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Filme | Kritiken
  • Back to the 90s | Amazon Film – Kritik: Die Elevator Boys auf Prime Video

    Back to the 90s

    TitelBack to the 90s
    Genre Komödie, Musik
    Jahr2026
    FSK12
    RegieFacundo Scalerandi

    Starttermin: 21.08.2026 | Prime Video

    Die Elevator Boys machen Prime Video Unsicher – kann das gut gehen?

    Karriereleiter war gestern. Heute reicht es, einen Aufzug zu erwischen. Und der hat schließlich einen entscheidenden Vorteil: Er bringt einen ohne nennenswerten eigenen Aufwand von A nach B. Türknopf, Stockwerkauswahl, Fahrstuhlmusik – und schon geht es durch die Decke. Aufzugschacht sei Dank. Genau das ist ungefähr auch die Geschichte einer handelsüblichen Influencerkarriere: Gestern noch irgendein Mensch mit Kamera und Stativ, heute Millionenpublikum, Werbevertrag, Eisteemarke – und wenn es ganz gut läuft, auch gleich noch die Hauptrolle in einem Spielfilm oben drauf. Bei den Elevator Boys bekommt diese Entwicklung eine beinahe rührende Konsequenz. Sie wurden in einem Aufzug berühmt, machten aus diesem Fahrstuhl ihr Markenzeichen und wollen mit „Back to the 90s“ auf Prime Video nun offenbar noch ein paar Hochhaus-Etagen höher. Raus aus dem Aufzug, rein ins Filmgeschäft. Vom viralen Clip auf die Leinwand. Vom Influencer zum Filmstar? Dass die ohnehin taumelnde deutsche Komödie für solche Höhenflüge ein dankbares Auffangbecken ist, hat sie schließlich schon mehrfach bewiesen. „Kartoffelsalat“ holte YouTube-Stars wie Freshtorge, Dagi Bee und die Lochis ins Kino, „Bruder vor Luder“ machte aus den Lochmann-Zwillingen gleich Hauptdarsteller. Nun also die nächste Generation. Dabei besitzt das Influencertum gegenüber der Schauspielerei einen durchaus unfairen Wettbewerbsvorteil: Man spielt ohnehin ständig eine Rolle. Das perfekte Leben. Die perfekte Beziehung. Und wenn einmal nichts perfekt läuft, wird eben auch der Zusammenbruch zur Geschichte. Tränen werden zu Content, Krisen zu Storylines und Verletzlichkeit zur nächsten vermarktbaren Facette der eigenen Persönlichkeit. Eigentlich sollte man annehmen, dass Influencer hervorragende Schauspieler sein müssten. Sie verbringen schließlich ihr ganzes Leben damit, uns etwas vorzuspielen. Doch was Amazon mit diesem Film liefert, lässt mehr als nur daran zweifeln.

    Back to the 90s Amazon Prime Video Film 2026
    Back to the 90s Amazon MGM Studios

    Prime Video liefert mit „Back to the 90s“ ein regelrechtes Trümmerfeld von einem Film. Quasi das Worst-of des Filmemachens. Das „Wie man es nicht macht“ für Dummies. Und das Schauspiel ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Dabei ist die Ausgangslage eigentlich so simpel, dass man schon fast wieder etwas daraus hätte machen können: Matteo, Jonas, Chris, Ben und Oliver sind fünf Freunde, die seit ihrer Kindheit davon träumen, gemeinsam als Boyband durchzustarten. Eine Aufführung an ihrem College soll endlich die große Chance sein, doch ausgerechnet Ben bekommt kalte Füße und will aussteigen. Während die fünf sich im Aufzug in die Haare kriegen, macht der plötzlich, was Aufzüge in Filmen gelegentlich tun, wenn Drehbuchautoren keine Lust auf eine kompliziertere Zeitmaschine haben: Er stürzt ab. Nicht besonders tief. Dafür ziemlich weit. Denn als sich die Türen wieder öffnen, ist nicht mehr 2026, sondern 1995. Willkommen in den 90ern. Ein bisschen albern, ein bisschen fantastisch, ein bisschen „Was wäre, wenn?“. Die fünf Jungs, smartphonesozialisiert und Social-Media-affin von Geburt an, landen in einer Welt, in der niemand auf einen Touchscreen tippen kann, weil es schlicht keinen gibt. Internet bedeutet ein Geräusch, das klingt, als hätte die Technik den Freitod gewählt. Computer sind graue Kisten. Und wer jemanden erreichen will, ruft eben an. Von einem Telefon. Mit Kabel. Ein geradezu barbarischer Zustand. Also schnell zurück in die Gegenwart – und dafür glauben sie, dass ein unbekannter Song aus den 90ern der Schlüssel sein könnte. Also machen Ben und Co. sich auf die Suche nach der Frau, die diesen Song geschrieben hat, während nebenbei Freundschaften auf die Probe gestellt, romantische Gefühle entwickelt und die Tücken einer Welt ohne moderne Technik bewältigt werden. Aber sind das wirklich die 90er?

    Filmpodcast

    Amazon verwechselt Requisiten mit Gefühl

    Wer die Elevator Boys kennt und mag, dem muss man die Frage vermutlich ohnehin nicht stellen. Die Zielgruppe kennt die 90er schließlich höchstens aus Erzählungen. Und wer tatsächlich in diesem Jahrzehnt aufgewachsen ist, dürfte sich beim Anblick der fünf Jungs ohnehin erst einmal fragen, ob die Zeitreise vielleicht nicht doch noch ein paar Jahre weiter zurückgegangen ist. Denn die 90er waren nicht einfach nur eine Ansammlung von Retro-Requisiten, die man in einen Raum stellt und anschließend mit einem Weichzeichner fotografiert. Sie waren eine Zeit. Und Zeiten haben ein Gefühl. Genau dieses Gefühl fehlt „Back to the 90s“ beinahe vollständig. Natürlich gibt es Tamagotchis. Natürlich gibt es klobige Röhrenmonitore. Natürlich stehen irgendwo Telefone herum, die nicht aussehen, als würden sie nebenbei noch WhatsApp öffnen können. Natürlich wird sich in Klamotten geworfen, bei denen man heute froh sein darf, dass Fotos nicht automatisch in der Cloud gespeichert werden. Da sind die Trainingsjacken, die weiten Hosen, die bunten Muster, die Jeans, die offenbar niemals gelernt haben, dass ein Bein auch schmaler als ein Kantholz sein darf. Dazu kommen die Frisuren. Haare, irgendwo zwischen Boyband, Bravo-Fotostrecke und „Mama, darf ich heute selbst zum Friseur?“. Und natürlich darf auch das technische Museum der Neunziger nicht fehlen. Walkman, Diskman, Kassetten, Computer, Modem. Alles ist da. Nur die 90er selbst scheinen irgendwo auf der Strecke geblieben zu sein.

