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Filme | Kritiken
  • Little Brother | Netflix Film – Kritik: Zwischen Slapstick und Brüderlichkeit

    Little Brother

    TitelLittle Brother
    Genre Komödie
    Jahr2026
    FSK16
    RegieMatt Spicer

    Starttermin: 26.06.2026 | Netflix

    Stumpf ist Trumpf – warum diese Netflix-Komödie trotzdem funktioniert

    Blut ist dicker als Wasser, heißt es. Ein Satz, der so oft wiederholt wurde, dass man fast vergisst, wie bequem er eigentlich ist. Als würde Familie allein durch Biologie entstehen. Durch Nachnamen, Stammbäume, zufällige Ähnlichkeiten im Gesicht. Dabei kann ein großer Bruder auch jemand sein, der gar keiner ist. Der etwas ältere Junge von nebenan, der einem zeigt, wie man heimlich länger draußen bleibt. Der erste, der einem eine Zigarette anbietet, obwohl beide keine Ahnung haben, was daran cool sein soll. Einer, der einem schlechte Musik vorspielt, gute Filme empfiehlt, vor anderen den Mund aufmacht, wenn man selbst noch keinen Ton herausbekommt. Brüderlichkeit entsteht nicht immer im Kinderzimmer. Manchmal wächst sie auf Bolzplätzen, in Treppenhäusern oder an Bushaltestellen. Und manchmal reicht schon eine einzige Person, die für einen kurzen Moment zur wichtigsten der Welt wird. Netflix macht aus genau dieser Idee den Ausgangspunkt von „Little Brother“ und nutzt sie als Sprungbrett für eine derbe Buddy-Komödie, die ihre Figuren von einer absurden Eskalation in die nächste schickt.

    Little Brother Netflix Film 2026
    Little Brother ©Netflix

    Für Marcus (Eric André) ist Rudd (John Cena) bis heute genau dieser große Bruder geblieben – obwohl die beiden sich im Rahmen eines Mentorenprogramms gerade einmal fünfmal begegnet sind. Während Rudd diese Episode längst vergessen hat und als Immobilienmakler verzweifelt versucht, aus dem Schatten seines milliardenschweren Bruders Josh (Christopher Meloni) herauszutreten, hält Marcus noch immer an dieser kurzen Verbindung fest, als wäre sie ein Familienersatz mit Ewigkeitsversprechen. Dreißig Jahre später flieht er aus einer psychiatrischen Einrichtung und steht plötzlich vor Rudds Haustür. Ausgerechnet jetzt, wo eine Reality-TV-Show dessen Karriere retten soll. Viel mehr braucht „Little Brother“ eigentlich gar nicht. Die Geschichte ist kein großer Erzählapparat, sondern eine ziemlich dankbare Versuchsanordnung: zwei Männer, ein Missverständnis von Nähe, jede Menge Kränkungspotenzial. Das erinnert in seinen besseren Momenten an jene Komödien, mit denen die Farrelly-Brüder einst berühmt wurden. An Filme, die keine Angst davor hatten, geschmacklos, laut oder einfach herrlich albern zu sein, solange unter dem ganzen Krawall noch ein Rest Menschlichkeit zu erkennen war. 

    Filmpodcast Netflix

    Little Brother, große Klappe

    Ausgerechnet am selben Tag schickt auch Bobby Farrelly mit „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ auf Prime Video eine neue Komödie ins Rennen. Die setzt allerdings auf Coming-of-Age, Romantik und warme Zwischentöne. „Little Brother“ fühlt sich dagegen deutlich näher an der alten Farrelly-Schule an – dort, wo Peinlichkeitskomik, körperlicher Schmerz und absurder Slapstick nicht als Betriebsunfall gelten, sondern als Arbeitsprinzip.  Das Netflix Original versucht gar nicht erst, schlauer zu wirken, als es ist. Statt die  eher dünne Handlung mit Bedeutung aufzupumpen, verlässt er sich auf das, was solche Komödien tragen muss: Tempo, Timing und zwei Darsteller, die wissen, wann sie einander Raum lassen müssen. Eric André ist dabei der Störfall auf zwei Beinen. Marcus platzt in Situationen hinein, überschreitet Grenzen, ignoriert jede soziale Warnlampe und bringt selbst einfache Pläne innerhalb weniger Minuten zum Einsturz. Dass diese Figur trotzdem nicht bloß nervt, liegt an André, der unter dem ganzen Wahnsinn eine seltsam kindliche Verletzlichkeit mitschleppt, ohne daraus gleich ein großes Seelendrama zu machen. John Cena bildet dazu den richtigen Gegenkörper. Es bestätigt sich einmal mehr, dass seine größten Stärken nicht im bierernsten Actionfach liegen. Dort wirkt er oft austauschbar, als hätte jemand einem sehr großen Mann Dialoge in die Hand gedrückt und gehofft, dass es reicht. In Komödien dagegen besitzt Cena ein bemerkenswertes Gespür für Reaktionskomik. Viele Lacher entstehen nicht aus der Pointe selbst, sondern aus diesem kurzen Moment danach: ein Blick, ein Zucken, eine Sekunde innerer Kapitulation. Gerade weil er nicht versucht, Eric André zu übertrumpfen, sondern dessen Chaos wie eine Zumutung aushält, funktioniert ihr Zusammenspiel so gut. 

    Little Brother Netflix Film 2026
    Little Brother ©Netflix

    Natürlich zündet nicht jeder Witz. Bei einer Komödie, die so bereitwillig durch den Schlamm robbt, wäre alles andere auch verdächtig. Manche Gags sind plump, manche werden etwas zu lange geritten, andere kommen mit so wenig Schamgefühl um die Ecke, dass man kurz entscheiden muss, ob man lachen oder die Augen verdrehen will. Oft gewinnt das Lachen. Weil „Little Brother“ seine eigene Dummheit nicht versteckt, sondern mit einer erstaunlichen Selbstsicherheit vor sich herträgt. Gerade das wirkt im heutigen Streaming-Einerlei fast befreiend. Hier wird nicht weichgespült, nicht dauernd zwinkernd relativiert, nicht jeder Moment auf Verträglichkeit gebürstet. Dass das Netflix Original zum Schluss trotzdem nicht einfach nach dem letzten Krawall umfällt, passt zu dieser Mischung. Das Finale macht aus Marcus und Rudd keine großen Sinnbilder beschädigter Männlichkeit, es quetscht ihnen auch keine therapeutische Lebensweisheit aus den Rippen. Es gönnt ihnen nur einen versöhnlichen Moment, der klein genug bleibt, um nicht falsch zu wirken. Vielleicht ist genau das der Grund, warum „Little Brother“ besser funktioniert, als seine Einzelteile vermuten lassen. Der Film ist laut, derb, manchmal daneben und selten besonders elegant. Aber er hat Timing, ein starkes Duo und genug Herz unter der Schmutzschicht. Kein Klassiker. Aber ein verdammt unterhaltsamer Abend.

