Fresh | Disney+ Film – Kritik: Dating-Horror mit bitterem Biss

Wenn der Traummann zur Warnung wird

Mit der Liebe ist es wie mit Bewerbungsgesprächen: Der erste Eindruck zählt. Nun ist es aber ziemlich einfach, sich dem Gegenüber für einen bestimmten Zeitraum so zu präsentieren, wie man gesehen werden möchte. Wer oder was hinter dieser Fassade steckt, lässt sich oft nicht mal erahnen. Eine schmerzliche Erfahrung, die auch die junge Noa am eigenen Leib erfahren muss. „Fresh“ nimmt genau dieses ungute Gefühl, das moderne Dating ohnehin begleitet, und dreht es genüsslich weiter. Aus kleinen Unsicherheiten werden Warnsignale, aus Charme wird Kontrolle, aus einem scheinbar zufälligen Kennenlernen eine Falle, die umso unangenehmer wirkt, weil sie so harmlos beginnt.

Fresh ©20th Century Studios

Eigentlich hat Noa die Männerwelt satt, doch nach zahlreichen furchtbaren Tinder-Dates lernt sie tatsächlich einen attraktiven, gebildeten Mann kennen – und das sogar in der echten Welt! Als sie der sympathische Arzt Steve plötzlich im Supermarkt anspricht, ist dies der Beginn eines romantischen Abenteuers – zumindest so lang, bis sie betäubt wird und in einer abgelegenen Villa aufwacht. Dort muss Noa erkennen, dass Steve nicht einfach nur ein weiterer Dating-Reinfall ist, sondern ein Mann mit einem abgründigen Geschäftsmodell und einem erschreckend klaren Blick darauf, was Menschen bereit sind zu kaufen, wenn Geld und Macht jedes Maß verloren haben.

Fresh ©20th Century Studios

RomCom-Anlauf, Horror-Absturz

Wenn nach 33 Minuten Spielzeit der Filmtitel eingeblendet wird, leitet dies tonal eine 180-Grad-Wende ein. Wer sich in den ersten Minuten noch gefragt hat, ob er / sie eventuell den falschen Film abgespielt hat – „Fresh“ beginnt wie eine klassische RomCom und bleibt dem Genre in dieser halben Stunde komplett treu – dürfte spätestens jetzt beruhigt feststellen: „Fresh“ ist waschechte Horrorkost. Gerade diese lange Täuschung macht den Reiz aus. Der Film gönnt Noa und Steve erst einmal echte Leichtigkeit, lässt ihre Gespräche fließen, ihren Humor funktionieren und die Chemie so überzeugend wirken, dass der spätere Umschwung nicht bloß als Gimmick funktioniert, sondern als böser Kommentar auf romantische Projektionen. Für das vollständige Filmerlebnis sollte man jedenfalls mit so wenig Vorwissen wie möglich an das Disney+ Original herantreten. Je weniger man weiß, desto mehr Spaß macht der komödiantisch angehauchte Horror-Hybrid. Dabei ist die Prämisse eigentlich nicht neu. Im Vergleich zu thematisch ähnlichen Genrefilmen schafft es „Fresh“ jedoch, die Spannung konstant auf einem guten Niveau zu halten.

Fresh ©20th Century Studios

Vom Traummann zum Albtraum! Sebastian Stan darf in „Fresh“ schön freidrehen. Dem MCU-Star merkt man seine Spielfreude über die gesamte Laufzeit an. Steve ist bei ihm kein plumper Irrer, sondern gerade deshalb so unangenehm, weil er selbst in den absurdesten Momenten noch dieses selbstzufriedene, charmante Grinsen behält. Auch wenn seiner Leinwandpartnerin Daisy Edgar-Jones weniger Raum bleibt, um besondere Akzente zu setzen, kann auch sie überzeugen. Sie spielt Noa nicht als hilfloses Opfer, sondern als Frau, die ihre Angst sortiert, beobachtet, wartet und nach einer Lücke sucht. Dadurch bekommt der Film im letzten Drittel genau die Energie, die er braucht, um nicht nur als makabre Idee zu funktionieren. Trotz Stans Präsenz sind die Frauen die Stars! Wer Horror-Klischees überdrüssig ist und bereit für etwas Frische in der eingestaubten Welt des Thrillers ist, sollte sich „Fresh“ nicht entgehen lassen. Alleine die Auflösung des in letzter Sekunde doch noch rechtzeitig auftauchenden männlichen Helden ist köstlich.

Fresh ©20th Century Studios

Fazit

„Fresh“ ist herzhafte Thriller-Kost mit schwarzem Humor, starkem Timing und einem herrlich unangenehmen Sebastian Stan.

Bewertung: 3.5 von 5.