren glücklich machen, ohne ihnen vorher sämtliche Abgründe menschlicher Existenz zumuten zu müssen. Dann aber bitte aufrichtig. Schließlich könnten die schwereren Themen der allgegenwärtigen Feiertagssentimentalität eine angenehme Erdung verleihen. Stattdessen ordnet Cathryn Michons Regie sämtliche Konflikte bereitwillig der genreüblichen Alles-wird-gut-Mentalität unter, deren Vorstellung von familiärer Harmonie offenbar kaum Platz für unangenehme Gefühle vorsieht. Das Leben darf seine Spuren hinterlassen, solange man sie vor dem nächsten gemeinsamen Familienfoto wieder sorgfältig beseitigt. Auch die gelegentlichen Angriffe auf die Tränendrüse können kaum darüber hinwegtäuschen, wie wenig einem diese Schicksale tatsächlich nahegehen. Dafür müsste man sich schließlich erst einmal für die Menschen interessieren, deren Glück hier permanent auf dem Spiel steht. Dabei befindet sich das eigentlich Interessante ohnehin ein gutes Stück unterhalb des festlich gedeckten Weihnachtstisches und wartet mit gierigen Kulleraugen darauf, dass endlich etwas vom Truthahnfleisch herunterfällt. Und das gleich im Doppelpack. Denn wenn „Winstead – Ein Hund feiert Weihnachten“ seinen tierischen Hauptdarstellern die Aufmerksamkeit schenkt, die ihnen der Filmtitel eigentlich verspricht, entwickelt die ansonsten ziemlich belanglose Familiengeschichte eine erstaunlich aufrichtige Herzlichkeit.
Das liegt insbesondere an der Art, wie die beiden Hunde ihre menschliche Umgebung wahrnehmen. Schließlich können Hunde mit den meisten Sorgen ihrer Besitzer herzlich wenig anfangen. Ob jemand seine Arbeitsstelle verliert, eine schwere Krankheit durchsteht oder um einen geliebten Menschen trauert, dürfte für einen Vierbeiner zunächst einmal kaum einen Unterschied machen. Er versteht weder die gesellschaftlichen Zusammenhänge noch die persönlichen Schicksalsschläge, die seine Menschen beschäftigen. Wohl aber deren Auswirkungen. Die ungewohnte Stille, wenn jemand traurig ist. Die Anspannung in einer Stimme, die sonst freundlich klingt. Oder die Veränderung alltäglicher Gewohnheiten, an denen sich das eigene Leben bislang so wunderbar orientieren ließ. Gerade Hundehalter kennen diese kleinen Beobachtungen, bei denen man sich gelegentlich fragt, wie viel das eigene Tier eigentlich von dem mitbekommt, was einen gerade beschäftigt. Und natürlich neigen Menschen dazu, ihren Vierbeinern dabei eine beinahe menschliche Anteilnahme zu unterstellen. Ein schief gelegter Kopf wird zur besorgten Nachfrage, ein aufmerksamer Blick zum Ausdruck tiefsten Verständnisses und die bloße Anwesenheit eines Hundes manchmal zu einem Trost, den einem selbst die wohlmeinendsten Mitmenschen gerade nicht spenden können. Dass sich hinter dieser Vermenschlichung eine durchaus reale emotionale Verbundenheit verbirgt, versteht Michons Netflix Original erfreulich gut. Winsteads Beobachtungen seiner menschlichen Eltern besitzen einen liebenswerten Wiedererkennungswert, der sich aus ganz gewöhnlichen tierischen Verhaltensweisen entwickelt. Gemeinsam mit dem deutlich lebhafteren Ruby entstehen daraus immer wieder kleine Momente, deren Wärme sich erstaunlich mühelos auf die Zuschauerschaft überträgt. Die beiden Hunde müssen dafür weder besonders außergewöhnliche Kunststücke aufführen noch irgendwelche menschlichen Probleme lösen. Es genügt vollkommen, ihnen dabei zuzusehen, wie sie mit ihrer Umgebung interagieren und auf die veränderten Stimmungen ihrer Besitzer reagieren. Selbst die gesprochenen Gedanken des betagten Rüden wirken dabei selten so aufgesetzt, wie man es angesichts der vermenschlichten Erzählperspektive eigentlich befürchten könnte. Stattdessen entsteht eine charmante Mischung aus tierischer Ahnungslosigkeit und instinktivem Einfühlungsvermögen, die gerade deshalb berührt, weil die Tiere die Probleme ihrer Menschen gar nicht vollständig begreifen müssen, um trotzdem Anteil an ihnen zu nehmen. Wer ein Herz für Hunde hat, dürfte an diesen Szenen jedenfalls seine helle Freude haben. Und wer keines hat, sollte sich um sein Gefühlsleben vielleicht ohnehin ein paar Gedanken machen.
