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Filme | Kritiken
  • Don’t Say Good Luck | Netflix Film – Kritik: Sunny Sandler trifft mitten ins Herz

    Don’t Say Good Luck

    TitelDon’t Say Good Luck
    Genre Drama
    Jahr2026
    FSK12
    RegieJulia Hart

    Starttermin: 14.08.2026 | Netflix

    Wenn hinter dem Bühnenlicht das Leben wartet

    Im Theater gibt es Wörter, die man besser nicht in den Mund nimmt. „Viel Glück“ gehört dazu. Ausgerechnet vor dem Moment, in dem jemand Nerven wie Drahtseile gebrauchen könnte, gilt der gut gemeinte Wunsch als schlechtes Omen. Stattdessen heißt es „Hals- und Beinbruch!“. Der Aberglaube hat Methode: Wo auf der Bühne alles nach festen Regeln abläuft, soll selbst das Glück seine eigene Dramaturgie besitzen. Nur außerhalb des Theaters hält sich das Leben bekanntlich an keine Regeln. Eine Krankheit fragt nicht nach dem richtigen Zeitpunkt. Eine Diagnose wartet nicht auf den Schlussapplaus. Und auch das Schicksal lässt sich weder umschreiben noch auf Kommando ausblenden. Was also passiert, wenn ausgerechnet eine Teenagerin zwischen Bühnenlicht und einer familiären Katastrophe landet? Muss man dann nicht gerade deshalb viel Glück wünschen? Oder wäre das bei Netflix’ Coming-of-Age-Geschichte „Don’t Say Good Luck“ bereits der erste Fehler?

    Don't Say Good Luck Netflix Film 2026
    Don’t Say Good Luck ©Netflix

    Sophie Birenbaum (Sunny Sandler) bekommt genau das, worauf sie hingearbeitet hat: die Hauptrolle im Schulmusical. Für die begeisterte Theater-Schülerin könnte der große Auftritt kaum näher sein. Doch kurz vor ihrem Vorsprechen erfährt Sophie, dass der Krebs ihrer Mutter Elizabeth (Melanie Lynskey) zurückgekehrt ist. Während auf der Bühne Textsicherheit, Timing und einstudierte Bewegungen gefragt sind, beginnt Sophies Leben hinter den Kulissen aus dem Takt zu geraten. Ihr Vater (Max Greenfield), ihr Freundeskreis und das erste Aufkeimen dieses verrückten Irrsinns namens Liebe werden plötzlich Teil eines Alltags, in dem die Krankheit der Mutter immer stärker in den Mittelpunkt rückt. Sophie muss damit umgehen, dass sich ausgerechnet in dem Moment, in dem sie selbst ins Rampenlicht treten will, das Leben ihrer Familie verdunkelt. Zwischen Schulmusical, Teenagerchaos und der Angst vor dem, was kommen könnte, wird die ohnehin schon überwältigende Gefühlswelt des Erwachsenwerdens um eine Prüfung erweitert, für die es weder Textbuch noch Regieanweisung gibt.

    Filmpodcast Netflix

    Sunny Sandler bringt Netflix zum strahlen 

    Sunny Sandler ist Zucker. Nachdem ihre Schwester Sadie mit ihrer ersten eigenen Hauptrolle in „Du bist sowas von nicht zu meiner Bat-Mizwa eingeladen“ gezeigt hat, dass sie mehr ist als nur ein Nepo-Baby und durchaus eine Hauptrolle tragen kann, ist nun also Sunny dran. Und die gibt  eine fantastische Performance ab. Von Happy Madison, also Adam Sandlers Produktionsfirma, produziert und mit einigen Sandler-Bekannten wie Steve Buscemi im Gepäck, kommt „Don’t Say Good Luck“ dabei gar nicht so klamaukig daher, wie es auch heute noch überraschend oft erwartet wird. Dabei ist genau das  inzwischen doch fast schon eine kleine Tradition im Hause Sandler. Papa Sandler hat mit „Hustle“, „Uncut Gems“ oder auch „The Meyerowitz Stories“ schließlich immer wieder bewiesen, dass unter all dem albernen Quatsch ein verdammt guter Charakterdarsteller steckt, der ein erstaunlich gutes Händchen für Rollen besitzt, in denen er sich selbst ein Stück weit zurücknehmen darf. Bei seinen Töchtern scheint dieses Gespür nun weitergereicht worden zu sein. Eigentlich ist es unfair, an dieser Stelle über Adam Sandler zu reden, wo Sunny doch ganz allein dafür sorgt, dass man ihr in „Don’t Say Good Luck“ so gerne zusieht. Der Vergleich ist dermaßen naheliegend, dass er schon fast weh tut: Sunny Sandler ist tatsächlich ein Sonnenschein. Einer, der nicht künstlich strahlt, sondern einfach diese natürliche Wärme besitzt, die sich irgendwann ganz selbstverständlich auf einen selbst überträgt. Sie verleiht Sophie eine Natürlichkeit, eine Glaubwürdigkeit und eine Lockerheit, durch die man ihr ihre Teenagerwelt sofort abnimmt. Und plötzlich sitzt da nicht einfach irgendeine Filmfigur mit einem viel zu großen Problem auf den Schultern, sondern ein Mädchen, das eigentlich gerade nur Theater spielen, sich verlieben, mit Freunden herumalbern und herausfinden möchte, wer es selbst überhaupt sein will. Dass ihre Mutter an Krebs erkrankt ist, macht diesen ohnehin schon komplizierten Weg natürlich nicht gerade leichter.

