| Titel | Emilia Pérez |
| Genre | Musical, Drama |
| Jahr | 2024 |
| FSK | 12 |
| Regie | Jacques Audiard |
Starttermin: 28.11.2024 | Kinostart
Ein Musical der besonderen Art
2024 ist zweifellos das Jahr der Musicalverfilmungen – ob einem das gefällt oder nicht. Neben naheliegenden Projekten wie den kommenden Filmen „Wicked“ und „Moana 2“, der Neuverfilmung von „Girls Club“ auf Basis des Broadway-Stücks oder Sequels wie „Joker: Folie à Deux“, das unerwartet in eine musikalische Richtung geht, wagt „Emilia Pérez“ dabei eine besonders ungewöhnliche Kombination aus Krimi, Identitätssuche und musikalischen Elementen – und trägt damit zur laufenden Diskussion über die Möglichkeiten des Musicalgenres bei.

Und darum geht es…
Die mexikanische Anwältin Rita (Zoe Saldaña) verteidigt seit Jahren erfolgreich die schlimmsten Verbrecher des Landes. Doch ihre Arbeit beginnt an ihrem Gewissen zu nagen – bis der Kartellboss Manitas (Karla Sofía Gascón) ihr ein Angebot macht, das ihr eine neue Zukunft verspricht. Im Tausch gegen eine beträchtliche Geldsumme soll Rita einen Arzt finden, der für Manitas eine geschlechtsangleichende Operation durchführt. Als der Eingriff erfolgreich ist, täuscht Manitas seinen Tod vor und lebt fortan unter einer neuen Identität als Emilia Pérez. Vier Jahre später tritt Emilia erneut mit einer Bitte an Rita heran: Sie möchte wieder mit ihrer Frau Jessi (Selena Gomez) und ihren Kindern vereint sein.

Eine musikalische Reise durch Vergebung und Identität
„Miller’s Girl“ war einer der größten Kritiker- und Zuschauerflops des Jahres – und doch hatte der Film in einem Punkt recht: Wenn es um Kunst geht, gilt „wenn es nicht kontrovers ist, ist es nicht interessant“, wie Jenna Ortegas Charakter provokant bemerkt. Diese Aussage passt perfekt zu „Emilia Pérez“. Auch wenn die französische Produktion auf Festivals ein voller Erfolg ist, dürfte sie beim breiten Publikum die Meinungen spalten – und das vielleicht zu Recht. Das liegt weniger daran, dass Jacques Audiards Werk ein Musical ist, sondern vielmehr an der zentralen Frage: Kann ein mörderischer Kartellboss Wiedergutmachung leisten? Verdient jemand, der so viel Leid verursacht hat, eine zweite Chance? Die Antwort bleibt vage. Audiard wagt sich an eine Geschichte über Schuld und Vergebung, die sich über eine Laufzeit von mehr als zwei Stunden erstreckt, jedoch oft holprig erzählt ist und nicht immer den richtigen Ton trifft. Zwar ist die titelgebende Emilia ein faszinierender Charakter, der mehr als nur seine Gräueltaten verkörpert und durchaus Sympathien weckt, doch wirkt ihre Entwicklung nicht immer verdient oder authentisch. Der Regisseur verknüpft das Thema Schuld zusätzlich mit der Frage nach Identität, schafft dies allerdings nicht immer mit dem nötigen Feingefühl.

Einen transsexuellen Charakter vor und nach einer Geschlechtsangleichung zu verkörpern, ist eine heikle Angelegenheit, die in der Vergangenheit oft misslungen ist. Karla Sofía Gascón tut dies jedoch auf nuancierte und eindrucksvolle Weise. Sie überzeugt sowohl als Manitas als auch als Emilia – ihr wahres Ich, das wir im Großteil des Films begleiten. Einfühlsam wird dabei ihr Innenleben beleuchtet, ebenso wie der Schmerz darüber, dass sie als Manitas jahrelang ihre Identität unterdrücken musste, um in der harten, männerdominierten Drogenwelt respektiert zu werden. Umso bedauerlicher ist es, dass der eigentliche Prozess der Geschlechtsangleichung nur oberflächlich und simpel behandelt wird, wenn nicht sogar einen Hauch respektlos. Wenn in einer Musicalszene ein Chirurg Zeilen wie „von Penis zu Vagina“ singt, während verschiedene transsexuelle Charaktere auf Liegen umher gewirbelt werden, dann wirkt dies beinahe wie eine Parodie auf eine für viele Menschen schwierige und langwierige Prozedur und hinterlässt einen faden Beigeschmack. Audiard findet selten die richtige Balance zwischen den verschiedenen Genres, was die Story oft unfokussiert und tonal unausgewogen erscheinen lässt. Im finalen Akt scheint er völlig den Kurs zu verlieren und stolpert in ein generisches Ende, das kaum emotionalen Eindruck hinterlässt. Auch als Musical will „Emilia Pérez“ nie ganz funktionieren: Die Songs bleiben unspektakulär, und die gesanglichen Leistungen sind wechselhaft; einzig „El Mal“ und „Mi Camino“ bleiben im Gedächtnis. Die größte Stärke des Films liegt in den Performances. Karla Sofía Gascón ist, wie erwähnt, beeindruckend, Zoe Saldaña hat eine unglaubliche Präsenz, und im Zusammenspiel harmonieren beide großartig miteinander. Für viele sicher ebenfalls überraschend: Auch Selena Gomez überzeugt mit einer Mischung aus Temperament und Verletzlichkeit. Möglicherweise sogar genug, um bei den Oscars Beachtung zu finden.

Fazit
„Emilia Pérez“ ist ein ambitionierter Film, der mit einer spannenden Prämisse und starken Performances überzeugt, aber Schwierigkeiten hat, seine Genres stimmig zu vereinen. Trotz unspektakulärer Songs und einer oft oberflächlichen Inszenierung bleibt der Film dank der beeindruckenden Darbietungen von Karla Sofía Gascón, Zoe Saldaña und Selena Gomez sehenswert.

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