In „Der perfekte Urlaub“ warten neue Probleme auf alte Freunde
Die deutsche Kinokomödie ist ein erstaunliches Phänomen. Seit Jahrzehnten werden hierzulande dieselben Beziehungsprobleme durch immer neue Drehbücher geschleift, Missverständnisse zum dramaturgischen Allheilmittel erklärt und prominente Gesichter in Situationen gebracht, die irgendwo zwischen Fremdscham und Familienfeier eskalieren. Und trotzdem funktioniert das Geschäft. Zumindest, wenn der richtige Name auf dem Kinoplakat steht. Besonders zuverlässig läuft es inzwischen mit der Wiederverwertung erfolgreicher Stoffe. Nach „Das Kanu des Manitu“ darf deshalb auch Bora Dagtekin wieder an eine seiner größten Erfolgsgeschichten ran. 2019 lockte „Das perfekte Geheimnis“ mehr als 5,3 Millionen Menschen in die deutschen Kinos. Sieben Freunde, ein Abendessen und ein Handyspiel, das sämtliche Lebenslügen ans Licht beförderte. Ein denkbar einfaches Konzept, dessen Ursprung allerdings in Italien lag. Das Original „Perfetti sconosciuti“ von Paolo Genovese wurde seit 2016 weltweit über zwei Dutzend Mal neu verfilmt und landete damit sogar im Guinness-Buch der Rekorde. Nun bekommt ausgerechnet die deutsche Version eine Fortsetzung. „Der perfekte Urlaub“ schickt die zerstrittene Freundesclique nach Mallorca. Der komplette Hauptcast ist wieder dabei, die Handys dürfen diesmal allerdings weitgehend in den Hosentaschen bleiben.
Videokritik: Gehen der deutschen Komödie die Ideen aus?
Einige Monate sind seit dem verhängnisvollen Abendessen vergangen. Die Freundschaften haben gelitten, Beziehungen sind zerbrochen und so manches Geheimnis hat bleibende Schäden hinterlassen. Leo (Elyas M’Barek), Pepe (Florian David Fitz), Rocco (Wotan Wilke Möhring) und Simon (Frederick Lau) wollen deshalb bei einem gemeinsamen Männerurlaub auf Mallorca wieder zueinanderfinden. Dummerweise haben sich Carlotta (Karoline Herfurth), Eva (Jessica Schwarz) und deren Freundin Maus (Diana Amft) ausgerechnet dieselbe Ferienvilla ausgesucht. Als das Anwesen auch noch in Flammen aufgeht, verschlägt es die gesamte Gesellschaft in ein Clubhotel. Dort werden alte Verletzungen wieder aufgerissen, während neue Konflikte die ohnehin angeschlagenen Beziehungen belasten. Leo versucht, Carlottas Vertrauen zurückzugewinnen, Eva zweifelt an ihrer Ehe und Pepe muss nach seinem Coming-out feststellen, dass seine Freunde mit seiner Sexualität offenbar größere Probleme haben als er selbst. Als schließlich auch noch Simons Ex-Freundin Bianca (Jella Haase) auftaucht, ist vom erhofften Erholungsurlaub nicht mehr viel übrig.
Dass ausgerechnet Bora Dagtekin die Geschichte fortsetzt, überrascht wenig. Der Regisseur und Drehbuchautor hat mit „Türkisch für Anfänger“, der „Fack ju Göhte“-Trilogie und „Das perfekte Geheimnis“ einige der größten deutschen Komödienerfolge der vergangenen Jahre verantwortet. Auch „Der perfekte Urlaub“ entstand erneut in Zusammenarbeit mit Constantin Film und Produzentin Lena Schömann. Gedreht wurde im Herbst 2025 auf Mallorca. Bemerkenswert ist allerdings die Entscheidung, ausgerechnet diesen Stoff fortzuführen. Während viele Komödien problemlos in die nächste Runde geschickt werden können, lebte „Das perfekte Geheimnis“ von einer ziemlich einmaligen Ausgangssituation. Sind die Geheimnisse erst einmal gelüftet, lässt sich derselbe Trick schlecht wiederholen. Dagtekin muss deshalb aus den Konsequenzen des ersten Films eine neue Geschichte entwickeln. Für die deutsche Kinokomödie ist das durchaus symptomatisch. Die großen Publikumserfolge der jüngeren Vergangenheit setzen auffällig häufig auf vertraute Figuren, bewährte Marken und nostalgische Wiedersehen. Auch finanziell scheint das Kalkül aufzugehen. „Das Kanu des Manitu“ führte 2025 die deutschen Kinocharts an, während originelle Komödienstoffe deutlich seltener einen vergleichbaren Massenandrang auslösen. Ob „Der perfekte Urlaub“ aus seinem prominenten Ensemble und der ungewöhnlichen Fortsetzungsgeschichte tatsächlich etwas Neues herausholt oder lediglich den nächsten bewährten Komödienmechanismus bemüht, verrät unsere ausführliche Videokritik.