    Little Brother Netflix Film 2026
    Little Brother ©Netflix

    Fazit

    „Little Brother“ erfindet die Buddy-Komödie nicht neu, erinnert aber daran, warum dieses Genre so gut funktionieren kann. Eric André und John Cena tragen den Netflix Film mit perfektem Timing, viel Chaos und ehrlicher Herzlichkeit. Laut, derb, dumm – und genau deshalb erstaunlich sympathisch.

    Bewertung: 3.5 von 5.
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  • Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe | Amazon Film – Kritik: Roadtrip mit Herz

    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe

    TitelDriver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe
    Genre Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieBobby Farrelly

    Starttermin: 26.06.2026 | Prime Video

    Prime Video trifft den Nerv des Erwachsenwerdens 

    Es gab eine Zeit, da haben die Farrelly-Brüder jede Komödie behandelt, als müsste sie dem Publikum erst einmal mit Anlauf gegen das Schienbein treten. Alles war lauter, schmutziger und geschmackloser als nötig. Genau deshalb funktionierte es. Zwischen Fremdscham, Fäkalwitzen und völlig entgleisten Situationen steckte immer eine erstaunliche Zuneigung für ihre Figuren. Selbst die größten Idioten durften am Ende Menschen bleiben. Heute macht Bobby Farrelly („Dear Santa – Teuflische Weihnachten“) andere Filme. Schon mit „Champions“ zeigte er, dass er niemanden mehr schockieren muss, um zu unterhalten. Die Geschichte eines Basketball-Außenseiterteams war damals ungefähr so neu wie der Ballsport selbst – und trotzdem ging sie auf, weil Farrelly verstand, dass Originalität manchmal überschätzt wird. Nicht jede Komödie muss das Genre neu erfinden. Manchmal reicht es völlig, bekannte Zutaten so zusammenzusetzen, dass man die Menschen darin einfach gerne begleitet. Genau nach diesem Prinzip funktioniert auch „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ auf Prime Video

    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe Amazon Prime Video Film 2026
    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe ©Prime Video

    Die Geschichte selbst kennt praktisch jeder. Jeremy (Sam Nivola) glaubt, seine Beziehung retten zu müssen, stiehlt kurzerhand den Wagen seiner Fahrschule und fährt mit drei Mitschülern quer durchs Land seiner Freundin hinterher. Natürlich geht dabei alles schief, was schiefgehen kann. Erwachsene nehmen die Verfolgung auf, Freundschaften werden auf die Probe gestellt und irgendwo zwischen Autobahn, Tankstellen und schlechten Entscheidungen merken die Jugendlichen langsam, dass Erwachsenwerden selten nach Plan verläuft. Neu ist daran fast nichts. Roadtrips gehören seit Jahrzehnten zum Inventar des Teenie-Kinos. Schon Anfang der 2000er schickten solche Filme ihre Figuren auf die Straße, weil Freiheit auf vier Rädern eben aufregender wirkt als jedes Kinderzimmer. Auch „Driver’s Ed“ erzählt letztlich vom ersten richtigen Loslassen, von Freundschaft, von der Suche nach dem eigenen Platz und von der großen Liebe, die sich mit achtzehn oft größer anfühlt, als sie am Ende tatsächlich ist. Das Überraschende ist nicht die Geschichte. Das Überraschende ist eher, wie selbstverständlich Bobby Farrelly die Sprache und Sorgen seiner jungen Figuren versteht und den klassischen Roadtrip in die Gegenwart holt. Dadurch bekommt der Roadtrip genau das Gefühl, das solche Filme brauchen: Man möchte einfach noch ein Stück mitfahren.

    Filmpodcast Netflix

    Amazon setzt auf Wohlfühlkino statt Krawall-Komödie 

    Auch der Humor findet dabei eine angenehme Balance. Natürlich merkt man, dass hier ein Farrelly am Werk ist. Die Pointen sitzen locker, manche Situationen eskalieren herrlich unnötig und Yoshis Drumherumreden, ob er nun Drogen dabei hat oder nicht, entwickelt sich zu einem Running Gag, der mit jeder Wiederholung ein bisschen besser funktioniert. Gleichzeitig ist das alles deutlich zahmer als früher. Die Zeiten von provozierendem Klamauk scheinen endgültig vorbei zu sein. Stattdessen bewegt sich der Film spürbar näher an einer Generation, für die Selbstfindung, Identität und gegenseitiger Respekt selbstverständlich zum Erwachsenwerden dazugehören. Das macht „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ vielleicht weniger anarchisch als die alten Farrelly-Komödien, nimmt ihm seinen Charme aber keineswegs. Am ehrlichsten ist der Amazon Film ohnehin dort, wo er seine Liebesgeschichte nicht künstlich aufbläht. Bobby Farrelly macht sich darüber weder lustig noch verklärt er das unbeschreibliche Gefühl der ersten Liebe. Er zeigt einfach, dass Erwachsenwerden manchmal bedeutet zu akzeptieren, dass man sich erst selbst finden muss, bevor man dauerhaft mit jemand anderem glücklich werden kann. 

    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe Amazon Prime Video Film 2026
    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe ©Prime Video

    „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ wird die Teenie-Komödie nicht neu definieren. Das will Bobby Farrelly aber offensichtlich auch gar nicht. Er erinnert vielmehr daran, dass manche Geschichten zeitlos sind, wenn sie mit den richtigen Figuren, einer guten Portion Humor und viel Herz erzählt werden. Der Film kennt seine Grenzen, macht aus ihnen aber keinen Makel. Er versucht nicht, lauter, wilder oder moderner zu wirken, als er ist, sondern vertraut auf ein Gefühl, das im Teenie-Kino schon immer funktioniert hat: ein Auto, ein paar Freunde, eine schlechte Idee und die kurze Illusion, dass hinter der nächsten Kurve das eigene Leben wartet. Man steigt aus diesem Roadtrip nicht mit dem Gefühl aus, etwas noch nie Dagewesenes gesehen zu haben. Aber mit einem Lächeln. Und manchmal ist genau das völlig ausreichend.