    Back to the 90s Amazon MGM Studios

    Ein Modemgeräusch macht noch keine 90er. Ein Röhrenmonitor macht noch keine 90er. Eine Plastikkette, eine Trainingsjacke und ein paar schlecht sitzende Jeans ergeben noch keine Zeitreise. Und wenn man fünf Menschen vor eine Kamera stellt, ihnen die Kostüme einer vergangenen Epoche überzieht und anschließend einen Retrofilter über das Bild legt, hat man noch lange nicht verstanden, wie diese Epoche ausgesehen hat. Schon gar nicht, wie sie sich angefühlt hat. Denn Nostalgie funktioniert nicht über Inventarlisten. Sie funktioniert über Erinnerung. Und genau da wird es schwierig, denn Erinnerung besteht eben nicht aus Gegenständen. Sie besteht aus dem, was diese Gegenstände einmal bedeutet haben. Aus dem ersten eigenen Handy, das plötzlich die ganze Welt kleiner erscheinen ließ, obwohl es eigentlich kaum mehr konnte als telefonieren und SMS verschicken. Aus Musik, die nicht einfach irgendwo im Hintergrund lief, sondern manchmal tatsächlich den halben Tag bestimmte, weil man eben nicht jederzeit alles hören konnte. Das sind die Dinge, die eine Zeit zurückholen. Nicht der Röhrenmonitor allein, sondern das Gefühl, davor gesessen zu haben. „Back to the 90s“ kennt diese Gegenstände, aber nicht dieses Gefühl. Der Film stellt sie aus. Er benutzt sie wie Wegweiser, die der Zuschauerschaft ständig zurufen: Hier ist übrigens gerade Nostalgie. Und irgendwann wird aus der Zeitreise deshalb eine Art 90er-Jahre-Museum, in dem zwar alles beschriftet ist, aber nichts mehr lebt. Statt in einem authentischen Gefühl für Vergangenheit landet „Back to the 90s“ so unfreiwillig bei einem ziemlich modernen Problem: Reichweite wird inzwischen gern mit Talent verwechselt. Wer Millionen Menschen erreicht, bekommt irgendwann die Möglichkeit, alles Mögliche zu machen. Musik, Mode, Moderation, Schauspiel. Warum auch nicht? Wenn die Followerschaft da ist, wird sich schon jemand finden, der das nächste Projekt finanziert. Nur funktioniert ein Spielfilm leider nicht nach diesem Prinzip. Ein Politiker nimmt schließlich auch nicht plötzlich ein Skalpell in die Hand und operiert am offenen Herzen, nur weil ihn viele Menschen kennen. Und wenn sich fünf Männer in einem Aufzug erfolgreich dabei filmen, wie sie tanzen, besitzt deshalb noch lange nicht automatisch das Werkzeug, um eine Filmfigur über anderthalb Stunden glaubwürdig zum Leben zu erwecken. Was daraus entsteht, sind Dialoge, bei denen man das Umblättern der Drehbuchseiten förmlich hören kann. Man vernimmt bloßen Text. Satz für Satz. Blick, Pause, Antwort. Und wo eigentlich Spontaneität, Timing oder wenigstens ein bisschen Leben entstehen müsste, bleibt die sichtbare Anstrengung, bloß ja nicht den nächsten Einsatz zu verpassen.

    Back to the 90s Amazon Prime Video Film 2026
    Back to the 90s Amazon MGM Studios

    Eine Zeitreise ins filmische Erdgeschoss

    Aber was für eine Art von Film ist es denn nun? Eine Komödie? Dann müsste man lachen. Eine Romanze? Dann müsste man etwas fühlen. Ein Musikfilm? Dann müsste die Musik mehr sein als uninspiriertes Beiwerk. Eine Zeitreisegeschichte? „Back to the 90s“ nimmt von allem ein bisschen und entwickelt aus nichts davon eine eigene Identität. Übrig bleibt eine Geschichte, die ungefähr in die Länge eines Instagram-Reels passt und nun trotzdem anderthalb Stunden lang auf Prime Video herumsteht. Ein paar Jungs steigen in einen Aufzug, landen in den 90ern, suchen einen Song, lernen ein paar Menschen kennen, bekommen Gefühle und wollen wieder nach Hause. Das ist als Idee nicht schlecht. Nur hätte die Idee vielleicht selbst erst einmal eine Idee gebraucht. Denn auch handwerklich bleibt erstaunlich wenig hängen. Das Bild ist weichgezeichnet, als müsse jeder Pixel persönlich davon überzeugt werden, dass er wirklich aus den 90ern stammt. Die Musik funktioniert auf einer Retro-Playlist vermutlich besser als innerhalb des Films, weil ein guter Song noch lange keine Szene gut macht. Und die Kostüme mögen tatsächlich den gewünschten Zeitraum markieren, ersetzen aber eben keine Atmosphäre. Alles sieht nach 90ern aus. Fast nichts fühlt sich nach 90ern an. Und irgendwann wird aus diesem Mangel an Gefühl ein viel größeres Problem: „Back to the 90s“ macht schlicht keinen Spaß. Nicht auf die angenehm schlechte Art, bei der man sich irgendwann über den Unsinn freut. Nicht auf die charmant alberne Art, bei der man einem Film seine Fehler verzeiht. Sondern auf eine erstaunlich leere Weise. Es passiert ständig etwas und gleichzeitig fühlt sich nichts wirklich wichtig an. Vielleicht hätte der Film deshalb tatsächlich dort bleiben sollen, wo die Elevator Boys groß geworden sind: im kurzen Moment. Im Aufzug. In einem Clip, der nach wenigen Sekunden vorbei ist und genau deshalb funktioniert. Denn ein Aufzug kann einen ziemlich schnell nach oben bringen. Eine Filmkarriere leider nicht.

    Back to the 90s Amazon Prime Video Film 2026
    Back to the 90s Amazon MGM Studios

    Fazit

    „Back to the 90s“ will hoch hinaus und bleibt doch im Aufzug stecken. Zwischen Retro-Requisiten, Fahrstuhlmusik und Influencer-Schauspiel entsteht ein Film, der zwar ständig an die 90er erinnert, aber kaum etwas davon fühlen lässt. Die Elevator Boys mögen den Aufzug beherrschen – die Zeitreise führt allerdings direkt ins filmische Erdgeschoss. Und dort hätte man sie besser gelassen.

