Der Schneesturm
| Titel | Der Schneesturm |
| Genre | Komödie |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Josephine Bornebusch |
Starttermin: 15.10.2026 | Netflix
Netflix erzählt von alten Freunden und neuen Abgründen
Freunde kommen und gehen, Familie bleibt für immer. So oder so ähnlich lautet eine dieser Lebensweisheiten, die sich über Generationen hinweg erstaunlich hartnäckig halten. Dabei spricht wenig dagegen, auch dem unangenehmen Onkel irgendwann die kalte Schulter zu zeigen. Und wenn die eigenen Eltern noch im Erwachsenenalter jeden Lebensbereich kontrollieren, persönliche Grenzen ignorieren und aus familiärer Verbundenheit eine lebenslange Verpflichtung machen, darf man sich durchaus fragen, ob ein gemeinsamer Nachname wirklich Grund genug ist, einander weiterhin zu ertragen. Bei Freundschaften scheint die Angelegenheit zunächst unkomplizierter. Schließlich sucht man sich seine Freunde selbst aus. Allerdings entwickeln sich Menschen weiter, politische Überzeugungen verändern sich, gesellschaftliche Vorstellungen driften auseinander. Was vor zwanzig Jahren noch eine enge Freundschaft ausmachte, besteht irgendwann vielleicht nur noch aus gemeinsamen Erinnerungen und der stillschweigenden Übereinkunft, dass man sich eben schon ewig kennt. Selbst dann, wenn die andere Person längst zu jemandem geworden ist, mit dem man heute freiwillig keine zehn Minuten verbringen würde. Trotzdem bleibt man befreundet. Aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit oder weil sich zwei Jahrzehnte gemeinsamer Vergangenheit schlecht mit einem einfachen Kontaktabbruch abwickeln lassen. Dass solche Freundschaften mitunter erstaunlich viel Konfliktpotenzial bergen, greift der schwedische Netflix Film „Der Schneesturm“ auf. Und weil eine gewöhnliche Aussprache offenbar nicht ausreicht, braucht es dafür einen heftigen Wintereinbruch, reichlich Alkohol und eine unfreiwillige Portion bewusstseinserweiternder Pilze.

Wie unangenehm ein Wiedersehen unter alten Freunden werden kann, verrät Josephine Bornebuschs Ensemblekomödie bereits in ihrer Eröffnung. Filip, gespielt von Gustaf Skarsgård (bekannt als Floki aus „Vikings“) stapft sichtlich mitgenommen durch die verschneite Landschaft Nordschwedens. In seiner Hand hält er ein mittelalterliches Schwert, während er über die Ereignisse der vergangenen Nacht sinniert, ehe er sich schließlich erschöpft in den Schnee fallen lässt. Dabei hätte sein 45. Geburtstag eigentlich ein ziemlich angenehmer Abend werden sollen. Gemeinsam mit seiner Frau Caroline (Aliette Opheim) hat er einen großzügigen Gutshof erworben, der künftig als luxuriöse Pension dienen soll. Die finanzielle Wirklichkeit sieht allerdings weniger beeindruckend aus als das Anwesen selbst, weshalb sich Caroline von der Geburtstagsgesellschaft neben guter Stimmung auch den einen oder anderen finanzkräftigen Investor verspricht. Eingeladen sind schließlich Filips ehemalige Studienfreunde, darunter der selbstgefällige Ossi (Filip Berg) mit seiner Ehefrau Kina (Josephine Bornebusch), der wohlhabende Geschäftsmann Henrik (Christopher Wagelin) und die politisch engagierte Nattis (Gizem Erdogan). Eine illustre Gesellschaft, deren Mitglieder mittlerweile vor allem ihre gemeinsame Vergangenheit verbindet. Schon beim Eintreffen werden die persönlichen Befindlichkeiten deutlich, alte Spannungen kehren zurück und hinter den sorgfältig gepflegten Wohlstandsfassaden sieht es reichlich ungemütlich aus. Als ein Schneesturm die Gesellschaft schließlich von der Außenwelt abschneidet, werden aus kleineren Meinungsverschiedenheiten handfeste Konflikte. Den endgültigen Kontrollverlust besorgt ein Küchenmissgeschick, bei dem psychedelische Pilze versehentlich im Abendessen landen. Plötzlich kommen all jene Charakterzüge zum Vorschein, die vermutlich schon seit Jahren unter der Oberfläche brodeln. Aus einem Geburtstagsessen wird eine Nacht voller Anschuldigungen, Entgleisungen und ziemlich fragwürdiger Freundschaftsbekundungen.