    Don't Say Good Luck Netflix Film 2026
    Don’t Say Good Luck ©Netflix

    Gerade deshalb funktioniert das Drehbuch so gut. Es behandelt Sophies Situation einfühlsam, ohne sie ständig mit der Tragik ihrer Geschichte zu erschlagen. „Don’t Say Good Luck“ ist herzerwärmend, manchmal traurig, manchmal ausgesprochen leicht und findet dabei eine Tonalität, die sich erstaunlich ausgewogen anfühlt. Und wenn es dann wirklich wehtut, tut es eben umso mehr weh. Denn natürlich hängt über allem die Frage, ob Elizabeth diese Krankheit überleben wird. Der Film weiß das, und trotzdem muss nicht jede Szene mit einem musikalischen Taschentuch winken, damit man versteht, was hier auf dem Spiel steht. Vieles entsteht einfach aus den Figuren heraus. Aus einem Blick. Einer Umarmung. Einem Moment, in dem Sophie plötzlich nicht mehr weiß, wohin mit ihren Gefühlen. Die Geschichte will einem seine Emotionen nicht aufdrücken. Sie lässt sie wachsen. Auch das Musical fügt sich erstaunlich organisch in die Handlung ein. Wer bei singenden Teenagern sofort innerlich die Flucht ergreift, darf also ruhig noch ein paar Minuten sitzen bleiben. Die Musik ist hier nicht bloß schmückendes Beiwerk und schon gar kein Grund, die Handlung regelmäßig für ein paar Gesangsnummern anzuhalten. Für Sophie wird sie zu einer Sprache für all das, was sie sonst nicht herausbekommt. Gefühle, die irgendwo zwischen Angst, Wut, Liebe und Hilflosigkeit feststecken, finden plötzlich einen Weg nach draußen. Dass Sunny Sandler die Songs dabei selbst singt, macht die Sache umso beeindruckender. Und ja, sie kann es auch verdammt gut. Vor allem aber kann sie spielen. Und genau deshalb möchte man nach „Don’t Say Good Luck“ umso mehr von ihr sehen. Möglichst bald. Möglichst oft. Und wenn Netflix dafür wieder die Tür aufmacht, darf sie von mir aus sehr gerne einfach durchgehen. Denn hier steht eine junge Darstellerin vor der Kamera, bei der man nicht das Gefühl bekommt, dass sie gerade erst ausprobiert, ob sie das vielleicht auch kann. Sie kann es. Und wie.

    Don't Say Good Luck Netflix Film 2026
    Don’t Say Good Luck ©Netflix

    Fazit

    „Don’t Say Good Luck“ ist eine kleine, herzerwärmende Überraschung im Coming-of-Age-Dschungel. Netflix liefert hier ein erstaunlich reifes und feinfühliges Drama ab, das ohne billige Tränendrüsen-Tricks auskommt und die Balance zwischen Teenager-Alltag und Familienschicksal perfekt hält.

    Bewertung: 4 von 5.
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  • Mein bester Freund, seine Freundin und ich | Netflix Film – Kritik

    Mein bester Freund, seine Freundin und ich

    TitelMein bester Freund, seine Freundin und ich
    Genre Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieMarco Petry

    Starttermin: 14.08.2026 | Netflix

    Die ewige Kastrationsangst des deutschen Mannes – jetzt auch auf Netflix

    Eben glaubt man noch, im Jahr 2026 angekommen zu sein, da öffnet sich ein Wurmloch und katapultiert einen zurück in eine Zeit, in der Männerfreundschaft noch vor allem aus Bier, dummen Sprüchen und der panischen Angst bestand, eine Frau könnte den besten Kumpel entmannen. Willkommen in den frühen 2000ern. Marco Petrys „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ wirkt wie ein Film, den jemand auf einer alten Festplatte gefunden, entstaubt, digitalisiert und anschließend in frischem HD in den Streamingkosmos des Jahres 2026 geschoben hat. Die Pixel sind neu. Die Vorstellung vom Mann dahinter nicht unbedingt. Denn Männer, die irgendwann die 30 passieren und trotzdem mit aller Gewalt verhindern wollen, dass das Leben plötzlich nach Erwachsensein aussieht, sind schließlich keine seltene Spezies. Peter Pan lässt grüßen. Als fast 37-jähriger Berufsjugendlicher – die Rede ist von mir – ist dieser Impuls sogar durchaus nachvollziehbar. Nur muss man ihn deshalb noch lange nicht so gnadenlos rückwärtsgewandt auf die Leinwand stellen, als hätte Netflix die Verwertungsrechte am immergleichen, belanglosen deutschen Comedyklischee gepachtet.

    Mein bester Freund, seine Freundin und ich Netflix Film 2026
    Mein bester Freund, seine Freundin und ich ©Netflix

    Matze (David Kross) verliebt sich in Rebecca (Janina Uhse) – und plötzlich war es das mit der heiligen Dreifaltigkeit aus High-Werden, Dichtsaufen und bloß nicht erwachsen werden. Die männliche Zivilisation steht am Abgrund. Aus dem kindischen Rebellen ist über Nacht ein echter Langweiler geworden, für den nur noch seine Freundin zählt. Dinge also, die offenbar ausreichen, um beim besten Freund den inneren Katastrophenschutz auszulösen. Olli betrachtet die Veränderung nicht als das, was sie ist: das ziemlich normale Ende einer Lebensphase. Für ihn ist sie eine feindliche Übernahme. Die Frau nimmt den Mann. Der Mann verliert seine Freiheit. Die Männerfreundschaft droht zu sterben – und die Männlichkeit gleich mit. Mario Barth gefällt das! Dabei könnte selbst aus dem abgedroschensten Klischee noch ein bissiger Film entstehen. Einer über Männer, die Freundschaft mit Besitz verwechseln. Über die infantile Angst, dass Erwachsenwerden bereits Verrat bedeutet. Über Menschen, die lieber eine Frau zum Feind erklären, als zu akzeptieren, dass der beste Freund irgendwann ein eigenes Leben bekommt. Dafür müsste das Klischee allerdings irgendwann unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrechen. „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ tut das nicht. Stattdessen spaziert das Netflix Original selbstbewusst und erstaunlich ahnungslos durch die Gegenwart, als hätte es unterwegs vergessen, dass genau diese Witze bereits vor zwanzig Jahren einen Bart(h) hatten. Und so landet es im Jahr 2026, als wäre seitdem nichts passiert. 