„Winstead – Ein Hund feiert Weihnachten“ verschenkt seine schönste Idee
Umso ärgerlicher, dass „Winstead – Ein Hund feiert Weihnachten“ ausgerechnet seine liebenswerteste Eigenschaft immer wieder aus den Augen verliert. Denn obwohl die Geschichte aus der Perspektive ihres niedlichen Titelhelden erzählt wird, scheint sich das Drehbuch erstaunlich häufig für Dinge zu interessieren, die außerhalb seiner Wahrnehmung stattfinden. Während Hunter im Büro um seine berufliche Zukunft kämpft, Ello ihre schulischen und romantischen Angelegenheiten regelt und sich die übrigen Familienmitglieder mit ihren persönlichen Problemen beschäftigen, bleibt Winstead zwangsläufig außen vor. Schließlich kann der alte Rüde seinen Menschen schlecht überallhin folgen. Weshalb Netflix es trotzdem ständig tut, obwohl damit regelmäßig die beste erzählerische Idee verloren geht, erschließt sich schon wesentlich weniger. Dabei wäre es durchaus reizvoll gewesen, die familiären Konflikte konsequenter durch die Augen eines Hundes zu betrachten, der zwar die Auswirkungen menschlicher Schicksalsschläge wahrnimmt, deren eigentliche Ursachen aber nur schwer begreifen kann. Stattdessen entwickelt sich die Handlung abseits der tierischen Beobachtungen zu einem ziemlich gewöhnlichen Weihnachtsfilm, dessen zahlreichen Nebenhandlungen kaum mehr zu erzählen haben als die üblichen Genrevertreter. Immerhin bewahrt sich Michons Inszenierung einen angenehmen Tonfall, der zwischen unbeschwerter Feiertagsstimmung und gelegentlich etwas ernsteren Momenten einen durchaus gefälligen Mittelweg findet. Für einen wirklich guten Film reicht diese Mischung allerdings kaum aus. Dafür bleiben die menschlichen Schicksale zu beliebig, ihre Konflikte zu oberflächlich und deren Bewältigung zu sehr von der beinahe verpflichtenden Weihnachtsversöhnung abhängig. Umso erfreulicher, dass Winstead und Ruby trotz dieser erzählerischen Schwächen immer wieder für eine emotionale Aufrichtigkeit sorgen, die ihren menschlichen Mitspielern größtenteils verwehrt bleibt. Vielleicht liegt darin sogar der eigentliche Widerspruch dieser tierischen Weihnachtsgeschichte. Während sämtliche Familienmitglieder verzweifelt versuchen, ihr Leben wieder in die gewünschte Ordnung zu bringen, brauchen die beiden Hunde überhaupt keine Vorstellung davon, wie ein perfektes Weihnachtsfest auszusehen hat. Ihnen genügt es, bei ihren Menschen zu sein und gelegentlich ein Stück vom Festtagsbraten abzubekommen. Manchmal kann das Leben eben erstaunlich einfach sein. „Winstead – Ein Hund feiert Weihnachten“ macht daraus zwar keinen besonders guten Film, aber immerhin einen ausgesprochen liebenswerten. Und so bleibt am Ende eine dieser Weihnachtskarten, auf denen die Familie ein bisschen glücklicher aussieht, als sie es vermutlich tatsächlich ist. Dass man sie trotzdem gerne anschaut, liegt vor allem an dem alten Hund, der irgendwo zwischen all den lächelnden Gesichtern sitzt. Der muss schließlich niemandem etwas vorspielen.
„Winstead – Ein Hund feiert Weihnachten“ tischt die üblichen belanglosen Familiengeschichten auf, bis am Ende selbstverständlich wieder alle glücklich beisammensitzen. Zum Glück hat Netflix auch zwei Hunde eingeladen. Da wird selbst aus Weihnachtskost von der Stange noch eine ziemlich herzerwärmende Angelegenheit.
