Sacrifice | Film – Kritik: Groteske Satire statt Hollywood-Einheitsbrei

Sacrifice Film 2025

Sacrifice

TitelSacrifice
Genre Satire, Thriller
Jahr2025
FSK16
RegieRomain Gavras

Kinostart: 15.09.2026

In „Sacrifice“ wird die Rettung der Welt zur Gala

Eine Gala für die Weltrettung, ein Vulkan vor der Tür und Chris Evans mittendrin: „Sacrifice“ ist vieles, nur kein gewöhnlicher Klimathriller. Es gibt diese eigentümliche Sorte Veranstaltung, bei der schon der Ort verrät, wie wenig die anwesenden Menschen mit dem Problem zu tun haben, über das sie gerade sprechen. Champagnergläser stehen auf polierten Tischen, irgendwo läuft Musik, Menschen in maßgeschneiderten Kleidern unterhalten sich über die Zukunft des Planeten – und am Ende des Abends wird vermutlich wieder jemand mit einem Privatjet nach Hause fliegen. Romain Gavras braucht für diese Absurdität keine große Erklärung. Er stellt sie einfach hin. In „Sacrifice“ versammelt sich die internationale Geld- und Prominenzgesellschaft zu einer luxuriösen Umweltgala auf einer griechischen Insel. Man spricht über Nachhaltigkeit, Verantwortung und die Rettung der Erde, während sich gleichzeitig jene wirtschaftlichen Interessen durch die Veranstaltung ziehen, die von ihrer Ausbeutung profitieren. Dann stürmt eine radikale Gruppe die Feier. Aus der Gala wird eine Geiselnahme, aus der Geiselnahme ein fanatisch anmutendes Ritual – und ausgerechnet ein abgehalfterter Hollywoodstar steht plötzlich im Zentrum einer Prophezeiung über das Ende der Welt. Was danach passiert, lässt sich nur schwer in eine Genrebezeichnung pressen. „Sacrifice“ ist Satire, Actionfilm, Thriller, schwarze Komödie, Öko-Fabel, Charakterporträt und irgendwann beinahe schon ein mythologisches Abenteuer. Manchmal wirkt das sperrig. Manchmal sogar ein wenig überladen. Gleichzeitig fühlt es sich erstaunlich befreiend an, einem Film dabei zuzusehen, der sich nicht ständig darum bemüht, möglichst sauber in die nächste Hollywood-Schublade zu passen.

Sacrifice Film 2025
Sacrifice ©ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