„Bloody Tennis“ treibt den Wahnsinn des Leistungssports auf die blutige Spitze
Leistungssport ist eine der wenigen Formen der Selbstzerstörung, für die es Applaus gibt. Nach außen geht es um Disziplin, Ehrgeiz und den großen Traum, irgendwann ganz oben zu stehen. Dahinter liegen Jahre körperlicher Strapazen, mentaler Belastung und des Verzichts. Wer es an die Spitze schaffen will, muss Schmerzen ertragen, Grenzen überwinden und vor allem lernen, sich gegen andere durchzusetzen. Denn so gemeinschaftlich Training und sportlicher Alltag auch sein mögen, gewonnen wird am Ende alleine. Der Erfolg des einen bedeutet zwangsläufig die Niederlage des anderen. Und je näher man der Spitze kommt, desto weniger Platz bleibt für diejenigen, mit denen man sich den Weg dorthin geteilt hat. Es ist ein eigentümlicher Widerspruch: Man opfert einen beträchtlichen Teil seines Lebens für einen Augenblick, in dem man möglichst allein dastehen möchte. Selbst wenn dieser Augenblick irgendwann kommt, bleibt die Frage, wie viel vom eigenen Körper und der eigenen Persönlichkeit bis dahin auf der Strecke geblieben ist. Sport ist Mord, sagt der Volksmund. Normalerweise dient diese Weisheit allerdings eher dazu, sich mit gutem Gewissen vor der nächsten Trainingseinheit zu drücken. „Bloody Tennis“ nimmt das erstaunlich wörtlich – und das klingt zunächst verdächtig nach „HIM“. Erst kürzlich wählte der von Jordan Peele produzierte Horrorfilm den US-amerikanischen Football zum Schauplatz einer grotesken Auseinandersetzung mit Leistungsdruck, Ehrgeiz und körperlicher Selbstaufgabe. Visuell hatte der Film durchaus etwas zu bieten, behandelte seine eigentlich reizvolle Idee allerdings mit einer derartig konzeptionellen Holzhammermethode, dass aus dem möglichen Schrecken größtenteils plakative Symbolik wurde. „Bloody Tennis“ bewegt sich auf bemerkenswert ähnlichem Terrain. Nur sind es diesmal keine muskelbepackten Alphamänner, sondern junge Tennisspielerinnen, die Körper und Geist für die Aussicht auf sportlichen Ruhm an ihre Grenzen treiben. Ob das weibliche Gegenstück dem Gedanken nun mehr abgewinnen kann?
Es gibt Ideen, die größer sind als die Geschichten, in denen sie erzählt werden. „Bloody Tennis“ ist ein solcher Fall. Der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Nikias Chryssos („Rave On“, „Der Bunker“) findet durchaus einen reizvollen Ansatz, um die ohnehin fragwürdige Logik des sportlichen Konkurrenzkampfes bis ins Monströse zu übersteigern. Im Mittelpunkt steht Sophie (Sandra Guldberg Kampp), die an einer abgelegenen Elite-Tennisakademie aufgenommen wird. Schon bei ihrer Ankunft scheint dort vieles nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Der Kontakt zur Außenwelt ist unterbunden, die Familie bleibt außen vor, und neben den insgesamt sechs jungen Spielerinnen bevölkern lediglich die undurchsichtige Leiterin (Elina Löwensohn) und ihr sonderbarer Gehilfe das abgeschottete Gelände. Die gesamte Einrichtung vermittelt dabei weniger den Eindruck einer renommierten Ausbildungsstätte als den eines sorgfältig abgeschirmten Experiments, dessen Teilnehmerinnen besser nicht allzu viele Fragen stellen sollten. Dass hinter den aschroten Mauern kaum gewöhnliche Trainingsmethoden stecken dürften, ahnt man entsprechend früh. Doch das Versprechen ist groß genug, um die Bedenken zunächst beiseitezuschieben: Wer sich gegen die anderen durchsetzt, erhält die Chance auf Wimbledon. Und für eine solche Aussicht kann man wohl einiges über sich ergehen lassen. Schließlich gehört die Bereitschaft, sich für den Erfolg zu quälen, ohnehin zum Selbstverständnis ambitionierter Nachwuchstalente. Nur muss Sophie ziemlich schnell herausfinden, dass der leistungsorientierte Lehrplan unter sportlicher Förderung etwas entschieden anderes versteht als sie.
Aufschlag, Rückschlag, Fehlschlag
Mit zunehmender Spielzeit wird immer deutlicher, dass Chryssos den realen Schrecken, wie er in der Welt des Hochleistungssports routiniert seine Bahnen zieht, nicht einfach abbilden, sondern konsequent weiterspinnen möchte. Nur fügt sich das Geschehen deshalb noch lange nicht zu einem schlüssigen Ganzen. Die einzelnen Torturen wirken wie willkürlich eingestreute Versuche, den Wahnsinn weiter anzufachen. Ein auf dem Papier schauerlicher, im Kontext jedoch kaum wirkungsvoller Einfall jagt den nächsten, während die innere Logik irgendwo auf dem Trainingsgelände liegen bleibt. Was da zusammengehören soll, versteht man eher über das übergeordnete Motiv als über die eigentliche Handlung. Chryssos hat eine Vorstellung davon, welchen Schrecken er hervorrufen möchte, bekommt dessen Bestandteile aber kaum aufeinander abgestimmt. So wächst das Arsenal an bemühten Geschmacklosigkeiten, ohne dass daraus eine entsprechend zwingende Eskalation entsteht. Dass die filmische Tonlage ähnlich unstet bleibt, macht die Angelegenheit kaum besser. Mal wagt sich „Bloody Tennis“ in Richtung Slasher, ohne dessen Mechanismen wirklich auszureizen, dann übernimmt der physische Horror, bevor das Makabere wieder in beinahe absurden Humor kippt. Über allem schwebt derweil unübersehbar „Suspiria“. Eine abgeschottete Institution, junge Frauen, eine rätselhafte Autoritätsfigur und Rituale, deren Bedeutung sich zunächst nur erahnen lässt. Wo dort das Ballett den Rahmen bildete, ist es hier der Tennissport. Nur entfaltet die Akademie trotz ihrer reichlich zweifelhaften Gepflogenheiten kaum eine Sogwirkung – und was einen zunehmend beklemmenden Albtraum ergeben könnte, gerät zum unsteten Wechselspiel verschiedener Horrortraditionen. Dabei hätte gerade das ausschließlich weibliche Teilnehmerfeld durchaus Möglichkeiten geboten, dem vertrauten Sport-Horror eine eigene Richtung zu verleihen. Schließlich bewegen sich Frauen im Spitzensport in einem Spannungsfeld, das sich mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit und dem Anspruch, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen, weit über Leistungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen hinausreicht.
