Doing Life
| Titel | Tyler Perry’s Doing Life |
| Genre | Drama, Romanze |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Tyler Perry |
Starttermin: 02.10.2026 | Netflix
Tyler Perry’s neuer Netflix Film rettet sich in den Kitsch
Wenn Tyler Perry nicht gerade Menschen in Fatsuits steckt, Stimmen in die Karikaturenschleuder wirft und Lautstärke mit Komik verwechselt, entdeckt er regelmäßig sein gesellschaftliches Gewissen. Dann verschwinden die Grimassen für einen Moment, und Amerika wird vor Gericht gestellt. Polizeigewalt, Rassismus, Armut, Klassismus, ein löchriges Sozialsystem, institutionelle Ungerechtigkeit – Perry sucht sich dabei Themen aus, bei denen man ihm kaum widersprechen möchte. Natürlich sind diese Zustände ungerecht. Natürlich verdienen sie Kritik. Nur klingt sie bei Perry häufig, als hätte jemand eine BILD-Schlagzeile mit einem Facebook-Kommentar gekreuzt. Komplexe soziale Mechanismen werden auf moralische Eindeutigkeit heruntergekocht, Figuren zu Beweismitteln umfunktioniert und jedes Problem so lange mit dem rhetorischen Vorschlaghammer bearbeitet, bis auch der Letzte verstanden hat, wer Opfer und wer Schuldiger ist. Man könnte es Sozialdrama nennen. Bei Perry drängt sich gelegentlich eher Elendsporno auf. Entsprechend ungünstig klingt die Ausgangslage seines Netflix Films „Doing Life“: Gefängnis, Armut, Vorurteile, eine schwarze alleinerziehende Frau, ein ehemaliger Häftling, zweite Chancen. Nach „Straw“, seinem besonders plumpen Ausflug in gesellschaftspolitische Empörung, wäre beinahe schon geholfen, wenn Perry diesmal einfach eine schnulzige Romanze erzählt. Die hat bei ihm zwar traditionell ebenfalls ihre Tücken, verursacht aber wenigstens weniger Blutdruck. Tatsächlich hält sich „Doing Life“ mit dem großen Systemanklageprogramm erstaunlich zurück. Anika arbeitet in einem Gefängnis und gerät während einer Revolte in Lebensgefahr, als ein Häftling sie angreift. Carousel greift ein und rettet sie. Anika ist schwanger, verlässt anschließend ihren Job, Carousel bleibt hinter Gittern. Weil sie ihm nicht aus dem Kopf geht, beginnt er ihr zu schreiben. Sie antwortet. Aus Briefen wird Vertrautheit, nach seiner Entlassung irgendwann Liebe. Perry könnte daraus einiges machen. Stattdessen erzählt er vor allem, wie ein guter Mann eine Frau rettet. Und später noch einmal.

Carousels Vergangenheit liefert dafür das sozialkritische Fundament. Mit vierzehn gerät er in die falschen Kreise, sein Umfeld zieht ihn auf den falschen Weg, irgendwann landet er im Gefängnis. Das ist als Biografie plausibel. Armut reproduziert sich, Milieus prägen Möglichkeiten, und wer dort aufwächst, wo Kriminalität keine abstrakte Nachrichtenschlagzeile ist, startet mit anderen Voraussetzungen ins Erwachsenenleben. Perry weiß das. Nur interessiert ihn erstaunlich wenig, was daraus für Carousel als Figur folgt. Denn dessen Läuterung ist abgeschlossen, bevor „Doing Life“ überhaupt beginnt. Der interessante Prozess findet außerhalb des Films statt. Carousel kommt nicht als widersprüchlicher Mann aus dem Gefängnis, der sich mühsam in ein Leben zurückarbeiten muss, das ohne ihn weitergelaufen ist. Er ist bereits freundlich, loyal, selbstlos, beschützend und moralisch praktisch durchrenoviert. Das Strafregister bleibt übrig, damit Perry später von Vorurteilen und zweiten Chancen sprechen kann. Ausgerechnet eine Geschichte über Rehabilitation überspringt damit die Rehabilitation. Carousel muss nicht lernen, ein besserer Mensch zu werden. Er darf beweisen, dass er längst einer ist. Gerade deshalb bleibt auch seine Gefängnisvergangenheit erstaunlich folgenlos. Ein ehemaliger Häftling müsste nach seiner Entlassung eigentlich mit Misstrauen, Jobproblemen, familiären Vorbehalten und der simplen Tatsache kämpfen, dass eine verbüßte Strafe gesellschaftlich nicht automatisch erledigt ist. Daraus könnte die Idee einer zweiten Chance überhaupt erst Spannung entwickeln. Perry macht es sich leichter. Carousel ist so tadellos gezeichnet, dass jeder Zweifel an ihm fast zwangsläufig wie ein Vorurteil wirkt. Die zweite Chance wird nicht erkämpft, sondern vorausgesetzt – und Carousels Vorgeschichte verkommt zur Abkürzung. Sie liefert Tragik, ohne ihm im Hier und Jetzt ernsthaft im Weg zu stehen.

