| Titel | Alpha |
| Genre | Komödie, Romanze |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Regie | Kristoffer Borgli |
Kinostart: 02.04.2026
Die Liebesfilm-Lüge: Warum „Das Drama“ dein Bild von Moral komplett zerstört
Ein junger Mann betritt ein kleines Café in Cambridge, Massachusetts. Sein Blick kehrt immer wieder zu demselben Tisch am Fenster zurück. Eine Frau sitzt dort, vertieft in ein Buch. Sie bemerkt ihn nicht. Also erfindet er eine Verbindung: Er habe das Buch ebenfalls gelesen, sagt er. Er liebe es. Ein Lächeln. Sie lächelt zurück. Kristoffer Borglis „Das Drama – Noch einmal auf Anfang“ betritt die Leinwand als trojanisches Pferd. Getarnt als herzlich-süße Romanze, getragen von einem körnigen, entsättigten Indie-Look und gleichzeitig abgesichert durch ein erstaunlich mainstreamtaugliches Ensemble, wiegt der Film sein Publikum zunächst in der Sicherheit vertrauter Genre-Konventionen. Doch wer Borglis („Sick of Myself“ , „Dream Scenario“) Arbeiten kennt, weiß: Hier hat selbst der doppelte Boden einen doppelten Boden. Das trojanische Pferd entpuppt sich als matroschkaartiges Konstrukt, das Schicht für Schicht freilegt, was sich unter der Oberfläche verbirgt – und dabei immer neue, unangenehme Wahrheiten über uns als Gesellschaft freilegt.

Bevor die eigentliche Eskalation einsetzt, etabliert „Das Drama – Noch einmal auf Anfang“ eine kleine, fast beiläufige Erkenntnis: Absolute Ehrlichkeit existiert am Anfang einer Liebe nicht. Charlie, vielschichtig von Robert Pattinson („The Batman“) verkörpert, eröffnet die Beziehung mit einer harmlosen Lüge. Bei Emma (Zendaya – ebenfalls stark) zeigt sie Wirkung – und aus einem improvisierten Gespräch über ein Buch, dass sie liest und er zu kennen vorgibt, entsteht eine Verbindung, die erstaunlich schnell wächst. Ein erstes Date, ein zweites, schließlich die Aussicht auf ein gemeinsames Leben. Die Lüge bleibt unsichtbar und unschuldig. Der Bruch jedoch kommt umso abrupter. Beim Probeessen zur Hochzeit kippt die Stimmung. Eine Frage nach den dunkelsten Geheimnissen genügt, und Emmas Antwort verändert den Raum. Was eben noch nach liebestrunkener Glückseligkeit aussah, wird plötzlich zur moralischen Verhandlungssituation. Nicht mehr die Zukunft des Paares steht im Mittelpunkt, sondern die Bewertung eines Gedankens, eines zugegeben ziemlich düsteren Plans, der jedoch nie umgesetzt wurde. Und genau hier setzt Borgli an – und drückt den Finger mit diabolischer Freude in die Wunde. Was folgt ist eine bitterböse und unbehaglich-komische Dekonstruktion der Mechanismen moderner Empörungskultur. Borgli interessiert sich nicht für tatsächliche Schuld, sondern für die Bereitschaft, Schuld zu konstruieren. Menschen werden nicht mehr nur für das verurteilt, was sie tun, sondern für das, was man ihnen zutraut. Während andere Figuren ihre ganz realen Verfehlungen hinter sozial akzeptierter Fassade verbergen, wird Emma für eine hypothetische Grenzüberschreitung geächtet – und das Chaos nimmt seinen Lauf.