Amazon lässt die nächste Zombie-Apokalypse von der Leine
Es ist selten ein gutes Zeichen, wenn von einem Film nur noch die Gewissheit geblieben ist, ihn gesehen und nicht besonders gut gefunden zu haben. Warum eigentlich, lässt sich beim besten Willen nicht mehr sagen. Keine Figur, die sich ins Gedächtnis eingebrannt hätte, keine bemerkenswerte Szene, kein dramaturgischer Einfall, über den man sich heute noch ärgern könnte. Bei „Apokalypse Z: Der Anfang vom Ende“ erleichtern immerhin der Titel und das dazugehörige Filmplakat die gedankliche Einordnung. Zombies also. Irgendwelche Menschen, die vor anderen Menschen wegrennen, weil diese inzwischen tot sind und trotzdem erstaunlich schnell laufen können. So weit, so vertraut. Was die Geschichte darüber hinaus zu erzählen hatte, ist offenbar irgendwann zwischen den unzähligen anderen Endzeitgeschichten verloren gegangen. Selbst eine kurze Auffrischung der Handlung hilft nur bedingt. Ein trauernder Anwalt, sein Kater, die Flucht durch ein verseuchtes Spanien und schließlich ein Hubschrauber auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln. Das kommt einem alles irgendwie bekannt vor, ohne tatsächlich Erinnerungen wachzurufen. Umso erstaunlicher, dass Amazon zwei Jahre später mit „Apokalypse Z: Neue Welt“ eine Fortsetzung veröffentlicht. Offenbar hat der erste Teil genügend Menschen vor die Bildschirme gelockt, um eine weitere Reise durch das postapokalyptische Spanien wirtschaftlich zu rechtfertigen. Und vielleicht liegt darin bereits die größte Besonderheit dieser Filmreihe. Sie muss ihrem Publikum offenbar gar nicht besonders viel bieten, solange genügend Untote durch die Gegend rennen. Zumal sich ausgerechnet das Zombie-Genre seit Jahrzehnten hartnäckig dagegen wehrt, endlich selbst zu Grabe getragen zu werden.
Dabei war das Kino der wandelnden Leichen durchaus einmal ein ziemlich ergiebiges Betätigungsfeld für gesellschaftliche Beobachtungen. George A. Romero ließ seine Untoten bereits in den Siebzigern durch Einkaufszentren schlurfen und machte aus der menschlichen Konsumgesellschaft eine ziemlich makabre Angelegenheit. Später erzählte „The Walking Dead“ über viele Jahre hinweg von Menschen, deren gesellschaftliche Ordnung zusammengebrochen war und die sich inmitten einer feindlichen Welt neue Gemeinschaften aufbauen mussten. Die Zombies lieferten die Bedrohung, das eigentliche Interesse galt den Überlebenden. Freundschaften, Machtkämpfe, moralische Entscheidungen und die allmähliche Erkenntnis, dass die Lebenden einander gelegentlich gefährlicher werden können als die Toten. Einen anderen Weg schlug „World War Z“ ein, der das Zombie-Genre mit den Dimensionen eines monumentalen Katastrophenfilms verband. Plötzlich stürmten ganze Menschenmassen durch die Straßen, türmten sich übereinander und verwandelten vertraute Großstädte in Schlachtfelder einer globalen Überlebenskrise. Das hatte durchaus seinen Reiz, weil die schiere Größenordnung der Bedrohung eine neue Form des Schreckens erzeugte. Mittlerweile sind allerdings auch solche Bilder längst vertraut. Das Zombie-Kino hat sich über Jahrzehnte an seinen eigenen Möglichkeiten abgearbeitet, seine gesellschaftskritischen Motive ausgereizt und die Anzahl seiner Untoten immer weiter erhöht. Viel Neues lässt sich aus einem Genre, dessen grundlegender Konflikt letztlich auf der Flucht vor menschenfressenden Leichen beruht, ohnehin kaum noch herausholen. Zumindest braucht es dafür mittlerweile erheblich mehr Einfallsreichtum als eine größere Horde und ein paar zusätzliche Maschinengewehre.