    Filmpodcast Netflix

    Wenn die Männerwelt aus den Fugen gerät 

    Sich an alte Kumpels zu klammern, ist oft nur die bequemste Ausrede dafür, nicht endlich selbstständig werden zu müssen. Das wäre eigentlich eine ziemlich brauchbare Botschaft. Im Fall von „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ verkommt diese Erkenntnis jedoch zu einer plakativen, plumpen und am Ende gar nicht mal so smarten, geschweige denn lustigen Farce, die ungelenk Richtung anarchischem Klamauk schielt und sich dennoch stets wie eine durch und durch deutsche Komödie anfühlt. Es wirkt fast so, als hätte Marco Petry („Eat Pray Bark“) versucht, den grenzüberschreitenden Wahnsinn der Farrelly-Brüder („Driver’s Ed“, „Balls Up“) oder den absurden Exzess eines Will Ferrell („The Hawk“) in das biedere Korsett des deutschen Vorabendprogramms zu zwängen. Heraus kommen Drogen-Gags, Fäkalhumor und künstlich eskalierte Situationen, die sich aneinanderreihen wie die feuchten Fantasien eines alternden weißen Produzenten, der sich lebhaft ausmalt, wie die „jungen Leute“ heute wohl über die Stränge schlagen, ohne in seinem eigenen Leben auch nur ein einziges Mal an einem Joint gezogen zu haben. 

    Mein bester Freund, seine Freundin und ich Netflix Film 2026
    Mein bester Freund, seine Freundin und ich ©Netflix

    So wenig die Netflix Produktion zu begreifen scheint, was eine Männerfreundschaft überhaupt zusammenhält, so wenig Verständnis zeigt sie für Beziehungen und die Menschen, die sie da eigentlich beobachten will. Aber immerhin ist es irgendwann nicht mehr nur die männliche Idiotie, die sich entfalten darf, und mit Rebeccas zunehmender Konterbereitschaft im sich entfachenden Kleinkrieg mit Olli hält auch die geschlechterübergreifende Peinlichkeit Einzug ins Drehbuch. Das Fass, wer hier eigentlich toxischer ist, muss gar nicht erst aufgemacht werden – dass weder Ollis Freundschaft zu Matze noch Rebeccas Beziehung zu ihm auch abseits dieses Verhaltens überhaupt glaubwürdig sind, reicht völlig. Warum kann Olli Matze nicht loslassen? Ist Rebeccas Liebe stark genug, um die Strapazen zu überstehen? Fragen, die sich stellen ließen, aber gar nicht erst aufkommen. Warum irgendjemand von den dreien dem anderen wirklich etwas bedeutet – das ist angesichts dieser unglaubwürdigen Chemie die einzige Frage, die sich aufdrängt. Ob als Freundschaft oder als große Liebe – man nimmt es diesem Dreiergespann schlicht nicht ab. David Kross, Kostja Ullmann und Janina Uhse spielen schließlich beinahe um die Wette, wer am wenigsten wie ein echter Mensch wirken darf. Die Chemie zwischen ihnen ist so aufgesetzt, dass man sich irgendwann fragt, ob die drei überhaupt miteinander gespielt haben. Und sind wir ehrlich: Man hätte hier auch Albrecht Schuch, Franz Rogowski und Paula Beer besetzen können. Wer sich in so einem Drehbuch bewegen muss, kann nur scheitern.

    Mein bester Freund, seine Freundin und ich Netflix Film 2026
    Mein bester Freund, seine Freundin und ich ©Netflix

    Fazit

    „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ hat alles, was eine deutsche Männerkomödie braucht: Bier, Krawall, Kastrationsangst – und leider kaum einen guten Witz. 

    Bewertung: 1 von 5.
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  • Nervenkitzel | Netflix Film – Kritik: Die Bestie will gefüttert werden

    Nervenkitzel

    TitelNervenkitzel
    Genre Drama
    Jahr2026
    FSK12
    RegieSalvador Calvo

    Starttermin: 14.08.2026 | Netflix

    Nervenkitzel auf Netflix – im wahrsten Sinne des Wortes?

    Die Bestie im Menschen hat viele Gesichter. Sie kann Glücksspiel, Alkohol oder Kokain heißen, aber auch Macht, Erfolg und die niemals endende Jagd nach Reichtum. Manchmal trägt sie einen Helm, spannt die Arme zum Fliegen aus und stürzt sich freiwillig in die Tiefe. Die Bestie heißt Adrenalin, fühlt sich wie Freiheit an und verlangt doch jedes Mal nach mehr. Einen höheren Berg. Einen tieferen Fall. Einen größeren Kick. Und während der Verstand die Gefahr längst begriffen hat, lechzt der Körper bereits nach dem nächsten Adrenalinschub. Die Bestie will gefüttert werden. Genau davon erzählt “Nervenkitzel”. Nicht nur von Menschen, die aus schwindelerregenden Höhen springen, sondern von einer Leidenschaft, die sich irgendwann kaum noch von einer Sucht unterscheiden lässt. Vom Rausch der Freiheit, der ausgerechnet dort am stärksten wird, wo der Tod bereits mit am Fallschirm hängt. Salvador Calvo interessiert sich dabei weniger für die Frage, ob solche Menschen verrückt sind. Viel interessanter ist, warum sie sich in der Gefahr überhaupt so lebendig fühlen. Der Titel La fiera – die Bestie – wie das spanische Netflix Original in seiner Heimat heißt kommt dabei nicht von ungefähr: Calvo ließ sich vom Buch “Feeding the Beast” von Al Álvarez inspirieren, das den Drang von Extremsportlern beschreibt, ihre eigenen Grenzen immer weiter hinauszuschieben.