Chris Evans spielt Mike Tyler, einen ehemaligen Hollywoodliebling, dessen Karriere nach einem öffentlichen Ausraster gründlich gegen die Wand gefahren ist. Ein Flammenwerfer spielte dabei eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Nun soll die exklusive Umweltgala zur Gelegenheit werden, das beschädigte Image wieder aufzupolieren. Mike ist dabei kein geläuterter gefallener Engel, der nur darauf wartet, wieder auf die richtige Spur zu kommen. Er ist ein ziemlich kaputter Typ, der vor allem eines vermisst: die Aufmerksamkeit. Und damit ist er bei dieser Veranstaltung eigentlich genau richtig. Denn zwischen Milliardären, Schauspielern, Aktivisten und Selbstdarstellern ist Moral hier längst zur eigenen Währung geworden. Jeder hat etwas zu sagen. Jeder möchte Haltung zeigen. Jeder hat eine Geschichte darüber, warum er auf der richtigen Seite steht. Und natürlich schauen dabei genügend Kameras zu. Mittendrin steht Ben Bracken (Vincent Cassel), ein milliardenschwerer Unternehmer, der mit seiner Technologie den Planeten retten möchte und gleichzeitig von einem Geschäftsmodell profitiert, das die Ausbeutung natürlicher Ressourcen voraussetzt. Eine Figur, bei der man gar nicht erst lange überlegen muss, worauf Gavras hinauswill. Dann taucht Joan (Anya Taylor-Joy) auf. Mit ihrer radikalen Gruppe macht sie aus dem Öko-Event eine Geiselnahme. Ihre Überzeugung ist ebenso simpel wie radikal: Eine gewaltige Katastrophe steht bevor, ein Vulkan droht auszubrechen und die Erde verlangt ein Opfer. Drei Menschen sollen dafür sterben. Und plötzlich bekommt die Gala eine völlig andere Bedeutung. Was zunächst nach einer ziemlich direkten „Eat the Rich“-Nummer aussieht, entwickelt sich schnell zu etwas Unberechenbarerem. Natürlich hat Gavras sichtlich Spaß daran, die Luxuswelt seiner Figuren auseinanderzunehmen. Menschen, die über die Rettung des Planeten sprechen und dabei in einer Umgebung sitzen, deren dekadenter Lebensstil genau jene Widersprüche sichtbar macht, gegen die sie angeblich kämpfen. Es geht um Greenwashing, um Vermögenskonzentration und um die eigentümliche Fähigkeit einer privilegierten Gesellschaftsschicht, sich selbst noch für wohltätig zu halten, wenn das eigene Handeln längst Teil des Problems geworden ist. Aber „Sacrifice“ bleibt dort nicht stehen. Denn auf der anderen Seite stehen Menschen, die aus der Klimakrise eine Weltanschauung gemacht haben. Aus wissenschaftlicher Erkenntnis wird bei ihnen eine Prophezeiung, aus Angst ein Glaubenssystem und aus dem Wunsch nach Veränderung eine Bereitschaft zur Gewalt. Das macht „Sacrifice“ deutlich interessanter, als es die Ausgangslage vermuten lässt.

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Warum Romain Gavras Öko-Satire in keine Hollywood-Schublade passt

Gavras stellt nicht einfach die reichen Heuchler auf die eine Seite und die aufrichtigen Aktivisten auf die andere. Er interessiert sich vielmehr für die Mechanismen, mit denen Menschen ihre eigene Position rechtfertigen. Jeder braucht eine Erklärung. Jeder braucht einen Schuldigen. Und irgendwann braucht jeder eine Geschichte, in der das eigene Handeln sinnvoll erscheint. Mike ist dabei die vielleicht passendste Figur für diesen Film. Denn er kennt Geschichten. Er hat sein halbes Leben davon gelebt, anderen Menschen Geschichten zu verkaufen. Er weiß, wie ein Held aussehen muss, wie ein Publikum auf ihn reagiert und wie sich ein Moment anfühlen muss, damit er größer wird als der Mensch, der ihn erlebt. Jetzt befindet er sich selbst in einer solchen Geschichte. Und langsam wird unklar, ob er sie nur spielt. Das ist der Punkt, an dem „Sacrifice“ seine gesellschaftliche Ebene ausweitet. Der Film spricht nicht nur über Klimawandel. Er spricht darüber, wie wir über den Klimawandel sprechen. Über die Menschen, die tatsächlich etwas verändern wollen. Über jene, die jede Veränderung ablehnen. Und über die, die das richtige Statement zur richtigen Zeit vor der richtigen Kamera abgeben. Der Milliardär als vermeintlich visionärer Unternehmer. Die Stars als die moralischen Stimmen ihrer Generation. Die Aktivisten als radikale Weltverbesserer. Und Mike als der gefallene Held, der dringend wieder einer werden möchte. Alle haben eine Rolle. Aber nicht alle wissen, wann sie aufhören sollten, sie zu spielen. „Sacrifice“ macht daraus kein trockenes Gedankenspiel. Der Film steckt seine Figuren in eine Situation, in der solche Fragen plötzlich nicht mehr theoretisch sind. Denn irgendwann geht es tatsächlich um Leben und Tod. Dabei hat der Film ein ziemlich gutes Bild für seine Gesellschaft im Kopf. Alle sitzen im selben Boot. Nur manche haben eben ein Rettungsboot. Oder zumindest glauben sie es zu haben. Das ist die eigentliche soziale Schieflage, die unter der teilweise grotesken Oberfläche von „Sacrifice“ liegt. Wer reich genug ist, kann sich lange einreden, von den Konsequenzen seines Handelns getrennt zu sein. Man kann Verantwortung delegieren, Risiken auslagern und sich mit Geld einen gewissen Abstand zur Realität kaufen. Nur funktioniert das bei einer globalen Katastrophe irgendwann nicht mehr. Das macht die Umweltgala so zynisch. Hier sitzen Menschen zusammen, die theoretisch dasselbe Problem haben wie alle anderen. Praktisch verfügen sie aber über völlig unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen. Der eine kauft sich vermeintlichen Schutz. Der andere demonstriert. Der nächste hält eine Rede. Ein weiterer zündet vielleicht einen Flammenwerfer an. Und irgendjemand beschließt schließlich, dass nur noch ein Opfer helfen kann.

