Das letzte Problem | Netflix Serie – Kritik: Whodunit zwischen Christie und Holmes

Das letzte Problem Netflix Serie 2026

Das letzte Problem

TitelDas letzte Problem
Genre Krimi
Jahr2026
FSK12
RegieFélix Viscarret

Starttermin: 25.09.2026 | Netflix

In „Das letzte Problem“ wird der Schauspieler zum Detektiv 

Es gehört zu den eigentümlichsten Nebenwirkungen eines langen Schauspielerlebens, dass irgendwann nicht mehr ganz klar ist, wo die eigene Person aufhört und die Erinnerung des Publikums an eine Figur beginnt. Schauspieler verbringen Jahre damit, anderen Menschen ein Gesicht zu geben, bis dieses Gesicht ihnen selbst anhaftet. Der Beruf besteht eigentlich darin, eine Illusion glaubhaft zu machen – und manchmal ist die Illusion so erfolgreich, dass sie sich auch dann noch hält, wenn die Kamera längst ausgeschaltet ist. Peter Jacobson kennt diese merkwürdige Form der Verwechslung. Als Dr. Chris Taub in „Dr. House“ verbrachte er Jahre damit, einen Arzt zu spielen. Menschen fragten ihn anschließend tatsächlich nach medizinischen Einschätzungen, als hätte die Rolle eine Qualifikation hinterlassen, die man gemeinsam mit der Serienfigur aus dem Set hätte tragen können. Alan Alda erlebte etwas Ähnliches als Dr. Benjamin „Hawkeye“ Pierce in „MASH*“. Wer eine Figur nur lange genug sieht, beginnt offenbar irgendwann, sie nicht mehr als Erfindung wahrzunehmen, sondern als eine Art verlängerte Wirklichkeit des Schauspielers. Und genau daraus entwickelt Netflix’ „Das letzte Problem“ seinen zentralen Einfall. Basil, gespielt von José Coronado, hat sein halbes Leben damit verbracht, Sherlock Holmes zu verkörpern. Er hat den berühmtesten Detektiv der Literatur nicht nur dargestellt, sondern ihn für ein Publikum über Jahre hinweg mit Stimme, Gestik und Mimik mit Leben gefüllt. Als Basil schließlich selbst in einen Mordfall gerät, wird diese Vergangenheit plötzlich zur Gegenwart: Ausgerechnet der Mann, der sein Berufsleben damit verbracht hat, einen genialen Ermittler zu spielen, soll nun einen echten Mord aufklären. Nur ist Basil eben nicht Sherlock Holmes. Oder vielleicht hat er über all die Jahre doch etwas von ihm behalten.

Das letzte Problem Netflix Serie 2026
Das letzte Problem ©Netflix

Wir befinden uns im Jahr 1959. Ein heftiger Sturm legt eine kleine Insel vor Mallorca lahm und schneidet ein abgelegenes Hotel von der Außenwelt ab. Dreizehn Menschen sitzen fest, als die englische Touristin Elisa Mander tot aufgefunden wird. Was zunächst nach Selbstmord aussieht, hält einer genaueren Betrachtung nicht lange stand. Aus dem Hotel wird ein Tatort, aus den Gästen und Angestellten werden Verdächtige. Mehr braucht ein Whodunit zunächst nicht: ein begrenzter Raum, eine begrenzte Zahl an Menschen und eine Leiche, die dafür sorgt, dass plötzlich jede Geste Bedeutung bekommt. Ein Schweigen kann verdächtiger sein als eine Antwort, ein belangloser Gegenstand wird zur möglichen Spur und eine scheinbar harmlose Bekanntschaft bekommt nachträglich eine unangenehme zweite Ebene. Das ist im herkömmlichen Sinn natürlich eine klassische Agatha-Christie-Konstruktion. Die Insel ersetzt das Landhaus, der Sturm übernimmt die Funktion verschlossener Türen und die Außenwelt wird ausgesperrt, damit sich drinnen eine eigene kleine Gesellschaft bilden kann. Und natürlich steckt darin zugleich Sherlock Holmes. Der Titel verweist auf Arthur Conan Doyles „The Final Problem“, jene berühmte Geschichte, in der Holmes auf Moriarty trifft. Die Netflix Serie macht daraus keine weitere Holmes-Adaption, sondern verschiebt die Idee in eine Metaebene: Hier ermittelt kein Sherlock Holmes, sondern ein Schauspieler, der Sherlock Holmes gespielt hat. Das ist ein hübscher Einfall. Die Serie weiß allerdings ziemlich genau, dass ein hübscher Einfall noch keinen ganzen Krimi trägt.

