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Filme | Kritiken
  • Apokalypse Z: Neue Welt | Amazon Film – Kritik: Prime Video im Zombie-Modus

    Apokalypse Z: Neue Welt

    TitelApokalypse Z: Neue Welt
    Genre Horror, Action
    Jahr2026
    FSK16
    RegieCarles Torrens

    Starttermin: 30.10.2026| Prime Video

    Amazon lässt die nächste Zombie-Apokalypse von der Leine

    Es ist selten ein gutes Zeichen, wenn von einem Film nur noch die Gewissheit geblieben ist, ihn gesehen und nicht besonders gut gefunden zu haben. Warum eigentlich, lässt sich beim besten Willen nicht mehr sagen. Keine Figur, die sich ins Gedächtnis eingebrannt hätte, keine bemerkenswerte Szene, kein dramaturgischer Einfall, über den man sich heute noch ärgern könnte. Bei „Apokalypse Z: Der Anfang vom Ende“ erleichtern immerhin der Titel und das dazugehörige Filmplakat die gedankliche Einordnung. Zombies also. Irgendwelche Menschen, die vor anderen Menschen wegrennen, weil diese inzwischen tot sind und trotzdem erstaunlich schnell laufen können. So weit, so vertraut. Was die Geschichte darüber hinaus zu erzählen hatte, ist offenbar irgendwann zwischen den unzähligen anderen Endzeitgeschichten verloren gegangen. Selbst eine kurze Auffrischung der Handlung hilft nur bedingt. Ein trauernder Anwalt, sein Kater, die Flucht durch ein verseuchtes Spanien und schließlich ein Hubschrauber auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln. Das kommt einem alles irgendwie bekannt vor, ohne tatsächlich Erinnerungen wachzurufen. Umso erstaunlicher, dass Amazon zwei Jahre später mit „Apokalypse Z: Neue Welt“ eine Fortsetzung veröffentlicht. Offenbar hat der erste Teil genügend Menschen vor die Bildschirme gelockt, um eine weitere Reise durch das postapokalyptische Spanien wirtschaftlich zu rechtfertigen. Und vielleicht liegt darin bereits die größte Besonderheit dieser Filmreihe. Sie muss ihrem Publikum offenbar gar nicht besonders viel bieten, solange genügend Untote durch die Gegend rennen. Zumal sich ausgerechnet das Zombie-Genre seit Jahrzehnten hartnäckig dagegen wehrt, endlich selbst zu Grabe getragen zu werden.

    Apokalypse Z: Neue Welt Amazon Prime Video Film 2026
    Apokalypse Z: Neue Welt ©Amazon Prime Video

    Dabei war das Kino der wandelnden Leichen durchaus einmal ein ziemlich ergiebiges Betätigungsfeld für gesellschaftliche Beobachtungen. George A. Romero ließ seine Untoten bereits in den Siebzigern durch Einkaufszentren schlurfen und machte aus der menschlichen Konsumgesellschaft eine ziemlich makabre Angelegenheit. Später erzählte „The Walking Dead“ über viele Jahre hinweg von Menschen, deren gesellschaftliche Ordnung zusammengebrochen war und die sich inmitten einer feindlichen Welt neue Gemeinschaften aufbauen mussten. Die Zombies lieferten die Bedrohung, das eigentliche Interesse galt den Überlebenden. Freundschaften, Machtkämpfe, moralische Entscheidungen und die allmähliche Erkenntnis, dass die Lebenden einander gelegentlich gefährlicher werden können als die Toten. Einen anderen Weg schlug „World War Z“ ein, der das Zombie-Genre mit den Dimensionen eines monumentalen Katastrophenfilms verband. Plötzlich stürmten ganze Menschenmassen durch die Straßen, türmten sich übereinander und verwandelten vertraute Großstädte in Schlachtfelder einer globalen Überlebenskrise. Das hatte durchaus seinen Reiz, weil die schiere Größenordnung der Bedrohung eine neue Form des Schreckens erzeugte. Mittlerweile sind allerdings auch solche Bilder längst vertraut. Das Zombie-Kino hat sich über Jahrzehnte an seinen eigenen Möglichkeiten abgearbeitet, seine gesellschaftskritischen Motive ausgereizt und die Anzahl seiner Untoten immer weiter erhöht. Viel Neues lässt sich aus einem Genre, dessen grundlegender Konflikt letztlich auf der Flucht vor menschenfressenden Leichen beruht, ohnehin kaum noch herausholen. Zumindest braucht es dafür mittlerweile erheblich mehr Einfallsreichtum als eine größere Horde und ein paar zusätzliche Maschinengewehre.

    Filmpodcast

    Das Zombie-Kino frisst sich selbst auf

    Regisseur Carles Torrens versucht es in seiner Fortsetzung vor allem mit Letzterem. Nachdem das sogenannte TSJ-Virus Europa weitgehend verwüstet hat, gelten die Kanarischen Inseln als einer der letzten verbliebenen Zufluchtsorte. Dort haben sich Überlebende unter militärischem Schutz eingerichtet, während auf dem spanischen Festland längst die Infizierten das öffentliche Leben bestimmen. Allerdings braucht auch eine Gesellschaft nach ihrem eigenen Untergang weiterhin Lebensmittel, Medikamente und andere Versorgungsgüter. Eine Militäreinheit wird deshalb nach Madrid geschickt, um dringend benötigte Vorräte zu beschaffen. Unter den Soldaten befindet sich Roberto (Carlos Alcaide), ein junger Rekrut, dessen persönliche Absichten nicht unbedingt mit den Interessen seiner Vorgesetzten übereinstimmen. Dass er im Vorgänger überhaupt keine Rolle gespielt hat, erleichtert die Angelegenheit immerhin. An die neue Hauptfigur muss sich niemand erinnern. Die Mission entwickelt sich erwartungsgemäß zu einem Überlebenskampf, bei dem sich die Soldaten immer wieder gegen gewaltige Zombiehorden behaupten müssen, während unterschiedliche Interessen und fragwürdige Loyalitäten die ohnehin angespannte Situation zusätzlich erschweren. Aus dem vergleichsweise persönlichen Survival-Horror des ersten Teils ist damit ein militärischer Actionfilm geworden, der seine Handlung weitgehend zwischen Schusswechseln, Verfolgungsjagden und verzweifelten Rückzugsmanövern abwickelt. Dass sich dabei gelegentlich auch eine politische Frage stellt, dürfte angesichts des gesellschaftlichen Ausnahmezustands kaum überraschen. Schließlich ist eine Pandemie, die ganze Staaten zum Zusammenbruch bringt, zwangsläufig mehr als ein medizinisches Problem. Wer die Corona-Jahre miterlebt hat, dürfte davon zumindest eine ungefähre Vorstellung besitzen. Die Welt ist einige Jahre später zwar weitgehend zu ihrem gewohnten Alltag zurückgekehrt, doch die gesellschaftlichen Verwerfungen dieser Zeit wirken bis heute nach. Politische Lager haben sich verhärtet, wissenschaftliche Erkenntnisse wurden zu Gegenständen ideologischer Auseinandersetzungen und ausgerechnet eine Krise, die gemeinschaftliches Handeln verlangte, offenbarte die Schwierigkeiten menschlicher Solidarität. Dazu kommen Erfahrungen aus anderen gesellschaftlichen Konflikten, etwa der Migrationspolitik, bei der Fragen nach Schutz, Verantwortung und begrenzten Ressourcen regelmäßig zu politischen Machtkämpfen werden. „Apokalypse Z: Neue Welt“ greift einiges davon auf und versetzt diese Auseinandersetzungen in eine Welt, in der die Folgen politischer Entscheidungen kaum unmittelbarer sein könnten. Die Kanarischen Inseln bieten Schutz, sind aber selbst auf funktionierende Versorgungswege angewiesen. Das Militär soll Sicherheit gewährleisten und muss zugleich entscheiden, welches Risiko für die Rettung weiterer Menschen vertretbar ist. Während Überlebende um ihren Platz in der verbliebenen Gesellschaft kämpfen, versuchen politische Akteure weiterhin, aus Angst und Unsicherheit persönlichen Einfluss zu gewinnen. Das ist durchaus ein interessanter Ausgangspunkt. Schließlich verschwinden menschliche Verhaltensweisen nicht automatisch mit den gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie entstanden sind. Auch nach einer Apokalypse bleiben Menschen egoistisch, opportunistisch und bisweilen erschreckend bereit, das Unglück anderer für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Nur hilft eine solche Ausgangslage wenig, wenn der Film seine gesellschaftlichen Widersprüche zwar erkennt, sich anschließend aber kaum ernsthaft mit ihnen beschäftigen möchte.

    Apokalypse Z: Neue Welt Amazon Prime Video Film 2026
    Apokalypse Z: Neue Welt ©Amazon Prime Video

    Tatsächlich bleiben die politischen und gesellschaftlichen Konflikte in Amazons „Apokalypse Z: Neue Welt“ über weite Strecken erstaunlich beiläufig. Mal geht es um die Verantwortung gegenüber Schutzsuchenden, dann um militärische Befehlsgewalt oder die persönlichen Interessen politischer Entscheidungsträger. Kaum gewinnt einer dieser Gedanken etwas Kontur, steht bereits die nächste Horde Infizierter vor der Tür und verlangt nach einer möglichst spektakulären Beseitigung. Die gesellschaftlichen Motive wirken dadurch häufig wie nachträglich eingestreute Randbemerkungen, mit denen das Drehbuch seinen ohnehin vertrauten Überlebenskampf etwas gehaltvoller erscheinen lassen möchte. Dabei wäre gerade die Frage, was von einer Gesellschaft übrig bleibt, wenn ihre Mitglieder nur noch ums eigene Überleben kämpfen, durchaus eine längere Auseinandersetzung wert gewesen. Stattdessen werden moralische Konflikte vor allem dann interessant, wenn sie den nächsten Einsatz gefährden oder eine weitere dramatische Entscheidung ermöglichen. Welche Überzeugungen die beteiligten Menschen tatsächlich vertreten, woher ihre Ängste kommen und weshalb sie sich bestimmten Autoritäten anschließen, bleibt weitgehend unerforscht. Das wäre möglicherweise noch zu verschmerzen, wenn wenigstens die Figuren selbst genügend Persönlichkeit besäßen, um die Geschichte unabhängig von ihren politischen Ambitionen zu tragen. Doch ausgerechnet daran mangelt es der Fortsetzung besonders deutlich. Roberto bekommt persönliche Beweggründe mit auf den Weg, die ihm eine gewisse emotionale Bedeutung verleihen sollen, bleibt als Mensch aber ebenso schwer greifbar wie seine Begleiter. Die Soldaten unterscheiden sich hauptsächlich durch ihre Position innerhalb der militärischen Ordnung, gelegentliche Meinungsverschiedenheiten und die Entscheidungen, die das Drehbuch für ihren weiteren Überlebenskampf benötigt. Dass hinter ihren Uniformen Menschen mit einer eigenen Vergangenheit, individuellen Bedürfnissen und widersprüchlichen Charakterzügen stecken könnten, gerät dabei erstaunlich schnell in Vergessenheit.

