México 86
| Titel | México 86 |
| Genre | Sport, Biopic |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Gabriel Ripstein |
Starttermin: 05.06.2026 | Netflix
Netflix enttarnt das Sommermärchen als Millionengeschäft
Die WM steht vor der Tür. Vier Wochen Ausnahmezustand. Der Geruch von Grillkohle zieht durch Kleingärten, Bierkästen werden in Garagen gestapelt und plötzlich interessieren sich Menschen wieder für Länder, die sie sonst nicht einmal auf einer Karte finden würden. Fahnen hängen aus Schlafzimmerfenstern, Laien werden zu Bundestrainern und irgendwo sitzt immer ein Kind vor dem Fernseher, das gerade seine erste Weltmeisterschaft erlebt und noch glaubt, dass Fußball ausschließlich aus Emotionen besteht. Für viele Menschen ist die WM mehr als nur ein Turnier. Sie ist Erinnerung. An Sommerferien. An lange Abende mit den Eltern auf der Couch. An Elfmeterschießen, bei denen man nicht wusste, ob man jubeln oder weinen soll. An diese seltenen Momente, in denen Millionen Menschen gleichzeitig dieselbe Hoffnung teilen. Und dann wird man älter. Irgendwann liest man zum ersten Mal das Wort FIFA in einer Schlagzeile, die nichts mit Fußball zu tun hat. Irgendwann begreift man, dass hinter den Trikots, den Hymnen und den Traumtoren ein milliardenschweres Geschäft steht. Ein Geschäft voller Machtspiele, politischer Interessen, Lobbyismus und Männer in teuren Anzügen, die von der Liebe zum Fußball sprechen, während sie im Hintergrund Verträge aushandeln. Willkommen in der Welt von Netflix’ „México 86“.

Das Netflix Original interessiert sich nicht für den Sport auf dem Platz. Es interessiert sich für die Menschen hinter den Kulissen. Für jene, die darüber entscheiden, wo Weltmeisterschaften stattfinden, wer davon profitiert und welche Versprechen, Drohungen oder Gefälligkeiten notwendig sind, damit am Ende die richtige Nation den Zuschlag erhält. Im Mittelpunkt steht Martín de la Torre, gespielt von Diego Luna. Ein ehrgeiziger Funktionär, der unbedingt erreichen will, dass die Weltmeisterschaft 1986 nach Mexiko kommt. Ein Mann, dessen moralischer Kompass ungefähr so zuverlässig arbeitet wie ein Wetterbericht für das nächste Jahrzehnt. Beruflich manipuliert er, wo er kann. Privat betrügt er seine Frau, pflegt eine Affäre und verfolgt letztlich immer nur ein Ziel: seinen eigenen Aufstieg. Sympathisch ist das nicht. Unterhaltsam schon. Das Kino liebt solche Figuren seit Jahrzehnten. Jordan Belfort machte in „The Wolf of Wall Street“ Betrug zu einer Party. Dick Cheney wurde in „Vice“ zum Symbol politischer Machtgier. „The Big Short“ verwandelte die Finanzkrise in ein zynisches Unterhaltungsstück über Menschen, die aus dem Zusammenbruch eines Systems Profit schlagen. „México 86“ bewegt sich klar in dieser Tradition.

Die wahre Geschichte hinter der WM 1986
Der Film präsentiert seinen Protagonisten nicht als Helden, sondern als jemanden, dessen größte Stärke darin besteht, keine Skrupel zu besitzen. Die eigentliche Überraschung besteht dabei weniger in seinen Methoden als in der Erkenntnis, dass nahezu alle anderen Figuren genauso funktionieren. Jeder verfolgt eigene Interessen. Jeder versucht, den anderen auszutricksen. Jeder spricht von Idealen, meint aber Geld, Einfluss oder Macht. Doch anders als in „The Wolf of Wall Street“ leiden hier nicht die Menschen am unteren Ende der Nahrungskette. Niemand verliert seine Altersvorsorge. Niemand verliert sein Haus. Stattdessen beobachtet man Präsidenten, Verbandsbosse, Lobbyisten und Funktionäre dabei, wie sie sich gegenseitig übers Ohr hauen wollen. Menschen, die ohnehin alle am selben Tisch sitzen und sich lediglich darüber streiten, wer das größere Stück vom Kuchen bekommt. Das macht die Vorgänge nicht moralischer – erstaunlich unterhaltsam. Vielleicht auch deshalb, weil die Realität längst jede Satire überholt hat. Wer heute an die FIFA denkt, denkt selten zuerst an Fußball. Man denkt an Korruptionsskandale, dubiose Vergaben und an eine Weltmeisterschaft in Katar, die von Diskussionen über Menschenrechte, Arbeitsbedingungen von Gastarbeitern und politische Einflussnahme begleitet wurde. Man denkt an Gianni Infantino, dessen öffentliche Auftritte eher an einen Konzernchef erinnern als an den Präsidenten eines Sportverbands. Vor diesem Hintergrund wirkt „México 86“ beinahe nostalgisch. Nicht weil die Menschen damals besser gewesen wären. Sondern weil ihre Skandale kleiner wirken. Weil ihre Intrigen persönlicher erscheinen. Weil die Korruption noch nicht den globalisierten Größenwahn erreicht hatte, den man heute beinahe als Normalzustand akzeptiert.

