La Gioia – Süchtig nach Dir
| Titel | La Gioia – Süchtig nach Dir |
| Genre | Thriller, Drama |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 16 |
| Regie | Nicolangelo Gelormini |
Heimkinostart: 03.09.2026
Eine wahre Geschichte zwischen Liebe und Tod
Blut. Schockmomente. Creature-Effekte. Das Horrorgenre kann ziemlich laut sein, konfrontativ, schnell und direkt. Es weiß, wann etwas aus dem Dunkeln springen muss, wann Knochen brechen und wann möglichst viel davon auf die Kamera spritzen sollte. Der Schrecken liegt dann offen herum, meistens irgendwo zwischen Gedärm und Spezialeffekt. Der wirklich unangenehme Horror braucht das alles allerdings nicht. Er versteckt sich dort, wo niemand mit ihm rechnet: in persönlichen Geschichten, in Verlust und Trauer, in Einsamkeit, in der Erkenntnis, dass ein Mensch einem anderen Menschen etwas antun kann, ohne dass dafür eine übernatürliche Kraft aus dem Keller steigen muss. Je weiter der Horror seine vertrauten Bahnen verlässt, desto interessanter wird er. Denn zwischen Drama und Horror verläuft ohnehin keine besonders stabile Grenze. Manchmal reicht eine Kamera, die einen Augenblick zu lange auf einem Gesicht bleibt. Ein Musikstück, das eine eigentlich harmlose Szene plötzlich falsch klingen lässt. Ein Raum, der auf einmal nicht mehr wie ein Zuhause aussieht. Schon schimmert durch das Drama etwas Unheimliches hindurch. „La Gioia – Süchtig nach Dir“ ist so ein Film. Niemand würde ihn auf den ersten Blick ins Horrorgenre stecken. Nicolangelo Gelorminis Film ist ein entschleunigtes Drama, ein Liebesfilm mit ausgesprochen ungünstigen Vorzeichen und die Verfilmung eines realen Kriminalfalls. Und trotzdem wohnt in ihm etwas, das sich mit zunehmender Laufzeit immer schwerer als bloße Tragödie abschütteln lässt. Vielleicht liegt das auch daran, dass hier keine erfundene Monstergeschichte erzählt wird, sondern eine menschliche. Das Unheimliche braucht in „La Gioia – Süchtig nach Dir“ weder Maske noch Krallen. Es trägt ein freundliches Gesicht, lächelt, erzählt von einer gemeinsamen Zukunft und wartet geduldig darauf, dass jemand ihm glaubt.

Gioia Montefiori (Valeria Golino) ist Französischlehrerin, lebt bei ihren Eltern und hat sich in einem Alltag eingerichtet, der eher aus Wiederholungen als aus Ereignissen besteht. Die Liebe kennt sie vor allem aus Büchern, aus den großen Gefühlen anderer Menschen, die sich zwischen zwei Buchdeckeln wesentlich leichter erleben lassen als im wirklichen Leben. Dann begegnet sie Alessio (Saul Nanni), einem jungen Schüler, der aus einer schwierigen familiären Situation kommt und ihr erstmals das Gefühl vermittelt, selbst etwas wert zu sein. Zwischen Französischunterricht und vorsichtigen Annäherungen entsteht eine Beziehung, die für Gioia bald mehr bedeutet als ein harmloser Kontakt. Alessio gibt ihr das Gefühl, begehrt zu werden. Er gibt ihr eine Geschichte, in der ihr bisheriges Leben plötzlich nur noch wie das Vorher aussieht. Als er von einer Möglichkeit erzählt, mit Immobiliengeschäften ein neues Leben aufzubauen, glaubt Gioia an ihn. Sie investiert ihre Ersparnisse in diese Zukunft. Dass hinter Alessios Charme etwas nicht stimmt, spürt man lange bevor Gioia es wahrhaben will. Und je näher sie ihrem erträumten neuen Leben kommt, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass dieses Leben womöglich niemals existiert hat. Das Unheimliche an „La Gioia – Süchtig nach Dir“ beginnt nicht mit einem Mord. Es beginnt mit einer Fantasie. Gioia hat so lange darauf gewartet, dass endlich etwas geschieht, dass sie kaum