| Titel | Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery |
| Genre | Krimi |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 12 |
| Regie | Rian Johnson |
Starttermin: 12.12.2025 | Netflix
Ein neuer Fall für Benoit Blanc
Es fühlt sich an, als würde Benoit Blanc uns in jeder „Knives Out“-Iteration ein Stück weiter in ein Spiegelkabinett führen, in dem Wahrheit, Lüge und menschliche Sehnsucht ineinander übergehen. „Knives Out“ begann als klares, pointiertes Rätsel. Ein traditionsreiches Herrenhaus, eine Familie im Zerfall, ein Mord, der sich logisch entwirren ließ. Das Netflix Original lebte von seiner Präzision: den kleinen Details, den doppelten Böden, dem stillen Vergnügen, einer klassischen Formel neues Leben einzuhauchen. „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ spielte ein anderes Spiel. Alles war größer, heller, lauter. Die Insel wirkte wie ein Labor für Eitelkeit und Machtfantasien. Hier ging es weniger um ein feines Geflecht aus Hinweisen, sondern um das Entlarven moderner Selbstdarstellung. Der Fall war verschachtelter, der Ton satirischer, die Figuren überzeichnet – bewusst, fast verspielt. Mit „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ schlägt die Reihe nun einen ernsteren Ton an. Der Look ist dunkler, die Atmosphäre gedämpfter, die Satire weicht existenziellen Fragen. Doch trägt diese neue Schwere die Reihe wirklich weiter – oder verliert sie dabei einen Teil ihrer spielerischen Präzision?

Ein neuer Fall, eine neue Herausforderung für Benoit Blanc (Daniel Craig): In „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ wird der Meisterdetektiv in eine abgelegene Gemeinde im Norden von New York gerufen, nachdem Monsignor Jefferson Wicks (Josh Brolin) – der dominante Leiter einer kleinen ländlichen Kirche – unter scheinbar ungeklärten Umständen ermordet aufgefunden wird. Vorangegangen ist ein öffentlicher Streit zwischen dem jungen Priester Jud Duplenticy (Josh O’Connor), einem ehemaligen Boxer mit einer hitzigen Vergangenheit, und Wicks, dessen strenge Predigten die Gemeinde spalten. Polizeichefin Geraldine Scott (Mila Kunis) holt Blanc hinzu, und während er die verschlungenen Beziehungen der Gemeindemitglieder durchleuchtet, treten hinter der höflichen Dorfidylle Lügen, Eifersucht und lange verborgene Geheimnisse zutage. Mit jedem neuen Hinweis fügt Blanc das Puzzle präziser zusammen – – bis sich zeigt, dass in dieser Gemeinde nicht nur ein Verbrechen aufgeklärt werden muss, sondern ein ganzes Geflecht aus Glauben, Macht und verdrängter Schuld.

Zwischen Wahrheitssuche und Glaubenskrise
Was „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ von seinen Vorgängern absetzt, ist weniger der Ortswechsel als die Verschiebung seines inneren Schwerpunkts. Die Kirche ist hier nicht bloß ein neues Spielfeld für ein weiteres Rätsel, sondern ein Resonanzraum für Fragen, die tiefer schneiden als das übliche Spiel von Schuld und Unschuld. Rian Johnson nutzt die vertraute Mechanik des Whodunits als Gefäß für Themen wie Glauben, moralische Autorität und die Verlockung von Macht. Die religiöse Institution wird zum Prüfstein: Was bleibt von Gemeinschaft, wenn jene, die Orientierung versprechen, selbst korrumpiert sind? Und wie formt sich Wahrheit in einem Umfeld, in dem sie längst zu einem Instrument geworden ist? In diesem Spannungsfeld entfaltet Josh O’Connor eine bemerkenswert vielschichtige Performance. Sein Jud ist keine klassische Verdachtsfigur, sondern ein innerlich zerrissener Mensch, gezeichnet von Schuld und zugleich getrieben von der Hoffnung auf Erlösung. O’Connor verleiht der Figur eine fragile Intensität, die zwischen unterdrückter Wut, tiefgreifenden Glauben und tastender Sehnsucht oszilliert. Jud wird so zum emotionalen Zentrum der Erzählung – nicht als Rätsel, das es zu lösen gilt, wenngleich auch das wieder großen Spaß bereitet.

Daniel Craigs Benoit Blanc hingegen erscheint hier weniger als souveräner Architekt der Wahrheit denn als Zeuge eines moralischen Zerfalls, der auch ihn nicht unberührt lässt. Zwar bleibt Blancs messerscharfer Verstand intakt, doch seine Rolle verschiebt sich spürbar. Die Ordnung, auf die er sich sonst verlassen kann, gerät ins Wanken. Immer wieder scheint sein Vertrauen in Logik und Struktur zu bröckeln – ein leiser, aber wirkungsvoller Subtext, der der Figur neue Schichten verleiht und „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ eine ungewohnte Nachdenklichkeit einschreibt. Die Symbolik des Glaubens ist dabei eng mit dem Kriminalplot verwoben und wirkt nie wie ein bloßer Überbau. Sie zwingt dazu, über den konkreten Fall hinauszudenken – hin zu Fragen nach Verantwortung, Schuld und der Möglichkeit von Vergebung. Am Ende erweist sich „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ als mehr als nur eine weitere Variation des bekannten Konzepts. Rian Johnson gelingt somit ein Whodunit-Film, der nicht nur unterhält, sondern nachhallt – ein Film, der seine Fragen nicht vollständig beantwortet und gerade darin seine Stärke findet.

Fazit
„Wake Up Dead Man“ markiert den bisherigen Höhepunkt einer durchweg starken Reihe: stilistisch konzentrierter, inhaltlich ambitionierter und emotional nachhaltiger als zuvor. Rian Johnson vertieft das Genre, ohne dessen Reiz zu opfern, und findet in der Schwere neue Klarheit.


