The Last Sunrise
| Titel | The Last Sunrise |
| Genre | Romanze |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Carlson Young |
Starttermin: 26.08.2026 | Prime Video
Amazon macht aus „Lebe jeden Tag“ eine Geschichte
Es gibt Ratschläge, die werden so oft wiederholt, dass sie irgendwann den Weg vom Lebensweisheitenspruch zum Wandtattoo antreten. „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ gehört ganz weit nach oben auf diese Liste und macht sich hervorragend neben dem Cappuccino-Schriftzug über der Küchenzeile. Ein Satz für Kalenderblätter, Instagram-Posts und Menschen, die beim Sonnenuntergang am Strand gerne #blessed unter ein Foto schreiben. Klingt wunderbar. Ist aber auch erstaunlich unpraktisch. Wer wirklich jeden Tag behandelt, als wäre morgen Schluss, müsste schließlich ständig die Arbeit kündigen, das Konto plündern und mit einem Fallschirm aus dem Bürofenster springen. Auf Dauer eher schwierig. Und doch steckt hinter dem abgenutzten Spruch eine ziemlich plausible Wahrheit: Wir werden erst dann besonders aufmerksam für das Leben, wenn uns etwas daran erinnert, dass es nicht unendlich ist. Solange die Zukunft zuverlässig wie ein gut gefüllter Vorratsschrank vor uns steht, lässt sich wunderbar auf später verschieben, was heute eigentlich wichtig wäre. Die Reise. Die Liebe. Der Streit. Die Entscheidung. Das Leben selbst. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Für die Protagonistin von Amazons „The Last Sunrise“ Oriah „Ry“ Pera, gespielt von Maia Reficco, ist dieses Morgen allerdings keine Selbstverständlichkeit. Ry leidet an tuberöser Sklerose, einer seltenen genetischen Erkrankung, die unter anderem ihr Gehirn und ihre Nieren betrifft und bei ihr mit epileptischen Anfällen einhergeht. Die Krankheit bestimmt, wie sie lebt, was sie sich zutraut und wie sie über ihre eigene Zukunft denkt. Eine Operation könnte ihr Leben retten. Gleichzeitig besteht das Risiko, danach Erinnerungen und Teile ihrer Persönlichkeit zu verlieren. Für Ry ist die Entscheidung deshalb nicht einfach Leben oder Tod. Es geht um die unangenehmere Frage, was vom eigenen Leben eigentlich übrig bleibt, wenn man zwar weiterlebt, aber nicht mehr ganz der Mensch ist, der man vorher war. Das ist, vorsichtig formuliert, ziemlich viel Stoff für einen Film über einen Sommer auf Mallorca.

Wer nun allerdings auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterblichkeit und der Frage wartet, wie ein junger Mensch mit einer Zukunft umgeht, die sich nicht einfach bis zum Renteneintritt durchplanen lässt, dürfte relativ schnell feststellen, dass „The Last Sunrise“ andere Prioritäten hat. Carlson Young, der hier Regie führt, hat bereits in früheren Arbeiten ein recht gutes Gespür dafür bewiesen, wie man schöne Menschen in schöne Umgebungen stellt und alles, was darunter an Konflikten, Problemen und echten Gefühlen lauert, möglichst tief unter einer glänzenden Oberfläche verschwinden lässt. „First Class“ lässt grüßen. Denn auch in seinem jüngsten, direkt für Amazon Prime Video produzierten Werk bleibt die Kamera lieber dort, wo das Licht gut aussieht. Das Meer glitzert, die Sonne scheint, Mallorca sieht aus wie Mallorca in einem Reisekatalog, der niemals einen schlechten Tag gebucht hat. Ry wird von ihrer Mutter Isolde, gespielt von Eva Longoria, nach Mallorca mitgenommen. Eigentlich soll sie dort vor allem behütet werden. Stattdessen trifft sie auf Julián García, verkörpert von Fernando Lindez, einen jungen Fischer und Einheimischen, der zunächst ungefähr so sympathisch wirkt, wie junge Männer in romantischen Filmen eben wirken müssen, bevor das Drehbuch beschließt, dass sie jetzt doch die große Liebe sind. Er ist ein bisschen frech, ein bisschen widerspenstig, sieht gut aus – so sagt man zumindest – und besitzt selbstverständlich genau die richtige Menge an Eigenwillen, damit die beiden nicht einfach fünf Minuten miteinander reden und danach feststellen, dass sie eigentlich nichts verbindet. Natürlich verlieben sie sich. Und zwar so schnell, dass die Romanze gar nicht erst in die unangenehme Situation kommt, tatsächlich eine Beziehung entwickeln zu müssen. Chemie wäre dafür hilfreich gewesen. Persönlichkeit ebenfalls. Beides bleibt überschaubar. Ry und Julián verbringen Zeit miteinander, sehen gut dabei aus – so sagt man es ihnen weiterhin nach – und bekommen vom Drehbuch regelmäßig mitgeteilt, dass sie füreinander bestimmt sind. Man glaubt es nur leider nicht.