Wie eine süße Romanze zum moralischen Schlachtfeld mutiert
In diesem Moment mutiert die süße Romanze endgültig zum moralischen Schlachtfeld. „Das Drama – Noch einmal auf Anfang“ lässt die Masken fallen und entfesselt eine tiefschwarze Satire, deren zynischer Humor immer genau dort trifft, wo es am meisten weh tut. Die Komik zieht Borgli hierfür aus der schonungslosen Bloßstellung sozialer Mechanismen, die in ihrer Überzeichnung fast absurd wirken und gerade deshalb so treffend sind. Das eigentliche Paradox liegt darin, dass ausgerechnet Emma die einzige Figur bleibt, die sich ihren eigenen Verfehlungen stellt. Sie reflektiert und übernimmt Verantwortung für das, was in ihr existiert – während ihr Umfeld sich in moralischer Selbstgewissheit einrichtet. Urteile fallen schnell, solange sie nicht das eigene Handeln betreffen. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus zunehmend auf Charlie: Seine Reaktion offenbart weniger moralische Standhaftigkeit als vielmehr tiefe Verunsicherung. Was als Irritation beginnt, mutiert zum Kontrollverlust – und legt offen, wie fragil ein Individuum innerhalb einer Beziehung sein kann, sobald das Bild des Gegenübers Risse bekommt. Nicht Emmas Aussage allein bringt die Beziehung ins Wanken, sondern Charlies Unfähigkeit, mit dieser Ambivalenz umzugehen.

Dass die Dynamik ihre volle Wirkung entfalten kann, ist auch Borglis messerscharfes Gespür für Inszenatorik zuzuschreiben. Die Kamera beobachtet, statt zu führen. Sie hält Distanz, selbst in Momenten größter Intimität. Schon in den frühen Szenen legt die Bildkomposition eine subtile Isolation frei, die das scheinbare Idyll unterwandert. Besonders deutlich wird das in den zentralen Konfliktszenen. Während des Probeessens verharrt die Kamera auf den Gesichtern, lässt Pausen stehen, zwingt das Publikum, die entstehende Leerstelle auszuhalten. Die Stille wird zur eigentlichen Eskalation. Ähnlich funktioniert die Sequenz der Hochzeitsfotos: Was als inszenierte Glücksmomentaufnahme gedacht ist, kippt in eine fast dokumentarische Bloßstellung. Die Masken halten nicht mehr. In den Blicken von Zendaya und Pattinson – urkomisch und tragisch zugleich – liegt keine Verbindung mehr, sondern ungefilterte Verunsicherung. Zwei Menschen, die nebeneinander stehen, aber nicht mehr zueinander finden. Was wie die vollständige Zerstörung wirkt, erweist sich als notwendige Konsequenz. So wird der deutsche Untertitel „Noch einmal auf Anfang“ zum Leitmotiv der eigentlichen Geschichte: ein Akt der Heilung durch radikales Offenlegen. Nicht Emmas Vergangenheit bringt die Beziehung ins Wanken, sondern die Reaktion darauf. Die Projektionen, die Unsicherheiten, die Angst vor dem, was ein anderer Mensch sein könnte. Borgli entlarvt diese Dynamik mit nüchterner Konsequenz. Das Ergebnis ist unbequem, stellenweise fast unerträglich, aber in seiner Beobachtungsschärfe bemerkenswert präzise. P.s. Über das eigentliche Zentrum von „Das Drama – Noch einmal auf Anfang“ zu sprechen, hieße, der Erzählung ihre schärfste Klinge zu nehmen. Doch auch hier sei gesagt: Borglis Blick ist on point, unerbittlich – und erschreckend nah an einer Realität, die sich lieber im Urteil verliert als in der eigenen Reflexion.

Fazit
Wenn eine hypothetische Grenzüberschreitung zur Zerreißprobe für Beziehung und Moral wird: Kristoffer Borglis „Das Drama – Noch einmal auf Anfang“ entpuppt sich als bitterböse Satire, die hinter der Fassade einer Romanze die Mechanismen moderner Empörungskultur und moralischer Selbstgerechtigkeit dekonstruiert. Präzise inszeniert, begnadet gespielt und herrlich böse.