Die Frau in Not und der Mann auf dem weißen Ross
Dafür braucht Perry Anika umso mehr. Schon ihre erste Begegnung legt die Rollen fest: Carousel rettet, Anika wird gerettet. Dieses Verhältnis trägt „Doing Life“ anschließend durch nahezu den gesamten Film. Er beschützt, hilft, handelt. Sie gerät in Situationen, in denen Schutz, Hilfe und Handlung gebraucht werden. Unter all den Begriffen von sozialer Ungerechtigkeit, Selbstbestimmung und zweiter Chance steckt damit eine erstaunlich altbackene Heldengeschichte. Der Mann kommt auf dem weißen Ross, nur trägt er diesmal Gefängniskleidung. Das wäre weniger auffällig, wenn Perry seinen Frauen an anderer Stelle mehr Handlungshoheit zugestehen würde. Anikas Schwestern bewegen sich zwischen Manipulation, Eigennutz und Hinterlist, Carousels Anwältin wirkt im entscheidenden Moment bemerkenswert unfähig, und Anika selbst wird trotz ihrer schwierigen Lebenssituation immer wieder in Position gebracht, damit Carousel zeigen kann, wie verlässlich er ist. Männer handeln. Frauen machen Probleme oder müssen aus ihnen herausgeholt werden. Für einen Film, der so gern über gesellschaftliche Benachteiligung sprechen möchte, ist das ein erstaunlich muffiges Rollenbild. Vor allem verschenkt Perry damit Anikas eigentlich interessantere Geschichte. Sie ist schwanger, später alleinerziehend, der Vater des Kindes lässt sie hängen, Geld ist knapp. Wer ohne Rücklagen lebt, hat weniger Entscheidungen. Wer ein Kind ohne verlässliche Unterstützung großzieht, kann nicht einfach kündigen, umziehen oder neu anfangen. Armut verkleinert den Bewegungsradius eines Lebens. „Doing Life“ deutet das an, macht daraus anschließend aber hauptsächlich eine Begründung dafür, warum Anika Carousel braucht. Genau dort kippt die Sozialkritik zurück in die Retterromanze: Carousel darf mehr sein als seine Vergangenheit. Anika erstaunlich oft nur die Frau, die ihn braucht. Das ist gerade deshalb so ärgerlich, weil ihre Lebenslage genügend Konfliktstoff für eine eigenständige Figur böte.