Daraus ließe sich einiges gewinnen, zumal Chryssos ohnehin ein auffälliges Interesse an der Verfügbarkeit menschlicher Körper besitzt. Doch weibliche Lust und Sexualität bleiben weitgehend Randerscheinungen, ebenso die queeren Anspielungen, die im weiteren Verlauf kaum Bedeutung erlangen. Nun muss nicht jeder Horrorfilm mit weiblichem Ensemble gleich eine Abhandlung über Geschlechterrollen liefern. Auffällig ist allerdings, wie wenig sich die Inszenierung für die Besonderheiten dieser Konstellation interessiert. Immerhin gelingt es Chryssos immer wieder, seine eigentümliche Welt in atmosphärisch bemerkenswerte Bilder zu übersetzen. Die dunkelroten Mauern, die den tristen Ascheplatz umschließen, verleihen der Akademie etwas Künstliches, beinahe Bühnenhaftes. Die hellen Tennisoutfits stechen aus den schweren Farbflächen hervor, während Sand, Schweiß und Blut zu einem einzigen schmutzigen Gesamtbild verschmelzen. Manche Einstellungen besitzen tatsächlich eine unangenehme Schönheit, eine eigentümliche Beklemmung, die trotz aller erzählerischen Schwächen punktuell hängen bleibt. Nur nutzt sich dieser Eindruck mit zunehmender Spielzeit merklich ab. Das Geschehen bleibt seinem überschaubaren Schauplatz derart treu, dass aus der anfänglich reizvollen Beschränkung irgendwann schlichte Monotonie wird. Immer dieselben Mauern, dieselben Wege, dieselben roten Flächen. Eine ähnliche Austauschbarkeit macht sich leider auch beim Ensemble bemerkbar. Sophie besitzt als Hauptfigur zumindest ausreichend Präsenz, um die Handlung zu tragen. Ihre Mitspielerinnen bleiben dagegen größtenteils blass. Bündnisse und Rivalitäten bleiben schemenhaft, persönliche Beweggründe verlieren sich zwischen den zunehmend bizarren Trainingsmethoden. Besonders unglücklich fällt dabei Helena Zengel auf. Deutschlands inzwischen auch international etablierte Hollywood-Export wirkt in ihrer ohnehin schwach gezeichneten Rolle stellenweise erstaunlich unsicher und verkommt zu einem Fremdkörper innerhalb des Ensembles. Gerade die blutleere Figurenzeichnung nimmt dem grausamen Treiben viel von seiner möglichen Wirkung. So schickt Chryssos seine Spielerinnen durch einen immer absonderlicheren Leidensparcours, versäumt es aber, ihre Beziehungen und persönlichen Abgründe mit ähnlicher Sorgfalt auszuloten – und die jungen Frauen werden zu Statistinnen ihrer eigenen Zerstörung. Der Weg an die Spitze mag erschreckend grausam sein. Wirklich erschreckend wäre allerdings erst, wenn einem auch etwas an den Menschen liegen würde, die ihn gehen müssen.
„Bloody Tennis“ ist nicht der erste Horrorfilm, der den realen Wahnsinn des Profisports zu einem grotesken Albtraum aufbauscht. Und auch nicht der erste, der beim Versuch, immer noch einen draufzusetzen, seine eigentliche Idee aus den Augen verliert. Nikias Chryssos schickt seine Spielerinnen durch einen zunehmend bizarren Leidensparcours, dessen visuelle Eigenwilligkeit über die erzählerische Beliebigkeit nur bedingt hinwegtäuschen kann.
Das Horrorgenre bedient sich bei seinen Geschichten immer wieder gerne realer Folklore, wie auch im Fall von „Omukade“. Bei der Kreatur aus der japanischen Mythologie handelt es sich um einen riesigen, drachenähnlichen Tausendfüßler, der nahezu unverwundbar ist. Das kommt euch bekannt vor? Das liegt vermutlich daran, dass es sich bei „Omukade“ um ein Prequel handelt, das im selben Universum wie „Creepy Crawly“ spielt. Zwar erzählen die beiden Horrorfilme von unterschiedlichen Kreaturen, weisen aber deutliche Parallelen zueinander auf.