    Nervenkitzel Netflix Film 2026 To the Max, La Fiera
    Nervenkitzel ©Netflix

    In „Nervenkitzel“ ist die Grenze zwischen dramatischer Zuspitzung und bitterer Realität dünn. Was wie die dramaturgische Überhöhung eines Drehbuchs klingt, ist tatsächlich passiert: Netflix erzählt die wahre Geschichte von fünf spanischen Pionieren des BASE-Jumpings: Carlos Suárez (Carlos Cuevas), Armando del Rey (Miguel Bernardeau), Darío Barrio (Miguel Ángel Silvestre), Manolo Chana (José Manuel Poga) und Álvaro Bultó (David Marcé). Sie springen von Bergen, Felsen und Bauwerken, reisen um die Welt und suchen gemeinsam nach dem nächsten Ort, an dem aus einem freien Fall für wenige Sekunden das Gefühl des Fliegens wird. Doch aus der Freundschaft wird eine Geschichte über Verluste. Chana stirbt 2010, Bultó und Barrio folgen 2013 und 2014 bei tödlichen Unfällen. Und dann wird “Nervenkitzel” aus der ohnehin schon tragischen Vorlage beinahe eine metafilmische Tragödie: Carlos Suárez selbst, dessen Leben der Film erzählen wollte und der die Produktion als Berater begleitete, stirbt am 1. April 2025 bei einem Unfall während der Vorbereitung einer Filmszene. Der Film über Menschen, die der Bestie immer wieder ins Maul springen, wird damit selbst von der Realität eingeholt.

    Filmpodcast Netflix

    Wenn die wahre Geschichte mehr trägt als das Drehbuch

    Wer auf Netflix nach „Nervenkitzel“ sucht, dürfte dank der schwammigen Logik von Suchalgorithmen zunächst bei allerlei Filmen und Serien landen, die das Versprechen ihres Titels weitaus großzügiger auslegen. Bei „Nervenkitzel“ könnte der Name allerdings tatsächlich Programm sein. Denn auch wenn das Drehbuch seine Figuren kaum über die Oberfläche hinaus auslotet, ein Großteil der Dialoge zu sehr auf behauptete Gefühle setzt und die Dramaturgie oft kaum zu erkennen ist, erzeugt das Quasi-Biopic in seinen entscheidenden Momenten ein Unbehagen, das seine Kraft allerdings weniger aus dem Erzählten als aus der Realität hinter dieser Geschichte bezieht. Wenn diese Männer springen, bleibt wenig Zeit für dramaturgische Umwege. Dann geht es hinab, mit hoher Geschwindigkeit und dem Wissen, dass hier nicht bloß Schauspieler für eine spektakuläre Einstellung an einer Felswand stehen. Passend zu seinem wahren Kern arbeitet „Nervenkitzel“ mit dokumentarischen Elementen. Interviews und eine beinahe dokumentarische Perspektive lassen die Geschichte immer wieder so wirken, als würde hier nicht einfach ein Drama nachgestellt, sondern ein bereits vergangenes Leben rekonstruiert. Die Grenze zwischen Spielfilm und Dokumentation wird dadurch bewusst porös – und angesichts dessen, was während der Entstehung tatsächlich geschah, bekommt dieses Spiel mit der Realität eine beklemmende zweite Ebene.

    Nervenkitzel Netflix Film 2026 To the Max, La Fiera
    Nervenkitzel ©Netflix

    Mehr als das hält das Netflix Original allerdings kaum bereit. Der Umgang mit dem mit jedem weiteren Sprung statistisch näher rückenden Tod wird zwar thematisiert und zieht sich durch die gesamte Geschichte, doch sobald der Film erklären müsste, was diese Menschen eigentlich antreibt, wird es erstaunlich banal. „No risk, no fun“, „Das Leben ist zu kurz“ – immer dann, wenn Figurenzeichnung gefragt wäre. Die Männer springen, weil sie springen wollen. Sie wollen höher hinaus, schneller fliegen, den nächsten Kick. Warum dieser Drang irgendwann stärker wird als die Angst vor dem eigenen Tod, bleibt dagegen weitgehend offen. Statt die reale Gefahr ins Zentrum zu rücken und die Sprünge, die man in dieser Form auch in jeder Dokumentation sehen kann, erzählerisch an den Rand zu packen, bleibt der Tod vor allem eine Abfolge von Reaktionen. Angehörige weinen. Freunde brechen in Tränen aus. Partnerinnen sinnieren über ein Leben an der Seite eines Mannes, der sich offenbar sehenden Auges dem Tod aussetzt. Doch was sie bei ihm hält, warum sie diese Obsession mittragen und weshalb ausgerechnet diese Männer für sie wichtiger sind als die Angst vor dem nächsten Sprung, wird nicht erzählt. Die Trauer ist da. Die Beziehung dahinter fehlt. So reiht sich ein Todesfall an den nächsten, ohne dass daraus ein wirklicher Spannungsbogen entsteht. Ein Sprung, ein Unfall, die Trauer, der nächste Sprung. Dann wieder von vorn. Es wiederholt sich. Immer wieder und wieder. Und darin steckt durchaus eine interessante Ironie: „Nervenkitzel“ führt vor, wie sinnlos dieser Kick werden kann, wenn immer nur der nächste Sprung zählt. Nur wirkt diese Erkenntnis weniger wie das Ergebnis einer klugen Dramaturgie als wie etwas, das der Film trotz seiner eigenen Schwächen nebenbei produziert. Der Nervenkitzel nutzt sich ab. Das Werk leider ebenfalls. 

