The Long Walk – Todesmarsch: Kritik zum Film – Der Tod läuft mit

The Long Walk – Todesmarsch 2025 Film
TitelThe Long Walk – Todesmarsch
Genre Thriller
Jahr2025
FSK16
RegieFrancis Lawrence

Heimkinostart: 24.12.2025

Dystopie statt Horror

Stephen King zählt zu den meistverfilmten Autoren der Gegenwart, doch die Qualität der Umsetzungen schwankt traditionell stark. Besonders im Horrorbereich entstehen häufig Filme, die sich auf einfache Effekte, billige Schreckmomente und visuelle Übertreibung verlassen, ohne Kings psychologische Tiefe oder seine präzise Auseinandersetzung mit menschlichen Schwächen zu erfassen. Die stärksten King-Adaptionen bewegen sich dagegen oft abseits des Grauens und konzentrieren sich auf Charaktere, moralische Fragen und menschliche Tragik. „Die Verurteilten“ und „The Green Mile“ haben das eindrücklich bewiesen. Sie erzählen keine Monster-, sondern Menschen-Geschichten und besitzen gerade deshalb filmische Langlebigkeit. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie „The Long Walk – Todesmarsch“ einzuordnen ist. Der Stoff stammt aus Kings Frühwerk, wurde unter seinem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht und gilt weder als Horrorroman noch als klassischer Thriller. Die Geschichte ist dystopisch, aber nicht übernatürlich, brutal, aber nicht spekulativ – und verbindet ihr Konzept nicht mit Schockeffekten, sondern mit einer nüchternen, fast sachlichen Betrachtung von Gesellschaft, Politik und jugendlichem Leistungsdruck. Damit fällt der Film in eine Sparte, in der King-Verfilmungen oft erfolgreicher sind: Er muss keine künstlichen Monster erschaffen, sondern sich mit einer glaubwürdigen, bedrückenden Realität auseinandersetzen. Ob ihm das gelingt, entscheidet sich nicht an Blut oder Spannung, sondern daran, wie gut die Figuren, das Szenario und die sozialen Implikationen auf der Leinwand funktionieren.

The Long Walk – Todesmarsch 2025 Film
The Long Walk – Todesmarsch ©LEONINE Distribution

Im Zentrum von „The Long Walk – Todesmarsch“ steht ein totalitäres Regime in den Vereinigten Staaten der nahen Zukunft, in dem jährlich ein Wettkampf veranstaltet wird, der als größtes Medienereignis des Landes gilt: der sogenannte Long Walk. Junge Männer werden ausgewählt, um auf einer vorgegebenen Route zu marschieren. Sie müssen eine Mindestgeschwindigkeit halten, dürfen nicht anhalten und erhalten Warnungen, wenn sie zu langsam werden. Nach drei Warnungen erfolgt die Erschießung. Wer zuletzt übrigbleibt, gewinnt ein lebenslanges Rundum-Sorglos-Paket: Geld, soziale Absicherung und Ruhm. Im Mittelpunkt steht Ray Garraty, ein junger Teilnehmer aus Maine, der zunächst mit Ehrgeiz und sportlicher Motivation in das Ereignis startet, aber schon nach wenigen Kilometern merkt, dass der Wettbewerb weniger ein Leistungstest als ein Todesurteil ist. Die Teilnehmer lernen einander kennen, knüpfen Freundschaften und Feindschaften, teilen Erinnerungen und Ängste – und gehen dennoch weiter, obwohl jeder Schritt ein weiterer Kilometer Richtung Vernichtung bedeutet. Der Marsch wird von der Bevölkerung begeistert verfolgt, kommentiert und medial inszeniert, während die Jungen langsam physisch wie psychisch an ihre Grenzen geraten. Die Prämisse ist simpel, aber drastisch: Es geht nicht um Sieg, sondern um das Ausbleiben des Todes – und die Frage, welche Gesellschaft ein solches Spektakel hervorbringen kann und warum niemand versucht, es aufzuhalten.

