Gropiusstadt Supernova
Die Gropiusstadt als eigenes Universum
Das deutsche Kino steckt in einer Sackgasse. Während öffentliche Fördergelder bevorzugt in altbewährte Konzepte fließen und ein überschaubarer Kreis bestens vernetzter Produktionsfirmen den Markt unter sich aufzuteilen scheint, darf sich die Generation Babyboomer schon auf die nächste unlustige Ensemblekomödie freuen. Irgendetwas mit einem Familienessen, einem politisch unkorrekten Spruch und der Erkenntnis, dass die Jugend, die Grünen und überhaupt die ganze moderne Gesellschaft doch völlig verrückt geworden seien. Dieselben Gesichter, dieselben Gags, dieselbe Selbstgefälligkeit. Hauptsache, am Ende haben sich alle wieder lieb und die Fördergelder wurden ordnungsgemäß verbrannt. Filmische Innovation findet derweil bestenfalls in den Randgebieten dieser erstaunlich komfortablen Sackgasse statt. Dabei haben Filme wie „Berlin Alexanderplatz“, „Victoria“ oder „Der Nachtmahr“ längst bewiesen, dass deutsches Kino auch jenseits von Beziehungskisten und generationsübergreifenden Befindlichkeitskomödien existieren kann. Nur bleiben solche Werke, wie es die Bezeichnung bereits verrät, bemerkenswerte Ausnahmen. Wer eigene Vorstellungen verwirklichen möchte, braucht deshalb neben Talent und Durchhaltevermögen vor allem die Bereitschaft, von einer Produktionsfirma zur nächsten zu tingeln, Förderanträge auszufüllen oder gleich das eigene Geld in die Hand zu nehmen. Und manchmal reicht selbst das kaum für die Verpflegung am Set. Ben Voit hat mit gerade einmal 13.000 Euro einen abendfüllenden Spielfilm realisiert. Sein „Gropiusstadt Supernova“ zeigt eindrucksvoll, wie viel Kino mit verschwindend wenig Geld möglich ist, wenn hinter der Kamera jemand steht, der tatsächlich etwas zu erzählen hat.

Silvester in Berlin-Gropiusstadt. Während sich die Bewohner der riesigen Plattenbausiedlung auf den Jahreswechsel vorbereiten und die ersten Feuerwerkskörper zwischen den grauen Hochhausfassaden explodieren, droht für drei junge Menschen das bisherige Leben auseinanderzubrechen. Luan (Mo Issa) erwacht aus einem Albtraum, in dem ihn die beiden wichtigsten Menschen seines Lebens verlassen. Was zunächst wie eine unbegründete Verlustangst erscheint, nimmt innerhalb weniger Stunden erschreckend konkrete Formen an. Seine Freundin Stella (Berfin Sönmez) hat eine Zusage für eine Schauspielschule in den USA erhalten und steht damit vor der Möglichkeit, sich ihren lang gehegten Berufswunsch zu erfüllen. Gleichzeitig erreicht Luans älteren Bruder Tarik (Walid Al-Atiyat) ein Abschiebungsbescheid, der ihn aus seinem vertrauten Umfeld reißen könnte. Während Stella einer verheißungsvollen Zukunft entgegenblickt, muss Tarik um seine Gegenwart fürchten. Und Luan? Der sieht plötzlich alles verschwinden, woran er sich bislang festgehalten hat. Verzweifelt versucht er, die drohenden Veränderungen aufzuhalten, sucht nach rechtlichen Möglichkeiten und verliert sich zunehmend in seinen eigenen Befürchtungen. Als Tarik nach einem heftigen Streit verschwindet und ein missglückter Überfall die Nachbarschaft in Aufruhr versetzt, verdichten sich Luans schlimmste Vorahnungen zu einer vermeintlichen Gewissheit. Seine Suche führt ihn durch die nächtliche Gropiusstadt, vorbei an Polizeikontrollen, beleuchteten Hochhausfassaden und Menschen, die längst mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Je verzweifelter er nach Antworten sucht, desto schwerer fällt ihm die Unterscheidung zwischen tatsächlichen Ereignissen und den Schreckensbildern seiner Vorstellungskraft. Aus einem gewöhnlichen Silvesterabend wird eine zunehmend fiebrige Odyssee durch ein Viertel, in dem für einen jungen Mann plötzlich nichts mehr sicher scheint.

