Auf Kollisionskurs
| Titel | Auf Kollisionskurs |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Regie | Daniel Sánchez Arévalo |
Starttermin: 30.10.2026 | Netflix
Netflix würfelt viermal – das Ergebnis bleibt dasselbe
Ein Würfel hat sechs Seiten. Sechs mögliche Ergebnisse, sechs denkbare Fortsetzungen einer Geschichte, die bis zu diesem Moment noch allen offensteht. Man gewinnt, verliert oder spielt eine weitere Runde. Mit etwas Glück wandert Geld aufs Konto, mit etwas Pech verschwindet das, was für die nächste Miete gedacht war. Euphorie auf der einen Seite, schlaflose Nächte auf der anderen. Vielleicht ist morgen alles wie gestern. Vielleicht steht am Ende eines einzigen Wurfs die Obdachlosigkeit. Oder ein früher Tod. Das klingt dramatisch für einen Gegenstand, der gewöhnlich über Gesellschaftsspiele entscheidet, doch genau darin liegt der Reiz des Zufalls: Die Fallhöhe wächst mit dem, was auf dem Spiel steht, während der Würfel selbst vollkommen gleichgültig bleibt. Ein Mensch, sechs Möglichkeiten, und keine davon verlangt zunächst nach einer Erklärung. Aus diesem Gedanken ließe sich ein bemerkenswerter Film machen. Netflix wirft in „Auf Kollisionskurs“ immerhin viermal. Besonders viel bewegt sich dabei leider nicht.

Madrid im Jahr 2013. Spanien steckt noch immer tief in den Folgen der Finanzkrise, die Banken werden gerettet, während viele Menschen längst darum kämpfen, ihre Rechnungen überhaupt bezahlen zu können. In dieser Stimmung treffen vier Personen eine Entscheidung, die ihr Leben verändern soll. Pedro (Karra Elejalde), Carla (Laia Costa), Tomás (Tamar Novas) und Raúl (Álvaro Cervantes) überfallen eine Bank, nehmen deren Direktor Ernesto (Luis Zahera) ins Visier und hoffen auf genug Geld, um die eigenen Probleme ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Dass ein solcher Plan selten an der Vernunft seiner Beteiligten scheitert, weil es an dieser bereits bei der Planung mangelt, gehört zu den zuverlässigsten Gesetzen des Gangsterkinos. Auch hier läuft der Überfall aus dem Ruder. Die Polizei wird aufmerksam, die Nerven liegen blank, bei der Flucht geraten die Komplizen aneinander. Dann kracht das Auto. Eigentlich wäre das ein passender Moment für den Abspann, doch Daniel Sánchez Arévalo hat mit dem Unfall etwas anderes vor. „Auf Kollisionskurs“ erzählt seine Folgen viermal, und jedes Mal erwischt es einen anderen der Bankräuber. Stirbt Pedro, entwickelt sich die Geschichte anders, als wenn Carla, Tomás oder Raúl aus dem Wagen nicht mehr lebend herauskommen. Beziehungen verschieben sich, Verdächtigungen nehmen andere Wege, Geheimnisse kommen auf unterschiedliche Weise ans Licht. Die vier Kapitel fügen dem Überfall so nach und nach Informationen hinzu und stellen zugleich die Frage, wie viel von einem menschlichen Schicksal eigentlich an einem einzigen Moment hängt. Es ist eine reizvolle Versuchsanordnung. Schon weil sich mit jedem neuen Ausgang auch die Möglichkeit eröffnet, die vermeintlich vertrauten Figuren vollkommen anders kennenzulernen.