    Apokalypse Z: Neue Welt Amazon Prime Video Film 2026
    Apokalypse Z: Neue Welt ©Amazon Prime Video

    Prime Video schickt leblose Figuren gegen lebendige Tote

    „Apokalypse Z: Neue Welt“ behandelt seine Überlebenden als austauschbare Bestandteile einer militärischen Operation. Das Ergebnis ist ein Kampf zwischen zwei weitgehend anonymen Menschenmassen, deren wesentlicher Unterschied darin besteht, dass die einen noch leben und die anderen bereits gestorben sind. Für welche Seite Sympathien entstehen sollen, ist damit zwar geklärt. Einen wirklichen Grund, irgendjemandem die Daumen zu drücken, liefert Prime Video damit allerdings noch lange nicht. Dabei kann sich die Inszenierung durchaus sehen lassen. Torrens versteht es, die Übermacht der Infizierten in wuchtige Bilder zu übersetzen und seinen militärischen Auseinandersetzungen eine beachtliche räumliche Dimension zu verleihen. Die großen Massenszenen besitzen eine körperliche Wucht, während die hektischen Gefechte den zunehmenden Kontrollverlust der Soldaten stellenweise wirkungsvoll vermitteln. Wenn sich die Infizierten durch die zerstörten Schauplätze bewegen und die militärische Feuerkraft gegen ihre schiere Anzahl anzukämpfen versucht, entsteht durchaus ein Gefühl von Bedrohung, das der erste Film in dieser Größenordnung kaum erreichen konnte. Nur verwechselt „Apokalypse Z: Neue Welt“ die Intensität der Action allzu häufig mit tatsächlicher Spannung. Schließlich entscheidet sich die Wirkung keineswegs ausschließlich daran, wie viele Zombies auf eine Gruppe Menschen zustürmen oder wie knapp eine Flucht gelingt. Mindestens ebenso wichtig wäre, dass das Schicksal der Beteiligten überhaupt etwas bedeutet. Genau dieser emotionale Unterbau fehlt dem Amazon Original vollständig. Da wird geschossen, gerannt, geschrien und gestorben, während das Drehbuch kaum eine Gelegenheit nutzt, seinen Figuren außerhalb des unmittelbaren Überlebenskampfes irgendeine Bedeutung zu verleihen. Je größer das Spektakel wird, desto deutlicher tritt diese Leere hervor. Selbst die gesellschaftskritischen Ansätze verschwinden unter einer Masse aus Infizierten, deren unaufhaltsamer Vormarsch offenbar wesentlich interessanter sein soll als die Menschen, die sich ihnen entgegenstellen. Ausgerechnet ein Film über die letzten Überreste der Menschheit bringt damit erstaunlich wenig Interesse an menschlichem Leben auf. Und während die Zombies wenigstens noch mit einiger Entschlossenheit ihren Instinkten folgen, wirken ihre Gegner häufig wie leblose Hüllen, die lediglich darauf warten, von der nächsten dramatischen Entwicklung in Bewegung gesetzt zu werden. So schließt sich letztlich auch der Kreis zum Vorgänger, von dem nach zwei Jahren kaum mehr als eine vage Erinnerung geblieben ist. Amazon hat seine Apokalypse erheblich vergrößert, ohne ihr einen entsprechenden erzählerischen Mehrwert zu verleihen. Die Bilder sind lauter geworden, die Gefechte umfangreicher, die gesellschaftlichen Ambitionen größer. Nur fehlt weiterhin etwas, das über den Abspann hinaus im Gedächtnis bleibt. Wenn die Welt erneut untergeht, ist das irgendwann eben auch nichts Besonderes mehr.

    Apokalypse Z: Neue Welt Amazon Prime Video Film 2026
    Apokalypse Z: Neue Welt ©Amazon Prime Video

    Fazit

    In „Apokalypse Z: Neue Welt“ sind ausgerechnet die Zombies noch die lebendigsten Figuren. Amazon lässt seine Untoten in beeindruckenden Massen aufmarschieren, vergisst zwischen politischen Randnotizen und militärischem Dauerfeuer allerdings die Menschen. So dürfte auch diese Apokalypse bald wieder in Vergessenheit geraten.

    Bewertung: 2 von 5.
    Amazon Prime Video
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  • Auf Kollisionskurs | Netflix Film – Kritik: Ein Würfel entscheidet über Leben und Tod

    Auf Kollisionskurs

    TitelAuf Kollisionskurs
    Genre Thriller
    Jahr2026
    FSK16
    RegieDaniel Sánchez Arévalo

    Starttermin: 30.10.2026 | Netflix

    Netflix würfelt viermal – das Ergebnis bleibt dasselbe

    Ein Würfel hat sechs Seiten. Sechs mögliche Ergebnisse, sechs denkbare Fortsetzungen einer Geschichte, die bis zu diesem Moment noch allen offensteht. Man gewinnt, verliert oder spielt eine weitere Runde. Mit etwas Glück wandert Geld aufs Konto, mit etwas Pech verschwindet das, was für die nächste Miete gedacht war. Euphorie auf der einen Seite, schlaflose Nächte auf der anderen. Vielleicht ist morgen alles wie gestern. Vielleicht steht am Ende eines einzigen Wurfs die Obdachlosigkeit. Oder ein früher Tod. Das klingt dramatisch für einen Gegenstand, der gewöhnlich über Gesellschaftsspiele entscheidet, doch genau darin liegt der Reiz des Zufalls: Die Fallhöhe wächst mit dem, was auf dem Spiel steht, während der Würfel selbst vollkommen gleichgültig bleibt. Ein Mensch, sechs Möglichkeiten, und keine davon verlangt zunächst nach einer Erklärung. Aus diesem Gedanken ließe sich ein bemerkenswerter Film machen. Netflix wirft in „Auf Kollisionskurs“ immerhin viermal. Besonders viel bewegt sich dabei leider nicht.

    Auf Kollisionskurs Netflix Film 2026
    Auf Kollisionskurs ©Netflix

    Madrid im Jahr 2013. Spanien steckt noch immer tief in den Folgen der Finanzkrise, die Banken werden gerettet, während viele Menschen längst darum kämpfen, ihre Rechnungen überhaupt bezahlen zu können. In dieser Stimmung treffen vier Personen eine Entscheidung, die ihr Leben verändern soll. Pedro (Karra Elejalde), Carla (Laia Costa), Tomás (Tamar Novas) und Raúl (Álvaro Cervantes) überfallen eine Bank, nehmen deren Direktor Ernesto (Luis Zahera) ins Visier und hoffen auf genug Geld, um die eigenen Probleme ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Dass ein solcher Plan selten an der Vernunft seiner Beteiligten scheitert, weil es an dieser bereits bei der Planung mangelt, gehört zu den zuverlässigsten Gesetzen des Gangsterkinos. Auch hier läuft der Überfall aus dem Ruder. Die Polizei wird aufmerksam, die Nerven liegen blank, bei der Flucht geraten die Komplizen aneinander. Dann kracht das Auto. Eigentlich wäre das ein passender Moment für den Abspann, doch Daniel Sánchez Arévalo hat mit dem Unfall etwas anderes vor. „Auf Kollisionskurs“ erzählt seine Folgen viermal, und jedes Mal erwischt es einen anderen der Bankräuber. Stirbt Pedro, entwickelt sich die Geschichte anders, als wenn Carla, Tomás oder Raúl aus dem Wagen nicht mehr lebend herauskommen. Beziehungen verschieben sich, Verdächtigungen nehmen andere Wege, Geheimnisse kommen auf unterschiedliche Weise ans Licht. Die vier Kapitel fügen dem Überfall so nach und nach Informationen hinzu und stellen zugleich die Frage, wie viel von einem menschlichen Schicksal eigentlich an einem einzigen Moment hängt. Es ist eine reizvolle Versuchsanordnung. Schon weil sich mit jedem neuen Ausgang auch die Möglichkeit eröffnet, die vermeintlich vertrauten Figuren vollkommen anders kennenzulernen.

    Filmpodcast Netflix

    „Auf Kollisionskurs“ verwechselt neue Wendungen mit neuen Erkenntnissen

    Genau davon macht der Netflix Film erstaunlich wenig Gebrauch. Die verschiedenen Unfallfolgen verändern zwar, wer noch mitreden, lügen oder die Schuld auf jemand anderen schieben kann, doch der Blick auf diese Menschen bleibt auffällig gleich. Man erfährt, wer mit wem verbunden ist, wer etwas verschwiegen hat, nur welche Interessen hinter dem Raub oder gar was für Menschen hinter den Fassaden der Charaktere stecken, bleibt allzu schwammig. Informationen für die Handlung sind noch lange keine Erkenntnisse über die Figuren. Wo die zweite oder dritte Variante eine vorherige Entscheidung in ein anderes Licht rücken könnte, liefert das Drehbuch lieber den nächsten Ermittlungsschritt im ohnehin reichlich verknoteten Fall. Es ist ständig etwas los. Arévalo schneidet zügig zwischen den Beteiligten und hält den Erzählmotor mit neuen Wendungen am Laufen. Umso eigenartiger, wie lang sich manches davon trotzdem anfühlt. Polizeigespräche, Zeugenaussagen und die Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe nehmen erstaunlich viel Platz ein, obwohl sie meist bloß wiederholen, was ohnehin im Raum steht. Jeder beschuldigt jeden, jeder will irgendwie raus, und irgendwer weiß garantiert mehr, als er zugibt. Das reicht, um die nächste Szene in Gang zu setzen. Für vier Durchläufe derselben Ausgangslage ist es jedoch viel zu wenig. Denn wer sein Publikum wiederholt an denselben Punkt zurückschickt, muss ihm dort mehr zeigen als eine leicht veränderte Anordnung bekannter Situationen. Gerade in den Wiederholungen könnte der Film die Wahrnehmung verschieben, Widersprüche zwischen den Möglichkeiten ausloten oder einen scheinbar nebensächlichen Moment plötzlich bedeutsam machen. Stattdessen arbeitet er seine Varianten vor allem ab. Die Inszenierung interessiert sich dafür, wie die Figuren aus der jeweiligen Lage herauskommen. Was diese Lage mit ihnen macht, bleibt eine Randnotiz. Ein Geheimnis ist schließlich erst dann wirklich interessant, wenn es auch die Wahrnehmung eines Menschen verändert, den man längst zu kennen glaubte. Hier verändert es vor allem den weiteren Ablauf der Geschichte. So wird aus einer Erzählform, die von ihren Abweichungen leben müsste, ein ziemlich gewöhnlicher Thriller, der sich viermal neu sortiert und dabei immer weniger zu sagen hat.