    Nervenkitzel Netflix Film 2026 To the Max, La Fiera
    Nervenkitzel ©Netflix

    Fazit

    „Nervenkitzel“ fesselt nicht durch sein Drehbuch, sondern durch die erbarmungslose Realität. Ein bittersüßer, repetitiver Rausch, bei dem der Tod Regie führt – nur ohne dass die Ohnmacht der Zurückgebliebenen spürbar wird.

    Bewertung: 2.5 von 5.
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  • Nando zwischen zwei Welten | Netflix Film – Kritik: Ein Sintonia-Film

    Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia-Film

    TitelNando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia-Film
    Genre Thriller, Drama
    Jahr2026
    FSK16
    RegieJohnny Araújo

    Starttermin: 12.08.2026 | Netflix

    Spendiert Netflix der „Sintonia“-Saga einen würdigen Abschluss?

    Wer ohne Vorwissen in „Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia Film“ hineinstolpert, wird unweigerlich ins kalte Wasser geworfen. Denn Nando kommt nicht aus dem Nichts. Das Netflix Original ist kein Standalone, sondern die Fortsetzung einer Geschichte, die 2019 mit der brasilianischen Netflix Serie „Sintonia“ begann und über fünf Staffeln hinweg das Leben dreier Freunde aus der Peripherie São Paulos begleitet hat. Doni (Jottapê), Rita (Bruna Mascarenhas) und Nando (Christian Malheiros) wachsen im selben Viertel auf, schlagen jedoch völlig unterschiedliche Wege ein. Doni sucht seinen Ausweg in der Musik, Rita findet Halt in der Religion und später im Recht, während Nando sich für die kriminelle Unterwelt entscheidet. Drei Lebensentwürfe, ein gemeinsamer Ausgangspunkt – und eine Welt, in der sozialer Aufstieg selten ohne Schuldschein bleibt. Vor allem Nandos Weg führt dabei immer tiefer in die Kriminalität. Aus dem jungen Mann, der zunächst nur Geld verdienen und seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen will, ist ein mächtiger Krimineller geworden. Fünf Jahre, nachdem Nando im kriminellen Untergrund zur Macht aufgestiegen ist, lebt er in Serbien und hat sich ein internationales Netzwerk aufgebaut – doch dann gerät seine Tochter Bruninha (Duda Pimenta) ins Fadenkreuz.

    Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia-Film Netflix Film 2026
    Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia-Film ©Netflix

    Nando kehrt nach Brasilien zurück, um seine Familie zu beschützen, und landet dabei wieder in genau der Welt, die er eigentlich hinter sich lassen wollte. Sein engster Verbündeter verrät ihn, während die kriminelle Organisation, die Nando einst angeführt hat, zunehmend Druck auf ihn ausübt. Während sich die Ereignisse unaufhaltsam zuspitzen, muss Nando feststellen, dass sich die Vergangenheit nicht einfach abschütteln lässt, nur weil man irgendwann weit genug von ihr entfernt lebt. Die Vergangenheit wird zum Bumerang – und die Motive, die sich „Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia Film“ auf die Fahne geschrieben hat, gleich mit. Denn genauso wie die eigenen Taten kehren auch die Themen des Netflix Originals immer wieder und wieder und wieder zurück. Wegwerfen hilft nichts, da sammelt schon der nächste Drehbuchschreiberling die Tropen aus der Resterampe und kocht sie uninspiriert wieder auf. Der Bumerangeffekt im Doppelpack.

    Filmpodcast Netflix

    La Familia auf dem Steißbein und der Pitbull auf der Pinnwand

    Ein Vater sucht seine Tochter. Ein Krimineller versucht, seine eigene Hinterlassenschaft unter Kontrolle zu bringen. Und ein Mann, der sein ganzes Leben dem Aufstieg gewidmet hat, steht plötzlich vor der Frage, was davon bleibt, wenn die eigene Familie den Preis dafür zu spüren bekommt. Was „Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia Film“ daraus macht, liefert den üblichen Stoff für die La-Familia-Tattoo-auf-dem-Schlüsselbein-Fraktion. Harte Kerle mit weichem Kern. Männer, deren moralischer Kompass offenbar erst dann wieder funktioniert, wenn jemand „Familie“ sagt. Denn wer seine Tochter liebt, kann im Grunde kein schlechter Mensch sein. So einfach kann die Welt sein, wenn man sie auf eine Männerfantasie aus Patronen, Loyalität und väterlicher Fürsorge herunterbricht. American Staffordshire Terrier als Facebook-Profilbild, den eigenen Nachwuchs stolz auf dem Arm und irgendwo dazwischen ein Mann-Löwe-Vergleich auf der Pinnwand, der erklären soll, warum dieser besonders gefährliche Mann eigentlich ein ganz großer Softie ist.

    Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia-Film Netflix Film 2026
    Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia-Film ©Netflix

    Netflix bedient mit „Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia Film“  eine Männerromantik, die Kriminalität gern wie eine besonders raue Form von Familienplanung aussehen lässt. Hier der Gangster, dort das Kind, dazwischen ein paar Leichen und die Erkenntnis, dass Papa eigentlich immer nur das Beste wollte. Das Böse bekommt ein Herzchen, solange es seine Tochter rechtzeitig in Sicherheit bringt. Und so wird aus der Frage nach Verantwortung schnell die bequemere Frage nach Loyalität: Wer steht zu wem, wenn es schwierig wird? Wie weit ist man bereit zu gehen, um die zu retten, die man liebt? Motive, die im Gangsterkino ungefähr schon so oft aufgetaucht sind wie ein schwarzer SUV. „Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia Film“ fährt ihn trotzdem noch einmal vor – trotz aktivierter Motorkontrollleuchte. Dabei ist es nicht einmal das abgedroschene Klischee, das dem nachgelagerten Abschluss der „Sintonia“-Saga am Ende das Genick bricht, sondern die lieblose Umsetzung. Die abgestandenen Tropen selbst sind dabei nicht einmal das Problem. Kriminelle Menschen, die ihre Familie beschützen wollen, gibt es schließlich in unzähligen Varianten – und manchmal, nicht selten sogar, entstehen genau daraus richtig gute Geschichten. Diese hier jedoch ist keine davon.

    Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia-Film Netflix Film 2026
    Nando zwischen zwei Welten – Ein Sintonia-Film ©Netflix

    Fazit

    „Nando zwischen zwei Welten“ kocht bekannte Gangster-Klischees und altbewährte Familien-Motive uninspiriert noch einmal auf. Für Fans der Saga nett zu Ende erzählt, als eigenständiger Film aber viel zu lieblos umgesetzt.

    Bewertung: 2 von 5.
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  • The Last House| Netflix Film – Kritik: Das Ende der Welt beginnt zuhause

    The Last House

    TitelThe Last House
    Genre Sci-Fi, Thriller
    Jahr2026
    FSK16
    RegieLouis Leterrier

    Starttermin: 07.08.2026 | Netflix

    Netflix sucht das Grauen in den eigenen vier Wänden

    Der Mensch gewöhnt sich an erstaunlich viel. An Hunger. An Kälte. An Einsamkeit. Selbst Schmerzen werden irgendwann zu etwas, mit dem man seinen Alltag organisiert. Was deutlich schwerer auszuhalten ist, ist die Ungewissheit. Wenn niemand erklären kann, was eigentlich passiert, beginnt der Mensch selbst damit. Er sucht Muster, erfindet Zusammenhänge und macht aus ein paar Beobachtungen eine Wahrheit, die vielleicht nie eine war. Erst ist da nur ein ungutes Gefühl. Dann ein Verdacht. Irgendwann steht man da und ist sich ziemlich sicher, obwohl man eigentlich gar nichts weiß. Es braucht keine Katastrophe, um Menschen auseinanderzubringen. Manchmal reicht schon eine Welt, die plötzlich keine Antworten mehr liefert. Da passt es erstaunlich gut, dass Regisseur Louis Leterrier die Idee zu „The Last House“ ausgerechnet während der Corona-Pandemie entwickelte. Eine Zeit, in der Ungewissheit zum Alltag gehörte, Regeln sich schneller änderten als ihre Begründungen und selbst die banalsten Dinge plötzlich nach Ausnahmezustand aussahen. Genau dieses Gefühl nimmt sich das Netflix Original zum Ausgangspunkt – und verspielt damit leider eine Vorlage, aus der deutlich mehr hätte werden können.

    The Last House Netflix Film 2026
    The Last House ©Netflix

    Im Mittelpunkt stehen Megan (Greta Lee) und Jack (Wagner Moura), die mit ihren beiden Kindern Kat (Emma Ho) und Tommy (Gabriel Barbosa) in einem abgelegenen Haus leben. Viel mehr braucht es zunächst auch gar nicht. Ein Haus. Eine Familie. Und dann ist da plötzlich diese unsichtbare Grenze. Eines Morgens sind Fenster und Türen undurchdringbar und die eigenen vier Wände werden zum Gefängnis. Jeder Versuch, die unsichtbare Barriere zu durchbrechen, scheitert. Telefon und Internet funktionieren nicht mehr, Hilfe ist nicht zu erreichen und draußen verschluckt ein dichter Regen die Umgebung. Was zunächst wie ein Albtraum wirkt, wird zum neuen Alltag. Das klingt nach einem ziemlich brauchbaren Ausgangspunkt für einen klaustrophobischen Thriller. Nur leider hat das zeitgenössische Kino das scheinbar idyllische Leben in den eigenen vier Wänden bereits ziemlich oft von der Außenwelt isoliert. Das Motiv der unfreiwilligen Isolation ist spätestens seit Filmen wie „The Pink Cloud“ oder dem verhaltenen Netflix-Beitrag aus Deutschland „Brick“ bestens bekannt. Doch das Problem liegt nicht einmal in der altbekannten Ausgangslage selbst. Bekannte Geschichten können hervorragend funktionieren, wenn man ihnen eine neue Perspektive, einen eigenwilligen Ton oder wenigstens ein paar gute Ideen spendiert. Leterrier nämlich gelingt das kaum. Stattdessen wird die ohnehin überschaubare Prämisse über eine viel zu üppige Laufzeit gezogen, bis aus klaustrophobischer Spannung bloß noch erzählerische Leerlaufzeit wird und selbst die vermeintlich wichtigen Momente anfangen, sich wie Beschäftigungstherapie anzufühlen. Da sitzen Menschen in einem Haus fest, rationieren Lebensmittel, verbringen ihre Tage mit immergleichen Abläufen und versuchen irgendwie, nicht durchzudrehen. Wer die vergangenen Jahre nicht gerade im Kälteschlaf verbracht hat, kennt diese Grundsituation bereits ziemlich gut. Der Unterschied: Damals gab es wenigstens die Hoffnung, dass irgendwann jemand einen Impfstoff entwickelt.

