Is God Is
| Titel | Is God Is |
| Genre | Thriller, Drama |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Regie | Aleshea Harris |
Starttermin: 19.08.2026 | Prime Video
Amazon schickt zwei Schwestern in ein nihilistisches Rachemärchen
Manche Verletzungen heilen nie. Sie wechseln bloß ihre Form. Aus Angst wächst Misstrauen. Aus Trauer Wut. Und aus Wut irgendwann der Wunsch, dass wenigstens irgendjemand für all das bezahlen soll. Narben erzählen davon. Die auf unserer Haut genauso wie die, die man mit bloßem Auge nicht sieht. Während die einen mit der Zeit verblassen, beginnen die anderen erst richtig Wurzeln zu schlagen. Sie erinnern daran, was war, aber auch daran, was aus einem Menschen geworden ist. In „Is God Is“ tragen zwei Schwestern beides mit sich herum. Die Brandnarben auf ihrer Haut sind längst zu sichtbaren Abbildern jener Wunden geworden, die sich tief in ihr Inneres eingebrannt haben. Erst als sie ihre sterbende Mutter wiedersehen, nimmt dieser Schmerz eine Richtung an: Sie schickt ihre Töchter auf einen Feldzug gegen den Vater, den sie für das Leid der Familie verantwortlich macht. Aus diesem schmalen Fundament entwickelt Regiedebütantin Aleshea Harris eine Reise, die irgendwo zwischen Rachemärchen, Theaterbühne und fiebrigem Albtraum ihren ganz eigenen Rhythmus findet. Southern Gothic, Blaxploitation, Theater und Tarantino verschmelzen dabei zu einer ungewöhnlichen Einheit – und doch fühlt sich das Amazon Original nie wie eine bloße Sammlung fremder Einflüsse an. Dafür besitzt Harris‘ Handschrift zu viel Eigenwilligkeit.

Gerade diese Eigenwilligkeit macht „Is God Is“ allerdings ebenso faszinierend wie sperrig. Dialoge klingen trotz des schimpfwortlastigen Gossenjargons weniger nach Alltag als nach Bühne. Räume wirken entrückt, Begegnungen fast traumartig. Menschen tauchen auf und verschwinden wieder, als hätten sie nie einer realen Welt angehört. Statt Natürlichkeit dominiert eine bewusst künstliche Inszenierung, die die Zuschauerschaft immer wieder daran erinnert, dass hier keine Wirklichkeit abgebildet wird. Sie übersetzt vielmehr den inneren Zustand der Figuren in Bilder. Das passt hervorragend zu den beiden Schwestern, deren sichtbare Brandnarben nur der äußere Abdruck einer Vergangenheit sind, die längst ihr gesamtes Leben bestimmt. Der eigentliche Schmerz sitzt tiefer. Harris interessiert sich deshalb weniger für die Gewalt selbst als für das, was sie aus Menschen macht. Für den langen Schatten, den sie wirft. Für die Frage, ob sich ein Leben überhaupt noch zurückerobern lässt, wenn die Vergangenheit längst in Schutt und Asche liegt. Gerade deshalb überrascht es, dass der Film seine Figuren emotional oft auf Abstand hält. Nicht ausschließlich, weil sie oberflächlich geschrieben wären, sondern weil sich nahezu alles der Wut unterordnet oder in beiläufigen Exzentrizitäten und skurrilen Begegnungen verliert.

„Is God Is“ erkundet die Narben unter den Narben
So wird die Wut zur treibenden Kraft, während andere Facetten der Figuren nur selten die Gelegenheit erhalten, sich wirklich zu entfalten. Das verleiht „Is God Is“ eine enorme Konsequenz, lässt jedoch kaum Raum für spürbare Zwischentöne. Trauer, Zweifel oder Verletzlichkeit blitzen zwar immer wieder auf, verschwinden aber fast ebenso schnell hinter der nächsten Eskalation. So entsteht das Gefühl, Menschen eher beim Verkörpern eines Schmerzes zuzusehen, als ihnen tatsächlich nahezukommen. Gleichzeitig liegt darin aber auch ein gewisser Reiz: Harris verweigert sich klassischer Katharsis. Die Gewalt fühlt sich nie befreiend an, sondern wie eine weitere Last, die ihre Figuren mit sich herumschleppen müssen. Mit jedem Schritt nach vorne spitzt sich die Ausweglosigkeit ihrer Situation zu. Nicht jede Narbe wird irgendwann zu einem Symbol der Stärke. Manche erinnern einen ein Leben lang daran, dass Stärke oft nur der Name ist, den wir unserem Überleben geben.

„Is God Is“ verlangt seinem Publikum einiges ab – und das nicht ausschließlich im positiven Sinne. Die Theaterwurzeln von Harris‘ nihilistischer Rachegeschichte, die mit ihrem Spielfilmdebüt ihr eigenes Bühnenstück zu Prime Video bringt, sind jederzeit spürbar, während sich die surreale Bildsprache ganz selbstverständlich mit ihnen verbindet. Daraus entsteht eine eigenwillige Ästhetik, die die staubige Unbarmherzigkeit eines Spaghetti-Westerns atmet, den Amazon Film emotional aber auch schwer greifbar werden lässt. Seine tonale Unbeständigkeit – mal kompromisslos hart, mal diffus und makaber-skurril – schafft Bewunderung für den Mut seiner Inszenierung, erzeugt jedoch zugleich eine Distanz, die den Zugang zu den Figuren immer wieder erschwert. Wer sich darauf einlässt, entdeckt jedoch ein bemerkenswert mutiges Regiedebüt, das lieber aneckt, als sich gefällig zu machen. Emotional hätte dieser Rachetrip noch tiefer unter die Haut gehen können. Seine Bilder aber hinterlassen Spuren. Wie Narben eben.

Fazit
Aleshea Harris liefert mit „Is God Is“ ein mutiges Spielfilmdebüt ab, das sich konsequent jeder klassischen Mainstream-Katharsis verweigert. Die Verschmelzung aus Tarantino-Zitaten, Western-Anleihen und starren Theaterwurzeln erschwert zwar den emotionalen Zugang zu den Figuren, macht das Werk im selben Atemzug aber auch so unverwechselbar eigenwillig. Ein etwas sperriges Amazon Original, das lieber unbequeme Fragen über die Unumkehrbarkeit von Gewalt stellt, als billige Genretrends zu bedienen.



