Und weil Perry seine gesellschaftlichen Fragen damit schnell abgeheftet hat, kann sich „Doing Life“ wieder seiner eigentlichen Leidenschaft widmen: Kitsch. Die Romanze zwischen Anika und Carousel trieft schon lange, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Briefe werden ausgetauscht, Blicke flehen nach Gewichtigkeit, Dialoge bemühen sich um Lebensweisheiten, während im Hintergrund die Musik zuverlässig ankündigt, wann jetzt bitte gefühlt werden soll. Chemie entsteht daraus kaum. Perry setzt Gefühle voraus und dekoriert sie anschließend. Das wirkt weniger wie eine Beziehung, die wächst, als wie eine Abfolge romantischer Pflichtstationen: Kennenlernen, Vertrauen, Sehnsucht, Nähe, Liebe. Gerade die Momente dazwischen fehlen. Dinge also, aus denen zwei Figuren irgendwann wie Menschen wirken könnten, die tatsächlich miteinander leben müssen. Stattdessen sprechen Anika und Carousel oft so, als hätten beide bereits verstanden, welche Funktion ihre Beziehung in dieser Geschichte erfüllt. Perry hilft zusätzlich mit einem Melodrama-Score nach, der jeder Gefühlsregung hinterherläuft und sie noch einmal unterstreicht. Gefühle dürfen sich nicht entwickeln, sie werden markiert. Irgendwann reicht auch das nicht mehr. Also kommt das Leid. Krankheit, Tod, Armut, familiäre Probleme, der nächste Schicksalsschlag. Perry häuft Unglück an, weil offenbar jede zusätzliche Belastung automatisch mehr Emotion erzeugen soll. Das Gegenteil passiert. Je mehr Elend Netflix auf seine Figuren kippt, desto weniger wiegt das einzelne. Dafür bleiben sie zu sehr Abziehbilder. Wenn alles so sauber verteilt ist, überrascht irgendwann nur noch, welche Katastrophe als Nächstes dran ist. Das Melodrama ersetzt dabei zunehmend jene Figurenarbeit, die zuvor versäumt wurde. Anstatt Nähe entstehen zu lassen, erhöht Perry den Leidensdruck. Trauer soll Tiefe liefern, Krankheit Bedeutung und Verlust automatisch emotionale Fallhöhe. Nur lässt sich Bindung nicht durch eine größere Menge Unglück nachholen.

Der Holzhammer trägt diesmal Samt
„Doing Life“ ist immerhin weniger ärgerlich als „Straw“. Das klingt nach einem Kompliment, ist bei Perry inzwischen allerdings eher eine Schadensklasse. „Straw“ prügelte seine Sozialkritik mit einer derartigen Selbstgewissheit ins Publikum, dass jeder differenziertere Gedanke unter dem moralischen Presslufthammer verschwand. „Doing Life“ ist zurückhaltender. Es schreit weniger. Der Holzhammer trägt diesmal Samtbezug. Darunter steckt trotzdem dieselbe Vereinfachungsmaschine. Gesellschaftliche Probleme werden auf klare Aussagen reduziert, Figuren auf Funktionen, Frauen auf Schutzbedürftigkeit und Männer auf jene Form von Stärke, die sich vor allem darin beweist, dass sie Frauen aus Situationen holen, in die das Drehbuch sie vorher hineingeschrieben hat. Gerade deshalb ist die Damsel-in-Distress-Struktur mehr als nur ein kleiner Schönheitsfehler. Sie unterläuft vieles von dem, was „Doing Life“ über Benachteiligung und zweite Chancen erzählen möchte. Ein Film, der Menschen eigentlich aus gesellschaftlichen Zuschreibungen lösen will, presst seine Geschlechterrollen ausgerechnet in besonders alte Formen. Die vermeintliche Sozialkritik bleibt Kulisse für eine konventionelle Retterromanze, die zusätzlich mit melodramatischer Musik, Krankheit, Tod und Armut auf die Tränendrüse drückt. Weniger polemisch als „Straw“, weniger wütend, weniger penetrant – und deshalb tatsächlich leichter auszuhalten. Nur bleibt es bei einem Perry-Film, der über zweite Chancen spricht und seinen Figuren dafür kaum eine erste echte Entwicklung gönnt. Carousel bekommt die Erlösung. Anika ihren Retter. Und der Rest so viel Gefühl aufgedrückt, bis möglichst niemand mehr merkt, wie wenig darunter tatsächlich passiert. So bleibt das Netflix Original ausgerechnet dort am schwächsten, wo Perry besonders viel sagen will: bei den Menschen, die unter diesen Verhältnissen leben sollen. Seine Botschaften sind eindeutig. Seine Figuren sind es leider auch.

Fazit
Carousel bekommt seine zweite Chance, Anika ihren Retter und Tyler Perry wieder einmal die Gelegenheit, große gesellschaftliche Themen auf erstaunlich kleine Gedanken herunterzukochen. Immerhin schreit „Doing Life“ dabei weniger als „Straw“. Der Vorschlaghammer bleibt diesmal gepolstert, die Rollenbilder dafür hübsch alt. So wird aus Rehabilitation eine Heldengeschichte, aus Armut Gefühlskulisse und aus Sozialkritik am Ende vor allem eines: ziemlich viel Samt um ziemlich wenig Substanz.


