Austin Abrams hat mal wieder den schlimmsten Tag seines Lebens
Austin Abrams hat sich innerhalb kürzester Zeit zum gefragten Scream King entwickelt und tritt damit zunehmend in die Fußstapfen von Justin Long („Coyotes“). Denn ähnlich wie bei seinem Kollegen scheint auch bei Abrams eine Regel zu gelten: Kaum ein anderer Schauspieler muss sich in seinen Horrorfilmen durch derart albtraumhafte Situationen kämpfen. In „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ bekommt es seine drogenabhängige Figur mit dem bösen Zauber einer Hexe zu tun, in „Resident Evil“ muss er sich im Alleingang gegen Zombies behaupten und in seinem neuesten Film „Whalefall“ wird er kurzerhand von einem riesigen Pottwal verschluckt. Abrams bleibt also kaum Zeit zum Durchatmen. Und wir schauen ihm nur allzu gerne dabei zu.
„Whalefall“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Kraus, der sich zum Bestseller entwickelte. Die Verfilmung entstand unter der Regie von Brian Duffield, der unter anderem für den Science-Fiction–Thriller „No One Will Save You“ und die Horrorkomödie „Zerplatzt“ bekannt ist. Im Mittelpunkt von „Whalefall“ steht der junge Jay (Austin Abrams), der an die Pazifikküste reist, um nach den Überresten seines Vaters Mitt (Josh Brolin) zu suchen. Bei seinem Tauchgang wird er von einem Pottwal verschluckt und findet sich plötzlich in dessen Innerem wieder. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem er auf die Überlebenstechniken zurückgreifen muss, die sein Vater ihm in harten Lektionen beigebracht hat, bevor ihm der Sauerstoff ausgeht.
Wenn jeder Atemzug der letzte sein könnte
Jedes Mal, wenn ein Arbeitskollege das Poster zu „Whalefall“ sieht, sieht er sich als Taucher gezwungen, zu erzählen, wie lächerlich die Prämisse des Films ist. Warum? Die Speiseröhre eines Wals sei nicht breit genug, um einen Menschen zu verschlucken. Und damit liegt er fast richtig. Denn eine Ausnahme bildet der Pottwal, der Jay in diesem Film zum Verhängnis wird. Unwahrscheinlich ist ein solches Szenario dennoch. Aber wer legt bei einem Film dieser Art schon großen Wert auf Realismus? Allein der Gedanke, die geringe Wahrscheinlichkeit, dass so etwas tatsächlich passieren könnte, reicht aus, um daraus einen nervenzerreißenden Film zu machen. Und alter Schwede, hat es „Whalefall“ in sich. Brian Duffield holt inszenatorisch alles aus der Ausgangssituation heraus und beschert Austin Abrams den wohl bisher furchtbarsten Tag seiner Filmkarriere. Wer unter Platzangst leidet, sollte sich den Kinobesuch zweimal überlegen. Duffield erzeugt ein unglaublich unangenehmes Gefühl von Klaustrophobie. Egal, ob es die Enge im Inneren des Wals, der Sauerstoffmangel oder die ätzende Magensäure ist: Jay hat es während der 104 Minuten alles andere als leicht, und man fiebert unentwegt mit ihm mit. In Zeiten von KI-Slop und übermäßigem CGI-Einsatz ist es umso bewundernswerter, dass Duffield und sein Team das Innere des Wals vollständig mit praktischen Effekten zum Leben erweckt haben. Für jeden Atemzug und jede Bewegung des Wals standen sieben Crewmitglieder außerhalb des Sets bereit, die mit Schaumstoffpaddeln gegen die fleischartigen Wände drückten oder daran zogen.
Diese Authentizität trägt, unterstützt durch ein großartiges Sounddesign, ungemein zur beklemmenden Atmosphäre bei. Wenn sich der Magen des Wals immer weiter zusammenzieht, Jay langsam der Sauerstoff ausgeht und er mit immer neuen Problemen zu kämpfen hat, überträgt sich dank der starken Inszenierung jeder Moment des Horrors spürbar auf das Publikum und lässt den Puls in die Höhe schnellen. Unterbrochen wird Jays Überlebenskampf immer wieder von Rückblenden, die das schwierige Verhältnis zwischen ihm und seinem verstorbenen Vater Mitt beleuchten. Diese Dynamik bildet den emotionalen Kern der Geschichte. Die ausweglose Situation wird zur Metapher für Jays Schuldgefühle, seine Trauer und unverarbeitete Traumata. Eigentlich ein mittlerweile etwas müdes Thema im Genre, das hier allerdings weitgehend effektiv umgesetzt wird. Symbolisch betrachtet wird der Wal zu einer Vaterfigur, in deren Ansprüchen sich Jay selbst nach dessen Tod noch immer gefangen fühlt. Gegen Ende nimmt Duffield diese Metapher allerdings etwas zu wörtlich, wodurch „Whalefall“ zunehmend ins Melodramatische abdriftet. Abgefedert wird das durch die starken Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Josh Brolin ist trotz der schroffen Art seiner Figur so charmant wie eh und je. Und verdammt fit für sein Alter. Scream King Austin Abrams macht seinem Titel hingegen alle Ehre, vermittelt Jays Panik glaubwürdig und überzeugt zugleich in den emotional bewegenden Momenten.
„Whalefall“ ist ein klaustrophobischer Überlebensthriller, der mit handgemachten Effekten, einem herausragenden Sounddesign und einem panischen Austin Abrams für Nervenkitzel sorgt. Auch emotional hat der Film einiges zu bieten, verliert sich gegen Ende jedoch etwas zu sehr im Melodrama. Ein packender Unterwasseralbtraum, der einem spürbar den Atem raubt.
Die Niederlande sind im Horrorgenre vor allem für atmosphärische Genreperlen bekannt. Als Erstes kommen einem dabei Filme wie „The Vanishing“ oder der fantastische „Speak No Evil“ in den Sinn, der vor wenigen Jahren so erfolgreich war, dass bereits ein Jahr später ein amerikanisches Remake produziert wurde. Gewalt und blutige Eskapaden bleiben dabei meist aus, stattdessen setzt der niederländische Horror eher auf subtile Schrecken. Bis jetzt. Denn Regisseur Martijn Smits präsentiert mit „Meat Kills“ den ersten niederländischen Horrorfilm der in seinem Land eine FSK-18-Freigabe erhalten hat. Die Busch Media Group bringt den Film in verschiedenen hübschen Mediabook-Varianten ins deutsche Heimkino, worüber sich vor allem Fans blutiger Massaker freuen dürften. Im Mittelpunkt steht die junge Tierliebhaberin Mirthe (Caro Derkx), die sich auf eine Schweinefarm einschleust, um die grausamen Zustände und den Umgang mit den Tieren zu dokumentieren. Damit will sie in die radikale Aktivistengruppe „Animal Army“ aufgenommen werden. Ihr Plan geht auf: Gemeinsam mit der Gruppe bricht sie nachts auf die Farm ein, um die Tiere zu befreien. Doch die Aktion verläuft anders als geplant.