Sacrifice Film 2025
Sacrifice ©ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

Dass „Sacrifice“ dabei immer wieder die Richtung wechselt, ist Fluch und Segen zugleich. Nach dem Trailer könnte man einen ziemlich klassischen Actionfilm erwarten. Chris Evans, Anya Taylor-Joy, Vincent Cassel, Geiselnahme, Terroristen, Vulkan – die Zutaten liegen auf dem Tisch. Aber Gavras hat offensichtlich wenig Interesse daran, daraus die erwartbare Hollywood-Mischung zu kochen. Sein Film ist dafür zu seltsam. Die erste Hälfte funktioniert noch stark über bissige Gesellschaftskomik und die Absurdität dieser reichen Welt. Danach wird es zunehmend düsterer, religiöser und fantastischer. Und irgendwann steht man plötzlich in einer Art „Herr der Ringe“-Situation – nur dass hier niemand einen Ring nach Mordor bringen muss, sondern eine Gruppe von Menschen mit ihren eigenen Glaubenssystemen an einen Vulkan marschiert. Das könnte furchtbar schiefgehen. Tut es auch manchmal. Einige Szenen verweilen einen Tick zu lange, manche Dialoge wollen ihre Pointe etwas zu deutlich ausbuchstabieren und der Film verliert gelegentlich das sichere Gefühl dafür, welche Tonlage er gerade eigentlich bedienen möchte. Aber gerade darin steckt auch seine Eigenständigkeit. „Sacrifice“ fühlt sich nicht wie ein Film an, der sich vorher gefragt hat, wie man einer möglichst großen Zuschauerschaft gefallen könnte. Er fühlt sich eher wie ein Film an, der unbedingt etwas ausprobieren wollte und dabei in Kauf nimmt, dass nicht jede Kurve perfekt genommen wird. Dass dieser wilde Genre-Mix überhaupt trägt, liegt wesentlich an seinem Ensemble. Chris Evans ist zunächst die offensichtlichste Besetzung für einen solchen Film. Der Mann bringt das Actionkomödien-Gesicht gleich mit. Und gerade deshalb ist es schön, ihm dabei zuzusehen, wie sich unter dieser Oberfläche langsam eine deutlich kompliziertere Figur entwickelt. Mike ist eitel, lächerlich, beschädigt und manchmal ziemlich unsympathisch. Gleichzeitig steckt in ihm eine Verletzlichkeit, die Evans nicht mit großen Gefühlsmonologen ausstellen muss. Vieles liegt in kleinen Reaktionen und in diesem permanenten Versuch, nach außen größer zu wirken, als man sich innen fühlt. Anya Taylor-Joy macht etwas Ähnliches auf völlig andere Weise.

