Hungry
| Titel | Hungry |
| Genre | Horror, Thriller |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Regie | James Nunn |
Heimkinostart: 16.10.2026
Warum „Hungry“ trotz Flussgigant zahnlos bleibt
Riesenschlangen, Krokodile, Raubkatzen – wenn sich der Tierhorror in Sümpfe, dichte Wälder oder an die Ufer irgendeines Gewässers verirrt, begegnet uns der Tod erstaunlich häufig in derselben Gestalt. Irgendwo lauert etwas mit Zähnen, Schuppen oder Krallen und wartet darauf, dass eine Gruppe ahnungsloser Menschen genau dort auftaucht, wo sie besser nicht gewesen wäre. Und wenn das Wasser schließlich groß genug wird, ist die Sache ohnehin geklärt: Dann kommt der Hai um die Ecke. Das Genre hat seine ganz eigene zoologische Besetzungscouch. Ein Flusspferd jedoch war darauf bislang erstaunlicherweise nicht zu finden. Dabei ist es doch geradezu prädestiniert für die Rolle. Dreieinhalb Tonnen Körpermasse, gewaltige Eckzähne, ein massiger Schädel und kaum natürliche Feinde, die einem ausgewachsenen Exemplar ernsthaft gefährlich werden könnten. Das Tier, das aussieht, als würde es nachmittags gemütlich durch einen Zeichentrickfilm spazieren, gehört in Wirklichkeit zu den gefährlichsten Großsäugern überhaupt. Gegen einen ausgewachsenen Bullen wirken selbst Löwe und Krokodil plötzlich wie bemitleidenswerte Lakaien. „Hungry“ greift diese evolutionäre Urgewalt auf und schickt mit dem Flusspferd einen unkonventionellen, neuen Koloss in das angestaubte Genre des Tierhorrors. Das hat zumindest einmal die richtige Portion Absurdität, ohne gleich nach billigem Trash zu riechen. Nur leider bleibt der überraschend unverbrauchte Antagonist die einzige wirklich neue Idee in einem Film, der ansonsten streng nach Vorschrift agiert. Denn bereits lange bevor sich der wuchtige Wasserbewohner auf seine unaufhaltsame Menschenjagd begibt, verschwindet die Fantasie dahinter beinahe vollständig. „Hungry“ gibt seinem Monster zwar ein neues Gebiss, aber denselben alten Drehbuchkörper.

Sistine (Madison Davenport) steckt nach einigen privaten Rückschlägen in einer schwierigen Lebensphase. Ihre Mutter ist schwer erkrankt, dazu hat sie ihren Job verloren. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Hannah (Olivia Bernstone) reist sie nach New Orleans, um auf andere Gedanken zu kommen. Eine geführte Tour durch den Louisiana Bayou soll dafür offenbar die richtige Ablenkung sein. Mit dem Sumpfführer Rodrigo (Michel Curiel), dem Witwer Tim (Jim Meskimen), dessen Tochter Sally (Samantha Coughlan), seinem Enkel Mikey (River Codack) und der Geschäftsfrau Dionne (Tracey Bonner) geht es auf eine abgelegene Route. Rodrigo will der Gruppe dort einen legendären Riesenalligator namens „Big Ben“ zeigen. Nur ist Big Ben bereits tot – und das schon, bevor die eigentliche Geschichte überhaupt richtig angefangen hat. Das Monster ist nach zehn Sekunden bekannt – und „Hungry“ macht daraus kurzen Prozess. Noch bevor Sistine und die anderen ihren Ausflug überhaupt antreten, attackiert etwas einen Alligator und zerlegt ihn innerhalb weniger Sekunden. Kein langer Dialog, keine ominöse Vorgeschichte, kein Expositionsmonolog. Ein Alligator verschwindet im Wasser. Blut bleibt zurück. Damit wären die Kräfteverhältnisse geklärt. Es ist plumpe Exposition, aber immerhin eine visuelle. Zehn Sekunden reichen aus, um zu sagen: Was auch immer hier im Wasser lebt, ein Alligator ist kein Gegner für ihn. Erzählerisch besitzt dieser kurze Auftakt damit schon mehr Selbstvertrauen als der gesamte restliche Film. Denn wo später Figuren ihre Probleme erklären, Beziehungen ausbuchstabieren und die Herkunft des Monsters nachreichen müssen, lässt die Eröffnung einfach etwas sterben – doch dann beginnt die große Rückkehr des bereits Bekannten. Das Boot kentert. Menschen sitzen fest. Das Wasser wird zur Todeszone. Taschen mit wichtigem Proviant treiben davon. Eine Verletzung erhöht den Zeitdruck. Irgendjemand muss ans Ufer. Irgendjemand fällt ins Wasser. Irgendjemand wird plötzlich unter die Oberfläche gezogen. Danach schwimmt Blut dort, wo eben noch ein Mensch war. Man könnte eine Checkliste danebenlegen. Eine Runde Tierhorror-Bingo gefällig? Der filmische Spielplan lässt sich binnen weniger Minuten lückenlos mit Kreuzen versehen – ein allzu vorhersehbares Bingo der Genre-Klischees.

