Masterplan
| Titel | Masterplan |
| Genre | Krimi, Komödie |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Thomas Vincent |
Starttermin: 16.10.2026| Prime Video
Amazon schickt „Ocean’s Eleven“ auf Familienausflug
Der Familienbetrieb ist ein zuverlässiger Schrecken für jedes Kind, das irgendwann den ebenso verständlichen wie komplizierten Wunsch entwickelt, entgegen der elterlichen Vorbestimmung dann doch noch einen eigenen Weg einzuschlagen. Die Werkstatt, die Praxis, das Restaurant oder irgendein anderes über Generationen aufgebautes Unternehmen wartet schließlich nicht nur auf Kundschaft, sondern irgendwann auch auf Nachfolge. Was man selbst aufgebaut hat, soll schließlich in der Familie bleiben. Für die Kinder kann dieselbe Aussicht allerdings schnell wie eine sehr höflich formulierte Form der Vorherbestimmung wirken. Umso erfreulicher dürfte es für die Eltern sein, wenn sich der Nachwuchs ganz von allein für denselben Beruf begeistert. Ohne dass jemand drängen, mit dem Familienvermächtnis winken oder bei jeder Gelegenheit daran erinnern muss, wie viel Mühe schließlich in diesem Unternehmen steckt. Man könnte von Veranlagung sprechen. Oder von Erziehung. Im Amazon Original „Masterplan“ wäre kriminelle DNA vermutlich die passendere Erklärung. Denn hier entdeckt ein Vater, dass seine beiden längst aus dem Blick geratenen Kinder unabhängig voneinander denselben Hang zum Gesetzesbruch entwickelt haben. Dabei haben sie von ihrem väterlichen Vorbild kaum etwas mitbekommen. Das Talent, andere Menschen übers Ohr zu hauen, scheint dieser Familie also tatsächlich im Blut zu liegen. Eine erfreuliche Nachricht für den Vater, der darin offenbar gleich die Gelegenheit erkennt, seine eigene Karriere mit der seiner Kinder zu verbinden. Und so macht er aus der unverhofften Gemeinsamkeit gleich eine Familienzusammenführung mit Geschäftsauftrag: Die Mona Lisa soll aus dem Louvre verschwinden. Andere Familien treffen sich zum Sonntagsessen. Diese hier plant den Kunstraub des Jahrhunderts.

Stanley Tucci spielt Roger, einen legendären Dieb, der seine Karriere mit einem letzten großen Coup krönen möchte. Dafür benötigt er allerdings Unterstützung, die er sich ausgerechnet bei seinem eigenen Nachwuchs sucht. Chiara (Simona Tabasco) kennt sich mit Cyberkriminalität aus, Jay (Victor Belmondo) bevorzugt als Sprengstoffexperte eine deutlich handfestere Form der Problemlösung. Roger nimmt die beiden zunächst genauer unter die Lupe, prüft ihre Fähigkeiten und eröffnet ihnen erst anschließend die etwas überraschenden Familienverhältnisse. Chiara und Jay sind Halbgeschwister – und der Mann, der sie gerade für einen spektakulären Kunstraub rekrutiert hat, ist ihr Vater. Man kann sich gewiss herzlichere Formen der Familienzusammenführung vorstellen. Immerhin scheint Roger mit der Berufswahl seiner Kinder zufrieden zu sein, was angesichts der langen Abwesenheit schon einmal einen möglichen Konflikt aus dem Weg räumt. Der geplante Kunstraub ist entsprechend nur eine Hälfte des „Masterplans“. Die andere besteht darin, verlorene Verbindungen wiederherzustellen und aus drei Menschen, die einander eigentlich fremd sind, innerhalb kürzester Zeit sowohl eine funktionierende Familie als auch ein Verbrecherteam zu machen. Dass sich diese beiden Vorhaben nur schwer miteinander vereinbaren lassen, dürfte kaum überraschen. Schließlich braucht es für einen erfolgreichen Coup vor allem gegenseitiges Vertrauen. Und davon kann bei drei Menschen, deren berufliche Laufbahn wesentlich auf Täuschung und Betrug beruht, kaum die Rede sein.