    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe Amazon Prime Video Film 2026
    Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe ©Prime Video

    Fazit

    Nicht jede Komödie muss das Genre neu erfinden. „Driver’s Ed – Vorfahrt für die Liebe“ setzt auf bekannte Zutaten, sympathische Figuren und einen lockeren Humor, der ohne allzu viel Krawall auskommt. Charmant, ehrlich und unterhaltsam – auch wenn die großen Überraschungen ausbleiben. 

    Bewertung: 3.5 von 5.
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  • In the Hand of Dante | Netflix Film – Kritik: Wenn Größenwahn nicht reicht

    In the Hand of Dante

    TitelIn the Hand of Dante
    Genre Thriller, Historie
    Jahr2026
    FSK16
    RegieJulian Schnabel

    Starttermin: 24.06.2026 | Netflix

    Von Venedig zu Netflix: „In the Hand of Dante“ bleibt ein schwieriger Film

    Oscar Isaac, Gal Gadot, Gerard Butler, John Malkovich, Al Pacino, Jason Momoa – manche Castlisten sehen nicht aus wie eine Besetzung, sondern wie ein Versprechen. Nach großem Kino. Nach Prestige. Nach einem Film, der allein durch seine Namen genug Gewicht mitbringt, um auch Menschen anzulocken, die mit Dante Alighieri sonst vermutlich nur dann in Berührung kommen, wenn irgendwo das Wort „Inferno“ fällt. Wer also ohne Vorwissen auf „In the Hand of Dante“ stößt, könnte leicht etwas anderes erwarten. Ein historisches Epos vielleicht. Einen düsteren Thriller. Ein Netflix Starvehikel mit Oscar Isaac im Zentrum. Julian Schnabel macht daraus etwas, das mit all diesen Erwartungen nur am Rand zu tun hat. Schon bei der Weltpremiere bei den 82. Internationalen Filmfestspielen von Venedig soll der Film selbst ein experimentierfreudiges Festivalpublikum eher ratlos zurückgelassen haben. Das ist erst einmal kein Problem. Kino darf sperrig sein. Es darf sich querstellen. Es darf einem die Hand verweigern, statt artig durch seine Handlung zu führen. Vielleicht hätte genau darin sogar der Reiz liegen können: ein prominenter Cast als Köder, der ein breiteres Publikum unversehens in ein wilderes, ungezähmtes Kino zieht. Weg von sauber ausgeleuchteter Streamingware. Rein in ein Werk, das sich traut, größenwahnsinnig, widersprüchlich und unbequem zu sein. Nur stellt sich nach der Sichtung eine ziemlich unangenehme Frage: Ist „In the Hand of Dante“ wirklich der richtige Film für diese Mission?

    In the Hand of Dante Netflix Film
    In the Hand of Dante ©Netflix

    Denn Maßlosigkeit allein ist noch kein Mut. Verwirrung noch keine Tiefe. Und ein Film, der sich benimmt, als müsse er in jeder Szene Kunst, Tod, Religion, Sünde, Begehren und gleich noch die ganze Menschheitsgeschichte verhandeln, kann am Ende auch einfach unter dem Gewicht seiner eigenen Wichtigkeit zusammenbrechen. Die Vorlage von Nick Tosches war schon kein Stoff, der nach einer einfachen Verfilmung gerufen hätte. Sein Roman aus dem Jahr 2002 bewegte sich zwischen literarischem Fiebertraum, historischer Gelehrsamkeit und dreckiger New Yorker Unterwelt. Dante und Gangster. Heiligenverehrung und Obszönität. Manuskriptkunde und Gewaltfantasie. Schnabel nimmt all das nicht nur auf, er schüttet noch mehr Öl ins Feuer. In der Gegenwart taucht ein angebliches Originalmanuskript von Dantes „Göttlicher Komödie“ auf – ein Fund, der den Literaturbetrieb erschüttern würde und sofort Begehrlichkeiten weckt. Das Dokument gerät in die Hände krimineller Mittelsmänner und landet schließlich im Umfeld des New Yorker Gangsterbosses Joe Black (John Malkovich). Von dort aus beginnt eine Jagd nach einem Stück Papier, das längst nicht mehr nur historisches Artefakt ist, sondern Projektionsfläche für Gier, Macht, Glauben und den sehr menschlichen Irrsinn, alles besitzen zu wollen, was eigentlich unberührbar bleiben sollte.

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    Wenn aus Bedeutung am Ende nur Behauptung wird

    Parallel dazu springt die Handlung ins Leben von Dante Alighieri (Oscar Isaac). Nach seiner Verbannung aus Florenz durch Papst Bonifacio VIII. (Gerard Butler) irrt Dante krank, mittellos und innerlich zerrissen durch Italien. Er sucht Zuflucht, wird verfolgt, schreibt, leidet, hängt in einer Ehe mit Gemma Donati (Gal Gadot), die kaum mehr ist als eine gesellschaftliche Tatsache, und klammert sich zugleich an den Geist seiner verstorbenen Muse Beatrice. Aus Schuld, Sehnsucht, religiöser Angst und dichterischem Wahn soll nach und nach jenes Werk entstehen, das später als „Göttliche Komödie“ in die Literaturgeschichte eingeht. Das klingt nach Rausch. Nach einem Film über Kunst, der selbst Kunst sein will. Nach Gangsterkino, Gottesangst und Höllenfahrt. Und für ungefähr dreißig Minuten funktioniert dieser Größenwahn sogar. Dann schaut man auf die Laufzeit und merkt: Es liegen noch mehr als zwei Stunden vor einem. Blöd. Schnabels Gegenwartsebene sieht in ihrem fast chromglänzenden Schwarz-Weiß-Look zunächst großartig aus. Auch der unverhohlene Blick Richtung Tarantino stört am Anfang kaum. Wenn Gerard Butler als redseliger Knochenbrecher durch diese Welt stapft, hat „In the Hand of Dante“ für einen Moment eine dreckige, komische, fast besoffene Energie. Da wird geredet, gedroht, geflucht und aufgedreht, als hätte sich jemand mit sichtbarer Freude in alten Gangsterposen gewälzt. Nicht subtil, sicher nicht. Aber lebendig. Nur hält dieser Zustand nicht lange. Irgendwann frisst sich der Schnack selbst auf. Was eben noch rotzig und überdreht wirkte, hängt plötzlich bleischwer im Raum, weil fast jeder Satz so klingt, als müsse er nebenbei noch Weltliteratur und Unterweltmythos miteinander verheiraten. Aus der Jagd nach dem Manuskript wird kein fiebriger Thriller, sondern ein immer breiter laufendes Durcheinander. Der Film stapelt Bedeutung, bis aus Bedeutung nur noch Behauptung wird. Er öffnet Räume, die er nicht betritt. Er wirft Figuren ins Bild, als würden berühmte Gesichter und finstere Blicke schon reichen, um Zusammenhang zu erzeugen.

