Und hüte dich vor dem Bösen
| Titel | Und hüte dich vor dem Bösen |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Creator | Dorien Goertzen |
Starttermin: 10.09.2026 | Netflix
„Élite“ für die Generation Rotwein
Ja, „Élite“ war unterhaltsam. Gerade in den ersten Staffeln sogar ziemlich. Schnell, stylish, laut, durch und durch auf eine jugendliche Zielgruppe geeicht und trotzdem clever genug erzählt, um zwischen Sex, Partys, Drogen und all den anderen Eskalationsbeschleunigern tatsächlich noch als Whodunit zu funktionieren. Die Handlung sprang zwischen verschiedenen Zeitebenen, Informationen wurden im Verhör häppchenweise herausgerückt und mit jeder Antwort öffnete sich zuverlässig die nächste Frage. Das war verschachtelt, mitreißend und vor allem hervorragend darin, einen um zwei Uhr nachts davon zu überzeugen, dass eine weitere Folge jetzt auch keinen Unterschied mehr macht. Dass sich der Reiz irgendwann abnutzte, steht außer Frage. Mit jeder Staffel drehte sich die Eskalationsschraube auf Netflix ein Stück weiter, bis aus Überraschungen zunehmend Wiederholungen wurden und die Serie einen beträchtlichen Teil ihrer Energie darauf verwendete, noch eine Wendung, noch eine Affäre und möglichst noch irgendeinen Grund zu finden, warum sich jemand ausziehen musste. Was anfangs exzessiv und lustvoll wirkte, bekam irgendwann etwas Mechanisches. Die Figuren wechselten, der Ablauf blieb. Irgendwer log, irgendwer schlief mit der oder dem Falschen und mit etwas Pech lag am Ende wieder jemand tot herum. Umso erfreulicher ist es, dass man „Und hüte dich vor dem Bösen“ fast schon als erwachsene Version von „Élite“ bezeichnen kann – und zwar der frühen Staffeln. Was zunächst etwas albern klingt, ist streng genommen natürlich auch irgendwie falsch. Die spanische Teen-Serie hat diese Form des Erzählens schließlich nicht erfunden. Die Erzählung bediente sich eines ziemlich klassischen Kriminalaufbaus, steckte ihn in ein ausgesprochen streamingtaugliches Korsett und verband ihn mit Sex, Erwachsenwerden, Partys und dem Lebensgefühl einer jungen Generation. Der erzählerische Unterbau ist somit deutlich älter als sein jugendlicher Netflix-Ableger – und trotzdem passt der Vergleich erstaunlich gut.

Netflix‘ „Und hüte dich vor dem Bösen“ überträgt genau das, was an „Élite“ einmal so viel Spaß gemacht hat, nahezu reibungslos in einen deutlich erwachsenen, aber nicht minder intrigenbehafteten Alltag. Die Themen sind andere und irgendwie doch dieselben. Der Aufbau ist ähnlich, fühlt sich in seinem neuen Umfeld aber völlig anders an. Vor allem bleiben dieser Esprit und jene Binge-Tauglichkeit erhalten, die einen nicht unbedingt deshalb weiterschauen lassen, weil man dringend wissen muss, wer der Mörder ist, sondern weil man wissen möchte, was in dieser seltsam faszinierenden Gruppe als Nächstes passiert – oder viel eher noch: Wie es dazu gekommen ist. Nur ist das Leben inzwischen weitergezogen. Weniger, wenngleich nie ganz verschwundener Drogenkonsum und Nachtclubbesuche, dafür Brotbacken, Essenseinladungen und Rotweingespräche. Die Schuluniform ist verschwunden, Kinder und Ehemänner sind hinzugekommen, und das ehemals hellblonde Haar ist zwischenzeitlich silbern meliert oder geschickt kaschiert unter Haartönung oder Nassrasur. In genau diesem Biotop entwickelt sich ein scheinbar idyllischer Dinnerclub zum Krimidinner – und mittendrin Karen, gespielt von Loes Haverkort. Gemeinsam mit ihrem Mann Michel und den Kindern ist sie vor geraumer Zeit nach Bergen gezogen und inzwischen Teil einer eingeschworenen Runde geworden. Man trifft sich, isst zusammen, trinkt Wein, und das gerne auch mal deutlich mehr als nur ein Glas oder zwei, redet über Bücher, Familien, Beziehungen und den ganzen Kleinkram, der zunächst vollkommen belanglos erscheint und doch irgendwann jene Vertrautheit herstellt, aus der Freundschaften bestehen. Karen und ihr Mann haben sich gut eingelebt. Die Häuser sind schön, die Abende gesellig, nicht selten garniert mit Drogen und ausgelassenen Partynächten, und das neue Leben scheint sich erstaunlich unkompliziert zusammenzufügen. Dann brennt die Villa von Evert Struyck ab.