Als erster niederländischer Horrorfilm mit einer FSK-18-Freigabe sind die Erwartungen an die Gewaltexzesse in „Meat Kills“ entsprechend hoch. Und tatsächlich überrascht der Film mit deftigen Gewaltspitzen und gelungenen handgemachten Effekten. Seinen offensichtlichen Vorbildern aus der Welle des französischen Extremhorrors, der sogenannten French Extremity, oder dem Klassiker „The Texas Chain Saw Massacre“ wird er zwar nicht immer ganz gerecht, nicht zuletzt, weil viele Tötungen im Off stattfinden, doch zumindest die Folgen der Gewalt werden explizit gezeigt und können sich sehen lassen. Fans harter Kost dürften hier keineswegs enttäuscht werden. Auch inszenatorisch erweist Regisseur Martijn Smits seinen Vorbildern liebevoll die Ehre. Wenn die Figuren durch eine Kühlkammer voller aufgehängter Schweineleichen flüchten oder Kreissägen zum Einsatz kommen, werden unweigerlich Erinnerungen an „Frontier(s)“ oder „High Tension“ wach. Doch die Gewalt ist längst nicht das Spannendste an „Meat Kills“. Tatsächlich wirft Smits interessante Fragen über Moral und den Zustand unserer gespaltenen Gesellschaft auf.
Heute auf der Schlachtbank: die Moral
Mal davon abgesehen, dass selbst radikale Tieraktivisten statistisch gesehen nur in sehr seltenen Fällen Gewalt gegen Menschen ausüben, entwickelt sich aus filmischer Sicht aus diesem Konflikt eine durchaus packende Dynamik. Die klaren Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen zunehmend. Auf der einen Seite steht eine Gruppe junger Menschen, die aus den richtigen Gründen die falschen Mittel wählt. Auf der anderen Seite befindet sich eine Familie, deren Zuhause überfallen wird und die sich zur Wehr setzt. Eine Kette fataler Zwischenfälle lässt die Situation schließlich in blinden Hass und rohe Brutalität umschlagen. Smits wirft die Frage auf, wie weit man für die eigenen Moralvorstellungen gehen darf und ob die Entmenschlichung Andersdenkender tatsächlich der richtige Weg ist, unabhängig davon, auf welcher Seite man steht. Dieser Ansatz hebt „Meat Kills“ geschickt von anderen Genrevertretern ab. Noch besser hätte er allerdings funktioniert, wenn die Figuren etwas komplexer ausgearbeitet wären. Auf beiden Seiten bleiben sie in klischeehaften und eindimensionalen Kategorien gefangen. Auch die Argumente gegen den Veganismus werden nur oberflächlich angerissen, was wiederum der Haltung vieler Fleischesser entsprechen mag. Am Ende bleibt man mit reichlich Stoff zum Nachdenken über gesellschaftliche Doppelmoral und Fleischkonsum zurück. Für einen Film dieser Art ist das bereits mehr, als man erwarten würde. Eines macht „Meat Kills“ jedoch unmissverständlich deutlich: Gewalt kennt keine Gewinner und sollte niemals das Mittel sein, um die eigenen Überzeugungen durchzusetzen. Denn Gewalt erzeugt nur weitere Gewalt. Das verdeutlicht auch das düstere Ende, in dem sich der gefährliche Teufelskreis fortsetzt.
„Meat Kills“ verbindet blutige Gewalt mit einer überraschend gesellschaftskritischen Auseinandersetzung über Moral, Fleischkonsum und die zunehmende Feindseligkeit zwischen Menschen mit gegensätzlichen Überzeugungen. Trotz klischeehafter Figuren überzeugt der Film mit handgemachten Effekten und einem düsteren Blick auf einen Teufelskreis aus Hass und Gewalt. Ein kompromissloser Genrebeitrag, der mehr zu bieten hat als blutige Eskalationen.
Amazon lässt die erste große Liebe nicht das letzte Wort haben
Wer einmal eine romantische Komödie gesehen hat, weiß: Die große Liebe ist der Wendepunkt. Dieser magische Moment, auf den offenbar das gesamte bisherige Leben hingearbeitet hat. Denn ohne Liebe gibt es schließlich kein Haus, keine Kinder, keinen Kleintransporter und keinen Labrador, der hinter dem strahlend weißen Lattenzaun durchs akkurat getrimmte Vorgartengrün tollt. Die große Liebe ist der Moment, in dem das Leben überhaupt erst beginnt. Mit dieser Behauptung steht die Romcom allerdings nicht allein da. Unzählige Eltern dürften ihren Töchtern – ja, es sind auffällig oft die Töchter – mit zunehmender Nähe zum dreißigsten Geburtstag dieselbe Lebensphilosophie predigen. Wann kommt denn endlich der Mann fürs Leben? Als wäre die weitere Lebensplanung ohne männliche Beteiligung ein bürokratisch nicht genehmigungsfähiges Unterfangen. Sobald einem Film das Etikett Romanze anhaftet, ist es mit der weiblichen Selbstbestimmung ohnehin häufig vorbei. Aus augenscheinlich selbstbewussten Frauen mit Karriere, Hobbys, Leidenschaften und einem durchaus erfüllten Leben werden plötzlich romantisch Bedürftige, deren bisherige Existenz durch das unerwartete Auftauchen der großen Liebe gehörig durcheinandergerät. Bei besonders kitschigen Vertretern könnte man fast meinen, die Moral laute: Ohne Mann ist dein Leben nichts. Und du als Frau schon dreimal nicht. Amazon Prime Video ist ein regelrechter Quell dieser angestaubten Rhetorik. „Kein Ort für Singles“ steht geradezu sinnbildlich für dieses altertümliche Rollenverständnis, das unter einer zentimeterdicken Kitschschicht echte Romantik behauptet. Auch „Liebe braucht Wartung“ und „Liebe findet uns“ lassen sich, wenngleich auf unterschiedliche Weise, in dieselbe Tradition einordnen. Am Ende ist es jedenfalls der Mann, der alles besser macht. Was gelegentlich sogar stimmen mag. Schließlich kann eine Partnerschaft durchaus dabei helfen, zu sich selbst zu finden. So auch in „Love of Your Life“, wo Trauer das fragile Gefüge zwischen Liebe, Nähe und Vertrauen ins Wanken bringt. Nur versteht das (Liebes)drama diesen Gedanken erfreulicherweise richtig und findet am Ende ausgerechnet dort die große Liebe, wo das romantische Kino gewöhnlich gar nicht erst sucht: bei sich selbst.
