In the Hand of Dante
| Titel | In the Hand of Dante |
| Genre | Thriller, Historie |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Regie | Julian Schnabel |
Starttermin: 24.06.2026 | Netflix
Von Venedig zu Netflix: „In the Hand of Dante“ bleibt ein schwieriger Film
Oscar Isaac, Gal Gadot, Gerard Butler, John Malkovich, Al Pacino, Jason Momoa – manche Castlisten sehen nicht aus wie eine Besetzung, sondern wie ein Versprechen. Nach großem Kino. Nach Prestige. Nach einem Film, der allein durch seine Namen genug Gewicht mitbringt, um auch Menschen anzulocken, die mit Dante Alighieri sonst vermutlich nur dann in Berührung kommen, wenn irgendwo das Wort „Inferno“ fällt. Wer also ohne Vorwissen auf „In the Hand of Dante“ stößt, könnte leicht etwas anderes erwarten. Ein historisches Epos vielleicht. Einen düsteren Thriller. Ein Netflix Starvehikel mit Oscar Isaac im Zentrum. Julian Schnabel macht daraus etwas, das mit all diesen Erwartungen nur am Rand zu tun hat. Schon bei der Weltpremiere bei den 82. Internationalen Filmfestspielen von Venedig soll der Film selbst ein experimentierfreudiges Festivalpublikum eher ratlos zurückgelassen haben. Das ist erst einmal kein Problem. Kino darf sperrig sein. Es darf sich querstellen. Es darf einem die Hand verweigern, statt artig durch seine Handlung zu führen. Vielleicht hätte genau darin sogar der Reiz liegen können: ein prominenter Cast als Köder, der ein breiteres Publikum unversehens in ein wilderes, ungezähmtes Kino zieht. Weg von sauber ausgeleuchteter Streamingware. Rein in ein Werk, das sich traut, größenwahnsinnig, widersprüchlich und unbequem zu sein. Nur stellt sich nach der Sichtung eine ziemlich unangenehme Frage: Ist „In the Hand of Dante“ wirklich der richtige Film für diese Mission?

Denn Maßlosigkeit allein ist noch kein Mut. Verwirrung noch keine Tiefe. Und ein Film, der sich benimmt, als müsse er in jeder Szene Kunst, Tod, Religion, Sünde, Begehren und gleich noch die ganze Menschheitsgeschichte verhandeln, kann am Ende auch einfach unter dem Gewicht seiner eigenen Wichtigkeit zusammenbrechen. Die Vorlage von Nick Tosches war schon kein Stoff, der nach einer einfachen Verfilmung gerufen hätte. Sein Roman aus dem Jahr 2002 bewegte sich zwischen literarischem Fiebertraum, historischer Gelehrsamkeit und dreckiger New Yorker Unterwelt. Dante und Gangster. Heiligenverehrung und Obszönität. Manuskriptkunde und Gewaltfantasie. Schnabel nimmt all das nicht nur auf, er schüttet noch mehr Öl ins Feuer. In der Gegenwart taucht ein angebliches Originalmanuskript von Dantes „Göttlicher Komödie“ auf – ein Fund, der den Literaturbetrieb erschüttern würde und sofort Begehrlichkeiten weckt. Das Dokument gerät in die Hände krimineller Mittelsmänner und landet schließlich im Umfeld des New Yorker Gangsterbosses Joe Black (John Malkovich). Von dort aus beginnt eine Jagd nach einem Stück Papier, das längst nicht mehr nur historisches Artefakt ist, sondern Projektionsfläche für Gier, Macht, Glauben und den sehr menschlichen Irrsinn, alles besitzen zu wollen, was eigentlich unberührbar bleiben sollte.

