Wir – nur ein bisschen besser
| Titel | Wir – nur ein bisschen besser |
| Genre | Drama, Romanze |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Daniele Luchetti |
Starttermin: 29.10.2026 | Netflix
Netflix stellt den Kinderwunsch ins Kreuzverhör
Wer sich etwas wünscht, kann meistens ziemlich genau erklären, warum. Eine größere Wohnung verspricht mehr Platz, eine Reise Abstand vom Alltag, ein neuer Job vielleicht endlich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Selbst für den Kauf einer völlig überteuerten Kaffeemaschine findet sich noch irgendeine halbwegs vernünftige Begründung. Beim Kinderwunsch sieht das anders aus. Wer Nachwuchs möchte, muss selten erklären, weshalb. Wer keine Kinder will, dagegen schon. Dann wird nachgehakt, die Stirn gerunzelt, auf die biologische Uhr verwiesen oder darauf, dass sich die Meinung schon noch ändern werde. Als wäre die Elternschaft eine Selbstverständlichkeit und ihre Ablehnung eine erklärungsbedürftige Abweichung. Dabei können beide Entscheidungen gute Gründe haben, widersprüchliche Gründe oder überhaupt keine, die sich in zwei Sätzen ordentlich zusammenfassen lassen. Schwierig wird diese persönliche Freiheit erst, wenn zwei Menschen gemeinsam über etwas entscheiden müssen, das ihr beider Leben verändern wird. Und genau darum geht es in „Wir – nur ein bisschen besser“, dem italienischen Beziehungsdrama auf Netflix.

Liebe auf den ersten Blick könnte man die Begegnung von Simone (Elio Germano) und Lucia (Maria Chiara Giannetta) durchaus nennen. Dumm nur, dass Lucia sich hinterher kaum noch daran erinnern kann. Sie steckt nach einem Unfall in ihrem umgekippten Auto fest, er ist Feuerwehrmann und zieht sie aus dem Wagen. Das ist eine denkbar dramatische erste Verabredung, zumal Simone offenbar sofort Gefallen an der jungen Frau findet und sie am nächsten Tag wiedersehen möchte. Lucia wiederum hat andere Sorgen, als sich das Gesicht ihres Retters einzuprägen. Trotzdem funkt es, und vier Jahre später teilen die beiden noch immer ihr Leben, obwohl sie bei genauerer Betrachtung wenig miteinander gemeinsam haben. Simone mag Ordnung, Verlässlichkeit und das vertraute Familienleben, das er aus seinem eigenen Elternhaus kennt. Lucia hält von festen Regeln wenig, will sich nicht ständig festlegen und hat mit den klassischen Vorstellungen von Ehe und Mutterschaft herzlich wenig am Hut. Mit ihr wird es keine Kinder geben. Das macht sie früh deutlich, und Simone scheint damit leben zu können. Bis er es irgendwann nicht mehr kann. Er möchte Vater werden. Lucia kann aufgrund eines angeborenen Problems keine leiblichen Kinder bekommen und ist sich selbst nicht sicher, ob ihre Ablehnung der Mutterschaft eine Überzeugung ist, eine Gewohnheit oder vielleicht auch ein Schutz vor etwas, das ihr ohnehin verwehrt bleibt. Eine Adoption wird zur Möglichkeit, dann zum gemeinsamen Vorhaben. Nur müssen Simone und Lucia dafür plötzlich mehr Menschen von ihrer Eignung als Eltern überzeugen als sich selbst. Gespräche mit Fachleuten, Nachfragen zur Familie, die Prüfung der eigenen Beziehung: Aus einem Wunsch, den bislang vor allem einer von beiden hatte, wird eine Angelegenheit, zu der beide Antworten liefern sollen.

