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Filme | Kritiken
  • Hellcat | Kritik zum Film: Ein Gefängnis auf vier Rädern

    Hellcat

    TitelHellcat
    Genre Horror
    Jahr2025
    FSK16
    RegieBrock Bodell

    Heimkinostart: 17.09.2026

    Nicht jede Wunde hinterlässt Eindruck

    Shudder ist in Amerika einer der größten und beliebtesten Streaming-Anbieter für Horrorfans und liefert immer wieder neue und interessante Genre-Ware, darunter auch viele Regiedebüts. Umso trauriger ist es, dass Shudder in Deutschland nie so richtig Fuß fassen konnte. Der Streaming-Dienst existiert auch hierzulande als Prime Video Channel, die Auswahl sieht allerdings im Vergleich eher mau aus. Dafür werden viele Original-Produktionen stattdessen in Deutschland über verschiedene Filmverleihe im Heimkino veröffentlicht und finden immerhin so einen Weg zum Publikum.

    Hellcat Film 2025
    Hellcat ©Meteor Film

    So auch der Horrorfilm „Hellcat“, der über Meteor Film als VoD erscheint. Dabei handelt es sich um das Spielfilmdebüt von Regisseur Brock Bodell, der zuvor bei Filmen wie „Dead Water“ als Editor tätig war. In „Hellcat“ erzählt er die Geschichte der jungen Lena (Dakota Gorman), die mit einer schmerzenden Wunde eingesperrt in einem Wohnwagen aufwacht. Eine männliche Stimme (Todd Terry) sagt ihr, dass sie nur eine Stunde Zeit hat, um einen Arzt zu erreichen, ansonsten geschieht Lena etwas Schreckliches. Doch sagt er die Wahrheit oder ist sie in die Fänge eines Psychopathen geraten?

    Filmpodcast

    Hellcat faucht, aber wirklich zubeißen will der Film nicht

    Das Erste, was über den Bildschirm flimmert, ist die Zeile „Ein Silent Diner Film“. Still ist „Hellcat“ allerdings ganz und gar nicht. Gerade die erste Hälfte ist immer wieder durchzogen von den panischen Hilfeschreien der jungen Protagonistin, die verzweifelt einen Ausweg aus dem Wohnwagen sucht. Das sollte eigentlich Spannung garantieren, dennoch ist die Luft schnell raus. Denn auch wenn der Film alles versucht, um Clive, der dafür verantwortlich ist, dass sie sich in dem Wohnwagen befindet, als suspekt und möglichen Bösewicht darzustellen, wird ziemlich schnell deutlich, dass an seiner Version der Geschichte durchaus etwas dran sein könnte, was der Situation ein wenig von ihrer bedrohlichen Atmosphäre nimmt. Auch wohin Lenas mysteriöse Wunde führt, wird wenig subtil angedeutet und ist schon lange vor der Auflösung klar.

    Hellcat Film 2025
    Hellcat ©Meteor Film

    In der zweiten Hälfte bringt „Hellcat“ dann tatsächlich ein paar interessante Wendungen mit ein, die man so nicht unbedingt kommen sieht. Und das Ende ist so bizarr, aber auch so authentisch menschlich, dass es hängen bleibt. Gerade in den ruhigen Momenten ist „Hellcat“ oft am stärksten. Wie in einer Szene, in der sich die geschwächte Lena auf den Boden des Wohnwagens legt und einfach nur durch eine Dachluke in den Sternenhimmel starrt. Simpel, aber sehr nahbar. Hauptdarstellerin Dakota Gorman gibt sich ihrer Rolle voll hin, auch wenn das Drehbuch ihr nicht immer viel bietet. Das Spielfilmdebüt von Brock Bodell schwächelt besonders darin, seine Geschichte auf eine mitreißende Weise zu erzählen. Immer wieder fällt der Blick trotz der kurzen Laufzeit auf die Uhr, und viele interessante Ansätze gehen schnell wieder unter.

    Hellcat Film 2025
    Hellcat ©Meteor Film

    Fazit

    „Hellcat“ hat einige interessante Ideen und punktet vor allem in den ruhigen, menschlichen Momenten. Leider gelingt es Brock Bodell nicht, daraus über die gesamte Laufzeit einen wirklich packenden Horrorfilm zu machen. Trotz einiger überraschender Wendungen bleibt vieles vorhersehbar und die Spannung schnell auf der Strecke. Ein solides, aber letztlich etwas unausgegorenes Regiedebüt.

    Bewertung: 2 von 5.
    Amazon Prime Video
  • Psycho Killer | Kritik – Film auf Disney Plus: „Sieben“ war gestern

    Hellcat

    TitelPsycho Killer
    Genre Horror, Thriller
    Jahr2026
    FSK18
    RegieGavin Polone

    Starttermin: 10.09.2026 | Disney+

    DIsney+ exhumiert einen Slasher

    Was einmal im Archiv begraben wurde, sollte dort auch verrotten. Mit Hollywoods Giftschrank verhält es sich ein bisschen wie mit dem verfluchten Erdreich auf dem Friedhof der Kuscheltiere – denn Dinge, die dort unter einer dicken Schicht aus Staub und kreativen Differenzen ruhen, kehren nur selten unbeschadet ans Tageslicht zurück. Wenn sie nach Jahrzehnten doch noch exhumiert werden, entsteigt dem Grab oft eine entstellte, seelenlose Kreatur, die nur noch vage an ihre einstige Vision erinnert. Das jüngste Opfer dieser filmischen Nekromantie ist ein Projekt, das auf dem Papier wie die glorreiche Rückkehr des düsteren Psychothrillers der 90er- und 00er-Jahre anmutete, in der finalen Umsetzung jedoch zum Mahnmal der Entwicklungshölle mutiert ist. „Psycho Killer“ nämlich lauerte schon ziemlich lange im Limbus der Vorproduktion, während die Welt des Horrors längst an ihm vorbeigezogen ist.

    Psycho Killer 2026 Film
    Psycho Killer ©xxx

    Der Auftakt wirkt dabei eigentlich stimmig, wenngleich etwas blutarm – gerade bei einem plakativen, B-Movie-Trash verheißenden Titel wie „Psycho Killer“. Alles beginnt auf einem gottverlassenen Highway in Kansas, wo das Leben der Polizistin Jane Archer (Georgina Campbell) plötzlich und blutig aus den Fugen gerät. Bei einer Routinekontrolle eines Fahrzeugs wird ihr Ehemann vor ihren Augen hingerichtet. Der Täter: Ein hünenhafter Maskierter, der medial betitelt als „The Satanic Slasher“ eine Schneise des Todes durch den Mittleren Westen schlägt. Während der Killer seinen blutigen Roadtrip unbeirrt fortsetzt und seine Opfer in okkulten Ritualen dem Bösen widmet, nimmt die traumatisierte Witwe auf eigene Faust die Verfolgung auf. Ihre Obsession führt sie durch das triste Hinterland Amerikas, vorbei an verlassenen Tankstellen und zwielichtigen Gestalten, tiefer und tiefer hinein, in einen Sumpf aus satanischem Wahn und roher Gewalt. Ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel eben – nur ziemlich fußlahm.