    In the Hand of Dante Netflix Film
    In the Hand of Dante ©Netflix

    Auch die historische Ebene leidet darunter. Dante, Beatrice, Gemma, Exil, Krankheit, Schuld, Visionen: Alles ist da, alles müsste Gewicht haben, alles müsste brennen. Doch Schnabel inszeniert diese Vergangenheit so ehrfürchtig und schwer, dass aus Schmerz irgendwann Dekor wird. Der Film scheint zu glauben, ein leidender Mann, ein paar geisterhafte Erscheinungen und der Schatten der „Göttlichen Komödie“ würden bereits genügen, um Tiefe herzustellen. Tun sie nicht. Die Liebe wirkt weniger unerreichbar als behauptet. Die Qual weniger spürbar als ausgestellt. Die Kunst weniger geboren als permanent angekündigt. So steht „In the Hand of Dante“ irgendwann zwischen seinen eigenen Filmen herum. Die Gegenwart will cool, dreckig und kultig sein, wirkt aber zunehmend angestrengt. Die Vergangenheit will groß, tragisch und spirituell sein, versinkt aber in ihrer eigenen Feierlichkeit. Dazwischen kippt eine Stimme aus dem Off noch mehr Bedeutung über ein ohnehin überladenes Gebilde. Am Ende ist dieser Film nicht sperrig, weil er seinem Publikum so viel zutraut. Er ist sperrig, weil er selbst keinen Weg durch seine Ideen findet. Er greift nach Hölle, Kunst und Erlösung – und landet in einem Labyrinth, das beeindruckend aussieht, aber nirgendwohin führt

    In the Hand of Dante Netflix Film
    In the Hand of Dante ©Netflix

    Fazit

    „In the Hand of Dante“ ist ein wuchtiger, eigensinniger und sichtbar ambitionierter Film, der kurz nach großem, wildem Kino riecht. Doch Schnabel verliert sich in Bedeutungsschwere, Symbolik und Pose. Was als Rausch beginnt, wird zur zähen Sitzprobe: voller Ideen, voller Namen – doch am Ende erschreckend leer. 

    Bewertung: 1.5 von 5.
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  • Voicemails for Isabelle | Netflix Film – Kritik: Mehr als nur ’ne RomCom!

    Voicemails for Isabelle

    TitelVoicemails for Isabelle
    Genre Romanze, Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieLeah McKendrick

    Starttermin: 19.06.2026 | Netflix

    Netflix erzählt von Trauer – und findet die Liebe

    Trauer hat viele Gesichter. Nicht, weil sie sich ständig neu erfinden würde, sondern weil jeder Mensch seine eigene, oft ziemlich widersprüchliche Form dafür entwickelt. Manche reden darüber, andere vermeiden jedes Wort. Manche halten sich an Gegenständen fest, an Erinnerungen, Fotos oder Gewohnheiten. Und manchmal bleibt nur eine Stimme, gespeichert in einem Telefon, die längst nichts Neues mehr zu sagen hat und trotzdem noch immer zur wichtigsten Gesprächspartnerin wird. Im Netflix Original „Voicemails for Isabelle“ hat Jill (Zoey Deutch) ihre jüngere Schwester Isabelle an Mukoviszidose verloren. Was seitdem von ihr geblieben ist, sind alte Sprachnachrichten. Kleine Ausschnitte eines gemeinsamen Lebens, banal und intim, manchmal albern, manchmal doof, niemals für die Ewigkeit gedacht. Jill hört sie trotzdem immer wieder – so lange, bis es nicht mehr reicht. Sie beginnt, selbst auf Isabelles Nummer zu sprechen, erzählt von ihrem chaotischen Alltag in San Francisco, von der Arbeit, unbefriedigenden Männergeschichten, Fehltritten und all den Dingen, die man einer Schwester sagt, weil sie einen auch dann noch versteht, wenn man selbst längst nicht mehr weiß, was man eigentlich tut. Nur gehört die Nummer inzwischen jemand anderem.

    Voicemails for Isabelle Netflix Film 2026
    Voicemails for Isabelle ©Netflix

    Wes (Nick Robinson), ein zurückhaltender Immobilienmakler aus Austin, erhält plötzlich die Nachrichten einer fremden Frau, die glaubt, mit ihrer verstorbenen Schwester zu sprechen. Er hört zu. Erst verwundert, dann regelmäßig, irgendwann mit einer Nähe, die nur entstehen kann, wenn jemand alles von sich preisgibt – ungefiltert und echt. Wes verliebt sich in Jill, ohne dass sie weiß, dass er existiert. Und ja, genau hier beginnt „Voicemails for Isabelle“, eine RomCom zu sein. Nur braucht der Film beinahe eine Stunde, um an diesen Punkt zu gelangen. Das ist seine größte Stärke – und später auch sein einziges Problem. Zunächst nämlich gehört die Geschichte Jill und Isabelle. Ein warmer Auftakt führt zurück in ihre Kindheit, in Jahre, in denen Isabelles Krankheit zwar Teil ihres Lebens ist, aber noch lange kein Hindernis für ein einzigartiges Bündnis zwischen zwei Schwestern. Diese gemeinsame Vergangenheit ist so lebendig, dass man ihr gern länger gefolgt wäre. Wenn „Voicemails for Isabelle“ wenig später in die Gegenwart springt, verliert Regisseurin und Drehbuchautorin Leah McKendrick diese Wärme nicht. Isabelle stirbt, doch der Film macht daraus kein berechnendes Rührstück. Er vertraut auf den Moment, auf die Beziehung der beiden Schwestern und vor allem auf Zoey Deutch, die Jills Trauer weder mit großen Gesten ausstellt noch in eine gefällige Form bringt. Ihr Schmerz wirkt unvorbereitet, widersprüchlich und damit so ehrlich, wie Trauer eben sein kann. Aus der Geschichte zweier Schwestern wird ein Drama über das Leben danach, über den Versuch, einen Menschen loszulassen, ohne die Verbindung zu ihm aufgeben zu müssen.