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Sacrifice ©ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

Das Ende der Welt zwischen Opfer und Selbsterfüllung

Joan ist eine Figur, die sich mit einer erschreckenden Sicherheit durch ihre eigene Welt bewegt. Taylor-Joy muss dafür nicht permanent große Reden halten. Vieles läuft über ihre Mimik. Ein Blick kann bei ihr zwischen religiöser Gewissheit, kindlicher Verletzlichkeit und fanatischer Entschlossenheit kippen, ohne dass sich an ihrer Körperhaltung überhaupt viel verändern muss. Und dann ist da Jade Croot. Louise spricht im gesamten Film kein einziges Wort. Und trotzdem gehört sie zu den Figuren, die am längsten im Kopf bleiben. Croot steht häufig nur am Rand des Geschehens, schaut, beobachtet und lässt ihr Gesicht die Arbeit erledigen, für die andere Figuren Dialogseiten benötigen. Dabei entsteht etwas, das fast schon aus einem anderen Film stammen könnte. Nicht laut, nicht hysterisch, nicht auf Effekt gespielt – eher eine stille, schwer zu entschlüsselnde Unheimlichkeit. Man schaut sie an und wartet beinahe darauf, dass der Horrorfilm beginnt. Vielleicht hat er zu diesem Zeitpunkt längst begonnen. Und je näher „Sacrifice“ seinem Finale kommt, desto stärker stellt sich deshalb eine Frage, die der Film lange bewusst in der Schwebe hält: Ist das alles tatsächlich wahr? Ist Joan eine fanatische junge Frau, die aus einer realen Bedrohung eine religiöse Fantasie gebaut hat? Oder steckt hinter ihrer Prophezeiung mehr, als die Menschen um sie herum wahrhaben wollen? Diese Frage ist nicht bloß ein Mysterykniff. Sie entscheidet darüber, wie man den gesamten Film liest. Und dann bekommt auch das Opfer, um das sich die gesamte Geschichte dreht, eine andere Bedeutung. Gavras hält diese Spannung erstaunlich lange aufrecht. Und während er sie im finalen Drittel langsam auflöst, wird aus dem zuvor teilweise überdrehten Film plötzlich etwas unerwartet Emotionales. Denn unter all dem Gala-Glamour, den Klimadebatten, den Vulkanbildern und der schwarzen Komik steckt letztlich eine viel persönlichere Geschichte. Mike Tyler muss sich plötzlich mit der Frage auseinandersetzen, was ihm diese neue Rolle eigentlich bedeutet – und ob er überhaupt zwischen einem selbstlosen Opfer und der vielleicht größten Bühne seines Lebens unterscheiden kann. Es geht um den Tod des Egos. Oder vielleicht auch um das genaue Gegenteil: um die Erfüllung eines Egos, das endlich genau die Aufmerksamkeit bekommt, nach der es sich die ganze Zeit gesehnt hat. Denn wenn die Kameras auf ihn gerichtet sind, wenn alle Menschen zusehen und ausgerechnet er zum Helden dieser Geschichte werden könnte – ist ein Opfer dann überhaupt noch selbstlos? Oder erfüllt sich darin vielleicht gerade der größte Wunsch eines Mannes, der sein ganzes Leben davon abhängig gemacht hat, gesehen zu werden? „Sacrifice“ gibt darauf keine bequeme Antwort. Und genau deshalb bekommt auch der Filmtitel eine zusätzliche Schwere.

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Sacrifice ©ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

Fazit

„Sacrifice“ ist kein perfekter Film. Dafür ist er zu zerfasert, zu wechselhaft und stellenweise zu verliebt in seine eigenen Ideen. Die Genrewechsel funktionieren nicht immer gleich gut, manche Dialoge tragen ihre Botschaft etwas sichtbar vor sich her und gerade im Mittelteil hätte ein wenig mehr erzählerische Disziplin nicht geschadet. Aber es ist ein Film, der etwas hinterlässt. Und das ist bei einer Satire vielleicht wichtiger als die perfekte Pointe. Denn was zunächst nach einer weiteren Hollywood-Nummer über reiche Menschen und radikale Aktivisten aussieht, entwickelt sich zu einer erstaunlich bitteren Geschichte über Verantwortung. Über öffentliche Moral. Über die Frage, wer eigentlich bereit ist, einen Preis für seine Überzeugungen zu bezahlen.

Bewertung: 3.5 von 5.
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