Auf Netflix wird der Dinnerclub zum Krimidinner
Evert stirbt, während seine Frau Babette und die Kinder überleben. Zunächst spricht wenig dagegen, darin einfach ein entsetzliches Unglück zu sehen. Die Behörden jedoch beginnen zu zweifeln. Kleinigkeiten passen nicht zusammen, Aussagen wirken plötzlich anders, und je genauer man auf Karen und ihr Umfeld blickt, desto deutlicher zeichnen sich hinter der gepflegten Oberfläche Dinge ab, die dort eigentlich nicht hingehören. Strukturell setzt „Und hüte dich vor dem Bösen“ unmittelbar bei diesem Brand an. Karen sitzt in einem Verhör und erzählt rückblickend von den Ereignissen, die dorthin geführt haben. Die Vergangenheit wird damit von Beginn an durch das Wissen vergiftet, dass etwas geschehen wird. Ein netter Abend ist eben nicht mehr einfach nur ein netter Abend, wenn man bereits weiß, dass irgendwann ein Haus brennt und ein Mensch darin stirbt. Die Frage ist weniger, ob die Idylle zerbrechen wird, sondern wo der erste Riss eigentlich erst entstanden ist. Wer mit dem Mikrokosmos Privatschule aus „Élite“ also nichts anfangen konnte, darf hier in einen anderen eintauchen. Einen, in dem Frauen mittleren Alters mit Drinks und Häppchen zusammensitzen, Männer überschwänglich Reden auf die Freundschaft halten, während das Bier in Strömen fließt und sich auch sonst vieles so anfühlt, als wären mit fortschreitendem Alter zwar finanzielle Sicherheit und familiäre Struktur ins Leben eingezogen, der jugendliche Drang nach Lust und Spaß aber nie verebbt. Das besitzt zunächst deutlich weniger Sprengkraft als eine Horde hormongesteuerter Teenager, die nach Schulschluss direkt in den nächsten Club marschiert, offenbart aber einen durchweg interessanten Umgang mit den verschleppten Sehnsüchten des Erwachsenenseins.

Die Dynamik der Freundesrunde entwickelt schnell einen ganz eigenen Charme. Die Figuren sind lebhaft geschrieben, haben unterschiedliche Temperamente und funktionieren als Gemeinschaft, bevor sie als Teil eines Kriminalfalls funktionieren müssen. Sie sind sympathisch. Man hört ihnen gerne zu. Und vor allem versteht man, weshalb Karen in dieser Runde dazugehören möchte. Das ist wichtiger, als es klingt. Denn eine idyllische Oberfläche lässt sich nur dann wirkungsvoll aufbrechen, wenn sie vorher tatsächlich etwas taugt. Wenn von Beginn an jede Beziehung verdächtig, jede Ehe kaputt und jede Freundschaft offensichtlich vergiftet wäre, gäbe es wenig zu entdecken. „Und hüte dich vor dem Bösen“ macht es sich nicht so einfach. Die Lebensfreude ist echt. Die Freundschaften wirken echt. Ebenso das schöne Familienleben, die gemeinsamen Abende und die Art von Erwachsenenwelt, in der sich gemütliches Beisammensein und exzessives Feiern keinesfalls ausschließen müssen. Erst allmählich verändert sich die Temperatur. Die Erzählung zieht den schwarzen Kern nicht mit einem großen Knall unter dieser Idylle hervor, sondern entblättert ihn peu à peu. Eine Unstimmigkeit bekommt plötzlich Gewicht, eine Beziehung erscheint in einem anderen Licht, eine beiläufige Bemerkung bleibt etwas länger hängen, als sie sollte. Und irgendwann betrachtet man dieselben Menschen anders, ohne genau sagen zu können, an welchem Punkt das eigentlich passiert ist. Darin liegt eine der größten Stärken der Netflix Serie. Sie ist abgründig, ohne von Beginn an düster zu sein. „Und hüte dich vor dem Bösen“ suhlt sich nicht in der Schwärze seines Kriminalfalls, sondern stellt ihm erstaunlich viel Wärme entgegen. Es wird gelacht, getrunken, geflirtet und gelebt. Familienleben darf idyllisch aussehen. Freundschaften dürfen Spaß machen. Selbst wenn längst klar ist, dass hinter der Oberfläche etwas fault, verliert die Serie diese Lebensfreude nicht vollständig. Gerade deshalb bekommen ihre dunkleren Momente mehr Gewicht. Ein schwarzer Fleck fällt auf Weiß schließlich stärker auf als auf Schwarz.

