Below
| Titel | Below |
| Genre | Mystery, Thriller |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Creator | Jesse McKeown |
Starttermin: 08.10.2026 | Netflix
In „Below“ lauert das Grauen im schmelzenden Eis
Monster hatten im Kino schon immer mehr zu erledigen, als Flugzeuge mit einem einzigen Bissen zu verschlucken, Wolkenkratzer niederzureißen oder ganze Städte unter ihren Füßen zu begraben. Hinter den gigantischen Mäulern und überdimensionierten Gliedmaßen steckte häufig ein ziemlich menschliches Problem. Schon Ishirō Hondas „Godzilla“ verwandelte 1954 die japanische Angst vor Atomwaffen und nuklearer Vernichtung in ein schuppiges Ungetüm, das sich seinen Weg durch Tokio bahnte. Die eigentliche Monstrosität lag dabei weniger in der Kreatur als in dem, was sie überhaupt erst hervorgebracht hatte. Eine geradezu frankensteineske Konstellation: Der Mensch als Schöpfer seines eigenen Albtraums, der sich anschließend gegen ihn wendet. Eine Idee, die das Genrekino seither in unterschiedlichsten Variationen wiederholt, mal politischer, mal ökologischer und gelegentlich mit so viel Zerstörungswut, dass zwischen den einstürzenden Gebäuden kaum noch Platz für eine Botschaft bleibt. Besonders die Natur erweist sich dabei als erstaunlich geduldiger Gegenspieler, der sich jahrzehntelang ausbeuten, vergiften und zerstören lässt, bevor er irgendwann doch zurückschlägt. Das Monster wird zur körperlichen Konsequenz menschlichen Größenwahns. Was das mit der sechsteiligen Netflix Serie „Below“ zu tun hat? Mehr, als der nebelverhangene Auftakt zunächst vermuten lässt. Denn Jesse McKeown beginnt seine Geschichte als unheimliches Küstenmysterium, das irgendwo zwischen alten Seemannslegenden und familiären Abgründen nach Antworten sucht, bevor es seine wahre Natur offenbart. Und damit ausgerechnet das über Bord wirft, was an dieser Geschichte zunächst so vielversprechend erschien.

Calvin Penney (Josh Hartnett) hat das Meer nie wirklich verlassen können, obwohl es ihm schon als Kind beinahe alles genommen hätte. Als seine Familie im Zuge einer staatlich angeordneten Umsiedlung ihre Heimat aufgeben musste, wurde das gesamte Haus über das Wasser transportiert und von einer unbekannten Gewalt in die Tiefe gezogen. Sein Vater starb, Calvin überlebte und blieb mit der Erinnerung an etwas zurück, das er damals unter der Wasseroberfläche gesehen haben wollte. Jahrzehnte später lebt er als verwitweter Vater dreier Kinder in der abgelegenen neufundländischen Küstengemeinde Snook’s Arm, die inzwischen selbst um ihre Zukunft kämpft. Die Fischbestände schwinden, wirtschaftliche Perspektiven fehlen und erneut steht eine mögliche Umsiedlung im Raum. Während sein Sohn Wade (Charlie Heaton) bei ihm geblieben ist, haben Mary (Ruby Stokes) und Jay (Rohan Campbell) längst anderswo ein Leben begonnen. Zum sogenannten Come Home Year kehren die beiden zurück und bringen neben allerlei persönlichen Problemen auch jene familiären Spannungen mit, die bei solchen Wiedersehen zuverlässig schneller auftauchen als die ersten guten Gespräche. Denkbar ungünstig also, dass sich ausgerechnet jetzt merkwürdige Ereignisse vor der Küste häufen. Menschen verschwinden, rätselhafte Erscheinungen sorgen für Unruhe und ungewöhnliche Eisformationen geben selbst der Meeresforscherin Fonda Howander (Mackenzie Davis) Rätsel auf. Mit dem Auftauchen einer unbekannten Bedrohung scheint außerdem Calvins Vergangenheit wieder an die Oberfläche zu gelangen. Dabei hat „Below“ in seinen ersten Episoden durchaus etwas Anziehendes. Das kleine Küstenstädtchen, die schwer über dem Wasser liegenden Nebelschwaden, die abgelegenen Häuser und die ständig gegenwärtige Unsicherheit darüber, was sich in der Tiefe verbergen könnte, schaffen eine Atmosphäre, in der sich das Unheimliche langsam festsetzen kann. Auch Hartnett trägt seinen Teil dazu bei. Der ganz große Charakterdarsteller war er vielleicht nie, aber eine eigentümliche Ausstrahlung hatte er schon immer. Diese Mischung aus zurückhaltendem Charisma, müder Entschlossenheit und einer gewissen Verletzlichkeit reicht auch hier, um Interesse an einem Mann zu wecken, dessen Leben längst von einer Vergangenheit bestimmt wird, die er nie überwunden hat.