    Filmpodcast Netflix

    Humor und Herz: Warum „Voicemails for Isabelle“ aus der Masse heraussticht 

    Deutch trägt diesen Wechsel mit einer Natürlichkeit, die längst zu ihren größten Stärken gehört. Schon in „Not Okay“ auf Disney+ konnte sie eine Figur mit viel Leben füllen, die auf dem Papier leicht zur überzeichneten Karikatur hätte werden können. Auch Jill sagt meistens zuerst, was ihr durch den Kopf geht, und denkt anschließend darüber nach, ob das besonders klug war. Sie ist unsicher, impulsiv – und doch nie auf jene liebenswerte Tollpatschigkeit reduziert, mit der RomComs ihre Hauptfiguren gern möglichst harmlos halten. Und wenn man schon jemandem dabei zusehen möchte, wie aus Trauer, Orientierungslosigkeit und einer Reihe schlechter Männergeschichten doch noch eine klassische Verliebtheit entsteht, dann Zoey Deutch. Sie besitzt genau jene natürliche Leichtigkeit, die selbst bekannte Genrewege für eine Weile wieder unverbraucht wirken lässt. Denn sobald Wes tatsächlich in Jills Leben tritt, wird „Voicemails for Isabelle“ zunehmend konventionell. Das Geheimnis ist gesetzt, der spätere Bruch unvermeidbar und auch die obligatorische Versöhnung dürfte für niemanden überraschend kommen, der schon einmal eine romantische Komödie gesehen hat. Trotzdem funktioniert die Annäherung. Nick Robinson bleibt neben Deutch zwar deutlich blasser, bringt aber genug zurückhaltenden Charme mit, damit Wes nicht nur wie ein Mann wirkt, der wochenlang die intimsten Nachrichten einer fremden Frau abhört und anschließend unangekündigt in ihrem Leben auftaucht. Zwischen beiden ist eine glaubhafte Verbindung zu spüren. Das zählt, selbst wenn der Film gegen Ende einige Konflikte allzu bereitwillig glättet und aus zwei Menschen mit echten Ängsten und Fehlern doch noch ein etwas zu ordentliches RomCom-Paar formt.

    Voicemails for Isabelle Netflix Film 2026
    Voicemails for Isabelle ©Netflix

    Seinen Humor findet der Film ohnehin weniger in der Romanze als in Jill selbst. In ihrer direkten Art, ihrer Unfähigkeit, peinliche Gedanken für sich zu behalten, und ihrem Talent, selbst gewöhnliche Situationen zuverlässig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dazu kommen Nebenfiguren, die McKendrick gerade so weit überzeichnet, dass sie komisch bleiben, ohne den Film vollständig in eine Karikatur zu verwandeln. Allen voran Nick Offerman als Jills cholerischer Küchenchef Bastien, der nach Ron Swanson in „Parks and Recreation“ zwar erneut sehr vertrautes Terrain betritt, dort aber noch immer zuverlässig Pointen findet. Der Humor steht der Trauer dabei nicht im Weg. Er gehört zu Jill, zu ihrem Leben und damit auch zu einer Geschichte, die verstanden hat, dass ein Verlust nicht jeden glücklichen oder absurden Moment für immer auslöscht. Die Romanze hätte es dafür eigentlich nicht gebraucht. Jill, Isabelle und die Sprachnachrichten tragen genug in sich, um „Voicemails for Isabelle“ auch ohne die üblichen Stationen einer Liebesgeschichte zusammenzuhalten. Ausgerechnet in dem Moment, in dem der Film zur RomCom wird, verliert er einen Teil seiner erzählerischen Eigenständigkeit. Kaputt macht das die vorherige Arbeit allerdings nicht. Dafür ist Deutch zu gut, die Beziehung der Schwestern zu glaubhaft und McKendricks Blick auf Trauer zu feinfühlig. Am Ende bleibt somit eine warmherzige, sehr lustige und tatsächlich rührende Tragikomödie, die deutlich mehr ist als das nächste uninspirierte Netflix Original. Nicht wegen ihrer Liebesgeschichte, sondern obwohl sie irgendwann glaubt, eine zu brauchen. Genau solche Filme dürfte Netflix ruhig häufiger machen.

    Voicemails for Isabelle Netflix Film 2026
    Voicemails for Isabelle ©Netflix

    Fazit

    „Voicemails for Isabelle“ besitzt genau jenen Charme, der sich nicht aufdrängt, sondern langsam einschleicht. Eine warmherzige Tragikomödie voller Verständnis für die Widersprüche der Trauer, getragen von Zoey Deutch und einem Herzen, das selbst die konventionelle Romanze nicht kleinbekommt. 

    Bewertung: 3.5 von 5.
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  • Culpa Tuya – Deine Schuld: London | Amazon Film – Kritik: Neu auf Prime Video

    Culpa Tuya – Deine Schuld: London

    TitelCulpa Tuya – Deine Schuld: London
    Genre Romanze
    Jahr2026
    FSK12
    RegieCharlotte Fassler, Dani Girdwood

    Starttermin: 17.06.2026 | Prime Video

    Bleibt Prime Video der Red Flag auch in „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ treu?

