Die Falle
| Titel | Die Falle |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Creator | Isabel Kleefeld |
Starttermin: 13.10.2026 | Netflix
„Die Falle“ – Wenn Wendungswahnsinn unterhaltsam wird
Angst muss kein schreiender Ausnahmezustand sein. Manchmal sieht sie aus wie ein ziemlich komfortables Leben, nur eben ohne Ausgang. Lisa Konrad, gespielt von Friederike Becht, hat seit zehn Jahren keinen Fuß mehr vor ihre Haustür gesetzt. Die Erinnerung an den gewaltsamen Tod ihrer Schwester lässt sie nicht los. Traumata haben schließlich viele Gesichter. Manche Menschen verdrängen das Erlebte, andere richten ihr gesamtes Dasein danach aus. Wieder andere klammern sich an Erinnerungen, deren Wahrheitsgehalt mit jedem vergangenen Jahr fragwürdiger wird. Das menschliche Gedächtnis ist ohnehin ein eigenwilliger Geschichtenerzähler. Es unterschlägt Einzelheiten, dichtet andere hinzu und arrangiert die Vergangenheit gerne so lange um, bis sie einigermaßen erträglich erscheint. Ausgerechnet eine Schriftstellerin, die ihr Geld mit erfundenen Geschichten verdient, müsste davon etwas verstehen. In der Netflix Serie „Die Falle“ wird ihr diese Fähigkeit allerdings zum Verhängnis. Und weil ein Psychothriller offenbar erst dann richtig Spaß macht, wenn irgendwann niemand mehr irgendwem glaubt, darf sich auch das Publikum auf eine ordentliche Gedächtnisgymnastik einstellen. Was hier an vermeintlichen Wahrheiten aufgetischt, verworfen und anschließend neu zusammengesetzt wird, grenzt mitunter an erzählerischen Größenwahn. Nur funktioniert dieser Wahnsinn erstaunlich gut. Zumindest so lange, bis man das ganze Theater im Nachhinein genauer hinterfragt.

Vor zehn Jahren fand Lisa ihre jüngere Schwester Anna (Josephine Thiesen) ermordet auf und sah den mutmaßlichen Täter fliehen. Als sie eines Tages den Journalisten Robert Lenzen (Hans Löw) im Fernsehen entdeckt, glaubt sie, den damaligen Mörder wiederzuerkennen. Die Polizei interessiert sich herzlich wenig für ihren Verdacht. Also besinnt sie sich auf das, was sie am besten beherrscht: Sie schreibt einen Kriminalroman über den Tod ihrer Schwester und lockt Lenzen unter dem Vorwand eines exklusiven Interviews in ihr Haus. Dort soll sich der vermeintliche Täter durch gezielte Fragen und Details aus der Mordnacht selbst verraten. Ein raffinierter Plan, vorausgesetzt, die eigenen Erinnerungen stimmen und der eingeladene Gast ist tatsächlich derjenige, für den man ihn hält. Beides wird zunehmend fragwürdig. Denn Lenzen ist keineswegs der ahnungslose Interviewpartner, den Lisa erwartet, und ihre Schwester möglicherweise auch nicht der Mensch, den sie seit Jahren in Erinnerung behalten hat. Während die Schriftstellerin versucht, verstreute Erinnerungsfetzen zu einer schlüssigen Wahrheit zusammenzufügen, gerät ihre gesamte Lebensgeschichte ins Wanken. Was, wenn sie sich zehn Jahre lang an eine Gewissheit geklammert hat, die niemals der Wirklichkeit entsprach?

