| Titel | 56 Tage |
| Genre | Thriller, Erotik |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 16 |
| Creator | Lisa Zwerling, Karyn Usher |
Starttermin: 18.02.2026 | Prime Video
56 Tage, zwei Fremde, eine Leiche
Die Liebe im realen Leben hat sich sang- und klanglos verabschiedet. Geblieben ist nur die nostalgische Erinnerung an jene analogen Tage, in denen das Kennenlernen noch ohne die Filterblase eines Algorithmus stattfand. Ein flüchtiger Blick an der Supermarktkasse, ein versehentlicher Rempler beim Schlangestehen an der Bar oder der Arbeitskollege, der mit rührender Penetranz süße Stückchen ins Büro schleppt – all das wurde ersetzt durch die sterile Effizienz einer binären Ja/Nein-Kultur. Heute wischt man nach rechts, wenn man Liebe sucht, nur um am Ende doch wieder in der gewohnten Sackgasse aus flüchtigem Gelegenheitssex und emotionaler Leere zu landen. Wer jetzt noch denkt, die große Romanze könnte tatsächlich zwischen den Kühlregalen beim Wocheneinkauf warten, sollte sich darüber im Klaren sein – hier stimmt was nicht. Schließlich wissen wir spätestens seit „Fresh“ und „Companion“, dass die scheinbar zufällige Begegnung mit dem charmanten Typen beim Wocheneinkauf meist in einem blutigen Albtraum endet. Amazons prickelnde Spannung versprechende Thriller–Serie „56 Tage“ schlägt nun in dieselbe Kerbe: Eine Begegnung zwischen Selleriestangen und Kaffeebohnen, die zwar romantisch anmutet, aber 56 Tage später mit einer Leiche endet.

Als Tochter eines Marineoffiziers ist Ciara Wyse (Dove Cameron) praktisch auf der ganzen Welt aufgewachsen, doch ihr Berufsleben führt sie seit einer Woche zurück nach Boston. Beim routinierten Lebensmitteleinkauf kreuzen sich ihre Wege mit dem charismatischen Architekten Oliver Kennedy (Avan Jogia). Nummern werden getauscht, ein Date wird vereinbart – der Startschuss für eine Romanze wie aus dem Bilderbuch. Doch 56 Tage später ist vom urbanen Liebesglück wenig übrig, als Detective Lee Reardon (Karla Souza) und ihr Partner Karl Connolly (Dorian Missick) zu einem Tatort gerufen werden, der selbst hartgesottenen Ermittlern den Magen umdreht: In Olivers Apartment liegt eine bis zur Unkenntlichkeit zersetzte Leiche in der Badewanne. Doch wer ist es? Wie ist es dazu gekommen? Und wie viele Lügen passen eigentlich zwischen zwei Menschen, bevor einer von ihnen in Chlorreiniger endet?

Erotik-Thriller-Hommage mit angezogener Handbremse
Wer die knallroten Warnsignale ignoriert, ist entweder verdammt naiv oder hat selbst Dreck am Stecken. Dementsprechend fungiert das muntere Schaulaufen an Warnsignalen, das „56 Tage“ bereits nach wenigen Minuten in Gang setzt, als erster Vorbote für das drohende Unheil hinter der Fassade des vermeintlich zufälligen Treffens. Ciara ist auf keiner Social-Media-Plattform zu finden – in unserer digitalen Ära ungewöhnlich, aber fast schon sympathisch. Oliver hingegen bezahlt grundsätzlich alles bar; eine Angst vor gläsernen Finanzen, die nicht weit weg von der nächsten verschwurbelten Verschwörungserzählung rangiert. Und dann ist da noch seine Eigenart, nach dem Sex nackt im Schneidersitz auf dem Boden zu sitzen und lautstark Energie aus der Luft zu ziehen. Okay, Weirdo – der Nächste bitte! Dass Ciara ihre Kennenlernsprüche akribisch vor dem Spiegel übt, kann er nicht wissen, aber wüsste er es, lautete die einzige logische Konsequenz: Lauf! Doch trotz des munteren Fährtenlegens, dass hier weit mehr als nur die einzig wahre Liebe aus den asphaltierten Straßen der Großstadt erblüht, bleibt die Spannung seltsam unterkühlt. Wer am Ende tatsächlich in mehreren Teilen und halb verwest im luxuriösen Apartment vor sich hin gärt, scheint primär Detective Reardon zu interessieren – das Publikum wird derweil mit einer Distanz abgespeist, die kälter ist als die Leiche in der Wanne.

„56 Tage“ ist ein Erotikthriller– alle sagen das. Also fügen wir uns diesem Diktat, wenngleich die visuelle Realität doch deutlich spröder, wenn nicht sogar regelrecht handzahm ausfällt – nackte Brüste hin oder her. So zitiert sich die Handlung zwar brav durch das Regelwerk der schlüpfrigen 90er-Jahre-Thriller, lässt dabei aber den nötigen Schuss Spicyness vermissen, der Filme wie „Basic Instinct“ seinerseits mit einem trashigen und zugleich knisternden Charme ausstattete. Zwei schöne Köpfe auf makellosen Körpern machen zwar kurzfristig für Neugierde sorgen, doch der erotische Payoff ist am Ende ähnlich ernüchternd wie der Thriller-Plot selbst. Strukturell setzt die Prime Video hier auf ständige Zeitsprünge zwischen Tag 1 und Tag 56, wobei sich die Handlung mit jedem Hin und Her einen Tag näher an das fatale Finale herantasten. Dieses erzählerische Gimmick kennt man bereits aus diversen Netflix-Produktionen wie „Élite“, wo es allerdings deutlich dynamischer und spannender umgesetzt wurde. Wenn man sich jedoch vor Augen hält, was für ein cineastischer Schund in 365 Tagen entstehen kann – die Rede ist vom furchtbaren, furchtbaren Netflix Original das den unangefochtenen Weltrekord in Sachen Red Flags hält –, wirkt das Mittelmaß, in dem „56 Tage“ dahinplätschert, fast schon wohltuend. Das macht „56 Tage“ zu einem zwar eher unspektakulären, aber immerhin okay inszenierten Zeitvertreib, der gerade Fans von Crime–Romanzen mit doppeltem Boden und einer Schwäche für kühle Ästhetik einen passablen Abend auf der heimischen Couch bescheren dürfte.

Fazit
Letztlich entpuppt sich „56 Tage“ auf Prime Video weniger als schicksalhaftes Liebe-auf-den-ersten Blick-Treffen als das klassische Tinder-Match: Auf den Hochglanzfotos top, beim echten Treffen dann aber doch eher okay. Trotz ansehnlichem Cast und solider Inszenierung schafft es der handzahme Erotikthriller kaum, die nötige Hitze oder echte Spannung zu generieren.
[Fazit nach zwei Episoden]


