| Titel | 84m² |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 16 |
| Regie | Kim Tae-Joon |
Starttermin: 18.07.2025 | Netflix
Wohn(t)raum auf 84 Quadratmetern
Mit „Noise” präsentierten die diesjährigen Fantasy Filmfest Nights einen vielversprechenden Beitrag aus Südkorea, der das leise Grauen in den Wänden moderner Wohnblöcke hörbar machen wollte. Statt auf laute Effekte setzte der Horrorfilm auf das unheimliche Wispern in einer Nachbarschaft, die sich kaum kennt — und doch alles voneinander hört. „Noise“ zeigte, wie Isolation, Misstrauen und soziale Kälte in dicht besiedelten Apartmentkomplexen zum subtilen Horror des Alltags werden können. Der Klang der Stadt, nicht als Kulisse, sondern als Echo verdrängter Geheimnisse, das mit jedem Schritt durch den Flur lauter wird. Sozialkritik im Genregewand quasi — nur ohne den erhofften Impact. Ein Versprechen, dass sich auch das südkoreanische Netflix Original „84m²” auf die Fahne schreibt.

Und darum geht es…
Woo-seong (Kang Ha‑neul) ist ein Durchschnittsangestellter, der sich endlich seinen Traum von den eigenen vier Wänden in Seoul erfüllt hat. Das Apartment: 84 Quadratmeter, exakt bemessen, akribisch finanziert, belastet mit Hypothek, Bürgschaften und der stillen Hoffnung nach Sicherheit. Doch was so makellos klingt, beginnt schon in den ersten Nächsten zu bröckeln. Ein seltsames Klopfen, ein dröhnendes Hämmern – Geräusche, die Woo-seong den Schlaf rauben und die Wände immer näher rücken lassen. Je mehr er versucht, den Ursprung dieser Störungen zu finden, desto tiefer verstrickt er sich in ein Netz aus Nachbarschaftsstreit, verschwiegenen Problemen und der unheimlichen Präsenz seiner Hausgemeinschaft. Die ehrgeizige Vorsitzende Eun-hwa (Yeom Hye‑ran) scheint helfen zu wollen – oder verfolgt sie ganz eigene Pläne? Und was weiß Jin-ho, der Mann aus der Wohnung über ihm, wirklich?

Die Paranoia wohnt nebenan
„Noise“ hat angedeutet, wie leicht ein Apartment, das Schutz verspricht, zum Resonanzraum für Angst, Isolation und Misstrauen werden kann. Doch wo „Noise“ seine Idee vom akustischen Grauen bald zugunsten austauschbarer Gruseleffekte verschenkt, geht „84 m²“ konsequent weiter — und legt den Finger genau dorthin, wo urbane Horrorvisionen am schmerzhaftesten sind: in die klaustrophobische Enge eines Marktes, der Menschen mit Hypotheken, Krediten und Statusdruck erdrückt. Der wahre Schrecken ist hier nicht das Wispern in den Wänden, sondern der Preis, den man zahlt, um sich in einer Millionenstadt überhaupt ein Zuhause nennen zu dürfen — und wie schnell aus vier Wänden ein Käfig werden kann. Zwischen satirischer Schärfe, psychologischem Thrill und sozialrealistischer Beklemmung entspinnt sich so schnell eine atemlose Hatz, die gar nicht erst an der Tür klopft, sondern mit selbiger ins Haus fällt. Wenn sich Woo-seong bei seinem freien Fall in einem Strudel aus Paranoia, Wahnsinn und existenziellen Ruin dann auch noch an einen erfolgversprechenden Strohhalm klammert, treibt „84 m²“ seine Spannungskurve stellenweise derart nach oben, dass selbst die heimischen vier Wände bedrohlich mitzuschwingen scheinen.

Je näher sich „84 m²“ jedoch dem Ende nähert, desto mehr wirkt es, als verliere das Netflix Original das Vertrauen in sein bis dahin fein austariertes Konzept — und flüchtet sich in genregenormte Stilmittel, die zuvor noch galant umschifft wurden. Dass es „84 m²“ versäumt, sein subtiles Spannungspotenzial bis über die Schlusslinie zu tragen, schmälert zwar nicht die eindrucksvollen ersten eineinhalb Stunden – lässt den Abgang jedoch schwächer hallen, als es das Thema verdient hätte. Trotzdem bleibt Kim Tae-Joons psychologischer Seoul-Thriller ein bemerkenswerter Genrebeitrag: formal präzise, thematisch brisant und getragen von einem intensiven Spiel Kang Ha-neuls, der die emotionale und körperliche Erosion seiner Figur mit bestürzender Eindringlichkeit verkörpert. Eine ambitionierte Mischung aus Gesellschaftssatire, Thriller und psychologischem Drama, selbst wenn der letzte Akt an Schärfe einbüßt. Somit bleibt ein düsteres Großstadtpanorama voller Druck, Lärm und innerer Leere — und ein Film, der zumindest über den Großteil der Strecken zeigt, wie politisch kluger Genrefilm heute aussehen kann.

Fazit
Packender Wohnalbtraum mit sozialem Unterbau – „84 m²“ macht die Enge Seouls spürbar und lässt Paranoia durch die Wände kriechen!


