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Filme | Kritiken
  • The Last House| Netflix Film – Kritik: Das Ende der Welt beginnt zuhause

    The Last House

    TitelThe Last House
    Genre Sci-Fi, Thriller
    Jahr2026
    FSK16
    RegieLouis Leterrier

    Starttermin: 07.08.2026 | Netflix

    Netflix sucht das Grauen in den eigenen vier Wänden

    Der Mensch gewöhnt sich an erstaunlich viel. An Hunger. An Kälte. An Einsamkeit. Selbst Schmerzen werden irgendwann zu etwas, mit dem man seinen Alltag organisiert. Was deutlich schwerer auszuhalten ist, ist die Ungewissheit. Wenn niemand erklären kann, was eigentlich passiert, beginnt der Mensch selbst damit. Er sucht Muster, erfindet Zusammenhänge und macht aus ein paar Beobachtungen eine Wahrheit, die vielleicht nie eine war. Erst ist da nur ein ungutes Gefühl. Dann ein Verdacht. Irgendwann steht man da und ist sich ziemlich sicher, obwohl man eigentlich gar nichts weiß. Es braucht keine Katastrophe, um Menschen auseinanderzubringen. Manchmal reicht schon eine Welt, die plötzlich keine Antworten mehr liefert. Da passt es erstaunlich gut, dass Regisseur Louis Leterrier die Idee zu „The Last House“ ausgerechnet während der Corona-Pandemie entwickelte. Eine Zeit, in der Ungewissheit zum Alltag gehörte, Regeln sich schneller änderten als ihre Begründungen und selbst die banalsten Dinge plötzlich nach Ausnahmezustand aussahen. Genau dieses Gefühl nimmt sich das Netflix Original zum Ausgangspunkt – und verspielt damit leider eine Vorlage, aus der deutlich mehr hätte werden können.

    The Last House Netflix Film 2026
    The Last House ©Netflix

    Im Mittelpunkt stehen Megan (Greta Lee) und Jack (Wagner Moura), die mit ihren beiden Kindern Kat (Emma Ho) und Tommy (Gabriel Barbosa) in einem abgelegenen Haus leben. Viel mehr braucht es zunächst auch gar nicht. Ein Haus. Eine Familie. Und dann ist da plötzlich diese unsichtbare Grenze. Eines Morgens sind Fenster und Türen undurchdringbar und die eigenen vier Wände werden zum Gefängnis. Jeder Versuch, die unsichtbare Barriere zu durchbrechen, scheitert. Telefon und Internet funktionieren nicht mehr, Hilfe ist nicht zu erreichen und draußen verschluckt ein dichter Regen die Umgebung. Was zunächst wie ein Albtraum wirkt, wird zum neuen Alltag. Das klingt nach einem ziemlich brauchbaren Ausgangspunkt für einen klaustrophobischen Thriller. Nur leider hat das zeitgenössische Kino das scheinbar idyllische Leben in den eigenen vier Wänden bereits ziemlich oft von der Außenwelt isoliert. Das Motiv der unfreiwilligen Isolation ist spätestens seit Filmen wie „The Pink Cloud“ oder dem verhaltenen Netflix-Beitrag aus Deutschland „Brick“ bestens bekannt. Doch das Problem liegt nicht einmal in der altbekannten Ausgangslage selbst. Bekannte Geschichten können hervorragend funktionieren, wenn man ihnen eine neue Perspektive, einen eigenwilligen Ton oder wenigstens ein paar gute Ideen spendiert. Leterrier nämlich gelingt das kaum. Stattdessen wird die ohnehin überschaubare Prämisse über eine viel zu üppige Laufzeit gezogen, bis aus klaustrophobischer Spannung bloß noch erzählerische Leerlaufzeit wird und selbst die vermeintlich wichtigen Momente anfangen, sich wie Beschäftigungstherapie anzufühlen. Da sitzen Menschen in einem Haus fest, rationieren Lebensmittel, verbringen ihre Tage mit immergleichen Abläufen und versuchen irgendwie, nicht durchzudrehen. Wer die vergangenen Jahre nicht gerade im Kälteschlaf verbracht hat, kennt diese Grundsituation bereits ziemlich gut. Der Unterschied: Damals gab es wenigstens die Hoffnung, dass irgendwann jemand einen Impfstoff entwickelt.