    Filmpodcast

    Der lange Schatten von „Sieben“

    Manche Drehbücher reifen wie guter Wein, andere versauern: Sie lagern ewig im Keller, werden aber mit der Zeit nicht besser – sondern kippen. Diesen essigsauren Beigeschmack einer Überlagerung trägt auch „Psycho Killer“ in sich. Das Skript aus der Feder von „Sieben“-Schreiberling Andrew Kevin Walker staubte bereits seit 2006 in den Schubladen Hollywoods vor sich hin, gebeutelt von wechselnder Regie und neuen kreativen Köpfen, die kamen und gingen, um am Ende doch noch reanimiert zu werden. Dass sich das Genre über die Jahre gewandelt hat, mit neuen Impulsen, trendigen Gimmicks und experimenteller Trittbrettfahrerei ist dabei kaum zu übersehen. Was mit einem B-Movie-Plot aus den Untiefen der einstigen Direct-to-DVD-Hölle begann – ein bisschen „Sieben“ hier, ein wenig „8mm“ da –, wurde letztlich mit viel Opportunismus und wenig Liebe verquirlt mit allem, was seitdem in der Welt des Horrors mal mehr, mal weniger innovativ war. Das Ergebnis wirkt wie ein verzweifelter Versuch, den artifiziellen Einfluss des modernen Genrefilms in einen hanebüchenen Videotheken-Slasher Schrägstrich Serienkillerthriller zu zwingen. So kopiert „Psycho Killer“ die wagemutige Third-Person-Perspektive eines wortkargen Maskenmannes aus „In a Violent Nature“, übernimmt die fast schon grausame Entschleunigung eines „Longlegs“ und versucht sich am düsteren Serienkiller-Mysterium eines „Zodiac“.

    Psycho Killer 2026 Film
    Psycho Killer ©xxx

    Unter der Regie von Gavin Polone entfaltet sich so ein Roadtrip, dessen Straßen zwar viele Leichen pflastern, aber auch logische Abgründe, tief wie Schlaglöcher. Egal ob die Kamera den grimmigen Maskenmann mit dokumentarischer Unspektakularität verfolgt – „In a Violent Nature“ hat diesen voyeuristischen Ansatz ungleich interessanter gestaltet –, oder parallel dazu Jane Archer begleitet, die nicht minder unspektakulär nahezu nichts zur Aufklärung beiträgt – „Psycho Killer“ scheint sich auf keinem seiner dramaturgischen Abwege um Glaubwürdigkeit zu scheren. Angesichts der schieren Gleichgültigkeit, mit der „The Satanic Slasher“ seine Spuren meist öffentlichkeitswirksam hinterlässt, hätte vermutlich selbst ein Forensik-Team vor der revolutionären Verhaltensanalyse der 1970er-Jahre binnen Stunden eine Verhaftung vorgenommen. Und genau hier zieht sich das Geschehen, zwar stimmungsvoll inszeniert und mit visuellem Gespür, aber losgelöst von charakterlichen Entwicklungen und Tiefgang, bis zum immer absurder werdenden Finale. Auf dem Weg dorthin bleibt immerhin eine Sequenz im Gedächtnis, die als visueller Exzess aus der Trägheit heraussticht: In einer vermeintlichen „Plansequenz“ wird mit einer Axt in Zeitlupe eine gesamte Sekte während einer satanistischen Sexparty abgeschlachtet. Das ist Hochglanz-Gewalt mit fragwürdigem Style – gewollt, pietätlos und exhibitionistisch, aber immerhin mit einem Schockeffekt, der im erzählerischen Vakuum hängen bleibt.

    Psycho Killer 2026 Film
    Psycho Killer ©xxx

    Fazit

    „Psycho Killer“ ist eine missglückte filmische Exhumierung: Trotz atmosphärischer Bilder und brutaler Spitzen scheitert der Thriller an seinem veralteten Skript, logischen Abgründen und dem verzweifelten Versuch, moderne Horror-Trends zu kopieren.

    Bewertung: 2 von 5.
    Amazon Prime Video
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  • Danke, Team! | Netflix Film – Kritik: Teamgeist aus der Konserve 

    Danke, Team!

    TitelDanke, Team!
    Genre Komödie
    Jahr2026
    FSK12
    RegieDiego Núñez Irigoyen

    Starttermin: 11.09.2026 | Netflix

    Netflix bittet zur Betriebsversammlung

    Der Arbeitsplatz ist ein merkwürdiger Ort. Eigentlich möchte niemand besonders viel Zeit dort verbringen, trotzdem bekommt er einen erstaunlich großen Anteil unseres Lebens zugesprochen. Gut, im Bett liegen wir ebenfalls ziemlich lange, aber beschränkt man die Rechnung auf den Wachzustand – eine Kategorie, die gerade montagmorgens im Büro ohnehin großzügig ausgelegt werden muss –, verbringen viele Menschen mehr Zeit mit ihrer Kollegschaft als mit Freunden, Partnern oder der eigenen Familie. Und dann darf man sich diese Menschen nicht einmal aussuchen. Irgendjemand aus der Personalabteilung hat irgendwann entschieden, dass ausgerechnet diese acht, zwölf oder vierzig vollkommen unterschiedlichen Charaktere von nun an fünf Tage die Woche dieselbe Kaffeemaschine benutzen sollen. Natürlich gibt das Reibung. Konkurrenz, Genervtheit, heimliche Abneigung, offene Abneigung, Flirts, Freundschaften und manchmal tatsächlich Zuneigung. Eine merkwürdige Zwangsgemeinschaft, die Unternehmen besonders gerne als zweite Familie verkaufen. Nur eine Familie eben, in der man sich morgens einstempelt und die einen bei schlechter Geschäftslage auch wieder vor die Tür setzt. Vielleicht funktioniert die Workplace-Comedy gerade deshalb schon so lange so gut. „The Office“ brauchte kaum mehr als Schreibtische, schlechte Beleuchtung und Menschen, die einander acht Stunden täglich nicht entkommen konnten. „Parks and Recreation“ machte aus kommunaler Verwaltung einen erstaunlich liebenswerten Mikrokosmos, „Scrubs“ fand seine dysfunktionale Ersatzfamilie zwischen Krankenhausbetten und Bereitschaftszimmern, während „Alles Routine “ das Großraumbüro gleich als schleichenden Angriff auf die menschliche Seele behandelte. Das Büro kann hundertmal dasselbe sein. Es steht und fällt damit, wen man hineinsetzt, was diese Menschen miteinander zu tun haben und ob diejenigen, die sie spielen, aus einem belanglosen Gespräch am Drucker plötzlich etwas machen können. Gute Figuren, gutes Drehbuch, gute Darsteller. Eigentlich überschaubare Anforderungen. „Danke, Team!“ auf Netflix schafft trotzdem das Kunststück, an allen dreien vorbeizuarbeiten.

