The Wailing: Kritik zum Horrorfilm – Was steckt hinter dem Schrecken?

TitelThe Wailing
Genre Horror, Drama
Jahr2024
FSKungeprüft
RegiePedro Martín-Calero

Fantasy Filmfest White Nights 2025

Das Böse ist nur einen Kamerablick entfernt

Dass sich Argentinien im Bereich Horror nicht hinter anderen Ländern verstecken muss, bewies zuletzt Demián Rugna, der mit „Terrified“ und dem bald auch in Deutschland startenden „When Evil Lurks“ Horrorfans positiv überraschte. Auf den Fantasy Filmfest White Nights 2025 präsentiert Pedro Martín-Calero nun sein Regiedebüt „The Wailing“, das zwar subtiler ausfällt, aber sein Publikum nicht weniger das Fürchten lehrt.

The Wailing 2024 Film
The Wailing ©Lighthouse Home Entertainment

Und darum geht es…

Die junge Andrea (Ester Expósito) wird von einer heimtückischen Präsenz heimgesucht, die nur durch ihre Handykamera sichtbar ist und sie in Angst und Schrecken versetzt. Zwanzig Jahre zuvor, zehntausend Kilometer entfernt, widerfuhr das Gleiche Marie (Mathilde Ollivier), die in Partynächten und reichlich Alkohol Zuflucht suchte. Die einzige, die Marie glaubte, war die Filmstudentin Camila (Malena Villa), der es gelang, das Böse mit ihrer Kamera einzufangen.

Die Angst liegt in dem, was unerklärt bleibt

Horror muss nicht immer etwas völlig Neues erzählen. Oft reicht es aus, altbekannte Elemente, die sich im Genre etabliert haben, in einen Topf zu werfen und dem Ganzen stilistisch seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Genau das gelingt Regisseur Pedro Martín-Calero in seinem atmosphärischen Horrorfilm „The Wailing“. Der Spanier verbindet die Nostalgie der asiatischen Horrorwelle der 2000er-Jahre mit Einflüssen moderner Gruselfilme – sei es „The Grudge“, Technik-Horror wie „Pulse“ und „One Missed Call“ oder Werke wie „It Follows“ und „The Haunting of Hill House“. In seinem Regiedebüt zollt Martín-Calero sowohl Neuem als auch Altem Tribut und erschafft ein Werk, das klassische Horrorelemente mit tiefgehendem Slow-Burn-Horror verbindet und somit für jede Art von Horrorfan funktionieren sollte. Seine Erfahrung in der Regie von Musikvideos, unter anderem für The Weeknd, erweist sich dabei als klarer Vorteil. Bereits die Clubszene zu Beginn, in der eine Frau im flackernden Stroboskoplicht zunächst ausgelassen tanzt und dann von einer ominösen Präsenz angegriffen wird, zeigt Martín-Caleros visuelles Talent. Modern, einnehmend und zugleich verstörend unter die Haut gehend, setzt er damit den Ton für den gesamten Film. Die Horrorelemente werden spärlich eingesetzt; viel mehr verlässt sich das Gruseldrama auf eine unheilvolle Atmosphäre, die sich durch die gesamte Laufzeit zieht. Doch wenn Martín-Calero Angst erzeugen will, gelingt ihm das mit Leichtigkeit.

The Wailing 2024 Film
The Wailing ©Lighthouse Home Entertainment

Filme sollte man fühlen, einfach geschehen lassen und nicht zwingend verstehen – eine Philosophie, von der beispielsweise die kürzlich verstorbene Regielegende David Lynch überzeugt war. Wie im echten Leben muss nicht jede Geschichte Sinn ergeben oder zu Ende erzählt werden. Doch ein großer Teil des regulären Filmpublikums erwartet genau das: Antworten. Sie wollen sich eineinhalb bis zwei Stunden in einer Geschichte verlieren und diese in allen Details präsentiert bekommen. Wie Lynch scheinen auch Martín-Calero und Drehbuchautorin Isabel Peña kein Fan davon zu sein. Woher die unheimliche Präsenz kommt oder was ihr Ziel ist, bleibt absichtlich offen. Diese Lücken laden das Publikum dazu ein, ihre eigene Interpretation zu finden. Themen wie generationenübergreifende Traumata, sexuelle Gewalt gegen Frauen und das Patriarchat sind in den letzten Jahren häufig Gegenstand von Horrorfilmen – oft jedoch plakativ und mit erhobenem Zeigefinger inszeniert. Nicht so bei „The Wailing“. Das clever geschriebene Drehbuch sorgt dafür, dass der Film auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Die furchteinflößende Erscheinung kann als Metapher für den männlichen Blick gelesen werden, dem Frauen ungewollt ausgesetzt sind, oder für die sehr reale Angst, nach einem sexuellen Übergriff keinen Glauben geschenkt zu bekommen. Sie könnte ebenso gut für generationenübergreifende Traumata stehen – oder schlichtweg ein buchstäblicher Geist sein, der Menschen heimsucht. Die Bedeutung muss jeder für sich selbst finden. Nur eines ist sicher: Das Böse ist heimtückisch, schleichend und nicht immer mit dem bloßen Auge sichtbar.

The Wailing 2024 Film
The Wailing ©Lighthouse Home Entertainment

Fazit

Pedro Martín-Calero liefert in seinem Regiedebüt „The Wailing“ keine simplen Antworten, sondern lädt sein Publikum ein selbst nachzudenken. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein atmosphärisches Horrordrama mit schaurigen Gruselmomenten geboten.

Bewertung: 3.5 von 5.
Fantasy Filmfest White Nights 2025
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