Wie schon der erste Teil kommt auch das Prequel „Omukade“ dank der Busch Media Group ins deutsche Heimkino. Erneut führten die beiden Regisseure Chalit Krileadmongkon und Pakphum Wongjinda Regie, um ihr Monsteruniversum zu erweitern. Dieses Mal wird die Handlung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs verlagert, als Thailand unter japanischer Besatzung stand. Nach einem Bombenangriff wird der Ausgang einer Höhle verschüttet, in der eine Gruppe höchst unterschiedlicher Menschen gefangen ist: japanische Invasoren, thailändische Rebellen und ein britischer Kriegsgefangener. Um diesem Albtraum zu entkommen, müssen sie zusammenarbeiten. Doch in der Dunkelheit lauert eine große Gefahr.
Zwischen Folklore und Formeltreue
„Omukade“ ist einer dieser frustrierenden Horrorfilme, die auf technischer Ebene vieles richtig machen, beim Storytelling und der Figurenzeichnung jedoch komplett scheitern. Der Film nutzt den spannenden historischen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs lediglich als Kulisse für oberflächlich ausgearbeitete Konflikte, die letztlich ins Leere laufen. Hinzu kommt eine unnötig konfuse Inszenierung mit Dialogen, die teilweise beinahe zusammenhanglos wirken. Das größte Problem sind jedoch die Charaktere, die so blass und austauschbar daherkommen, dass man sich zu keinem Zeitpunkt für ihr Schicksal interessiert. So lassen einen gerade jene Momente, die als emotionale Höhepunkte gedacht waren, völlig kalt zurück. Auch die unheimliche Folklore rund um die Kreatur verliert an Wirkung, weil man diese viel zu früh zu Gesicht bekommt.
Und wenn sie dann auftaucht, ist der CGI-Einsatz deutlich zu erkennen. Vielleicht wurde gerade deshalb bei der Beleuchtung gespart, denn im Höhlensystem muss man mitunter schon genauer hinsehen, um überhaupt etwas zu erkennen. Dennoch sorgt das Setdesign durchaus für eine unheimliche und klaustrophobische Atmosphäre, auch wenn der Film nicht ganz an Klassiker wie „The Descent“ heranreicht. Am stärksten ist „Omukade“ nicht dann, wenn die titelgebende Kreatur zu sehen ist, sondern wenn die von ihr infizierten menschlichen Wirte zur Gefahr werden und die Überlebenden angreifen. Diese sind nicht nur optisch deutlich unheimlicher, auch bei den blutigen Effekten reizt der Film die FSK-16-Freigabe ordentlich aus. Die eingebauten Kampfszenen machen ebenfalls Spaß und sorgen für etwas Abwechslung in dem ansonsten nach Schema F ablaufenden Streifen. Schade, dass das vorhandene Potenzial nicht vollständig ausgeschöpft wird.
„Omukade“ punktet mit einer beklemmenden Atmosphäre, blutigen Effekten und unterhaltsamen Kampfszenen, scheitert jedoch an blassen Figuren und einer unausgereiften Handlung. Auch die interessante Folklore rund um die titelgebende Kreatur kann die erzählerischen Schwächen nicht ausgleichen. Ein Monster-Horrorfilm mit viel Potenzial, das leider weitgehend ungenutzt bleibt.
Amazon schickt „Ocean’s Eleven“ auf Familienausflug
Der Familienbetrieb ist ein zuverlässiger Schrecken für jedes Kind, das irgendwann den ebenso verständlichen wie komplizierten Wunsch entwickelt, entgegen der elterlichen Vorbestimmung dann doch noch einen eigenen Weg einzuschlagen. Die Werkstatt, die Praxis, das Restaurant oder irgendein anderes über Generationen aufgebautes Unternehmen wartet schließlich nicht nur auf Kundschaft, sondern irgendwann auch auf Nachfolge. Was man selbst aufgebaut hat, soll schließlich in der Familie bleiben. Für die Kinder kann dieselbe Aussicht allerdings schnell wie eine sehr höflich formulierte Form der Vorherbestimmung wirken. Umso erfreulicher dürfte es für die Eltern sein, wenn sich der Nachwuchs ganz von allein für denselben Beruf begeistert. Ohne dass jemand drängen, mit dem Familienvermächtnis winken oder bei jeder Gelegenheit daran erinnern muss, wie viel Mühe schließlich in diesem Unternehmen steckt. Man könnte von Veranlagung sprechen. Oder von Erziehung. Im Amazon Original „Masterplan“ wäre kriminelle DNA vermutlich die passendere Erklärung. Denn hier entdeckt ein Vater, dass seine beiden längst aus dem Blick geratenen Kinder unabhängig voneinander denselben Hang zum Gesetzesbruch entwickelt haben. Dabei haben sie von ihrem väterlichen Vorbild kaum etwas mitbekommen. Das Talent, andere Menschen übers Ohr zu hauen, scheint dieser Familie also tatsächlich im Blut zu liegen. Eine erfreuliche Nachricht für den Vater, der darin offenbar gleich die Gelegenheit erkennt, seine eigene Karriere mit der seiner Kinder zu verbinden. Und so macht er aus der unverhofften Gemeinsamkeit gleich eine Familienzusammenführung mit Geschäftsauftrag: Die Mona Lisa soll aus dem Louvre verschwinden. Andere Familien treffen sich zum Sonntagsessen. Diese hier plant den Kunstraub des Jahrhunderts.
