| Titel | Straw |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 16 |
| Regie | Tyler Perry |
Starttermin: 06.06.2025 | Netflix
Eine Frau gegen das System
In Luc Bessons intimer kleinen “Bonnie & Clyde”-Geschichte “June and John” (leider bislang noch ohne deutschen Kinostart) musste sich ein unscheinbarer Jedermann nach einer treffsicheren Links-rechts-Kombination durch die stahlharten Fäuste des grauen, monotonen Lebens wie schon Michael Douglas in “Falling Down” entscheiden, ob er sich dem System weiter unterordnet oder ausbricht – mit Liebe, Gewalt oder beidem? Auch Tyler Perry’s neuer Netflix Thriller “Straw” macht sich dieses Muster zu eigen: Eine Frau wird von der Ungerechtigkeit des Lebens zu Boden geprügelt, bis sie schließlich vor der Frage steht: untergehen oder zurückschlagen. Einen kleinen, aber feinen Unterschied gibt es dann aber doch – und der etabliert den Maßstab zwischen nuanciertem Erzählen und plakativen Pathos.

Und darum geht es…
Janiyah Wiltkinson (Taraji P. Henson) steht am Rand des Zusammenbruchs. Der Alltag als alleinerziehende Mutter ist ohnehin ein ständiger Kraftakt – doch als ein Missverständnis eskaliert, findet sie sich plötzlich als Hauptverdächtige in einem Strafverfahren wieder. Von Justiz und Gesellschaft im Stich gelassen, beginnt ein zermürbender Kampf ums Überleben. Während ihr Umfeld sich abwendet – darunter ihr Chef Richard (Glynn Turman) und der voreilige Chief Wilson (Rockmond Dunbar) – begegnet sie unerwarteter Solidarität: Die Polizistin Kay Raymond (Teyana Taylor) und die Bankangestellte Nicole Parker (Sherri Shepherd) zweifeln an der offiziellen Version. Doch reicht das aus, um den Kopf aus der sich immer enger zuziehenden Schlinge zu ziehen?

Sozialer Rundumschlag auf dem Niveau eines Facebook-Diskurses
Da ist es also: Das nächste Tyler Perry Streaming Original. Gerade mal zwei Wochen ist es her, da verfehlte der US-amerikanische Workaholic mit seiner albernen Netflix Serie “She the People” die selbst gesetzten politischen und komödiantische Ambitionen, da geht es schon mit dem nächsten Spielfilm weiter. Der hört auf den Namen “Straw”, legt jede humoristische Bestrebung ab und bestreitet nun also einen deutlich finstereren Weg. Soziale Ungerechtigkeit, systemisches Versagen, institutionelles Misstrauen – so die Themenpalette des Films, losgetreten von einer Kettenreaktion, die Janiyah binnen weniger Szenen den Boden unter den Füßen wegzieht. Schlag auf Schlag greift ein Ereignis ins nächste, verursacht durch eine höhere Instanz, die ihre Grenzen neu auslotet, ehe sie bricht. Wie Hiob sieht sich auch Janiyah einer Reihe von Prüfungen ausgesetzt – nur heißt der Vater hier nicht Gott, sondern Staat. Und seine Werkzeuge sind keine himmlischen, sondern irdischer Natur.

Klingt pathetisch? Ist es auch – und das noch viel mehr, als es Worte beschreiben könnten. Wenn Tyler Perry einmal zum Rundumschlag ausholt – gegen Polizei, Banken, staatliche Institutionen und und und – dann mit dem Holzhammer und ordentlich Schwung. Das macht aus einer potenziell interessanten Prämisse ein chaotisches Wechselbad zwischen unfreiwilliger Komik und überdrehter Melodramatik. Theatralisch, pathetisch – im Duktus einer polemischen Tirade, wie sie sonst nur im Kosmos undifferenzierter Facebook-Kommentarspaltendiskurse zu finden ist. Überforderung und Verzweiflung mögen in Perrys abstruser Welt als treibende Kräfte funktionieren, doch sobald Janiyah den Tiefpunkt erreicht und die Situation am Siedepunkt kocht, verliert „Straw“ jeden Halt in Sachen Plausibilität. Was dann noch bleibt, ist eine plakative Abrechnung, die komplexe gesellschaftliche Probleme mit plumpem Pathos behandelt. Ein Versuch, Wut und Schmerz in lauten Gesten zu kanalisieren – und das Publikum muss schmunzeln.

Fazit
“Straw“ überzeugt vor allem darin, wie man komplexe Themen mit der Subtilität eines Elefanten im Porzellanladen behandelt!