Prime Video steckt die 26-jährige Maya, gespielt von Margaret Qualley („The Substance“), zunächst in eine schicksalhafte Zufallsbegegnung, ohne die das romantische Hollywood vermutlich längst arbeitslos wäre. Die junge Krankenschwester arbeitet in der Notaufnahme eines Bostoner Krankenhauses und hat mit der großen Liebe eigentlich wenig am Hut. Bis sie über eine Kleinanzeige einen Beistelltisch von Charlie, gespielt von Gabriel Basso („Juror #2“), kauft. Der etwas schrullige, aber ausgesprochen liebenswerte Wissenschaftler erobert mit seinem Charme und einer alten Musikkassette ziemlich schnell ihr Herz. Wenige Monate später sind die beiden verheiratet, die gemeinsame Zukunft scheint gesichert und der obligatorische Labrador dürfte bereits auf irgendeiner Warteliste stehen. Doch dann schreibt das Jahr 2020 seine ganz eigene Geschichte. Die Corona-Pandemie erreicht Boston und stellt Mayas frisch gewonnenes Lebensglück auf eine harte Probe. Was als romantisches Märchen beginnt, entwickelt sich zu einer Geschichte über Trauer, Neuanfänge und die Angst, einem Menschen noch einmal so nah zu kommen. Zwischen alten Erinnerungen und neuen Bekanntschaften versucht Maya, das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen.
„Love of Your Life“ – Ein Titel mit doppeltem Boden
Wer von der Liebe erzählen will, sollte zumindest für deren Anfang etwas Zeit mitbringen. Rachel Morrison sieht das offenbar anders. „Love of Your Life“ erzählt in weniger als 40 Minuten, wofür sich andere Liebesdramen beinahe zwei Stunden Zeit nehmen. Aus einer zufälligen Begegnung wird eine schicksalhafte Romanze, aus zwei Fremden ein Ehepaar und aus einer gemeinsamen Zukunftsvision gleich die Erfüllung sämtlicher Lebensträume. Hollywood war schon immer gut darin, Zufälle wie höhere Fügung aussehen zu lassen. Hier muss sich die höhere Fügung allerdings ganz schön beeilen. Was andere Filme zu einer eigenen kleinen Welt ausbauen, gerät bei Morrison zur dramaturgischen Schnellabfertigung. Maya und Charlie bekommen eine nahezu makellose Zweisamkeit verordnet, die sich mit romantischen Gesten, liebenswerten Schrullen und vorhersehbaren Dialogen verdächtig nah an den üblichen Hollywood-Liebesformeln bewegt. Für Reibereien, enttäuschte Erwartungen oder beiläufige Eigenheiten, durch die aus zwei Filmfiguren überhaupt erst zwei Menschen werden, bleibt kaum Gelegenheit. Die beiden lieben sich eben. Sehr sogar. Das muss genügen. Wenn das Schicksal schließlich zuschlägt, verlangt der Film ein emotionales Investment, für das er zuvor kaum die nötige Fallhöhe geschaffen hat. Das Ereignis ist von Haus aus erschütternd. Nur reicht die bloße Kenntnis einer glücklichen Beziehung eben nicht aus, um auch deren Verlust persönlich zu empfinden. Diese erzählerische Ungeduld verschwindet auch im weiteren Verlauf nicht. Sie wechselt lediglich das Kostüm. Aus der überstürzten Romanze wird eine Abfolge von Lebensphasen, die sich wie Stationen eines sorgfältig ausgearbeiteten Reiseplans aneinanderreihen. Kaum hat sich Maya irgendwo eingerichtet, wartet bereits der nächste Entwicklungsschritt, als müsse das Drehbuch eine unsichtbare Liste biografischer Meilensteine abarbeiten. Dass ein Mensch über mehrere Jahre hinweg nicht derselbe bleibt, versteht sich von selbst. Nur wäre es schön, gelegentlich auch mitzubekommen, warum. Natürlich wird eine Erzählung nicht automatisch tiefgründiger, nur weil sie ihrem Publikum einen halben Nachmittag abverlangt. Filme wie „Blau ist eine warme Farbe“ oder „Drive My Car“ demonstrieren allerdings eindrucksvoll, welche emotionale Wucht aus der Geduld entstehen kann, Menschen nicht bloß bei den entscheidenden Wendepunkten ihrer Existenz, sondern auch auf den unscheinbaren Wegen dazwischen zu begleiten. Gerade die vermeintlich belanglosen Augenblicke verleihen den großen Gefühlen schließlich erst ihr Gewicht.
Morrison hingegen zwängt mehrere Jahre persönlicher Entwicklung in das streaminggerechte Laufzeitkorsett von etwas mehr als anderthalb Stunden und verwechselt dabei erzählerisches Tempo gelegentlich mit Fortschritt. Veränderungen finden statt. Nur vollziehen sie sich bevorzugt dort, wo die Kamera gerade nicht hinsieht. Das Publikum darf die Ergebnisse begutachten, während die eigentliche Auseinandersetzung mit Verlust, Schuldgefühlen und dem schwierigen Prozess des Loslassens irgendwo zwischen zwei Zeitsprüngen verloren geht. Ein ganzes Leben lässt sich eben problemlos in knapp zwei Stunden zusammenfassen. Die Erfahrung, es tatsächlich gelebt zu haben, schon wesentlich schlechter. Dabei steckt gerade im doppeldeutigen Filmtitel des Amazon Originals ein Gedanke, der durchaus mehr verdient hätte als die etwas hastige Bebilderung einer Lebensweisheit. Die Liebe des eigenen Lebens muss schließlich nicht zwangsläufig ein anderer Mensch sein. Sie kann ebenso gut dem eigenen Dasein gelten, mitsamt seinen Unzulänglichkeiten, Enttäuschungen und der Zumutung, nach einem Verlust einfach weiterleben zu müssen. Für Maya bedeutet das, Menschen wieder an sich heranzulassen, obwohl sie längst erfahren hat, was Nähe kosten kann. Nur scheint sich „Love of Your Life“ für die psychologischen Zumutungen dieser Einsicht weit weniger zu interessieren als für deren möglichst ansprechende Präsentation. Maya reist durch malerische Landschaften, begegnet auffallend schönen Menschen und versucht, zwischen neuen Erfahrungen und alten Erinnerungen ihrer Existenz wieder einen Sinn abzuringen. Das besitzt bisweilen die gedankliche Tiefe eines Pinterest-Boards, auf dem zwischen portugiesischen Sonnenuntergängen und ästhetisch arrangierten Weingläsern noch ein paar aufmunternde Lebensweisheiten Platz gefunden haben. Die Schauplätze sind makellos, ihre Bekanntschaften beinahe ebenso und das seelische Elend wird so fotogen in Szene gesetzt, dass man gelegentlich vergisst, wie schlecht es der Protagonistin eigentlich gehen soll. Wo jede Begegnung bedeutungsvoll, jeder Ausblick überwältigend und selbst die tiefste Verzweiflung noch erstaunlich dekorativ ausfällt, verliert das Innenleben irgendwann seine Glaubwürdigkeit. Ausgerechnet eine Geschichte über die mühsame Suche nach dem eigenen Weg wirkt damit, als hätte jemand sämtliche Umwege bereits im Voraus aus der Reiseroute gestrichen. Am Ende soll man glauben, Maya habe sich aus einem fremdbestimmten Lebensentwurf befreit. Tatsächlich hat Amazon ihr nur einen neuen eingerichtet, mit weniger Eheversprechen und mehr Postkartenpanorama.
