En coma – Zwischen Leben und Tod
| Titel | En coma – Zwischen Leben und Tod |
| Genre | Drama |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Creator | Ana Piñeres, Clara María Ochoa |
Starttermin: 11.09.2026 | Netflix
Wenn Netflix den Algorithmus zum Versuchslabor macht
Streaming kann ziemlich monoton sein. Immer dieselben Geschichten, dieselben Reize, dieselben sauber ausgerechneten Bedürfnisse einer Zielgruppe, die bloß nicht auf die Idee kommen darf, zwischendurch etwas anderes zu tun. Viel muss passieren. Möglichst schnell. True Crime funktioniert sowieso, morbide Morde gehen immer, dazu Thriller, Geheimnisse, Enthüllungen und Wendungen, noch eine Wendung und vielleicht sicherheitshalber gleich die nächste hinterher. Tiefgang ist schön, aber ein Cliffhanger hält offenbar besser wach. Leicht verdauliche Kost für eine Zeit, in der niemand mehr sicher sein kann, ob während einer ruhigen Dialogszene nicht bereits das Handy gezückt wird. Die Liste der Vorwürfe gegen Streaming ist lang. Verdammt lang. Wer danach sucht, findet wahrscheinlich schneller einen neuen Kritikpunkt als Netflix eine weitere Serie über einen ungeklärten Mordfall. Ganz so einfach ist es trotzdem nicht. Denn ausgerechnet dort, wo Algorithmen das Erzählen immer stärker normieren, entsteht gleichzeitig Platz für Dinge, die im Kino inzwischen kaum noch jemand anfassen würde. „Black Mirror: Bandersnatch“ ließ das Publikum selbst über den Fortgang entscheiden, „Unbreakable Kimmy Schmidt: Kimmy vs. the Reverend“ machte aus demselben Prinzip eine Komödie, „Kaleidoscope“ spielte mit der Reihenfolge seiner Episoden. Mal funktioniert so etwas, mal weniger. Experiment bleibt Experiment. Interessant wird es allerdings dann, wenn eine neue Form gar nicht gegen die Regeln des Streamings rebelliert, sondern sie derart konsequent weiterdenkt, dass sie irgendwann selbst wie deren Diagnose aussieht. Und damit wären wir bei „En coma – Zwischen Leben und Tod“.

Wer „En coma – Zwischen Leben und Tod“ anklickt und zunächst die Zahl 50 sieht, dürfte kurz irritiert sein. Fünfzig Episoden? In einer Zeit, in der manche Produktionen nach acht Folgen bereits wirken, als hätten sie eine mehrjährige Verpflichtung hinter sich? Früher waren 20 oder 24 Episoden pro Staffel nichts Besonderes, heute gelten zehn beinahe schon als Langstrecke. Nur täuscht die Zahl. Die einzelnen Kapitel von „En coma – Zwischen Leben und Tod“ dauern meist irgendwo zwischen drei und sechs Minuten. Die kürzesten schaffen nicht einmal drei. Zieht man davon noch den jeweils rund anderthalbminütigen Abspann ab, bleibt manchmal kaum mehr Nettoerzählzeit übrig als für ein etwas ausführlicheres TikTok. Das ist fast schon faszinierend konsequent. Kurze Häppchen. Schnelle Reize. Ein paar Informationen, eine neue Entwicklung, vielleicht noch ein kleiner Schock und dann steht bereits wieder der Abspann am Fußende. Der Serienkörper ist kaum auf der Liege angekommen, da wird schon die nächste Episode hereingeschoben. Für längere Untersuchungen fehlt offenbar die Zeit. Soll das die Zukunft der Serie sein? Hoffentlich nicht. Dabei wäre die Laufzeit selbst eigentlich gar nicht das Problem. Drei Minuten können reichen. Eine Minute kann reichen. Geschichten besitzen keine vorgeschriebene Mindestgröße. „En coma – Zwischen Leben und Tod“ behandelt seine Kürze allerdings nicht als Herausforderung, sondern zunehmend wie einen Freibrief, auf so ziemlich alles zu verzichten, was zwischen zwei Handlungspunkten normalerweise passieren müsste. Dabei besitzt die kolumbianische Netflix-Produktion durchaus eine Ausgangslage, aus der sich etwas machen ließe. Anabel (Rami Herrera) liegt nach einem gewaltsamen Vorfall im Koma. Ihr Körper ist ausgeschaltet, ihr Bewusstsein nicht. Rafael (Jerónimo Cantillo), ein Krankenpfleger mit einer ungewöhnlichen Wahrnehmung für Menschen zwischen Leben und Tod, kann mit ihr kommunizieren. Und Anabel hat allen Grund, dringend mit jemandem zu sprechen. Ihr Zustand ist keineswegs einfach das Ergebnis eines tragischen Unglücks, im Hintergrund laufen ganz andere Dinge, und während sie selbst keinen Finger bewegen kann, wird über einen Körper verfügt, dessen Herz für jemand anderen vorgesehen ist.