Das Zombie-Kino frisst sich selbst auf
Regisseur Carles Torrens versucht es in seiner Fortsetzung vor allem mit Letzterem. Nachdem das sogenannte TSJ-Virus Europa weitgehend verwüstet hat, gelten die Kanarischen Inseln als einer der letzten verbliebenen Zufluchtsorte. Dort haben sich Überlebende unter militärischem Schutz eingerichtet, während auf dem spanischen Festland längst die Infizierten das öffentliche Leben bestimmen. Allerdings braucht auch eine Gesellschaft nach ihrem eigenen Untergang weiterhin Lebensmittel, Medikamente und andere Versorgungsgüter. Eine Militäreinheit wird deshalb nach Madrid geschickt, um dringend benötigte Vorräte zu beschaffen. Unter den Soldaten befindet sich Roberto (Carlos Alcaide), ein junger Rekrut, dessen persönliche Absichten nicht unbedingt mit den Interessen seiner Vorgesetzten übereinstimmen. Dass er im Vorgänger überhaupt keine Rolle gespielt hat, erleichtert die Angelegenheit immerhin. An die neue Hauptfigur muss sich niemand erinnern. Die Mission entwickelt sich erwartungsgemäß zu einem Überlebenskampf, bei dem sich die Soldaten immer wieder gegen gewaltige Zombiehorden behaupten müssen, während unterschiedliche Interessen und fragwürdige Loyalitäten die ohnehin angespannte Situation zusätzlich erschweren. Aus dem vergleichsweise persönlichen Survival-Horror des ersten Teils ist damit ein militärischer Actionfilm geworden, der seine Handlung weitgehend zwischen Schusswechseln, Verfolgungsjagden und verzweifelten Rückzugsmanövern abwickelt. Dass sich dabei gelegentlich auch eine politische Frage stellt, dürfte angesichts des gesellschaftlichen Ausnahmezustands kaum überraschen. Schließlich ist eine Pandemie, die ganze Staaten zum Zusammenbruch bringt, zwangsläufig mehr als ein medizinisches Problem. Wer die Corona-Jahre miterlebt hat, dürfte davon zumindest eine ungefähre Vorstellung besitzen. Die Welt ist einige Jahre später zwar weitgehend zu ihrem gewohnten Alltag zurückgekehrt, doch die gesellschaftlichen Verwerfungen dieser Zeit wirken bis heute nach. Politische Lager haben sich verhärtet, wissenschaftliche Erkenntnisse wurden zu Gegenständen ideologischer Auseinandersetzungen und ausgerechnet eine Krise, die gemeinschaftliches Handeln verlangte, offenbarte die Schwierigkeiten menschlicher Solidarität. Dazu kommen Erfahrungen aus anderen gesellschaftlichen Konflikten, etwa der Migrationspolitik, bei der Fragen nach Schutz, Verantwortung und begrenzten Ressourcen regelmäßig zu politischen Machtkämpfen werden. „Apokalypse Z: Neue Welt“ greift einiges davon auf und versetzt diese Auseinandersetzungen in eine Welt, in der die Folgen politischer Entscheidungen kaum unmittelbarer sein könnten. Die Kanarischen Inseln bieten Schutz, sind aber selbst auf funktionierende Versorgungswege angewiesen. Das Militär soll Sicherheit gewährleisten und muss zugleich entscheiden, welches Risiko für die Rettung weiterer Menschen vertretbar ist. Während Überlebende um ihren Platz in der verbliebenen Gesellschaft kämpfen, versuchen politische Akteure weiterhin, aus Angst und Unsicherheit persönlichen Einfluss zu gewinnen. Das ist durchaus ein interessanter Ausgangspunkt. Schließlich verschwinden menschliche Verhaltensweisen nicht automatisch mit den gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie entstanden sind. Auch nach einer Apokalypse bleiben Menschen egoistisch, opportunistisch und bisweilen erschreckend bereit, das Unglück anderer für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Nur hilft eine solche Ausgangslage wenig, wenn der Film seine gesellschaftlichen Widersprüche zwar erkennt, sich anschließend aber kaum ernsthaft mit ihnen beschäftigen möchte.