Netflix holt das Monster aus der Tiefe und verliert den Schrecken
Zumindest so lange, bis „Below“ beschließt, seine Geheimnisse Stück für Stück gegen die vertrauten Mechanismen eines Monsterfilms einzutauschen. Mit zunehmender Laufzeit zeigt sich, dass McKeowns Serie deutlich mehr mit „Godzilla“, dem norwegischen Netflix Film „Troll“ oder dem jüngsten Kinovertreter „Kraken – Erwachen der Tiefe“ gemein hat, als es die anfängliche Mysteryatmosphäre vermuten ließ. Ein klassisches Creature Feature also, das sich immer stärker in Richtung Monster-Action bewegt und dafür auch gleich den entsprechenden Erzählbaukasten auspackt. Da wäre das angeschlagene Familiengefüge, wissenschaftliche Untersuchungen, behördliche Interessen, politische Verstrickungen und selbstverständlich Menschen, die selbst dann noch ihre eigenen Ziele verfolgen, wenn vor der Haustür längst etwas herumkriecht, das sie problemlos verschlingen könnte. Für sich genommen gehören diese Elemente zum Genre wie die unvermeidliche Szene, in der irgendjemand eine Warnung ignoriert und dafür wenig später einen ziemlich hohen Preis bezahlt. Problematisch wird es, weil „Below“ für diesen vertrauten Ablauf seine anfängliche Eigenart zunehmend aufgibt. Der atmosphärische Schrecken, der sich aus dem Unbekannten speiste, verwandelt sich in eine immer konkretere Bedrohung, deren Erforschung reichlich Raum beansprucht, während das Interesse an den Menschen dahinter allmählich schwindet. Was zunächst wie eine Geschichte über verdrängte Erinnerungen, generationsübergreifende Ängste und die Geheimnisse einer verschworenen Gemeinschaft wirkte, folgt bald den üblichen Stationen zwischen Monsterentdeckung und Katastrophenabwehr. Dabei wäre gegen einen solchen Genrewechsel grundsätzlich wenig einzuwenden. Auch ein gut gemachter Monsterfilm braucht keine besonders komplizierten Figuren oder philosophischen Grundsatzfragen, wenn er seine eigene Absurdität mit genügend Einfallsreichtum und Zerstörungslust auskostet. Nur scheint „Below“ selbst nicht recht zu wissen, wie ernst es seine Geschichte eigentlich nehmen möchte. Die anfänglich düstere Inszenierung weicht immer häufiger einem Abenteuercharakter, Konflikte werden zunehmend funktional abgearbeitet und die verschiedenen Erzählstränge führen zwar irgendwie zusammen, entwickeln dabei aber kaum noch eine gemeinsame erzählerische Dringlichkeit.