Netflix gelingt, woran Amazon mit Fitzek scheiterte
„Die Falle“ auf Netflix schaut sich, wie sich ein Sebastian-Fitzek-Roman liest. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Der Berliner Bestsellerautor hat den deutschen Psychothriller mit seinen Cliffhanger-Konstruktionen und ständigen Wendungen schließlich auf die Spitze getrieben. Gerade seine frühen Romane entwickelten daraus einen regelrechten Lesesog. Später wurden die Geschichten immer absurder, die Auflösungen hanebüchener. Nur beherrscht Fitzek einen entscheidenden Trick: Er lässt seiner Leserschaft kaum Zeit, über den ganzen Unsinn nachzudenken. Noch ein Kapitel, noch eine Enthüllung. Erst hinterher fällt auf, wie konstruiert das alles eigentlich war. Auf dem Bildschirm funktioniert das deutlich schlechter. Was die eigene Fantasie beim Lesen noch zurechtbiegt, sieht verfilmt mitunter ziemlich bescheuert aus. Amazons „Die Therapie“ und „Der Heimweg“ haben das bereits vorgeführt. Umso kurioser, dass ausgerechnet „Die Falle“, die mit Fitzek überhaupt nichts zu tun hat, seine Erzählmechanik wesentlich geschickter ins Serienformat überträgt. Auch hier folgt eine Täuschung auf die nächste. Nur bekommen die zahlreichen Wendungen genügend Raum, um zumindest während des Schauens halbwegs plausibel zu wirken. Bei genauerer Betrachtung dürfte jedoch vieles auseinanderfallen. Aber bis dahin steht längst die nächste Enthüllung bereit. Wäre „Die Falle“ eine Fitzek-Adaption, dürfte sie zu seinen bislang besten gehören.

Besonders reizvoll ist, wie früh die Serie ihr vermeintliches Finale erreicht. Drei Episoden lang bereitet sich Lisa auf das Interview vor, sammelt Verdachtsmomente und setzt ihre Vergangenheit neu zusammen. Gleichzeitig wird auch Robert Lenzen immer undurchsichtiger. Als beide bereits in der vierten Folge aufeinandertreffen, entwickelt sich ein psychologisches Kammerspiel, das problemlos als Schlussakt hätte durchgehen können. Es wird taktiert, provoziert und mit Halbwahrheiten jongliert, während die Machtverhältnisse beinahe minütlich wechseln. Mal scheint Lisa ihren Gast durchschaut zu haben, dann genügt eine Bemerkung und die vermeintliche Täterüberführung wirkt wie das Hirngespinst einer Frau, die sich in ihren eigenen Erinnerungen verfangen hat. Vielleicht sitzt ihr ein Mörder gegenüber. Vielleicht aber auch ein Journalist, der die absurden Anschuldigungen seiner Gastgeberin kaum begreifen kann. Gerade als dieses Kräftemessen seinen Höhepunkt erreicht, denkt „Die Falle“ überhaupt nicht daran, Schluss zu machen. Eine Episode folgt. Und noch eine. Neue Erkenntnisse entwerten alte Gewissheiten, bis das Ganze in einem zweiten Kammerspiel mündet. Was sich da abspielt, gleicht zunehmend dem Innenleben der Hauptfigur. So wie Lisa dieselben Erinnerungen ständig neu bewertet, verfährt das Drehbuch mit dem Publikum. Kaum hat man eine Erklärung akzeptiert, wird sie wieder einkassiert. Mal fährt die Geschichte nach links, dann nach rechts, anschließend im Kreis und zur Sicherheit noch durch einen Looping. Ein Täuschungskarussell, bei dem man irgendwann kaum noch weiß, wo oben und unten ist. Manches ist haarsträubend konstruiert. Spaß macht es trotzdem, weil die ständigen Richtungswechsel selten lange genug stillstehen, um sich ernsthaft darüber zu ärgern. Nur landet jede Achterbahn irgendwann wieder dort, wo sie angefangen hat. Und genau dieses Gefühl stellt sich auch bei „Die Falle“ ein. Nach all den psychologischen Verrenkungen, dem immer neuen Zweifel und der Erwartung, hinter der nächsten Enthüllung müsse etwas noch Größeres stecken, fällt die Auflösung erstaunlich gewöhnlich aus. Plötzlich greifen die üblichen Krimimechanismen. Herkömmliche Motive, vertraute Erklärungen, ein konventioneller Schlusspunkt. Dafür also der ganze Aufwand? Man könnte sich ein wenig verarscht fühlen. Sechs Episoden lang hat die Netflix Serie jede Wahrheit angezweifelt, um am Ende mit einer Antwort herauszurücken, für die es den dramaturgischen Zirkus kaum gebraucht hätte. Andererseits war der Weg dorthin ausgesprochen unterhaltsam. Vielleicht ist das bereits die halbe Miete.