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Netflix erkundigt den Charme des altmodischen Verbrechens

Sobald die Ausgangslage etabliert ist, kehrt „Das letzte Problem“ zu dem zurück, was es im Kern sein möchte: ein klassischer Whodunit. Und das ist keineswegs ein Vorwurf. Es gibt etwas angenehm Unverschämtes daran, eine Erzählform nicht zwanghaft modernisieren zu wollen. Hier darf ein Hotel wieder ein Hotel sein. Die Musik darf wissen, dass sie einen Krimi begleitet. Das Ambiente ist luxuriös, ohne steril zu wirken, die Inszenierung besitzt eine leichte, beinahe beschwingte Tonalität und die Geschichte gönnt sich den Luxus, einen Mord auch einmal als Unterhaltung zu begreifen. Die bekannten Tropen sind allesamt vorhanden: Verdächtigungen wandern von einer Person zur nächsten, Alibis beginnen zu bröckeln, Informationen verändern nachträglich ihre Bedeutung und fast jeder hat irgendwann einen Grund, warum man ihm besser nicht vollständig vertrauen sollte. Das Rad wird hier nicht neu erfunden. Es rollt aber. Und vielleicht liegt genau darin ein Teil des Reizes. Ein guter Whodunit muss seine Mechanik nicht verstecken. Er muss sie beherrschen. „Das letzte Problem“ tut das mit einer gewissen Eleganz und ohne den Zwang, aus jedem Kriminalfall gleich eine seelische Großbaustelle zu machen. Am interessantesten bleibt deshalb Basil selbst. Er kennt die Bewegungen eines Detektivs, weil er sie jahrelang gespielt hat. Er weiß, wann man schweigt, wann man eine Frage stellt und wann ein scheinbar nebensächliches Detail plötzlich zum Schlüssel eines ganzen Falles werden kann. Seine Ermittlungen haben dadurch etwas von einem verlängerten Schauspiel. Nur gibt es diesmal kein Drehbuch und kein Publikum, das ihm am Ende applaudiert. Das ist die reizvollste Ebene der Netflix Serie: Basil muss herausfinden, ob das, was er all die Jahre dargestellt hat, irgendwann zu einer tatsächlichen Fähigkeit geworden ist. Ob hinter der Rolle des genialen Beobachters ein Mann steckt, der tatsächlich beobachten kann – oder lediglich jemand, der sehr genau gelernt hat, wie ein solcher Mann aussieht.

