72 Hours
Netflix lässt Kevin Hart alt aussehen
Wer heute wissen will, wie andere Generationen angeblich ticken, muss niemanden mehr kennenlernen. Ein paar Sekunden auf TikTok, Instagram oder Reddit reichen aus, und schon glaubt man, den Alltag von Menschen zu kennen, denen man im echten Leben vermutlich nie begegnet wäre. Das Internet verkauft diese Nähe als Fenster in fremde Lebenswelten. Tatsächlich blickt man aber meist nur in einen Spiegel aus Algorithmen, Trends und sorgfältig sortierten Klischees. Aus Begegnungen werden Schlagabtausche, aus unterschiedlichen Perspektiven Meme-Vorlagen. Der Generationenkonflikt existiert längst nicht mehr nur zwischen Menschen, sondern vor allem zwischen den Versionen ihrer selbst, die soziale Netzwerke täglich neu zusammenbasteln. Das Kino springt nur allzu gern auf diesen Zug auf. Statt die Reibung zwischen Boomern, Millennials und Gen Z wirklich zu untersuchen, recycelt es dieselben Karikaturen, die ohnehin schon seit Monaten durch sämtliche Feeds geistern. Die Älteren sind hoffnungslos aus der Zeit gefallen, die Jüngeren permanent online, ironisch und emotional überfordert. Es ist weniger eine Beobachtung unserer Gesellschaft als vielmehr der verzweifelte Versuch einer Branche, mit dem Zeitgeist Schritt zu halten. Je lauter nach Aktualität geschrien wird, desto schneller altern diese Geschichten. Am Ende erzählen sie nicht von Generationen, sondern von Autor*innen, die panische Angst haben, den Anschluss zu verlieren. Genau in diese Falle tappt auch Netflix mit „72 Hours“.

Eigentlich beginnt alles mit einem simplen Versehen. Werbemanager Joe (Kevin Hart) landet versehentlich im Gruppenchat einer Clique Anfang zwanzig. Für den Mann, dessen Karriere längst auf der Stelle tritt, scheint das die perfekte Gelegenheit, sich noch einmal neu zu erfinden. Also reist er den jungen Männern um den angehenden Bräutigam Mason (Mason Gooding) kurzerhand nach Miami hinterher und platzt mitten in deren ausufernden Junggesellenabschied. Was als peinlicher Versuch startet, Anschluss an die nächste Generation zu finden, eskaliert innerhalb von 72 Stunden völlig. Zwischen Yachten, Clubs und jeder Menge Alkohol gerät die Truppe erst mit der Polizei und schließlich mit einem Drogenkartell aneinander. Als Joe durch eine Kette absurder Missverständnisse selbst für einen gefürchteten Kartellboss gehalten wird, beginnt eine turbulente Flucht quer durch Miami.

Wenn sich „72 Hours“ genauso lange anfühlen
„72 Hours“ weiß nie, für wen seine Figuren eigentlich geschrieben wurden. Joe wirkt, als hätte sich eine Gruppe Zwanzigjähriger vorgestellt, wie sich ein Mann über vierzig wohl verhält. Die Twentysomethings wiederum sprechen und handeln so, wie Menschen Mitte fünfzig glauben, dass junge Erwachsene sprechen und handeln. Niemand fühlt sich echt an. Alle wirken wie Schaufensterpuppen, denen man Begriffe wie „Bro“, „Vibe“ und „Cringe“ in den Mund gelegt hat. Dadurch fehlt jeder Szene das Fundament. Das Skript beobachtet keine Generationen, sondern bloß deren Klischeebilder. Das wäre zu verschmerzen, wenn es wenigstens in seiner Eigenschaft als Komödie funktionieren würde. Tut es aber nicht. Nahezu jede Pointe läuft ins Leere, weil sie auf den naheliegendsten Witz setzt – und selbst den hat man bereits im dutzendfacher Ausfertigung in anderen Filmen gesehen. Der Ältere versteht die Jugend nicht. Die Jugend nimmt nichts ernst. Geschlechtsteile hier. Rassistische Stereotype da. Mehr fällt dem Drehbuch kaum ein. Dabei lebt gute Satire gerade davon, Klischees gegen ihre Figuren zu wenden und sie dadurch bloßzustellen. „72 Hours“ macht das Gegenteil. Das Netflix Original glaubt an seine Stereotype.

Zwischendurch versucht die Geschichte plötzlich, Herz zu zeigen. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zwischen Bräutigam Mason und seinem besten Freund, der sich mit aller Kraft dagegen stemmt, erwachsen zu werden. Eigentlich steckt darin ein spannender Gedanke. Irgendwann verändern sich Lebensentwürfe, Prioritäten und Freundschaften zwangsläufig. Nicht jede Beziehung überlebt diesen Wandel. Doch der Handlung gelingt es nie, daraus etwas Ehrliches zu machen. Stattdessen verlieren sich die Figuren in bedeutungsschweren Gesprächen, die klingen, als hätte jemand Kalendersprüche zu Dialogen umgeschrieben. Was berühren soll, wirkt künstlich. Was tiefgründig sein möchte, bleibt an der Oberfläche. Was bleibt, ist eine selten unterhaltsame Komödie, die ständig von Generationen spricht, aber keine einzige wirklich versteht. Zwischen Kartellchaos, müden Gags und einer Freundschaftsgeschichte, die mehr behauptet als erzählt, verliert sich „72 Hours“ so im sonnendurchfluteten Ambiente von Miami. Laut. Bunt. Und erstaunlich leer.

Fazit
„72 Hours“ ist wie ein Trend, der schon vorbei war, bevor ihn Netflix entdeckt hat. Laut, hektisch und ständig auf der Jagd nach dem nächsten Gag – nur leider fast nie mit einem Treffer.


