The Ugly Stepsister: Kritik zum düsteren Märchenhorrorfilm

The Ugly Stepsister Film 2025
TitelThe Ugly Stepsister
Genre Horror
Jahr2025
FSKungeprüft
RegieEmilie Blichfeldt

Fantasy Filmfest Nights

Wer ist die Hässlichste im ganzen Land?

Ups, das war das falsche Märchen. Obwohl einige Personen die Live-Action-Adaption von „Schneewittchen“ ebenfalls als Horror bezeichnen würden, geht es hier um „The Ugly Stepsister“ – eine Horrorversion von „Cinderella“, erzählt aus der Sicht der bösen Stiefschwester. Diese hat Regisseurin Emilie Blichfeldt auf die Beine gestellt und erntet bereits jetzt Vergleiche mit dem Oscar-nominierten Body-Horror „The Substance“. Ob diese gerechtfertigt sind? Davon können sich Interessierte bei den Fantasy Filmfest Nights 2025 noch vor dem offiziellen Kinostart selbst überzeugen.

The Ugly Stepsister Film 2025
The Ugly Stepsister ©capelight pictures

Und darum geht es…

Nach dem plötzlichen Tod ihres Stiefvaters gerät die Familie der unsicheren Elvira (Lea Myren) in finanzielle Schwierigkeiten. Da kommt eine Einladung aus dem Königreich gerade recht: Prinz Julian (Isac Calmroth) lädt zu einem Ball, auf dem er seine zukünftige Ehefrau wählen will. Entschlossen, nicht länger im Schatten ihrer schönen Stiefschwester Agnes (Thea Sofie Loch Næss) zu stehen, setzt Elvira alles daran, die Gunst des Prinzen zu gewinnen – koste es, was es wolle.

Zwischen Ekel und Eleganz – eine groteske Reise durch verzerrte Ideale

Weniger Disney, mehr Gebrüder Grimm. Blichfeldts Neuinterpretation von „Cinderella“ ist erwachsener, düsterer und expliziter. Aber am Ende doch nicht so gewagt, wie sie vorgibt zu sein. Im Kontext eines bekannten Märchens, das die meisten aus ihrer Kindheit kennen, sind die gezeigten Szenen sicher grotesk – erigierte Penisse, Nahaufnahmen von Körperflüssigkeiten, und natürlich die bizarre Verfremdung des weiblichen Körpers – doch im Horrorgenre als Ganzes ist dies schon lange kein Tabubruch mehr. Muss es aber auch nicht. Denn der eigentliche Schrecken in „The Ugly Stepsister“ ist metaphorischer Natur. Während sich Coralie Fargeat in „The Substance“ mit dem Schönheitswahn in Hollywood und der Altersdiskriminierung auseinandersetzt, erzählt Blichfeldt eine Coming-of-Age-Geschichte über verzerrte Schönheitsideale und die daraus resultierenden Unsicherheiten, denen vor allem junge Mädchen ausgesetzt sind. Was heute selbsternannte Beauty-Influencer auf Social Media übernehmen, sind in Blichfeldts Märchenwelt mittelalterlich anmutende Schönheitsprozeduren – oder Bandwürmer.

The Ugly Stepsister Film 2025
The Ugly Stepsister ©capelight pictures

Die Botschaft ist deutlich und prägnant – keine Frage – und sollte auch beim letzten Zuschauer ankommen. Dennoch verpasst es das Drehbuch stellenweise, alle Aspekte des gesellschaftlichen Problems gleichgewichtig zu beleuchten. Die Männer im Film sind misogyne Schweine, bleiben aber eine Randnotiz. Das mag den feministischen Unterton unterstreichen sollen, geht aber ein wenig nach hinten los. Das Patriarchat spielt eine zentrale Rolle, wenn es um unrealistische Schönheitsideale und den gesellschaftlichen Druck auf Frauen geht – und auf gewisse Weise sind alle weiblichen Figuren im Film Opfer genau dessen. Nur kommt das beim Publikum zu selten klar zum Ausdruck. Stattdessen scheint Blichfeldt vordergründig die Schuld jenen Frauen zuzuschreiben, die sich dem äußeren Druck bereitwillig unterwerfen und sich dadurch gegenseitig unterdrücken oder sogar verletzen. Erschwerend kommt hinzu, dass manche Figuren zu eindimensional gezeichnet sind – fast wie Karikaturen ihrer Märchenvorlagen. Einzig Alma, Elviras Schwester, fungiert als wohltuender Gegenpol – das emotionale Herzstück des Films, die einzige, die Elvira so akzeptiert, wie sie ist, und sich den gesellschaftlichen Erwartungen konsequent entzieht. Leider rückt sie zu sehr in den Hintergrund. Vielleicht ist genau das die Aussage – dennoch bleibt ein Gefühl von verschenktem Potenzial zurück. Gerade die veränderte Erzählperspektive gegenüber dem Originalmärchen hätte noch mehr Tiefe in die Dynamik der Figuren bringen können, zumal sie geschickt die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen lässt.

Der Body Horror entfaltet sich schleichend: von schmerzhaften Operationen über extremen Haarausfall bis hin zur Selbstverstümmelung. Blutig, abscheulich und skurril. Elviras körperlicher Verfall erinnert dabei weniger an Elizabeth Sparkle – der Vergleich zu „The Substance“ dient sowieso eher als Marketingtaktik – als an den Indie-Geheimtipp „Starry Eyes“, in dem sich der Körper einer angehenden Schauspielerin auf ebenso unangenehme Weise verändert. Lustigerweise ein Film, der irgendwie als Kreuzung zwischen Fargeats und Blichfeldts Werken funktioniert. Am verstörendsten sind jedoch nicht die körperlichen Veränderungen, sondern die Szenen, in denen sich die Kamera obsessiv auf Elviras Essverhalten konzentriert. Essen wird im Film zum zentralen Motiv – oft genug mit dem Effekt, dass sich auch beim Publikum der Magen umdreht. Doch trotz aller Ekelmomente bleibt „The Ugly Stepsister“ fest im Märchenhaften verankert. Das Drehbuch orientiert sich erstaunlich nah an der Originalvorlage, das Kostümdesign ist detailverliebt und opulent, und der pulsierende Synthpop- Score verleiht dem Ganzen eine treibende Energie. Visuell präsentiert sich „The Ugly Stepsister“ somit deutlich gekonnter als auf inhaltlicher Ebene.

The Ugly Stepsister Film 2025
The Ugly Stepsister ©capelight pictures

Fazit

Eine düstere und groteske Neuinterpretation eines bekannten Märchens, die als Metapher für das Erwachsenwerden, verzerrte Schönheitsideale und die daraus resultierenden Unsicherheiten funktioniert – dabei jedoch nicht immer den richtigen Ton trifft und relevante Faktoren ausklammert. Dennoch ein visuell starker Body-Horrorfilm, der gleichermaßen Ekel wie Unterhaltung bietet.

Bewertung: 3.5 von 5.
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