„Gropiusstadt Supernova“ zwischen Sozialrealismus und Großstadtpoesie
„Pfau – Bin ich echt?“, „No Dogs Allowed“, „Roter Himmel“ oder „Bubbles … wir waren doch Freunde“ – natürlich gibt es sie noch, die kleinen Perlen des deutschen Films. Wer mit diesen Titeln allerdings wenig anfangen kann, befindet sich vermutlich in bester Gesellschaft. Denn während sich für die eigentliche Produktion mit etwas Glück noch ausreichend Geld auftreiben lässt, endet die finanzielle Großzügigkeit spätestens bei deren Vermarktung. Millionenschwere Komödien mit den immergleichen Gesichtern werden wochenlang beworben, kleinere Produktionen verschwinden hingegen nach einer Handvoll Vorstellungen im Programmkino klammheimlich in der Arte-Mediathek. Von Cineasten geschätzt, vom Mainstream kaum wahrgenommen. Nicht einmal bewusst gemieden, denn dafür müsste man schließlich erst einmal von ihrer Existenz erfahren. Dass „Gropiusstadt Supernova“ beim Filmfestival Max Ophüls Preis den Hauptpreis gewinnen konnte, dürfte an seinen bescheidenen Aussichten auf ein größeres Publikum wenig ändern. Ein regulärer Kinostart allein verhilft schließlich noch keinem Film zu der Aufmerksamkeit, die er verdient. Umso bedauerlicher, denn Voits ausgesprochen ambitioniertes Herzensprojekt gehört zu den erfreulichsten Überraschungen des jüngeren deutschen Kinos. Darin inszeniert er die Silvesternacht als rastlosen, beinahe hypnotischen Trip durch eine Großstadt, die mit zunehmender Dunkelheit ihre vertrauten Konturen verliert. Ein sphärisches Großstadtmärchen, irgendwo zwischen jugendlicher Orientierungslosigkeit, existenzieller Verzweiflung und dem fiebrigen Gefühl, dass jederzeit etwas Schreckliches geschehen könnte. Seine Erzählung entwickelt eine eigentümliche Schwerelosigkeit, als würde sie sich allmählich von den Gesetzen ihrer zunächst noch greifbaren Wirklichkeit lösen. Die nächtliche Irrfahrt mutet zeitweise wie eine kosmische Odyssee an, deren unendliche Weiten sich aus Beton, Asphalt und tausenden erleuchteten Fenstern zusammensetzen. Voit gelingt es, der häufig auf Kriminalität und soziale Missstände reduzierten Gropiusstadt eine beinahe außerirdische Schönheit abzugewinnen. Zwischen den gewaltigen Hochhauskomplexen verliert sich die Verzweiflung eines Einzelnen in einer Stadt, die von seinem persönlichen Ausnahmezustand vollkommen unbeeindruckt bleibt. Ausgerechnet dort, wo Luan bislang Geborgenheit gefunden hat, beginnt ihm seine vertraute Umgebung zunehmend fremd zu werden. Und während ringsherum eine ganze Stadt dem neuen Jahr entgegenfeiert, scheint für ihn ausgerechnet die Zukunft zur größten Bedrohung geworden zu sein.

Diese innere Unruhe überträgt Voit unmittelbar auf seine Inszenierung, deren fiebrige Körperlichkeit an das frühe Kino der Safdie-Brüder erinnert. Auch dort manövrieren sich die Protagonisten mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit immer tiefer in ihre selbstverschuldeten Schwierigkeiten. Ähnlich rastlos folgt hier die Kamera ihrem Protagonisten auf Schritt und Tritt. Konrad Waldmann findet dafür eindrucksvolle Bilder, deren visuelle Raffinesse in keinem Verhältnis zum verschwindend geringen Budget steht. Feuerwerkskörper erhellen die nächtliche Häuserschlucht, grelle Lichtquellen durchbrechen das Dunkel und die gewaltige Architektur scheint Luan regelrecht zu verschlucken. Gemeinsam mit der ruhelosen Montage und einem sphärischen Synthesizer-Soundtrack entsteht eine audiovisuelle Sogwirkung, die das Publikum beinahe ebenso atemlos durch die Silvesternacht treibt wie ihren zunehmend überforderten Protagonisten. Die elektronischen Klangflächen verleihen der nächtlichen Großstadtkulisse eine entrückte, mitunter geradezu unwirkliche Atmosphäre, während sich die Inszenierung immer tiefer in Luans aufgewühlte Gefühlswelt vorarbeitet. Allerdings fehlt Voits Geschichte die kriminelle Zuspitzung, die das Kino der Safdies gewöhnlich bestimmt. Seine Spannung speist sich hauptsächlich aus der psychologischen Verfassung eines jungen Mannes, dessen Verlustängste allmählich krankhafte Züge annehmen. Mitunter überträgt sich diese Rastlosigkeit allerdings auch auf das Drehbuch, das manche seiner Verwicklungen vorschnell hinter sich lässt. Einzelne Begegnungen bleiben dramaturgisch folgenlos, Konflikte verlieren sich in der nächsten nächtlichen Eskapade und die stellenweise etwas aufdringliche Symbolik verrät eine Inszenierung, deren Ambitionen das erzählerische Fundament gelegentlich überfordern. Besonders die Beziehung zwischen Luan und Stella hätte eine ausführlichere Beschäftigung verdient. Die emotionale Fallhöhe ihrer möglichen Trennung ergibt sich überwiegend aus Luans Reaktionen, während die gemeinsame Vergangenheit und die tatsächliche Beschaffenheit ihrer Beziehung ausgespart bleiben. Dass solche erzählerischen Schwächen den Gesamteindruck dennoch kaum beeinträchtigen, verdankt der Film nicht zuletzt seiner bemerkenswerten Milieugenauigkeit. Voit besitzt ein ausgesprochen feines Gespür für die Eigenheiten seines Schauplatzes, dessen alltägliche Geschäftigkeit und soziale Widersprüche sich mit der stilisierten Bildsprache zu einem erstaunlich homogenen Gesamtbild verbinden. Die Gropiusstadt erscheint als lebendiger Mikrokosmos, dessen Bewohner keinerlei Interesse daran haben, die Erwartungen eines Publikums zu erfüllen, das solche Viertel überwiegend aus problemorientierten Fernsehreportagen kennt.