Stanley Tucci spielt Roger, einen legendären Dieb, der seine Karriere mit einem letzten großen Coup krönen möchte. Dafür benötigt er allerdings Unterstützung, die er sich ausgerechnet bei seinem eigenen Nachwuchs sucht. Chiara (Simona Tabasco) kennt sich mit Cyberkriminalität aus, Jay (Victor Belmondo) bevorzugt als Sprengstoffexperte eine deutlich handfestere Form der Problemlösung. Roger nimmt die beiden zunächst genauer unter die Lupe, prüft ihre Fähigkeiten und eröffnet ihnen erst anschließend die etwas überraschenden Familienverhältnisse. Chiara und Jay sind Halbgeschwister – und der Mann, der sie gerade für einen spektakulären Kunstraub rekrutiert hat, ist ihr Vater. Man kann sich gewiss herzlichere Formen der Familienzusammenführung vorstellen. Immerhin scheint Roger mit der Berufswahl seiner Kinder zufrieden zu sein, was angesichts der langen Abwesenheit schon einmal einen möglichen Konflikt aus dem Weg räumt. Der geplante Kunstraub ist entsprechend nur eine Hälfte des „Masterplans“. Die andere besteht darin, verlorene Verbindungen wiederherzustellen und aus drei Menschen, die einander eigentlich fremd sind, innerhalb kürzester Zeit sowohl eine funktionierende Familie als auch ein Verbrecherteam zu machen. Dass sich diese beiden Vorhaben nur schwer miteinander vereinbaren lassen, dürfte kaum überraschen. Schließlich braucht es für einen erfolgreichen Coup vor allem gegenseitiges Vertrauen. Und davon kann bei drei Menschen, deren berufliche Laufbahn wesentlich auf Täuschung und Betrug beruht, kaum die Rede sein.
Der echte Louvre-Raub macht „Masterplan“ Konkurrenz
Und weil die Realität dem Kino bisweilen mit geradezu unverschämter Effizienz die Pointe wegnimmt, wirkt ausgerechnet der Louvre inzwischen ein wenig anders als noch vor einigen Jahren. Im Oktober 2025 brachen Diebe am helllichten Tag in das Museum ein, fuhren mit einem Möbelaufzug an die Fassade, gelangten über einen Balkon zu einem Fenster, arbeiteten sich mit einem Trennschleifer hinein, nahmen französische Kronjuwelen mit und verschwanden anschließend auf Motorrollern. Das alles dauerte nur wenige Minuten. Kein unterirdischer Tunnel. Keine monatelang konstruierte Attrappe. Kein elfköpfiges Spezialistenteam. Einfach Möbelaufzug, Werkzeug, rein und wieder raus. Die reale Kriminalgeschichte hat damit beinahe etwas Unverschämtes gegenüber jedem Heistfilm, der anschließend mehrere Akte Planung benötigt. „Masterplan“ will zwar gleich die Mona Lisa aus dem Louvre tragen, doch seit 2025 wirkt selbst der aufwendigste Filmcoup plötzlich, als hätte man vielleicht ein paar Meetings zu viel angesetzt. Dabei würde vermutlich kein Drehbuchautor auf die Idee kommen, einen derartigen Museumsraub so unspektakulär zu inszenieren. Da braucht es schon einen Masterplan. Womit sich auch ziemlich genau beschreiben lässt, was Amazon hier eigentlich veranstaltet. Was wäre , wenn Danny Ocean keine elf, zwölf oder dreizehn Mitstreiter um sich versammeln würde, sondern aus dem Geschäft mit den langen Fingern einen Familienbetrieb machte? Das Dreiergespann fällt deutlich überschaubarer aus, die grundsätzliche Mechanik bleibt dagegen vertraut. Jeder hat sein Spezialgebiet, jeder übernimmt einen bestimmten Teil des Plans, und am Ende soll aus vielen kleinen Täuschungsmanövern der große Coup entstehen. Der naheliegendere Vergleich liegt ohnehin auf Netflix. Schon in der ersten Folge von „Lupin“ organisiert Assane Diop einen spektakulären Diebstahl im Louvre. Verkleidungen, raffinierte Täuschungsmanöver und eine kostbare Beute gehören dort ebenso zum Repertoire wie die Familiengeschichte hinter dem Verbrechen. Dass ausgerechnet Gaumont beide Produktionen verantwortet, macht die Ähnlichkeit noch etwas kurioser. Problematisch wird es allerdings, wenn die Wiedererkennbarkeit größer ist als die eigene Handschrift. Und genau dort beginnt „Masterplan“ zu straucheln.
