Das Geschenk | Netflix Film – Kritik: Boomer-Humor mit Geschenkpapier

Das Geschenk Netflix Film 2026

Das Geschenk

TitelDas Geschenk
Genre Komödie
Jahr2026
FSK12
RegieVanessa Jopp

Starttermin: 30.10.2026 | Netflix

Netflix zündet lieber Zelte an als eine Debatte

Nirgendwo wird so beharrlich Einigkeit beschworen wie innerhalb der eigenen Familie. Dabei genügt häufig schon ein gemeinsames Abendessen, um festzustellen, dass verwandtschaftliche Nähe noch lange keine weltanschauliche Gemeinsamkeit bedeutet. Am Tisch sitzen schließlich mehrere Generationen, jede mit ihren eigenen Überzeugungen, Erziehungsidealen und einer ziemlich genauen Vorstellung davon, was früher besser gewesen ist oder heute endlich anders werden müsste. Tradition trifft auf Fortschritt, Lebenserfahrung auf jugendlichen Idealismus, gelegentlich auch schlicht ein unangenehmer Mensch auf einen anderen. Die Familie ist ein gesellschaftlicher Mikrokosmos, in dem sich politische und kulturelle Veränderungen besonders anschaulich beobachten lassen. Kaum ein schlechterer Ort wäre allerdings vorstellbar, um diese Widersprüche zu verhandeln, als die deutsche Komödie. Die hat sich seit Jahren darauf spezialisiert, gesellschaftliche Entwicklungen mit einer Mischung aus betagtem Stammtischhumor und demonstrativer politischer Caveman-Mentalität zu kommentieren. Während sich die Welt verändert, scheint der Humor erstaunlich zuverlässig auf demselben Entwicklungsstand zu verharren. Filme wie „Der Spitzname“, „Extrawurst“ oder „Spieleabend“ bedienen sich dabei eines vertrauten Baukastens: Menschen unterschiedlicher Gesinnung werden zusammengepfercht, bis irgendeiner etwas Unpassendes sagt und die versammelte Gesellschaft in gespielter Entrüstung versinkt. Ein Konzept, das durchaus funktionieren kann, sofern hinter den lautstarken Auseinandersetzungen eine tatsächliche Beobachtung steckt. Vanessa Jopps Netflix Komödie „Das Geschenk“ macht es sich da reichlich einfach. Hier reicht bereits die Erwähnung eines gesellschaftspolitischen Reizwortes, um den nächsten Streit vom Zaun zu brechen. Die Pointe soll offenbar schon deshalb zünden, weil irgendjemand das Wort „genderneutral“ ausgesprochen hat. Wie komisch. Jedenfalls für Menschen, die darüber seit ungefähr zehn Jahren lachen.