Tatsächlich bleiben die politischen und gesellschaftlichen Konflikte in Amazons „Apokalypse Z: Neue Welt“ über weite Strecken erstaunlich beiläufig. Mal geht es um die Verantwortung gegenüber Schutzsuchenden, dann um militärische Befehlsgewalt oder die persönlichen Interessen politischer Entscheidungsträger. Kaum gewinnt einer dieser Gedanken etwas Kontur, steht bereits die nächste Horde Infizierter vor der Tür und verlangt nach einer möglichst spektakulären Beseitigung. Die gesellschaftlichen Motive wirken dadurch häufig wie nachträglich eingestreute Randbemerkungen, mit denen das Drehbuch seinen ohnehin vertrauten Überlebenskampf etwas gehaltvoller erscheinen lassen möchte. Dabei wäre gerade die Frage, was von einer Gesellschaft übrig bleibt, wenn ihre Mitglieder nur noch ums eigene Überleben kämpfen, durchaus eine längere Auseinandersetzung wert gewesen. Stattdessen werden moralische Konflikte vor allem dann interessant, wenn sie den nächsten Einsatz gefährden oder eine weitere dramatische Entscheidung ermöglichen. Welche Überzeugungen die beteiligten Menschen tatsächlich vertreten, woher ihre Ängste kommen und weshalb sie sich bestimmten Autoritäten anschließen, bleibt weitgehend unerforscht. Das wäre möglicherweise noch zu verschmerzen, wenn wenigstens die Figuren selbst genügend Persönlichkeit besäßen, um die Geschichte unabhängig von ihren politischen Ambitionen zu tragen. Doch ausgerechnet daran mangelt es der Fortsetzung besonders deutlich. Roberto bekommt persönliche Beweggründe mit auf den Weg, die ihm eine gewisse emotionale Bedeutung verleihen sollen, bleibt als Mensch aber ebenso schwer greifbar wie seine Begleiter. Die Soldaten unterscheiden sich hauptsächlich durch ihre Position innerhalb der militärischen Ordnung, gelegentliche Meinungsverschiedenheiten und die Entscheidungen, die das Drehbuch für ihren weiteren Überlebenskampf benötigt. Dass hinter ihren Uniformen Menschen mit einer eigenen Vergangenheit, individuellen Bedürfnissen und widersprüchlichen Charakterzügen stecken könnten, gerät dabei erstaunlich schnell in Vergessenheit.
Prime Video schickt leblose Figuren gegen lebendige Tote
„Apokalypse Z: Neue Welt“ behandelt seine Überlebenden als austauschbare Bestandteile einer militärischen Operation. Das Ergebnis ist ein Kampf zwischen zwei weitgehend anonymen Menschenmassen, deren wesentlicher Unterschied darin besteht, dass die einen noch leben und die anderen bereits gestorben sind. Für welche Seite Sympathien entstehen sollen, ist damit zwar geklärt. Einen wirklichen Grund, irgendjemandem die Daumen zu drücken, liefert Prime Video damit allerdings noch lange nicht. Dabei kann sich die Inszenierung durchaus sehen lassen. Torrens versteht es, die Übermacht der Infizierten in wuchtige Bilder zu übersetzen und seinen militärischen Auseinandersetzungen eine beachtliche räumliche Dimension zu verleihen. Die großen Massenszenen besitzen eine körperliche Wucht, während die hektischen Gefechte den zunehmenden Kontrollverlust der Soldaten stellenweise wirkungsvoll vermitteln. Wenn sich die Infizierten durch die zerstörten Schauplätze bewegen und die militärische Feuerkraft gegen ihre schiere Anzahl anzukämpfen versucht, entsteht durchaus ein Gefühl von Bedrohung, das der erste Film in dieser Größenordnung kaum erreichen konnte. Nur verwechselt „Apokalypse Z: Neue Welt“ die Intensität der Action allzu häufig mit tatsächlicher Spannung. Schließlich entscheidet sich die Wirkung keineswegs ausschließlich daran, wie viele Zombies auf eine Gruppe Menschen zustürmen oder wie knapp eine Flucht gelingt. Mindestens ebenso wichtig wäre, dass das Schicksal der Beteiligten überhaupt etwas bedeutet. Genau dieser emotionale Unterbau fehlt dem Amazon Original vollständig. Da wird geschossen, gerannt, geschrien und gestorben, während das Drehbuch kaum eine Gelegenheit nutzt, seinen Figuren außerhalb des unmittelbaren Überlebenskampfes irgendeine Bedeutung zu verleihen. Je größer das Spektakel wird, desto deutlicher tritt diese Leere hervor. Selbst die gesellschaftskritischen Ansätze verschwinden unter einer Masse aus Infizierten, deren unaufhaltsamer Vormarsch offenbar wesentlich interessanter sein soll als die Menschen, die sich ihnen entgegenstellen. Ausgerechnet ein Film über die letzten Überreste der Menschheit bringt damit erstaunlich wenig Interesse an menschlichem Leben auf. Und während die Zombies wenigstens noch mit einiger Entschlossenheit ihren Instinkten folgen, wirken ihre Gegner häufig wie leblose Hüllen, die lediglich darauf warten, von der nächsten dramatischen Entwicklung in Bewegung gesetzt zu werden. So schließt sich letztlich auch der Kreis zum Vorgänger, von dem nach zwei Jahren kaum mehr als eine vage Erinnerung geblieben ist. Amazon hat seine Apokalypse erheblich vergrößert, ohne ihr einen entsprechenden erzählerischen Mehrwert zu verleihen. Die Bilder sind lauter geworden, die Gefechte umfangreicher, die gesellschaftlichen Ambitionen größer. Nur fehlt weiterhin etwas, das über den Abspann hinaus im Gedächtnis bleibt. Wenn die Welt erneut untergeht, ist das irgendwann eben auch nichts Besonderes mehr.