Amazons großer Coup nämlich wirkt weniger wie eine neue Variation bekannter Motive als wie ein Best-of dessen, was das Genre ohnehin schon bereithält. Geheimnisse hier, Spezialistenkompetenz dort, ein bisschen Generationenkonflikt, ein bisschen Gaunercharme, ein großer Gegenstand, der eigentlich nicht gestohlen werden kann, und natürlich die Gewissheit, dass das Offensichtliche niemals der ganze Plan gewesen sein dürfte. Man erkennt die einzelnen Bauteile nicht nur, man sieht teilweise schon beim Aufbau, wofür sie später gebraucht werden. Nun muss ein Heist-Film seine vertrauten Genremechanismen natürlich nicht bei jeder Gelegenheit neu erfinden. Gerade das Zusammenspiel unterschiedlicher Fähigkeiten und die minutiöse Vorbereitung eines scheinbar unmöglichen Verbrechens gehören schließlich zu seinen größten Vergnügen. Nur möchte man dabei gelegentlich auch überrascht werden. Von einem ungewöhnlichen Einfall, einer besonders dreisten Täuschung oder einer Wendung, die das zuvor Gesehene plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lässt. In „Masterplan“ bleibt dieses Vergnügen weitgehend aus. Thomas Vincent arrangiert seine vertrauten Versatzstücke mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass sich kaum einmal die Frage stellt, wohin das alles eigentlich führen könnte. Gerade die Familienkonstellation hätte der bekannten Geschichte durchaus etwas Eigenes abgewinnen können. „Masterplan“ nimmt den Widerspruch eines intakten Familiengefüges zwar zum Anlass für allerlei zwischenmenschliche Reibereien, belässt es aber weitgehend dabei. Die Familienzusammenführung schafft Misstrauen und Konflikte innerhalb des Teams, ohne der eigentlichen Geschichte entscheidend mehr Eigenständigkeit zu verleihen. Stattdessen geht es schon bald wieder um die vertrauten Kniffe eines Genres, das seine eigenen Spielregeln mittlerweile beinahe auswendig kennt. Dazu passt, dass der eigentliche Coup selbstverständlich noch einen doppelten Boden bekommt. Schließlich darf ein guter Meisterdieb am Ende gerne etwas mehr gewusst haben als das Publikum. Hier hätte es allerdings geholfen, wenn das Drehbuch tatsächlich einen Gedanken voraus gewesen wäre. Die Überraschung ist deutlich weniger überraschend, als es auf Prime Video schließlich behandelt wird. Was als große Enthüllung gedacht ist, bestätigt vor allem eine Vermutung, die man längst mit sich herumträgt. Die vermeintliche Raffinesse erschöpft sich darin, etwas offenzulegen, womit ohnehin schon zu rechnen war. Für einen Film, dessen gesamtes Vergnügen eigentlich im Unerwarteten liegen müsste, ist das eine ziemlich ernüchternde Angelegenheit.
Prime Video lässt einen großen Masterplan vermissen
Fast noch schwerer wiegt, dass Stanley Tucci bereits in einer frühen Phase der Geschichte zunehmend Platz macht. Die jüngere Generation soll schließlich nicht nur Handlanger eines übermächtigen Vaters bleiben. Nur ist Tucci zugleich derjenige, der dem Amazon Original am mühelosesten jene Mischung aus Intelligenz, Verschmitztheit und kultivierter Selbstverständlichkeit gibt, von der ein eleganter Gaunerfilm lebt. Er kann einen Raum betreten und bereits so aussehen, als wüsste er etwas, das alle anderen erst zehn Minuten später erfahren werden. Dieses Charisma bringt er mit. Der Film selbst wirft darüber hinaus allerdings erstaunlich wenig in den Topf. Wenn Chiara und Jay stärker übernehmen, fehlt genau diese Selbstverständlichkeit. Nicht, weil Simona Tabasco oder Victor Belmondo grob an ihren Rollen vorbeispielen würden. Beide erfüllen ziemlich genau das, was das Drehbuch von ihnen verlangt. Nur verlangt es wenig, das über ihre Funktion innerhalb des Plans und der Familienkonstellation hinausgeht. Die Figuren setzen zu wenige Akzente, um den Film an sich zu reißen. Chiara und Jay können haken und sprengen, sich gegenseitig auf die Nerven gehen und gelegentlich ihre familiären Verhältnisse infrage stellen. Viel mehr Persönlichkeit lässt ihnen das Drehbuch allerdings kaum. Entsprechend wenig bleibt von ihnen hängen, sobald der nächste Handlungsschritt ihre besonderen Fähigkeiten gerade nicht benötigt. Vielleicht ist das am Ende die treffendste Beschreibung für „Masterplan“: Der Film funktioniert. Er ist leicht, zugänglich und routiniert genug gebaut, um ohne größere Widerstände durchzulaufen. Nichts daran ist wirklich unsympathisch. Man kann Tucci beim charmanten Kriminellsein zusehen, bekommt eine Familiengeschichte mit überschaubarem emotionalem Gewicht, einen prestigeträchtigen Schauplatz und jene Sorte Coup-Unterhaltung, bei der niemand lange erklären muss, welche Art Film man gerade sieht. Das Streamingpublikum dürfte das dankend annehmen. Und vermutlich ist gegen einen solchen Zeitvertreib grundsätzlich wenig einzuwenden. Etwas mehr Eigenwilligkeit wäre angesichts der berühmten Vorbilder allerdings durchaus angebracht gewesen. So bleibt ein weitgehend austauschbarer Heist-Film, der seine bekannten Zutaten lieblos zusammenführt, ohne daraus etwas besonders Erinnerungswürdiges zu machen. Nur bleibt von einer guten Gaunergeschichte normalerweise zumindest ein Trick hängen. Eine Idee, ein Moment, eine Wendung, irgendein kleiner erzählerischer Taschendiebstahl, bei dem man erst hinterher merkt, dass einem der Film etwas untergeschoben hat. Bei „Masterplan“ bleibt die Überraschung aus. Und so dürfte der Familienausflug in die Hochkriminalität schneller wieder aus dem Gedächtnis verschwinden als die gestohlenen Kronjuwelen aus dem Louvre.
„Masterplan“ bedient sich großzügig bei bekannten Heist-Vorbildern, ohne deren Raffinesse zu erreichen. Stanley Tucci bringt immerhin etwas Gaunercharme mit, doch weder die Figuren noch der Coup bleiben nachhaltig im Gedächtnis. Ein Kunstraub, bei dem vor allem die Originalität abhandenkommt.