„The Last Sunrise“ und die große Checkliste
Ein Mensch, der tatsächlich das Gefühl hat, seine Zeit sei begrenzt, müsste Liebe anders erleben als jemand, der davon ausgeht, dass ihm noch sechzig Jahre für sämtliche Fehlentscheidungen zur Verfügung stehen. Was bedeutet Nähe, wenn Zukunft plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist? Was macht man mit einem Menschen, in den man sich verliebt, wenn man gleichzeitig weiß, dass der eigene Körper einem jederzeit einen Strich durch die Rechnung machen kann? „The Last Sunrise“ stellt diese Fragen zwar gelegentlich in den Raum. Es lässt sie dort aber auch ziemlich bequem stehen. Denn Ry soll lernen, endlich am Leben teilzunehmen. Das wird behauptet. Sie soll spontaner werden, Risiken eingehen, nicht mehr jede Entscheidung von ihrer Krankheit bestimmen lassen. Auch das wird behauptet. Nur sieht man davon erstaunlich wenig, das über die üblichen Verrichtungen einer romantischen Sommergeschichte hinausgeht. Sie geht an den Strand. Sie verliebt sich. Sie erlebt ein paar Abenteuer. Sie hat Sex. Sie gerät in Gefahr. Irgendwann verschlechtert sich ihr Zustand. Das ist kein Wandel. Das ist eine Checkliste. Und weil das Drehbuch offenbar keine besondere Lust verspürt, aus der Krankheit ein richtiges Drama, aus Ry eine richtige Figur und aus einem Urlaubsflirt eine glaubwürdige Liebe zu machen, werden einfach noch ein paar weitere Zutaten aus dem Young-Adult-Regal darübergestreut. Sicher ist sicher. Natürlich ist Julián ausgerechnet der Sohn von Mateo García, dessen Familie wirtschaftlich von einem Immobilienprojekt bedroht wird. Und natürlich gehört das Unternehmen, das dieses Projekt vorantreibt, ausgerechnet Rys Mutter. Natürlich waren Isolde und Mateo in ihrer Jugend einmal ein Paar, weil eine normale Geschäftsbeziehung offenbar nicht genug Konfliktpotenzial besitzt. Natürlich hat auch Julián seine eigenen Probleme, während gleichzeitig ein Finanzhai Druck auf ihn und seine Familie ausübt. Und natürlich gerät irgendwann auch Ry ins Fadenkreuz. Die Konflikte sind da – nur leider nur deshalb, weil sie da sein müssen.