    Bewertung: 0.5 von 5.
    Amazon Prime Video
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  • Die Festnahme | Netflix Film – Kritik: Der Mythos El Chapo als Kammerspiel

    Die Festnahme

    TitelDie Festnahme
    Genre Thriller, Krimi
    Jahr2026
    FSK16
    RegieChava Cartas

    Starttermin: 21.08.2026 | Netflix

    Wenn die wahre Begebenheit auf der Rückbank Platz nimmt 

    Es gibt Namen, die einfach nicht verschwinden wollen. Nicht aus der Geschichte, sondern aus unseren Geschichten. Namen, die irgendwann ein Eigenleben entwickeln, sich aus dem Leben ihrer Träger lösen und durch die Unterhaltungsindustrie geistern wie Wiedergänger, die niemand mehr zur Ruhe betten möchte. Sie tauchen auf Fahndungsplakaten auf, in Romanen, Dokumentationen, Podcasts, Serien und Spielfilmen, werden aus der Täterperspektive seziert, aus Opferperspektive nacherzählt, aus Ermittlersicht rekonstruiert und schließlich noch einmal aus irgendeinem möglichst unverbrauchten Blickwinkel betrachtet, der den immergleichen alten Knochen ein frisches Stück Fleisch verpassen soll. Manche Menschen werden zu Geschichte. Andere werden zu Stoff. Und manche werden irgendwann zu beidem. El Chapo gehört längst in diese letzte Kategorie. Joaquín Guzmán ist nicht mehr nur Joaquín Guzmán, der mexikanische Drogenboss, der jahrzehntelang ein gigantisches Kartellimperium führte und dessen Festnahme, Flucht und erneute Festnahme längst selbst zu Bestandteilen einer internationalen Popkultur geworden sind. El Chapo ist eine Projektionsfläche. Ein Mythos mit Gesicht. Ein Name, bei dem das Kopfkino längst anspringt, bevor überhaupt jemand erklären muss, wer gemeint ist. Tunnel. Gefängnismauern. Maschinengewehre. Geldbündel. Das Sinaloa-Kartell. Fluchten, Verhaftungen, Fahndungsfotos. Netflix’ „Die Festnahme“.

    Die Festnahme Netflix Film 2026
    Die Festnahme ©Netflix

    Inzwischen gibt es eigentlich kaum noch eine Perspektive, aus der dieser Mann nicht irgendwann betrachtet wurde. Mal als Gangster, mal als Mythos, mal als Gegenstand einer Dokumentation, mal als Serienfigur, mal als Teil einer größeren Drogenkriegserzählung. Immer derselbe Mann. Immer neue Kameras. Nun also die Festnahme. Nicht der Aufstieg. Nicht die Flucht. Nicht das Gefängnis. Sondern dieser eine Moment, in dem aus einer jahrzehntelang aufgebauten Legende Legende plötzlich ein ganz normaler Gefangener wird – und dafür nimmt Die Festnahme El Chapo, gespielt von Héctor Kotsifakis, wortwörtlich auf der Rückbank Platz. Die Geschichte verfrachtet den berüchtigten Drogenboss nach seiner Festnahme in einen Streifenwagen und setzt ihm zwei Männer gegenüber, die bis dahin vermutlich nicht damit gerechnet haben, dass ihre gewöhnliche Schicht irgendwann einmal mit einem der meistgesuchten Verbrecher der Welt auf der Rückbank enden würde. Arturo Carmona, gespielt von Alfonso Herrera, und Héctor Rosales, verkörpert von Noé Hernández, halten Guzmán bei einer Routinekontrolle fest und plötzlich ist nichts mehr Routine. Kein großer Zugriff mit Hubschraubern und schwer bewaffneten Einsatzkräften, kein minutenlanges Feuergefecht, kein triumphaler Moment vor laufenden Kameras. Stattdessen: ein Auto. Zwei Polizisten. Ein Gefangener. 

    Filmpodcast Netflix

    Netflix lässt den Mythos El Chapo links liegen und macht daraus ein muffiges Kammerspiel

    Regisseur Chava Cartas, der bereits mit „Der Gegenangriff“ einen actionbetonenden Netflix Film inszenierte, benutzt den Namen El Chapo zunächst so, wie es vor ihm schon viele getan haben: als Türöffner. Der Name steht auf dem Plakat, er steht im Titel der internationalen Vermarktung und er sorgt dafür, dass man überhaupt erst wissen möchte, was hinter der nächsten Geschichte über den mexikanischen Drogenboss steckt. Und doch lässt Cartas ihn erstaunlich beiläufig aus dem Mittelpunkt verschwinden. El Chapo mag der Dreh- und Angelpunkt des Netflix Originals sein und doch bleiben er und seine Legende kaum mehr als ein schweres Gepäckstück. Er sitzt, redet, droht und verhandelt. Er wartet. Und doch dreht sich das Interesse des Skripts um Arturo Carmona und Héctor Rosales, die plötzlich mit einem moralischen Angebot konfrontiert werden, das sich nicht einfach wie ein weiterer Punkt auf einem Einsatzbericht abhaken lässt. Denn Geld ist in solchen Geschichten selten einfach nur Geld. Schon gar nicht, wenn es aus einer Welt kommt, in der ein Nein einen Preis haben kann, den selbst ein Koffer voller Scheine nicht aufwiegen könnte. „Die Festnahme“ macht aus dieser Versuchung kein großes philosophisches Gedankenspiel, sondern setzt sie zwei Männern vor die Nase und lässt sie damit allein. Aus einem der berüchtigtsten Verbrecher der Gegenwart wird ein Kammerspiel, das sich über weite Strecken auf den Innenraum eines Polizeiwagens und die muffigen vier Wände eines billigen Raststättenzimmers konzentriert.