„Wir – nur ein bisschen besser“ macht aus Familienplanung eine Frage der Perspektive
„Wir – nur ein bisschen besser“ macht aus dieser Ausgangslage erfreulicherweise keine Abstimmung über das Für und Wider des Kinderkriegens. Der Film verteilt keine Argumente auf zwei Figuren, damit am Ende die vernünftigere Seite gewinnt. Er lässt vielmehr zu, dass sich ein Mensch seiner Sache sicher sein kann und dennoch erstaunlich wenig über die eigenen Beweggründe weiß. Simone will ein Kind. Punkt. Aber weshalb eigentlich? Weil er Kinder liebt? Weil seine Familie groß und eng verbunden ist? Weil für ihn nach vier gemeinsamen Jahren nun einmal der nächste Schritt ansteht? Vielleicht ist von allem etwas dabei. Gerade weil er seinen Wunsch so selbstverständlich vor sich herträgt, wirkt er bei genauerem Hinsehen weniger durchdacht, als er glaubt. Lucia dagegen zweifelt an einer Entscheidung, die sie jahrelang für längst getroffen hielt. Und ausgerechnet ihre Unsicherheit macht sie zur interessanteren der beiden Figuren. Sie darf schwanken, widersprechen, sich annähern und wieder Abstand nehmen. Es muss schließlich nicht jede Überzeugung unverrückbar sein, bloß weil man sie einmal laut ausgesprochen hat. Gleichzeitig wäre es zu bequem, ihre Kinderlosigkeit als heimlichen Kinderwunsch zu lesen, der nur darauf wartet, freigelegt zu werden. Vielleicht will sie tatsächlich keine Mutter sein. Vielleicht möchte sie es irgendwann doch. Und vielleicht hat sie selbst noch keine Sprache für das gefunden, was in ihr vorgeht. Dass Netflix diese Möglichkeiten nebeneinander bestehen lässt, verleiht seiner Liebesgeschichte eine angenehm unaufgeregte Wahrhaftigkeit. Zwei Menschen lieben sich, kommen im Alltag miteinander zurecht, können stundenlang diskutieren und haben trotzdem nie ernsthaft geklärt, ob ihre Vorstellungen von Zukunft überhaupt zusammenpassen. Bis sich diese Frage eben nicht länger mit einer Umarmung oder einem schlagfertigen Spruch vertagen lässt. Denn so sehr „Wir – nur ein bisschen besser“ von individuellen Entscheidungen handelt, lässt sein Titel bereits erahnen, dass am Ende zwei Menschen mit den Konsequenzen leben müssen. Und genau darin liegt der eigentliche Konflikt. Wie viel kann man von seinen eigenen Vorstellungen aufgeben, ohne sich irgendwann selbst darin zu verlieren?

Wie viel Vergangenheit in solchen Wünschen steckt, zeigt sich besonders an Lucia. Sie ist ohne verlässliche Eltern aufgewachsen, hat das Verlassenwerden früh kennengelernt und trägt ihre Unabhängigkeit fast wie eine Vorsichtsmaßnahme mit sich herum. Lieber hält sie sich alle Türen offen, bevor irgendwann eine hinter ihr zugeschlagen wird. Ihre Widersprüchlichkeit entsteht deshalb weder aus einer niedlichen Marotte noch aus der üblichen Filmidee, dass eine unangepasste Frau nur lange genug den richtigen Mann treffen müsse, um sesshaft zu werden. Sie ist spontan, unbequem, verletzlich, manchmal schwierig und in all dem viel leichter zu verstehen als Simone, der mit seinem Ordnungssinn und seinen traditionellen Vorstellungen bisweilen erschreckend langweilig daherkommt. Nicht weil an seinem Wunsch etwas falsch wäre, vielmehr weil er ihn kaum hinterfragt. Seine große Familie hat ihm vorgelebt, wie ein Leben mit Kindern aussehen kann; Lucia hat dagegen vor allem erfahren, was es bedeutet, wenn Menschen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Während für Simone das Familienleben längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist, muss Lucia überhaupt erst herausfinden, was Familie für sie bedeutet. Und ob sie selbst Teil einer solchen sein möchte, wenn damit plötzlich eine Verantwortung verbunden ist, vor der sie sich bislang erfolgreich drücken konnte. Besonders schön ist, dass Maria Chiara Giannetta ihre Lucia mit einer Selbstverständlichkeit spielt, die keinerlei demonstrative Exzentrik nötig hat. Ein Blick, ein schnelles Zurückrudern, eine beiläufig hingeworfene Bemerkung reichen, um spürbar zu machen, wie viel sich hinter ihrer ruppigen Fassade bewegt. Elio Germano hält als Simone dagegen, ohne ihn zum verständnislosen Spießer zu machen. Seine Zuneigung ist glaubhaft, seine Ratlosigkeit ebenso. Gemeinsam wirken die beiden wie ein Paar, das sich tatsächlich ineinander verliebt hat und gerade deshalb Gefahr läuft, zu lange aneinander vorbeizureden. Das Adoptionsverfahren legt diese Gewohnheit offen. Auf einmal müssen sie Fragen beantworten, die im eigenen Wohnzimmer niemand gestellt hat. Ausgerechnet die bürokratische Prüfung ihrer Eignung wird so zu einer ziemlich brauchbaren Prüfung ihrer Ehrlichkeit. Und während andere Paare Kinder bekommen können, ohne jemals ihre charakterliche Eignung nachweisen zu müssen, stehen Simone und Lucia plötzlich vor Menschen, die eine Begründung für ihre Elternschaft verlangen. Eine durchaus absurde Situation, die allerdings auch etwas Gutes hat. Schließlich müssen sich die beiden dadurch mit Fragen beschäftigen, denen sie bisher lieber ausgewichen sind.