    Auf Kollisionskurs Netflix Film 2026
    Auf Kollisionskurs ©Netflix

    Noch auffälliger wird diese Leerstelle dort, wo „Auf Kollisionskurs“ seinen Figuren eine ganze Gesellschaft als Hintergrundgeschichte mitgeben möchte. Gleich zu Beginn erinnert eine Texteinblendung an die spanische Wirtschaftskrise und ihre Folgen. Menschen verlieren ihre Arbeit, ihre Wohnungen, ihre wirtschaftliche Sicherheit. Die Banken stehen sinnbildlich für ein System, das seine eigenen Fehler überlebt, während andere dafür bezahlen. Darin steckt reichlich Stoff für ein bitteres Verbrecherdrama, zumal die Wut auf Finanzinstitute auch Jahre später kaum einer ausführlichen Erklärung bedarf. Steigende Lebenshaltungskosten, Existenzängste, ein Kontostand, vor dem man lieber die Augen verschließt: Arévalo kann darauf vertrauen, dass das Publikum die Gefühle hinter solchen Begriffen kennt. Offenbar vertraut er etwas zu sehr darauf. Denn aus dem gesellschaftlichen Zustand wird eine bequeme Abkürzung zur Sympathie. Die Figuren brauchen Geld, also sollen ihre Entscheidungen verständlich sein. Sie haben Schulden, also müssen sie verzweifelt sein. Die Welt behandelt sie ungerecht, also darf ein Banküberfall schon einmal wie ein verspäteter Akt der Selbstverteidigung aussehen. Dabei wäre gerade interessant, wie unterschiedlich Menschen auf dieselbe Not reagieren, was sie bereit sind zu opfern und wo sie sich selbst längst etwas vormachen. Stattdessen bleiben Eheprobleme, familiäre Verpflichtungen und finanzielle Verstrickungen überwiegend Stichworte, die eine Motivation behaupten und anschließend Platz für die nächste Wendung machen. Armut erklärt schließlich noch keinen Charakter. Ein Mensch lässt sich auch dann nicht auf seine Geldsorgen reduzieren, wenn diese sein Leben vollständig beherrschen. Und wer schon vier Möglichkeiten zur Verfügung hat, könnte zumindest eine davon nutzen, um zu zeigen, dass eine Entscheidung aus mehr besteht als dem Druck der Umstände. Die Finanzkrise liefert hier vor allem eine moralische Kulisse. Ein paar politische Anspielungen, ein korrupter Bankdirektor, die allgemeine Gewissheit, dass es den Falschen gut geht. Das ist leicht zu unterschreiben und noch leichter zu erzählen. Was dem Film fehlt, ist die Neugier auf die Menschen, deren Wut er für seine Geschichte so bereitwillig in Anspruch nimmt.

    Auf Kollisionskurs Netflix Film 2026
    Auf Kollisionskurs ©Netflix

    Geldnot ist noch lange keine Persönlichkeit

    Dabei läge ausgerechnet im Zufall eine Möglichkeit, dieser Bequemlichkeit zu entkommen. Wenn vier verschiedene Menschen bei demselben Unfall sterben können, verändert sich für die Überlebenden schließlich weit mehr als der Verlauf einer polizeilichen Ermittlung. Schuld bekommt ein anderes Gewicht. Entscheidungen, die vorher klug oder wenigstens notwendig erschienen, könnten plötzlich unerträglich werden. Ein Verrat könnte aus der einen Perspektive als Verzweiflungstat erscheinen und aus der anderen als schlichter Egoismus. Vielleicht wäre eine Person durch den Tod eines anderen überhaupt erst gezwungen, sich einzugestehen, warum sie in diesem Auto saß. Gerade das macht solche Gedankenspiele interessant. Was gestern noch wie eine unumstößliche Entscheidung wirkte, erscheint unter veränderten Umständen plötzlich absurd. Ein anderer Ausgang verändert mitunter sogar die Bedeutung dessen, was bereits geschehen ist. Solche Fragen drängen sich bei einer Geschichte mit vier möglichen Ausgängen geradezu auf. „Auf Kollisionskurs“ hat jedoch mehr Freude daran, seine Karten wieder einzusammeln und neu auszuteilen, als daran, einmal genauer hinzusehen, was der Verlust einer Karte für die Menschen am Tisch bedeutet. Und das ist schade, weil es dem Netflix Film durchaus gelingt, das Tempo eines verunglückten Coups aufrechtzuerhalten. Nur erschöpft sich der Einfallsreichtum weitgehend darin, aus einer Geschichte mehrere zu machen. Die zusätzlichen Möglichkeiten führen zu mehr Handlung, kaum zu mehr Bedeutung. Am Ende erinnert das Ganze an jemanden, der einen Würfel so lange wirft, bis endlich etwas Aufregendes passiert, und dabei vergisst, warum überhaupt gespielt wird. Ein anderer Ausgang könnte alles verändern: die eigene Zukunft, die Familie, vielleicht sogar die Frage, wer man unter anderen Umständen geworden wäre. Bei Arévalo entscheidet er hauptsächlich darüber, wer im nächsten Kapitel noch reden darf. Der Würfel fällt viermal. Das Spiel bleibt dasselbe.

    Auf Kollisionskurs Netflix Film 2026
    Auf Kollisionskurs ©Netflix

    Fazit

    Beim Würfeln entscheidet der Zufall, beim Erzählen der Einfallsreichtum. „Auf Kollisionskurs“ hat von Ersterem reichlich, von Letzterem erschreckend wenig. Vier mögliche Todesfälle halten den Netflix Thriller in Bewegung, doch seinen Figuren fehlt das Leben, das ihren Verlust bedeutsam machen würde. Am Ende bleibt ein großer Wurf ohne Gewinn.

    Bewertung: 1.5 von 5.
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  • Das Geschenk | Netflix Film – Kritik: Boomer-Humor mit Geschenkpapier

    Das Geschenk

    TitelDas Geschenk
    Genre Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieVanessa Jopp

    Starttermin: 30.10.2026 | Netflix

    Netflix zündet lieber Zelte an als eine Debatte

    Nirgendwo wird so beharrlich Einigkeit beschworen wie innerhalb der eigenen Familie. Dabei genügt häufig schon ein gemeinsames Abendessen, um festzustellen, dass verwandtschaftliche Nähe noch lange keine weltanschauliche Gemeinsamkeit bedeutet. Am Tisch sitzen schließlich mehrere Generationen, jede mit ihren eigenen Überzeugungen, Erziehungsidealen und einer ziemlich genauen Vorstellung davon, was früher besser gewesen ist oder heute endlich anders werden müsste. Tradition trifft auf Fortschritt, Lebenserfahrung auf jugendlichen Idealismus, gelegentlich auch schlicht ein unangenehmer Mensch auf einen anderen. Die Familie ist ein gesellschaftlicher Mikrokosmos, in dem sich politische und kulturelle Veränderungen besonders anschaulich beobachten lassen. Kaum ein schlechterer Ort wäre allerdings vorstellbar, um diese Widersprüche zu verhandeln, als die deutsche Komödie. Die hat sich seit Jahren darauf spezialisiert, gesellschaftliche Entwicklungen mit einer Mischung aus betagtem Stammtischhumor und demonstrativer politischer Caveman-Mentalität zu kommentieren. Während sich die Welt verändert, scheint der Humor erstaunlich zuverlässig auf demselben Entwicklungsstand zu verharren. Filme wie „Der Spitzname“, „Extrawurst“ oder „Spieleabend“ bedienen sich dabei eines vertrauten Baukastens: Menschen unterschiedlicher Gesinnung werden zusammengepfercht, bis irgendeiner etwas Unpassendes sagt und die versammelte Gesellschaft in gespielter Entrüstung versinkt. Ein Konzept, das durchaus funktionieren kann, sofern hinter den lautstarken Auseinandersetzungen eine tatsächliche Beobachtung steckt. Vanessa Jopps Netflix Komödie „Das Geschenk“ macht es sich da reichlich einfach. Hier reicht bereits die Erwähnung eines gesellschaftspolitischen Reizwortes, um den nächsten Streit vom Zaun zu brechen. Die Pointe soll offenbar schon deshalb zünden, weil irgendjemand das Wort „genderneutral“ ausgesprochen hat. Wie komisch. Jedenfalls für Menschen, die darüber seit ungefähr zehn Jahren lachen.