In „Apokalypse Z: Neue Welt“ sind ausgerechnet die Zombies noch die lebendigsten Figuren. Amazon lässt seine Untoten in beeindruckenden Massen aufmarschieren, vergisst zwischen politischen Randnotizen und militärischem Dauerfeuer allerdings die Menschen. So dürfte auch diese Apokalypse bald wieder in Vergessenheit geraten.
Netflix würfelt viermal – das Ergebnis bleibt dasselbe
Ein Würfel hat sechs Seiten. Sechs mögliche Ergebnisse, sechs denkbare Fortsetzungen einer Geschichte, die bis zu diesem Moment noch allen offensteht. Man gewinnt, verliert oder spielt eine weitere Runde. Mit etwas Glück wandert Geld aufs Konto, mit etwas Pech verschwindet das, was für die nächste Miete gedacht war. Euphorie auf der einen Seite, schlaflose Nächte auf der anderen. Vielleicht ist morgen alles wie gestern. Vielleicht steht am Ende eines einzigen Wurfs die Obdachlosigkeit. Oder ein früher Tod. Das klingt dramatisch für einen Gegenstand, der gewöhnlich über Gesellschaftsspiele entscheidet, doch genau darin liegt der Reiz des Zufalls: Die Fallhöhe wächst mit dem, was auf dem Spiel steht, während der Würfel selbst vollkommen gleichgültig bleibt. Ein Mensch, sechs Möglichkeiten, und keine davon verlangt zunächst nach einer Erklärung. Aus diesem Gedanken ließe sich ein bemerkenswerter Film machen. Netflix wirft in „Auf Kollisionskurs“ immerhin viermal. Besonders viel bewegt sich dabei leider nicht.
Madrid im Jahr 2013. Spanien steckt noch immer tief in den Folgen der Finanzkrise, die Banken werden gerettet, während viele Menschen längst darum kämpfen, ihre Rechnungen überhaupt bezahlen zu können. In dieser Stimmung treffen vier Personen eine Entscheidung, die ihr Leben verändern soll. Pedro (Karra Elejalde), Carla (Laia Costa), Tomás (Tamar Novas) und Raúl (Álvaro Cervantes) überfallen eine Bank, nehmen deren Direktor Ernesto (Luis Zahera) ins Visier und hoffen auf genug Geld, um die eigenen Probleme ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Dass ein solcher Plan selten an der Vernunft seiner Beteiligten scheitert, weil es an dieser bereits bei der Planung mangelt, gehört zu den zuverlässigsten Gesetzen des Gangsterkinos. Auch hier läuft der Überfall aus dem Ruder. Die Polizei wird aufmerksam, die Nerven liegen blank, bei der Flucht geraten die Komplizen aneinander. Dann kracht das Auto. Eigentlich wäre das ein passender Moment für den Abspann, doch Daniel Sánchez Arévalo hat mit dem Unfall etwas anderes vor. „Auf Kollisionskurs“ erzählt seine Folgen viermal, und jedes Mal erwischt es einen anderen der Bankräuber. Stirbt Pedro, entwickelt sich die Geschichte anders, als wenn Carla, Tomás oder Raúl aus dem Wagen nicht mehr lebend herauskommen. Beziehungen verschieben sich, Verdächtigungen nehmen andere Wege, Geheimnisse kommen auf unterschiedliche Weise ans Licht. Die vier Kapitel fügen dem Überfall so nach und nach Informationen hinzu und stellen zugleich die Frage, wie viel von einem menschlichen Schicksal eigentlich an einem einzigen Moment hängt. Es ist eine reizvolle Versuchsanordnung. Schon weil sich mit jedem neuen Ausgang auch die Möglichkeit eröffnet, die vermeintlich vertrauten Figuren vollkommen anders kennenzulernen.