Manchmal reicht es, ein bisschen besser zu werden
Daniele Luchetti findet dafür einen Ton, der dem Stoff gut bekommt. „Wir – nur ein bisschen besser“ kennt die Schwere seiner Themen, macht aus ihr aber keine Aufforderung zum kollektiven Schluchzen. Die Gespräche dürfen komisch sein, die Streitereien kleinlich, manche Situationen sogar ausgesprochen absurd. Und wenn es emotional wird, muss deswegen nicht sofort eine große dramatische Geste folgen. Das verleiht dem Netflix Original eine Leichtigkeit, die seinen Gedanken mehr nützt als jeder Versuch, dem Publikum seine Bedeutung mit Nachdruck einzuhämmern. Ganz ohne Einschränkungen bleibt dieser Eindruck allerdings nicht. So nah der Film seinen Figuren kommt, so selten wagt er es, noch einen unangenehmen Schritt weiterzugehen. Manche Konflikte könnten länger stehen bleiben, manche Widersprüche tiefer nachwirken; die Inszenierung hält sich insgesamt an einen recht gefälligen Rahmen, in dem auch die schwierigeren Momente ihren Platz finden, ohne allzu sehr zu verstören. Gerade die Frage, ob Liebe auch bedeuten kann, sich einzugestehen, dass die eigenen Lebensentwürfe unvereinbar sind, hätte ein wenig mehr Konsequenz vertragen. Stattdessen bleibt Luchetti lieber zuversichtlich. Das ist weder falsch noch unglaubwürdig, nimmt der Geschichte stellenweise aber etwas von der Schärfe, die in ihren Figuren steckt. Dass sie trotzdem funktioniert, liegt an ihrem Gespür für die kleinen Widersprüche des Zusammenlebens und an zwei Darstellern, denen man den gemeinsamen Alltag jederzeit abnimmt. Am Ende interessiert viel weniger, ob Simone gute Gründe für seinen Kinderwunsch findet oder Lucia eine endgültige Erklärung für ihre Zweifel. Beides sind Fragen, auf die niemand eine allgemeingültige Antwort geben kann. Wichtiger ist, dass sie überhaupt anfangen, einander zuzuhören, ohne die eigene Unsicherheit gleich als Niederlage zu betrachten. Ein Kind zu wollen oder keines zu wollen, bleibt eine persönliche Entscheidung. Sobald daraus ein gemeinsames Leben werden soll, reicht es allerdings nicht mehr, nur zu wissen, was man selbst möchte. Und vielleicht ist genau das mit dem „bisschen besser“ gemeint: nicht plötzlich die perfekten Eltern zu sein, sondern erst einmal zwei Menschen, die einander wirklich verstehen wollen.

Fazit
Ein Kind zu wollen ist leicht gesagt. Schwieriger wird es, wenn die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht, der Kinderwunsch vielleicht aber nicht. „Wir – nur ein bisschen besser“ erzählt davon mit großer Natürlichkeit, feinem Humor und einem wunderbaren Gespür für menschliche Widersprüche. Inszenatorisch etwas zu brav, im Umgang mit seinem Thema dafür umso erwachsener.