Dass Maya in dieser geschmackvoll ausgeleuchteten Welt überhaupt als Mensch greifbar wird, ist vor allem Margaret Qualley zu verdanken. Die Schauspielerin besitzt ein bemerkenswertes Gespür für jene kaum wahrnehmbaren Veränderungen in Mimik und Körpersprache, die mehr über einen Charakter verraten als seitenlange Dialoge und sorgfältig platzierte Monologe über das Wesen menschlicher Beziehungen. Mal spröde, mal dünnhäutig, gelegentlich ausgesprochen unsympathisch, erlaubt Qualley ihrer Protagonistin gerade jene unbequemen Seiten, vor denen die Inszenierung ansonsten so beharrlich zurückschreckt. Gerade dadurch gewinnt diese Frau eine Widersprüchlichkeit, die das Drehbuch selbst nur unzureichend herausarbeitet. Qualley spielt gegen die Oberflächlichkeit an, gegen den unaufhörlichen Drang zur nächsten biografischen Etappe und gegen eine Geschichte, die ihre Hauptfigur unbedingt zu sich selbst führen möchte, ohne ihr auf diesem Weg sonderlich viel Zeit einzuräumen. Dass sie dabei immer wieder berührende Momente findet, spricht für ihr darstellerisches Gespür. Dass diese kaum nachhaltig wirken dürfen, umso weniger für den Film. So bleibt von Prime Videos „Love of Your Life“ neben einer bemerkenswerten Hauptdarstellerin vor allem eine schöne Idee, deren Umsetzung sich allzu bereitwillig mit hübschen Bildern und einer wohlgemeinten Botschaft zufriedengibt. Dass Trauer einen Menschen aus der Bahn werfen, egoistisch machen und noch Jahre später bestimmen kann, hat „Love of Your Life“ durchaus verstanden. Nur gelingt es dem Film kaum, dieses emotionale Durcheinander auch in seiner ganzen Menschlichkeit einzufangen. Dass die Trauer irgendwann nicht mehr jeden Gedanken und jede Entscheidung beherrschen muss, ist eine schöne, zweifellos tröstliche Erkenntnis. Nur wäre sie wesentlich bewegender, wenn der Film auch den mühsamen Weg dorthin erfahrbar machen würde. Dafür hätte es schließlich auch ein Kalenderspruch getan.
„Love of Your Life“ steckt voller schmerzhafter Wahrheiten und einer eigentlich wunderschönen Erkenntnis: Neues Glück bedeutet keinen Verrat an der Vergangenheit. Margaret Qualley lässt gelegentlich erahnen, wie viel Menschlichkeit und Gefühl in dieser Geschichte stecken. Umso bedauerlicher, dass der Film selbst so selten jene Nähe zulässt, die seine Figuren verdient hätten.
„Deep Water – Umringt von Haien“ schickt Renny Harlin zurück zu den Haien
Der Hai gehört zu den zähesten Kreaturen der Filmgeschichte. Nicht biologisch, sondern geschäftlich. Seit Steven Spielberg den Weißen Hai vor über fünfzig Jahren zur schwimmenden Urangst des Blockbusterkinos machte, hat das Genre schließlich einiges unternommen, um diesen Schrecken künstlich am Leben zu halten. Denn irgendwann reicht es nicht mehr, einen großen Fisch vor einem Badestrand kreisen zu lassen. Also mussten die Tiere wachsen, mutieren, sterben und trotzdem weitermachen, durch die Luft fliegen oder sich gleich in irgendwelche Monstrositäten verwandeln, deren Verwandtschaft mit einem echten Hai nur noch über die Rückenflosse nachweisbar war. Die physikalischen Grenzen des Lebensraums sind längst gefallen, die biologischen sowieso. Das alles noch einmal ausführlich aufzuzählen, wäre allerdings mindestens genauso ermüdend wie der nächste Film, der glaubt, ein besonders großer Hai sei automatisch eine besonders große Idee. Interessanter sind inzwischen fast jene Filmschaffenden, die diesen Eskalationswettbewerb verweigern. Renny Harlin gehört dazu. 27 Jahre nachdem er in „Deep Blue Sea“ genetisch optimierte Haie durch eine Forschungsstation scheuchte, kehrt der Regisseur zu den Knorpelfischen zurück und versucht gar nicht erst, sein damaliges Spektakel mit noch mehr Größenwahn zu übertrumpfen. Keine Mutationen, keine Tornados, keine prähistorischen Giganten. Nur ein abgestürztes Flugzeug, das offene Meer und ein paar hungrige Makos. Fast schon bodenständig also. Und vielleicht liegt genau darin die hübscheste Ironie von „Deep Water – Umringt von Haien“: Ausgerechnet bei Harlins Rückkehr zum Haifilm sind die Haie das Uninteressanteste.
Bevor überhaupt eine Rückenflosse durchs Wasser schneidet, befinden sich Captain Rich (Ben Kingsley) und sein Copilot Ben (Aaron Eckhart) schließlich noch mehrere Tausend Meter darüber. Ihr Passagierflugzeug ist auf dem Weg von Los Angeles nach Shanghai, als ein Feuer an Bord eine Notwasserung über dem Pazifik erzwingt. Eigentlich könnte Harlin diese Ausgangslage schnell hinter sich bringen. Maschine runter, Überlebende ins Wasser, Haie rein – fertig wäre die Genremechanik. Stattdessen macht er aus dem Absturz beinahe einen eigenen Film. Die Katastrophe ist keine narrative Rampe zum Tierhorror, sondern eine langgezogene Zerfallssequenz, in der ein streng kontrollierter Raum Stück für Stück seine Funktion verliert. Ein Flugzeug ist schließlich gerade deshalb so beruhigend, weil praktisch alles darin geregelt ist. Sitze stehen dort, wo sie stehen sollen, Gepäck verschwindet in Fächern, Türen bleiben geschlossen und selbst bei Turbulenzen hält sich die Welt normalerweise an ziemlich genaue Vorschriften. Harlin dreht diese Ordnung gegen ihre Insassen. Gegenstände entwickeln plötzlich eine Flugbahn, Verkleidungen brechen weg, Menschen werden durch die Kabine geschleudert und jeder Schaden schafft die Voraussetzung für den nächsten. Aus Sicherheit wird Gefahreninventar.
