Silver Star – Alles oder nichts Film | Film – Kritik: Wenn das Leben keine Route vorgibt

Silver Star – Alles oder nichts Film 2024

Silver Star – Alles oder nichts

TitelSilver Star – Alles oder nichts
Genre Thriller, Drama
Jahr2024
FSK16
RegieRuben Amar, Lola Bessis

Heimkinostart: 26.09.2026

Das Leben liefert kein Navi fürs Erwachsenwerden

Erwachsenwerden ist eine ziemlich fragwürdige Reiseveranstaltung. Irgendwann wird von einem Menschen erwartet, dass er aus all den widersprüchlichen Einzelteilen seiner Jugend eine halbwegs brauchbare Route zusammenbaut: Arbeit finden, Geld verdienen, Entscheidungen treffen, irgendwie wissen, wohin das Ganze führen soll. Für manche steht zumindest ein Wegweiser am Straßenrand, auch wenn die Strecke voller Schlaglöcher liegt. Andere starten dort, wo der Asphalt längst aufgehört hat. Wer am gesellschaftlichen Rand aufwächst, bekommt selten einen großen Zukunftsentwurf mit ins Handschuhfach gelegt. Eher eine Sammlung von Hindernissen, die sich hartnäckig als Lebensumstände tarnen. Armut, fehlende Perspektiven, kaputte Familienverhältnisse oder eine Vergangenheit, die sich nicht einfach irgendwo an der nächsten Raststätte abladen lässt, machen aus dem Erwachsenwerden keinen Aufbruch, sondern einen Überlebensversuch. Man sitzt plötzlich selbst am Steuer, obwohl einem nie jemand erklärt hat, wie dieses verdammte Ding eigentlich funktioniert. Eine ziemlich perfide Form von Selbstständigkeit. Genau an diesem Punkt steigt „Silver Star – Alles oder nichts“ ein. Der Film erzählt von zwei jungen Frauen, die sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die ihnen wenig Orientierung und noch weniger brauchbare Straßenkarten mitgegeben hat. Billie (Troy Leigh-Anne Johnson) und Franny (Grace Van Dien) stehen an der Schwelle zu einem Erwachsenendasein, für das es keinen ausgearbeiteten Plan gibt. Billie ist 20, gerade aus dem Gefängnis entlassen und dringend auf der Suche nach Geld. Also beschließt sie, eine Bank auszurauben. Der Plan scheitert, Billie nimmt die 18-jährige Franny als Geisel und flieht mit ihr. Franny ist hochschwanger, rebellisch und mindestens ebenso orientierungslos wie ihre Entführerin. Was zunächst wie eine bemerkenswert schlechte Ausgangslage für einen gemeinsamen Ausflug aussieht, entwickelt sich zu einer Flucht durch die amerikanische Provinz. Billie versucht, mit den Konsequenzen ihrer Vergangenheit klarzukommen, während Franny unmittelbar vor einem Leben steht, auf das sie kaum vorbereitet sein dürfte. Zwei junge Frauen, zwei ziemlich unterschiedliche Formen von Verlorenheit – und eine Straße vor ihnen, die zumindest so tut, als müsste irgendwo hinter dem Horizont eine Antwort liegen.

Silver Star – Alles oder nichts Film 2024
Silver Star ©Ascot Elite Home Entertainment