    Die Festnahme Netflix Film 2026
    Die Festnahme ©Netflix

    Bevor es allerdings so weit kommt, nimmt sich Netflix Zeit für seine beiden Protagonisten. Arturo und Héctor werden vorgestellt, ihre berufliche Situation, ihre Zusammenarbeit, ihre unterschiedlichen Temperamente. Es ist nicht unbedingt die Figurenzeichnung, bei der „Die Festnahme“ plötzlich die Türen zu einer unbekannten Welt aufstößt. Dafür bleiben die beiden Männer über weite Strecken zu oberflächlich, ihre Biografien zu funktional und ihre persönlichen Abgründe zu wenig ausgeleuchtet. Dabei ist gerade das Interessante, dass der Film gar nicht versucht, die nächste große El-Chapo-Geschichte zu erzählen. Er will keine neue Dokumentation sein, keine weitere Nacherzählung der Flucht aus dem Gefängnis, keine kriminalhistorische Aufarbeitung mit Zeitzeugen, Archivbildern und möglichst vielen ernsten Gesichtern, die noch einmal erklären, wie außergewöhnlich Joaquín Guzmán eigentlich war. Cartas interessiert sich für den Moment danach. Für die Männer, die plötzlich mit diesem außergewöhnlichen Gefangenen umgehen müssen. Das ist keine schlechte Idee. Nur eben auch keine besonders neue. Das Motiv der korrupten Polizisten, die zwischen Pflicht und Geld stehen, gehört schließlich zu den zuverlässigsten Werkzeugen des Polizeithrillers. Netflix selbst hat es erst kürzlich in „The Rip“ wesentlich größer, härter und mit deutlich mehr Starpower ausprobiert. Ben Affleck, Matt Damon und Steven Yeun hatten dort nicht nur mehr Geld auf dem Bildschirm, sondern auch erheblich mehr schauspielerisches Gewicht. Dadurch wirkt das mexikanische Pendant stellenweise etwas beliebig. Nicht schlecht. Nur eben auch nicht so, als müsste man sich diesen einen Film unbedingt merken. Die Idee funktioniert, die Spannung funktioniert ebenfalls, und gerade die Enge des Settings entwickelt mit zunehmender Laufzeit einen angenehmen Druck.

    Die Festnahme Netflix Film 2026
    Die Festnahme ©Netflix

    Fazit

    Am Ende ist „Die Festnahme“ genau das, was der Filmtitel verspricht: ein kühles Protokoll des Stillstands, keine Feier des Mythos. El Chapo wird vom unnahbaren Kartellgott zur bloßen Verhandlungsmasse auf einer billigen Rückbank degradert. Das ist als kammerspielartiger Psychotrip handwerklich dicht und erzeugt einen spürbaren, klaustrophobischen Druck. Doch dem moralischen Dilemma der beiden Polizisten fehlt die emotionale Tiefenschärfe, um wirklich im Gedächtnis zu bleiben. Netflix liefert hier soliden, spannenden Fast-Food-Thriller für zwischendurch – der große Wurf, der dem abgenutzten Popkultur-Phänomen Guzmán eine völlig neue Facette abringt, bleibt es am Ende aber nicht.

    Bewertung: 3 von 5.
    Amazon Filme Blu-ray
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  • Fünfzehn Tage sind für immer | Netflix Film – Kritik zur queeren Netflix Romanze

    Fünfzehn Tage sind für immer

    TitelFünfzehn Tage sind für immer
    Genre Komödie, Romanze
    Jahr2026
    FSK12
    RegieDaniel Lieff

    Starttermin: 19.08.2026 | Netflix

    Wie viel Herz steckt im neuen Netflix Film?

    Wir werden in einen Körper hineingeboren, der eigentlich unser engster Verbündeter sein sollte, doch im Laufe des Lebens machen wir ihn viel zu oft zum größten Feindbild. Man trägt ihn durch die Welt und sieht ihn dabei doch allzu oft mit den Augen der anderen: im Spiegel, in der Umkleidekabine, am Strand, im Fitnessstudio, überall dort, wo aus einem Menschen für einen kurzen Moment eine öffentliche Erscheinung wird. Irgendwann braucht es gar keinen Spott mehr. Die fremden Blicke sind längst verinnerlicht, die vermeintlichen Urteile sitzen fest im eigenen Kopf und beginnen, Entscheidungen zu treffen, noch bevor man selbst überhaupt darüber nachgedacht hat. Dieses Kleid steht einem nicht. In diesen Raum gehört man nicht. Dieser Mensch kann unmöglich Interesse an einem haben. Und so wird aus Körperunsicherheit Lebensvermeidung. Man bleibt lieber am Rand, wo niemand genauer hinsieht, und findet vermeintliche Sicherheit in der Anonymität. Unsichtbar, aber immerhin keine Zielscheibe. Am Ende ist es gar nicht der eigene Körper, der einen blockiert – es ist die paranoide Vorstellung davon, wie die Welt ihn wahrnimmt. Genau dieses Gefühl bildet den emotionalen Kern des brasilianischen Netflix Films „Fünfzehn Tage sind für immer“ – basierend auf Vitor Martins’ Roman von 2017. 

    Fünfzehn Tage sind für immer Netflix Film 2026
    Fünfzehn Tage sind für immer ©Netflix

    Unter der Regie von Daniel Lieff erzählt „Fünfzehn Tage sind für immer“ von zwei Jungen, die sich näherkommen, während einer von ihnen eigentlich alles daransetzt, genau das zu verhindern. Felipe (Miguel Lallo) ist 17, und wenn es nach ihm ginge, könnten seine Ferien vor allem eines sein: ruhig. Zu Hause bleiben, ein Buch lesen, ein paar Serien schauen und möglichst wenig Anlass dafür geben, dass die Welt da draußen überhaupt Notiz von ihm nimmt. Kein Strand, keine großen Pläne, keine Situationen, in denen fremde Menschen Gelegenheit bekommen könnten, ihn anzusehen. Oder schlimmer noch: ihn zu beurteilen. Felipe hat sich mit der Unsichtbarkeit arrangiert. Sie ist nicht schön, aber sie ist sicher. Dann taucht Caio (Diego Lira) auf. Für fünfzehn Tage soll der Sohn einer guten Freundin von Felipes Mutter Rita (Débora Falabella) bei ihnen wohnen, was für Felipe ungefähr so erfreulich klingt wie ein Überraschungsbesuch beim Zahnarzt. Denn Caio ist nicht irgendein Fremder, sondern ein alter Kindheitsfreund, der inzwischen allerdings ziemlich viel von dem verloren hat, was Felipe früher einmal an ihm mochte – abgesehen von seinem Aussehen. Denn Caio ist schön. Nicht einfach nur ein bisschen hübsch, sondern genau diese Sorte Junge, bei der Felipe sich selbst sofort aus dem Spiel nimmt. Einer von denen, die man anschauen darf, aber bei denen man gar nicht erst auf die Idee kommt, sie könnten zurückschauen. 