    Danke, Team! Netflix Film 2026
    Danke, Team! ©Netflix

    Dabei beginnt die spanische Netflix Komödie mit einer Situation, die für ihr Thema kaum besser passen könnte. Olga (Alexandra Jiménez) kehrt nach ihrer Babypause zurück zu Tío Mochales, einem einst erfolgreichen Käseunternehmen, das inzwischen selbst ein wenig aussieht, als müsste jemand langsam das Haltbarkeitsdatum überprüfen. Zuhause warten Zwillinge, die noch nicht ganz verstanden haben, dass ihre Mutter jetzt wieder Termine hat, im Büro wartet dafür die sogenannte zweite Familie. Nur eben nicht besonders sehnsüchtig. Olga erscheint sogar einen Tag früher als erwartet und steht zunächst vor einem beinahe leeren Arbeitsplatz. Kaum zurück im Berufsleben, soll es dann auch schon zum Team-Building gehen – hinaus aufs Land, in jenes Dorf, in dem die Firma einst gegründet wurde. Alte Werte, neuer Zusammenhalt, gemeinsam wieder entdecken, was Tío Mochales angeblich ausmacht. Das übliche Firmenfamilienvokabular also, nur diesmal mit Reisebus. Natürlich dauert es nicht lange, bis aus dem Familienausflug eine Erbstreitigkeit wird. Tío Mochales steckt wirtschaftlich längst tiefer im Käse, als es die freundlichen Motivationsreden vermuten lassen, und während die Mitarbeitenden noch gemeinsam Spiele absolvieren, sickert durch, dass größere Entlassungen bevorstehen. Plötzlich bekommt jedes vermeintlich harmlose Teambuilding-Spiel eine zweite Ebene. Wer arbeitet hier eigentlich mit wem zusammen? Wer schleimt sich bei der richtigen Person ein? Wer könnte verzichtbar sein? Und wie familiär fühlt sich eine Firmenfamilie noch an, sobald feststeht, dass einige ihrer Mitglieder demnächst aus dem Stammbaum gestrichen werden? Die Grundidee besitzt genug Boshaftigkeit, um daraus eine richtig unangenehme Arbeitsplatzkomödie zu machen. Ausgerechnet Übungen, die angeblich Vertrauen schaffen sollen, werden zur Bühne für Konkurrenz, verletzte Eitelkeiten und nackte Existenzangst.

    Filmpodcast Netflix

    Danke, Team! – und jetzt bitte Feierabend 

    Nur müsste „Danke, Team!“ dafür irgendwann auch wirklich zubeißen. Stattdessen arbeitet sich die Komödie erstaunlich pflichtbewusst durch ungefähr alles, was einem beim Stichwort Büroprobleme so einfallen kann. Konkurrenzkampf? Natürlich. Affäre am Arbeitsplatz? Dabei. Verletzte Egos, sexuelle Anziehung, Karriereambitionen, private Überforderung, gekränkte Loyalitäten, kleine Lügen, größere Missverständnisse und jene besondere Form von kollegialer Freundlichkeit, bei der jeder weiß, dass hinter dem nächsten Rücken bereits geredet wird? Einmal komplett abhaken, bitte. Selbst Olgas Rückkehr aus der Babypause liefert mit der Frage, wie selbstverständlich sich Familie und Beruf eigentlich vereinbaren lassen, einen deutlich interessanteren Konflikt, als der Rest später daraus macht. Sie versucht, wieder genau jene berufliche Version ihrer selbst zu sein, die vor den Kindern existierte, während ihr Privatleben längst beschlossen hat, dass diese alte Ordnung nicht einfach wieder einzusetzen ist. Ein schönes Spannungsfeld. Nur bleibt auch das eines von vielen Themen, die kurz am Konferenztisch sitzen dürfen, bevor schon der nächste Tagesordnungspunkt aufgerufen wird. Vor allem aber fehlt dieser Belegschaft etwas, das man schlecht in eine PowerPoint zum Thema Unternehmenskultur schreiben kann: Chemie. Workplace-Comedy lebt schließlich nicht allein davon, dass Menschen zusammenarbeiten müssen, sondern davon, dass man ihnen dabei gerne zusieht. Man muss Michael Scotts Fremdscham ertragen wollen, Leslie Knopes Begeisterung mögen, mit den Menschen in „Scrubs“ irgendwann mehr Zeit verbringen wollen als mit Teilen der eigenen Verwandtschaft. Genau diese seltsame Nähe entsteht hier nie. Netflix erzählt in „Danke, Team!“ ständig davon, dass diese Menschen trotz aller Streitigkeiten irgendwie aneinander hängen, bleibt den Beweis dafür aber weitgehend schuldig. Aus der zweiten Familie wird eine Ansammlung von Kolleginnen und Kollegen, die eben gerade gemeinsam im selben Film gelandet sind.

    Danke, Team! Netflix Film 2026
    Danke, Team! ©Netflix

    Und wenn schon keine große Zuneigung entsteht, könnte wenigstens der Humor den Betrieb am Laufen halten. Tut er nur leider ebenfalls kaum. Die Gags kommen, erledigen ihren Dienst und stempeln wieder aus. Mal geht es ums Veganersein, mal ums Schwulsein, mal darum, dass jemand mit irgendwelchen gesellschaftlichen Entwicklungen nicht mehr so ganz hinterherkommt. Wirklich bösartig wird das nie, dafür fehlt schon der Mut. Aber zeitweise besitzt der Humor diesen leicht abgestandenen Bürokaffee-Geschmack, bei dem man ungefähr weiß, aus welcher Thermoskanne die Pointe stammt. Ein bisschen boomerig, ein bisschen bemüht, niemals scharf, stets eingestaubt und alt. Gerade bei einer Geschichte über moderne Arbeitswelt, Managementsprech, Selbstausbeutung und dieses groteske Ritual namens Team-Building hätte man wunderbar gemein werden können. Stattdessen möchte „Danke, Team!“ letztlich niemandem richtig wehtun. Das passt wiederum zu seinem auffällig großen Bedürfnis, am Ende doch noch alle irgendwie in den Arm zu nehmen. Hinter Konkurrenz, Verrat und gegenseitigem Misstrauen soll selbstverständlich die Erkenntnis warten, dass diese chaotische Truppe im Grunde doch zusammengehört. Die Firmenfamilie darf kurz auseinanderbrechen, damit man anschließend umso schöner feststellen kann, wie wichtig einem die anderen eigentlich sind. Nur kann man Wärme schlecht rückwirkend verordnen. Wenn die Figuren vorher kaum Charme entwickeln und ihre Beziehungen eher behauptet als aufgebaut wurden, reicht auch das freundlichste Schlusswort nicht, um plötzlich Verbundenheit herzustellen. „Danke, Team!“. Ein Film über eine Firma, die ihren Mitarbeitern mit gemeinsamen Spielen einreden möchte, sie seien eine Familie, versucht irgendwann selbst mit ähnlichen Mitteln, sein Publikum von dieser Familie zu überzeugen. Ein paar Geständnisse, etwas Zusammenhalt, die passende Musik – schaut mal, eigentlich haben wir uns doch alle lieb. Schön wär’s. Man kann sich seine Kolleginnen und Kollegen eben nicht aussuchen. Seine Workplace-Comedy schon. Und wenn Netflix schon „The Office“ im Angebot hat, muss man sich nicht ausgerechnet zu dieser Betriebsfeier zwingen.

    Danke, Team! Netflix Film 2026
    Danke, Team! ©Netflix

    Fazit

    Irgendwann ist auch die längste Betriebsfeier vorbei. Bei „Danke, Team!“ schaut man allerdings schon ziemlich früh auf die Uhr, räumt unauffällig sein Glas weg und hofft, dass niemand noch eine gemeinsame Abschlussrunde vorschlägt. Ausstempeln. Heimgehen. Montag sehen wir uns wieder – hoffentlich woanders.