Das Geschenk Netflix Film 2026
Das Geschenk ©Netflix

Für Marlene Frischmann (Jeanne Goursaud) steht der neunte Geburtstag ihres Sohnes Theo (Levin Wopp) unter keinem besonders guten Stern. Der Junge hat Schwierigkeiten in der Schule und soll wenigstens an seinem Ehrentag unbeschwerte Stunden erleben. Dafür hat die alleinerziehende Mutter eine Feier organisiert, die mit ihrer pädagogischen Gründlichkeit vermutlich auch als Bewerbung für den Elternbeirat durchgehen könnte. Gefeiert wird in der großzügigen Villa ihres wohlhabenden Bruders Timo (Edin Hasanović), der sein Geld als Banker verdient und von den Erziehungsvorstellungen seiner Schwester ungefähr so viel hält wie von einer bescheidenen Lebensführung. Während Marlene glutenfreien Kuchen, Unterhaltung und einen möglichst harmonischen Ablauf vorbereitet, beschäftigt sich Timo lieber mit seiner eigenen Vorstellung eines gelungenen Geburtstagsgeschenks. Die fällt erwartungsgemäß etwas anders aus. Mit einer Spielzeugwaffe begeistert er seinen Neffen und entsetzt dessen Mutter, woraufhin sich eine Diskussion über Gewaltverherrlichung, moderne Kindererziehung und gesellschaftliche Verantwortung entspinnt. Auch Großvater Hans (Heiner Lauterbach), dessen Lebensweisheiten aus einer Zeit stammen, in der Kinder offenbar noch ohne größere pädagogische Begleitung aufwuchsen, mischt sich ein. Weitere Gäste bringen ihre eigenen Befindlichkeiten mit, bis die Feier endgültig aus dem Ruder läuft. Was als familiäre Zusammenkunft beginnt, entwickelt sich zu einer Ansammlung gegenseitiger Vorwürfe, persönlicher Kränkungen und immer absurderer Zwischenfälle. Zwischendurch soll irgendwo auch noch ein Kindergeburtstag stattfinden. Mit diesem Ausgangspunkt bewegt sich „Das Geschenk“ auf einem Gebiet, das die deutsche Ensemble-Komödie inzwischen beinahe vollständig für sich beansprucht. Ob beim Abendessen, im Tennisverein oder auf einer Geburtstagsfeier, die dramaturgischen Zutaten bleiben weitgehend austauschbar. Ein konservativer älterer Herr erklärt die Welt, eine progressive Frau widerspricht, und irgendwo dazwischen steht ein vermeintlich normaler Mensch, der sich fragt, weshalb man heutzutage überhaupt noch irgendetwas sagen darf. Besonders originell war diese Figurenkonstellation schon vor Jahren kaum, inzwischen wirkt sie wie die filmische Wiederholung einer Diskussion, die längst niemand mehr führen möchte. Das grundsätzliche Problem liegt allerdings tiefer.

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„Das Geschenk“ liefert Humor mit Verfallsdatum

Ein Film wird nicht automatisch zur Gesellschaftssatire, weil seine Figuren über gesellschaftliche Themen streiten. Satire verlangt ein gewisses Verständnis für die Widersprüche, die sie bloßzustellen versucht, und eine Beobachtungsgabe, die über das bloße Aufsagen bekannter Kulturkampfschlagwörter hinausreicht. Netflix‘ „Das Geschenk“ begnügt sich hingegen auffallend oft damit, bestimmte Begriffe in den Raum zu werfen und anschließend die erwartbare Empörung seiner Figuren zu inszenieren. Genderneutralität, politische Korrektheit oder zeitgemäße Erziehungsformen werden zu Stichwortgebern für Dialoge, deren komödiantischer Gehalt sich bereits mit ihrer bloßen Erwähnung erschöpft. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Positionen findet kaum statt. Dafür müssten die Figuren zunächst einmal nachvollziehbare Argumente besitzen. Doch die eine Seite darf sich über vermeintlich übertriebene Rücksichtnahme echauffieren, während die andere mit einer moralischen Entrüstung reagiert, deren Überzeichnung den Gegenstand des Streits vollkommen verdrängt. Das Drehbuch verwechselt diese gegenseitige Überforderung offenbar mit gesellschaftlicher Zuspitzung. Dabei entsteht der Eindruck einer Komödie, die ihre eigene Zielgruppe sehr genau kennt und deshalb gar nicht erst versucht, deren Erwartungen zu unterlaufen. Die Witze richten sich an ein Publikum, das bereits lacht, sobald die vermeintlichen Absurditäten einer zunehmend progressiven Gesellschaft angesprochen werden. Warum etwas lächerlich sein soll, muss da niemand mehr erklären. Die deutsche Komödie macht sich seit Jahren darüber lustig, dass sich die Gesellschaft verändert, während ihr eigener Humor kaum über die immer gleichen Reflexe hinauskommt. Dabei liefert ausgerechnet das titelgebende Geschenk einen Konflikt, der eine tatsächliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen ermöglicht hätte. Ein Spielzeuggewehr ist schließlich zunächst einmal ein Gegenstand, dessen Bedeutung wesentlich davon abhängt, welche Vorstellungen Erwachsene damit verbinden. Für Timo handelt es sich um ein Geschenk, das seinem Neffen Freude bereitet. Marlene erkennt darin eine problematische Verharmlosung von Gewalt. Beide Positionen lassen sich durchaus begründen, zumal sich hinter der Frage nach dem richtigen Spielzeug eine wesentlich grundsätzlichere Überlegung verbirgt: Wie viel Verantwortung tragen Eltern für die Einflüsse, denen ihre Kinder ausgesetzt sind, und wann verwandelt sich berechtigte Fürsorge in den Versuch, jede mögliche Erfahrung vorsorglich zu kontrollieren? Die Gespräche bleiben an der Oberfläche, die Beteiligten tauschen Vorwürfe aus, ohne ihre jeweiligen Überzeugungen tatsächlich zu hinterfragen. Sobald ein Konflikt an gedanklicher Tiefe gewinnen könnte, wartet bereits die nächste Albernheit darauf, sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Diese dramaturgische Ungeduld zieht sich durch den gesamten Film.