    Filmpodcast Netflix

    Spätestens das Ende erklärt „The Last House“ zum absoluten Fehltritt

    Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich Menschen an neue Regeln gewöhnen – und wie schnell sie anfangen, diese Regeln infrage zu stellen, sobald niemand mehr weiß, wer sie eigentlich gemacht hat. Genau daraus hätte sich ein spannendes Familiendrama entwickeln können. Stattdessen bleibt „The Last House“ an der banalen Oberfläche einer handelsüblichen Mainstreamproduktion. Zu Beginn gelingt es Leterrier immerhin, mit der Stimmung zu spielen. Auf die erste Panik folgt beinahe so etwas wie Euphorie. Plötzlich ist da Zeit. Keine Termine, kein gesellschaftlicher Druck, kein ständiges Gefühl, irgendwo etwas zu verpassen. FOMO verschwindet erstaunlich schnell, wenn die Welt außerhalb des eigenen Gartens nicht mehr erreichbar ist. Für einen kurzen Moment wirkt die Isolation wie eine Befreiung. Doch diese Ambivalenz hält nicht lange. Viel zu früh schiebt sich die äußere Bedrohung in den Vordergrund. Fremdartige Gestalten tauchen auf, Geräusche durchdringen den Nebel und die Fragen werden größer. Was befindet sich dort draußen? Warum können sie das Gebäude nicht verlassen? Und vor allem: Was passiert mit Menschen, wenn ihnen niemand mehr sagen kann, was eigentlich vor sich geht? Das sind durchaus brauchbare Fragen. Nur findet „The Last House“ keine spannende Antwort darauf. Stattdessen beginnt ein zähes Warten. Und Warten kann im Horror wunderbar funktionieren. Wenn Regie und Drehbuch verstehen, wie man aus einer unsichtbaren Bedrohung Spannung erzeugt, kann praktisch nichts und trotzdem alles passieren. Man muss das Nichts nur aushalten können. Doch „The Last House“ fehlt dafür das Gespür. Über weite Strecken scheint das Netflix Original selbst nicht zu wissen, was für eine Art von Film es eigentlich sein möchte. Familiendrama? Pandemie-Parabel? Survival-Thriller? Mystery-Horror? Oder irgendwann doch noch großes Sci-Fi-Spektakel? Am Ende ist es von allem ein bisschen und von nichts genug. Lose Fäden, die zusammen wirken wie unterschiedliche Filme, die zufällig dasselbe Haus gebucht haben. So bleibt auch visuell erstaunlich wenig hängen. Ein abgelegenes Haus, Regen, Fenster, durch die irgendetwas Unheimliches zu sehen sein könnte – mehr braucht guter Horror manchmal tatsächlich nicht. Aber dann muss die Inszenierung diese wenigen Mittel auch ausreizen. „The Last House“ tut das nicht. 

    The Last House Netflix Film 2026
    The Last House ©Netflix

    Dazu kommen Dialoge, die den Figuren kaum Gelegenheit geben, zu Menschen zu werden. Nur selten entsteht daraus das Gefühl, tatsächlich eine Familie dabei zu beobachten, wie ihr die gemeinsame Wirklichkeit langsam entgleitet. Stattdessen bleiben Megan, Jack und ihre Kinder Figuren, die vor allem deshalb existieren, weil jemand durch das Drehbuch noch hindurchmuss. Was am Ende bleibt, ist deshalb eine Geschichte, die man nicht nur schon einmal gesehen hat, sondern gleich mehrfach. Ein bisschen „A Quiet Place“, ein bisschen Pandemie-Kammerspiel – alles vorhanden, nichts konsequent zu Ende gedacht. Es fehlt an Ideen. Vor allem aber fehlt der Mut, aus einer brauchbaren Prämisse etwas Eigenes zu machen. Die Unsicherheit, die den Stoff einst inspiriert haben dürfte, hätte ein beklemmender Ausgangspunkt sein können. Stattdessen zerfällt „The Last House“ im letzten Drittel endgültig in seine Einzelteile. Am Ende des Tages ist es fast nebensächlich, an welchem der vielen erzählerischen Totalschäden man den endgültigen Absturz von „The Last House“ festmachen möchte – denn das Fundament war ohnehin schon vorher morsch. Die Geschichte scheitert weit vor dem Abspann an ihrem eigenen Anspruch, ein beklemmendes, emotionales Kammerspiel zu sein. Die Atmosphäre bleibt seltsam distanziert und ungelenk, die Figuren bleiben blass und die Regeln dieser Welt werden genau dann gedehnt oder gebrochen, wenn das Drehbuch selbst nicht mehr weiterweiß. Ob man sich im Finale nun über den eklatanten Bruch der eigenen Filmgesetze ärgert, weil die Macher plötzlich ein stumpfes CGI-Monster-Spektakel aus dem Hut zaubern, über die kolossalen Logiklöcher einer völlig absurden Auflösung den Kopf schüttelt oder die aufgesetzte Öko-Moralpredigt über sich ergehen lässt, die der ohnehin kaum spürbaren Substanz endgültig den Rest gibt: Das ernüchternde Ergebnis bleibt exakt dasselbe. „The Last House“ wollte aus der großen Ungewissheit der Pandemie einen kleinen Albtraum machen. Am Ende bleibt vor allem die Gewissheit, dass aus dieser Idee sehr viel mehr hätte werden können.

    The Last House Netflix Film 2026
    The Last House ©Netflix

    Fazit

    „The Last House“ verspielt eine eigentlich packende Prämisse an ein erschreckend unentschlossenes Drehbuch. Zwischen erzählerischem Leerlauf, blassen Figuren und einem völlig misslungenen CGI-Monster-Finale verkommt das Netflix Original zu einem bemerkungslos ungelenken Genre-Mix, der keine seiner eigenen Fragen konsequent zu Ende denkt. Ein handwerklich zähes Kammerspiel ohne echten Mut.

