Protector
| Titel | Protector |
| Genre | Action, Thriller |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 16 |
| Regie | Adrian Grunberg |
Starttermin: 26.08.2026 | Prime Video
Härter als Liam Neeson? Milla Jovovich schießt sich durch Prime Video
Es gibt im Actionkino eine ziemlich zuverlässige Methode, aus einem durchschnittlichen Menschen eine hocheffiziente Tötungsmaschine zu machen: Man nehme ein Kind, lasse es verschwinden und gebe dem zurückgelassenen Elternteil anschließend eine möglichst große Auswahl an Schusswaffen. Schon transformiert sich eine Familiengeschichte in einen blutigen Rachefeldzug. Der moralische Kompass darf dabei getrost zu Hause bleiben. Schließlich geht es um das eigene Kind. Spätestens Liam Neeson hat dieses Prinzip mit „96 Hours – Taken“ zum Naturgesetz gemacht. Ein paar Telefonate, eine entführte Tochter und schon mutierte der besorgte Vater zum internationalen Problemlöser, der selbst den mächtigsten Menschenhändlerring mit der Konsequenz einer Naturgewalt zerlegte. Seitdem geht es eigentlich Schlag auf Schlag. In „Peppermint“ wurde aus einer Mutter eine Ein-Frau-Rachearmee, in „Silent Night – Stumme Rache“ aus einem Vater eine wortlose Tötungsmaschine und in „The Retirement Plan“ selbst aus dem scheinbar harmlosen Opa eine wandelnde Nahkampfwaffe. Das Muster ist dabei immer dasselbe: Elternliebe wird zur moralischen Generalvollmacht. Was unter normalen Umständen als bedenklich, brutal oder schlicht strafbar gelten würde, bekommt plötzlich einen Heiligenschein, sobald irgendwo ein Kinderfoto auf dem Nachttisch liegt. Folter als verständliche Konsequenz. Mord als unangenehmes, aber nachvollziehbares Werkzeug. Man muss schließlich Prioritäten setzen. Hollywood hat die Elternliebe damit längst zur ultimativen Action-Superkraft erklärt. Und „Protector“ treibt dieses Prinzip auf Amazon Prime Video nun konsequent weiter, indem eine Liam Neeson-eske Vaterfigur kurzerhand durch eine nicht weniger entschlossene Mutter ersetzt wird. Nicht irgendeine Mutter allerdings, sondern Nikki Halsted, gespielt von Milla Jovovich, die neben ihrem Beschützerinstinkt auch noch eine Vergangenheit als Elitesoldatin mitbringt. Die Waffe ist bereits geladen. Es fehlt nur noch der Grund, sie abzufeuern.

Und den liefert „Protector“ ziemlich schnell. Nikki hat einen beträchtlichen Teil ihres Lebens im Dienst der US-Armee verbracht und dabei mehr Zeit im Krieg als bei ihrer Tochter Chloe, gespielt von Isabel Myers, verbracht. Nach dem Tod ihres Mannes versucht sie deshalb, die verlorenen Jahre nachzuholen und mit der inzwischen sechzehnjährigen Chloe so etwas wie ein normales Familienleben aufzubauen. Ein schwieriges Unterfangen, denn zwischen einer Mutter, die ihre Tochter beschützen möchte, und einer Jugendlichen, die lieber ihr eigenes Leben lebt, liegen naturgemäß ein paar Welten. Als Chloe an ihrem Geburtstag mit Freunden ausgeht, gerät sie allerdings an Ben Blaine, der Teil eines Menschenhändlerrings ist. Das Mädchen wird unter Drogen gesetzt und verschleppt. Für Nikki ist damit Schluss mit Familienversöhnung, vorsichtigem Annähern und allen anderen zivilisierten Formen der Problemlösung. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Tochter und stößt dabei auf eine Organisation, die deutlich größer ist als ein gewöhnlicher Entführerring. Und weil eine ehemalige Elitesoldatin natürlich nicht einfach nur ermitteln kann, beginnt bald das, was das Genre eben verlangt, sobald eine Mutter ihr Kind verliert: Menschen sterben. Nikki arbeitet sich durch die Strukturen des Syndikats, während Polizei und Militär Jagd auf sie machen. Denn ihre Vergangenheit hat sie noch lange nicht hinter sich gelassen. Die Tochter muss zurück. Der Rest ist Kollateralschaden.