„Auf Kollisionskurs“ verwechselt neue Wendungen mit neuen Erkenntnissen
Genau davon macht der Netflix Film erstaunlich wenig Gebrauch. Die verschiedenen Unfallfolgen verändern zwar, wer noch mitreden, lügen oder die Schuld auf jemand anderen schieben kann, doch der Blick auf diese Menschen bleibt auffällig gleich. Man erfährt, wer mit wem verbunden ist, wer etwas verschwiegen hat, nur welche Interessen hinter dem Raub oder gar was für Menschen hinter den Fassaden der Charaktere stecken, bleibt allzu schwammig. Informationen für die Handlung sind noch lange keine Erkenntnisse über die Figuren. Wo die zweite oder dritte Variante eine vorherige Entscheidung in ein anderes Licht rücken könnte, liefert das Drehbuch lieber den nächsten Ermittlungsschritt im ohnehin reichlich verknoteten Fall. Es ist ständig etwas los. Arévalo schneidet zügig zwischen den Beteiligten und hält den Erzählmotor mit neuen Wendungen am Laufen. Umso eigenartiger, wie lang sich manches davon trotzdem anfühlt. Polizeigespräche, Zeugenaussagen und die Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe nehmen erstaunlich viel Platz ein, obwohl sie meist bloß wiederholen, was ohnehin im Raum steht. Jeder beschuldigt jeden, jeder will irgendwie raus, und irgendwer weiß garantiert mehr, als er zugibt. Das reicht, um die nächste Szene in Gang zu setzen. Für vier Durchläufe derselben Ausgangslage ist es jedoch viel zu wenig. Denn wer sein Publikum wiederholt an denselben Punkt zurückschickt, muss ihm dort mehr zeigen als eine leicht veränderte Anordnung bekannter Situationen. Gerade in den Wiederholungen könnte der Film die Wahrnehmung verschieben, Widersprüche zwischen den Möglichkeiten ausloten oder einen scheinbar nebensächlichen Moment plötzlich bedeutsam machen. Stattdessen arbeitet er seine Varianten vor allem ab. Die Inszenierung interessiert sich dafür, wie die Figuren aus der jeweiligen Lage herauskommen. Was diese Lage mit ihnen macht, bleibt eine Randnotiz. Ein Geheimnis ist schließlich erst dann wirklich interessant, wenn es auch die Wahrnehmung eines Menschen verändert, den man längst zu kennen glaubte. Hier verändert es vor allem den weiteren Ablauf der Geschichte. So wird aus einer Erzählform, die von ihren Abweichungen leben müsste, ein ziemlich gewöhnlicher Thriller, der sich viermal neu sortiert und dabei immer weniger zu sagen hat.

Noch auffälliger wird diese Leerstelle dort, wo „Auf Kollisionskurs“ seinen Figuren eine ganze Gesellschaft als Hintergrundgeschichte mitgeben möchte. Gleich zu Beginn erinnert eine Texteinblendung an die spanische Wirtschaftskrise und ihre Folgen. Menschen verlieren ihre Arbeit, ihre Wohnungen, ihre wirtschaftliche Sicherheit. Die Banken stehen sinnbildlich für ein System, das seine eigenen Fehler überlebt, während andere dafür bezahlen. Darin steckt reichlich Stoff für ein bitteres Verbrecherdrama, zumal die Wut auf Finanzinstitute auch Jahre später kaum einer ausführlichen Erklärung bedarf. Steigende Lebenshaltungskosten, Existenzängste, ein Kontostand, vor dem man lieber die Augen verschließt: Arévalo kann darauf vertrauen, dass das Publikum die Gefühle hinter solchen Begriffen kennt. Offenbar vertraut er etwas zu sehr darauf. Denn aus dem gesellschaftlichen Zustand wird eine bequeme Abkürzung zur Sympathie. Die Figuren brauchen Geld, also sollen ihre Entscheidungen verständlich sein. Sie haben Schulden, also müssen sie verzweifelt sein. Die Welt behandelt sie ungerecht, also darf ein Banküberfall schon einmal wie ein verspäteter Akt der Selbstverteidigung aussehen. Dabei wäre gerade interessant, wie unterschiedlich Menschen auf dieselbe Not reagieren, was sie bereit sind zu opfern und wo sie sich selbst längst etwas vormachen. Stattdessen bleiben Eheprobleme, familiäre Verpflichtungen und finanzielle Verstrickungen überwiegend Stichworte, die eine Motivation behaupten und anschließend Platz für die nächste Wendung machen. Armut erklärt schließlich noch keinen Charakter. Ein Mensch lässt sich auch dann nicht auf seine Geldsorgen reduzieren, wenn diese sein Leben vollständig beherrschen. Und wer schon vier Möglichkeiten zur Verfügung hat, könnte zumindest eine davon nutzen, um zu zeigen, dass eine Entscheidung aus mehr besteht als dem Druck der Umstände. Die Finanzkrise liefert hier vor allem eine moralische Kulisse. Ein paar politische Anspielungen, ein korrupter Bankdirektor, die allgemeine Gewissheit, dass es den Falschen gut geht. Das ist leicht zu unterschreiben und noch leichter zu erzählen. Was dem Film fehlt, ist die Neugier auf die Menschen, deren Wut er für seine Geschichte so bereitwillig in Anspruch nimmt.