„Final Destination“ über den Wolken
Darin steckt auch die Nähe zu „Final Destination“. Nicht, weil „Deep Water – Umringt von Haienr“ dessen sadistische Kreativität nachahmt oder jedem Passagier einen besonders kunstvollen Tod spendiert. Harlin interessiert vielmehr dasselbe Kettenreaktionsprinzip: Eine Kleinigkeit kippt, dadurch verändert sich etwas anderes und plötzlich wird ein Gegenstand tödlich, den wenige Sekunden zuvor niemand überhaupt wahrgenommen hätte. Der Raum selbst scheint nach Möglichkeiten zu suchen, seine Bewohner loszuwerden. Nur dass Harlin den schwarzen Humor weitgehend herausnimmt und durch Materialgewalt ersetzt. Metall, Schwerkraft und Geschwindigkeit erledigen den Rest. Gleichzeitig hält die Sequenz erstaunlich lange an. Der Absturz ist kein kurzer Schockmoment, sondern ein Prozess, dessen nächster Kontrollverlust immer noch irgendwo wartet. Gerade dadurch entwickelt „Deep Water“ eine Intensität, die der spätere Haifilm nur noch selten erreicht. Wer das Ganze ausgerechnet im Bordprogramm eines Langstreckenfluges entdeckt, sollte vielleicht doch einmal überprüfen, ob nicht irgendwo auch eine romantische Komödie angeboten wird. Dass diese Szene stärker verunsichert als alles, was später unter Wasser lauert, ist wiederum einigermaßen absurd. Flugzeugabstürze und Haiangriffe teilen schließlich eine ziemlich komfortable Eigenschaft: Beides ist statistisch ausgesprochen unwahrscheinlich. Trotzdem gehören beide Szenarien zu jenen Ängsten, bei denen Zahlen kaum helfen. Vielleicht, weil sie denselben Kontrollverlust bedienen. In einem Flugzeug sitzt der Mensch kilometerweit über dem Boden in einer Maschine, deren Funktionieren er vollständig anderen überlassen muss. Im offenen Meer befindet er sich plötzlich in einem Lebensraum, für den sein Körper denkbar schlecht ausgestattet ist. Schwimmen können hilft nur begrenzt, wenn unter einem mehrere hundert Meter Wasser liegen. Die vermeintliche Überlegenheit des Menschen endet ziemlich schnell dort, wo Technik oder fester Boden verschwinden.
Harlin versteht diese Hilflosigkeit beim Flugzeug bemerkenswert gut. Und auch nach der Notwasserung funktioniert „Deep Water“ zunächst noch ohne zusätzlichen Raubtierbedarf: Verletzte müssen versorgt, voneinander getrennte Gruppen zusammengebracht und Rettungsmöglichkeiten gefunden werden, während Teile des Wracks absinken und der Pazifik allein schon genügend Möglichkeiten bereithält, jemanden umzubringen. Das Meer wäre als Gegner vollkommen ausreichend. Nur wäre „Deep Water – Umringt von Haien“ dann natürlich kein Haifilm. Also locken Blut, Leichen und Bewegung schließlich Makos an, womit Harlin 27 Jahre nach „Deep Blue Sea“ erneut seine alten Hauptdarsteller ins Wasser lässt. Immerhin bekommt der Weiße Hai diesmal frei. Das ist mehr als eine kosmetische Entscheidung. Der Weiße Hai trägt inzwischen ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte mit sich herum und ist im Kino fast stärker Symbol als Tier. Seine Silhouette reicht, damit sofort „Der weiße Hai“, Strandpanik und all die Kopien mitschwingen, die danach kamen. Der Kurzflossen-Mako besitzt dieses kulturelle Gepäck kaum. Dabei wäre er für einen Actionfilm eigentlich hervorragend geeignet: kleiner und schlanker als der notorische Genrestar, dafür extrem schnell, mit einem Körperbau, der ohnehin aussieht, als wäre er ausschließlich für Beschleunigung konstruiert worden. „Deep Water“ hätte damit die Gelegenheit, einer vergleichsweise unverbrauchten Haiart eine eigene filmische Identität zu verpassen. So richtig nutzt Harlin diese Chance allerdings nicht. Seine Makos sind biologisch vor allem daran interessiert, dass der Film weitergeht. In freier Wildbahn zählen Menschen nicht zu ihrer üblichen Beute, erst recht patrouillieren sie nicht gemeinschaftlich um abgestürzte Passagiermaschinen und arbeiten sich mit der Ausdauer eines All-inclusive-Gastes durch das Menschenbuffet. „Deep Water“ verwandelt sie dagegen in Piranhas mit Wachstumsschub. Wer im Wasser landet, wird zum Menüvorschlag, und selbst herbeieilende Hilfe kann ihren Appetit nicht zuverlässig bremsen. Das ist natürlich Unsinn. Nur ist der Unsinn nicht automatisch ein Problem. Ein naturgetreuer Mako, der einmal kurz vorbeischwimmt, die panischen Menschen uninteressant findet und lieber einem Thunfisch hinterherjagt, wäre für Meeresbiologen vermutlich erfreulich, als Antagonist eines Haifilms aber ein ziemlicher Rohrkrepierer. Tierhorror lebt zwangsläufig davon, tierisches Verhalten zuzuspitzen. Sonst wäre ein erstaunlich großer Teil des Genres nach fünfzehn Minuten vorbei.
Das Problem von „Deep Water – Umringt von Haien“ liegt deshalb nicht darin, dass seine Haie unrealistisch sind. Es liegt darin, dass Harlin mit dieser Freiheit erstaunlich wenig Neues anfängt. Die Tiere sehen anders aus, bewegen sich schneller und verleihen den Angriffen eine gewisse Aggressivität, verhalten sich dramaturgisch aber letztlich wie beinahe jeder Filmhai der vergangenen Jahrzehnte. Sobald sie übernehmen, beginnt „Deep Water“ durch sehr vertrautes Genregewässer zu schwimmen. Jemand muss von einem sicheren Punkt zum nächsten. Jemand anderes fällt ins Wasser. Eine Flosse nähert sich. Das Meer färbt sich rot. Harlin kann das inszenieren, daran besteht wenig Zweifel. Seine digitalen Räuber besitzen Geschwindigkeit und Wucht, die Angriffe sind ruppig genug und die vergleichsweise große Figurenriege sorgt dafür, dass regelmäßig jemand zur Disposition steht. Besonders tief gezeichnet ist dieser breit gefächerte Personenkreis zwar nicht, für ein klassisches Katastrophenfilmszenario erfüllt er seinen Zweck aber ordentlich: genügend Gesichter, genügend kleine Konflikte, genügend potenzielle Opfer. Nur hatte „Deep Water“ seinen spannendsten Gegner da längst gefunden. Die brennende Passagiermaschine besitzt mehr Persönlichkeit als jeder Mako, ihre Todesmechanik ist schwerer vorhersehbar und ihr Absturz hinterlässt ein unangenehmeres Gefühl als die gesamte spätere Haifütterung. Darin steckt die schönste Pointe dieser späten Rückkehr. Renny Harlin dreht nach 27 Jahren wieder einen Haifilm, beherrscht die Haie noch immer und braucht sie trotzdem beinahe nicht. „Deep Water“ ist weder besonders innovativ noch sonderlich clever und macht aus seiner ungewöhnlicheren Haiart am Ende doch nur eine Variante altbekannter Genremechanik. Gleichzeitig ist Harlin als Actionhandwerker noch routiniert genug, um aus einem durchschnittlichen Tierhorror einen ziemlich unterhaltsamen Katastrophenfilm zu machen. Und in einem Genre, das seine Hauptdarsteller längst durch sämtliche Aggregatzustände geprügelt hat, wirkt solide Handarbeit inzwischen fast schon wie eine evolutionäre Weiterentwicklung.