Anders als Filips Fußstapfen hinterlässt „Der Schneesturm“ kaum Spuren
Freunden verzeiht man bekanntlich vieles. Allerdings gibt es selbst bei jahrzehntelanger Verbundenheit gewisse Grenzen – spätestens wenn einem im Affekt ein Finger abgeschnitten wird. „Der Schneesturm“ hat durchaus ein Gespür für solche absurden Eskalationsmomente. Da wird ein Taxifahrer unter dem Verdacht festgesetzt, einen Hund verschwinden gelassen zu haben, während verdächtige Überreste zwischenzeitlich sogar befürchten lassen, dass das geliebte Haustier bereits auf der Speisekarte gelandet ist. An anderer Stelle geraten harmlose Unterhaltungen zu persönlichen Abrechnungen, und die unfreiwillig konsumierten Pilze verwandeln ohnehin schon exzentrische Persönlichkeiten endgültig in Karikaturen ihrer selbst. Das besitzt einen gewissen Unterhaltungswert, zumal Bornebusch das Chaos mit einem ordentlichen Erzähltempo vorantreibt. Nur bleibt erstaunlich selten etwas hängen. Denn so wild die Ereignisse auf dem Papier klingen, so überschaubar fällt ihre komödiantische Wirkung aus. Die wirklich gelungenen Pointen lassen sich an einer, bereits um den einen oder anderen Finger erleichterten Hand abzählen, während sich der übrige Humor überwiegend aus lautstarken Wortgefechten, überzeichnetem Verhalten und zunehmend absurden Missverständnissen speist. Das ist durchaus amüsant, entwickelt aber weder jene Unberechenbarkeit, die eine solche Ausgangslage verspricht, noch den Mut, die eigenen Einfälle konsequent auszureizen. Zumal sich der Netflix Film ohnehin nie vollständig darüber im Klaren scheint, was er eigentlich sein möchte. Eine bitterböse Gesellschaftssatire? Eine schwarzhumorige Ensemblekomödie? Oder doch ein zwischenmenschliches Kammerspiel, das hinter der Partyfassade nach den hässlichen Wahrheiten langjähriger Freundschaften sucht? Für jede dieser Möglichkeiten liefert „Der Schneesturm“ interessante Ansätze. Richtig entfalten kann sich allerdings keine davon.

Dabei bietet das eingeschneite Anwesen eigentlich hervorragende Voraussetzungen, um aus der gesellschaftlichen Zusammenkunft eine ebenso unangenehme wie aufschlussreiche Bestandsaufnahme menschlicher Abgründe zu machen. Die Gäste verkörpern unterschiedliche Lebensentwürfe, gesellschaftliche Haltungen und soziale Selbstbilder. Da trifft finanzieller Größenwahn auf persönliche Existenzängste, demonstrative Weltoffenheit auf moralische Selbstgerechtigkeit und eine Generation vermeintlich erfolgreicher Erwachsener auf die ernüchternde Erkenntnis, dass Wohlstand noch lange kein erfülltes Leben garantiert. Bornebusch lässt diese Gegensätze aufeinanderprallen, begnügt sich allerdings weitgehend mit ihren offensichtlichsten Widersprüchen. Die Figuren behaupten viel, streiten lautstark und benehmen sich daneben. Weiterführende Gedanken über die gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen dieses Verhalten erwächst, bleiben dagegen Mangelware. Für eine wirklich bissige Satire ist das schlicht zu wenig. Zumal die Wirklichkeit längst bewiesen hat, dass es weder einer räumlichen Isolation noch bewusstseinserweiternder Substanzen bedarf, um Menschen ihre hässlichsten Seiten zu entlocken. Ein kurzer Ausflug in die Kommentarspalten sozialer Netzwerke genügt. Dort werden Fremde beleidigt, demokratische Grundwerte infrage gestellt und menschenverachtende Ansichten mit einer Selbstverständlichkeit verbreitet, für die früher zumindest noch der Schutz einer geschlossenen Kneipentür nötig gewesen wäre. Heute reichen ein Smartphone, eine Tastatur und ein anonymes Instagram-Profil. Gegen diese alltägliche Enthemmung wirkt das schwedische Freundschaftsdesaster bisweilen fast schon harmlos. Selbst ein abgetrennter Finger vermag daran wenig zu ändern. Ausgerechnet dort, wo Bornebusch ihre Figuren von sämtlichen gesellschaftlichen Konventionen befreien möchte, bleibt ihre Gesellschaftskritik merkwürdig zahm.