Das Ende der perfekten Fassade ist selten schnell erklärt
Und damit wären wir wieder bei „Élite“. Denn auch dort war der Kriminalfall zumindest anfangs nie der einzige Grund, weiterzuschauen. Die eigentliche Energie entstand im sozialen Gefüge drumherum. Der Mord legte eine Spur durch dieses Chaos, aber er erschuf es nicht. „Und hüte dich vor dem Bösen“ funktioniert sehr ähnlich. Nur hat sich das Chaos einen Mantel angezogen und behauptet inzwischen, vernünftig geworden zu sein. So unterschiedlich ist das Leben mit ein paar Jahrzehnten Abstand nämlich offenbar gar nicht. Drogen, Clubnächte und blank ziehen gibt es auch hier. Begehren verschwindet ebenso wenig wie Eifersucht, und der Hang, ausgerechnet im schlechtesten Moment eine ausgesprochen dumme Entscheidung zu treffen, scheint ohnehin kein Ablaufdatum zu besitzen. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, was inzwischen daran hängt. Ein Seitensprung trifft nicht mehr nur auf jugendlichen Liebeskummer, sondern auf Ehe und Familie. Eine Lüge gefährdet nicht bloß eine Freundschaft, sondern möglicherweise das sorgfältig aufgebaute Leben drumherum. Die Menschen sind älter geworden, ihre Bedürfnisse nicht zwangsläufig vernünftiger. Nur die Konsequenzen haben an Gewicht gewonnen. Das könnte schnell bedeutungsschwer werden. Wird es erfreulicherweise nicht. So bleibt „Und hüte dich vor dem Bösen“ über weite Strecken ein erstaunlich beschwingter Thriller. Einer, der Spannung nicht mit permanenter Finsternis verwechselt und seine Abgründe umso wirkungsvoller setzt, weil zwischendurch tatsächlich die Sonne scheint. Dazu trägt auch das glaubhaft interagierende Ensemble erheblich bei. Mit ihren nuanciert gezeichneten Figuren trägt die Serie auch in den Momenten, in denen der Kriminalfall einmal nicht mit Nachdruck an die Tür klopft – und davon gibt es viele. Das gemeinsame Essen ist eben nicht bloß Wartezimmer für den nächsten Twist. Die Menschen darin interessieren auch dann, wenn gerade niemand verdächtigt wird. Vielleicht liegt das auch daran, dass die siebenteilige Miniserie ihrem Milieu genug Raum gibt. Vielleicht weil sie verstanden hat, dass Binge-Tauglichkeit nicht bedeutet, alle fünf Minuten einen Haken setzen zu müssen. Oder weil man schlicht gerne mit diesen Figuren am Tisch sitzt, selbst wenn man längst ahnt, dass irgendwo darunter bereits das Messer liegt.

Fazit
Wer „Élite“ für seine Mischung aus Intrigen, Affären, Geheimnissen und eskalierenden Abenden mochte, bekommt mit „Und hüte dich vor dem Bösen“ gewissermaßen die Erwachsenenvariante davon – nur mit mehr Rotwein und weniger Schuluniformen. Der Vergleich mag zunächst schräg klingen, passt am Ende aber erstaunlich gut.