    Filmpodcast Netflix

    Ein Sommer zwischen Selbstzweifeln und Verliebtheit

    Der Sommer ist da, und mit ihm natürlich die große Zeit des Verliebens. Irgendwo zwischen Freibad, Ferienhaus und Sonnenuntergang muss schließlich noch Platz sein für diese eine Person, die plötzlich alles ein bisschen schöner macht. Zumindest im Film. Und gerade Netflix hat sich in den vergangenen Jahren ausgiebig daran versucht, diese sommerliche Gefühlslage in möglichst leicht konsumierbare Romantik zu verwandeln, wobei nicht selten mehr Wert auf Sonnenlicht, nackte Oberkörper und hübsche Kulissen gelegt wird als auf die Menschen, die darin überhaupt etwas füreinander empfinden sollen. „Fünfzehn Tage sind für immer“ ist nun sicher kein „Call Me by Your Name“ und auch nicht die große Offenbarung des sommerlichen Coming-of-Age-Kinos, dafür bleibt vieles zu vertraut, manches zu vorhersehbar und gelegentlich auch ein wenig zu zuckrig. Aber der Film ist eben auch weit entfernt von jener lieblos zusammengeschraubten Ferienromanze, bei der zwei schöne Menschen drei Wochen lang in der Sonne stehen und am Ende plötzlich die große Liebe entdecken. Netflix kann schließlich, wenn es will. „Big Mouth“ und „Sex Education“ haben längst bewiesen, dass zwischen Teenagerhormonen, Körperunsicherheit und dem ganzen emotionalen Chaos dieser Lebensphase durchaus Geschichten entstehen können, die nicht nur niedlich aussehen, sondern tatsächlich etwas fühlen. Und genau deshalb funktioniert „Fünfzehn Tage sind für immer“ vor allem dort, wo sich der Blick weg von der Romanze und hin zu Felipe richtet. Denn natürlich möchte man, dass dieser Junge sich verliebt. Man möchte aber mindestens genauso sehr, dass er irgendwann aufhört, sich selbst zu hassen. 

    Fünfzehn Tage sind für immer Netflix Film 2026
    Fünfzehn Tage sind für immer ©Netflix

    Je näher Felipe Caio kommt, und umso mehr sich sein eigenes Selbstbild wandelt, desto mehr zerfällt auch das Bild, das er sich von Caio gemacht hat. Der unerreichbare Junge aus den eigenen Tagträumen bekommt Verletzlichkeit. Er wird vom Objekt der Begierde zum Menschen. Und vielleicht ist genau das auch der Moment, in dem Felipe langsam begreift, dass er selbst bislang nicht viel anders mit sich umgegangen ist: Er hat seinen eigenen Körper betrachtet wie ein Fremder, sich selbst auf das reduziert, was andere möglicherweise sehen könnten, und darüber völlig vergessen, dass hinter all dem ebenfalls ein Mensch steckt. Das macht „Fünfzehn Tage sind für immer“ trotz seiner bekannten Bahnen erstaunlich herzlich. Die großen Erkenntnisse sind nicht neu, die Geschichte erfindet weder das Coming-of-Age-Genre noch die erste queere Liebe neu und manchmal lässt sich schon ziemlich früh erahnen, wohin dieser Sommer führen wird. Aber das muss ja nicht immer schlimm sein. Gerade weil das Netflix Original nicht versucht, aus Felipes Unsicherheit ein großes gesellschaftspolitisches Lehrstück zu machen, sondern ihn einfach dabei begleitet, wie er sich langsam aus seinem selbstgebauten Schneckenhaus herauswagt, entwickelt die Geschichte eine angenehme Wärme. Ein bisschen kitschig ist das. Ein bisschen zu schön manchmal auch. Aber eben nicht herzlos. Und so ist dieser Sommer bei Netflix ausnahmsweise einmal nicht nur Kulisse für gebräunte Haut und behauptete Gefühle. Es ist ein Ort, an dem ein Junge lernen darf, dass Verliebtsein vielleicht gar nicht damit beginnt, von jemand anderem begehrt zu werden. Sondern damit, sich selbst irgendwann nicht mehr ständig dafür zu entschuldigen, dass man überhaupt da ist. Coming of Age mit Herz also. Nicht besonders revolutionär. Aber manchmal ziemlich genau das, was man braucht.

    Fünfzehn Tage sind für immer Netflix Film 2026
    Fünfzehn Tage sind für immer ©Netflix

    Fazit

    „Fünfzehn Tage sind für immer“ erfindet die erste Liebe nicht neu, erzählt sie aber mit genug Wärme, Herz und sommerlicher Leichtigkeit, um trotzdem im Gedächtnis zu bleiben. Ein bisschen kitschig, ein bisschen vorhersehbar – und gerade deshalb ziemlich liebenswert.

    Bewertung: 3 von 5.

    Amazon Filme Blu-ray
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  • Is God Is | Amazon Film – Kritik: Ein fiebriger Rachetrip auf Prime Video 

    Is God Is

    TitelIs God Is
    Genre Thriller, Drama
    Jahr2026
    FSK16
    RegieAleshea Harris

    Starttermin: 19.08.2026 | Prime Video

    Amazon schickt zwei Schwestern in ein nihilistisches Rachemärchen 

    Manche Verletzungen heilen nie. Sie wechseln bloß ihre Form. Aus Angst wächst Misstrauen. Aus Trauer Wut. Und aus Wut irgendwann der Wunsch, dass wenigstens irgendjemand für all das bezahlen soll. Narben erzählen davon. Die auf unserer Haut genauso wie die, die man mit bloßem Auge nicht sieht. Während die einen mit der Zeit verblassen, beginnen die anderen erst richtig Wurzeln zu schlagen. Sie erinnern daran, was war, aber auch daran, was aus einem Menschen geworden ist. In „Is God Is“ tragen zwei Schwestern beides mit sich herum. Die Brandnarben auf ihrer Haut sind längst zu sichtbaren Abbildern jener Wunden geworden, die sich tief in ihr Inneres eingebrannt haben. Erst als sie ihre sterbende Mutter wiedersehen, nimmt dieser Schmerz eine Richtung an: Sie schickt ihre Töchter auf einen Feldzug gegen den Vater, den sie für das Leid der Familie verantwortlich macht. Aus diesem schmalen Fundament entwickelt Regiedebütantin Aleshea Harris eine Reise, die irgendwo zwischen Rachemärchen, Theaterbühne und fiebrigem Albtraum ihren ganz eigenen Rhythmus findet. Southern Gothic, Blaxploitation, Theater und Tarantino verschmelzen dabei zu einer ungewöhnlichen Einheit – und doch fühlt sich das Amazon Original nie wie eine bloße Sammlung fremder Einflüsse an. Dafür besitzt Harris‘ Handschrift zu viel Eigenwilligkeit.