    Bewertung: 1.5 von 5.
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  • Verflucht Normal | Film – Kritik: Das berührendste Biopic des Jahres

    Verflucht Normal

    TitelVerflucht Normal
    Genre Drama, Komödie
    Jahr2025
    FSK12
    RegieKirk Jones

    Heimkinostart: 11.09.2026

    Eine wahre Geschichte gegen den Zwang zur Normalität 

    Normalität ist ein stilles Abkommen. Niemand unterschreibt es, trotzdem kennt jeder seine Regeln. Nicht zu laut sein. Nicht auffallen. Im richtigen Moment lachen und im falschen schweigen. Wer aus diesem unsichtbaren Verhaltenskodex herausfällt, wird innerhalb weniger Sekunden taxiert. Erst neugierig, dann irritiert, manchmal belächelt, nicht selten bemitleidet. Das Tourette-Syndrom legt diesen Mechanismus schonungslos offen. Nicht weil die Krankheit verstört, sondern weil sie unsere Vorstellung davon erschüttert, was wir selbstverständlich als „normal“ empfinden.Genau das ist auch der Kern von „Verflucht normal“. Das Drama erzählt die wahre Geschichte von John Davidson, der mit Tourette lebt und sich seinen Platz in einer Welt erkämpfen muss, die Abweichungen oft schneller bewertet als versteht. Was daraus entsteht, ist weder ein tränenreiches Mitleidsdrama noch ein auf Hochglanz poliertes Mutmachmärchen. Stattdessen richtet das Biopic den Blick dorthin, wo er viel zu selten landet: auf den Menschen hinter den Tics.

    Verflucht Normal Film 2025
    Verflucht normal ©LEONINE

    Dass dieser Perspektivwechsel so überzeugend funktioniert, ist vor allem Robert Aramayo zu verdanken. Seine Darstellung wirkt nie wie eine Schauspielübung, bei der körperliche Symptome möglichst eindrucksvoll reproduziert werden sollen. Die Tics sind jederzeit präsent, werden aber nie zum alleinigen Mittelpunkt der Figur. Viel interessanter sind die Momente, in denen sichtbar wird, wie sehr Johns Alltag von den Reaktionen seiner Umgebung geprägt wird. Die Blicke Fremder. Die Missverständnisse. Die ständige Erfahrung, anders wahrgenommen zu werden. Gerade weil Aramayo nie um Bewunderung spielt, entwickelt seine Performance eine bemerkenswerte Ehrlichkeit. Man sieht keinen reinen Krankheitsdarsteller, sondern einen Menschen, dessen Leben von Tourette begleitet wird. Auch Regisseur Kirk Jones findet einen Ton, der Schmerz, Humor und Hoffnung miteinander verbindet, ohne jede Szene künstlich aufzublasen. Diese Mischung verleiht dem Film eine ungewöhnliche Bodenständigkeit. 

    Filmpodcast

    Warum uns dieser Film mehr über uns selbst erzählt als über Tourette

    Das Bemerkenswerteste an „Verflucht normal“ ist ohnehin, dass Tourette hier nie zur eigentlichen Geschichte wird. Die Diagnose bildet lediglich den Ausgangspunkt für etwas Größeres. Es geht um Blicke, um Vorurteile, um jene Sekundenbruchteile, in denen ein erster Eindruck bereits über Sympathie oder Ablehnung entscheidet. Jeder kennt diese Reflexe. Kaum jemand hinterfragt sie. Genau das tut der Film. Er zeigt, wie bereitwillig wir andere auf das reduzieren, was sofort sichtbar ist, und wie selten wir den Menschen dahinter wahrnehmen. Aus einem Drama über eine neurologische Erkrankung entwickelt sich beinahe beiläufig eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, Ausgrenzungsmechanismen und unserem erstaunlich engen Normalitätsbegriff. Dass die Handlung dabei bekannten Biopic-Mustern folgt, lässt sich kaum bestreiten. Manche Wendung kündigt sich früh an, manche emotionale Zuspitzung verläuft auf vertrauten Schienen. Wirklich originell ist das selten. Doch weil die Figuren jederzeit glaubwürdig bleiben und der Film ihnen mit spürbarem Respekt begegnet, fällt dieser Mangel weit weniger ins Gewicht, als man vermuten könnte.

    Verflucht Normal Film 2025
    Verflucht normal ©LEONINE

    Vielleicht erzählt „Verflucht normal“ deshalb am Ende gar nicht in erster Linie von Tourette. Sondern von einer Gesellschaft, die sich an allem stört, was sich nicht mühelos in ihre Vorstellung von Normalität einfügt. Der eigentliche Perspektivwechsel besteht nicht darin, die Krankheit besser zu verstehen. Er besteht darin, den eigenen Blick zu hinterfragen. Wie schnell urteilen wir? Wie oft entscheiden Sekunden über einen Menschen? Und wie selbstverständlich erwarten wir eigentlich, dass sich jeder an Regeln hält, die niemals jemand ausgesprochen hat? Genau dort trifft der Film seinen wahren Nerv. Er fordert kein Mitleid ein, sondern Verständnis. Keine Bewunderung, sondern Empathie. Dramaturgisch mag das alles selten neue Wege beschreiten, emotional entwickelt „Verflucht normal“ jedoch eine Aufrichtigkeit, die zu Herzen geht.

