Eine Hauptfigur, die keine Sympathie verdient
Makellose Gesichter, perfekte Körper und beneidenswerte Lebensstile. Es gibt vermutlich keinen besseren Ort, um sich selbst glamourös in Szene zu setzen, als die sozialen Medien. Doch die Wahrheit hinter der perfekten Fassade sieht häufig ganz anders aus. Dank unzähliger Apps und Filter benötigt man inzwischen nicht einmal mehr große Kenntnisse im Grafikdesign, um ganz normale menschliche Makel verschwinden zu lassen und sich als Perfektion auf zwei Beinen zu inszenieren. Social Media ist fake – und „Not Okay“ legt den Finger unverblümt in die Wunde.

Als Schriftstellerin bekommt Danni Sanders nicht die Aufmerksamkeit, die sie sich wünscht. Doch das ändert sich schlagartig: Als sie auf ihrem Social-Media-Profil eine Reise nach Paris fingiert und nur wenige Minuten nach ihrem letzten Post genau an dem Ort, an dem sie sich markiert hat, ein Terroranschlag stattfindet, schenkt man ihr plötzlich von allen Seiten Aufmerksamkeit. Um den neu gewonnenen Trubel um ihre Person aufrechtzuerhalten, spinnt sie ihr Lügengeflecht weiter und manövriert sich immer tiefer in eine aussichtslose Situation – bis ihre Täuschung schließlich aufzufliegen droht.

Die perfekte Fassade bekommt Risse
Die kleinen Einblicke, die Influencerinnen und Influencer ihrer Followerschaft in Form von Fotos und Videos gewähren, gaukeln meist eine perfekte Welt vor. Doch die Realität spielt sich zwischen den Postings über kostspielige Reisen und delikate Speisen ab – und ist deutlich weniger makellos als das sorgfältig kuratierte Profil. So auch bei Danni, die sich immer tiefer in ihr Netz aus Lügen verstrickt, bis es irgendwann kein Zurück mehr für sie gibt. Dabei fängt alles vergleichsweise harmlos an. Bis zu dem Punkt, an dem die erfolglose Autorin sich als Überlebende eines Terroranschlags ausgibt, kann man ihr beinahe nicht einmal böse sein. Ab dann tut „Not Okay“ jedoch richtig weh – und genau das soll er auch. Die Social-Media-Satire findet genau das richtige Maß an Bissigkeit und verbindet ihren grundsätzlich heiteren Tonfall mit wohldosierten emotionalen Momenten, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Auch wenn sich „Not Okay“ über weite Strecken wie eine seichte Komödie anfühlt, brodelt es stets unter der vermeintlich heiteren Oberfläche.

Je weiter Danni ihre Rolle als traumatisierte Überlebende ausbaut, desto unangenehmer wird das Zuschauen. Das sorgt immer wieder für Fassungslosigkeit.Dabei macht Regisseurin Quinn Shephard zum Glück nicht den Fehler, Danni als Sympathieträgerin darzustellen. Der Film verlangt weder Verständnis für ihre Entscheidungen noch bietet er ihr einen bequemen Weg zur Läuterung. Stattdessen lässt er sie die Konsequenzen ihres Handelns tragen und vermeidet es, im Finale in die bekannten Versöhnungs- und Erlösungsklischees vieler Komödien zu verfallen. Gerade dadurch gewinnt die Satire an Schärfe. Hinter Likes, Hashtags und vermeintlicher Anteilnahme legt „Not Okay“ eine digitale Öffentlichkeit frei, in der selbst Leid zur persönlichen Marke werden kann. Das alles macht „Not Okay“ zu einer leichtfüßigen Satire mit hohem Unterhaltungswert, überzeugenden Darstellerinnen und Darstellern und dem nötigen Biss.

Fazit
„Not Okay“ ist eine bitterböse Social-Media-Satire, die ihre unangenehme Hauptfigur konsequent ins Zentrum stellt, ohne deren Verhalten zu entschuldigen. Der Film verbindet leichtfüßige Unterhaltung mit einer treffenden Abrechnung mit digitaler Selbstinszenierung, falscher Anteilnahme und dem verzweifelten Wunsch nach Aufmerksamkeit. Nicht jede Beobachtung ist neu, doch Quinn Shephard präsentiert sie bissig, unterhaltsam und erfreulich kompromisslos.