„Auf Kollisionskurs“ verwechselt neue Wendungen mit neuen Erkenntnissen
Genau davon macht der Netflix Film erstaunlich wenig Gebrauch. Die verschiedenen Unfallfolgen verändern zwar, wer noch mitreden, lügen oder die Schuld auf jemand anderen schieben kann, doch der Blick auf diese Menschen bleibt auffällig gleich. Man erfährt, wer mit wem verbunden ist, wer etwas verschwiegen hat, nur welche Interessen hinter dem Raub oder gar was für Menschen hinter den Fassaden der Charaktere stecken, bleibt allzu schwammig. Informationen für die Handlung sind noch lange keine Erkenntnisse über die Figuren. Wo die zweite oder dritte Variante eine vorherige Entscheidung in ein anderes Licht rücken könnte, liefert das Drehbuch lieber den nächsten Ermittlungsschritt im ohnehin reichlich verknoteten Fall. Es ist ständig etwas los. Arévalo schneidet zügig zwischen den Beteiligten und hält den Erzählmotor mit neuen Wendungen am Laufen. Umso eigenartiger, wie lang sich manches davon trotzdem anfühlt. Polizeigespräche, Zeugenaussagen und die Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe nehmen erstaunlich viel Platz ein, obwohl sie meist bloß wiederholen, was ohnehin im Raum steht. Jeder beschuldigt jeden, jeder will irgendwie raus, und irgendwer weiß garantiert mehr, als er zugibt. Das reicht, um die nächste Szene in Gang zu setzen. Für vier Durchläufe derselben Ausgangslage ist es jedoch viel zu wenig. Denn wer sein Publikum wiederholt an denselben Punkt zurückschickt, muss ihm dort mehr zeigen als eine leicht veränderte Anordnung bekannter Situationen. Gerade in den Wiederholungen könnte der Film die Wahrnehmung verschieben, Widersprüche zwischen den Möglichkeiten ausloten oder einen scheinbar nebensächlichen Moment plötzlich bedeutsam machen. Stattdessen arbeitet er seine Varianten vor allem ab. Die Inszenierung interessiert sich dafür, wie die Figuren aus der jeweiligen Lage herauskommen. Was diese Lage mit ihnen macht, bleibt eine Randnotiz. Ein Geheimnis ist schließlich erst dann wirklich interessant, wenn es auch die Wahrnehmung eines Menschen verändert, den man längst zu kennen glaubte. Hier verändert es vor allem den weiteren Ablauf der Geschichte. So wird aus einer Erzählform, die von ihren Abweichungen leben müsste, ein ziemlich gewöhnlicher Thriller, der sich viermal neu sortiert und dabei immer weniger zu sagen hat.