Dabei hätte gerade die ökologische Komponente durchaus Möglichkeiten geboten, dem vertrauten Monsteraufgebot eine eigene Richtung zu geben. Schließlich ist es kein Zufall, dass der Klimawandel und das Abschmelzen gewaltiger Eismassen eine Bedrohung freisetzen, die über Jahrtausende verborgen geblieben war. Der Mensch verändert die Umwelt und bekommt die Konsequenzen diesmal in einer Form präsentiert, die sich schlecht mit ein paar politischen Absichtserklärungen beseitigen lässt. Ein denkbar unkomplizierter Gedanke, der seit „Godzilla“ trotzdem nichts von seiner Berechtigung verloren hat. „Below“ belässt es allerdings nicht bei einem mystischen Wesen, das durch menschliche Eingriffe aus seinem Lebensraum gerissen wurde. Hinzu kommt eine biologische Kontamination, die das Verhalten der Menschen verändert, Halluzinationen hervorruft und zwischenzeitlich wieder jenen übersinnlichen Schrecken zurückbringt, mit dem die Serie ursprünglich so reizvoll begonnen hatte. Auf dem Papier klingt diese Verbindung aus ökologischer Bedrohung, Körperhorror und maritimer Folklore durchaus interessant. In der Umsetzung wirken die einzelnen Ideen jedoch zunehmend wie Bestandteile unterschiedlicher Geschichten, die sich denselben Schauplatz teilen müssen. Hier das überdimensionierte Meereswesen, dort die unheimlichen Veränderungen der Küstenbewohner, dazwischen Forscher, politische Interessen und ein Familienkonflikt, der ebenfalls seinen Platz beansprucht. Alles besitzt einen gewissen Zusammenhang, ohne sich wirklich zu einer überzeugenden Einheit zu entwickeln. Gerade die Veränderungen der Menschen hätten für sich allein einen wesentlich unangenehmeren Horrorstoff ergeben können. Vielleicht hätte schon eine unscheinbare Alge genügt, die das Wasser verseucht und die Menschen verändert. Die Natur müsste dafür weder riesige Tentakel ausfahren noch Schiffe versenken. Doch McKeown will möglichst viele Spielarten des Genres miteinander verbinden und verliert darüber ausgerechnet jene Beklemmung, die „Below“ anfangs so mühelos erzeugt hatte. Auch die Figuren leiden darunter. Ihre persönlichen Probleme werden zwar immer wieder aufgegriffen, verschwinden zwischen den verschiedenen Handlungssträngen aber zunehmend aus dem Blickfeld. Aus Menschen, deren Schicksal man anfangs durchaus verfolgen wollte, werden allmählich die üblichen Beteiligten einer Monsterbekämpfung.

Am Ende geht „Below“ selbst die Bedrohung verloren
Besonders ernüchternd ist allerdings, dass „Below“ am Ende nicht einmal jenes Versprechen einlöst, für das es seinen ursprünglichen Mysterycharakter weitgehend geopfert hat. Monsterfilme haben schließlich eine ziemlich eigenartige Zuschauervereinbarung: Man erträgt gelegentlich ausufernde Erklärungen, langweilige Familiengeschichten und Figuren, deren wichtigste Charaktereigenschaft in ihrer bemerkenswerten Überlebensunfähigkeit besteht, weil irgendwann hoffentlich ein gewaltiges Ungetüm auftaucht und alles in Schutt und Asche legt. McKeown verweigert seiner Serie selbst diese Genugtuung. Statt eines zunehmend entfesselten Monsterfinales entwickelt sich die letzte Episode zu einem überraschend heiteren Familienabenteuer, in dem die zuvor so zerrütteten Penneys plötzlich wie ein eingespieltes Team aus einer Actionkomödie zusammenarbeiten. Natürlich müssen sich familiäre Spannungen irgendwann auflösen können. Nur wirkt die Entwicklung hier merkwürdig leichtfüßig angesichts all dessen, was die vergangenen Episoden an Schrecken, Verlust und existenziellen Bedrohungen aufgebaut haben. Auch die rar gestreute Monsteraction verliert zum Höhepunkt an Bedeutung, während die Geschichte ihre zahlreichen Konflikte mit einer beinahe versöhnlichen Gelassenheit zu Ende bringt. Damit bleibt von dem anfänglichen Mysterium ebenso wenig übrig wie von der Hoffnung auf ein wenigstens unterhaltsames Kreaturenspektakel. Der interessante Auftakt mündet in einen zunehmend ernüchternden Mittelteil, bevor sich die Serie endgültig in einer Belanglosigkeit verliert, die selbst ihre durchaus reizvollen Ansätze kaum noch erkennen lässt. Hartnett besitzt weiterhin genügend Charisma, um seinen Calvin über weite Strecken sehenswert zu halten. Umso bedauerlicher, dass die Figur letztlich keine Geschichte bekommt, die dieser Präsenz wirklich gerecht wird. Vielleicht hätte „Below“ seinen Schrecken einfach länger unter der Wasseroberfläche lassen sollen. Denn was dort anfangs noch die Fantasie beschäftigte, wird mit jeder weiteren Enthüllung gewöhnlicher, bis am Ende selbst das Monster kaum noch Eindruck hinterlässt.

Fazit
„Below“ beginnt als reizvolles Küstenmysterium, versinkt dann in gewöhnlicher Monster-Action und endet als beinahe albernes Familienabenteuer. Josh Hartnett hält lange das Interesse wach, doch weder die Figuren noch das Monster lösen ihre Versprechen ein. Am Ende geht nicht nur die Spannung baden, sondern gleich die ganze Serie.