So zieht die Geschichte ein Klischee nach dem anderen aus der Schublade, als hätte jemand vor Drehbeginn eine Liste mit Genrebausteinen abgearbeitet: verbotene Liebe, reiche Mutter, armer Einheimischer, alte Jugendliebe, Familiengeheimnis, Immobilienkonflikt, Krankheit, Gefahr, Selbstfindung. Man wartet fast darauf, dass noch ein verlorener Hund auftaucht, damit wirklich jeder Eintrag abgehakt werden kann. Amazon kratzt alles ein wenig an – und schaut dann doch wieder lieber aufs azurblaue Mittelmeer. Das ist schließlich der eigentliche Star von „The Last Sunrise“. Mallorca bekommt hier eine Behandlung, wie man sie aus Hochglanzwerbung kennt: warmes Licht, türkisfarbenes Wasser, hübsche Buchten, Sonnenuntergänge, nackte Füße im Sand und eine Insel, die jederzeit so aussieht, als hätte sie gerade eine Kooperation mit einer Luxus-Hotelkette unterschrieben. Das ist hübsch. Wirklich hübsch. Nur ist Schönheit noch keine Atmosphäre. Mallorca wird so zur Projektionsfläche der US-amerikanischen Vorstellung des mediterranen Europas. Als müsste eine Insel, sobald sie auf Prime Video auftaucht, automatisch für Freiheit, Sinnlichkeit und ein bisschen verlorene Lebenszeit stehen. Die tatsächliche Insel mit ihren Widersprüchen, ihrer Geschichte und ihrem Alltag bleibt dagegen weitgehend draußen. Der Konflikt um die Immobilienentwicklung deutet zwar an, dass es ihn gibt, aber selbst daraus entsteht keine echte Auseinandersetzung. Das Thema ist vorhanden, weil es zur Geschichte gehört. Nicht, weil der Film etwas darüber zu erzählen hätte. Und so wird ausgerechnet der Ort, an dem Ry angeblich zum ersten Mal wirklich lebt, zum leblosesten Bestandteil einer austauschbaren Geschichte.

Prime Video verpasst den letzten Sonnenaufgang
Das ist besonders ironisch, weil der vom Titel implizierte Sonnenaufgang eigentlich ein ziemlich passendes, wenngleich ausgelutschtes Bild bereithält. Ein Sonnenaufgang ist der Beginn von etwas. Ein neuer Tag, ein neuer Versuch, eine neue Möglichkeit. Für Ry müsste das eine enorme Bedeutung haben. Wenn man tatsächlich mit einer Krankheit lebt, die einem die eigene Zukunft ständig vor Augen führt, bekommt ein gewöhnlicher Morgen schließlich ein anderes Gewicht. Nur muss ein Film dieses Gewicht auch spürbar machen. „The Last Sunrise“ tut das nicht. Der Sonnenaufgang bleibt schön anzusehen, die Krankheit eine tragische Hintergrundinformation und die Liebe Behauptung. Gerade in den kleinen Übergängen hätte der Film zeigen können, was diese begrenzte Zeit mit Ry macht. Nicht in großen Monologen oder dramatischen Zusammenbrüchen, sondern dort, wo plötzlich eine Sekunde länger dauert, weil sie womöglich nicht selbstverständlich wiederkommt. Doch Young lässt kaum einen Moment stehen. Szenen werden auf ihre Funktion reduziert, Gefühle bekommen ihren Einsatz und werden anschließend wieder abgeräumt, damit die Handlung zum nächsten Programmpunkt weiterziehen kann. Selbst Entscheidungen, die für sie eigentlich existenziell sein müssten, besitzen ungefähr dieselbe dramaturgische Halbwertszeit wie die Frage, an welchem Strand man den Nachmittag verbringt. Vielleicht wäre genau hier weniger tatsächlich mehr gewesen. Weniger Konflikte, weniger Nebenhandlungen, weniger Mechanik – und dafür ein paar Augenblicke, in denen Ry einfach existieren darf, ohne dass sofort das nächste Drehbuchsignal ertönt. Denn ein kostbarer Moment wird nicht dadurch kostbar, dass jemand ihn im Dialog dazu erklärt. Carlson Young verwechselt oberflächliche Schönheit mit tiefgreifenden Gefühlen. Er zeigt uns, wie ein Leben aussehen könnte, in dem jeder Tag kostbar ist, statt uns spüren zu lassen, warum er es für Ry tatsächlich sein sollte. Und vielleicht ist das die bitterste Pointe an einem Film, der „The Last Sunrise“ heißt: Man wartet die ganze Zeit darauf, dass endlich etwas beginnt.

Fazit
„The Last Sunrise“ möchte unbedingt schön aussehen. Doch selbst diese Ästhetik bleibt rein oberflächlich. Mallorca glänzt, die Bilder sind makellos, die Farben satt – aber der Inszenierung fehlt ein eigenes Gesicht. Es ist Hochglanz ohne Seele; eine Kulisse, die mediterranes Lebensgefühl bloß behauptet, anstatt es spürbar zu machen. Wenn schon die Atmosphäre so steril bleibt, wie sollen dann erst eine Romanze oder das schwere Thema einer Krankheit emotional funktionieren?