Austin Abrams hat mal wieder den schlimmsten Tag seines Lebens
Austin Abrams hat sich innerhalb kürzester Zeit zum gefragten Scream King entwickelt und tritt damit zunehmend in die Fußstapfen von Justin Long („Coyotes“). Denn ähnlich wie bei seinem Kollegen scheint auch bei Abrams eine Regel zu gelten: Kaum ein anderer Schauspieler muss sich in seinen Horrorfilmen durch derart albtraumhafte Situationen kämpfen. In „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ bekommt es seine drogenabhängige Figur mit dem bösen Zauber einer Hexe zu tun, in „Resident Evil“ muss er sich im Alleingang gegen Zombies behaupten und in seinem neuesten Film „Whalefall“ wird er kurzerhand von einem riesigen Pottwal verschluckt. Abrams bleibt also kaum Zeit zum Durchatmen. Und wir schauen ihm nur allzu gerne dabei zu.
„Whalefall“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Kraus, der sich zum Bestseller entwickelte. Die Verfilmung entstand unter der Regie von Brian Duffield, der unter anderem für den Science-Fiction–Thriller „No One Will Save You“ und die Horrorkomödie „Zerplatzt“ bekannt ist. Im Mittelpunkt von „Whalefall“ steht der junge Jay (Austin Abrams), der an die Pazifikküste reist, um nach den Überresten seines Vaters Mitt (Josh Brolin) zu suchen. Bei seinem Tauchgang wird er von einem Pottwal verschluckt und findet sich plötzlich in dessen Innerem wieder. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem er auf die Überlebenstechniken zurückgreifen muss, die sein Vater ihm in harten Lektionen beigebracht hat, bevor ihm der Sauerstoff ausgeht.
Wenn jeder Atemzug der letzte sein könnte
Jedes Mal, wenn ein Arbeitskollege das Poster zu „Whalefall“ sieht, sieht er sich als Taucher gezwungen, zu erzählen, wie lächerlich die Prämisse des Films ist. Warum? Die Speiseröhre eines Wals sei nicht breit genug, um einen Menschen zu verschlucken. Und damit liegt er fast richtig. Denn eine Ausnahme bildet der Pottwal, der Jay in diesem Film zum Verhängnis wird. Unwahrscheinlich ist ein solches Szenario dennoch. Aber wer legt bei einem Film dieser Art schon großen Wert auf Realismus? Allein der Gedanke, die geringe Wahrscheinlichkeit, dass so etwas tatsächlich passieren könnte, reicht aus, um daraus einen nervenzerreißenden Film zu machen. Und alter Schwede, hat es „Whalefall“ in sich. Brian Duffield holt inszenatorisch alles aus der Ausgangssituation heraus und beschert Austin Abrams den wohl bisher furchtbarsten Tag seiner Filmkarriere. Wer unter Platzangst leidet, sollte sich den Kinobesuch zweimal überlegen. Duffield erzeugt ein unglaublich unangenehmes Gefühl von Klaustrophobie. Egal, ob es die Enge im Inneren des Wals, der Sauerstoffmangel oder die ätzende Magensäure ist: Jay hat es während der 104 Minuten alles andere als leicht, und man fiebert unentwegt mit ihm mit. In Zeiten von KI-Slop und übermäßigem CGI-Einsatz ist es umso bewundernswerter, dass Duffield und sein Team das Innere des Wals vollständig mit praktischen Effekten zum Leben erweckt haben. Für jeden Atemzug und jede Bewegung des Wals standen sieben Crewmitglieder außerhalb des Sets bereit, die mit Schaumstoffpaddeln gegen die fleischartigen Wände drückten oder daran zogen.
Diese Authentizität trägt, unterstützt durch ein großartiges Sounddesign, ungemein zur beklemmenden Atmosphäre bei. Wenn sich der Magen des Wals immer weiter zusammenzieht, Jay langsam der Sauerstoff ausgeht und er mit immer neuen Problemen zu kämpfen hat, überträgt sich dank der starken Inszenierung jeder Moment des Horrors spürbar auf das Publikum und lässt den Puls in die Höhe schnellen. Unterbrochen wird Jays Überlebenskampf immer wieder von Rückblenden, die das schwierige Verhältnis zwischen ihm und seinem verstorbenen Vater Mitt beleuchten. Diese Dynamik bildet den emotionalen Kern der Geschichte. Die ausweglose Situation wird zur Metapher für Jays Schuldgefühle, seine Trauer und unverarbeitete Traumata. Eigentlich ein mittlerweile etwas müdes Thema im Genre, das hier allerdings weitgehend effektiv umgesetzt wird. Symbolisch betrachtet wird der Wal zu einer Vaterfigur, in deren Ansprüchen sich Jay selbst nach dessen Tod noch immer gefangen fühlt. Gegen Ende nimmt Duffield diese Metapher allerdings etwas zu wörtlich, wodurch „Whalefall“ zunehmend ins Melodramatische abdriftet. Abgefedert wird das durch die starken Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Josh Brolin ist trotz der schroffen Art seiner Figur so charmant wie eh und je. Und verdammt fit für sein Alter. Scream King Austin Abrams macht seinem Titel hingegen alle Ehre, vermittelt Jays Panik glaubwürdig und überzeugt zugleich in den emotional bewegenden Momenten.
„Whalefall“ ist ein klaustrophobischer Überlebensthriller, der mit handgemachten Effekten, einem herausragenden Sounddesign und einem panischen Austin Abrams für Nervenkitzel sorgt. Auch emotional hat der Film einiges zu bieten, verliert sich gegen Ende jedoch etwas zu sehr im Melodrama. Ein packender Unterwasseralbtraum, der einem spürbar den Atem raubt.