Das letzte Problem Netflix Serie 2026
Das letzte Problem ©Netflix

Leider nutzt die Serie diesen Gedanken eher als elegantes Ornament denn als eigentliches Fundament. Sobald die Ermittlungen Fahrt aufnehmen, muss auch Basil vor allem eines tun: den Fall lösen. Die Metaebene bleibt bestehen, wird aber immer wieder von der klassischen Krimimechanik überlagert. Und vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn „Das letzte Problem“ will gar keine Dekonstruktion des Detektivgenres sein. Es möchte einen Mordfall erzählen. Das eigentliche Problem eines Whodunits liegt schließlich selten darin, überhaupt einen Mord zu erfinden. Entscheidend ist, was zwischen Leiche und Auflösung passiert. Ein Krimi lebt nicht allein von der Frage, wer es war. Er lebt von den Menschen, die diese Frage überhaupt interessant machen. Man erinnert sich selten nur daran, wer der Mörder war. Man erinnert sich daran, wer alles andere war. Und genau hier bleibt „Das letzte Problem“ vergleichsweise gewöhnlich. Die Figuren sind funktional genug, um die vier Episoden zu tragen. Sie haben Geheimnisse, Beziehungen und ausreichend kleine Eigenheiten, um die gegenseitigen Verdächtigungen am Leben zu halten. Aber ihnen fehlt häufig jene charakterliche Eigenwilligkeit, die aus einem guten Ensemble ein wirklich erinnerungswürdiges macht. Bei „Knives Out“ etwa sind die Figuren irgendwann fast interessanter als der Mord. Jeder Mensch bringt dort eine eigene soziale Temperatur mit, jede Begegnung erzeugt Reibung. Die Geschichte könnte den Fall für eine Weile beinahe vergessen und würde trotzdem noch funktionieren. „Das letzte Problem“ ist da genügsamer.

Das letzte Problem Netflix Serie 2026
Das letzte Problem ©Netflix

Solide Unterhaltung bis zum zufriedenstellenden Ende

Die Figuren erfüllen ihre Aufgaben. Sie erzeugen Spannung, aber nur selten jene eigentümliche Faszination, die einen dazu bringt, sich auch unabhängig vom Fall für sie zu interessieren. Trotzdem reicht das Material. Das Netflix Original ist flott erzählt, angenehm inszeniert und besitzt genügend Wendungen, Verdachtsmomente und kleine Verschiebungen, um seine vier Episoden problemlos zu tragen. **Und natürlich läuft all das auf eine Auflösung hinaus, die am Ende sämtliche Fäden zusammenführt und die zuvor gelegten Spuren in ein schlüssiges Gesamtbild setzt. Das Schöne daran: Als zuschauende Person hat man durchaus die Möglichkeit, der Lösung auf die Schliche zu kommen – und trotzdem besitzt sie genug Überraschungspotenzial, um nicht wie die bloße Bestätigung eines längst durchschauten Verdachts zu wirken. **Ein klassischer Whodunit eben, mit einer hübschen Sherlock-Holmes-Idee darüber. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger. Wer Freude daran hat, Menschen in einem luxuriösen Hotel beim gegenseitigen Misstrauen zuzusehen, während draußen der Sturm gegen die Fenster schlägt und irgendwo im Inneren ein Mörder sitzt, bekommt hier genau das geliefert. Die Serie bedient ihre Tropen mit sichtlichem Vergnügen und besitzt genug Pfiff, um Unterhaltung nicht mit Bedeutungsschwere verwechseln zu müssen. „Das letzte Problem“ ist kein neues Kapitel in der Geschichte des Krimis. Es ist eher eine liebevoll eingerichtete Kammer darin. Eine, in der Sherlock Holmes als Schatten an der Wand hängt, während ein Schauspieler versucht herauszufinden, ob er selbst jemals so schlau war wie die Figur, die er gespielt hat. Und vielleicht liegt darin auch die kleine Ironie dieser Serie: Basil hat sein Leben damit verbracht, einen außergewöhnlichen Mann zu spielen. Für einen außergewöhnlichen Krimi hätte man ihm ein paar außergewöhnlichere Menschen an die Seite stellen müssen.

Das letzte Problem Netflix Serie 2026
Das letzte Problem ©Netflix

Fazit

„Das letzte Problem“ liefert vier unterhaltsame Episoden klassischer Krimikost, die ihre Sherlock-Holmes-Idee charmant über einen altmodischen Whodunit stülpt. Die Figuren bleiben dabei etwas blass, der Fall selbst funktioniert jedoch bis zur schlüssigen und zugleich überraschenden Auflösung. Kein außergewöhnlicher Krimi – aber solide Unterhaltung. 

Bewertung: 3 von 5.
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