    Is God Is Amazon Film 2026
    Is God Is ©Amazon MGM

    Gerade diese Eigenwilligkeit macht „Is God Is“ allerdings ebenso faszinierend wie sperrig. Dialoge klingen trotz des schimpfwortlastigen Gossenjargons weniger nach Alltag als nach Bühne. Räume wirken entrückt, Begegnungen fast traumartig. Menschen tauchen auf und verschwinden wieder, als hätten sie nie einer realen Welt angehört. Statt Natürlichkeit dominiert eine bewusst künstliche Inszenierung, die die Zuschauerschaft immer wieder daran erinnert, dass hier keine Wirklichkeit abgebildet wird. Sie übersetzt vielmehr den inneren Zustand der Figuren in Bilder. Das passt hervorragend zu den beiden Schwestern, deren sichtbare Brandnarben nur der äußere Abdruck einer Vergangenheit sind, die längst ihr gesamtes Leben bestimmt. Der eigentliche Schmerz sitzt tiefer. Harris interessiert sich deshalb weniger für die Gewalt selbst als für das, was sie aus Menschen macht. Für den langen Schatten, den sie wirft. Für die Frage, ob sich ein Leben überhaupt noch zurückerobern lässt, wenn die Vergangenheit längst in Schutt und Asche liegt. Gerade deshalb überrascht es, dass der Film seine Figuren emotional oft auf Abstand hält. Nicht ausschließlich, weil sie oberflächlich geschrieben wären, sondern weil sich nahezu alles der Wut unterordnet oder in beiläufigen Exzentrizitäten und skurrilen Begegnungen verliert.

    Filmpodcast

    „Is God Is“ erkundet die Narben unter den Narben

    So wird die Wut zur treibenden Kraft, während andere Facetten der Figuren nur selten die Gelegenheit erhalten, sich wirklich zu entfalten. Das verleiht „Is God Is“ eine enorme Konsequenz, lässt jedoch kaum Raum für spürbare Zwischentöne. Trauer, Zweifel oder Verletzlichkeit blitzen zwar immer wieder auf, verschwinden aber fast ebenso schnell hinter der nächsten Eskalation. So entsteht das Gefühl, Menschen eher beim Verkörpern eines Schmerzes zuzusehen, als ihnen tatsächlich nahezukommen. Gleichzeitig liegt darin aber auch ein gewisser Reiz: Harris verweigert sich klassischer Katharsis. Die Gewalt fühlt sich nie befreiend an, sondern wie eine weitere Last, die ihre Figuren mit sich herumschleppen müssen. Mit jedem Schritt nach vorne spitzt sich die Ausweglosigkeit ihrer Situation zu. Nicht jede Narbe wird irgendwann zu einem Symbol der Stärke. Manche erinnern einen ein Leben lang daran, dass Stärke oft nur der Name ist, den wir unserem Überleben geben.

    Is God Is Amazon Film 2026
    Is God Is ©Amazon MGM

    „Is God Is“ verlangt seinem Publikum einiges ab – und das nicht ausschließlich im positiven Sinne. Die Theaterwurzeln von Harris‘ nihilistischer Rachegeschichte, die mit ihrem Spielfilmdebüt ihr eigenes Bühnenstück zu Prime Video bringt, sind jederzeit spürbar, während sich die surreale Bildsprache ganz selbstverständlich mit ihnen verbindet. Daraus entsteht eine eigenwillige Ästhetik, die die staubige Unbarmherzigkeit eines Spaghetti-Westerns atmet, den Amazon Film emotional aber auch schwer greifbar werden lässt. Seine tonale Unbeständigkeit – mal kompromisslos hart, mal diffus und makaber-skurril – schafft Bewunderung für den Mut seiner Inszenierung, erzeugt jedoch zugleich eine Distanz, die den Zugang zu den Figuren immer wieder erschwert. Wer sich darauf einlässt, entdeckt jedoch ein bemerkenswert mutiges Regiedebüt, das lieber aneckt, als sich gefällig zu machen. Emotional hätte dieser Rachetrip noch tiefer unter die Haut gehen können. Seine Bilder aber hinterlassen Spuren. Wie Narben eben.

    Is God Is Amazon Film 2026
    Is God Is ©Amazon MGM

    Fazit

    Aleshea Harris liefert mit „Is God Is“ ein mutiges Spielfilmdebüt ab, das sich konsequent jeder klassischen Mainstream-Katharsis verweigert. Die Verschmelzung aus Tarantino-Zitaten, Western-Anleihen und starren Theaterwurzeln erschwert zwar den emotionalen Zugang zu den Figuren, macht das Werk im selben Atemzug aber auch so unverwechselbar eigenwillig. Ein etwas sperriges Amazon Original, das lieber unbequeme Fragen über die Unumkehrbarkeit von Gewalt stellt, als billige Genretrends zu bedienen.

    Bewertung: 3 von 5.
    Amazon Prime Video
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  • Don’t Say Good Luck | Netflix Film – Kritik: Sunny Sandler trifft mitten ins Herz

    Don’t Say Good Luck

    TitelDon’t Say Good Luck
    Genre Drama
    Jahr2026
    FSK12
    RegieJulia Hart

    Starttermin: 14.08.2026 | Netflix

    Wenn hinter dem Bühnenlicht das Leben wartet

    Im Theater gibt es Wörter, die man besser nicht in den Mund nimmt. „Viel Glück“ gehört dazu. Ausgerechnet vor dem Moment, in dem jemand Nerven wie Drahtseile gebrauchen könnte, gilt der gut gemeinte Wunsch als schlechtes Omen. Stattdessen heißt es „Hals- und Beinbruch!“. Der Aberglaube hat Methode: Wo auf der Bühne alles nach festen Regeln abläuft, soll selbst das Glück seine eigene Dramaturgie besitzen. Nur außerhalb des Theaters hält sich das Leben bekanntlich an keine Regeln. Eine Krankheit fragt nicht nach dem richtigen Zeitpunkt. Eine Diagnose wartet nicht auf den Schlussapplaus. Und auch das Schicksal lässt sich weder umschreiben noch auf Kommando ausblenden. Was also passiert, wenn ausgerechnet eine Teenagerin zwischen Bühnenlicht und einer familiären Katastrophe landet? Muss man dann nicht gerade deshalb viel Glück wünschen? Oder wäre das bei Netflix’ Coming-of-Age-Geschichte „Don’t Say Good Luck“ bereits der erste Fehler?

    Don't Say Good Luck Netflix Film 2026
    Don’t Say Good Luck ©Netflix

    Sophie Birenbaum (Sunny Sandler) bekommt genau das, worauf sie hingearbeitet hat: die Hauptrolle im Schulmusical. Für die begeisterte Theater-Schülerin könnte der große Auftritt kaum näher sein. Doch kurz vor ihrem Vorsprechen erfährt Sophie, dass der Krebs ihrer Mutter Elizabeth (Melanie Lynskey) zurückgekehrt ist. Während auf der Bühne Textsicherheit, Timing und einstudierte Bewegungen gefragt sind, beginnt Sophies Leben hinter den Kulissen aus dem Takt zu geraten. Ihr Vater (Max Greenfield), ihr Freundeskreis und das erste Aufkeimen dieses verrückten Irrsinns namens Liebe werden plötzlich Teil eines Alltags, in dem die Krankheit der Mutter immer stärker in den Mittelpunkt rückt. Sophie muss damit umgehen, dass sich ausgerechnet in dem Moment, in dem sie selbst ins Rampenlicht treten will, das Leben ihrer Familie verdunkelt. Zwischen Schulmusical, Teenagerchaos und der Angst vor dem, was kommen könnte, wird die ohnehin schon überwältigende Gefühlswelt des Erwachsenwerdens um eine Prüfung erweitert, für die es weder Textbuch noch Regieanweisung gibt.