    Filmpodcast Netflix

    Spätestens das Ende erklärt „The Last House“ zum absoluten Fehltritt

    Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich Menschen an neue Regeln gewöhnen – und wie schnell sie anfangen, diese Regeln infrage zu stellen, sobald niemand mehr weiß, wer sie eigentlich gemacht hat. Genau daraus hätte sich ein spannendes Familiendrama entwickeln können. Stattdessen bleibt „The Last House“ an der banalen Oberfläche einer handelsüblichen Mainstreamproduktion. Zu Beginn gelingt es Leterrier immerhin, mit der Stimmung zu spielen. Auf die erste Panik folgt beinahe so etwas wie Euphorie. Plötzlich ist da Zeit. Keine Termine, kein gesellschaftlicher Druck, kein ständiges Gefühl, irgendwo etwas zu verpassen. FOMO verschwindet erstaunlich schnell, wenn die Welt außerhalb des eigenen Gartens nicht mehr erreichbar ist. Für einen kurzen Moment wirkt die Isolation wie eine Befreiung. Doch diese Ambivalenz hält nicht lange. Viel zu früh schiebt sich die äußere Bedrohung in den Vordergrund. Fremdartige Gestalten tauchen auf, Geräusche durchdringen den Nebel und die Fragen werden größer. Was befindet sich dort draußen? Warum können sie das Gebäude nicht verlassen? Und vor allem: Was passiert mit Menschen, wenn ihnen niemand mehr sagen kann, was eigentlich vor sich geht? Das sind durchaus brauchbare Fragen. Nur findet „The Last House“ keine spannende Antwort darauf. Stattdessen beginnt ein zähes Warten. Und Warten kann im Horror wunderbar funktionieren. Wenn Regie und Drehbuch verstehen, wie man aus einer unsichtbaren Bedrohung Spannung erzeugt, kann praktisch nichts und trotzdem alles passieren. Man muss das Nichts nur aushalten können. Doch „The Last House“ fehlt dafür das Gespür. Über weite Strecken scheint das Netflix Original selbst nicht zu wissen, was für eine Art von Film es eigentlich sein möchte. Familiendrama? Pandemie-Parabel? Survival-Thriller? Mystery-Horror? Oder irgendwann doch noch großes Sci-Fi-Spektakel? Am Ende ist es von allem ein bisschen und von nichts genug. Lose Fäden, die zusammen wirken wie unterschiedliche Filme, die zufällig dasselbe Haus gebucht haben. So bleibt auch visuell erstaunlich wenig hängen. Ein abgelegenes Haus, Regen, Fenster, durch die irgendetwas Unheimliches zu sehen sein könnte – mehr braucht guter Horror manchmal tatsächlich nicht. Aber dann muss die Inszenierung diese wenigen Mittel auch ausreizen. „The Last House“ tut das nicht. 

    The Last House Netflix Film 2026
    The Last House ©Netflix

    Dazu kommen Dialoge, die den Figuren kaum Gelegenheit geben, zu Menschen zu werden. Nur selten entsteht daraus das Gefühl, tatsächlich eine Familie dabei zu beobachten, wie ihr die gemeinsame Wirklichkeit langsam entgleitet. Stattdessen bleiben Megan, Jack und ihre Kinder Figuren, die vor allem deshalb existieren, weil jemand durch das Drehbuch noch hindurchmuss. Was am Ende bleibt, ist deshalb eine Geschichte, die man nicht nur schon einmal gesehen hat, sondern gleich mehrfach. Ein bisschen „A Quiet Place“, ein bisschen Pandemie-Kammerspiel – alles vorhanden, nichts konsequent zu Ende gedacht. Es fehlt an Ideen. Vor allem aber fehlt der Mut, aus einer brauchbaren Prämisse etwas Eigenes zu machen. Die Unsicherheit, die den Stoff einst inspiriert haben dürfte, hätte ein beklemmender Ausgangspunkt sein können. Stattdessen zerfällt „The Last House“ im letzten Drittel endgültig in seine Einzelteile. Am Ende des Tages ist es fast nebensächlich, an welchem der vielen erzählerischen Totalschäden man den endgültigen Absturz von „The Last House“ festmachen möchte – denn das Fundament war ohnehin schon vorher morsch. Die Geschichte scheitert weit vor dem Abspann an ihrem eigenen Anspruch, ein beklemmendes, emotionales Kammerspiel zu sein. Die Atmosphäre bleibt seltsam distanziert und ungelenk, die Figuren bleiben blass und die Regeln dieser Welt werden genau dann gedehnt oder gebrochen, wenn das Drehbuch selbst nicht mehr weiterweiß. Ob man sich im Finale nun über den eklatanten Bruch der eigenen Filmgesetze ärgert, weil die Macher plötzlich ein stumpfes CGI-Monster-Spektakel aus dem Hut zaubern, über die kolossalen Logiklöcher einer völlig absurden Auflösung den Kopf schüttelt oder die aufgesetzte Öko-Moralpredigt über sich ergehen lässt, die der ohnehin kaum spürbaren Substanz endgültig den Rest gibt: Das ernüchternde Ergebnis bleibt exakt dasselbe. „The Last House“ wollte aus der großen Ungewissheit der Pandemie einen kleinen Albtraum machen. Am Ende bleibt vor allem die Gewissheit, dass aus dieser Idee sehr viel mehr hätte werden können.

    The Last House Netflix Film 2026
    The Last House ©Netflix

    Fazit

    „The Last House“ verspielt eine eigentlich packende Prämisse an ein erschreckend unentschlossenes Drehbuch. Zwischen erzählerischem Leerlauf, blassen Figuren und einem völlig misslungenen CGI-Monster-Finale verkommt das Netflix Original zu einem bemerkungslos ungelenken Genre-Mix, der keine seiner eigenen Fragen konsequent zu Ende denkt. Ein handwerklich zähes Kammerspiel ohne echten Mut.

