„180“: Wenn aus Trauer stumpfe Wut wird
Gewalt erzeugt Gewalt. Es ist ein Mantra, das so alt ist wie das Erzählen von Geschichten selbst, ein unendlicher Teufelskreis, der in der Welt der Filme und Serien oft als emotionaler und erzählerischer Motor fungiert. Systemversagen trifft auf soziale Instabilität, strukturelle Benachteiligung paart sich mit dem menschlichen Drang nach Vergeltung. Wut entlädt sich in Gewalt – und erntet Gegengewalt – ein tragisches Naturgesetz, das auch im südafrikanischen Netflix Original „180“ zum Tragen kommt. Im Zentrum steht Zak (Prince Grootboom), ein Mann, der versucht hat, alles richtig zu machen. Er hat seiner dunklen Vergangenheit im organisierten Verbrechen von Johannesburg den Rücken gekehrt und strebt nach nichts Geringerem als bürgerlicher Normalität. Doch das Schicksal schlägt zurück.

Die Verzweiflung eines Vaters, der zusehen muss, wie seine Welt in Sekundenbruchteilen implodiert: Ein banaler Moment im Straßenverkehr, der binnen Sekunden zur Katastrophe eskaliert, leitet alles ein. Ein Streit mündet in einer Schießerei, bei der ein Querschläger seinen kleinen Sohn tödlich trifft. Es ist dieser Moment der totalen Ohnmacht, der „180“ antreibt. Es kann reichlich peinlich werden, wenn sich verzweifelte Eltern auf der Leinwand selbst um das Wohl ihrer Familie oder die Gerechtigkeit kümmern. Man denke nur an den Netflix-Fehlgriff „Straw“, wo statt echter Sozialkritik und fundiertem Storytelling lediglich Polemik und Kleingeist zum Tragen kamen. Wenn in „180“ das Krankenhaus die Behandlung verzögert, weil die Krankenversicherungsbeiträge ausblieben, und wenig später die bürokratische Trägheit der Polizei dafür sorgt, dass einer der Täter das Revier scheinbar konsequenzlos verlassen kann, ahnt man Schlimmes.

Teufelskreis von der Stange
Doch während „Straw“ jeden Seitenhieb verdient, den man ihm verpassen kann, wählt „180“ einen etwas anderen, wenn auch nicht unbedingt originelleren Weg. Die befürchtete plumpe Sozialkritik bleibt zwar weitgehend aus, wird aber durch eine ebenso bekannte „Man on a Mission“-Action ersetzt. Zak will das richten, was die Justiz nicht schafft – er will Rache für seinen Sohn. Und diese Rache verläuft leider in sehr bekannten Mustern. Der Film pendelt dabei unentschlossen zwischen schwerem Drama und Rache-Thriller. Die Melancholie trieft, die Bilder sind düster, die Inszenierung wirkt kompetent – aber es fehlt das gewisse Etwas, die atmosphärische Dichte, die einen wirklich packt. Handwerklich lässt sich wenig meckern; das südafrikanische Produktionsteam weiß, wie man einen modernen Thriller für ein globales Publikum optisch ansprechend aufbereitet. Es sieht nach „Quality Content“ aus, fühlt sich aber oft nur wie eine Pflichtübung an.

Ein großes Problem ist dabei Hauptdarsteller Prince Grootboom, dessen Verzweiflung eines trauernden Vaters in den ruhigen Momenten kaum trägt und eher Kitsch statt Gefühle bedient. Es fehlt die rohe, ungeschliffene Emotionalität, die eine solche Rolle benötigt, um das Publikum physisch mitfühlen zu lassen. Zudem stören die häufigen Einblicke in die Polizeiarbeit den Erzählfluss massiv. Anstatt die Spannung durch die Fokussierung auf Zaks Tunnelblick zu erhöhen, wird das Tempo immer wieder durch polizeiliche Standardprozeduren herausgenommen, die man schon in hundert anderen Krimis besser gesehen hat. Was bleibt, ist ein handwerklich solides Stück Thrillerkost, wie man es mittlerweile im Monatstakt von Netflix gewohnt ist. „180“ ist kein Totalausfall, er ist nur ein furchtbar gewöhnlicher Film, bei dem unter der Oberfläche einfach nichts passiert. Keine Emotionen, keine tiefergehende Figurenzeichnung.

Fazit
Südafrika zeigt mit „180“, dass es technisch mit den großen Produktionen mithalten kann. Schade nur, dass die Story dabei komplett auf der Strecke bleibt. Ohne emotionale Tiefe und mit einem Hauptdarsteller, der die Last der Rolle nicht tragen kann, bleibt der Film trotz seiner düsteren Atmosphäre merkwürdig belanglos.