„México 86“ macht aus dieser Welt keine investigative Enthüllung. Er besitzt nicht die Schärfe eines Dokumentarfilms und auch nicht die politische Wucht eines großen Gesellschaftsdramas. Stattdessen setzt er auf Tempo, Ironie und den Spaß daran, Menschen bei ihren Machtspielen zuzusehen. Das gelingt über weite Strecken überraschend gut. Die Inszenierung erinnert unverkennbar an Werke wie „Vice“ oder „The Big Short“. Die Kamera bleibt ständig in Bewegung, die Dialoge sind schnell, die Figuren reden viel und oft gleichzeitig, während sich politische Entscheidungen wie ein Börsenspiel entwickeln. Der Film vermittelt permanent das Gefühl, dass hinter jeder Tür ein neuer Deal abgeschlossen wird. Dabei entsteht ein angenehmer Sog. Man möchte wissen, welcher Plan als Nächstes geschmiedet wird. Welche Allianz zerbricht. Wer wen verrät. „México 86“ versteht, dass Machtgeschichten selten durch ihre Ergebnisse spannend werden, sondern durch die Menschen, die glauben, alles kontrollieren zu können. Diego Luna trägt den Film dabei souverän. Seine Darstellung besitzt genug Charisma, um die Figur interessant zu halten, ohne ihre Unsympathien zu verharmlosen. Dennoch bleibt er letztlich der größte Unterschied zu den Filmen, an denen sich „México 86“ offensichtlich orientiert.

Nicht der neue „The Wolf of Wall Street“, aber solide
Denn was Leonardo DiCaprio für „The Wolf of Wall Street“ war oder Christian Bale für „Vice“, besitzt dieser Film nicht. Es fehlt die ikonische Performance. Es fehlt jener eine Darsteller, der jede Szene an sich reißt und aus einem guten Film einen unvergesslichen macht. „Mexico 86“ macht im Grunde beinahe alles richtig. Er ist flott erzählt, gut gespielt und thematisch interessant. Er besitzt Humor, Tempo und ausreichend Biss, um über seine gesamte Laufzeit zu unterhalten. Gleichzeitig fühlt sich fast jede seiner Ideen vertraut an. Man erkennt die Vorbilder in nahezu jeder Szene. Der Film folgt einer bewährten Formel und verlässt sie kaum jemals. Das Ergebnis ist ein Werk, das funktioniert, ohne jemals wirklich zu überraschen. Man hat Spaß daran. Man verfolgt die Geschichte interessiert. Man schmunzelt über die Absurditäten eines Systems, das längst niemand mehr ernsthaft für sauber hält. Doch sobald der Abspann läuft, bleibt erstaunlich wenig zurück. Trotzdem ist „México 86“ ein unterhaltsamer Blick hinter die Kulissen eines Geschäfts, das sich gerne als Sport verkauft. Kein großer Wurf, kein neuer Klassiker des satirischen Biopics, aber ein solider Vertreter eines Genres, das Netflix inzwischen regelmäßig bedient. Und manchmal reicht das eben.

Fazit
„México 86“ steht klar in der Tradition von „The Wolf of Wall Street“, „Vice“ und „The Big Short“: Macht, Gier und Korruption werden als bitter-komische Farce erzählt. Der Film erreicht nie die Schärfe oder ikonische Energie seiner Vorbilder, funktioniert aber als flotte, zynische Satire über ein Geschäft, das sich als Fußballromantik tarnt.







