    Manchmal liegt die Messlatte so tief, dass bereits ein Film, der nicht mit voller Wucht dagegen prallt, wie ein kleines Wunder wirkt. Wer sich schon einmal durch Amazons unerträgliche Vertreter des New-Adult-Genres „Culpa Tuya – Deine Schuld“ und „Culpa Nuestra – Unsere Schuld“ gearbeitet hat, dürfte wissen, wie sich diese Form cineastischer Anspruchslosigkeit anfühlt. Zweimal 0,5 Sterne, zweimal die Erkenntnis, dass romantische Leidenschaft offenbar auch als mehrstündiger Belastungstest für das menschliche Nervensystem verstanden werden kann. Umso befremdlicher wirkte es, als ausgerechnet die britische Neuauflage, die das toxische Beziehungsdrama von Madrid nach London verpflanzte, plötzlich beinahe freundliche Worte provozierte. Zwei Sterne bekam „Culpa Mia – Meine Schuld: London“ am Ende – kein Triumph, nicht einmal ein Achtungserfolg, innerhalb dieser Reihe aber fast schon ein diplomatisches Zugeständnis. Dabei blieb auch das Remake weit davon entfernt, einen umgangssprachlichen Blumentopf zu gewinnen. Mehr kurzweilige Action, etwas weniger Toxizität und eine insgesamt ansehnlichere Umsetzung machten aus der alten Geschichte lediglich die erträglichere Version desselben Elends. Gut war daran wenig, weniger schmerzhaft hingegen überraschend viel. Und so fällt die Aussicht, dass in „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ erneut die schüchterne Maus dem coolen Bad Boy verfällt, zumindest nicht ganz so bedrohlich aus wie bei „Mala influencia – Verbotene Liebe“ oder „Love Me, Love Me“

    Culpa Tuya: Deine Schuld London Amazon Prime Video Film 2026
    Culpa Tuya – Deine Schuld: London ©Prime Video

    Hoffnungslose Optimisten könnten nun vermuten, die Fortsetzung setze den zaghaften Aufwärtstrend ihres Vorgängers tatsächlich fort. Realistischer wäre allerdings die Annahme, dass sie wieder genau in jene alten Muster zurückfällt, aus denen dieses Genre seit Jahren seine fragile Persönlichkeit zusammenbaut. Der Weg dorthin ist jedenfalls bereits bestens ausgeschildert. Noah (Asha Banks) beginnt ihr Studium an der Universität Oxford und lässt damit nicht nur London, sondern vorerst auch Nick (Matthew Broome) hinter sich. Der arbeitet inzwischen im Unternehmen seines Vaters und versucht, zwischen beruflichen Erwartungen und familiärem Druck so etwas wie ein erwachsenes Leben zu führen. Für eine Beziehung, die schon unter günstigeren Bedingungen kaum ohne emotionalen Flächenbrand auskommt, wird die räumliche Trennung erwartungsgemäß zum nächsten Brandbeschleuniger. Neue Bekanntschaften, alte Feindseligkeiten und Menschen, die das liebestolle Stiefgeschwisterpaar lieber heute als morgen auseinanderbringen würden, liefern Eifersucht, Misstrauen und melodramatische Verwicklungen gleich im Komplettpaket. Noah und Nick müssen also beweisen, dass ihre große Liebe mehr aushält als ein paar Kilometer Entfernung und die nächste strategisch platzierte Red Flag. Mit anderen Worten: dieselbe Geschichte, die „Culpa Tuya – Deine Schuld“ bereits mit bemerkenswerter Gründlichkeit an die Wand gefahren hat. Soweit, so schlecht.

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    Madrid, London – Hauptsache, das Drama reist mit

    Aus Mist können Rosen wachsen, heißt es. Im Kino bleibt Mist allerdings meistens einfach Mist – nur gelegentlich hübscher ausgeleuchtet. Genau darin lag bereits die bescheidene Leistung von „Culpa Mia – Meine Schuld: London“: Es verwandelte den alten Unrat nicht in etwas Gutes, sondern sorgte lediglich dafür, dass er weniger streng roch. Von „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ nun plötzlich eine romantische Erleuchtung zu erwarten, wäre deshalb selbst für hoffnungslose Optimisten ein gewagter Schritt. Zu schwer wiegt der Ballast eines Genres, das seine Schwächen längst für unverzichtbare Zutaten hält. Dialoge klingen wie ausrangierte Kalendersprüche, Gefühle werden so lange aufgedreht, bis jedes Zwischengeräusch verstummt, und der Sex knistert ungefähr so leidenschaftlich wie feuchtes Brennholz. Rosen sehen jedenfalls anders aus. Immerhin verzichtet die britische Variante auf einen Teil jener besonders unangenehmen Machtspiele, mit denen ihre Vorgänger toxisches Verhalten als große Leidenschaft verkauften. Noah ist hier nicht bloß das naive Opfer eines übergriffigen Bad Boys, Nick nicht ausschließlich der dominante Mann, dessen Kontrollzwang mit einem hübschen Blick entschuldigt werden soll. Toxisch sind sie höchstens gemeinsam – nicht aufgrund eines eindeutigen Machtgefälles, sondern weil beide unfähig sind, vernünftig miteinander zu sprechen. Das ist zunächst sogar glaubwürdiger. Wer verliebt ist, will Nähe. Wer eine Beziehung führt, hat Sex, vermisst den anderen, begehrt ihn und reagiert nicht immer vollkommen souverän, wenn plötzlich eine andere Person auftaucht. Ein gesundes Maß an Eifersucht ist kein Beweis emotionaler Verdorbenheit, ebenso wenig wie Lust und Hingabe automatisch Ausdruck einer alles verschlingenden Schicksalsliebe sind. All das gehört zu Beziehungen. Entscheidend ist nicht, dass diese Gefühle existieren, sondern wie zwei Menschen mit ihnen umgehen. Genau dort versagen Noah und Nick – und mit ihnen auch der gesamte Film.