    Verflucht Normal Film 2025
    Verflucht normal ©LEONINE

    Fazit

    „Verflucht normal“ erzählt die wahre Geschichte von John Davidson – viel mehr noch geht es jedoch um den Blick einer Gesellschaft auf das Anderssein und all jene Vorurteile, die entstehen, wenn Menschen aus dem Raster fallen. Ein konventionelles Biopic, das vertraute Wege geht, dabei aber mit außergewöhnlicher Menschlichkeit daran erinnert, dass Normalität oft nur eine Frage der Perspektive ist. 

    Bewertung: 4 von 5.
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  • Wild Sing| Netflix Film – Kritik: K-Pop-Fans aufgepasst!

    Wild Sing

    TitelWild Sing
    Genre Komödie, Musik
    Jahr2026
    FSK12
    RegieSon Jae-gon

    Starttermin: 30.07.2026 | Netflix

    Warum „Wild Sing“ mehr sein muss als nur Fan-Service

    Es ist das wohl undankbarste Mandat der modernen Filmkritik: eine Rezension über ein Werk zu verfassen, das sich mit Haut und Haaren einer hyperaktiven Kult-Blase verschrieben hat. Wer K-Pop ohnehin atmet, wird „Wild Sing“ vermutlich blind abfeiern. Schwieriger wird es jedoch, wenn man mit dieser glitzernden Welt absolut gar nichts am Hut hat. Für den unbedarften Außenstehenden bleibt das Phänomen oft nur eines: generische Plastikmusik à la Taylor Swift oder die ewig gleiche, seelenlose Dauerschleife aus dem Formatradio. Ein klinisch reines Ökosystem, in dem man vor lauter Autotune und identischen Choreografien längst nicht mehr weiß, welcher Klon des Klons des Klons hier eigentlich gerade die einstige „Mickey Mouse Club“-Generation recycelt. Popmusik ist und bleibt in weiten Teilen eben kalkulierte Massenware. Doch als Kritiker darf man sich von glitzernden Schauwerten und viralem Hype weder blenden noch abschrecken lassen. Am Ende des Tages muss sich auch die bunteste Musik-Komödie an denselben handwerklichen Maßstäben messen lassen wie jedes andere Stück Zelluloid. Es geht um das filmische Fundament: Stimmt die Dramaturgie? Besitzen die Figuren eine echte Entwicklung oder sind sie bloß wandelnde Klischees? Tragen die Dialoge den Witz, und beweist die Inszenierung echtes visuelles Gespür? Genau dieses filmische Pflichtprogramm nehmen wir jetzt unter die Lupe, um herauszufinden, ob hinter der schrillen K-Pop-Fassade von Regisseur Son Jae-gon tatsächlich ein sehenswerter Film steckt – oder nur heiße Luft für die Netflix-Playlist.

    Wild Sing Netflix Serie 2026
    Wild Sing ©Netflix

    Die Handlung von „Wild Sing“ führt uns zurück ins Jahr 2006. Nach einem handfesten Skandal bricht die gefeierte Mixed-Gender-Gruppe „Triangle“ abrupt auseinander. Zwanzig Jahre später, in der Gegenwart angekommen, sind die Glitzeroutfits von damals längst eingestaubt und die einstigen Idole vom grauen Alltag gezeichnet. Doch der Wunsch nach einem letzten Aufbäumen im Scheinwerferlicht treibt den tollpatschigen Ex-Leader Hyun-woo (Gang Dong-won), die scharfsinnige Do-mi (Park Ji-hyun) und den rauen Sang-gu (Um Tae-goo) im Jahr 2026 zu einem hochgradig chaotischen Comeback-Versuch an. Was als klassische, wenngleich ziemlich schräge Musikgeschichte beginnt, mutiert schnell zu einem unvorhersehbaren, absurden Roadmovie quer durch die südkoreanische Provinz.

    Filmpodcast Netflix

    Netflix lockt mit K-Pop-Nähe – und vergisst die guten Ideen

    Dass „Wild Sing“ ausgerechnet im Heimatmarkt derart zündete – wo das Kinodebüt direkt in den Kinos angelaufen ist –, kommt nicht von ungefähr. In Südkorea kletterte die K-Pop-Komödie direkt auf Platz 2 der Charts und lockte in kürzester Zeit über 1,3 Millionen Zuschauende in die Säle. Doch der eigentliche Coup findet jenseits der Halbinsel statt. Der Hype um die makellos choreografierte Popkultur aus Seoul ist längst im Westen zementiert – spätestens seit Megastars wie BTS im Rahmen ihrer Welttourneen auch in Deutschland gigantische Stadien wie die Berliner Waldbühne oder das Olympiastadion kreischenden Fans restlos ausverkauften. Da überrascht es kaum, dass sich Netflix nun die weltweiten Rechte an diesem Leinwand-Hit gesichert hat. Keine dumme Idee: Schließlich bewies der Streamingdienst erst kürzlich mit dem Animations-Phänomen „KPop Demon Hunters“ (2025), das sich zum meistgesehenen Netflix-Film aller Zeiten mauserte, wie gierig das globale Publikum nach dem glitzernden Musik-Export lechzt. Mit „Wild Sing“ liefert man der hungrigen Fangemeinde nun das passende Live-Action-Gegenstück, wenngleich die Musik selbst dann doch eine deutlich zurückgenommenere Position einnimmt, als man zunächst denken würde.

