| Titel | Mārama |
| Genre | Horror, Historie |
| Jahr | 2025 |
| FSK | ungeprüft |
| Regie | Taratoa Stappard |
Fantasy Filmfest Nights 2026
Gothic Horror im Namen der Ahnen
Thanksgiving, der Inbegriff von Dankbarkeit, Familie, Harmonie. Doch hinter der gemütlichen Fassade verbirgt sich ein Paradoxon: Das Fest feiert eine Einigkeit, die historisch auf dem systematischen Genozid an der indigenen Bevölkerung der USA fußt. Ein Widerspruch, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Kolonialgeschichte zieht. Was lange als Fortschritt und Entdeckung getarnt wurde, war in Wahrheit eine globale Welle der Zerstörung. Während der Westen seinen Reichtum zelebrierte, wurden ganze Kulturen durch Sklavenarbeit, Landraub und Gewalt zerschlagen. Doch die dunkle Spur der Unterdrückung beschränkt sich nicht auf Amerika – sie prägte Schicksale weltweit. So erweist sich auch die Geschichte der Māori als Chronik der Grausamkeit, die im westlichen Kanon bis heute kaum mehr als eine Randnotiz darstellt. Diesem kolonialen Schweigen setzt Regisseurin Taratoa Stappard mit ihrem Debüt „Mārama“ ein radikales Ende. In der Ästhetik des gotischen Kolonialhorrors bricht Stappard das Trauma der Unterdrückung auf und transformiert den indigenen Widerstand in eine bildgewaltige, unüberhörbare filmische Anklage.

North Yorkshire, 1859: Die junge Māori Mary Stevens (Ariāna Osborne) folgt einer mysteriösen Einladung aus Aotearoa ins neblige England, in der Hoffnung, die Wahrheit über ihre Herkunft zu erfahren. Doch statt Antworten findet sie sich als Gouvernante im düsteren Hawkser Manor wieder, dem Anwesen des wohlhabenden Walfängers Nathaniel Cole (Toby Stephens). Cole gibt sich als Kenner und Bewunderer der Māori-Kultur, doch Mary erkennt bald ein düsteres Geheimnis hinter seiner Fassade. Geplagt von grausamen Visionen und den Geistern ihrer Vorfahren, entdeckt Mary die Verbindung zwischen Cole und dem Schicksal ihrer eigenen Familie – und der blutige Alptraum nimmt seinen Lauf.

Laute Bilder, stumme Wut
Der wahre Horror trägt keine Maske aus Latex. Er trägt die hässliche Fratze der Realität. In den letzten Jahren hat das Genre eine radikale Wandlung vollzogen: Weg von körperlosen Geistern, hin zum Grauen, das tief im Fundament der Gesellschaft verwurzelt liegt. Für Menschen auf der Schattenseite der Geschichte ist dieser reale, irdische Horror – Ausgrenzung, Gewalt, soziale Kälte – kein Zufall, sondern das Resultat eines düsteren historischen Erbes. Es ist ein Trauma, das strukturellem Rassismus von Haus aus innewohnt. Regisseure wie Jordan Peele („Get Out“) und Jennifer Kent („The Nightingale“) haben das Genre längst gekapert, um diese Themen zu einer düsteren Parabel zu stilisieren. Taratoa Stappards „Mārama“ reiht sich nun mit einer Wucht in diesen Kanon ein, die das koloniale Schweigen endgültig bricht. Was Peele für die USA und Kent für Australien exhumierte, überträgt Stappard auf das Trauma Neuseelands.

Formal geht der Plan auf – die Bilder sind von einer beklemmenden Eleganz, die Atmosphäre bleiern und suggestiv. Doch trotz dieser starken visuellen Basis verdichtet sich das Szenario im weiteren Verlauf nicht, sondern verliert spürbar an Nachdruck. Stappard etabliert die Bedrohung früh, doch im Mittelteil verharrt sie zu lange in atmosphärischen Andeutungen, ohne die Daumenschrauben der Spannung wirklich anzuziehen. Je näher die Katharsis rückt, desto distanzierter wird das Geschehen, als hätte die Erzählung Angst vor der eigenen Wucht. Somit erweist sich „Mārama“ als Slow Burner, dem am Ende der entscheidende Funke fehlt. Stappard gelingt es zwar, eine Flamme zu entzünden, die von der ersten Minute an bedrohlich im Verborgenen glimmt – doch das lodernde Feuer, das die koloniale Ordnung emotional in Schutt und Asche legen müsste, bleibt aus. Was bleibt, ist ein atmosphärisch dichter Beitrag zum indigenen Horrorkino, der zwar visuell berauscht, dessen erzählerische Glut aber nie richtig entzündet.

Fazit
„Mārama“ überzeugt als filmisches Statement gegen den kolonialen Raubbau an der Identität. Doch während Stappard atmosphärisch brilliert, gelingt es ihr nicht ganz, die enorme historische Wut des Stoffes in eine radikale filmische Abrechnung zu gießen, die über den bloßen Schauer hinausgeht.