    Culpa Tuya: Deine Schuld London Amazon Prime Video Film 2026
    Culpa Tuya – Deine Schuld: London ©Prime Video

    „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ behandelt jede Form von Eifersucht und jeden Anflug von Unsicherheit, als würde sich darin eine Liebe offenbaren, die größer ist als das Leben selbst. Musik schwillt an, Blicke werden verlängert, Körper in dekoratives Licht getaucht. Die Inszenierung ruft ununterbrochen: Seht her, wie außergewöhnlich diese Leidenschaft ist. Das Drehbuch und der Cast liefern dafür allerdings kaum einen Grund. Denn eigentlich ist an dieser Beziehung nichts außergewöhnlich. Zwei junge Menschen fühlen sich zueinander hingezogen, schlafen bei jeder Gelegenheit miteinander, vermissen sich und werden eifersüchtig, wenn der andere sich wie ein Arsch verhält. Das ist keine romantische Offenbarung, sondern ein ziemlich gewöhnlicher Zustand. Erst der Umgang damit könnte daraus eine interessante Geschichte machen. Doch statt ehrlich zu reden, verschweigen beide ihre Gefühle, treffen zweifelhafte Entscheidungen und erwarten anschließend, dass der andere die unausgesprochenen Regeln ihrer Beziehung trotzdem versteht. Keine Schicksalsliebe, nur schlechte Kommunikation. „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ möchte erzählen, dass äußere Umstände eine große Liebe auf die Probe stellen. Das Geheimhalten der Beziehung, misstrauische Eltern, neue Bekanntschaften und alte Feinde sollen Noah und Nick wie tragische Figuren erscheinen lassen, die von einer feindseligen Welt auseinandergetrieben werden. Tatsächlich braucht es diese Hindernisse kaum. Die beiden erledigen das schon selbst.

    Culpa Tuya: Deine Schuld London Amazon Prime Video Film 2026
    Culpa Tuya – Deine Schuld: London ©Prime Video

    Amazon legt wieder den Rückwärtsgang ein

    Wer Gefühle für eine andere Person entwickelt und sich bereitwillig auf sie einlässt, sollte vielleicht keine Beziehung führen. Wer jede Unsicherheit in Schweigen, Vorwürfe oder demonstrative Rücksichtslosigkeit verwandelt, ebenfalls nicht. Und wer erwartet, dass der Partner Gedanken lesen kann, sollte nicht überrascht sein, wenn die gemeinsame Zukunft irgendwann an Dingen zerbricht, die ein einziges ehrliches Gespräch hätte klären können. Das Problem ist nicht, dass Noah und Nick zu leidenschaftlich lieben. Es ist auch nicht ihre Eifersucht. Nicht die räumliche Trennung, nicht das Verheimlichen ihrer Beziehung und nicht die Menschen, die von außen auf sie einwirken. Das Problem ist, dass beide unreif sind, nicht kommunizieren und sich wiederholt beschissen behandeln. Darin liegt nichts Süßes, nichts Tragisches und schon gar nichts Romantisches. Als Charakterdrama könnte diese Erkenntnis durchaus funktionieren. Ein Film über zwei Menschen, die sich aufrichtig lieben und trotzdem erkennen müssen, dass Liebe allein keine funktionierende Beziehung ergibt, hätte sogar etwas Schmerzhaftes. Er könnte davon erzählen, wie Nähe in Besitzdenken kippt, wie Leidenschaft Konflikte überdeckt und wie zwei Menschen einander verlieren, weil beide erst bei sich selbst aufräumen müssten. Doch dafür müsste „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ seine Figuren ernst nehmen. Er müsste ihnen Widersprüche, Einsicht und Entwicklung zugestehen. Stattdessen braucht es eine psychotische Ex, illegale Straßenrennen und künstlich platzierte Versuchungen, weil Noah und Nick selbst erschreckend wenig hergeben. Wo keine Figuren sind, muss eben das Drehbuch Lärm machen. So bleibt keine große Liebesgeschichte, die an widrigen Umständen zerbricht. Nur die Bestandsaufnahme zweier Menschen, die nicht zusammen sein sollten, solange sie nicht gelernt haben, miteinander zu reden. Der Film hält das für Schicksal. Tatsächlich ist es bloß eine schlecht funktionierende Beziehung mit zu lauter Musik.

    Culpa Tuya: Deine Schuld London Amazon Prime Video Film 2026
    Culpa Tuya – Deine Schuld: London ©Prime Video

    Fazit

    Nach dem kurzen Aufwärtstrend fährt „Culpa Tuya – Deine Schuld: London“ wieder rückwärts. Weniger toxisch als Madrid, aber ebenso substanzlos, bleibt nur eine laut inszenierte Beziehung ohne Tiefe, Reife oder echte romantische Wirkung.

    Bewertung: 1 von 5.
    Amazon Prime Video
  • Over Your Dead Body | Amazon Film – Kritik: Bis dass der Tod sie scheidet

    Over Your Dead Body

    TitelOver Your Dead Body
    Genre Horror, Komödie
    Jahr2026
    FSK18
    RegieTommy Wirkola

    Starttermin: 10.06.2026 | Prime Video

    Samara Weaving entfesselt ein FSK-18-Gemetzel bei Prime Video

    Wo Menschen durch dunkle Wälder stolpern, in blutverschmierten Hochzeitskleidern um ihr Leben rennen oder mit weit aufgerissenen Augen feststellen, dass hinter der nächsten Tür schon wieder jemand mit einem Messer wartet, kann Samara Weaving nicht weit sein. Auch Amazons „Over Your Dead Body“ bestätigt diese inzwischen beinahe naturgesetzliche Verbindung zwischen der australischen Schauspielerin und dem unmittelbar bevorstehenden Ableben. Mal ist es eine exzentrische Schwiegerfamilie, die sie während eines rituellen Versteckspiels zur Strecke bringen will („Ready or Not“). Mal eine fanatische Sekte, die zwischen kahlen Bäumen und religiösem Wahn eine unheimliche Kreatur anbetet („Azrael“). Und manchmal genügt bereits ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag, bis ein Virus auch noch den letzten Rest menschlicher Hemmung aus dem Büroalltag spült („Mayhem“). Ganz gleich, ob die Gefahr zunächst nur leise an die Tür klopft oder bereits mit erhobenem Messer im Wohnzimmer steht: Sobald irgendwo getötet werden kann, gerät Samara Weavings körperliche Unversehrtheit zuverlässig zur Verhandlungsmasse. Kaum eine Darstellerin ihrer Generation musste häufiger schreien, rennen, kämpfen, kriechen, bluten und sich in irgendwelche dunklen Winkel pressen, während der Tod wenige Schritte entfernt ungeduldig mit den Fingern trommelt.