    Wild Sing Netflix Serie 2026
    Wild Sing ©Netflix

    Wer sich an dieser Stelle immer noch die Frage stellt, wer oder was BTS eigentlich sein soll, der darf „Wild Sing“ getrost ignorieren – besonders viele Argumente für eine Sichtung liefert der Film diesem Klientel nämlich nicht. Im Kern bleibt das Netflix-Original eine ziemlich alberne, wenn auch überraschend herzliche Roadtrip-Klamotte. Überdehnt, anstrengend und bisweilen wirklich, wirklich albern. Viel spannender ist jedoch die Frage, wie die tatsächliche K-Pop-Fangemeinde auf dieses filmische Experiment reagieren wird. Denn der aktuelle Hype ist im kollektiven Gedächtnis des Westens kaum älter als zehn Jahre; die hiesige Fanbase bewegt sich primär im Alter zwischen 13 und 24 Jahren und dominiert die Community fast vollständig. Wenn „Wild Sing“ nun also erzählerisch zwei Jahrzehnte zurückrudert, um die Stimmung der südkoreanischen Musikszene um die Jahrtausendwende einzufangen, blickt der Film in eine Epoche, in der die heutige TikTok-Generation noch nicht einmal geboren war. Passend dazu verweigert sich auch der Soundtrack konsequent dem zeitgenössischen, glattgebügelten Algorithmus-Pop. Stattdessen suhlt er sich in der musikalischen Ästhetik der Jahrtausendwende und konfrontiert die junge Hörerschaft mit einer nicht minder austauschbaren und wenig überzeugenden Klangkulisse.

    Wild Sing Netflix Serie 2026
    Wild Sing ©Netflix

    Fazit

    „Wild Sing“ lebt vor allem von seiner Nähe zur K-Pop-Kultur. Hinter der glitzernden Fassade wartet jedoch eine alberne, wenngleich punktuell charmante Roadtrip-Komödie, der Witz und kreative Einfälle über weite Strecken fremd bleiben. 

    Bewertung: 2 von 5.
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  • German Horror Story | Film – Kritik: Lohnt sich die Horror-Anthologie? 

    German Horror Story

    TitelGerman Horror Story
    Genre Horror
    Jahr2025
    FSK16
    RegieDavid Brückner, Costel Argesanu, Jan Chmel, Marcel Flock, Daniel Flügger, Ferry Kaupisch, Shamila Lengsfeld, Kris Santa, Johannes Schärfke, Alois R. Knapps Torres, Ezra Tsegaye

    Heimkinostart: 24.07.2026

    Elf Kurzfilme aus Deutschland. Null Gründe, sie zu Ende zu schauen

    Horror-Anthologien leiden seit jeher unter demselben Fluch: ihrer eigenen Unberechenbarkeit. Sie sind ein volatiles Produkt aus Höhen und Tiefen. Aus brillanten Ideen und lieblosen Fingerübungen. Aus Geschichten, deren Schlusspointe noch lange nachhallt, und solchen, die ratlos verpuffen, sobald der Abspann beginnt. Dabei liegt genau darin ihre größte Stärke. Kurzgeschichten müssen keine Figuren über Stunden entwickeln, keine Welt aufbauen und keine komplizierten Handlungsfäden verknüpfen. Sie dürfen direkt in den Horror springen, eine einzige Idee verfolgen und sie mit einem fiesen Twist oder einer bitteren Allegorie auf den Punkt bringen. Paradox, aber wahr: Gerade die Kürze schenkt ihnen maximale Freiheit. Doch Freiheit allein reicht nicht. Es braucht den Mut, diese auszunutzen. Ohne gute Ideen bleibt am Ende oft nur eine zynische Pointe. Im schlechtesten Fall nicht einmal die. Und damit wären wir auch schon bei „German Horror Story“.

    German Horror Story Film 2025
    German Horror Story ©Ghost Pictures Filmproduktion / UCM.ONE

    Elf Regisseure. Elf Kurzfilme. Null Visionen. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt – und genauso schnell wieder vergessen. Ganz im Stil von „Geschichten aus der Gruft“ oder, je nach Generation, „X-Factor: Das Unfassbare“ sitzt eine mysteriöse Gestalt vor ihrem Publikum und kündigt die finstersten Geschichten an, die sie kennt. Glauben sollte man ihr allerdings nicht. Denn was folgt, ist größtenteils unkreativ, schlecht umgesetzt und erschreckend einfallslos. Reptilienmenschen („Die ganze Wahrheit“), außerirdische Begegnungen („Das Artefakt“), oder sadistische Ex-Freunde („Verlier‘ nicht dein Gesicht“) – an klassischen Horror-Motiven mangelt es nicht. An Einfällen hingegen umso mehr. Gerade das macht die Enttäuschung umso größer. Ein Kurzfilm braucht keine klassische Exposition. Er darf mitten im Albtraum beginnen, einen einzigen verstörenden Moment festhalten und sein Publikum mit einer starken Pointe zurücklassen. Genau das gelingt Episoden wie „Böse Augen“ oder „Lichter“ jedoch nicht. Ob Werwolfgeschichte oder surrealer Lovecraft-Ausflug – beide Beiträge werden von hölzernem Schauspiel, furchtbaren Dialogen und einer erschreckenden Ideenlosigkeit erdrückt.