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Francis Lawrence kehrt zur dystopischen Jugend zurück

Die dystopische Welt, in der „The Long Walk – Todesmarsch“ angesiedelt ist, wird nur rudimentär erklärt. Hintergründe darüber, wie dieses Regime entstanden ist, welche politischen Kräfte es tragen oder wieso die Bevölkerung das Spektakel ohne nennenswerte Gegenwehr akzeptiert, lässt die Handlung offen. Das Worldbuilding bleibt minimalistisch und liefert eher Andeutungen als tiefere Analyse. Diese Zurückhaltung wirkt auf den ersten Blick wie ein Mangel: Die politischen Dimensionen des Systems könnten komplexer sein, die ideologische Grundlage schärfer ausgearbeitet, und auch eine Einbettung in größere historische oder soziale Bewegungen hätte die Wirkung verstärkt. Doch wenn „The Long Walk – Todesmarsch“ erst einmal im Kern seines Szenarios angekommen ist, funktioniert das, was sich daraus entwickelt, erstaunlich gut. Erklärungen, gesellschaftliche Hintergründe und moralische Rechtfertigungen verschwinden aus dem Blick – übrig bleibt die direkte, körperliche Erfahrung eines Systems, das Jugendliche buchstäblich verheizt. Die Gespräche zwischen Garraty und McVries tragen dadurch eine größere Bedeutung, denn sie müssen sich ihren eigenen Reim auf die Welt machen, ohne dass der Film ihnen Antworten liefert. Das führt zu einer dichten, konzentrierten, beinahe dokumentarischen Wirkung: nicht die Welt formt das Drama, sondern das Drama deutet die Welt. Die gesellschaftskritische Dimension ergibt sich also weniger aus politischer Ausformulierung, sondern aus der nüchternen Darstellung eines Regimes, das Menschenleben an sein Publikum verfüttert – und dem niemand widerspricht.

The Long Walk – Todesmarsch 2025 Film
The Long Walk – Todesmarsch ©LEONINE Distribution

Die brutalen Momente des Films sind kompromisslos inszeniert und entfalten eine unmittelbare Wirkung. Wenn ein Teilnehmer zusammenbricht oder die dritte Warnung erhält, spart die Regie nicht an Deutlichkeit, sondern zeigt die Konsequenzen ungeschönt und ohne stilistische Distanz. Diese Härte stärkt „The Long Walk – Todesmarsch“ in zweierlei Hinsicht. Einerseits verleiht sie dem Geschehen Glaubwürdigkeit und verhindert, dass der Wettkampf als abstraktes Gedankenexperiment wahrgenommen wird. Andererseits bildet sie einen wichtigen Kontrapunkt zur Inszenierung, die in Tonfall und Figurenzeichnung teilweise stark an moderne Young-Adult-Erzählungen erinnert. Dialogrhythmus, Casting, Beziehungskonstellationen und visuelle Gestaltung lassen erkennen, dass Regisseur Francis Lawrence in diesem Bereich durch „Die Tribute von Panem“ erhebliche Erfahrung gesammelt hat. Der Blick auf jugendliche Protagonisten, die unter absurdem gesellschaftlichen Druck zu Heldenrollen gedrängt werden, ist ihm vertraut – und manches davon spiegelt sich nun in einer deutlich düstereren Variante. Gerade deshalb erweist sich der Kontrast als wirkungsvoll: Das erzählerische Grundgerüst könnte leicht in den Ton vieler Konkurrenzproduktionen abgleiten, doch die kompromisslose Gewaltdarstellung verhindert jede romantisierende Überhöhung. Was bei oberflächlicher Betrachtung wie eine triste Variante bekannter YA-Topoi wirkt, wird durch die Härte und Konsequenz des Films zu einer radikaleren Studie über Entwertung und Anpassung. Der Long Walk ist kein Abenteuer, sondern ein staatlich sanktioniertes Sterben, das nicht als Metapher, sondern als nüchternes Ereignis inszeniert wird.

The Long Walk – Todesmarsch 2025 Film
The Long Walk – Todesmarsch ©LEONINE Distribution

Fazit

Kompromisslos, konzentriert und mit starker Wirkung: „The Long Walk – Todesmarsch“ überzeugt mehr durch Konsequenz als durch Welterklärung und bleibt als düstere Young-Adult-Dystopie mit überraschend realistischer Schärfe im Gedächtnis.

Bewertung: 3 von 5.
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