    Bewertung: 1.5 von 5.
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  • Verflucht Normal | Film – Kritik: Das berührendste Biopic des Jahres

    Verflucht Normal

    TitelVerflucht Normal
    Genre Drama, Komödie
    Jahr2025
    FSK12
    RegieKirk Jones

    Heimkinostart: 11.09.2026

    Eine wahre Geschichte gegen den Zwang zur Normalität 

    Normalität ist ein stilles Abkommen. Niemand unterschreibt es, trotzdem kennt jeder seine Regeln. Nicht zu laut sein. Nicht auffallen. Im richtigen Moment lachen und im falschen schweigen. Wer aus diesem unsichtbaren Verhaltenskodex herausfällt, wird innerhalb weniger Sekunden taxiert. Erst neugierig, dann irritiert, manchmal belächelt, nicht selten bemitleidet. Das Tourette-Syndrom legt diesen Mechanismus schonungslos offen. Nicht weil die Krankheit verstört, sondern weil sie unsere Vorstellung davon erschüttert, was wir selbstverständlich als „normal“ empfinden.Genau das ist auch der Kern von „Verflucht normal“. Das Drama erzählt die wahre Geschichte von John Davidson, der mit Tourette lebt und sich seinen Platz in einer Welt erkämpfen muss, die Abweichungen oft schneller bewertet als versteht. Was daraus entsteht, ist weder ein tränenreiches Mitleidsdrama noch ein auf Hochglanz poliertes Mutmachmärchen. Stattdessen richtet das Biopic den Blick dorthin, wo er viel zu selten landet: auf den Menschen hinter den Tics.

    Verflucht Normal Film 2025
    Verflucht normal ©LEONINE

    Dass dieser Perspektivwechsel so überzeugend funktioniert, ist vor allem Robert Aramayo zu verdanken. Seine Darstellung wirkt nie wie eine Schauspielübung, bei der körperliche Symptome möglichst eindrucksvoll reproduziert werden sollen. Die Tics sind jederzeit präsent, werden aber nie zum alleinigen Mittelpunkt der Figur. Viel interessanter sind die Momente, in denen sichtbar wird, wie sehr Johns Alltag von den Reaktionen seiner Umgebung geprägt wird. Die Blicke Fremder. Die Missverständnisse. Die ständige Erfahrung, anders wahrgenommen zu werden. Gerade weil Aramayo nie um Bewunderung spielt, entwickelt seine Performance eine bemerkenswerte Ehrlichkeit. Man sieht keinen reinen Krankheitsdarsteller, sondern einen Menschen, dessen Leben von Tourette begleitet wird. Auch Regisseur Kirk Jones findet einen Ton, der Schmerz, Humor und Hoffnung miteinander verbindet, ohne jede Szene künstlich aufzublasen. Diese Mischung verleiht dem Film eine ungewöhnliche Bodenständigkeit. 

    Filmpodcast

    Warum uns dieser Film mehr über uns selbst erzählt als über Tourette

    Das Bemerkenswerteste an „Verflucht normal“ ist ohnehin, dass Tourette hier nie zur eigentlichen Geschichte wird. Die Diagnose bildet lediglich den Ausgangspunkt für etwas Größeres. Es geht um Blicke, um Vorurteile, um jene Sekundenbruchteile, in denen ein erster Eindruck bereits über Sympathie oder Ablehnung entscheidet. Jeder kennt diese Reflexe. Kaum jemand hinterfragt sie. Genau das tut der Film. Er zeigt, wie bereitwillig wir andere auf das reduzieren, was sofort sichtbar ist, und wie selten wir den Menschen dahinter wahrnehmen. Aus einem Drama über eine neurologische Erkrankung entwickelt sich beinahe beiläufig eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, Ausgrenzungsmechanismen und unserem erstaunlich engen Normalitätsbegriff. Dass die Handlung dabei bekannten Biopic-Mustern folgt, lässt sich kaum bestreiten. Manche Wendung kündigt sich früh an, manche emotionale Zuspitzung verläuft auf vertrauten Schienen. Wirklich originell ist das selten. Doch weil die Figuren jederzeit glaubwürdig bleiben und der Film ihnen mit spürbarem Respekt begegnet, fällt dieser Mangel weit weniger ins Gewicht, als man vermuten könnte.

    Verflucht Normal Film 2025
    Verflucht normal ©LEONINE

    Vielleicht erzählt „Verflucht normal“ deshalb am Ende gar nicht in erster Linie von Tourette. Sondern von einer Gesellschaft, die sich an allem stört, was sich nicht mühelos in ihre Vorstellung von Normalität einfügt. Der eigentliche Perspektivwechsel besteht nicht darin, die Krankheit besser zu verstehen. Er besteht darin, den eigenen Blick zu hinterfragen. Wie schnell urteilen wir? Wie oft entscheiden Sekunden über einen Menschen? Und wie selbstverständlich erwarten wir eigentlich, dass sich jeder an Regeln hält, die niemals jemand ausgesprochen hat? Genau dort trifft der Film seinen wahren Nerv. Er fordert kein Mitleid ein, sondern Verständnis. Keine Bewunderung, sondern Empathie. Dramaturgisch mag das alles selten neue Wege beschreiten, emotional entwickelt „Verflucht normal“ jedoch eine Aufrichtigkeit, die zu Herzen geht.

    Verflucht Normal Film 2025
    Verflucht normal ©LEONINE

    Fazit

    „Verflucht normal“ erzählt die wahre Geschichte von John Davidson – viel mehr noch geht es jedoch um den Blick einer Gesellschaft auf das Anderssein und all jene Vorurteile, die entstehen, wenn Menschen aus dem Raster fallen. Ein konventionelles Biopic, das vertraute Wege geht, dabei aber mit außergewöhnlicher Menschlichkeit daran erinnert, dass Normalität oft nur eine Frage der Perspektive ist. 

    Bewertung: 4 von 5.
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