    Over Your Dead Body Amazon Prime Video Film 2026
    Over Your Dead Body ©Independent Film Company

    Spätestens als sogar Ghostface sie in „Scream VI“ durch eine finstere Gasse jagte, war die Krone vergeben: Samara Weaving ist die Scream-Queen ihrer Generation – nicht nur, weil sie so überzeugend um ihr Leben kämpft, sondern weil bei ihr selbst Panik noch aussieht, als hätte sie eine Choreografie. Und wenn sie ausnahmsweise einmal nicht vor dem Tod davonläuft, bringt sie ihn eben selbst mit. Dann macht sie in „The Babysitter“ Jagd auf arglose Teenager oder hetzt Daniel Radcliffe, unfreiwillig beidhändig bewaffnet, durch den grell überdrehten Wahnsinn von „Guns Akimbo“. Weaving kennt beide Seiten des mörderischen Spiels: den kalten Atem im Nacken und das Messer in der eigenen Hand. Für „Over Your Dead Body“ auf Prime Video kommt ihr diese doppelte Erfahrung nun gerade recht. Dort ist sie Jägerin und Gejagte zugleich, wenn sie gemeinsam mit „HIMYM“-Jason Segel ein hoffnungslos unglückliches Ehepaar verkörpert, das zu einer ebenso bitteren wie blutigen Erkenntnis gelangt: Eine Scheidung mag teuer sein – ein gegenseitiger Mord ist allerdings auch nicht gerade die unkomplizierteste Form der Trennung. Wem dieser Ehekrieg mit Ferienhaus, Mordabsichten und eskalierender Gewalt verdächtig bekannt vorkommt, dürfte sofort an Tommy Wirkolas „The Trip – Ein mörderisches Wochenende“ denken – und liegt mit diesem Verdacht auch vollkommen richtig.

    Filmpodcast

    Mit „Over Your Dead Body“ liefert Amazon den blutigsten Rosenkrieg des Jahres

    „Over Your Dead Body“ nämlich präsentiert sich als nicht minder zeigefreudiges US-Remake der norwegischen Ehestreitgroteske von 2021, in der schon Noomi Rapace und Aksel Hennie ihre zerrüttete Beziehung lieber mit stumpfen Gegenständen als mit offenen Gesprächen zu retten versuchten. Tommy Wirkola sollte den Rosenkrieg ursprünglich selbst noch einmal für Hollywood aufwärmen, zog sich während der langen Entwicklungsphase jedoch vom blutverschmierten Ehebett zurück. Den Platz auf dem Regiestuhl übernahm Jorma Taccone, Mitglied des Comedy-Trios „The Lonely Island“ und verantwortlich für den hemmungslos albernen Irrsinn von „MacGruber“ und „Popstar: Never Stop Never Stopping“. Eine durchaus passende Wahl für einen Film, der schlechte Kommunikation nicht mit Paartherapie beantwortet, sondern mit Mordwerkzeugen, Kollateralschäden und der Hoffnung, dass nach dem großen Knall wenigstens einer von beiden den gemeinsamen Hausstand behalten darf. Dass Taccone hierbei nicht bloß als Verwalter eines fremden Blutbads antritt, zeigt sich bereits daran, wie selbstverständlich „Over Your Dead Body“ die Ausgangslage in seinen eigenen komödiantischen Rhythmus überführt. Die Geschichte bleibt dabei unverkennbar dieselbe. Wer „The Trip“ kennt, wird viele Stationen wiedererkennen – stellenweise gar eins zu eins. Doch Taccone behandelt diese Nähe nicht wie eine Verpflichtung, sondern wie eine bereits aufgebaute Bühne, auf der er den Zynismus höher stapeln, die Figuren deutlicher zuspitzen und die Gewalt noch etwas weiter über die Geschmacksgrenze hinausschieben kann. Gerade der Humor profitiert davon. Wo Tommy Wirkola seine Ehehölle mit jener trockenen norwegischen Bosheit inszenierte, mischt Taccone der rabenschwarzen Verbindung aus gegenseitiger Verachtung und Mordlust jene hemmungslose Comedy bei, die schon die Arbeiten von „The Lonely Island“ prägte. Der Witz liegt hier nicht darin, dass Menschen einander töten wollen, sondern darin, wie erschreckend kleinlich ihre Gründe dafür erscheinen.

    Over Your Dead Body Amazon Prime Video Film 2026
    Over Your Dead Body ©Independent Film Company

    Jason Segel und Samara Weaving sind dafür ein überzeugenderes Gespann. Wo Noomi Rapace und Aksel Hennie im Original ihre eheliche Feindschaft betont schroff und verbissen spielten, geben Segel und Weaving ihr mehr Beweglichkeit, ohne dass das Amazon Original sie deshalb zu heimlichen Sympathieträgern verklären müsste. Auch in Sachen Gewalt legt Taccone sichtbar nach. „Over Your Dead Body“ versteht seine blutige Eskalation nicht als notwendiges Übel, sondern als kreativen Wettbewerb. Das Blut spritzt noch etwas großzügiger als bei Wirkola, den Treffern wohnt mehr kreativer Einfallsreichtum inne und das Gemetzel folgt einer klaren, makabren Choreografie. Dass die Handlung dabei kaum versucht, ihre Herkunft zu verschleiern, lässt sich allerdings nicht bestreiten. „Over Your Dead Body“ folgt dem norwegischen Vorbild über weite Strecken so eng, dass kaum Raum für echte Neuerfindungen bleibt. Doch gerade im direkten Vergleich zeigt sich, dass Originalität nicht ausschließlich darin besteht, eine völlig neue Geschichte zu erzählen. Manchmal reicht es, eine bekannte Konstruktion mit dem besseren Timing, einem stärkeren Ensemble und einem klareren Gefühl dafür zu versehen, wann ein makabrer Einfall noch eine Stufe weitergetrieben werden muss. Somit erfindet Jorma Taccone den blutigen Ehestreit nicht neu. Er sorgt lediglich dafür, dass er diesmal ein Stückchen härter trifft, häufiger zündet und unterm Strich noch etwas besser funktioniert als die ohnehin schon solide Vorlage. 

    Over Your Dead Body Amazon Prime Video Film 2026
    Over Your Dead Body ©Independent Film Company

    Fazit

    „Over Your Dead Body“ übernimmt den mörderischen Ehekrieg von „The Trip“ fast unverändert, findet unter Jorma Taccone aber den besseren Rhythmus. Mehr schwarzer Humor, einfallsreichere Gewalt und das überzeugendere Zusammenspiel von Samara Weaving und Jason Segel machen aus der bekannten Geschichte das stärkere Gesamtpaket.

    Bewertung: 3.5 von 5.
    Amazon Prime Video
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