    Filmpodcast

    Der deutsche Genrefilm – zwischen KI-Animationen und Amateurvideo-Look

    Überhaupt wirkt „German Horror Story“ wie eine Sammlung unfertiger Amateurfilme. Fast jede Episode leidet unter einer Inszenierung, die eher an YouTube-Projekte erinnert als an ernst gemeinten Genrehorror. Und wenn sich doch einmal so etwas wie Stil ankündigt – etwa in „Echo aus der Tiefe“, dem einzigen animierten Beitrag –, wird schnell deutlich, dass hier sichtbar auf KI gesetzt wurde. Je offensichtlicher das wird, desto künstlicher und hässlicher wirkt das Ergebnis. Für einen kurzen Moment keimt trotzdem Hoffnung auf. „Nach der Dunkelheit kommt das Licht“ hebt sich allein deshalb vom Rest ab, weil der fast dreizehnminütige Beitrag erstmals aussieht wie ein echter Film. Nach all den Amateurvideos wirkt das Bild beinahe cineastisch – zumindest auf B-Movie-Niveau. Dazu kommt ein über weite Strecken sauber umgesetzter One-Take mit passabler Action. Doch auch hier endet jeder gute Eindruck an derselben Stelle wie zuvor: bei einer Geschichte, der außer einer halbwegs ordentlichen Schlusspointe nichts einfällt.

    German Horror Story Film 2025
    German Horror Story ©Ghost Pictures Filmproduktion / UCM.ONE

    So bleibt am Ende nur „Dein Video“ als kleinster Lichtblick. Nicht, weil die Episode gut wäre. Sie ist weiterhin billig gefilmt, spannungsarm und handwerklich schwach. Aber sie besitzt als einzige eine wirklich fiese Grundidee und einen Twist, der den Namen überhaupt verdient. Für einen halben Stern mehr reicht das trotzdem nicht. Denn wenn aus elf Kurzfilmen genau einer einen brauchbaren Einfall besitzt, ist das kein Hoffnungsschimmer mehr – sondern das deutlichste Urteil, das sich über diese Anthologie fällen lässt. Wer das nicht glauben will, sollte einfach mit „Das Artefakt“ beginnen. Bereits die erste Episode vereint nahezu jede Schwäche dieser Anthologie – ohne Gespür für Dramaturgie, Spannung, Dialoge, Schauspiel, Effekte oder Inszenierung. Kurz: Es fehlt an fast allem, was gutes Genrekino ausmacht. Wem das gefällt, der kann beruhigt weiterschauen. Für alle anderen ist bereits die erste Folge die bitterste Pointe von „German Horror Story“ – und ein weiterer Beleg dafür, wie leblos deutscher Genrehorror inzwischen oft geworden ist. Zum Glück endet der deutschsprachige Horrorfilm nicht an der deutschen Grenze.

    German Horror Story Film 2025
    German Horror Story ©Ghost Pictures Filmproduktion / UCM.ONE

    Fazit

    „German Horror Story“ beweist vor allem eines: Nicht jede Horrorgeschichte verdient es, erzählt zu werden. Der Versuch, dem deutschen Genrehorror neues Leben einzuhauchen, verdient Respekt. Das Ergebnis leider nicht. 

    Bewertung: 0.5 von 5.
  • Párvulos – Kinder der Apokalypse | Film – Kritik: So originell kann Zombie!

    Párvulos – Kinder der Apokalypse

    TitelPárvulos – Kinder der Apokalypse
    Genre Horror
    Jahr2024
    FSK16
    RegieIsaac Ezban

    Heimkinostart: 24.07.2026

    In der Apokalypse zählt nur die Familie

    Von der Premiere auf dem Fantasy Filmfest bis zur breiten Veröffentlichung kann es bei manchen Filmen schon einmal eine Weile dauern. So auch bei „Párvulos: Kinder der Apokalypse“, der dort bereits vor zwei Jahren das Publikum begeisterte und nun dank Lighthouse Entertainment seinen Weg ins Heimkino findet. Hinter dem Zombiefilm steht niemand Geringeres als Regisseur Isaac Ezban, der bereits mit seinen ambitionierten Werken wie „The Similars“ und „The Incident“ auf sich aufmerksam machte. Das Drehbuch zu „Párvulos: Kinder der Apokalypse“ schrieb er bereits 2016, überarbeitete es während der Corona-Pandemie jedoch noch einmal, um der Geschichte einen Hauch mehr Realismus zu verleihen.