Der echte Louvre-Raub macht „Masterplan“ Konkurrenz
Und weil die Realität dem Kino bisweilen mit geradezu unverschämter Effizienz die Pointe wegnimmt, wirkt ausgerechnet der Louvre inzwischen ein wenig anders als noch vor einigen Jahren. Im Oktober 2025 brachen Diebe am helllichten Tag in das Museum ein, fuhren mit einem Möbelaufzug an die Fassade, gelangten über einen Balkon zu einem Fenster, arbeiteten sich mit einem Trennschleifer hinein, nahmen französische Kronjuwelen mit und verschwanden anschließend auf Motorrollern. Das alles dauerte nur wenige Minuten. Kein unterirdischer Tunnel. Keine monatelang konstruierte Attrappe. Kein elfköpfiges Spezialistenteam. Einfach Möbelaufzug, Werkzeug, rein und wieder raus. Die reale Kriminalgeschichte hat damit beinahe etwas Unverschämtes gegenüber jedem Heistfilm, der anschließend mehrere Akte Planung benötigt. „Masterplan“ will zwar gleich die Mona Lisa aus dem Louvre tragen, doch seit 2025 wirkt selbst der aufwendigste Filmcoup plötzlich, als hätte man vielleicht ein paar Meetings zu viel angesetzt. Dabei würde vermutlich kein Drehbuchautor auf die Idee kommen, einen derartigen Museumsraub so unspektakulär zu inszenieren. Da braucht es schon einen Masterplan. Womit sich auch ziemlich genau beschreiben lässt, was Amazon hier eigentlich veranstaltet. Was wäre , wenn Danny Ocean keine elf, zwölf oder dreizehn Mitstreiter um sich versammeln würde, sondern aus dem Geschäft mit den langen Fingern einen Familienbetrieb machte? Das Dreiergespann fällt deutlich überschaubarer aus, die grundsätzliche Mechanik bleibt dagegen vertraut. Jeder hat sein Spezialgebiet, jeder übernimmt einen bestimmten Teil des Plans, und am Ende soll aus vielen kleinen Täuschungsmanövern der große Coup entstehen. Der naheliegendere Vergleich liegt ohnehin auf Netflix. Schon in der ersten Folge von „Lupin“ organisiert Assane Diop einen spektakulären Diebstahl im Louvre. Verkleidungen, raffinierte Täuschungsmanöver und eine kostbare Beute gehören dort ebenso zum Repertoire wie die Familiengeschichte hinter dem Verbrechen. Dass ausgerechnet Gaumont beide Produktionen verantwortet, macht die Ähnlichkeit noch etwas kurioser. Problematisch wird es allerdings, wenn die Wiedererkennbarkeit größer ist als die eigene Handschrift. Und genau dort beginnt „Masterplan“ zu straucheln.

Amazons großer Coup nämlich wirkt weniger wie eine neue Variation bekannter Motive als wie ein Best-of dessen, was das Genre ohnehin schon bereithält. Geheimnisse hier, Spezialistenkompetenz dort, ein bisschen Generationenkonflikt, ein bisschen Gaunercharme, ein großer Gegenstand, der eigentlich nicht gestohlen werden kann, und natürlich die Gewissheit, dass das Offensichtliche niemals der ganze Plan gewesen sein dürfte. Man erkennt die einzelnen Bauteile nicht nur, man sieht teilweise schon beim Aufbau, wofür sie später gebraucht werden. Nun muss ein Heist-Film seine vertrauten Genremechanismen natürlich nicht bei jeder Gelegenheit neu erfinden. Gerade das Zusammenspiel unterschiedlicher Fähigkeiten und die minutiöse Vorbereitung eines scheinbar unmöglichen Verbrechens gehören schließlich zu seinen größten Vergnügen. Nur möchte man dabei gelegentlich auch überrascht werden. Von einem ungewöhnlichen Einfall, einer besonders dreisten Täuschung oder einer Wendung, die das zuvor Gesehene plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lässt. In „Masterplan“ bleibt dieses Vergnügen weitgehend aus. Thomas Vincent arrangiert seine vertrauten Versatzstücke mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass sich kaum einmal die Frage stellt, wohin das alles eigentlich führen könnte. Gerade die Familienkonstellation hätte der bekannten Geschichte durchaus etwas Eigenes abgewinnen können. „Masterplan“ nimmt den Widerspruch eines intakten Familiengefüges zwar zum Anlass für allerlei zwischenmenschliche Reibereien, belässt es aber weitgehend dabei. Die Familienzusammenführung schafft Misstrauen und Konflikte innerhalb des Teams, ohne der eigentlichen Geschichte entscheidend mehr Eigenständigkeit zu verleihen. Stattdessen geht es schon bald wieder um die vertrauten Kniffe eines Genres, das seine eigenen Spielregeln mittlerweile beinahe auswendig kennt. Dazu passt, dass der eigentliche Coup selbstverständlich noch einen doppelten Boden bekommt. Schließlich darf ein guter Meisterdieb am Ende gerne etwas mehr gewusst haben als das Publikum. Hier hätte es allerdings geholfen, wenn das Drehbuch tatsächlich einen Gedanken voraus gewesen wäre. Die Überraschung ist deutlich weniger überraschend, als es auf Prime Video schließlich behandelt wird. Was als große Enthüllung gedacht ist, bestätigt vor allem eine Vermutung, die man längst mit sich herumträgt. Die vermeintliche Raffinesse erschöpft sich darin, etwas offenzulegen, womit ohnehin schon zu rechnen war. Für einen Film, dessen gesamtes Vergnügen eigentlich im Unerwarteten liegen müsste, ist das eine ziemlich ernüchternde Angelegenheit.

