| Titel | Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2025 |
| FSK | ungeprüft |
| Regie | Jan Komasa |
Fantasy Filmfest Nights 2026
Ein Familienidyll in Ketten
Man sollte eigentlich meinen, das Fantasy Filmfest würde eher die bösen Jungs anziehen – und doch sind es immer wieder die „Guten“, die sich in den Vordergrund drängen. Zumindest im Titel. Fast, als wäre das Versprechen von Harmlosigkeit längst zu einer eigenen Form des Horrors geworden. Schon in den vergangenen Jahren stolperte man über Variationen des trügerischen Begriffs des „guten Jungen“: mal als treuer Vierbeiner in einer düsteren Geistergeschichte („Good Boy – Trust His Instincts“) auf dem Fantasy Filmfest 2025, mal als verstörend-maskierte Projektion menschlicher Abgründe („Good Boy“) bei den White Nights 2023. Und auch dieses Jahr – auf den Fantasy Filmfest Nights – reiht sich mit „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ wieder ein Film mit demselben Titel ein, der so unschuldig klingt, dass man ihm schon von vornherein misstrauen muss – und das auch zu Recht.

Denn was als eskalierende Partynacht beginnt, endet für den 19-jährigen Tommy – gespielt von Anson Boon – nicht im üblichen Kater, sondern in einem Zustand, bei dem selbst eine große Elektrolytmischung in Verbindung mit viel Wasser und einer Packung Ibuprofen nichts ausrichten kann. Zu viel Alkohol, zu viele Drogen, zu wenig Kontrolle – ein Leben am Limit, mit ungeahnten Konsequenzen. Als Tommy aufwacht, findet er sich angekettet in einem Keller wieder. Sein Entführer hört auf den Namen Chris – und der von Stephen Graham verkörperte Mann ist alles andere als das, was man von einem klassischen Horrorfilm-Antagonisten erwartet. Chris ist Familienvater, Ehemann, Teil eines bürgerlichen Lebens, eingebettet in eine scheinbar makellose Normalität. Mit Frau, Kind und einem geräumigen Einfamilienhaus auf dem Land, weit außerhalb der Stadt. Schnell wird Tommy klar, dass er nicht zufällig hier ist. Es ist nicht seine erste Nacht, die aus dem Ruder läuft. Gewalt, Drogen, Grenzüberschreitungen – ein Muster, das sich wiederholt. Und Chris hat beschlossen, dieses Muster zu durchbrechen. Nicht aus Wut. Nicht aus Sadismus. Sondern aus Überzeugung. In jedem steckt ein „Good Boy“ – manchmal muss man nur etwas nachhelfen.

Zwischen schwarzer Komödie und Psychothriller
Wir klammern uns gerne an Moral. An klare Linien, die uns sagen, wo wir stehen: Gut und Böse, richtig und falsch. Es sind einfache Kategorien, die Sicherheit versprechen. Doch „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ zieht uns genau diesen narrativen Boden unter den Füßen weg. Hier gibt es kein eindeutiges „Gut“ – und entgegen dem Versprechen des deutschen Untertitels will hier letztlich jeder nur das Beste für sich selbst. Was Jan Komasa hier inszeniert, ist kein Horrorfilm im herkömmlichen Sinne, auch wenn das Setting genau danach schreit. Keller, Ketten, Gewalt – alles da, doch der Fokus liegt woanders. Im Kern ist „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ eine schwarze Komödie, die sich zunehmend in ein verstörend schiefes Familiendrama verwandelt – und dabei doch jederzeit tief im Genrekino verwurzelt bleibt, als psychologischer Thriller. So entfaltet sich eine seltsame, fast irritierend warmherzige Dynamik, eine Art Familienstruktur, die sich langsam, beinahe unmerklich formt, während das Unbehagen im Hintergrund bedrohlich vor sich hin gärt.

Vielleicht liegt genau darin die größte Wirkung von „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“: nicht im Schock, oder einer sich vielleicht anbahnenden, vielleicht aber auch nicht anbahnenden Eskalation. Es ist dieses diffuse Gefühl, das sich langsam festsetzt – und die Erkenntnis, dass hier nicht nur zwei Lebensentwürfe kollidieren, sondern dass sie in ihrer Radikalität erschreckend nah beieinanderliegen. Tommy, der für einen zerstörerischen Nihilismus ohne Kompass steht, und Chris, der seine Gewalt als bürgerliche Erziehung tarnt, sind am Ende nur zwei Seiten derselben Medaille: der totale Kontrollverlust gegen den totalen Kontrollzwang. So entspinnt sich ein Erlebnis zwischen bitterbösem Zynismus und unverhoffter Wärme, das die Genregrenzen dehnt, ohne je den Motor eines handelsüblichen Thrillers anzuwerfen. Die Energie zieht der Film stattdessen komplett aus seinen Figuren und dieser surreal-ambivalenten Stimmung, die einen permanent schräg von der Seite anschaut.

Fazit
„Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ ist ein bizarrer Grenzgänger: Zwischen bitterbösem Zynismus und irritierender Wärme entsteht eine surreal-familiäre Atmosphäre, die klassische Thriller-Muster sprengt. Anstatt auf Schocks zu setzen, seziert der Film die radikale Nähe von Fürsorge und totalem Kontrollzwang. Ein verstörend sanfter Albtraum.