„96 Hours“ mit Mutterinstinkt – aber ohne roten Faden
Militär bedeutet, Leben zu nehmen. Mutter sein heißt, Leben zu schenken. Nikki kennt beides – und mehr, so scheint zumindest das Drehbuch zu glauben, müssen wir über sie auch nicht wissen. Adrian Grunberg, der nach „Rambo: Last Blood“ und „The Black Demon“ erneut ein ziemlich grobmotorisches Verhältnis zur Dramaturgie pflegt, reduziert seine Hauptfigur auf zwei Etiketten: Soldatin. Mutter. Dazwischen herrscht erstaunlich viel Leerstand. Was Nikki denkt, was sie außer Schuldgefühlen, Beschützerinstinkt und militärischer Konditionierung eigentlich ausmacht, bleibt weitgehend ausgespart. Das wäre bei einem kompromisslosen B-Film nicht automatisch ein Problem. Figuren müssen nicht immer seziert werden, bis nur noch Psychologieprotokoll übrig ist. Aber „Protector“ möchte immer wieder so tun, als würde unter seiner Patronenhülsenoberfläche ein ernsthaftes Mutter-Tochter-Drama schlagen. Genau dafür fehlt ihm dann jedoch das Material. Er behauptet Nähe, wo vorher kaum Beziehung aufgebaut wurde, beschwört Reue, wo keine Vergangenheit spürbar geworden ist, und verlangt emotionale Beteiligung an einer Bindung, die vor allem aus Drehbuchinformationen besteht. Dazu passt, dass auch Milla Jovovich für diese Art von Zwischenton nicht unbedingt die Idealbesetzung ist. Körperlichkeit kann sie, Härte sowieso. Wenn sie mit eingefrorenem Blick durch einen Raum geht, eine Waffe hebt oder den nächsten Gegner wie ein logistisches Problem behandelt, funktioniert das. Sobald „Protector“ jedoch in den Bereich innerer Zerrissenheit vordringen will, wird es dünn. Jovovich spielt Nikki nicht schlecht, weil sie zu wenig tut, sondern weil bei ihr emotional fast alles auf derselben Frequenz liegt: angespannt, grimmig, noch angespannter. Ihre Figur trägt Trauer, Schuld, Wut und Mutterliebe mit ungefähr derselben Gesichtsmuskulatur. Das mag zu einer Soldatin passen, die gelernt hat, Gefühle wegzusperren; der Film gibt diesem möglichen Gedanken aber keinerlei Form. Also bleibt am Ende weniger kontrollierte Verhärtung als schlichte Ausdrucksarmut. Ein Problem, das umso stärker auffällt, weil „Protector“ seine Hauptfigur fast permanent ins Zentrum stellt und von ihr verlangt, einen Film zu tragen, der ihr selbst kaum etwas zum Spielen gibt.

