Nervenkitzel
| Titel | Nervenkitzel |
| Genre | Drama |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Salvador Calvo |
Starttermin: 14.08.2026 | Netflix
Nervenkitzel auf Netflix – im wahrsten Sinne des Wortes?
Die Bestie im Menschen hat viele Gesichter. Sie kann Glücksspiel, Alkohol oder Kokain heißen, aber auch Macht, Erfolg und die niemals endende Jagd nach Reichtum. Manchmal trägt sie einen Helm, spannt die Arme zum Fliegen aus und stürzt sich freiwillig in die Tiefe. Die Bestie heißt Adrenalin, fühlt sich wie Freiheit an und verlangt doch jedes Mal nach mehr. Einen höheren Berg. Einen tieferen Fall. Einen größeren Kick. Und während der Verstand die Gefahr längst begriffen hat, lechzt der Körper bereits nach dem nächsten Adrenalinschub. Die Bestie will gefüttert werden. Genau davon erzählt “Nervenkitzel”. Nicht nur von Menschen, die aus schwindelerregenden Höhen springen, sondern von einer Leidenschaft, die sich irgendwann kaum noch von einer Sucht unterscheiden lässt. Vom Rausch der Freiheit, der ausgerechnet dort am stärksten wird, wo der Tod bereits mit am Fallschirm hängt. Salvador Calvo interessiert sich dabei weniger für die Frage, ob solche Menschen verrückt sind. Viel interessanter ist, warum sie sich in der Gefahr überhaupt so lebendig fühlen. Der Titel La fiera – die Bestie – wie das spanische Netflix Original in seiner Heimat heißt kommt dabei nicht von ungefähr: Calvo ließ sich vom Buch “Feeding the Beast” von Al Álvarez inspirieren, das den Drang von Extremsportlern beschreibt, ihre eigenen Grenzen immer weiter hinauszuschieben.

In „Nervenkitzel“ ist die Grenze zwischen dramatischer Zuspitzung und bitterer Realität dünn. Was wie die dramaturgische Überhöhung eines Drehbuchs klingt, ist tatsächlich passiert: Netflix erzählt die wahre Geschichte von fünf spanischen Pionieren des BASE-Jumpings: Carlos Suárez (Carlos Cuevas), Armando del Rey (Miguel Bernardeau), Darío Barrio (Miguel Ángel Silvestre), Manolo Chana (José Manuel Poga) und Álvaro Bultó (David Marcé). Sie springen von Bergen, Felsen und Bauwerken, reisen um die Welt und suchen gemeinsam nach dem nächsten Ort, an dem aus einem freien Fall für wenige Sekunden das Gefühl des Fliegens wird. Doch aus der Freundschaft wird eine Geschichte über Verluste. Chana stirbt 2010, Bultó und Barrio folgen 2013 und 2014 bei tödlichen Unfällen. Und dann wird “Nervenkitzel” aus der ohnehin schon tragischen Vorlage beinahe eine metafilmische Tragödie: Carlos Suárez selbst, dessen Leben der Film erzählen wollte und der die Produktion als Berater begleitete, stirbt am 1. April 2025 bei einem Unfall während der Vorbereitung einer Filmszene. Der Film über Menschen, die der Bestie immer wieder ins Maul springen, wird damit selbst von der Realität eingeholt.

Wenn die wahre Geschichte mehr trägt als das Drehbuch
Wer auf Netflix nach „Nervenkitzel“ sucht, dürfte dank der schwammigen Logik von Suchalgorithmen zunächst bei allerlei Filmen und Serien landen, die das Versprechen ihres Titels weitaus großzügiger auslegen. Bei „Nervenkitzel“ könnte der Name allerdings tatsächlich Programm sein. Denn auch wenn das Drehbuch seine Figuren kaum über die Oberfläche hinaus auslotet, ein Großteil der Dialoge zu sehr auf behauptete Gefühle setzt und die Dramaturgie oft kaum zu erkennen ist, erzeugt das Quasi-Biopic in seinen entscheidenden Momenten ein Unbehagen, das seine Kraft allerdings weniger aus dem Erzählten als aus der Realität hinter dieser Geschichte bezieht. Wenn diese Männer springen, bleibt wenig Zeit für dramaturgische Umwege. Dann geht es hinab, mit hoher Geschwindigkeit und dem Wissen, dass hier nicht bloß Schauspieler für eine spektakuläre Einstellung an einer Felswand stehen. Passend zu seinem wahren Kern arbeitet „Nervenkitzel“ mit dokumentarischen Elementen. Interviews und eine beinahe dokumentarische Perspektive lassen die Geschichte immer wieder so wirken, als würde hier nicht einfach ein Drama nachgestellt, sondern ein bereits vergangenes Leben rekonstruiert. Die Grenze zwischen Spielfilm und Dokumentation wird dadurch bewusst porös – und angesichts dessen, was während der Entstehung tatsächlich geschah, bekommt dieses Spiel mit der Realität eine beklemmende zweite Ebene.

Mehr als das hält das Netflix Original allerdings kaum bereit. Der Umgang mit dem mit jedem weiteren Sprung statistisch näher rückenden Tod wird zwar thematisiert und zieht sich durch die gesamte Geschichte, doch sobald der Film erklären müsste, was diese Menschen eigentlich antreibt, wird es erstaunlich banal. „No risk, no fun“, „Das Leben ist zu kurz“ – immer dann, wenn Figurenzeichnung gefragt wäre. Die Männer springen, weil sie springen wollen. Sie wollen höher hinaus, schneller fliegen, den nächsten Kick. Warum dieser Drang irgendwann stärker wird als die Angst vor dem eigenen Tod, bleibt dagegen weitgehend offen. Statt die reale Gefahr ins Zentrum zu rücken und die Sprünge, die man in dieser Form auch in jeder Dokumentation sehen kann, erzählerisch an den Rand zu packen, bleibt der Tod vor allem eine Abfolge von Reaktionen. Angehörige weinen. Freunde brechen in Tränen aus. Partnerinnen sinnieren über ein Leben an der Seite eines Mannes, der sich offenbar sehenden Auges dem Tod aussetzt. Doch was sie bei ihm hält, warum sie diese Obsession mittragen und weshalb ausgerechnet diese Männer für sie wichtiger sind als die Angst vor dem nächsten Sprung, wird nicht erzählt. Die Trauer ist da. Die Beziehung dahinter fehlt. So reiht sich ein Todesfall an den nächsten, ohne dass daraus ein wirklicher Spannungsbogen entsteht. Ein Sprung, ein Unfall, die Trauer, der nächste Sprung. Dann wieder von vorn. Es wiederholt sich. Immer wieder und wieder. Und darin steckt durchaus eine interessante Ironie: „Nervenkitzel“ führt vor, wie sinnlos dieser Kick werden kann, wenn immer nur der nächste Sprung zählt. Nur wirkt diese Erkenntnis weniger wie das Ergebnis einer klugen Dramaturgie als wie etwas, das der Film trotz seiner eigenen Schwächen nebenbei produziert. Der Nervenkitzel nutzt sich ab. Das Werk leider ebenfalls.

Fazit
„Nervenkitzel“ fesselt nicht durch sein Drehbuch, sondern durch die erbarmungslose Realität. Ein bittersüßer, repetitiver Rausch, bei dem der Tod Regie führt – nur ohne dass die Ohnmacht der Zurückgebliebenen spürbar wird.