    Bewertung: 1.5 von 5.
    Amazon Filme Blu-ray
  • Drawn Together | Amazon Film – Kritik: Das neue „Culpa Mía“ auf Prime Video

    Drawn Together

    TitelDrawn Together
    Genre Thriller, Romanze
    Jahr2026
    FSK16
    RegieÓscar Pedraza

    Starttermin: 09.09.2026 | Prime Video

    Amazon liefert die nächste Red Flag – und zieht sie wieder ein

    Romantische Warnsignale haben in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere hingelegt. Eifersucht, Kontrollzwang und die feste Überzeugung, über das Leben eines anderen Menschen besser Bescheid zu wissen als dieser selbst, waren einmal Eigenschaften, die innerhalb einer Liebesgeschichte zumindest erklärungsbedürftig erschienen. Inzwischen genügt häufig ein attraktiver Mann mit dunkler Vergangenheit, beträchtlichem emotionalem Ballast und jenem zuverlässig finsteren Blick, mit dem sich problematisches Verhalten erstaunlich effizient in geheimnisvolle Anziehung übersetzen lässt. Seit „Fifty Shades of Grey“ und später der „After“-Reihe hat insbesondere die Young- und New-Adult-Romanze ein ausgesprochen lukratives Interesse daran entwickelt, Liebe nicht einfach kompliziert, sondern möglichst gefährlich aussehen zu lassen. Der nette Mann von nebenan verlor dabei merklich an Marktwert. Gefragt war fortan einer, bei dem bereits das Kennenlernen genügend Material für mehrere Therapiesitzungen liefern könnte. Der Streamingmarkt hat diese Entwicklung dankbar aufgenommen. Netflix machte mit „Der Tränenmacher“ aus seelischen Abgründen eine romantische Grundausstattung, Prime Video schob „Love Me Love Me“ hinterher und spätestens Mercedes Rons „Culpa Mía“-Kosmos zeigte ziemlich eindrucksvoll, wie zuverlässig sich Eifersucht, Besitzdenken und emotionale Eskalation verkaufen lassen, wenn sie nur mit genügend vermeintlich attraktiven Menschen, Musik und jener Form bedeutungsschwerer Inszenierung versehen werden, die aus jeder Grenzüberschreitung noch eine große Leidenschaft herauszuholen versucht. Selbst die englischsprachige Neuauflage des Erfolgsrezepts ließ nicht lange auf sich warten. Wenn ein Konzept funktioniert, wird im Streaminggeschäft schließlich nur selten darüber diskutiert, ob man es noch einmal braucht. Man variiert Besetzung und Kulisse und beginnt von vorn. Nun landet mit „Drawn Together“ die nächste Mercedes-Ron-Adaption bei Prime Video, und eigentlich stehen sämtliche Zeichen schon früh auf jenem Sturm, den diese Geschichten seit Jahren mit erstaunlicher Konsequenz heraufbeschwören. 

    Drawn Together Amazon Prime Video Film 2026
    Drawn Together ©Amazon Prime Video

    Der erste Band ihrer „Enfrentados“-Dilogie bringt eine junge Frau aus privilegierten Verhältnissen, einen mächtigen Vater, eine Entführung, einen attraktiven Bodyguard, permanente Überwachung und ein Machtgefälle zusammen, das innerhalb dieses Genres längst als zuverlässiger Rohstoff für erotische Spannung gilt. Eigentlich müsste nur noch jemand die hormongeschwängerte Musik aufdrehen und schon könnte die nächste Beziehung beginnen, bei der persönliche Freiheit vor allem als dramaturgisches Hindernis auf dem Weg zur großen Liebe behandelt wird. Gerade deshalb ist die eigentliche Überraschung von „Drawn Together“ so bemerkenswert: Der Film macht das weitgehend nicht. Marfil Cortés, gespielt von „Élite“-Star Ester Expósito, ist die Tochter eines mächtigen spanischen Geschäftsmanns und führt in New York ein ausgesprochen privilegiertes Leben, bis sie entführt und wenig später unter mysteriösen Umständen wieder freigelassen wird. Ihr Vater engagiert daraufhin den von Hugo Diego García verkörperten Sebastián Moore als persönlichen Bodyguard. Fortan soll dieser verhindern, dass Marfil erneut etwas zustößt – rund um die Uhr und zwangsläufig mit deutlich weniger Privatsphäre. Sebastián muss wissen, wo sie sich aufhält, mit wem sie unterwegs ist und was sie vorhat. Auf dem Papier ist das die perfekte Ausgangslage für jene Form moderner Streamingromantik, in der beruflich begründete Kontrolle nur ein wenig erotisch aufgeladen werden muss, bis aus Sicherheitsmaßnahmen plötzlich Charaktereigenschaften werden. Aus Personenschutz wird Nähe, aus Nähe Reibung und aus Reibung irgendwann Anziehung. Das Genre könnte an dieser Stelle beinahe selbstständig übernehmen. Nur weigert sich Sebastián erfreulicherweise, zum vorgesehenen Problemfall zu werden. García erfüllt äußerlich ziemlich genau jene Anforderungen, die solche Geschichten an ihren männlichen Gegenpart stellen: verschlossener Blick, ernste Körpersprache, geheimnisvolle Vergangenheit. Sebastián trägt die visuellen Insignien des modernen Bad Boys, ohne dessen übliches Verhalten zu übernehmen. Er behandelt Marfil nicht wie persönlichen Besitz, möchte nicht über ihr Leben bestimmen und versteht krankhafte Eifersucht auch nicht als Beweis emotionaler Tiefe. Er kontrolliert ihre Bewegungen aus einem ziemlich nachvollziehbaren Grund: Es ist sein Beruf. Nachdem sie gerade erst entführt wurde. Mehr Red Flag ist da zunächst nicht.

    Filmpodcast

    Prime Videos „Bodyguard“ für eine Generation, die „Bodyguard“ nicht kennt

    Das klingt beinahe banal und ist im Umfeld solcher Geschichten trotzdem bemerkenswert. „Drawn Together“ könnte seine Ausgangslage problemlos dafür benutzen, aus beruflicher Kontrolle romantischen Besitzanspruch werden zu lassen. Sebastián darf wissen, wo Marfil ist, ihr aus Sicherheitsgründen widersprechen und im Ernstfall Entscheidungen treffen, die ihr nicht gefallen. Ein Film, der stärker den etablierten Mechanismen des Genres folgte, müsste daraus nur Dominanz, Eifersucht und Grenzüberschreitungen ableiten und hätte ziemlich exakt jene Liebesfantasie gebaut, die sich seit Jahren durch Bestsellerlisten und Streamingkataloge zieht. Stattdessen ist Sebastián ein erstaunlich vernünftiger Kerl. Kein manipulativer Alphamann, kein emotionaler Tyrann, kein wandelndes Warnsignal, dessen mangelnde Beziehungsfähigkeit nachträglich als Ausdruck besonders intensiver Gefühle geadelt wird. Regisseur Óscar Pedraza erspart sich jene romantische Logik, nach der Kontrolle nur intensiv genug ausfallen muss, um irgendwann als Fürsorge durchzugehen. Die Macht, die Sebastián durch seinen Beruf über Teile von Marfils Alltag erhält, bleibt zunächst genau das: Bestandteil seines Sicherheitsauftrags. Nur handelt sich „Drawn Together“ damit ein anderes Problem ein. Sobald man einer Romanze Eifersucht, Besitzdenken und emotionale Eskalation als bequem verfügbare Spannungsmittel entzieht, muss zwischen ihren Figuren tatsächlich etwas anderes vorhanden sein. Zum Beispiel Chemie. Und genau die findet der Film bemerkenswert zuverlässig nicht. 