Drei Schicksale unter dem Berliner Nachthimmel
Gerade aus dieser glaubhaft eingefangenen Lebenswirklichkeit erwächst auch die gesellschaftspolitische Dimension der Geschichte, deren eigentlicher Konflikt weit über Luans persönliche Verlustängste hinausreicht. Denn die drei Hauptfiguren stehen vor grundverschiedenen Zukunftsperspektiven, obwohl sie bislang denselben Lebensraum miteinander geteilt haben. Stella sieht in ihrer Heimat einen Ausgangspunkt, von dem aus sie endlich den nächsten Schritt wagen möchte. Für Tarik bedeutet derselbe Ort ein Zuhause, das ihm gegen seinen Willen genommen werden soll. Und Luan steckt irgendwo dazwischen, ohne erkennbare Perspektive, ohne größere Ambitionen und mit der verzweifelten Hoffnung, dass wenigstens alles so bleiben möge, wie es ist. Drei junge Menschen, deren Verhältnis zur eigenen Heimat ebenso unterschiedlich ausfällt wie die Möglichkeiten, über ihre persönliche Zukunft zu bestimmen. Darin liegt die eigentliche gesellschaftspolitische Tragweite von Voits Geschichte. Denn wo für die einen ein Auslandsaufenthalt den Beginn einer vielversprechenden Karriere markieren kann, bedeutet derselbe Grenzübertritt für andere die unfreiwillige Rückkehr in ein Land, zu dem womöglich längst keine persönliche Verbindung mehr besteht. Und mittendrin wächst eine Generation heran, deren Zugehörigkeitsgefühl permanent mit den Erwartungen und Vorurteilen einer Gesellschaft kollidiert, die sie trotz ihrer Sozialisation in Deutschland noch immer als Fremde betrachtet. Voit verzichtet auf große politische Reden und moralische Belehrungen. Rassismus, gesellschaftliche Ausgrenzung und die Unsicherheit über den eigenen Platz in einer Gesellschaft gehören zum Alltag seiner Figuren, deren Erfahrungen dadurch eine Selbstverständlichkeit erhalten, die vielen bemüht gesellschaftskritischen Produktionen abgeht. Die soziale Wirklichkeit seiner Protagonisten wird weder romantisiert noch auf eine Abfolge demonstrativer Ungerechtigkeiten reduziert. Aus dieser Verbindung von Milieugenauigkeit und fiebriger Bildsprache entsteht ein visuell außergewöhnliches, atmosphärisch dichtes und vor allem aufrichtiges Sozialdrama, das seine erzählerischen Unzulänglichkeiten durch eine inszenatorische Eigenständigkeit weitgehend aufzufangen vermag. Ben Voits Spielfilmdebüt besitzt genau die cineastische Entschlossenheit, die dem finanziell ungleich besser ausgestatteten deutschen Mainstreamkino mittlerweile erschreckend häufig abgeht. Dass dafür ausgerechnet 13.000 Euro ausreichen, während andernorts Millionen in die Wiederverwertung längst erschöpfter Erfolgskonzepte fließen, verleiht diesem kleinen Großstadtmärchen eine beinahe schon groteske Ironie. Vielleicht besteht die eigentliche Tragik des deutschen Kinos schließlich darin, dass es sich seine größten Talente kaum leisten möchte, während es für seine größten Belanglosigkeiten offenbar immer noch genügend Geld findet.

Fazit
Ben Voit verwandelt die Berliner Gropiusstadt in den Schauplatz einer hypnotischen Großstadtodyssee. Sphärisch, rastlos und von bemerkenswerter visueller Eigenständigkeit erzählt „Gropiusstadt Supernova“ ein zutiefst menschliches Sozialdrama, dessen cineastische Strahlkraft weit über das deutsche Filmeinerlei hinausreicht.