    Das Geschenk Netflix Film 2026
    Das Geschenk ©Netflix

    Für Marlene Frischmann (Jeanne Goursaud) steht der neunte Geburtstag ihres Sohnes Theo (Levin Wopp) unter keinem besonders guten Stern. Der Junge hat Schwierigkeiten in der Schule und soll wenigstens an seinem Ehrentag unbeschwerte Stunden erleben. Dafür hat die alleinerziehende Mutter eine Feier organisiert, die mit ihrer pädagogischen Gründlichkeit vermutlich auch als Bewerbung für den Elternbeirat durchgehen könnte. Gefeiert wird in der großzügigen Villa ihres wohlhabenden Bruders Timo (Edin Hasanović), der sein Geld als Banker verdient und von den Erziehungsvorstellungen seiner Schwester ungefähr so viel hält wie von einer bescheidenen Lebensführung. Während Marlene glutenfreien Kuchen, Unterhaltung und einen möglichst harmonischen Ablauf vorbereitet, beschäftigt sich Timo lieber mit seiner eigenen Vorstellung eines gelungenen Geburtstagsgeschenks. Die fällt erwartungsgemäß etwas anders aus. Mit einer Spielzeugwaffe begeistert er seinen Neffen und entsetzt dessen Mutter, woraufhin sich eine Diskussion über Gewaltverherrlichung, moderne Kindererziehung und gesellschaftliche Verantwortung entspinnt. Auch Großvater Hans (Heiner Lauterbach), dessen Lebensweisheiten aus einer Zeit stammen, in der Kinder offenbar noch ohne größere pädagogische Begleitung aufwuchsen, mischt sich ein. Weitere Gäste bringen ihre eigenen Befindlichkeiten mit, bis die Feier endgültig aus dem Ruder läuft. Was als familiäre Zusammenkunft beginnt, entwickelt sich zu einer Ansammlung gegenseitiger Vorwürfe, persönlicher Kränkungen und immer absurderer Zwischenfälle. Zwischendurch soll irgendwo auch noch ein Kindergeburtstag stattfinden. Mit diesem Ausgangspunkt bewegt sich „Das Geschenk“ auf einem Gebiet, das die deutsche Ensemble-Komödie inzwischen beinahe vollständig für sich beansprucht. Ob beim Abendessen, im Tennisverein oder auf einer Geburtstagsfeier, die dramaturgischen Zutaten bleiben weitgehend austauschbar. Ein konservativer älterer Herr erklärt die Welt, eine progressive Frau widerspricht, und irgendwo dazwischen steht ein vermeintlich normaler Mensch, der sich fragt, weshalb man heutzutage überhaupt noch irgendetwas sagen darf. Besonders originell war diese Figurenkonstellation schon vor Jahren kaum, inzwischen wirkt sie wie die filmische Wiederholung einer Diskussion, die längst niemand mehr führen möchte. Das grundsätzliche Problem liegt allerdings tiefer.

    Filmpodcast Netflix

    „Das Geschenk“ liefert Humor mit Verfallsdatum

    Ein Film wird nicht automatisch zur Gesellschaftssatire, weil seine Figuren über gesellschaftliche Themen streiten. Satire verlangt ein gewisses Verständnis für die Widersprüche, die sie bloßzustellen versucht, und eine Beobachtungsgabe, die über das bloße Aufsagen bekannter Kulturkampfschlagwörter hinausreicht. Netflix‘ „Das Geschenk“ begnügt sich hingegen auffallend oft damit, bestimmte Begriffe in den Raum zu werfen und anschließend die erwartbare Empörung seiner Figuren zu inszenieren. Genderneutralität, politische Korrektheit oder zeitgemäße Erziehungsformen werden zu Stichwortgebern für Dialoge, deren komödiantischer Gehalt sich bereits mit ihrer bloßen Erwähnung erschöpft. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Positionen findet kaum statt. Dafür müssten die Figuren zunächst einmal nachvollziehbare Argumente besitzen. Doch die eine Seite darf sich über vermeintlich übertriebene Rücksichtnahme echauffieren, während die andere mit einer moralischen Entrüstung reagiert, deren Überzeichnung den Gegenstand des Streits vollkommen verdrängt. Das Drehbuch verwechselt diese gegenseitige Überforderung offenbar mit gesellschaftlicher Zuspitzung. Dabei entsteht der Eindruck einer Komödie, die ihre eigene Zielgruppe sehr genau kennt und deshalb gar nicht erst versucht, deren Erwartungen zu unterlaufen. Die Witze richten sich an ein Publikum, das bereits lacht, sobald die vermeintlichen Absurditäten einer zunehmend progressiven Gesellschaft angesprochen werden. Warum etwas lächerlich sein soll, muss da niemand mehr erklären. Die deutsche Komödie macht sich seit Jahren darüber lustig, dass sich die Gesellschaft verändert, während ihr eigener Humor kaum über die immer gleichen Reflexe hinauskommt. Dabei liefert ausgerechnet das titelgebende Geschenk einen Konflikt, der eine tatsächliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen ermöglicht hätte. Ein Spielzeuggewehr ist schließlich zunächst einmal ein Gegenstand, dessen Bedeutung wesentlich davon abhängt, welche Vorstellungen Erwachsene damit verbinden. Für Timo handelt es sich um ein Geschenk, das seinem Neffen Freude bereitet. Marlene erkennt darin eine problematische Verharmlosung von Gewalt. Beide Positionen lassen sich durchaus begründen, zumal sich hinter der Frage nach dem richtigen Spielzeug eine wesentlich grundsätzlichere Überlegung verbirgt: Wie viel Verantwortung tragen Eltern für die Einflüsse, denen ihre Kinder ausgesetzt sind, und wann verwandelt sich berechtigte Fürsorge in den Versuch, jede mögliche Erfahrung vorsorglich zu kontrollieren? Die Gespräche bleiben an der Oberfläche, die Beteiligten tauschen Vorwürfe aus, ohne ihre jeweiligen Überzeugungen tatsächlich zu hinterfragen. Sobald ein Konflikt an gedanklicher Tiefe gewinnen könnte, wartet bereits die nächste Albernheit darauf, sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Diese dramaturgische Ungeduld zieht sich durch den gesamten Film.

    Das Geschenk Netflix Film 2026
    Das Geschenk ©Netflix

    Brennende Zelte, entlaufene Tiere und allerlei private Verwicklungen sollen die ohnehin aufgeheizte Stimmung weiter verschärfen, wobei zwischen den einzelnen Zwischenfällen nur selten ein überzeugender Zusammenhang entsteht. Netflix verwechselt zunehmende Lautstärke mit einer Entwicklung ihrer Konflikte. Die Geschwister haben unter den Erziehungsmethoden ihres Vaters gelitten und daraus gegensätzliche Lebensentwürfe entwickelt. Hier wäre Gelegenheit gewesen, den oberflächlichen Generationenstreit um eine persönliche Dimension zu erweitern. Doch auch diese Vergangenheit bleibt dramaturgisches Zubehör, das den Figuren kurzzeitig etwas menschliche Tiefe verleihen soll, bevor der nächste misslungene Gag sämtliche Überlegungen beendet. Dabei besitzt die Grundkonstellation sogar eine hübsche Ironie: Während sämtliche Erwachsenen davon überzeugt sind, die Bedürfnisse der Kinder besonders gut zu verstehen, beschäftigen sie sich beinahe ausschließlich mit ihren eigenen Befindlichkeiten. Der Geburtstag wird zur Bühne moralischer Selbstinszenierung, auf der jeder seine Vorstellung einer gelungenen Erziehung verteidigt. Das Geburtstagskind selbst verliert darüber zunehmend an Bedeutung. Dass dieser ganze gesellschaftliche Schlagabtausch auch darstellerisch nicht über das Niveau einer angestrengten Boulevardkomödie hinausfindet, macht die Angelegenheit kaum erträglicher. Jeanne Goursaud spielt ihre überforderte Mutter mit einer derart künstlichen Anspannung, dass für leisere Zwischentöne überhaupt kein Platz bleibt. Heiner Lauterbach wiederum gibt den vertrauten älteren Herren, dessen mangelnde politische Sensibilität offenbar schon als Charaktereigenschaft genügen soll. Besonders viel schauspielerische Überzeugungsarbeit scheint ihm diese Rolle angesichts seiner öffentlichen Äußerungen ohnehin nicht abzuverlangen. Die Dialoge wirken dabei so gestelzt, als hätten die Figuren ihre Meinungen unmittelbar vor Drehbeginn aus einer Sammlung besonders kontroverser Leserkommentare auswendig gelernt. Selbst Edin Hasanović, der längst bewiesen hat, dass er zu den interessantesten Charakterdarstellern seiner Generation gehört, findet als großspuriger Banker Timo nur selten einen überzeugenden Zugang zu seiner Figur. Das ist umso bedauerlicher, weil Hasanović grundsätzlich über jene Präsenz verfügt, die einer derart überdrehten Komödie gelegentlich etwas Bodenhaftung verleihen könnte. Doch was soll ein Schauspieler aus Dialogen herausholen, die offensichtlich vor allem darauf ausgelegt sind, möglichst schnell die nächste vermeintliche Pointe zu erreichen?

    Das Geschenk Netflix Film 2026
    Das Geschenk ©Netflix

    Edin Hasanović hat sich damit kein Geschenk gemacht

    Unweigerlich drängt sich dabei der Gedanke an Frederick Lau auf, der sich in Komödien wie „Der perfekte Urlaub“ durch ähnlich fragwürdige Rollen arbeitet, um andernorts in Filmen wie „Victoria“ zu demonstrieren, welche darstellerischen Möglichkeiten tatsächlich in ihm stecken. Es sind Engagements, bei denen die Gage bisweilen überzeugender erscheint als das Drehbuch. Hasanović mag in „Das Geschenk“ selbst keine besonders gute Leistung abliefern, doch angesichts des Materials wäre es beinahe ungerecht, ihm daraus einen größeren Vorwurf zu machen. Immerhin gehört er noch zu den wenigen Beteiligten, denen gelegentlich etwas komödiantische Spielfreude anzumerken ist. Gemeinsam mit den jungen Darstellern, die den überdrehten Kindergeburtstag mit sichtlichem Vergnügen bevölkern, sorgt er für jene seltenen Momente, in denen sich die Veranstaltung tatsächlich wie eine Komödie anfühlt. Ausgerechnet die Kinder wirken dabei häufig unverkrampfter als die Erwachsenen, was möglicherweise der treffendste Kommentar zur gesamten Inszenierung ist. Während die Älteren ihre vorgefertigten Weltanschauungen aufsagen, dürfen die Jüngeren wenigstens gelegentlich einfach Unsinn machen. Für die Regie von Vanessa Jopp bleibt unter diesen Voraussetzungen wenig mehr übrig, als die unterschiedlichen Eskalationsstufen möglichst geräuschvoll aneinanderzureihen. Die großzügige Villa bietet ausreichend Platz für zwischenmenschliche Katastrophen, doch selbst die räumlichen Möglichkeiten werden kaum genutzt, um aus dem Durcheinander eine eigene komödiantische Dynamik zu entwickeln. Überhaupt scheint das Netflix Original davon auszugehen, dass eine Gesellschaftskomödie bereits dann funktioniert, wenn sämtliche Beteiligten nur lange genug miteinander streiten. Dabei müsste sich ein solcher Film gelegentlich die Mühe machen, hinter die lauten Meinungsverschiedenheiten zu schauen. Weshalb reagieren Menschen so empfindlich, wenn ihre Überzeugungen infrage gestellt werden? Wie viel persönliche Unsicherheit verbirgt sich hinter dem Bedürfnis, anderen die richtige Lebensführung vorzuschreiben? Und warum geraten ausgerechnet jene Erwachsenen, die ihren Kindern Toleranz und Rücksichtnahme vermitteln wollen, bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit vollkommen außer Fassung? In solchen Widersprüchen läge eine Satire, die tatsächlich etwas über gegenwärtige gesellschaftliche Befindlichkeiten erzählen könnte. „Das Geschenk“ entscheidet sich lieber für die nächste vorhersehbare Provokation, bis schließlich auch die angestrebte emotionale Annäherung kaum noch jene Bedeutung entwickeln kann, die ihr das Drehbuch offensichtlich zugedacht hat. Was bleibt, ist eine Komödie, die sich über die vermeintliche Empfindlichkeit der Gegenwart lustig machen möchte und dabei selbst erstaunlich empfindlich darauf reagiert, wenn ein Witz mehr verlangen könnte als ein vertrautes Feindbild. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Kindergeburtstags: Während sich die Gesellschaft längst weiterentwickelt hat, sitzt die deutsche Mainstream-Komödie noch immer am selben Tisch und erzählt dieselben Witze. Nur lachen inzwischen immer weniger mit.