    Drawn Together Amazon Prime Video Film 2026
    Drawn Together ©Amazon Prime Video

    Prime Video behauptet mit beträchtlichem Nachdruck, dass Marfil und Sebastián einander begehren. Pedraza lässt sie ansehen, berühren, schweigen, während der Soundtrack jeder Annäherung die gebotene Bedeutung verleiht. Blicke dauern länger, Berührungen werden bedeutungsvoller, alles signalisiert, dass zwischen diesen Menschen etwas entstehen soll. Nur entsteht erstaunlich wenig. Die Romanze bleibt Behauptung, die Inszenierung setzt Ausrufezeichen an Stellen, an denen das Drehbuch zuvor keinen überzeugenden Satz formuliert hat. „Drawn Together“ verwechselt die Inszenierung von Nähe mit Nähe selbst. Der Film möchte dieses klassische „Wir dürfen nicht, aber wir wollen“-Gefühl, doch das behauptete Knistern ergibt sich aus Expósito und García kaum. Dabei ist die Bodyguard-Romanze keineswegs eine Erfindung des Streamingzeitalters. Kevin Costner und Whitney Houston haben 1992 in „Bodyguard“ vorgeführt, warum die Verbindung aus Gefahr, erzwungener Nähe und wachsendem Vertrauen funktionieren kann. Natürlich ist auch dieser Film Kitsch, besitzt aber ein Gespür dafür, wann seine Hauptfiguren tatsächlich miteinander funktionieren. „Drawn Together“ kennt dieses Vorbild offensichtlich: Marfil und Sebastián besuchen sogar selbst eine Vorstellung von „Bodyguard“, wodurch Pedraza seine Referenz beinahe demonstrativ offenlegt. Das Problem an solchen Verweisen ist nur, dass sie zwangsläufig einen Vergleich eröffnen. Und der fällt nicht unbedingt zugunsten der Neuinterpretation aus.

    Drawn Together Amazon Prime Video Film 2026
    Drawn Together ©Amazon Prime Video

    Und dann kommt der Crime-Plot

    Als wäre eine Romanze ohne ausreichende romantische Spannung noch nicht Herausforderung genug, erinnert sich „Drawn Together“ im weiteren Verlauf daran, dass Marfils Entführung auch erzählerisch irgendwohin führen muss. Also öffnet sich zunehmend die Tür zum Crime-Thriller. Dahinter warten Geheimnisse, Bedrohungen, undurchsichtige Motive und Figuren, bei denen nicht immer klar ist, ob sie helfen, schaden, lügen oder lediglich Informationen für den zweiten Teil zurückhalten. Was als überschaubare Ausgangslage beginnt, greift immer weiter aus. Der Crime-Anteil bleibt zunächst Hintergrund, wird dann Handlung und beansprucht schließlich so viel Aufmerksamkeit, dass die Romanze beinahe zur Nebenhandlung ihres eigenen Films wird. Das wäre grundsätzlich kein Problem. Gerade eine Bodyguard-Geschichte lebt davon, dass die behauptete Gefahr nicht bloß dekoratives Beiwerk bleibt. Nur gelingt es „Drawn Together“ nicht besonders überzeugend, seine beiden erzählerischen Ebenen miteinander zu verbinden. Die Liebesgeschichte entwickelt zu wenig emotionale Zugkraft, während der Thriller immer neue Fragen aufwirft, ohne dadurch automatisch an Spannung zu gewinnen. Beide Elemente stehen häufiger nebeneinander, als dass sie sich gegenseitig verstärken würden. Denn ein Thriller wird nicht automatisch besser, nur weil sein Plot komplizierter wird – genauso wenig wie eine Romanze automatisch funktioniert, nur weil sie weniger problematisch ist als erwartet. Zwei Figuren müssen einander nicht emotional ruinieren, um interessant zu sein. Sie dürfen vernünftig miteinander umgehen, Grenzen respektieren und trotzdem leidenschaftlich füreinander empfinden. Nur muss diese Leidenschaft dann auch irgendwo zu erkennen sein. „Drawn Together“ entkommt damit jener Falle, in die man den Film bereits beim Lesen seiner Prämisse hineinfallen sieht, und landet unmittelbar in der nächsten. Pedraza weigert sich erfreulicherweise, Kontrolle mit Liebe gleichzusetzen. Dafür verwechselt er Inszenierung zu häufig mit Gefühl und Handlung mit Spannung. Die große Red Flag bleibt also tatsächlich weitgehend eingerollt. Nur reicht das noch lange nicht für einen guten Film.

    Drawn Together Amazon Prime Video Film 2026
    Drawn Together ©Amazon Prime Video

    Fazit

    Die befürchtete toxische Romanze bleibt aus. „Drawn Together“ nimmt eine Ausgangslage, die geradezu prädestiniert dafür wäre, Kontrolle und Besitzdenken als Leidenschaft zu verkaufen, und entschärft sie überraschend konsequent. Das ist die richtige Entscheidung. Nur ersetzt moralische Zurückhaltung weder Chemie noch Spannung. Amazon zieht die Red Flag ein – und findet danach leider nur bedingt etwas, das an ihre Stelle treten könnte.

    Bewertung: 1 von 5.
    Amazon Prime Video
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  • Match | Film – Kritik: Das schlimmste Tinder-Date deines Lebens

    Match

    TitelMatch
    Genre Horror
    Jahr2025
    FSK16
    RegieDanishka Esterhazy

    Heimkinostart: 08.10.2026

    Wenn die biologische Uhr im Fleischwolf landet

    Kaum eine private Entscheidung wird gesellschaftlich so zuverlässig zur öffentlichen Angelegenheit wie die Frage, ob und wann eine Frau Kinder bekommt. Mit 30 noch kinderlos? Keine Schwangerschaft in Sicht? Dann dauert es meist nicht lange, bis aus beiläufigem Interesse eine erstaunlich hartnäckige Form der Lebensberatung wird. Irgendwo zwischen Familienfeier, Kaffeetafel und ungefragtem Ratschlag sitzt immer jemand, der aus einer Frau zunächst eine potenzielle Mutter und erst danach einen Menschen macht. Frau gleich Mutter. Beziehung gleich Familienplanung. Und wenn der Kinderwagen nicht rechtzeitig vor der Haustür steht, wird besorgt auf die biologische Uhr gestarrt, als hätte jemand vergessen, sie aufzuziehen. Dabei liegt das Durchschnittsalter für das erste Kind in Deutschland längst jenseits der magischen 30: 2025 wurden Frauen im Schnitt mit 30,5 Jahren zum ersten Mal Mutter, Männer mit 33,3 Jahren zum ersten Mal Vater. Umso erstaunlicher ist, wie hartnäckig die gesellschaftliche Vorstellung überlebt, eine Frau müsse mit 30 eigentlich schon mindestens einen Kinderwagen besitzen und idealerweise wissen, welcher Kindergarten in drei Jahren infrage kommt. „Match“ nimmt diese Erwartungshaltung und macht daraus Horror. Nicht besonders subtil. Dafür mit deformierten Körpern und einer Mutter, die den Kinderwunsch ihres Sohnes ungefähr so behandelt wie andere Leute eine verspätete Amazon-Lieferung: Irgendwann muss das verdammte Paket schließlich ankommen. Im Zentrum dieses ziemlich wörtlich genommenen Fortpflanzungsdrucks steht Paola, gespielt von Humberly González. Sie ist 30 und sucht auf Dating-Apps nach Liebe. Nicht, weil irgendwo eine Uhr tickt. Nicht, weil dringend ein Vater für ein noch nicht existierendes Kind gefunden werden müsste. Sondern einfach nach einem Menschen, mit dem sich das Leben etwas weniger leer anfühlt. Doch das gestaltet sich gar nicht so einfach zwischen all den Dickpics, ungefragten Sexangeboten und Männern, deren Vorstellung von romantischer Annäherung offenbar darin besteht, möglichst schnell sämtliche Hüllen fallen zu lassen.