Ein Alligator stirbt – und das Genre-Bingo beginnt
Dass „Hungry“ das erzählerische Potenzial seines unbeschriebenen Antagonisten derart verschenkt, ist besonders bedauerlich, weil das Flusspferd eigentlich ein ganz anderes Bedrohungspotenzial besitzt. Es ist kein Hai. Es ist kein Krokodil. Es ist kein klassisches Raubtier. Es muss seine Opfer nicht aus dem Wasser heraus verfolgen, sondern kann seine schiere Körpermasse, seine Geschwindigkeit und sein Territorialverhalten nutzen. Es hätte dem Tierhorror eine neue Bewegungslogik geben können. „Hungry“ interessiert sich dafür kaum. Es tauscht lediglich die zoologische Besetzung aus. Tierhorror nach Baukastenprinzip eben – und dabei wäre das nicht einmal ein Problem. Es liegt nicht daran, dass „Hungry“ bekannte Genremechanismen verwendet. Jeder Tierhorrorfilm steht auf den Schultern seiner Vorgänger. Die Frage ist, wie man diese Bauteile zusammensetzt. „Der weiße Hai“ machte aus der unsichtbaren Gefahr eine Maschinerie der Suspense. „The Shallows“ verwandelte einen überschaubaren Strandabschnitt in ein Überlebensgefängnis. „Crawl“ nutzte Haus, Wasser und Krokodil, bis aus jedem Kubikmeter Wasser eine potenzielle Todeszone wurde. Und „Hungry“ hätte nun ebenfalls eine Umgebung im Gepäck, die geradezu nach Verwertbarkeit schreit. Der Louisiana Bayou ist bereits ein fertiges Horrorszenario: stehendes Wasser, dichte Vegetation, schlechte Sicht, kaum Orientierung und eine Landschaft, in der Schönheit und Bedrohung unmittelbar nebeneinanderliegen. Nur schaut James Nunn kaum hin. Der Bayou bleibt Kulissenmaterial. Er ist da, weil der Film einen Schauplatz braucht, aber selten, weil die Regie oder das Buch etwas Eigenes in dieser Landschaft entdeckt hätte. Das Wasser ist gefährlich, weil das Drehbuch es behauptet. Die Bäume sind Verstecke, weil die Figuren irgendwo hinmüssen. Das Dickicht erschwert die Flucht, weil ein Tierhorrorfilm nun einmal einen Ort braucht, an dem man nicht einfach davonfahren kann. Selbst die Unsichtbarkeit des Tieres entwickelt kaum jene nervöse Ungewissheit, die solche Szenen eigentlich tragen müsste. Wenn im Wasser etwas platscht, jemand erschrickt und sich anschließend herausstellt, dass dort natürlich doch nichts war, ist der Jumpscare schon beim ersten Bild so vorhersehbar, dass man beinahe selbst den nächsten Schnitt setzen könnte. Das wäre sogar dann verzeihlich, wenn die Figuren wenigstens als Gegengewicht funktionieren würden. Tun sie aber nicht.