noch unterscheiden kann, ob tatsächlich etwas geschieht oder ob sie lediglich eine Geschichte gefunden hat, in der sie endlich selbst vorkommt. Alessio muss sie dafür nicht einmal besonders raffiniert manipulieren. Er muss ihr lediglich das anbieten, wonach sie sich ohnehin sehnt. Ein bisschen Aufmerksamkeit. Ein bisschen Begehren. Eine gemeinsame Zukunft, die weit genug entfernt liegt, damit sie niemand überprüfen muss. Die üblichen Versprechen für Menschen, die mit ihrem bisherigen Leben nicht mehr glücklich sind. Damit wird Alessio zur interessantesten Figur des Films. Kein eindimensionales Monster, und genau das macht ihn gefährlich. Er ist manipulativ, gewiss. Er weiß, was Gioia hören möchte, und versteht es, ihre Sehnsucht für seine Zwecke zu benutzen. Gleichzeitig besitzt er jene schwer greifbare Menschlichkeit, die immer wieder durch die Maske des Betrügers dringt. Für einen Augenblick scheint da tatsächlich ein guter Kerl zu sein. Dann wieder jemand, bei dem man sich fragt, wie viel von diesem guten Kerl überhaupt echt ist.

Die schönste Lüge ist manchmal die gefährlichste
„La Gioia – Süchtig nach Dir“ interessiert sich für diesen Widerspruch, findet aber nicht immer die Konsequenz, die darin stecken könnte. Denn eigentlich wäre Alessio eine Figur, an der sich die gesamte Tragik des Films entzünden könnte: ein Mensch, der gelernt hat, Nähe vorzutäuschen, weil ihm selbst womöglich nie beigebracht wurde, wie echte Nähe funktioniert. Auch Gioia ist in dieser Hinsicht weniger Opfer einer einzelnen Lüge als ihrer eigenen Sehnsucht. Sie möchte nicht unbedingt Alessio. Sie möchte das Leben, das sie mit Alessio verbindet. Das ist ein entscheidender Unterschied. Ihr Begehren richtet sich auf einen Menschen und gleichzeitig auf die Möglichkeit, durch diesen Menschen jemand anderes zu werden. Plötzlich ist sie nicht mehr die Frau im Haus ihrer Eltern, nicht mehr die Lehrerin, die Flaubert über die Liebe lesen lässt. Plötzlich ist sie begehrt. Plötzlich gibt es eine Zukunft. Und der Film findet für diese Verwandlung einige seiner schönsten Bilder. Denn wenn „La Gioia – Süchtig nach Dir“ wirklich etwas beherrscht, dann ist es Atmosphäre. Gelormini lässt die Realität immer wieder aufbrechen und in Gioias Vorstellung übergehen. Die Kamera betrachtet Menschen und Räume nicht einfach, sondern scheint gelegentlich zu fragen, wie diese Dinge in einem Traum aussehen würden. Fantasie gesellt sich zur Wirklichkeit, weil Gioia selbst längst damit begonnen hat, ihre Wirklichkeit umzuschreiben. Das macht die Bildsprache stellenweise beinahe märchenhaft, bevor sie wieder in etwas Düsteres kippt. Ein romantischer Song kann aus einer gewöhnlichen Begegnung plötzlich eine Liebesszene machen. Eine Überblendung kann einen Moment länger schweben lassen, als es die Realität eigentlich erlauben würde. Und die Musik von Tóti Guðnason besitzt dieses eigentümliche Talent, eine Szene nicht einfach zu begleiten, sondern ihr eine zweite Bedeutung unterzuschieben. Auch die Kamera findet immer wieder Bilder, in denen sich diese Verschiebung zwischen Traum und Realität bemerkbar macht. Räume wirken zu groß, Menschen darin zu klein. Vertraute Orte bekommen etwas Fremdes. Das Licht arbeitet mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten und kann aus einer scheinbar alltäglichen Umgebung einen Ort machen, an dem man lieber nicht alleine wäre. Gelormini besitzt ein Gespür dafür, dass Orte Geschichten erzählen können, noch bevor eine Figur den Mund aufmacht. Nur schöpft der Film dieses Gespür nicht immer vollständig aus.