    Match Film 2025
    Match ©Busch Media Group

    Paolas Schwester Maria (Shaeane Jimenez) ist deshalb zu Recht skeptisch, als Paola einen Mann namens Henry kennenlernt. Ihr Vater sitzt ihr derweil ohnehin im Nacken und wartet auf Enkel. Der Druck kommt damit längst nicht mehr nur aus der App, sondern auch aus dem eigenen Wohnzimmer. Aber Henry scheint anders zu sein. Charmant, aufmerksam, attraktiv. Ein Mann, der zuhört und offenbar tatsächlich an Paola interessiert ist. Dann lädt er sie zu sich nach Hause ein. Und genau dort zeigt sich, wie konsequent „Match“ seine zunächst ziemlich alltägliche Ausgangssituation ins Groteske überführt. Denn der Henry, den Paola aus ihren Videocalls kennt, ist gar nicht der echte Henry. Der attraktive Mann aus dem Internet ist ein Lockvogel – und der echte Henry (Jacques Adriaanse) ein schwer deformiertes Monster, dessen Mutter Lucille (Dianne Simpson) sich sehnlichst eine Frau an seiner Seite wünscht. Doch nicht der Liebe willen. Lucille wünscht sich ein Enkelkind – komme, was wolle. Und so nimmt sich „Match“ die alte gesellschaftliche Zumutung zu eigen, Frauen hätten sich gefälligst rechtzeitig um Mann und Nachwuchs zu kümmern, und dreht sie so lange durch den Fleischwolf des Horrorgenres, bis aus der Erwartung eine Entführung wird. Lucille entpuppt sich schnell als groteske Endstufe genau jener Menschen, die meinen, über die Familienplanung anderer urteilen zu dürfen. Die Mutter, die beim Weihnachtsessen fragt, wann es denn endlich so weit sei. Die Tante, die unbedingt wissen möchte, ob „der Richtige“ schon gefunden wurde. Der Vater, der seine Tochter mit Enkelwünschen bombardiert. Freunde, Bekannte und Verwandte, die Kinderlosigkeit behandeln, als handele es sich um einen vorübergehenden Systemfehler, den man mit genügend Nachfragen beheben könne. Die Überzeichnung funktioniert gerade deshalb, weil ihr Ausgangspunkt so unangenehm vertraut bleibt. Aus einer Frage, die niemanden etwas angeht, wird plötzlich ein Anspruch. Aus Erwartung wird Verfügung. Was wäre also, wenn dieser Druck nicht mehr nur nervt, sondern tatsächlich Besitzansprüche entwickelt?

    Filmpodcast

    Wrong Turn auf Tinder

    „Match“ scheint verstanden zu haben, dass Catfishing als Horroridee längst nicht mehr besonders originell ist. Die Vorstellung, dass jemand im Internet eine andere Identität vortäuscht, ist inzwischen so alltäglich, dass sie kaum noch einen Film allein tragen, geschweige denn die ohnehin schon absurde Realität übertreffen könnte. Der Kniff besteht also darin, die Täuschung immer weiter aufzublättern. Henry ist nicht Henry. Der Mann aus dem Video ist nicht der Mann im Haus. Die Nachrichten stammen nicht von ihm. Und hinter dem vermeintlichen Liebesinteresse steckt eine Mutter, die ihren Sohn über eine Dating-App auf Brautschau schickt. Bis hierhin weiß „Match“ ziemlich genau, was er sein will, und trifft mit seiner absurden Zuspitzung einen erstaunlich wunden Punkt. Nur scheint ihm das irgendwann selbst nicht mehr zu genügen. Aus der treffenden Dating-Satire wird zunehmend ein konventioneller Gefangenschafts- und Körperhorror, der seine Ausgangsidee mit Blut und grotesken Momenten garniert, daraus aber kaum zusätzliche Spannung gewinnt. Und genau dort beginnt die Geschichte an Wirkung zu verlieren. Danishka Esterhazys Inszenierung macht daraus einen eigenartigen Bastard aus „Wrong Turn“, „Misery“ und „Fresh“ – nur dass die Familie diesmal nicht durch Inzucht entstanden ist, sondern offenbar dringend Nachwuchs für die nächste Generation benötigt. Henry sieht aus, als hätten Victor Crowley und eine besonders schlecht gelaunte Cousine aus dem „Wrong Turn“-Universum ein gemeinsames Kind bekommen, das anschließend von sämtlichen Dating-Apps der Welt abgelehnt wurde. Das ist zunächst wunderbar geschmacklos, wird aber zunehmend zum Selbstzweck. Denn Ekel ist noch keine Spannung. Wo die Ausgangssituation etwas Unangenehmes und beinahe Beklemmendes besitzt, wird der Horror immer stärker zum Schauwert. Die Bedrohung wächst dabei erstaunlicherweise nicht mit der Menge an Blut. Im Gegenteil: Je deutlicher die Inszenierung zeigen möchte, wie extrem sie sein kann, desto weniger bleibt von jener alltäglichen Unruhe übrig, mit der alles begonnen hat. Das ist irgendwann weniger Albtraum als Jahrmarkt.

    Match Film 2025
    Match ©Busch Media Group

    Und genau hier hätte „Match“ seiner eigenen Idee mehr vertrauen müssen. Der gesellschaftliche Horror ist nämlich viel interessanter als der Gore – nur räumt die Erzählung ausgerechnet Letzterem von Minute zu Minute mehr Platz ein. Damit verschiebt sich nicht nur der Ton, sondern auch der Fokus. Das Interessantere liegt längst in der Art, wie Menschen hier bewertet und auf bestimmte Funktionen reduziert werden. Dating-Apps machen Menschen schließlich zu Profilbildern, Fotos, Filtern und kleinen Auswahlkarten. Wer bekommt einen Swipe nach rechts? Wer wird aussortiert? Wer gilt als begehrenswert? Das passt erstaunlich gut zu einer Geschichte, in der Paola ohnehin ständig danach beurteilt wird, ob sie den Erwartungen anderer entspricht. Die App macht aus dieser Logik lediglich ein besonders effizientes Auswahlverfahren. Gerade dort, wo diese Mechanik ins Absurde kippt, funktioniert auch der Humor am besten. Wenn die Geschichte ihren Witz aus der Situation zieht, ist sie wesentlich treffsicherer als in den Momenten, in denen sie versucht, Angst zu machen. Genau daraus entsteht die merkwürdige Zweiteilung der zweiten Hälfte. Einerseits ist die Geschmacklosigkeit bewusst gesetzt. Das ist gut. Aus „Wann bekommst du endlich Kinder?“ wird irgendwann „Du bekommst jetzt ein Kind“. Böse, pointiert und stellenweise ziemlich lustig. Andererseits wird dieselbe Geschmacklosigkeit im Horror zunehmend zu bloßem Materialeinsatz. Der Splatter will schocken, wo die Satire bereits getroffen hat. Der Torture-Porn-Anteil will den Magen umdrehen, wo das Drehbuch längst einen viel unangenehmeren Gedanken gefunden hat. Je mehr sich Verletzungen und Körperhorror in den Vordergrund drängen, desto weiter entfernt sich die Geschichte von ihrem stärksten Unbehagen: der Vorstellung, dass andere Menschen ganz selbstverständlich entscheiden wollen, wie ein fremdes Leben auszusehen hat. Irgendwann fragt man sich deshalb nicht mehr, was hier über Menschen erzählt werden soll, sondern nur noch, wie weit sich groteske Körperlichkeit als Schauwert treiben lässt.