Wie so oft im Genre geht es der Zuschauerschaft irgendwann genauso wie den Gestrandeten: warten und aushalten, bis endlich etwas passiert. Nur gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die Figuren haben Angst. Das Publikum langweilt sich. Sistines persönliche Geschichte mit ihrer kranken Mutter soll dem Überlebenskampf eine emotionale Tiefenschicht verleihen, bleibt jedoch so plakativ, dass daraus keine echte Anteilnahme entsteht. Ihr privater Ausnahmezustand wird weniger erlebt als dramaturgisch abgearbeitet. Die Krankheit der Mutter, der verlorene Job, die Reise, die vermeintliche Selbstfindung – nichts davon entwickelt eine emotionale Reibung, die aus einer geschriebenen Figur einen Menschen machen könnte. Auch die übrigen Figuren bleiben im Drehbuch eher Funktionspersonal als Persönlichkeiten. Sie tragen Taschen, treffen Entscheidungen, streiten sich, bekommen Informationen und warten darauf, dass ihre jeweilige dramaturgische Halbwertszeit abläuft. Die Dialoge ziehen sich, obwohl sie kaum etwas über die Menschen verraten, die sie führen. Das ist eine besonders ungünstige Kombination. Denn wenn schon das Monster nur sporadisch auftritt, müssen die Menschen die Zwischenzeit tragen. „Hungry“ lässt stattdessen vor allem Zeit verstreichen. Dabei besitzt der Film durchaus etwas, auf das sich das Warten eigentlich lohnen könnte: die niedliche Fassade eines dreieinhalb Tonnen schweren Kieferapparats. Wenn die Kreatur dann irgendwann einmal auch für mehr als den Bruchteil einer Sekunde zu sehen ist, funktioniert das Design erstaunlich ordentlich. Der massige Körper, der breite Schädel, die gewaltigen Zähne – aus dem vermeintlich gemütlichen Pflanzenfresser wird tatsächlich eine imposante Bedrohung. Das Monster wirkt nicht wie ein beliebiges CGI-Reptil mit aufgeklebten Stoßzähnen. Nur hat „Hungry“ bis dahin bereits so viel Geduld verlangt, dass selbst die passable Qualität seiner Kreatur kaum noch etwas retten kann. Denn bei einem so homöopathisch dosierten Einsatz des Monsters ist ein handwerklich solides Creature-Design samt ordentlicher Effekte ohnehin das absolute Minimum, das man erwarten darf. Das funktioniert bei einem Film wie „Der weiße Hai“, weil die Abwesenheit des Tieres selbst zum Schrecken wird. Dort ist das Unsichtbare interessanter als das Sichtbare. „Hungry“ besitzt diese Suspense-Mechanik jedoch nicht. Wenn das Flusspferd endlich vollständig aus dem Wasser beziehungsweise aus dem Dickicht tritt, ist die entscheidende Frage nicht mehr: „Was kommt da?“ Sondern: „Endlich. Und jetzt?“ Und selbst dann folgt kein großer Befreiungsschlag.

„Hungry“ erklärt lieber sein Flusspferd, als es von der Leine zu lassen
Mit der finalen Präsenz des Monsters könnte „Hungry“ an diesem Punkt all das nachholen, was es zuvor versäumt hat. Die Figuren sind endlich an Land, das Tier ist sichtbar, die räumlichen Möglichkeiten wären da. Stattdessen beginnt der Film ausgerechnet jetzt damit, seine eigene Existenzgeschichte zu erklären. Woher kommen diese Flusspferde eigentlich? Warum leben sie im Bayou? Wie konnte es dazu kommen? Es ist die Art von Hintergrundinformation, die vielleicht in einem anderen Film interessant wäre. Hier fühlt sie sich an wie eine Fußnote, die jemand ausgerechnet dann vorliest, wenn im Kino endlich das Licht ausgehen sollte. Überhaupt nimmt sich „Hungry“ erstaunlich bierernst. Das wäre kein Problem, wenn die Inszenierung diesen Ernst mit Atmosphäre, Härte oder emotionaler Konsequenz füllen würde. Stattdessen hängt der Film zwischen ernsthaftem Survival-Drama und Creature Feature, ohne aus einem der beiden Lager genügend Energie zu beziehen. Für einen augenzwinkernden Monsterfilm fehlt es an Humor. Für einen ernsthaften Survivalfilm an menschlichem Drama. Für einen spannenden Tierhorrorfilm passiert zu wenig. Und für einen Film über ein dreieinhalb Tonnen schweres Flusspferd besitzt er erstaunlich wenig Lust, mit genau dieser Absurdität etwas anzufangen. Das Tier hätte den Film von seiner Genrevergangenheit befreien können. Stattdessen wird es von ihr verschluckt. Anakonda, Krokodil, Hai – und nun eben Nilpferd. Die Formel bleibt dieselbe. Menschen geraten in ein abgelegenes Gebiet, das Wasser wird zur Todeszone, das Tier verschwindet irgendwo außerhalb des Bildausschnitts und die Handlung wartet darauf, dass es wiederkommt. Nur ist ein neues Tier noch lange keine neue Idee. „Hungry“ besitzt mit seinem Flusspferd eigentlich einen perfekten Genre-Aufhänger. Einen Gegner, der körperlich absurd, biologisch faszinierend und tatsächlich gefährlich ist. Einen Ort, der nach Atmosphäre schreit. Und ein Szenario, das daraus einen ungewöhnlichen Survivalfilm machen könnte. Am Ende bleibt davon vor allem das Tier. Und das ist dann doch ziemlich wenig.

Fazit
„Hungry“ hat seinem Tierhorror einen Flussgiganten geschenkt – leider aber keine neue Idee. Was eigentlich ein wilder, packender Survival-Trip sein sollte, fühlt sich über weite Strecken eher wie eine bleierne, träge Fahrt durch stehendes Gewässer an.