Dass man bei „Silver Star – Alles oder nichts“ schnell an „Thelma & Louise“ denkt, ist kaum zu vermeiden. Zwei Frauen, ein Auto, eine Flucht, Amerika vor der Windschutzscheibe und hinter ihnen ein Leben, das ohnehin keine besonders herzliche Einladung zum Bleiben ausgesprochen hat. Nur geht es hier weniger um Befreiung als um dieses seltsame Zwischenstadium kurz vor dem Erwachsensein, in dem man offiziell längst Entscheidungen treffen darf, innerlich aber noch damit beschäftigt ist herauszufinden, was Entscheidungen eigentlich kosten. Die Straße wird nicht zum großen Freiheitsversprechen. Sie ist eher ein Aufschub. Solange Billie und Franny fahren, müssen sie für ein paar Kilometer wenigstens nicht wissen, wo sie ankommen wollen. Das passt ziemlich gut zu einem Film, der auch seine Figuren nicht sauber sortiert. Billie ist keine Heldin, Franny schon gar keine Schutzbedürftige, die bloß aus einer schlechten Situation gerettet werden muss. Zwischen ihnen entsteht keine dieser hübsch berechneten Zweckgemeinschaften, bei denen nach zwanzig Minuten feststeht, wer wem später welche Lebensweisheit mit auf den Weg geben darf. Ihre Beziehung bleibt sperrig. Misstrauen, Abhängigkeit, Trotz, Neugier und etwas, das irgendwann beinahe wie Zuneigung aussieht, quetschen sich gemeinsam auf die Rückbank. Darin steckt eine der größten Qualitäten von „Silver Star“. Diese beiden Menschen werden nicht kompatibel gemacht, nur weil das Drehbuch beschlossen hat, sie gemeinsam loszuschicken. Sie besitzen genug Kanten, um sich aneinander zu verletzen. Das macht ihre gemeinsame Fahrt wesentlich interessanter als jede sauber ausformulierte Freundschaft. Troy Leigh-Anne Johnson und Grace Van Dien erfüllen ihre Aufgabe dabei mit einer Selbstverständlichkeit, die einiges auffängt, was das Drehbuch unterwegs liegen lässt. 

Filmpodcast

„Thelma & Louise“ ohne Freiheitsrausch

Auch formal sucht „Silver Star – Alles oder nichts“ nach Reibung. Die Kamera bleibt unruhig, hängt an Gesichtern, Körpern und Bewegungen, manchmal fast so, als hätte sie selbst keinen festen Sitzplatz gefunden. Bilder dürfen rau sein, Kompositionen unfertig wirken, der Moment wichtiger werden als die hübsche Ansicht der US-amerikanischen Provinz. Diese Nervosität passt zu einer Geschichte, in der kaum jemand wirkliche Kontrolle besitzt. Es gibt keine glänzende Roadmovie-Romantik, bei der die Sonne im exakt richtigen Winkel über der Motorhaube untergeht und irgendein Indie-Song aus dem Autoradio verkündet, dass jetzt gerade Freiheit stattfindet. Die Bilder haben Dreck unter den Fingernägeln. Zum Glück. Nur entsteht aus dieser Nähe paradoxerweise nicht immer echte Intimität. Man sitzt zwar auf dem Beifahrersitz, bekommt jede Bodenwelle mit und spürt die Unruhe der Fahrt, bleibt emotional aber erstaunlich oft angeschnallt. „Silver Star – Alles oder nichts“ kommt seinen Figuren körperlich sehr nahe und hält ihre inneren Bewegungen trotzdem auf Distanz. Das ist besonders schade, weil eigentlich alles vorhanden wäre, was eine starke Coming-of-Age-Geschichte braucht: zwei junge Menschen an unterschiedlichen Abzweigungen ihres Lebens, eine Situation ohne Rückfahrkarte, gegenseitige Reibung, moralische Grauzonen und dieses riesige amerikanische Nirgendwo, das hervorragend darin ist, Menschen noch kleiner wirken zu lassen, als sie sich ohnehin fühlen. Statt sich jedoch häufiger einfach neben Billie und Franny zu setzen und einen Moment auszuhalten, will der Film weiter. Noch eine Begegnung. Noch ein Ereignis. Noch eine neue Situation, die die Reise in Bewegung hält. Das sorgt dafür, dass „Silver Star – Alles oder nichts“ selten wirklich stehen bleibt – und genau das hätte er häufiger tun müssen. Nicht jeder Kilometer braucht eine dramaturgische Aufgabe. Manche der besten Roadmovies wissen, dass eine Tankstelle um halb drei Uhr nachts, ein schweigsames Frühstück oder zehn Minuten Fahrt, in denen niemand etwas zu sagen hat, mehr über zwei Menschen erzählen können als der nächste sorgfältig platzierte Zwischenfall. 

