Tides of Fear
| Titel | Tides of Fear |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Regie | Jesse V. Johnson |
Heimkinostart: 30.10.2026
Wenn Kokain, Knarren und Haie denselben Ausflug buchen
Man traut es sich kaum noch zu sagen, so häufig hat das Kino diese Erkenntnis inzwischen durch Wälder, Labore, Freizeitparks und sämtliche Weltmeere geschleppt: Das gefährlichste Tier ist der Mensch. Wo irgendwo Zähne, Klauen oder Tentakel auftauchen, dauert es selten lange, bis jemand beweist, dass Gier, Größenwahn und mangelnde Impulskontrolle auch ohne Reißzähne ziemlich weit kommen. „Jurassic Park“ brauchte dafür einen Konzern, „Deep Blue Sea“ wissenschaftliche Hybris, „Dangerous Animals“ zuletzt einen Serienkiller mit ausgeprägtem Hai-Faible. Neu ist daran wenig. Wahr bleibt es trotzdem. „Tides of Fear“ macht daraus ein erfreulich simples Zwei-Etagen-Modell: Unter Wasser kreisen Haie, über Wasser Männer mit Waffen. Die einen folgen ihrem Jagdinstinkt, die anderen Kokain, Geld und einer bemerkenswert niedrigen Frustrationstoleranz. Dazwischen sitzt eine Gruppe Urlauber fest, die ziemlich schnell feststellen muss, dass große Zähne womöglich noch das kalkulierbarere Problem darstellen. Regisseur Jesse V. Johnson versucht daraus gar nicht erst eine große Abhandlung über die Bestie Mensch zu machen. Er nimmt den vertrauten Gedanken, steckt ihn in einen Haikäfig und wirft anschließend so lange Probleme hinterher, bis niemand mehr vernünftig aussteigen kann.

Dabei fängt der Mexiko-Urlaub vergleichsweise harmlos an. Kyle (Diego Llinás) verspielt beim illegalen Glücksspiel sein Geld an Burns (Antonio Banderas), einen Drogenboss, der den schlechten Verlierer aus irgendeinem Grund sympathisch genug findet, ihm einen Ausflug zum Käfigtauchen zu spendieren. Tatsächlich steckt zunächst kein doppelter Boden dahinter. Gemeinsam mit seiner Schwester Tatiana (Laura Marano), deren Freund TJ (Donncha Tynan), Kayle (Christina Ochoa) und Danny (Ryan Bertroche) landet Kyle deshalb auf dem Boot von Captain Logan (Timothy V. Murphy). Dort warten allerdings noch Martin (Louis Mandylor) und Garrison (Jess Liaudin), zwei Männer, bei denen schon die Körpersprache verrät, dass gemeinsames Muschelsammeln eher nicht auf dem Tagesprogramm steht. Als Danny versehentlich Martins Tasche öffnet und statt Handtüchern einen ordentlichen Vorrat Drogen findet, kippt der Ausflug endgültig. Martin zieht die Waffe, während Tatiana und Kayle bereits unter Wasser sitzen. Auftauchen wäre jetzt ausgesprochen ungesund, unten bleiben allerdings ebenfalls keine Dauerlösung. Der Originaltitel „Above & Below“ beschreibt diese Zwickmühle deshalb wesentlich besser als das austauschbare „Tides of Fear“: Über ihnen wartet menschliche Gewalt, unter ihnen tierische. Viel komplizierter wird die Prämisse nicht. Muss sie auch nicht.

„Tides of Fear“ erklärt Haie – und vergisst es gleich wieder
Ein Hai allein erschreckt im Tierhorror inzwischen kaum noch jemanden. Seit Spielberg 1975 aus einer Rückenflosse kollektive Strandpanik gemacht hat, wurde der Filmhai genetisch verbessert, mehrfach geköpft, in Tornados geschleudert, durch Einkaufszentren gejagt und in nahezu jede denkbare Umgebung verfrachtet. „Tides of Fear“ fällt dagegen beinahe durch seine Bodenständigkeit auf. Ein Boot, ein Käfig, ein paar Kriminelle, reichlich Kokain und zunächst Makos, bevor selbstverständlich auch der Weiße Hai noch seinen traditionsreichen Dienst antreten darf. Gerade der Mako hätte dabei eigentlich genug Eigenständigkeit mitgebracht. Schnell, aggressiv wirkend, im Kino deutlich weniger verbraucht als sein weißer Kollege – und trotzdem reicht es Johnson irgendwann nicht mehr. Also bekommt auch dieser Film seinen großen, vernarbten Unterwasser-Endgegner. Das ist besonders absurd, weil Captain Logan zuvor noch erklärt, Haie seien keine blutrünstigen Monster, sondern vorsichtige Raubtiere, die den Menschen keineswegs automatisch auf der Speisekarte führen. Wenig später benimmt sich der Film selbst, als hätte er dieses Gespräch bereits wieder vergessen. Blut landet im Wasser, Körper folgen, die nächste Flosse kommt zuverlässig hinterher. Über Tauchphysik, Wundversorgung oder die erstaunliche Widerstandsfähigkeit mancher Figuren sollte dabei besser niemand länger nachdenken. „Tides of Fear“ interessiert sich nicht für Plausibilität. Er interessiert sich dafür, wie viele Schwierigkeiten gleichzeitig auf ein paar Quadratmetern Boot und Wasser passen. Die Antwort überrascht kaum: ziemlich viel sogar.