    Das Geschenk Netflix Film 2026
    Das Geschenk ©Netflix

    Fazit

    „Das Geschenk“ entpuppt sich als humoristische Mogelpackung, in der unter reichlich Geschenkpapier dieselben abgestandenen Witze von vorgestern stecken. Netflix hätte sich den Aufwand sparen können. Diesen Humor hat die deutsche Komödie schließlich schon oft genug verschenkt.

    Bewertung: 1.5 von 5.
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  • Wir – nur ein bisschen besser| Netflix Film – Kritik: Familienglück mit Fragezeichen

    Wir – nur ein bisschen besser

    TitelWir – nur ein bisschen besser
    Genre Drama, Romanze
    Jahr2026
    FSK12
    RegieDaniele Luchetti

    Starttermin: 29.10.2026 | Netflix

    Netflix stellt den Kinderwunsch ins Kreuzverhör

    Wer sich etwas wünscht, kann meistens ziemlich genau erklären, warum. Eine größere Wohnung verspricht mehr Platz, eine Reise Abstand vom Alltag, ein neuer Job vielleicht endlich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Selbst für den Kauf einer völlig überteuerten Kaffeemaschine findet sich noch irgendeine halbwegs vernünftige Begründung. Beim Kinderwunsch sieht das anders aus. Wer Nachwuchs möchte, muss selten erklären, weshalb. Wer keine Kinder will, dagegen schon. Dann wird nachgehakt, die Stirn gerunzelt, auf die biologische Uhr verwiesen oder darauf, dass sich die Meinung schon noch ändern werde. Als wäre die Elternschaft eine Selbstverständlichkeit und ihre Ablehnung eine erklärungsbedürftige Abweichung. Dabei können beide Entscheidungen gute Gründe haben, widersprüchliche Gründe oder überhaupt keine, die sich in zwei Sätzen ordentlich zusammenfassen lassen. Schwierig wird diese persönliche Freiheit erst, wenn zwei Menschen gemeinsam über etwas entscheiden müssen, das ihr beider Leben verändern wird. Und genau darum geht es in „Wir – nur ein bisschen besser“, dem italienischen Beziehungsdrama auf Netflix.

    Wir – nur ein bisschen besser Netflix Film 2026
    Wir – nur ein bisschen besser ©Netflix

    Liebe auf den ersten Blick könnte man die Begegnung von Simone (Elio Germano) und Lucia (Maria Chiara Giannetta) durchaus nennen. Dumm nur, dass Lucia sich hinterher kaum noch daran erinnern kann. Sie steckt nach einem Unfall in ihrem umgekippten Auto fest, er ist Feuerwehrmann und zieht sie aus dem Wagen. Das ist eine denkbar dramatische erste Verabredung, zumal Simone offenbar sofort Gefallen an der jungen Frau findet und sie am nächsten Tag wiedersehen möchte. Lucia wiederum hat andere Sorgen, als sich das Gesicht ihres Retters einzuprägen. Trotzdem funkt es, und vier Jahre später teilen die beiden noch immer ihr Leben, obwohl sie bei genauerer Betrachtung wenig miteinander gemeinsam haben. Simone mag Ordnung, Verlässlichkeit und das vertraute Familienleben, das er aus seinem eigenen Elternhaus kennt. Lucia hält von festen Regeln wenig, will sich nicht ständig festlegen und hat mit den klassischen Vorstellungen von Ehe und Mutterschaft herzlich wenig am Hut. Mit ihr wird es keine Kinder geben. Das macht sie früh deutlich, und Simone scheint damit leben zu können. Bis er es irgendwann nicht mehr kann. Er möchte Vater werden. Lucia kann aufgrund eines angeborenen Problems keine leiblichen Kinder bekommen und ist sich selbst nicht sicher, ob ihre Ablehnung der Mutterschaft eine Überzeugung ist, eine Gewohnheit oder vielleicht auch ein Schutz vor etwas, das ihr ohnehin verwehrt bleibt. Eine Adoption wird zur Möglichkeit, dann zum gemeinsamen Vorhaben. Nur müssen Simone und Lucia dafür plötzlich mehr Menschen von ihrer Eignung als Eltern überzeugen als sich selbst. Gespräche mit Fachleuten, Nachfragen zur Familie, die Prüfung der eigenen Beziehung: Aus einem Wunsch, den bislang vor allem einer von beiden hatte, wird eine Angelegenheit, zu der beide Antworten liefern sollen.

    Filmpodcast Netflix

    „Wir – nur ein bisschen besser“ macht aus Familienplanung eine Frage der Perspektive

    „Wir – nur ein bisschen besser“ macht aus dieser Ausgangslage erfreulicherweise keine Abstimmung über das Für und Wider des Kinderkriegens. Der Film verteilt keine Argumente auf zwei Figuren, damit am Ende die vernünftigere Seite gewinnt. Er lässt vielmehr zu, dass sich ein Mensch seiner Sache sicher sein kann und dennoch erstaunlich wenig über die eigenen Beweggründe weiß. Simone will ein Kind. Punkt. Aber weshalb eigentlich? Weil er Kinder liebt? Weil seine Familie groß und eng verbunden ist? Weil für ihn nach vier gemeinsamen Jahren nun einmal der nächste Schritt ansteht? Vielleicht ist von allem etwas dabei. Gerade weil er seinen Wunsch so selbstverständlich vor sich herträgt, wirkt er bei genauerem Hinsehen weniger durchdacht, als er glaubt. Lucia dagegen zweifelt an einer Entscheidung, die sie jahrelang für längst getroffen hielt. Und ausgerechnet ihre Unsicherheit macht sie zur interessanteren der beiden Figuren. Sie darf schwanken, widersprechen, sich annähern und wieder Abstand nehmen. Es muss schließlich nicht jede Überzeugung unverrückbar sein, bloß weil man sie einmal laut ausgesprochen hat. Gleichzeitig wäre es zu bequem, ihre Kinderlosigkeit als heimlichen Kinderwunsch zu lesen, der nur darauf wartet, freigelegt zu werden. Vielleicht will sie tatsächlich keine Mutter sein. Vielleicht möchte sie es irgendwann doch. Und vielleicht hat sie selbst noch keine Sprache für das gefunden, was in ihr vorgeht. Dass Netflix diese Möglichkeiten nebeneinander bestehen lässt, verleiht seiner Liebesgeschichte eine angenehm unaufgeregte Wahrhaftigkeit. Zwei Menschen lieben sich, kommen im Alltag miteinander zurecht, können stundenlang diskutieren und haben trotzdem nie ernsthaft geklärt, ob ihre Vorstellungen von Zukunft überhaupt zusammenpassen. Bis sich diese Frage eben nicht länger mit einer Umarmung oder einem schlagfertigen Spruch vertagen lässt. Denn so sehr „Wir – nur ein bisschen besser“ von individuellen Entscheidungen handelt, lässt sein Titel bereits erahnen, dass am Ende zwei Menschen mit den Konsequenzen leben müssen. Und genau darin liegt der eigentliche Konflikt. Wie viel kann man von seinen eigenen Vorstellungen aufgeben, ohne sich irgendwann selbst darin zu verlieren?

    Wir – nur ein bisschen besser Netflix Film 2026
    Wir – nur ein bisschen besser ©Netflix

    Wie viel Vergangenheit in solchen Wünschen steckt, zeigt sich besonders an Lucia. Sie ist ohne verlässliche Eltern aufgewachsen, hat das Verlassenwerden früh kennengelernt und trägt ihre Unabhängigkeit fast wie eine Vorsichtsmaßnahme mit sich herum. Lieber hält sie sich alle Türen offen, bevor irgendwann eine hinter ihr zugeschlagen wird. Ihre Widersprüchlichkeit entsteht deshalb weder aus einer niedlichen Marotte noch aus der üblichen Filmidee, dass eine unangepasste Frau nur lange genug den richtigen Mann treffen müsse, um sesshaft zu werden. Sie ist spontan, unbequem, verletzlich, manchmal schwierig und in all dem viel leichter zu verstehen als Simone, der mit seinem Ordnungssinn und seinen traditionellen Vorstellungen bisweilen erschreckend langweilig daherkommt. Nicht weil an seinem Wunsch etwas falsch wäre, vielmehr weil er ihn kaum hinterfragt. Seine große Familie hat ihm vorgelebt, wie ein Leben mit Kindern aussehen kann; Lucia hat dagegen vor allem erfahren, was es bedeutet, wenn Menschen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Während für Simone das Familienleben längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist, muss Lucia überhaupt erst herausfinden, was Familie für sie bedeutet. Und ob sie selbst Teil einer solchen sein möchte, wenn damit plötzlich eine Verantwortung verbunden ist, vor der sie sich bislang erfolgreich drücken konnte. Besonders schön ist, dass Maria Chiara Giannetta ihre Lucia mit einer Selbstverständlichkeit spielt, die keinerlei demonstrative Exzentrik nötig hat. Ein Blick, ein schnelles Zurückrudern, eine beiläufig hingeworfene Bemerkung reichen, um spürbar zu machen, wie viel sich hinter ihrer ruppigen Fassade bewegt. Elio Germano hält als Simone dagegen, ohne ihn zum verständnislosen Spießer zu machen. Seine Zuneigung ist glaubhaft, seine Ratlosigkeit ebenso. Gemeinsam wirken die beiden wie ein Paar, das sich tatsächlich ineinander verliebt hat und gerade deshalb Gefahr läuft, zu lange aneinander vorbeizureden. Das Adoptionsverfahren legt diese Gewohnheit offen. Auf einmal müssen sie Fragen beantworten, die im eigenen Wohnzimmer niemand gestellt hat. Ausgerechnet die bürokratische Prüfung ihrer Eignung wird so zu einer ziemlich brauchbaren Prüfung ihrer Ehrlichkeit. Und während andere Paare Kinder bekommen können, ohne jemals ihre charakterliche Eignung nachweisen zu müssen, stehen Simone und Lucia plötzlich vor Menschen, die eine Begründung für ihre Elternschaft verlangen. Eine durchaus absurde Situation, die allerdings auch etwas Gutes hat. Schließlich müssen sich die beiden dadurch mit Fragen beschäftigen, denen sie bisher lieber ausgewichen sind.