    Párvulos - Kinder der Apokalypse Film 2024
    Párvulos – Kinder der Apokalypse ©Lighthouse Home Entertainment

    Neben dem Fantasy Filmfest feierte der Horrorfilm 2024 auch auf zahlreichen weiteren Filmfestivals Premiere und schaffte es in Mexiko sogar regulär in die Kinos. In „Párvulos: Kinder der Apokalypse“ begleiten wir die drei Geschwister Salvador (Farid Escalante), Benjamin (Mateo Ortega) und Oliver (Leonardo Cervantes), die abgeschieden im Wald leben und nach einer verheerenden Pandemie auf sich allein gestellt sind. Als sich eines Tages die junge Valeria (Carla Adell) zu ihnen verirrt, ist das erst der Anfang eines blutigen Albtraums. Denn im Keller ihres Hauses hüten die Geschwister ein düsteres Geheimnis.

    Filmpodcast

    Familie bis zum letzten Bissen

    Moderne Filme, die die Corona-Pandemie thematisieren, haben oft das Problem, dass sie sich selbst in diese ganz spezifische Zeitblase einsperren, die viele von uns am liebsten vergessen würden, und auch nur in diesem Kontext funktionieren. Regisseur Isaac Ezban umgeht das in „Párvulos: Kinder der Apokalypse“ geschickt, indem er Covid-19 nie namentlich erwähnt. Die Verbindung entsteht ausschließlich durch den Meta-Kontext, während Ezban die Parallelen zur Realität zu einer dystopischen Zukunft weiterspinnt, in der die Ängste vor kaum getesteten Impfstoffen Realität geworden sind und schließlich die Zombieapokalypse auslösen. Der Fokus richtet sich dabei jedoch weniger auf das Virus selbst als auf die Familiendynamik zwischen drei Geschwistern, die in dieser Welt ums Überleben kämpfen.

    Párvulos - Kinder der Apokalypse Film 2024
    Párvulos – Kinder der Apokalypse ©Lighthouse Home Entertainment

    Diese Konflikte können durchaus mal die Nerven strapazieren, so wie Familien es eben oft tun. Gleichzeitig wird die Beziehung der drei Geschwister aber auch zum Herzstück des Films und zu dem, was „Párvulos: Kinder der Apokalypse“ positiv aus der Masse der Zombiefilme hervorhebt. Ezban wechselt dabei immer wieder gekonnt zwischen humorvollen Familienmomenten und dem Ernst der Situation, in der der Zuschauer mit der Frage konfrontiert wird, wie weit man für das Wohl der eigenen Familie gehen würde. Die Antwort darauf fällt tragisch, düster und brutal aus. Unterstrichen wird das von der trostlosen, monochromen Farbpalette und den blutigen praktischen Effekten, die den Verfall dieser Welt eindrucksvoll einfangen. Und dennoch bleibt am Ende ein kleiner Funke Hoffnung zurück, der den melancholischen Schluss umso wirkungsvoller macht.

    Párvulos - Kinder der Apokalypse Film 2024
    Párvulos – Kinder der Apokalypse ©Lighthouse Home Entertainment

    Fazit

    „Párvulos: Kinder der Apokalypse“ erzählt keine klassische Zombiegeschichte, sondern ein düsteres Familiendrama vor dem Hintergrund einer Apokalypse. Isaac Ezban verbindet emotionale Konflikte mit starken praktischen Effekten und einer bedrückenden Atmosphäre. Nicht jede Idee geht vollständig auf, doch gerade die Geschwisterdynamik macht den Film zu einem der ungewöhnlicheren Vertreter des Genres.

    Bewertung: 3.5 von 5.
    Párvulos - Kinder der Apokalypse Film 2024 Amazon Prime Video
    Párvulos - Kinder der Apokalypse Film 2024 Amazon Prime Video
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  • 72 Hours | Netflix Film – Kritik: Jung, laut und erstaunlich alt

    72 Hours

    Titel72 Hours
    Genre Komödie
    Jahr2026
    FSK16
    RegieTim Story

    Starttermin: 24.07.2026 | Netflix

    Netflix lässt Kevin Hart alt aussehen 

    Wer heute wissen will, wie andere Generationen angeblich ticken, muss niemanden mehr kennenlernen. Ein paar Sekunden auf TikTok, Instagram oder Reddit reichen aus, und schon glaubt man, den Alltag von Menschen zu kennen, denen man im echten Leben vermutlich nie begegnet wäre. Das Internet verkauft diese Nähe als Fenster in fremde Lebenswelten. Tatsächlich blickt man aber meist nur in einen Spiegel aus Algorithmen, Trends und sorgfältig sortierten Klischees. Aus Begegnungen werden Schlagabtausche, aus unterschiedlichen Perspektiven Meme-Vorlagen. Der Generationenkonflikt existiert längst nicht mehr nur zwischen Menschen, sondern vor allem zwischen den Versionen ihrer selbst, die soziale Netzwerke täglich neu zusammenbasteln. Das Kino springt nur allzu gern auf diesen Zug auf. Statt die Reibung zwischen Boomern, Millennials und Gen Z wirklich zu untersuchen, recycelt es dieselben Karikaturen, die ohnehin schon seit Monaten durch sämtliche Feeds geistern. Die Älteren sind hoffnungslos aus der Zeit gefallen, die Jüngeren permanent online, ironisch und emotional überfordert. Es ist weniger eine Beobachtung unserer Gesellschaft als vielmehr der verzweifelte Versuch einer Branche, mit dem Zeitgeist Schritt zu halten. Je lauter nach Aktualität geschrien wird, desto schneller altern diese Geschichten. Am Ende erzählen sie nicht von Generationen, sondern von Autor*innen, die panische Angst haben, den Anschluss zu verlieren. Genau in diese Falle tappt auch Netflix mit „72 Hours“.

