Saccharine | Film – Kritik: Horror im Fahrwasser von „The Substance“

Saccharine Film 2026
TitelSaccharine
Genre Horror
Jahr2026
FSKungeprüft
RegieNatalie Erika James

Fantasy Filmfest Nights 2026

Perfektion frisst dich auf

In ihrem Regiedebüt „Relic“ setzte sich Regisseurin Natalie Erika James mit dem schleichenden Verfall des Geistes und der belastenden Dynamik familiärer Fürsorge auseinander. Mit „Saccharine“ schlägt sie nun eine andere, nicht weniger unangenehme Richtung ein und bewegt sich thematisch klar im Fahrwasser von „The Substance“. Statt Demenz rückt hier der Schönheitswahn einer ganzen Generation in den Fokus, ebenso wie ein verzerrtes Selbstbild, das von äußeren Erwartungen geprägt ist. Der Horrorfilm feierte im Januar auf dem Sundance Film Festival seine Weltpremiere und hat es nun auch ins Programm der Fantasy Filmfest Nights geschafft.

Saccharine Film 2026
Saccharine ©The Festival Agency

Im Zentrum steht die junge Hana (Midori Francis), die mit ihrem Körper hadert und verzweifelt nach einer schnellen Lösung sucht. Diese scheint sie in Form einer neuen Wunderpille zu finden, deren makabrer Wirkstoff jedoch alles andere als harmlos ist: die Asche menschlicher Überreste. Was zunächst wie ein einfacher Ausweg wirkt, entwickelt sich schnell zum Albtraum. Der Geist der Frau, deren sterbliche Reste in den Pillen verarbeitet wurden, beginnt Hana heimzusuchen und entwickelt einen buchstäblich unstillbaren Hunger.

Zwischen Hunger und Horror

Ironischerweise hat mir mein TikTok-Algorithmus kurz vor dem Schreiben dieser Review ein Video von einem durchtrainierten jungen Mann ausgespielt, der sein Unverständnis darüber äußerte, wie Menschen ihr ganzes Leben leben können, ohne jemals „shredded“ zu sein. Und es ist nicht schwer nachzuvollziehen, wie gerade junge Menschen durch solche Botschaften verunsichert werden. Gesund leben zu wollen ist das eine, sich dem Druck von außen zu beugen, etwas völlig anderes. Denn egal, wie viel Gewicht man verliert oder wie viel Anerkennung man bekommt, die Unsicherheit im Inneren bleibt. Genau das verdeutlicht Natalie Erika James auf makabre Weise in „Saccharine“ und kleidet diese Thematik in eine unangenehme Ästhetik aus Fressattacken und vor Fett triefenden Kadavern. Dabei kritisiert sie nicht nur den Diätwahn in sozialen Medien, sondern auch die Welle an vermeintlichen Wundermitteln, die schnellen Erfolg versprechen, ohne die Konsequenzen offenzulegen. Gleichzeitig nimmt sie die Doppelmoral der Gesellschaft ins Visier: Wer zu viel wiegt, gilt als faul, wer abnimmt, wirkt plötzlich ungesund. Die an einer körperdysmorphen Störung leidende Hana wird zur Verkörperung dieser Problematik. Midori Francis spielt die junge Medizinstudentin mit viel Feingefühl, macht ihren inneren Konflikt jederzeit greifbar, und trotz manch fragwürdiger Entscheidungen bleibt sie eine Figur, mit der man mitgeht.

Saccharine Film 2026
Saccharine ©The Festival Agency

Am stärksten ist „Saccharine“, wenn er sich auf Hanas mentalen Zustand konzentriert: auf ihren Frust darüber, dass ihre körperliche Veränderung nichts an ihrem Selbstbild ändert, und auf die komplizierte Beziehung zu ihren Eltern. Ihre Mutter kümmert sich aufopferungsvoll um den fettleibigen Vater, der über weite Strecken fast wie eine düstere Präsenz wirkt. Diese Dynamik wird zum Ausgangspunkt für Hanas verzerrte Selbstwahrnehmung und die Angst, selbst so zu enden. Der übernatürliche Aspekt fügt sich dabei größtenteils stimmig ein. Der Geist Bertha wirkt bedrohlich, bekommt sogar einen eigenen, unheimlichen Pennywise-Moment und wird zugleich mit einer menschlichen Note versehen. Interessant ist auch Hanas Reaktion auf die Heimsuchung: Statt Angst zeigt sie zunächst Neugier. Wie ihr Gewichtsverlust wird auch das Übernatürliche für sie zu einer Art Studie. Erst im letzten Akt fällt „Saccharine“ spürbar auseinander. Für Hana eröffnet sich ein Ausweg aus ihrer Situation, der jedoch selbst im Kontext eines solchen Geisterhorrors zu konstruiert und wenig überzeugend wirkt. Auch danach endet der Film nicht sofort. Stattdessen folgt ein beinahe epilogartiger Abschnitt, der zwar ästhetisch reizvoll ist, sich aber wie ein überflüssiger Nachschlag anfühlt. Wie ein Dessert, das man sich aufzwingt, obwohl man längst satt ist.

Saccharine Film 2026
Saccharine ©The Festival Agency

Fazit

„Saccharine“ ist ein unangenehmer, visuell eindringlicher Horrorfilm, der Körperbild, Selbstwahrnehmung und gesellschaftlichen Druck auf makabre Weise miteinander verknüpft. Am stärksten ist der Film, wenn er sich auf die psychologischen Aspekte konzentriert und Midori Francis Raum gibt, ihren inneren Konflikt auszuspielen. Auch wenn er zum Ende hin an Fokus verliert, bleibt ein wirkungsvoller Genrebeitrag mit klarer Aussage.

Bewertung: 3.5 von 5.
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