Das Geschenk Netflix Film 2026
Das Geschenk ©Netflix

Brennende Zelte, entlaufene Tiere und allerlei private Verwicklungen sollen die ohnehin aufgeheizte Stimmung weiter verschärfen, wobei zwischen den einzelnen Zwischenfällen nur selten ein überzeugender Zusammenhang entsteht. Netflix verwechselt zunehmende Lautstärke mit einer Entwicklung ihrer Konflikte. Die Geschwister haben unter den Erziehungsmethoden ihres Vaters gelitten und daraus gegensätzliche Lebensentwürfe entwickelt. Hier wäre Gelegenheit gewesen, den oberflächlichen Generationenstreit um eine persönliche Dimension zu erweitern. Doch auch diese Vergangenheit bleibt dramaturgisches Zubehör, das den Figuren kurzzeitig etwas menschliche Tiefe verleihen soll, bevor der nächste misslungene Gag sämtliche Überlegungen beendet. Dabei besitzt die Grundkonstellation sogar eine hübsche Ironie: Während sämtliche Erwachsenen davon überzeugt sind, die Bedürfnisse der Kinder besonders gut zu verstehen, beschäftigen sie sich beinahe ausschließlich mit ihren eigenen Befindlichkeiten. Der Geburtstag wird zur Bühne moralischer Selbstinszenierung, auf der jeder seine Vorstellung einer gelungenen Erziehung verteidigt. Das Geburtstagskind selbst verliert darüber zunehmend an Bedeutung. Dass dieser ganze gesellschaftliche Schlagabtausch auch darstellerisch nicht über das Niveau einer angestrengten Boulevardkomödie hinausfindet, macht die Angelegenheit kaum erträglicher. Jeanne Goursaud spielt ihre überforderte Mutter mit einer derart künstlichen Anspannung, dass für leisere Zwischentöne überhaupt kein Platz bleibt. Heiner Lauterbach wiederum gibt den vertrauten älteren Herren, dessen mangelnde politische Sensibilität offenbar schon als Charaktereigenschaft genügen soll. Besonders viel schauspielerische Überzeugungsarbeit scheint ihm diese Rolle angesichts seiner öffentlichen Äußerungen ohnehin nicht abzuverlangen. Die Dialoge wirken dabei so gestelzt, als hätten die Figuren ihre Meinungen unmittelbar vor Drehbeginn aus einer Sammlung besonders kontroverser Leserkommentare auswendig gelernt. Selbst Edin Hasanović, der längst bewiesen hat, dass er zu den interessantesten Charakterdarstellern seiner Generation gehört, findet als großspuriger Banker Timo nur selten einen überzeugenden Zugang zu seiner Figur. Das ist umso bedauerlicher, weil Hasanović grundsätzlich über jene Präsenz verfügt, die einer derart überdrehten Komödie gelegentlich etwas Bodenhaftung verleihen könnte. Doch was soll ein Schauspieler aus Dialogen herausholen, die offensichtlich vor allem darauf ausgelegt sind, möglichst schnell die nächste vermeintliche Pointe zu erreichen?