Prime Video lässt einen großen Masterplan vermissen
Fast noch schwerer wiegt, dass Stanley Tucci bereits in einer frühen Phase der Geschichte zunehmend Platz macht. Die jüngere Generation soll schließlich nicht nur Handlanger eines übermächtigen Vaters bleiben. Nur ist Tucci zugleich derjenige, der dem Amazon Original am mühelosesten jene Mischung aus Intelligenz, Verschmitztheit und kultivierter Selbstverständlichkeit gibt, von der ein eleganter Gaunerfilm lebt. Er kann einen Raum betreten und bereits so aussehen, als wüsste er etwas, das alle anderen erst zehn Minuten später erfahren werden. Dieses Charisma bringt er mit. Der Film selbst wirft darüber hinaus allerdings erstaunlich wenig in den Topf. Wenn Chiara und Jay stärker übernehmen, fehlt genau diese Selbstverständlichkeit. Nicht, weil Simona Tabasco oder Victor Belmondo grob an ihren Rollen vorbeispielen würden. Beide erfüllen ziemlich genau das, was das Drehbuch von ihnen verlangt. Nur verlangt es wenig, das über ihre Funktion innerhalb des Plans und der Familienkonstellation hinausgeht. Die Figuren setzen zu wenige Akzente, um den Film an sich zu reißen. Chiara und Jay können haken und sprengen, sich gegenseitig auf die Nerven gehen und gelegentlich ihre familiären Verhältnisse infrage stellen. Viel mehr Persönlichkeit lässt ihnen das Drehbuch allerdings kaum. Entsprechend wenig bleibt von ihnen hängen, sobald der nächste Handlungsschritt ihre besonderen Fähigkeiten gerade nicht benötigt. Vielleicht ist das am Ende die treffendste Beschreibung für „Masterplan“: Der Film funktioniert. Er ist leicht, zugänglich und routiniert genug gebaut, um ohne größere Widerstände durchzulaufen. Nichts daran ist wirklich unsympathisch. Man kann Tucci beim charmanten Kriminellsein zusehen, bekommt eine Familiengeschichte mit überschaubarem emotionalem Gewicht, einen prestigeträchtigen Schauplatz und jene Sorte Coup-Unterhaltung, bei der niemand lange erklären muss, welche Art Film man gerade sieht. Das Streamingpublikum dürfte das dankend annehmen. Und vermutlich ist gegen einen solchen Zeitvertreib grundsätzlich wenig einzuwenden. Etwas mehr Eigenwilligkeit wäre angesichts der berühmten Vorbilder allerdings durchaus angebracht gewesen. So bleibt ein weitgehend austauschbarer Heist-Film, der seine bekannten Zutaten lieblos zusammenführt, ohne daraus etwas besonders Erinnerungswürdiges zu machen. Nur bleibt von einer guten Gaunergeschichte normalerweise zumindest ein Trick hängen. Eine Idee, ein Moment, eine Wendung, irgendein kleiner erzählerischer Taschendiebstahl, bei dem man erst hinterher merkt, dass einem der Film etwas untergeschoben hat. Bei „Masterplan“ bleibt die Überraschung aus. Und so dürfte der Familienausflug in die Hochkriminalität schneller wieder aus dem Gedächtnis verschwinden als die gestohlenen Kronjuwelen aus dem Louvre.

Fazit
„Masterplan“ bedient sich großzügig bei bekannten Heist-Vorbildern, ohne deren Raffinesse zu erreichen. Stanley Tucci bringt immerhin etwas Gaunercharme mit, doch weder die Figuren noch der Coup bleiben nachhaltig im Gedächtnis. Ein Kunstraub, bei dem vor allem die Originalität abhandenkommt.