    Match Film 2025
    Match ©Busch Media Group

    Wenn Splatter die Satire auffrisst

    Das ist der Moment, in dem „Match“ seinen interessantesten Gedanken aus den Augen verliert. Denn die Eskalation müsste gar nicht so weit gehen, um unangenehm zu werden. Der eigentliche Horror steckt nicht in Henrys deformiertem Körper. Er steckt in den Erwartungen, die an Paola gestellt werden, und in der Selbstverständlichkeit, mit der daraus vermeintliche Ansprüche entstehen. Gleichzeitig steckt er in einer Dating-Welt, die verspricht, aus Millionen Menschen den passenden Partner herauszufiltern, während sie dieselben Menschen innerhalb weniger Sekunden bewertet und aussortiert. Beide Ebenen folgen letztlich einer ähnlichen Logik: Ein Mensch soll in ein vorgegebenes Raster passen. Tut er das nicht, wird kommentiert, weggewischt oder passend gemacht. Genau darin liegt die unangenehme Verbindung, die genügend Stoff für einen deutlich böseren Horrorfilm geliefert hätte. Stattdessen wird sie immer wieder zugunsten des nächsten blutigen Schauwerts liegen gelassen. Daraus hätte ein richtig böser Film werden können. Stattdessen ist es ein ziemlich böser Film mit einem Hang zum Blutbad. Das muss nicht grundsätzlich ein Widerspruch sein. Die Mischung aus Dating-Satire und groteskem Familienhorror besitzt genügend Eigenwilligkeit, um sich aus dem Streaming-Horrorbrei herauszuarbeiten. Auch der Wille zur Geschmacklosigkeit gehört durchaus zu seinen Vorzügen. Niemand versucht hier, die unangenehme Grundidee elegant oder gefällig zu verpacken. Nur hätte sich diese Geschmacklosigkeit länger an dem festbeißen sollen, was wirklich wehtut, anstatt irgendwann hauptsächlich Kunstblut darüberzugießen. Beim Thema trifft sie. Beim Horror kleckert sie.

    Match Film 2025
    Match ©Busch Media Group

    Fazit

    „Match“ ist schmutzig, böse und angenehm geschmacklos – nur leider nicht immer an den richtigen Stellen. Was als herrlich unangenehme Dating-Horroridee beginnt, verliert sich irgendwann etwas zu sehr im Blut. Unterhaltsam bleibt das trotzdem. Nur eben weniger clever, als es zwischendurch wirkt.

    Bewertung: 3 von 5.
    Match Film 2025 Amazon Prime Video
    Match Film 2025 Amazon Prime Video
  • Silver Star – Alles oder nichts Film | Film – Kritik: Wenn das Leben keine Route vorgibt

    Silver Star – Alles oder nichts

    TitelSilver Star – Alles oder nichts
    Genre Thriller, Drama
    Jahr2024
    FSK16
    RegieRuben Amar, Lola Bessis

    Heimkinostart: 26.09.2026

    Das Leben liefert kein Navi fürs Erwachsenwerden

    Erwachsenwerden ist eine ziemlich fragwürdige Reiseveranstaltung. Irgendwann wird von einem Menschen erwartet, dass er aus all den widersprüchlichen Einzelteilen seiner Jugend eine halbwegs brauchbare Route zusammenbaut: Arbeit finden, Geld verdienen, Entscheidungen treffen, irgendwie wissen, wohin das Ganze führen soll. Für manche steht zumindest ein Wegweiser am Straßenrand, auch wenn die Strecke voller Schlaglöcher liegt. Andere starten dort, wo der Asphalt längst aufgehört hat. Wer am gesellschaftlichen Rand aufwächst, bekommt selten einen großen Zukunftsentwurf mit ins Handschuhfach gelegt. Eher eine Sammlung von Hindernissen, die sich hartnäckig als Lebensumstände tarnen. Armut, fehlende Perspektiven, kaputte Familienverhältnisse oder eine Vergangenheit, die sich nicht einfach irgendwo an der nächsten Raststätte abladen lässt, machen aus dem Erwachsenwerden keinen Aufbruch, sondern einen Überlebensversuch. Man sitzt plötzlich selbst am Steuer, obwohl einem nie jemand erklärt hat, wie dieses verdammte Ding eigentlich funktioniert. Eine ziemlich perfide Form von Selbstständigkeit. Genau an diesem Punkt steigt „Silver Star – Alles oder nichts“ ein. Der Film erzählt von zwei jungen Frauen, die sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die ihnen wenig Orientierung und noch weniger brauchbare Straßenkarten mitgegeben hat. Billie (Troy Leigh-Anne Johnson) und Franny (Grace Van Dien) stehen an der Schwelle zu einem Erwachsenendasein, für das es keinen ausgearbeiteten Plan gibt. Billie ist 20, gerade aus dem Gefängnis entlassen und dringend auf der Suche nach Geld. Also beschließt sie, eine Bank auszurauben. Der Plan scheitert, Billie nimmt die 18-jährige Franny als Geisel und flieht mit ihr. Franny ist hochschwanger, rebellisch und mindestens ebenso orientierungslos wie ihre Entführerin. Was zunächst wie eine bemerkenswert schlechte Ausgangslage für einen gemeinsamen Ausflug aussieht, entwickelt sich zu einer Flucht durch die amerikanische Provinz. Billie versucht, mit den Konsequenzen ihrer Vergangenheit klarzukommen, während Franny unmittelbar vor einem Leben steht, auf das sie kaum vorbereitet sein dürfte. Zwei junge Frauen, zwei ziemlich unterschiedliche Formen von Verlorenheit – und eine Straße vor ihnen, die zumindest so tut, als müsste irgendwo hinter dem Horizont eine Antwort liegen.

    Silver Star – Alles oder nichts Film 2024
    Silver Star ©Ascot Elite Home Entertainment

    Dass man bei „Silver Star – Alles oder nichts“ schnell an „Thelma & Louise“ denkt, ist kaum zu vermeiden. Zwei Frauen, ein Auto, eine Flucht, Amerika vor der Windschutzscheibe und hinter ihnen ein Leben, das ohnehin keine besonders herzliche Einladung zum Bleiben ausgesprochen hat. Nur geht es hier weniger um Befreiung als um dieses seltsame Zwischenstadium kurz vor dem Erwachsensein, in dem man offiziell längst Entscheidungen treffen darf, innerlich aber noch damit beschäftigt ist herauszufinden, was Entscheidungen eigentlich kosten. Die Straße wird nicht zum großen Freiheitsversprechen. Sie ist eher ein Aufschub. Solange Billie und Franny fahren, müssen sie für ein paar Kilometer wenigstens nicht wissen, wo sie ankommen wollen. Das passt ziemlich gut zu einem Film, der auch seine Figuren nicht sauber sortiert. Billie ist keine Heldin, Franny schon gar keine Schutzbedürftige, die bloß aus einer schlechten Situation gerettet werden muss. Zwischen ihnen entsteht keine dieser hübsch berechneten Zweckgemeinschaften, bei denen nach zwanzig Minuten feststeht, wer wem später welche Lebensweisheit mit auf den Weg geben darf. Ihre Beziehung bleibt sperrig. Misstrauen, Abhängigkeit, Trotz, Neugier und etwas, das irgendwann beinahe wie Zuneigung aussieht, quetschen sich gemeinsam auf die Rückbank. Darin steckt eine der größten Qualitäten von „Silver Star“. Diese beiden Menschen werden nicht kompatibel gemacht, nur weil das Drehbuch beschlossen hat, sie gemeinsam loszuschicken. Sie besitzen genug Kanten, um sich aneinander zu verletzen. Das macht ihre gemeinsame Fahrt wesentlich interessanter als jede sauber ausformulierte Freundschaft. Troy Leigh-Anne Johnson und Grace Van Dien erfüllen ihre Aufgabe dabei mit einer Selbstverständlichkeit, die einiges auffängt, was das Drehbuch unterwegs liegen lässt. 