Noch auffälliger wird diese Leerstelle dort, wo „Auf Kollisionskurs“ seinen Figuren eine ganze Gesellschaft als Hintergrundgeschichte mitgeben möchte. Gleich zu Beginn erinnert eine Texteinblendung an die spanische Wirtschaftskrise und ihre Folgen. Menschen verlieren ihre Arbeit, ihre Wohnungen, ihre wirtschaftliche Sicherheit. Die Banken stehen sinnbildlich für ein System, das seine eigenen Fehler überlebt, während andere dafür bezahlen. Darin steckt reichlich Stoff für ein bitteres Verbrecherdrama, zumal die Wut auf Finanzinstitute auch Jahre später kaum einer ausführlichen Erklärung bedarf. Steigende Lebenshaltungskosten, Existenzängste, ein Kontostand, vor dem man lieber die Augen verschließt: Arévalo kann darauf vertrauen, dass das Publikum die Gefühle hinter solchen Begriffen kennt. Offenbar vertraut er etwas zu sehr darauf. Denn aus dem gesellschaftlichen Zustand wird eine bequeme Abkürzung zur Sympathie. Die Figuren brauchen Geld, also sollen ihre Entscheidungen verständlich sein. Sie haben Schulden, also müssen sie verzweifelt sein. Die Welt behandelt sie ungerecht, also darf ein Banküberfall schon einmal wie ein verspäteter Akt der Selbstverteidigung aussehen. Dabei wäre gerade interessant, wie unterschiedlich Menschen auf dieselbe Not reagieren, was sie bereit sind zu opfern und wo sie sich selbst längst etwas vormachen. Stattdessen bleiben Eheprobleme, familiäre Verpflichtungen und finanzielle Verstrickungen überwiegend Stichworte, die eine Motivation behaupten und anschließend Platz für die nächste Wendung machen. Armut erklärt schließlich noch keinen Charakter. Ein Mensch lässt sich auch dann nicht auf seine Geldsorgen reduzieren, wenn diese sein Leben vollständig beherrschen. Und wer schon vier Möglichkeiten zur Verfügung hat, könnte zumindest eine davon nutzen, um zu zeigen, dass eine Entscheidung aus mehr besteht als dem Druck der Umstände. Die Finanzkrise liefert hier vor allem eine moralische Kulisse. Ein paar politische Anspielungen, ein korrupter Bankdirektor, die allgemeine Gewissheit, dass es den Falschen gut geht. Das ist leicht zu unterschreiben und noch leichter zu erzählen. Was dem Film fehlt, ist die Neugier auf die Menschen, deren Wut er für seine Geschichte so bereitwillig in Anspruch nimmt.
Dabei läge ausgerechnet im Zufall eine Möglichkeit, dieser Bequemlichkeit zu entkommen. Wenn vier verschiedene Menschen bei demselben Unfall sterben können, verändert sich für die Überlebenden schließlich weit mehr als der Verlauf einer polizeilichen Ermittlung. Schuld bekommt ein anderes Gewicht. Entscheidungen, die vorher klug oder wenigstens notwendig erschienen, könnten plötzlich unerträglich werden. Ein Verrat könnte aus der einen Perspektive als Verzweiflungstat erscheinen und aus der anderen als schlichter Egoismus. Vielleicht wäre eine Person durch den Tod eines anderen überhaupt erst gezwungen, sich einzugestehen, warum sie in diesem Auto saß. Gerade das macht solche Gedankenspiele interessant. Was gestern noch wie eine unumstößliche Entscheidung wirkte, erscheint unter veränderten Umständen plötzlich absurd. Ein anderer Ausgang verändert mitunter sogar die Bedeutung dessen, was bereits geschehen ist. Solche Fragen drängen sich bei einer Geschichte mit vier möglichen Ausgängen geradezu auf. „Auf Kollisionskurs“ hat jedoch mehr Freude daran, seine Karten wieder einzusammeln und neu auszuteilen, als daran, einmal genauer hinzusehen, was der Verlust einer Karte für die Menschen am Tisch bedeutet. Und das ist schade, weil es dem Netflix Film durchaus gelingt, das Tempo eines verunglückten Coups aufrechtzuerhalten. Nur erschöpft sich der Einfallsreichtum weitgehend darin, aus einer Geschichte mehrere zu machen. Die zusätzlichen Möglichkeiten führen zu mehr Handlung, kaum zu mehr Bedeutung. Am Ende erinnert das Ganze an jemanden, der einen Würfel so lange wirft, bis endlich etwas Aufregendes passiert, und dabei vergisst, warum überhaupt gespielt wird. Ein anderer Ausgang könnte alles verändern: die eigene Zukunft, die Familie, vielleicht sogar die Frage, wer man unter anderen Umständen geworden wäre. Bei Arévalo entscheidet er hauptsächlich darüber, wer im nächsten Kapitel noch reden darf. Der Würfel fällt viermal. Das Spiel bleibt dasselbe.
Beim Würfeln entscheidet der Zufall, beim Erzählen der Einfallsreichtum. „Auf Kollisionskurs“ hat von Ersterem reichlich, von Letzterem erschreckend wenig. Vier mögliche Todesfälle halten den Netflix Thriller in Bewegung, doch seinen Figuren fehlt das Leben, das ihren Verlust bedeutsam machen würde. Am Ende bleibt ein großer Wurf ohne Gewinn.