This is I: Kritik zum Netflix Film – Nach einer wahren Geschichte

This is I Netflix Film 2026
TitelThis is I
Genre Biopic, Drama
Jahr2026
FSK12
RegieYusaku Matsumoto

Starttermin: 10.02.2026 | Netflix

Vom Kabarett zur Ikone

Selbst im heutigen Deutschland, das sich gerne mit dem Deckmantel der Progressivität schmückt, gleicht der Weg der Geschlechtsangleichung oft einem bürokratischen Spießrutenlauf mit Hürden, die die menschliche Identität in ein engmaschiges Raster aus Paragrafen und Verordnungen zwängen. Da ist der entwürdigende Begutachtungszwang, das Verharren in veralteten Gesetzen und die ständige, zermürbende Konfrontation mit Weltbildern, die längst in den Archiven der Geschichte verstauben sollten. Wenn das Hier und Jetzt bereits ein emotionales Minenfeld darstellt, mag man sich kaum ausmalen, wie es sich anfühlt, diesen Weg in einer Zeit und an einem Ort zu gehen, an dem das Wort „Fortschritt“ noch wie eine Drohung klang. Netflix‘ „This Is I“ wagt genau diesen Blick zurück und erzählt die wahre, schmerzhafte und doch hoffnungsvolle Geschichte einer Frau, die ihre Existenz gegen den Widerstand einer erstarrten Gesellschaft behaupten musste.

This is I Netflix Film 2026
This is I ©Netflix

Die Geschichte von „This Is I“ entführt die Zuschauerschaft in das Japan der späten 1980er und 90er Jahre. Im Zentrum steht der junge Kenji, der schon früh spürt, dass die äußere Hülle nicht mit dem inneren Kern korrespondiert. Unter dem Künstlernamen Ai Haruna – gespielt von Haruki Mochizuki – beginnt ein beschwerlicher Weg der Selbstfindung und Transformation. Von den ersten Schritten in der schillernden, aber oft grausamen Welt der Kabaretts bis hin zur geschlechtsangleichenden Operation in Thailand – die Erzählung begleitet Ai durch Jahrzehnte der Selbstbehauptung. Dabei begegnen wir einer Reihe von Wegbegleitern, die zwischen Ablehnung und zärtlicher Akzeptanz schwanken, während Ai versucht, sich als eine der ersten trans Frauen in der japanischen Öffentlichkeit einen Namen zu machen.

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Mutige Frau, vorsichtiger Film

„This Is I“ beweist das notwendige Fingerspitzengefühl für eine Thematik, die so oft Gefahr läuft, in den Voyeurismus abzugleiten. Eine kluge Entscheidung ist dabei die Besetzung echter trans Darstellerinnen – wenn auch nicht in der Hauptrolle selbst –, die dem Netflix Original die dringend benötigte Erdung verleiht – unterstrichen durch das Mitwirken der echten Ai Haruna. Doch trotz dieser authentischen Untermauerung wirkt die filmische Umsetzung in weiten Teilen seltsam fahrig. Wo man chirurgische Präzision in der psychologischen Ausarbeitung erwarten würde, regiert meist melodramatischer Kitsch, der echte Gefühle eher verdeckt als ihnen Raum zur Entfaltung zu bieten. Man denke im direkten Vergleich nur an Tom Hoopers „The Danish Girl“. Dort wurde der Schmerz der Transition nicht nur gezeigt, er wurde durch eine fast schon schmerzhaft intime Kameraarbeit regelrecht greifbar gemacht. „This Is I“ hingegen bleibt an der glatten Oberfläche des Biopics kleben, gefangen in einer Erzählweise, die sich mehr auf die äußeren Stationen verlässt als auf die Veränderung im Inneren. Ein grundlegendes Gefühl von Wärme und der aufrichtige Wunsch nach Verständnis ist spürbar, doch die Erzählung traut sich dabei nie wirklich in die dunklen Kammern der Psyche oder in die hässlichen Abgründe der sich nach Normativität sehnenden gesellschaftlichen Strukturen. 

This is I Netflix Film 2026
This is I ©Netflix

Handwerklich gibt es indes wenig auszusetzen. Die japanische Netflix-Produktion ist durchweg solide inszeniert und fängt den Zeitgeist der Ära mit akkuraten Kostümen und stimmigen Locations ein. Doch genau hier liegt das Problem: Die Atmosphäre verkommt so schnell zur perfekt drapierten Kulisse, die den Mangel an erzählerischer Tiefe kaum kaschieren kann. Das Umfeld von Ai bleibt seltsam schematisch, die gesellschaftlichen Widerstände wirken eher wie notwendige Plot-Punkte als wie eine erstickende, omnipräsente Bedrohung. Das macht „This Is I“ zu einem Film, der zwar niemanden vor den Kopf stößt, aber eben auch niemanden im Kern erschüttert. Es ist ein freundliches, fast schon zu sanftes Porträt einer mutigen Frau, dem es an der nötigen Radikalität fehlt, um über die Laufzeit hinaus im Gedächtnis zu hallen. Der große emotionale Knall, jener Moment, in dem das Mitgefühl in echtes Verstehen umschlägt, bleibt aus. Was bleibt, ist eine respektvolle Verbeugung vor einer starken Frau, die jedoch mehr wie eine bebilderte Biografie wirkt als wie ein lebendiges, atmendes Stück Kino.

This is I Netflix Film 2026
This is I ©Netflix

Fazit

Schicker Look, wenig Tiefe: „This Is I“ ist eine hochglanzpolierte Verbeugung vor Ai Haruna, der es am Ende aber an echtem Gänsehaut-Faktor fehlt. Ein schöner Film, der leider zu oft auf Nummer sicher geht.

Bewertung: 0.5 von 5.
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