Geldnot ist noch lange keine Persönlichkeit
Dabei läge ausgerechnet im Zufall eine Möglichkeit, dieser Bequemlichkeit zu entkommen. Wenn vier verschiedene Menschen bei demselben Unfall sterben können, verändert sich für die Überlebenden schließlich weit mehr als der Verlauf einer polizeilichen Ermittlung. Schuld bekommt ein anderes Gewicht. Entscheidungen, die vorher klug oder wenigstens notwendig erschienen, könnten plötzlich unerträglich werden. Ein Verrat könnte aus der einen Perspektive als Verzweiflungstat erscheinen und aus der anderen als schlichter Egoismus. Vielleicht wäre eine Person durch den Tod eines anderen überhaupt erst gezwungen, sich einzugestehen, warum sie in diesem Auto saß. Gerade das macht solche Gedankenspiele interessant. Was gestern noch wie eine unumstößliche Entscheidung wirkte, erscheint unter veränderten Umständen plötzlich absurd. Ein anderer Ausgang verändert mitunter sogar die Bedeutung dessen, was bereits geschehen ist. Solche Fragen drängen sich bei einer Geschichte mit vier möglichen Ausgängen geradezu auf. „Auf Kollisionskurs“ hat jedoch mehr Freude daran, seine Karten wieder einzusammeln und neu auszuteilen, als daran, einmal genauer hinzusehen, was der Verlust einer Karte für die Menschen am Tisch bedeutet. Und das ist schade, weil es dem Netflix Film durchaus gelingt, das Tempo eines verunglückten Coups aufrechtzuerhalten. Nur erschöpft sich der Einfallsreichtum weitgehend darin, aus einer Geschichte mehrere zu machen. Die zusätzlichen Möglichkeiten führen zu mehr Handlung, kaum zu mehr Bedeutung. Am Ende erinnert das Ganze an jemanden, der einen Würfel so lange wirft, bis endlich etwas Aufregendes passiert, und dabei vergisst, warum überhaupt gespielt wird. Ein anderer Ausgang könnte alles verändern: die eigene Zukunft, die Familie, vielleicht sogar die Frage, wer man unter anderen Umständen geworden wäre. Bei Arévalo entscheidet er hauptsächlich darüber, wer im nächsten Kapitel noch reden darf. Der Würfel fällt viermal. Das Spiel bleibt dasselbe.

Fazit
Beim Würfeln entscheidet der Zufall, beim Erzählen der Einfallsreichtum. „Auf Kollisionskurs“ hat von Ersterem reichlich, von Letzterem erschreckend wenig. Vier mögliche Todesfälle halten den Netflix Thriller in Bewegung, doch seinen Figuren fehlt das Leben, das ihren Verlust bedeutsam machen würde. Am Ende bleibt ein großer Wurf ohne Gewinn.