Wenn der Monitor hektischer schlägt als die Geschichte
Eigentlich eine ziemlich gemeine Idee. Jemand bekommt alles mit, versteht die Gefahr, kann sich aber nicht bemerkbar machen. Der eigene Körper wird zum verschlossenen Zimmer, während draußen Menschen darüber entscheiden, was mit ihm geschehen soll. Viel unmittelbarer lässt sich Kontrollverlust kaum erzählen. „En coma – Zwischen Leben und Tod“ hat dafür nur leider selten Zeit. Denn immer dann, wenn eine Situation eigentlich erst einmal wirken müsste, passiert bereits die nächste. Figuren werden eingeführt, Beziehungen behauptet, neue Konflikte geöffnet, Geheimnisse angedeutet und Wendungen verteilt, als würde jemand neben dem Krankenbett gleichzeitig fünf Infusionen anschließen und hoffen, dass die Mischung schon irgendwie passt. Exposition wird nicht elegant verkürzt. Sie wird häufig schlicht übersprungen. Dramaturgie entsteht nicht aus dem, was vorher passiert ist, sondern daraus, dass jetzt eben irgendetwas anderes passiert. Und wenn eine Verbindung zwischen zwei Szenen vielleicht etwas ausführlicher erklärt werden müsste, beginnt ohnehin gleich wieder der Abspann. Praktisch. Bis der vorbei ist und Netflix das nächste Kapitel angeworfen hat, soll man offenbar gar nicht mehr so genau wissen, ob der Übergang gerade Sinn ergeben hat. Hauptsache der Monitor schlägt weiter aus. Noch ein Geheimnis. Noch eine Enthüllung. Noch jemand mit irgendeiner Verbindung zu irgendwem. Die Kurve bewegt sich ständig, also könnte man meinen, der Patient sei ausgesprochen lebendig. Nur ist ein hektischer Puls eben noch kein Zeichen von Gesundheit. Genau darin liegt das eigentliche Problem von „En coma – Zwischen Leben und Tod“. Die hohe Schlagzahl erzeugt permanent das Gefühl, hier würde wahnsinnig viel passieren. Und tatsächlich passiert auch wahnsinnig viel. Nur wird daraus erstaunlich wenig. Geschwindigkeit ersetzt Entwicklung, Wendungen übernehmen die Arbeit der Dramaturgie und Figuren existieren oft gerade lange genug, um die nächste Information von einer Szene in die andere zu tragen. Kaum hat etwas Bedeutung bekommen, muss bereits das nächste Ereignis herein. Die Netflix Serie besitzt keine Ruhephasen, weil Ruhe offenbar mit Stillstand verwechselt wird. Dabei müsste gerade diese Geschichte wissen, dass Stillstand nicht dasselbe bedeutet wie Leere.

Anabel liegt schließlich bewegungslos da und könnte trotzdem das interessanteste Zentrum der ganzen Erzählung sein. Ihr Zustand bietet Kontrolle und Kontrollverlust gleichzeitig, Leben und die unmittelbare Möglichkeit des Todes, Wahrnehmung ohne Handlungsmacht. Statt daraus Spannung wachsen zu lassen, läuft „En coma – Zwischen Leben und Tod“ jedoch meistens daran vorbei. Bloß nicht zu lange irgendwo verweilen. Der nächste Plotpunkt wartet bereits vor der Tür. Was dabei übrig bleibt, erinnert letztlich an eine temperamentvolle lateinamerikanische Seifenoper, der man sämtliche Atempausen herausgeschnitten hat. Große Gefühle, Intrigen, Geheimnisse, Bedrohungen, Beziehungen und immer wieder neue Enthüllungen – nur alles auf wenige Minuten zusammengestaucht. Wo früher eine Telenovela aus einer dramatischen Erkenntnis problemlos eine halbe Episode gemacht hätte, bleiben hier vielleicht dreißig Sekunden, ehe schon wieder jemand etwas Neues weiß. Das macht „En coma – Zwischen Leben und Tod“ nicht automatisch modern. Es macht die Serie vor allem schnell. Sehr schnell. So schnell, dass sie irgendwann selbst kaum noch hinterherkommt. Das Kurioseste daran ist, wie sauber dieses Erzählprinzip zu genau jenen Streamingmechanismen passt, die ursprünglich vielleicht dafür sorgen sollten, dass niemand abschaltet. Nichts darf lange dauern, nichts zu ruhig werden, ständig muss ein neuer Reiz kommen. „En coma – Zwischen Leben und Tod“ zieht daraus beinahe die logische Schlussfolgerung und entfernt irgendwann auch noch das letzte bisschen Zeit zwischen den Reizen. Heraus kommt eine Serie, die ununterbrochen Lebenszeichen sendet und dabei zunehmend den Eindruck macht, als müsste man gerade deshalb überprüfen, ob da überhaupt noch jemand bei Bewusstsein ist. Man kann fünfzig Folgen also tatsächlich ziemlich schnell wegschauen. Man kann sich von Wendung zu Wendung tragen lassen, immer noch eine Episode starten, weil drei Minuten schließlich kaum der Rede wert sind. Und irgendwann stellt man fest, dass man eine erstaunliche Menge Handlung gesehen hat, ohne dass davon besonders viel hängen geblieben wäre. Vielleicht ist „En coma – Zwischen Leben und Tod“ damit tatsächlich ein Experiment. Nur nicht unbedingt eines, das man fortsetzen sollte. Der Patient liegt im Koma. Die lebenserhaltenden Maßnahmen dürfen eingestellt werden.

Fazit
„En coma – Zwischen Leben und Tod“ zuckt, piept und produziert zuverlässig neue Ausschläge auf dem Monitor. Irgendwann muss man sich trotzdem eingestehen, dass hektische Lebenszeichen noch keine Aussicht auf Erwachen sind. Das Experiment ist beendet. Der Patient bleibt im Koma. Man darf den Stecker ziehen.