Der größte Unterhaltungswert liegt dabei jedoch weniger bei der hungrigen Hai-Population unter Wasser, sondern bei genau dem Mann, der wenige Meter darüber das Blutbad erst lostritt. Louis Mandylor macht aus Martin keinen eleganten Bösewicht und schon gar keinen bewusst auf Kult getrimmten Psychopathen. Er spielt ihn als wandelnde Fehlentscheidung. Ein bisschen Killer, ein bisschen Tollpatsch, sehr viel schlechte Impulskontrolle. Martin reagiert auf jedes neue Problem, indem er innerhalb weniger Sekunden ein größeres daraus macht, und wirkt dabei nie so, als hätte er den Raum betreten, um die coolste Figur des Films zu werden. Genau deshalb wird er es. Der Vergleich zu „Dangerous Animals“ liegt nahe, weil Jai Courtney dort ebenfalls zwischen Haien und menschlicher Gewalt herumtobte, nur deutlich stärker als fertige Genrefigur inszeniert wurde. Tucker tanzt, provoziert, philosophiert und trägt seinen Wahnsinn wie ein Bühnenkostüm. Martin stolpert einfach hinein. Das passt besser zu einem Film, dessen beste Momente ebenfalls dann entstehen, wenn niemand so tut, als müsse aus all dem noch etwas Größeres werden. Selbst Antonio Banderas, der später als Burns persönlich auftaucht und seine B-Movie-Gangsterrolle mit angenehmer Lust an der Enthemmung spielt, verändert daran wenig. Banderas besitzt Präsenz, Martin besitzt Chaos. Und Chaos hat hier schlicht die besseren Szenen.

Wer nicht zu tief taucht, bekommt ziemlich unterhaltsamen Haihorror
Auch die Haie bekommen genügend davon ab. Die digitalen Tiere sehen dabei erfreulich solide aus und gehören längst nicht mehr zu jener Billig-CGI-Fauna, bei der schon der erste Angriff nach Bildschirmschoner roch. Vor allem die Unterwasserszenen profitieren davon, dass Johnson den Raum um seine Figuren arbeiten lässt. Ein Käfig, eingeschränkte Sicht, dunkles Blau und irgendwo außerhalb des Bildes etwas, das schneller schwimmt als jeder Mensch – viel mehr braucht ordentlicher Haihorror manchmal gar nicht. Große Überraschungen entstehen daraus nicht. Wo jemand allein im Wasser treibt, wartet das Drehbuch meist bereits mit dem nächsten Gebiss. Wo Blut fließt, folgt die Rückenflosse. Trotzdem hält „Tides of Fear“ sein Tempo, verteilt seine Attacken großzügig und besitzt genug Freude am eigenen Unsinn, um innerhalb seines Genres ziemlich problemlos zu funktionieren. Wer darin eine kluge Studie über menschliche Gier, Raubtierverhalten oder die fragile Grenze zwischen Zivilisation und Instinkt sucht, wird eine Menge Treibgut finden. Wer sehen möchte, wie Urlauber zwischen Haien und Idioten festhängen, Louis Mandylor jede halbwegs kontrollierbare Situation ruiniert und Antonio Banderas irgendwann ebenfalls zum Spielen vorbeikommt, bekommt ziemlich genau das Richtige. Nur tiefer sollte man bei „Tides of Fear“ besser nicht tauchen. Unter der Oberfläche schwimmt reichlich Müll. Von oben betrachtet treibt er allerdings erstaunlich unterhaltsam vorbei.

Fazit
„Tides of Fear“ ist kein unterhaltsamer Film, weil er besonders klug wäre, sondern weil er genau weiß, wann Klugheit im Weg steht. Zwischen Haikäfig, Kokain und menschlichem Kontrollverlust entsteht ein angenehm schamloser B-Movie, dessen größte Attraktion ausgerechnet nicht unter Wasser schwimmt. Louis Mandylor klaut den Haien die Show, Antonio Banderas genießt den Unsinn und Jesse V. Johnson hält das Ganze lange genug in Bewegung. Wer Logik verlangt, geht unter. Wer Chaos bestellt hat, bekommt erstaunlich großzügig serviert.