    Wir – nur ein bisschen besser Netflix Film 2026
    Wir – nur ein bisschen besser ©Netflix

    Manchmal reicht es, ein bisschen besser zu werden

    Daniele Luchetti findet dafür einen Ton, der dem Stoff gut bekommt. „Wir – nur ein bisschen besser“ kennt die Schwere seiner Themen, macht aus ihr aber keine Aufforderung zum kollektiven Schluchzen. Die Gespräche dürfen komisch sein, die Streitereien kleinlich, manche Situationen sogar ausgesprochen absurd. Und wenn es emotional wird, muss deswegen nicht sofort eine große dramatische Geste folgen. Das verleiht dem Netflix Original eine Leichtigkeit, die seinen Gedanken mehr nützt als jeder Versuch, dem Publikum seine Bedeutung mit Nachdruck einzuhämmern. Ganz ohne Einschränkungen bleibt dieser Eindruck allerdings nicht. So nah der Film seinen Figuren kommt, so selten wagt er es, noch einen unangenehmen Schritt weiterzugehen. Manche Konflikte könnten länger stehen bleiben, manche Widersprüche tiefer nachwirken; die Inszenierung hält sich insgesamt an einen recht gefälligen Rahmen, in dem auch die schwierigeren Momente ihren Platz finden, ohne allzu sehr zu verstören. Gerade die Frage, ob Liebe auch bedeuten kann, sich einzugestehen, dass die eigenen Lebensentwürfe unvereinbar sind, hätte ein wenig mehr Konsequenz vertragen. Stattdessen bleibt Luchetti lieber zuversichtlich. Das ist weder falsch noch unglaubwürdig, nimmt der Geschichte stellenweise aber etwas von der Schärfe, die in ihren Figuren steckt. Dass sie trotzdem funktioniert, liegt an ihrem Gespür für die kleinen Widersprüche des Zusammenlebens und an zwei Darstellern, denen man den gemeinsamen Alltag jederzeit abnimmt. Am Ende interessiert viel weniger, ob Simone gute Gründe für seinen Kinderwunsch findet oder Lucia eine endgültige Erklärung für ihre Zweifel. Beides sind Fragen, auf die niemand eine allgemeingültige Antwort geben kann. Wichtiger ist, dass sie überhaupt anfangen, einander zuzuhören, ohne die eigene Unsicherheit gleich als Niederlage zu betrachten. Ein Kind zu wollen oder keines zu wollen, bleibt eine persönliche Entscheidung. Sobald daraus ein gemeinsames Leben werden soll, reicht es allerdings nicht mehr, nur zu wissen, was man selbst möchte. Und vielleicht ist genau das mit dem „bisschen besser“ gemeint: nicht plötzlich die perfekten Eltern zu sein, sondern erst einmal zwei Menschen, die einander wirklich verstehen wollen.

    Wir – nur ein bisschen besser Netflix Film 2026
    Wir – nur ein bisschen besser ©Netflix

    Fazit

    Ein Kind zu wollen ist leicht gesagt. Schwieriger wird es, wenn die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht, der Kinderwunsch vielleicht aber nicht. „Wir – nur ein bisschen besser“ erzählt davon mit großer Natürlichkeit, feinem Humor und einem wunderbaren Gespür für menschliche Widersprüche. Inszenatorisch etwas zu brav, im Umgang mit seinem Thema dafür umso erwachsener.

    Bewertung: 3 von 5.
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  • Drive – The Pretenders | Amazon Film – Kritik: Knisternde Romantik auf Prime Video?

    Drive – The Pretenders

    TitelDrive – The Pretenders
    Genre Romanze
    Jahr2026
    FSK12
    RegieSergej Moya

    Starttermin: 28.10.2026| Prime Video

    In Sachen Liebe fährt Prime Video gegen die Wand

    Je größer die romantischen Gefühle, desto kleiner mitunter die weibliche Selbstbestimmung. Es ist schon eine bemerkenswerte Ironie, dass die Gesellschaft über Jahrzehnte mühsam um Gleichberechtigung gerungen hat, während die romantische Literatur und ihre filmischen Ableger die Emanzipation allzu gerne wieder rückwärts durch die Geschichte schickten. Da durfte eine Frau zwar studieren, Karriere machen und ihr Leben selbst gestalten, solange sie am Ende doch in den Armen eines möglichst wohlhabenden, vorzugsweise emotional verkorksten Mannes landete, der ihr erklärte, was wahre Erfüllung bedeutet. Lange waren Frauen im Young-Adult-Kosmos vor allem eines: Objekte romantischer Begierde. Was sie selbst vom Leben wollten, interessierte weit weniger als die Frage, welcher attraktive Problemfall ihr Herz erobern würde. Erst seit ein, zwei Jahren zeichnet sich ein vorsichtiges Umdenken ab. Plötzlich dürfen die Heldinnen wieder ehrgeizig sein, eigene Ziele verfolgen und gelegentlich sogar ein Leben besitzen, das sich nicht ausschließlich um den männlichen Gegenpart dreht. Ein Fortschritt, der allerdings einen unangenehmen Beigeschmack besitzt. Denn allzu oft entpuppt sich die vermeintliche Emanzipation als trojanisches Pferd, in dessen Bauch die alten Rollenbilder längst auf ihren nächsten Einsatz warten. Kaum ist die erste große Liebe in Sichtweite, werden persönliche Ambitionen zu lästigen Nebensächlichkeiten degradiert. „Drive – The Pretenders“, Amazons jüngste Young-Adult-Romance aus Deutschland, macht da keine Ausnahme. Sarah Jenkins (Lisa-Marie Koroll) weiß jedenfalls, was sie will. Die ehemalige Kartmeisterin arbeitet inzwischen als Mechanikerin in einem Rennstall, obwohl sie viel lieber selbst am Steuer sitzen würde. Mit Motoren kennt sie sich aus, an Ehrgeiz mangelt es ihr nicht, und auf den passenden Mann wartet sie schon gar nicht. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, für die eine Frauenfigur im Jahr 2026 keine besondere Anerkennung verdient. „Drive – The Pretenders“ scheint sich trotzdem schon dafür auf die Schulter klopfen zu wollen, dass Sarah überhaupt eine eigene Zukunft vor Augen hat. Umso bedauerlicher, dass das Drehbuch diese Zukunft bald selbst aus dem Blick verliert.

    Drive – The Pretenders Amazon Prime Video Film 2026
    Drive – The Pretenders ©Amazon MGM Studios

    Als Sarah bei Eagle Racing anheuert, trifft sie auf Dante Annunziata (Amin Baahmed), einen ehemaligen Formel-1-Fahrer, der es mit seinen Eskapaden inzwischen häufiger in die Klatschpresse als aufs Siegerpodest schafft. Nach dem Unfalltod seiner Schwester ist der einstige Hoffnungsträger des Motorsports zu einem wandelnden Problemfall geworden, der seine sportlichen Misserfolge vorzugsweise mit schlechter Laune und öffentlichkeitswirksamen Entgleisungen kompensiert. Das gefällt weder dem Rennstall noch den Sponsoren, die langsam die Geduld mit ihrem schwer vermittelbaren Aushängeschild verlieren. Als ein unglücklich entstandenes Foto Sarah und Dante plötzlich in den Mittelpunkt der Boulevardberichterstattung rückt, kommt der PR-Abteilung eine rettende Idee: Die beiden sollen eine Verlobung vortäuschen, um Dantes Image aufzupolieren. Ein verliebter Mann verkauft sich schließlich besser als einer, der regelmäßig negativ auffällt. Sarah lässt sich auf das Schauspiel ein, weil ihr im Gegenzug eine Chance auf ihre eigene Rennfahrerkarriere winkt. Ein Arrangement, bei dem die Interessen zunächst klar verteilt sind. Er bekommt eine gesellschaftlich vorzeigbare Partnerin, sie die Aussicht auf einen Platz hinter dem Steuer. Dass beide einander anfangs kaum ausstehen können, versteht sich bei einem Film dieser Art beinahe von selbst. Ebenso, dass aus der inszenierten Zuneigung irgendwann echte Gefühle werden, während ein paar gut gehütete Geheimnisse das frisch entdeckte Liebesglück wieder bedrohen. Fake it till you make it, heißt es schließlich so schön. Und wenn zwei Menschen, die uns die Kamera mit bemerkenswerter Beharrlichkeit als unwiderstehlich attraktiv verkaufen möchte, über einen längeren Zeitraum eine romantische Beziehung vortäuschen, dann muss daraus irgendwann natürlich die große Liebe entstehen. Zumindest scheint das Drehbuch fest davon überzeugt. Die Figuren selbst wirken dagegen weniger sicher. Das gilt leider auch für die beiden Hauptdarsteller.