„Deep Water – Umringt von Haien“ ist ausgerechnet dann am besten, wenn die Haie noch keine Rolle spielen. Danach liefert Renny Harlin solide, aber wenig einfallsreiche Genrekost. Dass es damit trotzdem für einen der besseren Haifilme der vergangenen Jahre reicht, ist Lob und Armutszeugnis für das Genre zugleich.
Netflix lässt in „Animals“ die politischen Masken fallen
Wahlkampf ist ein gigantisches Theaterstück. Es gibt aufwändig gestaltete Kulissen, sorgfältig einstudierte Choreografien und eine Beleuchtung, die selbst das Gewöhnlichste noch ein wenig schöner aussehen lässt. Wer im Publikum sitzt, sieht engagierte Menschen, große Versprechen und eine Zukunft, die unbedingt besser werden soll. Hinter der Bühne stehen derweil die Stative, verlaufen Kabel über den Boden und halten ein paar unscheinbare Holzstreben die ganze schöne Pappwelt zusammen. Entscheidend ist schließlich, dass niemand von der falschen Seite darauf schaut. Es ist eine Frage des Geldes, der Inszenierung und eines guten Drehbuchs. Was hinter den Kulissen geschieht, interessiert die Öffentlichkeit meistens erst, wenn jemand versehentlich den Vorhang aufzieht. Genau dort setzt Ben AfflecksNetflix–Thriller „Animals“ an. Hinter der sorgfältig gepflegten Fassade eines aufstrebenden Bürgermeisterkandidaten verbirgt sich eine Familiengeschichte, die mit dem politischen Schauspiel längst mehr gemein hat, als ihren Beteiligten lieb sein dürfte. Als plötzlich ein Kind entführt wird, steht allerdings weit mehr auf dem Spiel als die nächste Wahl. Und ausgerechnet ein Mann, der sich seinen guten Ruf mit moralischen Überzeugungen erarbeitet hat, muss entscheiden, wie viel diese noch wert sind, wenn es wirklich darauf ankommt.
Mark Kimball (Ben Affleck) kandidiert für das Bürgermeisteramt von Los Angeles. Ein charismatischer, engagierter Mann mit durchaus ehrlichen Ambitionen, der seine Stadt verändern möchte und sich selbst dann noch schwer mit den üblichen Wahlkampfspielchen tut, wenn sie ihm zum Sieg verhelfen könnten. In den Umfragen fehlen ihm vor allem Stimmen aus der lateinamerikanischen Community. Sein Wahlkampfmanager Sam (Steven Yeun) drängt deshalb auf zusätzliche Investitionen, für die Mark inzwischen sogar sein Familienvermögen aufs Spiel setzt. Ausgerechnet privat läuft es allerdings längst weniger vorbildlich. Seine Ehe mit Abigail (Kerry Washington) existiert vor allem noch für die Öffentlichkeit, während hinter verschlossenen Türen wenig von jener Zuneigung geblieben ist, die beide auf gemeinsamen Auftritten demonstrieren. Wie nebensächlich diese Probleme plötzlich werden, zeigt sich an Halloween. Als ihr Sohn Denny (Christopher Woodley) gemeinsam mit der Haushälterin Cecilia (Adriana Paz) und deren Sohn von Haus zu Haus zieht, erreicht Mark ein Anruf: Sein Kind wurde entführt. Sieben Millionen Dollar fordern die Täter, sonst wird Denny sterben. Dumm nur, dass Mark sein Geld bereits in den Wahlkampf gesteckt hat. Also muss er auf andere Möglichkeiten zurückgreifen. Sein Wahlkampfmanager bringt die zwielichtige Dayle Burton (Gillian Anderson) ins Spiel, eine Frau, die Probleme gegen entsprechende Bezahlung beseitigt und dabei auf gesellschaftliche Konventionen herzlich wenig Rücksicht nimmt. Plötzlich wird aus dem Saubermann ein verzweifelter Vater, für den selbst die schmutzigsten Mittel infrage kommen.
Wenn die Spannung schneller verschwindet als das Lösegeld
Bevor es um Netflix‘ „Animals“ selbst geht, lohnt sich allerdings ein Blick auf seine ungewöhnliche Produktionsgeschichte. Affleck hatte den Thriller bereits vor einigen Jahren in Vorbereitung, Matt Damon sollte ursprünglich die Hauptrolle übernehmen. Kurz vor Drehbeginn erfuhr der Regisseur dann von Spike Lees „Highest 2 Lowest“ mit Denzel Washington, der nicht nur eine auffällig ähnliche Ausgangssituation, sondern auch denselben entscheidenden Handlungstwist bereithält. Affleck legte das Projekt zunächst auf Eis, ehe er es später wieder aufgriff und schließlich selbst die Hauptrolle übernahm. Seiner Darstellung zufolge entstanden beide Drehbücher unabhängig voneinander. Wer Lees Film gesehen hat, dürfte bei „Animals“ trotzdem ein ausgesprochen hartnäckiges Déjà-vu erleben. Dass die Geschichte bereits in Akira Kurosawas Klassiker „High and Low“ von 1963 ihren Ursprung hat, macht die Sache nicht gerade origineller. Letztlich spielt es aber kaum eine Rolle, welche der vorherigen Varianten bekannt ist. Denn was Affleck hier inszeniert, bewegt sich ohnehin durch das erstaunlich überschaubare Einmaleins des Entführungsthrillers. Dabei hat ausgerechnet dieser Regisseur mit „Gone Baby Gone“, „The Town“ und „Argo“ längst bewiesen, wie viel Spannung, menschliche Ambivalenz und erzählerische Wucht sich aus vergleichbaren Stoffen gewinnen lassen. Umso erstaunlicher ist es, wie lieblos und belanglos sein jüngstes Werk dagegen ausfällt. Man muss Afflecks bisherige Regiearbeiten nicht einmal besonders verehren, um von „Animals“ deutlich mehr zu erwarten.