Silver Star – Alles oder nichts Film 2024
Silver Star ©Ascot Elite Home Entertainment

„Silver Star – Alles oder nichts“ vertraut diesen Leerstellen zu wenig. Kaum droht die Geschichte für einen Moment zur Ruhe zu kommen, wird schon wieder der Gang eingelegt. Als hätte jemand Angst, das Publikum könnte beim nächsten Rastplatz aussteigen, wenn nicht schnell genug etwas passiert. Das hält die Handlung beweglich, nimmt ihr aber die emotionale Ablagerung, die erst entsteht, wenn ein Augenblick länger stehen bleiben darf, als es für die Handlung unbedingt nötig wäre. Gerade Billies Vergangenheit und Frannys bevorstehende Mutterschaft liefern genug Stoff für ganze innere Landschaften. Der Film fährt an ihnen vorbei, schaut kurz aus dem Seitenfenster und nimmt dann wieder Geschwindigkeit auf. Man versteht beide Figuren. Man kann ihre Wut, ihre Angst, ihren Trotz einordnen. Aber man lebt zu selten wirklich mit ihnen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Umso frustrierender sind die Momente, in denen „Silver Star“ plötzlich zeigt, was möglich gewesen wäre. Die Momente, in denen die Flucht für ein paar Sekunden aufhört, Flucht zu sein. Dann bekommt die Erzählung Gewicht. Dann wird aus dem geografischen Unterwegssein tatsächlich ein inneres. Man spürt, dass diese Reise nicht bloß von einem Ort zum nächsten führt, sondern durch zwei ziemlich beschädigte Vorstellungen davon, wie Zukunft überhaupt aussehen könnte. Nur sind diese Augenblicke meistens schon wieder vorbei, bevor sie sich richtig festsetzen dürfen. Vielleicht ist „Silver Star“ deshalb selbst ein wenig wie seine Figuren. Talentiert, widerspenstig, voller Möglichkeiten – und ohne besonders verlässlichen Kompass. Der Film besitzt die richtigen Voraussetzungen. Zwei starke Hauptdarstellerinnen sitzen vorne, die Kamera liefert die passende Unruhe, die Figurenkonstellation hat Reibung und das Coming-of-Age-Gerüst steht längst am Straßenrand bereit. Trotzdem kommt nie ganz dieses Gefühl auf, wirklich gemeinsam unterwegs gewesen zu sein. Man erinnert sich an einzelne Etappen, an Stimmungen und an Szenen. Nur nicht an die Reise als Ganzes. „Silver Star – Alles oder nichts“ ist kein Unfall. Eher eine Fahrt, bei der man irgendwann auf den Kilometerstand schaut und feststellt, dass erstaunlich viel Strecke hinter einem liegt, ohne dass man dem Ziel wirklich nähergekommen wäre. Viel Talent sitzt im Wagen. Viel Potenzial liegt im Kofferraum. Nur die Route bleibt erstaunlich unentschlossen.

Silver Star – Alles oder nichts Film 2024
Silver Star ©Ascot Elite Home Entertainment

Fazit

„Silver Star – Alles oder nichts“ wirkt wie ein Film, der seinen Figuren gern mehr mitgegeben hätte, als er unterwegs tatsächlich findet. Zwischen Aufbruch und Orientierungslosigkeit liegt hier viel, das nachwirken könnte, aber zu selten wirklich hängen bleibt. So bleibt eine Geschichte mit Haltung, Talent und Eigensinn, die ihre eigene Richtung nie ganz findet. Kein Unfall, im Gegenteil: ein durchaus überzeugender Film. Aber eben auch eine Fahrt mit guten Aussichten, bei der man am Ende trotzdem nicht genau weiß, warum man ausgestiegen ist. 

Bewertung: 3 von 5.