    Filmpodcast

    „Drive – The Pretenders“ verbannt glaubhafte Gefühle auf den Beifahrersitz

    Überhaupt gehört „Drive – The Pretenders“ zu diesen Filmen, die mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit voraussetzen, dass sich Gefühle allein durch ihre Behauptung einstellen. Ein paar gequält begierige Blicke, etwas körperliche Nähe, eine romantisch ausgeleuchtete Kulisse, und schon soll aus der anfänglichen Egalhaltung eine leidenschaftliche Beziehung geworden sein. Wie sich diese Gefühle entwickelt haben, bleibt weitgehend der Fantasie des Publikums überlassen. Lisa-Marie Koroll und Amin Baahmed finden jedenfalls kaum einen überzeugenden Zugang zueinander. Ihre Dialoge wirken wie Pflichtübungen einer Liebesgeschichte, deren emotionale Wendepunkte bereits feststanden, bevor sich überhaupt eine glaubwürdige Beziehung zwischen den Figuren entwickeln konnte. Besonders Baahmed hat mit einem Charakter zu kämpfen, dessen vermeintliche Tiefe sich über weite Strecken auf einen finsteren Gesichtsausdruck und eine möglichst steinerne Mimik beschränkt. Sein Trauma soll Verletzlichkeit erzeugen, seine Eskapaden den Bad Boy etablieren und die Zuneigung zu Sarah schließlich den guten Menschen unter der rauen Schale hervorholen. Alles was dazugehört eben, zumindest auf dem Papier. Im Film bleibt davon jedoch wenig übrig. Selbst die Rennstrecke, die als obligatorischer, vor „männlicher“ Energie nur so strotzdender Gegenpol zur romantischen Geschichte quasi zum Genre dazugehört, dient überwiegend als Kulisse für ein Milieu, dessen behauptete Leidenschaft sich selten auf das Geschehen überträgt. Authentizität entsteht allenfalls dort, wo Steven Gätjen auf dem roten Teppich Interviews führt oder ein halbwegs bekanntes Instagram-Gesicht die jüngste Entgleisung des Rennfahrers in einem Reel kommentiert. Ausgerechnet die künstliche Medienwelt wirken glaubwürdiger als das, was das Amazon Original als echte Gefühle verkaufen möchte. Dabei hätte die Geschichte durchaus Möglichkeiten geboten, über das übliche romantische Pflichtprogramm hinauszugehen. Schließlich verfolgen Sarah und Dante denselben beruflichen Traum, stehen dabei aber auf entgegengesetzten Seiten. Sie möchte endlich dorthin gelangen, wo er längst gewesen ist. Er versucht verzweifelt, an einen Erfolg anzuknüpfen, den sie noch vor sich hat. Eine Ausgangslage, aus der sich mehr entwickeln ließe als ein weiterer Liebeskonflikt, der durch ein verschwiegenes Geheimnis künstlich am Leben gehalten wird.

    Drive – The Pretenders Amazon Prime Video Film 2026
    Drive – The Pretenders ©Amazon MGM Studios

    Stattdessen bedient sich „Drive – The Pretenders“ ausgiebig an allem, was das Genre seit Jahren zuverlässig in Bewegung hält. Ein bisschen Cinderella, ein bisschen angedeutetes Liebesdreieck, dazu ein vermeintlich verwegener Bad Boy mit tragischer Vergangenheit und ein möglichst männlich aufgeladenes Rennsportmilieu, in dem sich die große Liebe besonders eindrucksvoll zwischen Sportwagen und Luxusunterkünften inszenieren lässt. Dass Sarah innerhalb dieses Geflechts immer mehr an Bedeutung verliert, macht die Angelegenheit umso ernüchternder. Schließlich wird sie zunächst als selbstbewusste junge Frau eingeführt, die ihren eigenen Weg gehen möchte, um sich anschließend zunehmend um die emotionalen Bedürfnisse eines Mannes zu kümmern. Ihre berufliche Selbstbestimmung wird zur romantischen Verhandlungsmasse. Und während die Geschichte so tut, als hätte sie mit den alten Rollenbildern aufgeräumt, werden im Hintergrund bereits die vertrauten Abhängigkeiten neu eingerichtet. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der Blick der Kamera auf den männlichen Protagonisten. Ob beim Training oder im Eisbad, kaum eine Gelegenheit wird ausgelassen, um Dantes entblößten Oberkörper ausgiebig zu betrachten. Die Kamera tastet jeden Bauchmuskel mit einer Hingabe ab, die Erinnerungen an die Coca-Cola-Light-Werbung der frühen 2000er-Jahre weckt. Damals durften sich Frauen an einem halbnackten Handwerker erfreuen, heute übernimmt ein Rennfahrer den Dienst am weiblichen Blick. Fortschritt sieht anders aus. Die jahrzehntelange Sexualisierung weiblicher Körper wird schließlich nicht dadurch emanzipatorisch, dass man das Gefälle einfach auf den Kopf stellt. Doch genau das ist im Young-Adult-Kino längst zur Gewohnheit geworden. Seit Jahren werden hier männliche Körper mit derselben Hingabe zum Schauobjekt gemacht, für die man das männlich dominierte Kino früher zu Recht kritisierte. Wo in den Neunzigern und Nullerjahren vorzugsweise Frauen für überflüssige Duschszenen herhalten mussten, dürfen heute die männlichen Traummänner ihre Bauchmuskeln zur Schau stellen. Der Blick hat lediglich die Richtung gewechselt. Ihn deshalb als Ausdruck weiblicher Selbstermächtigung zu verstehen, wäre allerdings eine ziemlich bequeme Auslegung von Gleichberechtigung.

    Drive – The Pretenders Amazon Prime Video Film 2026
    Drive – The Pretenders ©Amazon MGM Studios

    Fake it till you make it

    All das wäre allerdings leichter zu verschmerzen, wenn Prime Video mit „Drive – The Pretenders“ wenigstens einen funktionalen Liebesfilm präsentieren würde. Schließlich gehören unrealistische Zufälle, emotionale Übertreibungen und reichlich vorhersehbare Verwicklungen seit jeher zum romantischen Kino. Niemand muss das Rad neu erfinden, schon gar nicht für eine Geschichte, die ihren Reiz ausdrücklich aus vertrauten Fantasien bezieht. Doch selbst die schönsten Klischees brauchen Figuren, mit denen sich mitfiebern lässt, und Gefühle, die über das bloße Abspulen romantischer Konventionen hinausgehen. Genau daran scheitert „Drive – The Pretenders“ mit einer Konsequenz, die beinahe schon wieder bewundernswert ist. Weder die schauspielerischen Leistungen noch das Drehbuch schaffen es, der Beziehung eine glaubwürdige emotionale Grundlage zu geben. Stattdessen werden Konflikte aufgetürmt, Traumata bemüht und romantische Höhepunkte inszeniert, deren Wirkung vor allem davon abhängt, wie bereitwillig das Publikum die ausbleibende Figurenentwicklung ergänzt. Immerhin besitzt die Inszenierung eine handwerkliche Qualität, die der Geschichte selbst weitgehend abgeht. Die Kamera von Armin Franzen mag kaum Charakter oder Eigenwillen an den Tag legen, doch versteht es immerhin, die Rennstrecke und die europäischen Schauplätze ansprechend in Szene zu setzen. Nur hilft die attraktivste Verpackung wenig, wenn sich darunter kaum etwas befindet, das die investierten Gefühle rechtfertigt. Am Ende hat „Drive – The Pretenders“ vor allem eines verstanden: wie man den äußeren Anschein einer großen Romanze erzeugt. Die Leidenschaft wird behauptet, die Charaktertiefe behauptet, die Emanzipation behauptet. Und ausgerechnet ein Film über zwei Menschen, die ihre Liebe nur vorspielen, scheint irgendwann selbst zu vergessen, wie echte Gefühle aussehen. Fake it till you make it. Bei Amazon bleibt es leider beim ersten Teil.

    Drive – The Pretenders Amazon Prime Video Film 2026
    Drive – The Pretenders ©Amazon MGM Studios

    Fazit

    „Drive – The Pretenders“ erklärt die große Liebe zum Sieger, bevor sie überhaupt an den Start gegangen ist. Gefühle werden behauptet, Charaktertiefe vorgetäuscht und die Selbstbestimmung der Heldin irgendwo am Streckenrand zurückgelassen.

    Bewertung: 1.5 von 5.
    Amazon Prime Video

  • Gegen den Hurrikan | Netflix Film – Kritik: Ein Sturm der Kategorie Kitsch

    Gegen den Hurrikan

    TitelGegen den Hurrikan
    Genre Drama, Action
    Jahr2026
    FSK16
    RegieJorge Michel Grau

    Starttermin: 23.10.2026 | Netflix

    Im Auge von „Gegen den Hurrikan“ herrscht dramaturgische Windstille

    Es gibt Männer, die würden vermutlich lieber auf hoher See ertrinken, als ihrem Bruder zu sagen, dass er ihnen etwas bedeutet. Da wird jahrelang geschwiegen, an alten Kränkungen festgehalten und jeder Annäherungsversuch mit genau der Sturheit abgewehrt, die manche Männer noch immer für Charakterstärke halten. Das Kino hat für solche Fälle eine bewährte Behandlungsmethode entwickelt: Man sperrt die Betroffenen gemeinsam in eine lebensbedrohliche Ausnahmesituation, schüttelt kräftig daran und wartet, bis die unterdrückten Gefühle an die Oberfläche gespült werden. Familienberatung mit Todesangstgarantie. Je größer die Katastrophe, desto wahrscheinlicher die Aussprache, zumindest nach den Gesetzen eines Genres, in dem einstürzende Gebäude, sinkende Schiffe und aufgerissene Straßen seit Jahrzehnten zuverlässig dazu dienen, zwischenmenschliche Konflikte zu lösen. Nur braucht es für ein überzeugendes Familiendrama mehr als ein paar schwere Kindheitserinnerungen, vorwurfsvolle Blicke und den gemeinsamen Wunsch, den nächsten Morgen noch zu erleben. Das mexikanische Netflix Original „Gegen den Hurrikan“ von Jorge Michel Grau („Wir sind was wir sind“, „The ABCs of Death“) scheint diese Erkenntnis irgendwo zwischen Wetterwarnung und Wellengang verloren zu haben. Inspiriert vom Hurrikan Otis, der im Oktober 2023 weite Teile der Küstenstadt Acapulco verwüstete, lässt der Film zwei entfremdete Halbbrüder gegen eine Naturgewalt antreten, deren Zerstörungskraft beinahe so gewaltig ist wie die Melodramatik, mit der hier jede noch so kleine Gefühlsregung aufgeblasen wird. Was sich als Geschichte über Überlebenswillen, verletzten Stolz und familiäre Versöhnung anbietet, versinkt zunehmend in einer Mischung aus Behauptungen, Klischees und gut gemeinter Rührseligkeit.