Dabei beginnt die Geschichte durchaus solide. Affleck nimmt sich Zeit, seinen Protagonisten als beinahe unangenehm sympathischen Musterschüler politischer Integrität aufzubauen. Mark ist aufrichtig, verständnisvoll, engagiert und sieht dabei auch noch so aus, als würde er nach jeder Wahlkampfveranstaltung persönlich die Stühle zusammenklappen. Das hat durchaus Charme, wirkt allerdings schon früh derart glatt poliert, dass kaum etwas Menschliches darunter hervorschaut. Als die Situation schließlich eskaliert, gelingt Affleck immerhin eine bemerkenswert intensive Plansequenz, die den Kontrollverlust der Familie unmittelbar erfahrbar macht. Für einige Minuten entsteht tatsächlich jene Anspannung, die ein Entführungsthriller dringend benötigt. Doch dann kommt nach nicht einmal einer Dreiviertelstunde die entscheidende Wendung und mit ihr beginnt das große emotionale Desinteresse. Plötzlich sollen Menschen im Mittelpunkt stehen, über die zuvor kaum etwas erzählt wurde. Figuren werden wichtig, weil das Drehbuch ihre Bedeutung verlangt, nicht weil der Film eine Beziehung zu ihnen aufgebaut hätte. Gerade bei einer Geschichte, deren moralische Konflikte eigentlich davon leben müssten, dass fremdes Leid plötzlich zur persönlichen Angelegenheit wird, ist das ein gewaltiges Problem. Die gesellschaftlichen Fragen nach Wohlstand, Herkunft, politischer Verantwortung und menschlicher Solidarität werden zwar angesprochen, entwickeln aber kaum eine eigene Schärfe. Stattdessen verliert sich „Animals“ in vorhersehbaren Entscheidungen, angestrengten Ehekonflikten und einer Handlung, die mit zunehmender Laufzeit immer beliebiger wird. Handwerklich ist das ordentlich, visuell weitgehend unspektakulär und schauspielerisch trotz namhafter Besetzung erstaunlich wenig mitreißend. Gillian Anderson bringt als undurchsichtige Problemlöserin noch eine gewisse Unberechenbarkeit ins Geschehen – wirklich helfen kann sie dem Film allerdings auch nicht. Das eigentliche Problem bleibt die gewaltige emotionale Distanz zu nahezu allen Beteiligten. Und wenn einem irgendwann ziemlich egal ist, wie sich eine Entführung entwickelt, werden selbst knapp zwei Stunden verdammt lang.
Wenn die politische Schmutzwäsche plötzlich nach Heldentum riecht
Am merkwürdigsten wird „Animals“ allerdings dort, wo Affleck seine Geschichte wieder mit der politischen Inszenierung zusammenführen möchte. Denn eigentlich steckt darin ein ziemlich bissiger Gedanke: Es kommt in der Politik weniger darauf an, was tatsächlich geschehen ist, als darauf, welche Geschichte sich anschließend daraus erzählen lässt. Selbst moralisch fragwürdige Entscheidungen können im richtigen Licht plötzlich heldenhaft aussehen. Eine durchaus zynische Betrachtung jener öffentlichen Selbstinszenierung, mit der „Animals“ begonnen hat. Nur scheint der Netflix Film seiner eigenen Boshaftigkeit nicht recht zu vertrauen. Der zunehmend absurde Schlussakt gerät zu einer Mischung aus konstruiertem Heldenmut, familiärer Versöhnung und politischer Abrechnung, die sich gegenseitig erstaunlich zuverlässig die Wirkung nehmen. Einerseits soll deutlich werden, wie sich Wahrheit manipulieren und selbst moralisches Versagen noch in einen persönlichen Triumph verwandeln lässt. Andererseits wird das Geschehen mit einem derart versöhnlichen Pathos aufgeladen, dass sich die Frage aufdrängt, ob hier gerade politische Heuchelei entlarvt oder irgendwie doch noch gerechtfertigt werden soll. Vielleicht liegt darin sogar die bitterste Pointe: Dass eine gute Tat sämtliche schmutzigen Mittel entschuldigt, solange am Ende die richtige Geschichte darüber erzählt wird. Nur müsste ein Film diese Ambivalenz auch tatsächlich aushalten können, anstatt seine Figuren und Konflikte immer wieder zurechtzubiegen, bis alles irgendwie passt. „Animals“ möchte die Kulissen des politischen Theaters einreißen, interessiert sich für das, was dahintersteckt, dann aber erschreckend wenig. Übrig bleibt ein Thriller, der von großen moralischen Fragen erzählt und dabei selbst kaum etwas zu sagen hat. Immerhin eine Erkenntnis bleibt: Für einen erfolgreichen Wahlkampf genügt offenbar schon eine überzeugende Geschichte. Für einen guten Film leider nicht.
Ben Affleck kennt sich mit spannungsgeladenen Kriminalgeschichten aus. Umso ernüchternder, wie schnell „Animals“ nach einem vielversprechenden Auftakt im Genre-Einerlei versinkt. Wo selbst eine Entführung kaum noch zum Mitfiebern einlädt, können knapp zwei Stunden verdammt lang werden.
Wenn Kokain, Knarren und Haie denselben Ausflug buchen
Man traut es sich kaum noch zu sagen, so häufig hat das Kino diese Erkenntnis inzwischen durch Wälder, Labore, Freizeitparks und sämtliche Weltmeere geschleppt: Das gefährlichste Tier ist der Mensch. Wo irgendwo Zähne, Klauen oder Tentakel auftauchen, dauert es selten lange, bis jemand beweist, dass Gier, Größenwahn und mangelnde Impulskontrolle auch ohne Reißzähne ziemlich weit kommen. „Jurassic Park“ brauchte dafür einen Konzern, „Deep Blue Sea“ wissenschaftliche Hybris, „Dangerous Animals“ zuletzt einen Serienkiller mit ausgeprägtem Hai-Faible. Neu ist daran wenig. Wahr bleibt es trotzdem. „Tides of Fear“ macht daraus ein erfreulich simples Zwei-Etagen-Modell: Unter Wasser kreisen Haie, über Wasser Männer mit Waffen. Die einen folgen ihrem Jagdinstinkt, die anderen Kokain, Geld und einer bemerkenswert niedrigen Frustrationstoleranz. Dazwischen sitzt eine Gruppe Urlauber fest, die ziemlich schnell feststellen muss, dass große Zähne womöglich noch das kalkulierbarere Problem darstellen. Regisseur Jesse V. Johnson versucht daraus gar nicht erst eine große Abhandlung über die Bestie Mensch zu machen. Er nimmt den vertrauten Gedanken, steckt ihn in einen Haikäfig und wirft anschließend so lange Probleme hinterher, bis niemand mehr vernünftig aussteigen kann.