Das Geschenk Netflix Film 2026
Das Geschenk ©Netflix

Edin Hasanović hat sich damit kein Geschenk gemacht

Unweigerlich drängt sich dabei der Gedanke an Frederick Lau auf, der sich in Komödien wie „Der perfekte Urlaub“ durch ähnlich fragwürdige Rollen arbeitet, um andernorts in Filmen wie „Victoria“ zu demonstrieren, welche darstellerischen Möglichkeiten tatsächlich in ihm stecken. Es sind Engagements, bei denen die Gage bisweilen überzeugender erscheint als das Drehbuch. Hasanović mag in „Das Geschenk“ selbst keine besonders gute Leistung abliefern, doch angesichts des Materials wäre es beinahe ungerecht, ihm daraus einen größeren Vorwurf zu machen. Immerhin gehört er noch zu den wenigen Beteiligten, denen gelegentlich etwas komödiantische Spielfreude anzumerken ist. Gemeinsam mit den jungen Darstellern, die den überdrehten Kindergeburtstag mit sichtlichem Vergnügen bevölkern, sorgt er für jene seltenen Momente, in denen sich die Veranstaltung tatsächlich wie eine Komödie anfühlt. Ausgerechnet die Kinder wirken dabei häufig unverkrampfter als die Erwachsenen, was möglicherweise der treffendste Kommentar zur gesamten Inszenierung ist. Während die Älteren ihre vorgefertigten Weltanschauungen aufsagen, dürfen die Jüngeren wenigstens gelegentlich einfach Unsinn machen. Für die Regie von Vanessa Jopp bleibt unter diesen Voraussetzungen wenig mehr übrig, als die unterschiedlichen Eskalationsstufen möglichst geräuschvoll aneinanderzureihen. Die großzügige Villa bietet ausreichend Platz für zwischenmenschliche Katastrophen, doch selbst die räumlichen Möglichkeiten werden kaum genutzt, um aus dem Durcheinander eine eigene komödiantische Dynamik zu entwickeln. Überhaupt scheint das Netflix Original davon auszugehen, dass eine Gesellschaftskomödie bereits dann funktioniert, wenn sämtliche Beteiligten nur lange genug miteinander streiten. Dabei müsste sich ein solcher Film gelegentlich die Mühe machen, hinter die lauten Meinungsverschiedenheiten zu schauen. Weshalb reagieren Menschen so empfindlich, wenn ihre Überzeugungen infrage gestellt werden? Wie viel persönliche Unsicherheit verbirgt sich hinter dem Bedürfnis, anderen die richtige Lebensführung vorzuschreiben? Und warum geraten ausgerechnet jene Erwachsenen, die ihren Kindern Toleranz und Rücksichtnahme vermitteln wollen, bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit vollkommen außer Fassung? In solchen Widersprüchen läge eine Satire, die tatsächlich etwas über gegenwärtige gesellschaftliche Befindlichkeiten erzählen könnte. „Das Geschenk“ entscheidet sich lieber für die nächste vorhersehbare Provokation, bis schließlich auch die angestrebte emotionale Annäherung kaum noch jene Bedeutung entwickeln kann, die ihr das Drehbuch offensichtlich zugedacht hat. Was bleibt, ist eine Komödie, die sich über die vermeintliche Empfindlichkeit der Gegenwart lustig machen möchte und dabei selbst erstaunlich empfindlich darauf reagiert, wenn ein Witz mehr verlangen könnte als ein vertrautes Feindbild. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Kindergeburtstags: Während sich die Gesellschaft längst weiterentwickelt hat, sitzt die deutsche Mainstream-Komödie noch immer am selben Tisch und erzählt dieselben Witze. Nur lachen inzwischen immer weniger mit.

Das Geschenk Netflix Film 2026
Das Geschenk ©Netflix

Fazit

„Das Geschenk“ entpuppt sich als humoristische Mogelpackung, in der unter reichlich Geschenkpapier dieselben abgestandenen Witze von vorgestern stecken. Netflix hätte sich den Aufwand sparen können. Diesen Humor hat die deutsche Komödie schließlich schon oft genug verschenkt.

Bewertung: 1.5 von 5.
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