    Filmpodcast

    „Thelma & Louise“ ohne Freiheitsrausch

    Auch formal sucht „Silver Star – Alles oder nichts“ nach Reibung. Die Kamera bleibt unruhig, hängt an Gesichtern, Körpern und Bewegungen, manchmal fast so, als hätte sie selbst keinen festen Sitzplatz gefunden. Bilder dürfen rau sein, Kompositionen unfertig wirken, der Moment wichtiger werden als die hübsche Ansicht der US-amerikanischen Provinz. Diese Nervosität passt zu einer Geschichte, in der kaum jemand wirkliche Kontrolle besitzt. Es gibt keine glänzende Roadmovie-Romantik, bei der die Sonne im exakt richtigen Winkel über der Motorhaube untergeht und irgendein Indie-Song aus dem Autoradio verkündet, dass jetzt gerade Freiheit stattfindet. Die Bilder haben Dreck unter den Fingernägeln. Zum Glück. Nur entsteht aus dieser Nähe paradoxerweise nicht immer echte Intimität. Man sitzt zwar auf dem Beifahrersitz, bekommt jede Bodenwelle mit und spürt die Unruhe der Fahrt, bleibt emotional aber erstaunlich oft angeschnallt. „Silver Star – Alles oder nichts“ kommt seinen Figuren körperlich sehr nahe und hält ihre inneren Bewegungen trotzdem auf Distanz. Das ist besonders schade, weil eigentlich alles vorhanden wäre, was eine starke Coming-of-Age-Geschichte braucht: zwei junge Menschen an unterschiedlichen Abzweigungen ihres Lebens, eine Situation ohne Rückfahrkarte, gegenseitige Reibung, moralische Grauzonen und dieses riesige amerikanische Nirgendwo, das hervorragend darin ist, Menschen noch kleiner wirken zu lassen, als sie sich ohnehin fühlen. Statt sich jedoch häufiger einfach neben Billie und Franny zu setzen und einen Moment auszuhalten, will der Film weiter. Noch eine Begegnung. Noch ein Ereignis. Noch eine neue Situation, die die Reise in Bewegung hält. Das sorgt dafür, dass „Silver Star – Alles oder nichts“ selten wirklich stehen bleibt – und genau das hätte er häufiger tun müssen. Nicht jeder Kilometer braucht eine dramaturgische Aufgabe. Manche der besten Roadmovies wissen, dass eine Tankstelle um halb drei Uhr nachts, ein schweigsames Frühstück oder zehn Minuten Fahrt, in denen niemand etwas zu sagen hat, mehr über zwei Menschen erzählen können als der nächste sorgfältig platzierte Zwischenfall. 

    Silver Star – Alles oder nichts Film 2024
    Silver Star ©Ascot Elite Home Entertainment

    „Silver Star – Alles oder nichts“ vertraut diesen Leerstellen zu wenig. Kaum droht die Geschichte für einen Moment zur Ruhe zu kommen, wird schon wieder der Gang eingelegt. Als hätte jemand Angst, das Publikum könnte beim nächsten Rastplatz aussteigen, wenn nicht schnell genug etwas passiert. Das hält die Handlung beweglich, nimmt ihr aber die emotionale Ablagerung, die erst entsteht, wenn ein Augenblick länger stehen bleiben darf, als es für die Handlung unbedingt nötig wäre. Gerade Billies Vergangenheit und Frannys bevorstehende Mutterschaft liefern genug Stoff für ganze innere Landschaften. Der Film fährt an ihnen vorbei, schaut kurz aus dem Seitenfenster und nimmt dann wieder Geschwindigkeit auf. Man versteht beide Figuren. Man kann ihre Wut, ihre Angst, ihren Trotz einordnen. Aber man lebt zu selten wirklich mit ihnen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Umso frustrierender sind die Momente, in denen „Silver Star“ plötzlich zeigt, was möglich gewesen wäre. Die Momente, in denen die Flucht für ein paar Sekunden aufhört, Flucht zu sein. Dann bekommt die Erzählung Gewicht. Dann wird aus dem geografischen Unterwegssein tatsächlich ein inneres. Man spürt, dass diese Reise nicht bloß von einem Ort zum nächsten führt, sondern durch zwei ziemlich beschädigte Vorstellungen davon, wie Zukunft überhaupt aussehen könnte. Nur sind diese Augenblicke meistens schon wieder vorbei, bevor sie sich richtig festsetzen dürfen. Vielleicht ist „Silver Star“ deshalb selbst ein wenig wie seine Figuren. Talentiert, widerspenstig, voller Möglichkeiten – und ohne besonders verlässlichen Kompass. Der Film besitzt die richtigen Voraussetzungen. Zwei starke Hauptdarstellerinnen sitzen vorne, die Kamera liefert die passende Unruhe, die Figurenkonstellation hat Reibung und das Coming-of-Age-Gerüst steht längst am Straßenrand bereit. Trotzdem kommt nie ganz dieses Gefühl auf, wirklich gemeinsam unterwegs gewesen zu sein. Man erinnert sich an einzelne Etappen, an Stimmungen und an Szenen. Nur nicht an die Reise als Ganzes. „Silver Star – Alles oder nichts“ ist kein Unfall. Eher eine Fahrt, bei der man irgendwann auf den Kilometerstand schaut und feststellt, dass erstaunlich viel Strecke hinter einem liegt, ohne dass man dem Ziel wirklich nähergekommen wäre. Viel Talent sitzt im Wagen. Viel Potenzial liegt im Kofferraum. Nur die Route bleibt erstaunlich unentschlossen.

    Silver Star – Alles oder nichts Film 2024
    Silver Star ©Ascot Elite Home Entertainment

    Fazit

    „Silver Star – Alles oder nichts“ wirkt wie ein Film, der seinen Figuren gern mehr mitgegeben hätte, als er unterwegs tatsächlich findet. Zwischen Aufbruch und Orientierungslosigkeit liegt hier viel, das nachwirken könnte, aber zu selten wirklich hängen bleibt. So bleibt eine Geschichte mit Haltung, Talent und Eigensinn, die ihre eigene Richtung nie ganz findet. Kein Unfall, im Gegenteil: ein durchaus überzeugender Film. Aber eben auch eine Fahrt mit guten Aussichten, bei der man am Ende trotzdem nicht genau weiß, warum man ausgestiegen ist. 

    Bewertung: 3 von 5.
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