Dabei fängt der Mexiko-Urlaub vergleichsweise harmlos an. Kyle (Diego Llinás) verspielt beim illegalen Glücksspiel sein Geld an Burns (Antonio Banderas), einen Drogenboss, der den schlechten Verlierer aus irgendeinem Grund sympathisch genug findet, ihm einen Ausflug zum Käfigtauchen zu spendieren. Tatsächlich steckt zunächst kein doppelter Boden dahinter. Gemeinsam mit seiner Schwester Tatiana (Laura Marano), deren Freund TJ (Donncha Tynan), Kayle (Christina Ochoa) und Danny (Ryan Bertroche) landet Kyle deshalb auf dem Boot von Captain Logan (Timothy V. Murphy). Dort warten allerdings noch Martin (Louis Mandylor) und Garrison (Jess Liaudin), zwei Männer, bei denen schon die Körpersprache verrät, dass gemeinsames Muschelsammeln eher nicht auf dem Tagesprogramm steht. Als Danny versehentlich Martins Tasche öffnet und statt Handtüchern einen ordentlichen Vorrat Drogen findet, kippt der Ausflug endgültig. Martin zieht die Waffe, während Tatiana und Kayle bereits unter Wasser sitzen. Auftauchen wäre jetzt ausgesprochen ungesund, unten bleiben allerdings ebenfalls keine Dauerlösung. Der Originaltitel „Above & Below“ beschreibt diese Zwickmühle deshalb wesentlich besser als das austauschbare „Tides of Fear“: Über ihnen wartet menschliche Gewalt, unter ihnen tierische. Viel komplizierter wird die Prämisse nicht. Muss sie auch nicht.
„Tides of Fear“ erklärt Haie – und vergisst es gleich wieder
Ein Hai allein erschreckt im Tierhorror inzwischen kaum noch jemanden. Seit Spielberg 1975 aus einer Rückenflosse kollektive Strandpanik gemacht hat, wurde der Filmhai genetisch verbessert, mehrfach geköpft, in Tornados geschleudert, durch Einkaufszentren gejagt und in nahezu jede denkbare Umgebung verfrachtet. „Tides of Fear“ fällt dagegen beinahe durch seine Bodenständigkeit auf. Ein Boot, ein Käfig, ein paar Kriminelle, reichlich Kokain und zunächst Makos, bevor selbstverständlich auch der Weiße Hai noch seinen traditionsreichen Dienst antreten darf. Gerade der Mako hätte dabei eigentlich genug Eigenständigkeit mitgebracht. Schnell, aggressiv wirkend, im Kino deutlich weniger verbraucht als sein weißer Kollege – und trotzdem reicht es Johnson irgendwann nicht mehr. Also bekommt auch dieser Film seinen großen, vernarbten Unterwasser-Endgegner. Das ist besonders absurd, weil Captain Logan zuvor noch erklärt, Haie seien keine blutrünstigen Monster, sondern vorsichtige Raubtiere, die den Menschen keineswegs automatisch auf der Speisekarte führen. Wenig später benimmt sich der Film selbst, als hätte er dieses Gespräch bereits wieder vergessen. Blut landet im Wasser, Körper folgen, die nächste Flosse kommt zuverlässig hinterher. Über Tauchphysik, Wundversorgung oder die erstaunliche Widerstandsfähigkeit mancher Figuren sollte dabei besser niemand länger nachdenken. „Tides of Fear“ interessiert sich nicht für Plausibilität. Er interessiert sich dafür, wie viele Schwierigkeiten gleichzeitig auf ein paar Quadratmetern Boot und Wasser passen. Die Antwort überrascht kaum: ziemlich viel sogar.
Der größte Unterhaltungswert liegt dabei jedoch weniger bei der hungrigen Hai-Population unter Wasser, sondern bei genau dem Mann, der wenige Meter darüber das Blutbad erst lostritt. Louis Mandylor macht aus Martin keinen eleganten Bösewicht und schon gar keinen bewusst auf Kult getrimmten Psychopathen. Er spielt ihn als wandelnde Fehlentscheidung. Ein bisschen Killer, ein bisschen Tollpatsch, sehr viel schlechte Impulskontrolle. Martin reagiert auf jedes neue Problem, indem er innerhalb weniger Sekunden ein größeres daraus macht, und wirkt dabei nie so, als hätte er den Raum betreten, um die coolste Figur des Films zu werden. Genau deshalb wird er es. Der Vergleich zu „Dangerous Animals“ liegt nahe, weil Jai Courtney dort ebenfalls zwischen Haien und menschlicher Gewalt herumtobte, nur deutlich stärker als fertige Genrefigur inszeniert wurde. Tucker tanzt, provoziert, philosophiert und trägt seinen Wahnsinn wie ein Bühnenkostüm. Martin stolpert einfach hinein. Das passt besser zu einem Film, dessen beste Momente ebenfalls dann entstehen, wenn niemand so tut, als müsse aus all dem noch etwas Größeres werden. Selbst Antonio Banderas, der später als Burns persönlich auftaucht und seine B-Movie-Gangsterrolle mit angenehmer Lust an der Enthemmung spielt, verändert daran wenig. Banderas besitzt Präsenz, Martin besitzt Chaos. Und Chaos hat hier schlicht die besseren Szenen.
Wer nicht zu tief taucht, bekommt ziemlich unterhaltsamen Haihorror
Auch die Haie bekommen genügend davon ab. Die digitalen Tiere sehen dabei erfreulich solide aus und gehören längst nicht mehr zu jener Billig-CGI-Fauna, bei der schon der erste Angriff nach Bildschirmschoner roch. Vor allem die Unterwasserszenen profitieren davon, dass Johnson den Raum um seine Figuren arbeiten lässt. Ein Käfig, eingeschränkte Sicht, dunkles Blau und irgendwo außerhalb des Bildes etwas, das schneller schwimmt als jeder Mensch – viel mehr braucht ordentlicher Haihorror manchmal gar nicht. Große Überraschungen entstehen daraus nicht. Wo jemand allein im Wasser treibt, wartet das Drehbuch meist bereits mit dem nächsten Gebiss. Wo Blut fließt, folgt die Rückenflosse. Trotzdem hält „Tides of Fear“ sein Tempo, verteilt seine Attacken großzügig und besitzt genug Freude am eigenen Unsinn, um innerhalb seines Genres ziemlich problemlos zu funktionieren. Wer darin eine kluge Studie über menschliche Gier, Raubtierverhalten oder die fragile Grenze zwischen Zivilisation und Instinkt sucht, wird eine Menge Treibgut finden. Wer sehen möchte, wie Urlauber zwischen Haien und Idioten festhängen, Louis Mandylor jede halbwegs kontrollierbare Situation ruiniert und Antonio Banderas irgendwann ebenfalls zum Spielen vorbeikommt, bekommt ziemlich genau das Richtige. Nur tiefer sollte man bei „Tides of Fear“ besser nicht tauchen. Unter der Oberfläche schwimmt reichlich Müll. Von oben betrachtet treibt er allerdings erstaunlich unterhaltsam vorbei.
„Tides of Fear“ ist kein unterhaltsamer Film, weil er besonders klug wäre, sondern weil er genau weiß, wann Klugheit im Weg steht. Zwischen Haikäfig, Kokain und menschlichem Kontrollverlust entsteht ein angenehm schamloser B-Movie, dessen größte Attraktion ausgerechnet nicht unter Wasser schwimmt. Louis Mandylor klaut den Haien die Show, Antonio Banderas genießt den Unsinn und Jesse V. Johnson hält das Ganze lange genug in Bewegung. Wer Logik verlangt, geht unter. Wer Chaos bestellt hat, bekommt erstaunlich großzügig serviert.