    Gegen den Hurrikan Netflix Film 2026
    Gegen den Hurrikan ©Netflix

    Wirpul (Benny Emmanuel) hat es endlich geschafft. Nach reichlich Anstrengung darf der junge Mann erstmals als Kapitän Verantwortung für eine Yacht übernehmen, und die Gelegenheit, seinen beruflichen Aufstieg unter Beweis zu stellen, kommt ihm gerade recht. Dass sich vor der Küste Acapulcos ein Hurrikan der Kategorie drei ankündigt, hält er für ein beherrschbares Ärgernis. Ein richtiger Kapitän wird schließlich nicht bei der ersten Sturmwarnung nervös. Weniger beherrschbar gestaltet sich die Personalsuche: Als er keinen Matrosen auftreiben kann, bleibt nur noch sein Halbbruder Candi (Kristyan Ferrer), zu dem er seit Jahren kaum Kontakt pflegt. Der versucht, sich mit zwielichtigen Geschäften über Wasser zu halten, wobei selbst seine kriminellen Unternehmungen von überschaubarem Erfolg gekrönt sind. Zwei Lebensentwürfe, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: hier das pflichtbewusste Verantwortungsgefühl eines Mannes, der endlich etwas darstellen möchte, dort der windige Überlebenskünstler, dem ehrliche Arbeit grundsätzlich suspekt erscheinen. Candi sagt zu, die beiden gehen an Deck und aus dem angekündigten Sturm wird ein Hurrikan der höchsten Kategorie. Bald ist das Boot manövrierunfähig und jede Fluchtmöglichkeit eine reichlich optimistische Vorstellung. Während draußen die Wellen wachsen, wachsen drinnen vor allem die Vorwürfe. Denn neben dem gemeinsamen Überleben gilt es auch noch, die angehäuften Familienprobleme aufzuarbeiten. Eine Ausgangslage, die durchaus einiges hergeben könnte, wären die beiden Männer mehr als die Summe der Eigenschaften, die ihnen das Drehbuch bei ihrem ersten Auftritt zugeteilt hat.

    Filmpodcast Netflix

    Netflix liefert reichlich Wasser, aber erschreckend wenig Tiefgang

    Das Auge eines Hurrikans ist ein merkwürdiges Ort. Ringsum tobt eine Gewalt, die Dächer abträgt, Bäume entwurzelt und alles was nicht Niet- und Nagelfest ist durch die Luft schleudert, während in seinem Zentrum eine unheimliche Ruhe herrscht. Ein passendes Bild für das Katastrophenkino, dessen äußere Zerstörungsorgien immer auch einen inneren Ruhepunkt brauchen, an dem sich entscheidet, ob das Schicksal der Menschen zwischen den sich stapelnden Trümmerhaufen überhaupt interessiert. Bei Roland Emmerich dürfen Hochhausfassaden wie Dominosteine kippen, ganze Straßenzüge untergehen und Kleinwagenkarosserien durch den Himmel fliegen; das Publikum hat bei derartiger Weltuntergangsakrobatik immerhin noch genügend zu bestaunen, selbst wenn die Figuren kaum mehr Persönlichkeit besitzen als die Gebäude, die gerade über ihnen zusammenbrechen. Je geringer allerdings der Schauwert, desto stärker muss das menschliche Zentrum tragen. „Gegen den Hurrikan“ macht aus dieser dramaturgischen Abhängigkeit unfreiwillig seine größte Schwachstelle. Grau inszeniert den Überlebenskampf handwerklich durchaus solide, findet für die Enge des Bootes, das aufgewühlte Wasser und die zunehmende Ausweglosigkeit auch wirkungsvolle Bilder. Der Wind pfeift, die Gischt schlägt über die Reling, die Natur gewinnt allmählich die Oberhand. Für ein überwältigendes Seherlebnis reicht es dennoch nicht. Dafür ist der Blick zu oft auf wenige Quadratmeter Schiff und zwei Menschen beschränkt, deren persönliche Geschichte das fehlende Spektakel auffangen müsste. Und sobald das Getöse für einen Moment nachlässt, tritt eine Leere hervor, die sich mit noch so viel aufgewühltem Meerwasser kaum füllen lässt.

    Gegen den Hurrikan Netflix Film 2026
    Gegen den Hurrikan ©Netflix

    Denn die angeblich unüberwindbaren Gegensätze zwischen Wirpul und Candi bleiben über weite Strecken reine Drehbuchbehauptungen. Der eine arbeitet hart, der andere versucht es mit Abkürzungen. Der eine sehnt sich nach Anerkennung, der andere überspielt seine Unsicherheit mit einer großen Klappe. Bei genauerem Hinsehen sind sich die beiden damit sogar erstaunlich ähnlich: Beide wollen ihrem bisherigen Leben entkommen, beide scheitern am eigenen Stolz, beide haben ihre Vorstellung davon, was ein Mann sein sollte, längst mit dem verwechselt, was sie anderen zu beweisen haben. Aus dieser Gemeinsamkeit ließe sich ein schmerzhafter Bruderkonflikt entwickeln. Grau und seine Mitautoren begnügen sich hingegen mit nichtigen Jungsreibereien, die vor allem deshalb stattfinden, weil gerade wieder eine emotionale Eskalation benötigt wird. Es wird gestritten, geschwiegen, einander etwas vorgeworfen und irgendwann wieder füreinander eingestanden. Dazwischen fehlt allzu häufig das, was den Verletzungen Gewicht verleihen würde: eine gemeinsame Vergangenheit, die über beiläufige Erklärungen hinaus spürbar wird, individuelle Widersprüche und glaubhafte Entscheidungen, die tatsächlich aus dem jeweiligen Charakter erwachsen. Benny Emmanuel und Kristyan Ferrer können sich gegen diese Figurenarmut nicht behaupten. Warum sich die Halbbrüder trotz einer bedrohlichen Wetterlage überhaupt aufs Meer wagen, weshalb sie dort verharren und welche Zwänge tatsächlich schwerer wiegen sollen als der naheliegende Überlebensinstinkt, wird zwar in Dialogen erklärt, emotional oder psychologisch jedoch kaum nachvollziehbar. Ausgerechnet ein Film, der von existenziellen Entscheidungen erzählt, schafft es zu selten, diese Entscheidungen glaubwürdig zu machen. Die drohende Todesgefahr wird so zur dramaturgischen Fernbedienung: Drückt das Drehbuch auf den richtigen Knopf, streiten sich die Brüder. Beim nächsten folgt die obligatorische Gefühlsbeichte.

    Gegen den Hurrikan Netflix Film 2026
    Gegen den Hurrikan ©Netflix

    Nach einer wahren Geschichte – und allen Regeln des Klischees

    Dabei hätte „Gegen den Hurrikan“ durchaus das Material für einen wesentlich unangenehmeren, vielleicht sogar aufwühlenden Film. Hinter der Geschichte steckt eine reale Katastrophe, bei der Seeleute ihr Leben riskierten, um die Luxusyachten wohlhabender Arbeitgeber zu schützen. Allein dieser Widerspruch zwischen dem Wert eines Menschenlebens und dem eines versicherten Statussymbols erzählt mehr über gesellschaftliche Abhängigkeiten als manch pathetische Grundsatzrede. Doch auch die Sozialkritik verharrt hier weitgehend auf dem Niveau rat gestreuter Stichworte. Dass Geld Macht bedeutet und Menschen ohne finanzielle Absicherung Entscheidungen treffen, die andere niemals treffen müssten, ist schnell ausgesprochen. Schwieriger wäre es, die Verhältnisse so erfahrbar zu machen, dass aus der abstrakten Ungerechtigkeit eine konkrete menschliche Zwangslage entsteht. Genau diese Tiefe bleibt das Netflix Original weitgehend schuldig. An die Stelle nachvollziehbarer Konflikte treten überdeutliche Dialoge, an die Stelle emotionaler Entwicklung ein Melodram, das seine Gefühle immer wieder mit Nachdruck einfordert, bevor es sie verdient hat. Je heftiger der Sturm draußen wütet, desto krampfhafter versucht Grau, auch im Inneren seiner Figuren ein ähnlich großes Unwetter zu entfesseln. Nur entstehen Nähe und Anteilnahme nicht automatisch, weil zwei Menschen gemeinsam Todesangst haben, und schon gar nicht, weil das Drehbuch ihre Versöhnung für den vorgesehenen Zeitpunkt eingeplant hat. Was bleibt, ist ein beinahe kammerspielartiges Zweipersonendrama, dem trotz ordentlich inszenierter Wassermassen sowohl die erzählerische Wucht als auch der emotionale Tiefgang fehlen. Die Böen werden stärker, die Wellen höher, die Versöhnungsabsichten immer dringlicher. Doch je ruhiger es im Auge dieses filmischen Sturms wird, desto deutlicher zeigt sich, wie wenig es dort zu entdecken gibt. „Gegen den Hurrikan“ weiß ziemlich genau, wie sich ein Unwetter anfühlen muss. Von dem, was in seinen Menschen vorgeht, hat er erschreckend wenig Ahnung.

    Gegen den Hurrikan Netflix Film 2026
    Gegen den Hurrikan ©Netflix

    Fazit

    „Gegen den Hurrikan“ beherrscht das Wetter besser als seine Figuren. Während die Naturgewalt immer bedrohlicher wird, kreist die Geschichte um Konflikte, die kaum über plumpe Drehbuchbehauptungen hinauskommen, während die gesellschaftskritischen Untertöne irgendwo zwischen überzogenen Gefühlsausbrüchen und unglaubwürdigen Entscheidungen versickern. So wird aus einer wahren Tragödie ein erstaunlich künstliches Melodram, dessen größte Schwäche ausgerechnet dort liegt, wo alles zusammenlaufen sollte: im Auge des Sturms. Denn dort herrscht vor allem gähnende Leere.

    Bewertung: 1.5 von 5.
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