„La Gioia – Süchtig nach Dir“ besitzt die Mittel, um aus einem Drama einen wirklich beklemmenden Albtraum zu machen, zieht sie aber nicht konsequent genug durch. Immer wieder blitzt etwas auf, das größer, böser und verspielter ist als das eigentliche Drama. Dann verschwindet es wieder. Die Kamera findet einen ungewöhnlichen Winkel, die Musik legt sich wie eine dunkle Ahnung über die Szene, die Fantasie bricht in die Realität ein – und anschließend kehrt der Film doch wieder in seine vergleichsweise konventionelle Erzählweise zurück. Man erkennt die Möglichkeit eines wesentlich radikaleren Films, ohne dass er sie immer nutzt. Das fällt besonders deshalb auf, weil die Geschichte selbst eigentlich nach Konsequenz verlangt. Ein Mensch verkauft seinen Körper. Eine Frau setzt ihre gesamten Ersparnisse auf die Liebe. Ein junger Mann manipuliert jemanden, der emotional kaum etwas besitzt, außer der Hoffnung, dass sich daran noch etwas ändern könnte. Das ist bereits Horror genug. Dafür braucht es keine Leiche und keinen Jumpscare. „La Gioia – Süchtig nach Dir“ versteht das. Aber der Film scheint seiner eigenen Erkenntnis nicht immer vollständig zu vertrauen. Auch das Drama selbst bleibt dadurch stellenweise etwas zu sehr an der Oberfläche. Gioias Einsamkeit wird sichtbar gemacht, aber nicht immer so tief empfunden, wie es möglich wäre. Ihre Abhängigkeit von der eigenen Fantasie, ihre Beziehung zu den Eltern, ihr Verhältnis zu Alessio – all das besitzt interessante Bruchstellen, doch der Film verweilt nicht immer lange genug dort, wo es wirklich weh tun könnte. Er deutet viel an und vertraut auf seine Bilder, wo manchmal eine größere emotionale Konsequenz notwendig gewesen wäre. Das ist schade, weil gerade die Form zeigt, was in „La Gioia – Süchtig nach Dir“ steckt. Gelormini könnte aus diesem Stoff einen Film machen, in dem die Grenzen zwischen Liebesgeschichte, Drama und Horror vollständig verschwimmen. Einen Film, bei dem man irgendwann nicht mehr weiß, ob man gerade Gioias Traum betrachtet oder bereits dessen Albtraum. Stattdessen stehen die einzelnen Elemente häufig noch ein wenig zu deutlich nebeneinander: die romantischen Momente, die düsteren Bilder, die Musik, der reale Kriminalfall, die psychologische Manipulation. Sie ergeben ein stimmungsvolles Ganzes, aber nicht immer jene zwingende Einheit, die daraus etwas wirklich Verstörendes machen würde. Denn der Horror liegt längst da. In der Einsamkeit einer Frau, die so verzweifelt nach einem anderen Leben sucht, dass eine Lüge zur Hoffnung werden kann. In einem jungen Mann, der gelernt hat, Begehren als Währung zu benutzen. In der Vorstellung, ein anderer Mensch könne einen aus dem eigenen Leben retten. Und in dem Moment, in dem man erkennt, dass diese Rettung vielleicht nie etwas anderes war als eine gut beleuchtete Falltür. „La Gioia – Süchtig nach Dir“ findet dafür immer wieder die richtigen Bilder. Manchmal auch die richtigen Töne. Nur wagt sich der Film nicht konsequent genug in jene Dunkelheit, die längst unter seiner Oberfläche wartet.

Fazit
„La Gioia – Süchtig nach Dir“ ist am stärksten, wenn Gelormini seiner Geschichte erlaubt, unangenehm und schwer greifbar zu werden. Die formale Eleganz ist da, ebenso das Gespür für leisen Schrecken. Was fehlt, ist der letzte Schritt: der Mut, aus der Tragödie einen Film zu machen, der einem noch ein wenig länger im Nacken sitzt.