Das Ende erklärt, warum sich die Handlung im Kreis dreht
Das liegt vor allem am Hauptgespann, denn die Inszenierung trägt zu diesem Vergnügen vergleichsweise wenig bei. Abseits der ineinander verwobenen Erinnerungs- und Realitätsebenen sieht „Die Falle“ häufig verdächtig nach gewöhnlicher deutscher Fernsehproduktion aus. Dieses verschachtelte Psychoduell hätte eine eigenwilligere Bildsprache vertragen. Stattdessen müssen das wendungsfreudige Drehbuch und die Besetzung für den Spannungsnachschub sorgen. Allen voran Friederike Becht, deren Lisa zwischen Angstzuständen, Kontrollbedürfnis und regelrechter Besessenheit schwankt. Sie kann unangenehm, selbstgerecht und manipulativ werden, um kurz darauf so verunsichert zu wirken, dass einem ihr seelischer Ausnahmezustand unmittelbar einleuchtet. Gerade dieses widersprüchliche Verhalten macht die Figur interessant. Hans Löw wiederum gibt einen hervorragenden Gegenspieler, bei dem man sich nie entscheiden kann, ob man ihm vertrauen oder möglichst schnell die Tür vor der Nase zuschlagen sollte. In einem Moment wirkt Robert Lenzen erschreckend harmlos, im nächsten bekommt dieselbe freundliche Miene einen bedrohlichen Unterton. Löw braucht dafür weder übertriebene Gesten noch das übliche Bösewicht-Grinsen. Manchmal genügt eine Spur zu viel Gelassenheit. Gemeinsam tragen beide selbst längere Gesprächspassagen, denen die Kamera nur selten etwas Eigenes hinzufügt. Schwieriger zu übersehen ist da die Ernüchterung nach dem Abspann. War das wirklich so raffiniert? Oder hat man sich schlicht von einer Wendung zur nächsten treiben lassen, bis keine Zeit mehr blieb, die vorige zu hinterfragen? „Die Falle“ beherrscht es, Erwartungen zu wecken, sie zu zerstören und aus ihren Überresten gleich die nächsten aufzubauen. Dahinter steckt letztlich ein recht simpler Unterhaltungsmechanismus, den Fitzek seit Jahren erfolgreich bedient. Man darf das nachträglich durchschauen, über die Auflösung schimpfen und manche Wendung für ausgemachten Blödsinn halten. Nur ändert das wenig daran, wie viel Spaß die sechs Episoden gemacht haben. Der Titel passt also besser, als es zunächst scheint: Am Ende steckt nicht nur Lisa in der Falle. Das Publikum hat sich längst freiwillig dazugesetzt.

Fazit
„Die Falle“ führt das Publikum mit so vielen Wendungen und falschen Fährten an der Nase herum, dass die konventionelle Auflösung beinahe wie ein schlechter Scherz wirkt. Trotzdem funktioniert der Psychothriller hervorragend als Unterhaltung. Dafür sorgen zwei intensive Kammerspiele und das ausgezeichnete Hauptgespann aus Friederike Becht und Hans Löw. Visuell jedoch bleibt die deutsche Netflix Serie deutlich hinter ihrem dramaturgischen Größenwahn zurück. Wer die Täuschungsmanöver hinterfragt, erkennt ihre Schwächen. Bis dahin hat die Falle längst zugeschnappt.