    Filmpodcast Netflix

    Sunny Sandler bringt Netflix zum strahlen 

    Sunny Sandler ist Zucker. Nachdem ihre Schwester Sadie mit ihrer ersten eigenen Hauptrolle in „Du bist sowas von nicht zu meiner Bat-Mizwa eingeladen“ gezeigt hat, dass sie mehr ist als nur ein Nepo-Baby und durchaus eine Hauptrolle tragen kann, ist nun also Sunny dran. Und die gibt  eine fantastische Performance ab. Von Happy Madison, also Adam Sandlers Produktionsfirma, produziert und mit einigen Sandler-Bekannten wie Steve Buscemi im Gepäck, kommt „Don’t Say Good Luck“ dabei gar nicht so klamaukig daher, wie es auch heute noch überraschend oft erwartet wird. Dabei ist genau das  inzwischen doch fast schon eine kleine Tradition im Hause Sandler. Papa Sandler hat mit „Hustle“, „Uncut Gems“ oder auch „The Meyerowitz Stories“ schließlich immer wieder bewiesen, dass unter all dem albernen Quatsch ein verdammt guter Charakterdarsteller steckt, der ein erstaunlich gutes Händchen für Rollen besitzt, in denen er sich selbst ein Stück weit zurücknehmen darf. Bei seinen Töchtern scheint dieses Gespür nun weitergereicht worden zu sein. Eigentlich ist es unfair, an dieser Stelle über Adam Sandler zu reden, wo Sunny doch ganz allein dafür sorgt, dass man ihr in „Don’t Say Good Luck“ so gerne zusieht. Der Vergleich ist dermaßen naheliegend, dass er schon fast weh tut: Sunny Sandler ist tatsächlich ein Sonnenschein. Einer, der nicht künstlich strahlt, sondern einfach diese natürliche Wärme besitzt, die sich irgendwann ganz selbstverständlich auf einen selbst überträgt. Sie verleiht Sophie eine Natürlichkeit, eine Glaubwürdigkeit und eine Lockerheit, durch die man ihr ihre Teenagerwelt sofort abnimmt. Und plötzlich sitzt da nicht einfach irgendeine Filmfigur mit einem viel zu großen Problem auf den Schultern, sondern ein Mädchen, das eigentlich gerade nur Theater spielen, sich verlieben, mit Freunden herumalbern und herausfinden möchte, wer es selbst überhaupt sein will. Dass ihre Mutter an Krebs erkrankt ist, macht diesen ohnehin schon komplizierten Weg natürlich nicht gerade leichter.

    Don't Say Good Luck Netflix Film 2026
    Don’t Say Good Luck ©Netflix

    Gerade deshalb funktioniert das Drehbuch so gut. Es behandelt Sophies Situation einfühlsam, ohne sie ständig mit der Tragik ihrer Geschichte zu erschlagen. „Don’t Say Good Luck“ ist herzerwärmend, manchmal traurig, manchmal ausgesprochen leicht und findet dabei eine Tonalität, die sich erstaunlich ausgewogen anfühlt. Und wenn es dann wirklich wehtut, tut es eben umso mehr weh. Denn natürlich hängt über allem die Frage, ob Elizabeth diese Krankheit überleben wird. Der Film weiß das, und trotzdem muss nicht jede Szene mit einem musikalischen Taschentuch winken, damit man versteht, was hier auf dem Spiel steht. Vieles entsteht einfach aus den Figuren heraus. Aus einem Blick. Einer Umarmung. Einem Moment, in dem Sophie plötzlich nicht mehr weiß, wohin mit ihren Gefühlen. Die Geschichte will einem seine Emotionen nicht aufdrücken. Sie lässt sie wachsen. Auch das Musical fügt sich erstaunlich organisch in die Handlung ein. Wer bei singenden Teenagern sofort innerlich die Flucht ergreift, darf also ruhig noch ein paar Minuten sitzen bleiben. Die Musik ist hier nicht bloß schmückendes Beiwerk und schon gar kein Grund, die Handlung regelmäßig für ein paar Gesangsnummern anzuhalten. Für Sophie wird sie zu einer Sprache für all das, was sie sonst nicht herausbekommt. Gefühle, die irgendwo zwischen Angst, Wut, Liebe und Hilflosigkeit feststecken, finden plötzlich einen Weg nach draußen. Dass Sunny Sandler die Songs dabei selbst singt, macht die Sache umso beeindruckender. Und ja, sie kann es auch verdammt gut. Vor allem aber kann sie spielen. Und genau deshalb möchte man nach „Don’t Say Good Luck“ umso mehr von ihr sehen. Möglichst bald. Möglichst oft. Und wenn Netflix dafür wieder die Tür aufmacht, darf sie von mir aus sehr gerne einfach durchgehen. Denn hier steht eine junge Darstellerin vor der Kamera, bei der man nicht das Gefühl bekommt, dass sie gerade erst ausprobiert, ob sie das vielleicht auch kann. Sie kann es. Und wie.

    Don't Say Good Luck Netflix Film 2026
    Don’t Say Good Luck ©Netflix

    Fazit

    „Don’t Say Good Luck“ ist eine kleine, herzerwärmende Überraschung im Coming-of-Age-Dschungel. Netflix liefert hier ein erstaunlich reifes und feinfühliges Drama ab, das ohne billige Tränendrüsen-Tricks auskommt und die Balance zwischen Teenager-Alltag und Familienschicksal perfekt hält.