Wenn aus Bedeutung am Ende nur Behauptung wird
Parallel dazu springt die Handlung ins Leben von Dante Alighieri (Oscar Isaac). Nach seiner Verbannung aus Florenz durch Papst Bonifacio VIII. (Gerard Butler) irrt Dante krank, mittellos und innerlich zerrissen durch Italien. Er sucht Zuflucht, wird verfolgt, schreibt, leidet, hängt in einer Ehe mit Gemma Donati (Gal Gadot), die kaum mehr ist als eine gesellschaftliche Tatsache, und klammert sich zugleich an den Geist seiner verstorbenen Muse Beatrice. Aus Schuld, Sehnsucht, religiöser Angst und dichterischem Wahn soll nach und nach jenes Werk entstehen, das später als „Göttliche Komödie“ in die Literaturgeschichte eingeht. Das klingt nach Rausch. Nach einem Film über Kunst, der selbst Kunst sein will. Nach Gangsterkino, Gottesangst und Höllenfahrt. Und für ungefähr dreißig Minuten funktioniert dieser Größenwahn sogar. Dann schaut man auf die Laufzeit und merkt: Es liegen noch mehr als zwei Stunden vor einem. Blöd. Schnabels Gegenwartsebene sieht in ihrem fast chromglänzenden Schwarz-Weiß-Look zunächst großartig aus. Auch der unverhohlene Blick Richtung Tarantino stört am Anfang kaum. Wenn Gerard Butler als redseliger Knochenbrecher durch diese Welt stapft, hat „In the Hand of Dante“ für einen Moment eine dreckige, komische, fast besoffene Energie. Da wird geredet, gedroht, geflucht und aufgedreht, als hätte sich jemand mit sichtbarer Freude in alten Gangsterposen gewälzt. Nicht subtil, sicher nicht. Aber lebendig. Nur hält dieser Zustand nicht lange. Irgendwann frisst sich der Schnack selbst auf. Was eben noch rotzig und überdreht wirkte, hängt plötzlich bleischwer im Raum, weil fast jeder Satz so klingt, als müsse er nebenbei noch Weltliteratur und Unterweltmythos miteinander verheiraten. Aus der Jagd nach dem Manuskript wird kein fiebriger Thriller, sondern ein immer breiter laufendes Durcheinander. Der Film stapelt Bedeutung, bis aus Bedeutung nur noch Behauptung wird. Er öffnet Räume, die er nicht betritt. Er wirft Figuren ins Bild, als würden berühmte Gesichter und finstere Blicke schon reichen, um Zusammenhang zu erzeugen.

Auch die historische Ebene leidet darunter. Dante, Beatrice, Gemma, Exil, Krankheit, Schuld, Visionen: Alles ist da, alles müsste Gewicht haben, alles müsste brennen. Doch Schnabel inszeniert diese Vergangenheit so ehrfürchtig und schwer, dass aus Schmerz irgendwann Dekor wird. Der Film scheint zu glauben, ein leidender Mann, ein paar geisterhafte Erscheinungen und der Schatten der „Göttlichen Komödie“ würden bereits genügen, um Tiefe herzustellen. Tun sie nicht. Die Liebe wirkt weniger unerreichbar als behauptet. Die Qual weniger spürbar als ausgestellt. Die Kunst weniger geboren als permanent angekündigt. So steht „In the Hand of Dante“ irgendwann zwischen seinen eigenen Filmen herum. Die Gegenwart will cool, dreckig und kultig sein, wirkt aber zunehmend angestrengt. Die Vergangenheit will groß, tragisch und spirituell sein, versinkt aber in ihrer eigenen Feierlichkeit. Dazwischen kippt eine Stimme aus dem Off noch mehr Bedeutung über ein ohnehin überladenes Gebilde. Am Ende ist dieser Film nicht sperrig, weil er seinem Publikum so viel zutraut. Er ist sperrig, weil er selbst keinen Weg durch seine Ideen findet. Er greift nach Hölle, Kunst und Erlösung – und landet in einem Labyrinth, das beeindruckend aussieht, aber nirgendwohin führt

Fazit
„In the Hand of Dante“ ist ein wuchtiger, eigensinniger und sichtbar ambitionierter Film, der kurz nach großem, wildem Kino riecht. Doch Schnabel verliert sich in Bedeutungsschwere, Symbolik und Pose. Was als Rausch beginnt, wird zur zähen Sitzprobe: voller Ideen, voller Namen – doch am Ende erschreckend leer.




