    72 Hours Netflix Film 2026
    72 Hours ©Netflix

    Eigentlich beginnt alles mit einem simplen Versehen. Werbemanager Joe (Kevin Hart) landet versehentlich im Gruppenchat einer Clique Anfang zwanzig. Für den Mann, dessen Karriere längst auf der Stelle tritt, scheint das die perfekte Gelegenheit, sich noch einmal neu zu erfinden. Also reist er den jungen Männern um den angehenden Bräutigam Mason (Mason Gooding) kurzerhand nach Miami hinterher und platzt mitten in deren ausufernden Junggesellenabschied. Was als peinlicher Versuch startet, Anschluss an die nächste Generation zu finden, eskaliert innerhalb von 72 Stunden völlig. Zwischen Yachten, Clubs und jeder Menge Alkohol gerät die Truppe erst mit der Polizei und schließlich mit einem Drogenkartell aneinander. Als Joe durch eine Kette absurder Missverständnisse selbst für einen gefürchteten Kartellboss gehalten wird, beginnt eine turbulente Flucht quer durch Miami.

    Filmpodcast Netflix

    Wenn sich „72 Hours“ genauso lange anfühlen

    „72 Hours“ weiß nie, für wen seine Figuren eigentlich geschrieben wurden. Joe wirkt, als hätte sich eine Gruppe Zwanzigjähriger vorgestellt, wie sich ein Mann über vierzig wohl verhält. Die Twentysomethings wiederum sprechen und handeln so, wie Menschen Mitte fünfzig glauben, dass junge Erwachsene sprechen und handeln. Niemand fühlt sich echt an. Alle wirken wie Schaufensterpuppen, denen man Begriffe wie „Bro“, „Vibe“ und „Cringe“ in den Mund gelegt hat. Dadurch fehlt jeder Szene das Fundament. Das Skript beobachtet keine Generationen, sondern bloß deren Klischeebilder. Das wäre zu verschmerzen, wenn es wenigstens in seiner Eigenschaft als Komödie funktionieren würde. Tut es aber nicht. Nahezu jede Pointe läuft ins Leere, weil sie auf den naheliegendsten Witz setzt – und selbst den hat man bereits im dutzendfacher Ausfertigung in anderen Filmen gesehen. Der Ältere versteht die Jugend nicht. Die Jugend nimmt nichts ernst. Geschlechtsteile hier. Rassistische Stereotype da. Mehr fällt dem Drehbuch kaum ein. Dabei lebt gute Satire gerade davon, Klischees gegen ihre Figuren zu wenden und sie dadurch bloßzustellen. „72 Hours“ macht das Gegenteil. Das Netflix Original glaubt an seine Stereotype. 

    72 Hours Netflix Film 2026
    72 Hours ©Netflix

    Zwischendurch versucht die Geschichte plötzlich, Herz zu zeigen. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zwischen Bräutigam Mason und seinem besten Freund, der sich mit aller Kraft dagegen stemmt, erwachsen zu werden. Eigentlich steckt darin ein spannender Gedanke. Irgendwann verändern sich Lebensentwürfe, Prioritäten und Freundschaften zwangsläufig. Nicht jede Beziehung überlebt diesen Wandel. Doch der Handlung gelingt es nie, daraus etwas Ehrliches zu machen. Stattdessen verlieren sich die Figuren in bedeutungsschweren Gesprächen, die klingen, als hätte jemand Kalendersprüche zu Dialogen umgeschrieben. Was berühren soll, wirkt künstlich. Was tiefgründig sein möchte, bleibt an der Oberfläche. Was bleibt, ist eine selten unterhaltsame Komödie, die ständig von Generationen spricht, aber keine einzige wirklich versteht. Zwischen Kartellchaos, müden Gags und einer Freundschaftsgeschichte, die mehr behauptet als erzählt, verliert sich „72 Hours“ so im sonnendurchfluteten Ambiente von Miami. Laut. Bunt. Und erstaunlich leer.

    72 Hours Netflix Film 2026
    72 Hours ©Netflix

    Fazit

    „72 Hours“ ist wie ein Trend, der schon vorbei war, bevor ihn Netflix entdeckt hat. Laut, hektisch und ständig auf der Jagd nach dem nächsten Gag – nur leider fast nie mit einem Treffer. 

    Bewertung: 1.5 von 5.
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