Auch der Beginn wirkt, als hätte das Drehbuch keine Lust, seine Voraussetzungen glaubhaft einzurichten und würde stattdessen möglichst schnell zur nächsten roten Markierung auf dem Plotplan springen. Chloe will an ihrem Geburtstag raus, Nikki klammert, die Tochter widerspricht – und wenige Minuten später ist sie verschwunden. Dass eine Mutter, die einen beträchtlichen Teil der Kindheit ihrer Tochter abwesend war, nun mit beinahe panischer Konsequenz jede Bewegung kontrolliert, könnte eine interessante Spannung ergeben. „Protector“ nutzt sie nicht. Er setzt sie einfach voraus. Ebenso mechanisch funktioniert die Entführung selbst. Ein Menschenhändlerring operiert in einer öffentlichen Bar in den USA, setzt eine Minderjährige unter Drogen und verschleppt sie mit einer Beiläufigkeit, als würde hier ein falsch geparkter Mietwagen abgeschleppt. Natürlich darf ein Thriller Zufälle, Zuspitzungen und Genreabkürzungen benutzen. „Taken – 96 Hours“ war schließlich auch kein sozialrealistisches Protokoll internationaler Kriminalität. Aber dessen Mechanik besaß wenigstens eine innere Logik. Man wusste, wer wen sucht, warum eine Spur zur nächsten führt und welche Konsequenz sich daraus ergibt. „Protector“ reiht dagegen Handlungssplitter aneinander und hofft, Geschwindigkeit könne Kausalität ersetzen. Besonders deutlich wird das im Voice-over, das wie ein notdürftig verlegtes Verlängerungskabel durch das Amazon Exclusive läuft. Immer wenn die Handlung etwas erklären, eine Figur vertiefen oder schlicht einen sauberen Übergang bauen müsste, meldet sich die Stimme aus dem Off und verteilt Hintergrundinformationen, Plattitüden oder Pseudoweisheiten. Dann wird über Leben und Tod, Krieg und Mutterschaft, Schuld und Schutz gesprochen, als hätte jemand Kalendersprüche für Menschen mit Sturmgewehr gesammelt. Das Voice-over erzählt uns, wie Nikki sich fühlt, weil der Film keine Szene findet, in der wir es selbst erkennen könnten. Es erklärt Vergangenheit, weil diese in der Gegenwart nicht sichtbar wird. Und es klebt einzelne Fragmente zusammen, die ohne Kommentar noch deutlicher als Fragmente auffallen würden. Man könnte das schnörkellos nennen. Tatsächlich ist es häufig einfach erzählerisch bequem.

Bei aller Mutterliebe: Das war nichts, Amazon!
Diese Bequemlichkeit zieht sich auch durch die Action. Wenn sie einsetzt, wird „Protector“ immerhin ehrlicher. Dann hört der Film kurz auf, Tiefe zu simulieren, und macht das, was er tatsächlich kann: Körper aufeinanderprallen lassen. Die Gewalt kommt knapp, hart und mit einer gewissen Schmutzigkeit. Das hat seine Momente. Nur entsteht daraus noch keine gute Action. Menschen betreten Szenen, damit Nikki sie erledigen kann. Manche früher, manche später. Wer wann wie stirbt, ist dabei erstaunlich egal, weil der Film nie das Gefühl erzeugt, dass diese Menschen außerhalb ihrer Funktion als Zielscheibe existieren. Genau hier liegt das eigentliche Problem von „Protector“: Der Film behauptet permanent maximale emotionale Dringlichkeit und hält die Zuschauerschaft trotzdem auf Abstand. Chloe ist entführt, Nikki verzweifelt, die Zeit läuft – theoretisch müsste das ein Selbstläufer sein. Praktisch bleibt vieles merkwürdig unberührt. „Protector“ möchte Entführungsthriller, Mutter-Tochter-Drama, Militärverschwörung und Racheaction gleichzeitig sein, doch nichts davon bekommt Raum, um wirklich Gewicht zu entwickeln. So entsteht ein Film, der erstaunlich viel behauptet und erstaunlich wenig erzählt. Milla Jovovich darf schießen, schlagen und grimmig schauen, Adrian Grunberg Männer in relativ kurzer Taktung zu Boden schicken, und „Protector“ darf sich für knapp anderthalb Stunden einbilden, irgendwo zwischen „96 Hours – Taken“ und spätem Stallone-Kino seinen Platz gefunden zu haben. Hat er nicht. Dafür fehlen ihm Figuren, Spannung, Ideen und vor allem eine Geschichte, die mehr ist als die Summe ihrer Leichen.

Fazit
„Protector“ hat durchaus verstanden, warum dieses Rachekino seit „96 Hours – Taken“ so zuverlässig funktioniert: Man nimmt einem Elternteil das Kind, gibt ihm anschließend genügend Waffen und lässt die Moral dort zurück, wo sie ohnehin nur im Weg stehen würde. Nur reicht das allein eben nicht mehr. Zwischen den stakkatoartig verstreuten Schusswechseln klafft ein erzählerisches Vakuum, das auch das permanente Voice-over nicht zukleistern kann. Was bleibt, ist eine erstaunlich schematische Rachegeschichte, deren Figuren kaum über ihre Funktion im nächsten Handlungsschritt hinauskommen.


