| Titel | Veins |
| Genre | Horror |
| Jahr | 2025 |
| FSK | ungeprüft |
| Regie | Raymond St-Jean |
Fantasy Filmfest Nights 2026
Die Schönheit des Zerfalls – und ihre Grenzen
Der Tod ist ein Gärtner. In der Theorie der biologischen Existenz gibt es kaum ein tröstlicheres Bild als die Remineralisierung: Wir sterben, wir vergehen, wir werden zur Nahrung. Aus dem Fleisch wird Humus, aus dem Humus wird Flora. Dieser Kreislauf des Lebens, der ohne göttliche Intervention auskommt und stattdessen auf der unerbittlichen Logik der Biochemie fußt, bietet eine fast schon poetische Unsterblichkeit. Raymond St-Jean greift in seinem neuen Film „Veins“ genau nach dieser Metapher. Er will den botanischen Body-Horror mit der existenziellen Frage nach dem Danach verweben. Doch während die Natur effizient arbeitet, verheddert sich der kanadische Genrefilm in seinem eigenen Rankwerk.

Raymond St-Jean kultiviert in „Veins“ ein organisches Grauen, das sich wie Schlingpflanzen um das zerbrechliche Gefüge einer Dorfgemeinschaft legt: Die junge Isabelle (Romane Denis) kehrt nach Jahren der Abwesenheit gemeinsam mit ihrer Partnerin (Marie-Madeleine Sarr) in ihr Heimatdorf Saint-Étienne zurück – doch der erhoffte Familienbesuch schlägt augenblicklich in ein psychologisches und physisches Grauen um. Bei ihrer Ankunft erfährt Isabelle von ihrer unterkühlt wirkenden Mutter Thérèse (Marie-Thérèse Fortin), dass ihr Vater Maurice (Richard Fréchette) bereits vor Tagen verstorben und ohne Benachrichtigung der Tochter beerdigt wurde. Während Isabelle versucht, die Mauer aus Ausflüchten und Schweigen zu durchbrechen, rückt eine zwielichtige Gestalt in den Fokus: Der weitgereiste Dr. Toupin (Sylvain Marcel) behauptet, eine revolutionäre Kur gegen Schmerz und Verfall gefunden zu haben.

In „Veins“ keimt die Horror-Vision, doch die Ernte bleibt aus
Trotz der atmosphärischen Prämisse wirkt „Veins“ merkwürdig unfertig – fast so, als wäre die Grundidee nie zu Ende gedacht worden. Sicher, die Vision vom Tod als Transformation zurück zur Natur ist omnipräsent. Doch es wirkt beinahe so, als wäre die Saat nie voll aufgegangen. Statt den Schrecken in der universellen Vergänglichkeit oder in tief sitzenden gesellschaftlichen Ängsten zu verankern, flüchtet sich St-Jean in eine zu klein gedachte, isolierte Metapher. Es fehlt der doppelte Boden, die transzendente Ebene, die über das Offensichtliche hinausweist. Dadurch atmet „Veins“ weniger den Geist eines großen Kinowerks, sondern erinnert eher an einen ambitionierten Kurzfilm oder die „Case of the Week“-Episode einer Mystery–Serie aus den 90er Jahren.

Für den eigentlichen erzählerischen Kern wirkt das Format des Spielfilms schlicht überdehnt. Da hilft auch die verschachtelte Dramaturgie wenig, die immer wieder in der Zeit zurückspringt, um den Ursprung der Ereignisse zu ergründen. Die Beweggründe der Figuren werden zwar pflichtbewusst expliziert, entspringen jedoch rein der narrativen Notwendigkeit und nicht der Psychologie der Charaktere selbst. Die Protagonisten bleiben flach, ihre Entwicklung statisch. Was bleibt, ist ein handwerklich solides Stück Genrekino mit ansehnlichen Schauwerten: Die Symbiose aus praktischen Make-up-Effekten und dezentem CGI überzeugt und verleiht dem Film eine reizvolle, haptische Qualität. Eine nachhaltige Wirkung erzielt das Werk jedoch nicht.

Fazit
Veins ist wie eine Pflanze, die zwar austreibt, aber nie ihre volle Blüte erreicht – visuell reizvoll, erzählerisch jedoch leider etwas blutarm.


