Nervous | Film – Kritik: Das stumme Echo der Emanzipation 

Nervous Film 2026

Nervous

TitelNervous
Genre Horror, Thriller
Jahr2026
FSKungeprüft
RegieAbner Pastoll

Fantasy Filmfest 2026

Eine Platte ohne Ton. Eine Welt ohne Männerstimmen.

Fast genauso wichtig wie das Visuelle ist das Sounddesign von Horrorfilmen. Das Knarzen einer Holzdiele, ein leises Flüstern oder ein stimmungsvoller Score: Das alles kann stark zur Atmosphäre eines Gruselfilms beitragen. Zuletzt bewiesen das vor allem Erfolgsfilme wie „Obsession“ oder „undertone“. Für sein neuestes Werk „Nervous“ hat sich Regisseur Abner Pastoll daher gemeinsam mit seinem Team für ganze fünf Monate intensiv in der Postproduktion mit dem Sounddesign beschäftigt, um die isolierende und paranoide Wahrnehmung der Protagonistin direkt auf das Publikum zu übertragen und die Metapher, dass Frauen oft nicht gehört werden, zu unterstreichen.

Nervous Film 2026
Nervous ©February Films

Besetzt ist „Nervous“ mit Sarah Bolger, mit der Pastoll bereits für seinen Film „A Good Woman Is Hard to Find“ erfolgreich zusammenarbeitete. Mit ihrer neuesten Kooperation haben sie es direkt ins Programm des Fantasy Filmfests 2026 geschafft. Im Film, dessen Idee Pastoll bereits seit zwanzig Jahren immer wieder im Kopf herumschwirrte, finden Sarah (Sarah Bolger) und ihr Mann Sungsoo (Sungsoo Yune) eine alte Vinylplatte auf dem Dachboden ihres neuen Zuhauses. Als sie diese abspielen, ist darauf kein Ton zu hören. Als Sarah kurz darauf die Fähigkeit verliert, männliche Stimmen wahrzunehmen, gerät ihr Leben immer weiter aus den Fugen.

Wenn Männer die Welt aus den Augen einer Frau erzählen

Allein in den letzten 24 Stunden sahen die Nachrichten für Frauen wie folgt aus: Eine Passagierin musste auf ihren Platz zurückkehren, obwohl ihr Sitznachbar sich vor ihr befriedigt hatte. Auf ein junges Mädchen wurde zehnmal eingestochen, während der Täter lediglich mit einer einstweiligen Verfügung davonkam. Und sieben männliche Studenten, die eine Kommilitonin missbraucht hatten, mussten zur Strafe lediglich einen Aufsatz schreiben. Frauen können bis heute nicht in Sicherheit leben, während ihre Ängste und Probleme viel zu oft nicht gehört werden. Pastoll spinnt daraus eine interessante Idee und dreht in „Nervous“ den Spieß einfach um. Das Problem? Er fängt mit seiner Prämisse nicht wirklich viel an. Alles dreht sich im Kreis, Handlungsstränge verlaufen im Nichts, und die eigentliche Botschaft geht hinter dem Gimmick des Films gnadenlos unter. Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob die Thematik mit einer Frau hinter der Kamera und vor allem hinter dem Drehbuch nicht deutlich mehr Potenzial entfaltet hätte.

Nervous Film 2026
Nervous ©February Films

Es zeichnet sich schnell ab, dass „Nervous“ durch eine männlich geprägte Brille erzählt wird. Pastoll präsentiert einen oft schablonenhaften Blick auf Feminismus und darauf, was es für eine Frau bedeutet, frei und selbstbestimmt zu sein, und verengt die eigentlich komplexe Thematik dabei auf oberflächliche Geschlechterrollen und heteronormative Klischees. Auch die queeren Untertöne fügen sich nur schwer in dieses Bild ein und wirken eher wie ein Stilmittel für das männliche Publikum, statt tatsächlich etwas von Bedeutung auszusagen. Als Metapher dafür, dass nur Frauen einander wirklich verstehen und zuhören, hätte die Verbindung auch als reine Freundschaft funktioniert. Und das vermutlich sogar besser. So verkommt Eunbyeol zu einer Nebenfigur, die hauptsächlich als Femme Fatale und Versuchung für die Hauptfigur dient, darüber hinaus aber kaum eigene Eigenschaften erhält. Optisch und vor allem soundtechnisch macht Pastoll allerdings alles richtig. „Nervous“ sieht gut aus und hört sich noch besser an. Auch am Schauspiel von Sarah Bolger und Ko Asung gibt es nichts zu meckern. Im Gegenteil: Die beiden versprühen eine unglaubliche Chemie.

Nervous Film 2026
Nervous ©February Films

Fazit

„Nervous“ überzeugt mit starker Optik, herausragendem Sounddesign und zwei großartigen Darstellerinnen, verschenkt aber das Potenzial seiner eigenen Prämisse. Statt die komplexen Themen rund um Feminismus und weibliche Selbstbestimmung konsequent auszuloten, verliert sich der Film in oberflächlichen Klischees. Ein visuell und akustisch beeindruckender, inhaltlich jedoch ernüchternder Horrorfilm.

Bewertung: 2.5 von 5.
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