Ein turbulentes Ende ohne große Erkenntnisse
Dass „Der Schneesturm“ dennoch keineswegs zum filmischen Totalausfall gerät, verdankt die Netflix Produktion vor allem ihrem spielfreudigen Ensemble und einer Inszenierung, die sich trotz aller erzählerischen Unentschlossenheit kaum Leerlauf erlaubt. Gustaf Skarsgård gibt den zunehmend überforderten Gastgeber überzeugend, während die übrige Besetzung mit sichtlicher Freude an ihren jeweiligen Charakterüberzeichnungen arbeitet. Auch die räumliche Begrenzung funktioniert, zumal der luxuriöse Gutshof mit jeder weiteren Eskalation weniger wie ein Rückzugsort und immer stärker wie ein Gefängnis für Menschen wirkt, die einander längst nichts mehr zu sagen haben. Nur bleibt die emotionale Wirkung dieser Ausgangslage erstaunlich gering. Schon zu Beginn entsteht kaum der Eindruck, dass hier tatsächlich langjährige Freunde zusammenkommen, deren Beziehungen im Laufe einer verhängnisvollen Nacht auf die Probe gestellt werden. Stattdessen begegnen sich überwiegend unangenehme Menschen, die einander bereits vor dem ersten Glas Wein kaum ausstehen können. Was anschließend zerbricht, besaß deshalb nie genügend Substanz, um den Verlust wirklich bedauerlich erscheinen zu lassen. Auch die vermeintlichen Enthüllungen und persönlichen Abrechnungen fördern kaum Erkenntnisse zutage, die über das längst Offensichtliche hinausgehen. Bornebusch hält das Geschehen zwar zuverlässig in Bewegung, verwechselt gelegentlich aber bloße Lautstärke mit tatsächlicher Zuspitzung. Dabei steckt gerade im Ausgangsgedanken ein ziemlich unangenehmer Wahrheitskern: Nicht jede Freundschaft verdient es, aufrechterhalten zu werden, nur weil sie schon lange besteht. Netflix’ „Der Schneesturm“ erkennt dieses Problem, umkreist es mit einigem komödiantischem Aufwand und scheut letztlich davor zurück, seinen Figuren wirklich wehzutun. Vielleicht ist das sogar die passendste Pointe eines Films über Menschen, die aus Gewohnheit aneinander festhalten. Auch nach dieser Nacht wird wohl niemand ernsthaft darüber nachdenken, die nächste Einladung auszuschlagen.

Fazit
„Der Schneesturm“ schickt eine dysfunktionale Freundesgruppe in den kollektiven Ausnahmezustand und findet zwischen schwarzem Humor und gesellschaftlicher Satire keinen überzeugenden Mittelweg. Die spielfreudige Besetzung, das hohe Erzähltempo und einige herrlich absurde Einfälle sorgen für solide Unterhaltung. Doch weder die komödiantische Eskalation noch die zwischenmenschlichen Konflikte entfalten genügend Wirkung, um über gewöhnliches Mittelmaß hinauszukommen. Besonders schade ist das angesichts einer Ausgangsidee, die reichlich Gelegenheit für bissige Beobachtungen über Freundschaft, gesellschaftliche Heuchelei und menschliche Selbsttäuschung geboten hätte.