    Bewertung: 4 von 5.
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  • Mein bester Freund, seine Freundin und ich | Netflix Film – Kritik

    Mein bester Freund, seine Freundin und ich

    TitelMein bester Freund, seine Freundin und ich
    Genre Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieMarco Petry

    Starttermin: 14.08.2026 | Netflix

    Die ewige Kastrationsangst des deutschen Mannes – jetzt auch auf Netflix

    Eben glaubt man noch, im Jahr 2026 angekommen zu sein, da öffnet sich ein Wurmloch und katapultiert einen zurück in eine Zeit, in der Männerfreundschaft noch vor allem aus Bier, dummen Sprüchen und der panischen Angst bestand, eine Frau könnte den besten Kumpel entmannen. Willkommen in den frühen 2000ern. Marco Petrys „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ wirkt wie ein Film, den jemand auf einer alten Festplatte gefunden, entstaubt, digitalisiert und anschließend in frischem HD in den Streamingkosmos des Jahres 2026 geschoben hat. Die Pixel sind neu. Die Vorstellung vom Mann dahinter nicht unbedingt. Denn Männer, die irgendwann die 30 passieren und trotzdem mit aller Gewalt verhindern wollen, dass das Leben plötzlich nach Erwachsensein aussieht, sind schließlich keine seltene Spezies. Peter Pan lässt grüßen. Als fast 37-jähriger Berufsjugendlicher – die Rede ist von mir – ist dieser Impuls sogar durchaus nachvollziehbar. Nur muss man ihn deshalb noch lange nicht so gnadenlos rückwärtsgewandt auf die Leinwand stellen, als hätte Netflix die Verwertungsrechte am immergleichen, belanglosen deutschen Comedyklischee gepachtet.

    Mein bester Freund, seine Freundin und ich Netflix Film 2026
    Mein bester Freund, seine Freundin und ich ©Netflix

    Matze (David Kross) verliebt sich in Rebecca (Janina Uhse) – und plötzlich war es das mit der heiligen Dreifaltigkeit aus High-Werden, Dichtsaufen und bloß nicht erwachsen werden. Die männliche Zivilisation steht am Abgrund. Aus dem kindischen Rebellen ist über Nacht ein echter Langweiler geworden, für den nur noch seine Freundin zählt. Dinge also, die offenbar ausreichen, um beim besten Freund den inneren Katastrophenschutz auszulösen. Olli betrachtet die Veränderung nicht als das, was sie ist: das ziemlich normale Ende einer Lebensphase. Für ihn ist sie eine feindliche Übernahme. Die Frau nimmt den Mann. Der Mann verliert seine Freiheit. Die Männerfreundschaft droht zu sterben – und die Männlichkeit gleich mit. Mario Barth gefällt das! Dabei könnte selbst aus dem abgedroschensten Klischee noch ein bissiger Film entstehen. Einer über Männer, die Freundschaft mit Besitz verwechseln. Über die infantile Angst, dass Erwachsenwerden bereits Verrat bedeutet. Über Menschen, die lieber eine Frau zum Feind erklären, als zu akzeptieren, dass der beste Freund irgendwann ein eigenes Leben bekommt. Dafür müsste das Klischee allerdings irgendwann unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrechen. „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ tut das nicht. Stattdessen spaziert das Netflix Original selbstbewusst und erstaunlich ahnungslos durch die Gegenwart, als hätte es unterwegs vergessen, dass genau diese Witze bereits vor zwanzig Jahren einen Bart(h) hatten. Und so landet es im Jahr 2026, als wäre seitdem nichts passiert. 

    Filmpodcast Netflix

    Wenn die Männerwelt aus den Fugen gerät 

    Sich an alte Kumpels zu klammern, ist oft nur die bequemste Ausrede dafür, nicht endlich selbstständig werden zu müssen. Das wäre eigentlich eine ziemlich brauchbare Botschaft. Im Fall von „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ verkommt diese Erkenntnis jedoch zu einer plakativen, plumpen und am Ende gar nicht mal so smarten, geschweige denn lustigen Farce, die ungelenk Richtung anarchischem Klamauk schielt und sich dennoch stets wie eine durch und durch deutsche Komödie anfühlt. Es wirkt fast so, als hätte Marco Petry („Eat Pray Bark“) versucht, den grenzüberschreitenden Wahnsinn der Farrelly-Brüder („Driver’s Ed“, „Balls Up“) oder den absurden Exzess eines Will Ferrell („The Hawk“) in das biedere Korsett des deutschen Vorabendprogramms zu zwängen. Heraus kommen Drogen-Gags, Fäkalhumor und künstlich eskalierte Situationen, die sich aneinanderreihen wie die feuchten Fantasien eines alternden weißen Produzenten, der sich lebhaft ausmalt, wie die „jungen Leute“ heute wohl über die Stränge schlagen, ohne in seinem eigenen Leben auch nur ein einziges Mal an einem Joint gezogen zu haben. 

    Mein bester Freund, seine Freundin und ich Netflix Film 2026
    Mein bester Freund, seine Freundin und ich ©Netflix

    So wenig die Netflix Produktion zu begreifen scheint, was eine Männerfreundschaft überhaupt zusammenhält, so wenig Verständnis zeigt sie für Beziehungen und die Menschen, die sie da eigentlich beobachten will. Aber immerhin ist es irgendwann nicht mehr nur die männliche Idiotie, die sich entfalten darf, und mit Rebeccas zunehmender Konterbereitschaft im sich entfachenden Kleinkrieg mit Olli hält auch die geschlechterübergreifende Peinlichkeit Einzug ins Drehbuch. Das Fass, wer hier eigentlich toxischer ist, muss gar nicht erst aufgemacht werden – dass weder Ollis Freundschaft zu Matze noch Rebeccas Beziehung zu ihm auch abseits dieses Verhaltens überhaupt glaubwürdig sind, reicht völlig. Warum kann Olli Matze nicht loslassen? Ist Rebeccas Liebe stark genug, um die Strapazen zu überstehen? Fragen, die sich stellen ließen, aber gar nicht erst aufkommen. Warum irgendjemand von den dreien dem anderen wirklich etwas bedeutet – das ist angesichts dieser unglaubwürdigen Chemie die einzige Frage, die sich aufdrängt. Ob als Freundschaft oder als große Liebe – man nimmt es diesem Dreiergespann schlicht nicht ab. David Kross, Kostja Ullmann und Janina Uhse spielen schließlich beinahe um die Wette, wer am wenigsten wie ein echter Mensch wirken darf. Die Chemie zwischen ihnen ist so aufgesetzt, dass man sich irgendwann fragt, ob die drei überhaupt miteinander gespielt haben. Und sind wir ehrlich: Man hätte hier auch Albrecht Schuch, Franz Rogowski und Paula Beer besetzen können. Wer sich in so einem Drehbuch bewegen muss, kann nur scheitern.

    Mein bester Freund, seine Freundin und ich Netflix Film 2026
    Mein bester Freund, seine Freundin und ich ©Netflix

    Fazit

    „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ hat alles, was eine deutsche Männerkomödie braucht: Bier, Krawall, Kastrationsangst – und leider kaum einen guten Witz. 

    Bewertung: 1 von 5.
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