| Titel | The Abandons |
| Genre | Drama |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 16 |
| Creator | Kurt Sutter |
Starttermin: 04.12.2025 | Netflix
Wilde Grenzen, starke Frauen
Der Western gilt als eines der ikonischsten Genreformate der US-amerikanischen Film– und Fernsehgeschichte: staubige Straßen, harte Landschaften, moralische Duelle zwischen Recht und Macht sowie das Spannungsfeld zwischen Zivilisation und Wildnis prägen seit jeher seine Erzählstruktur. Lange Zeit dominierten männliche Helden und patriarchale Strukturen, doch moderne Interpretationen hinterfragen diese Muster und setzen zunehmend auf komplexere Figuren, revisionistische Perspektiven und emotionale Tiefe. In diesem Kontext steht auch „The Abandons“: Angesiedelt im 19. Jahrhundert, in den rauen Grenzgebieten des amerikanischen Nordwestens verknüpft die Netflix Serie klassisches Western-Vokabular mit moderner Serienästhetik. Im Zentrum stehen zwei Matriarchinnen – gespielt von “Game of Thrones”-Darstellerin Lena Headey und “Akte X”-Star Gillian Anderson – die in acht Episoden Loyalität, Gier und Gerechtigkeit verhandeln und die traditionellen Genre-Muster aus weiblicher Perspektive neu interpretieren.

Angel’s Ridge, Washington Territory, 1854. Inmitten dieses rauen Terrains lässt „The Abandons“ zwei Frauen aufeinander, deren Visionen von Recht und Ordnung sich unweigerlich kollidieren. Fiona Nolan (Lena Headey), eine fromme Irin, die sich ein Patchwork-Familiengefüge aus Waisenkindern geschaffen hat, verteidigt mit Feuer und Aderkraft ihr Land und ihre Ideale. Ihr gegenüber steht Constance Van Ness (Gillian Anderson), eisige Eigentümerin eines Silberbergs, deren Ehrgeiz sie antreibt, das Vermögen der Region zu kontrollieren. Als ein gewaltsamer Übergriff schließlich ein Leben fordert, geraten die ohnehin fragilen Machtverhältnisse ins Wanken – und das Drama nimmt seinen Lauf.

Weibliche Perspektive trifft Streaming-Formel
Dass „The Abandons“ die weibliche Perspektive in den Mittelpunkt stellt, ist mehr als nur ein erzählerischer Kniff – es ist der stärkste Impuls, den das Netflix Original entfalten kann. Schon die erste Episode macht deutlich, wohin die moralische Schwerkraft dieses Westerns führen könnte: Eine versuchte Vergewaltigung, eine Gruppe von Frauen, die zusammenhält, ein Täter, der seinen eigenen Gewalttaten zum Opfer fällt. Der Auftakt ist intensiv, roh, spannend – ein Moment, der andeutet, dass die Erzählung den Mut besitzen könnte, das Genre an seiner empfindlichsten Stelle zu packen. Statt jedoch, ähnlich wie das kompromisslose Western-Drama „The Nightingale“, dieser Wunde in die Tiefe zu folgen und eine düstere, konsequente Rachegeschichte zu formen, schlägt die Serie bald einen breiteren, konventionelleren Weg ein. Was folgt, ist ein vertrautes Muster: Familie gegen Familie. Auf der einen Seite eine angesehene, machtbewusste Dynastie, auf der anderen eine Gruppe von Außenseiter*innen, zusammengehalten von einer Frau, die Menschen bei sich aufnimmt, die keine Familie mehr haben – Adoptivkinder eines harten Landes, ungeachtet von Herkunft, Hautfarbe oder sozialem Rang.

Dieser Ansatz trägt zweifellos Kraft in sich. Die Idee einer gefundenen Familie, die sich der Willkür und Arroganz der Mächtigen entgegenstellt, besitzt einen eigenständigen Reiz. Und atmosphärisch funktioniert vieles: die Kargheit des Territoriums, der soziale Druck, die Härte des Alltags, der Schmutz unter den Nägeln einer Welt, die niemandem etwas schenkt – außer denjenigen, die ohnehin schon genug haben. Doch leider verliert sich „The Abandons“ erzählerisch etwas zu sehr in der Breite. Die Vielzahl an Konflikten, Machtkämpfen und Nebenhandlungen zerschneidet das Potenzial, das im Kern liegt. Statt die ungeschönte Realität weiblicher Verletzlichkeit und weiblicher Vergeltung weiter auszuleuchten, statt der emotionalen Sprengkraft des Auftakts nachzugehen, verteilt „The Abandons“ seine Energie auf dynastische Fehden, Intrigen und moralische Nebenwege. Das Ergebnis ist ein Western, der viele gute Ideen besitzt, sie aber nicht alle mit gleicher Entschlossenheit verfolgt.

Fazit
„The Abandons“ besitzt zweifellos eine innere Wucht; sie liegt in den stillen Spannungen, den unausgesprochenen Konflikten und der grundlegenden Kraft seiner Frauenfiguren. Doch anstatt diese Intensität konsequent auszubauen, verliert sich die Serie zu häufig in vertrauten Streaming-Mustern und bleibt damit hinter dem emotionalen Potenzial zurück, das sie im Kern trägt.
(ohne Wertung / Fazit nach zwei Episoden)