Die Niederlande sind im Horrorgenre vor allem für atmosphärische Genreperlen bekannt. Als Erstes kommen einem dabei Filme wie „The Vanishing“ oder der fantastische „Speak No Evil“ in den Sinn, der vor wenigen Jahren so erfolgreich war, dass bereits ein Jahr später ein amerikanisches Remake produziert wurde. Gewalt und blutige Eskapaden bleiben dabei meist aus, stattdessen setzt der niederländische Horror eher auf subtile Schrecken. Bis jetzt. Denn Regisseur Martijn Smits präsentiert mit „Meat Kills“ den ersten niederländischen Horrorfilm der in seinem Land eine FSK-18-Freigabe erhalten hat. Die Busch Media Group bringt den Film in verschiedenen hübschen Mediabook-Varianten ins deutsche Heimkino, worüber sich vor allem Fans blutiger Massaker freuen dürften. Im Mittelpunkt steht die junge Tierliebhaberin Mirthe (Caro Derkx), die sich auf eine Schweinefarm einschleust, um die grausamen Zustände und den Umgang mit den Tieren zu dokumentieren. Damit will sie in die radikale Aktivistengruppe „Animal Army“ aufgenommen werden. Ihr Plan geht auf: Gemeinsam mit der Gruppe bricht sie nachts auf die Farm ein, um die Tiere zu befreien. Doch die Aktion verläuft anders als geplant.
Als erster niederländischer Horrorfilm mit einer FSK-18-Freigabe sind die Erwartungen an die Gewaltexzesse in „Meat Kills“ entsprechend hoch. Und tatsächlich überrascht der Film mit deftigen Gewaltspitzen und gelungenen handgemachten Effekten. Seinen offensichtlichen Vorbildern aus der Welle des französischen Extremhorrors, der sogenannten French Extremity, oder dem Klassiker „The Texas Chain Saw Massacre“ wird er zwar nicht immer ganz gerecht, nicht zuletzt, weil viele Tötungen im Off stattfinden, doch zumindest die Folgen der Gewalt werden explizit gezeigt und können sich sehen lassen. Fans harter Kost dürften hier keineswegs enttäuscht werden. Auch inszenatorisch erweist Regisseur Martijn Smits seinen Vorbildern liebevoll die Ehre. Wenn die Figuren durch eine Kühlkammer voller aufgehängter Schweineleichen flüchten oder Kreissägen zum Einsatz kommen, werden unweigerlich Erinnerungen an „Frontier(s)“ oder „High Tension“ wach. Doch die Gewalt ist längst nicht das Spannendste an „Meat Kills“. Tatsächlich wirft Smits interessante Fragen über Moral und den Zustand unserer gespaltenen Gesellschaft auf.
Heute auf der Schlachtbank: die Moral
Mal davon abgesehen, dass selbst radikale Tieraktivisten statistisch gesehen nur in sehr seltenen Fällen Gewalt gegen Menschen ausüben, entwickelt sich aus filmischer Sicht aus diesem Konflikt eine durchaus packende Dynamik. Die klaren Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen zunehmend. Auf der einen Seite steht eine Gruppe junger Menschen, die aus den richtigen Gründen die falschen Mittel wählt. Auf der anderen Seite befindet sich eine Familie, deren Zuhause überfallen wird und die sich zur Wehr setzt. Eine Kette fataler Zwischenfälle lässt die Situation schließlich in blinden Hass und rohe Brutalität umschlagen. Smits wirft die Frage auf, wie weit man für die eigenen Moralvorstellungen gehen darf und ob die Entmenschlichung Andersdenkender tatsächlich der richtige Weg ist, unabhängig davon, auf welcher Seite man steht. Dieser Ansatz hebt „Meat Kills“ geschickt von anderen Genrevertretern ab. Noch besser hätte er allerdings funktioniert, wenn die Figuren etwas komplexer ausgearbeitet wären. Auf beiden Seiten bleiben sie in klischeehaften und eindimensionalen Kategorien gefangen. Auch die Argumente gegen den Veganismus werden nur oberflächlich angerissen, was wiederum der Haltung vieler Fleischesser entsprechen mag. Am Ende bleibt man mit reichlich Stoff zum Nachdenken über gesellschaftliche Doppelmoral und Fleischkonsum zurück. Für einen Film dieser Art ist das bereits mehr, als man erwarten würde. Eines macht „Meat Kills“ jedoch unmissverständlich deutlich: Gewalt kennt keine Gewinner und sollte niemals das Mittel sein, um die eigenen Überzeugungen durchzusetzen. Denn Gewalt erzeugt nur weitere Gewalt. Das verdeutlicht auch das düstere Ende, in dem sich der gefährliche Teufelskreis fortsetzt.
„Meat Kills“ verbindet blutige Gewalt mit einer überraschend gesellschaftskritischen Auseinandersetzung über Moral, Fleischkonsum und die zunehmende Feindseligkeit zwischen Menschen mit gegensätzlichen Überzeugungen. Trotz klischeehafter Figuren überzeugt der Film mit handgemachten Effekten und einem düsteren Blick auf einen Teufelskreis aus Hass und Gewalt. Ein kompromissloser Genrebeitrag, der mehr zu bieten hat als blutige Eskalationen.