| Titel | Stranger Eyes |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2024 |
| FSK | ungeprüft |
| Regie | Yeo Siew Hua |
Starttermin: unbekannt
Hitchcock für das digitale Zeitalter
Voyeurismus ist seit jeher ein faszinierendes und beunruhigendes Thema im Film, das Regisseure wie Alfred Hitchcock in Meisterwerken wie „Das Fenster zum Hof“ oder „Psycho“ meisterhaft inszenierten. In „Stranger Eyes“ greift Siew Hua Yeo, bekannt für seinen preisgekrönten Film „A Land Imagined“, dieses Motiv erneut auf und verlagert es in die moderne, von Technologie geprägte Welt.
Gesehen auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Und darum geht es…
Die Tochter von Junyang (Wu Chien-ho) und Peiying (Anicca Panna) verschwindet spurlos, und die verzweifelten Eltern verlieren zunehmend die Hoffnung. Doch eines Tages finden sie DVDs vor ihrer Haustür, die Szenen aus ihrem Alltag zeigen – aufgenommen vor der Entführung ihres Kindes. In ihrer Not wenden sich die beiden an die Polizei, die mithilfe von Videoüberwachung den Besitzer der Aufnahmen ermittelt: ihren Nachbarn Lao Wu (Lee Kang-sheng). Doch obwohl die Beweise auf ihn hindeuten, gibt es keinen direkten Zusammenhang mit der Entführung. Also beschließen Junyang und Peiying, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und eigene Nachforschungen anzustellen.

Was, wenn dein Nachbar mehr über dich weiß, als du selbst?
Wer behauptet, physische Medien seien tot? In „Stranger Eyes“ sind DVDs quicklebendig und werden zum Mittelpunkt einer Ermittlung – inklusive eines trockenen Witzes über die Handhabung von Discs, mit dem sich wohl jeder Sammler identifizieren kann und der sicher für ein Schmunzeln sorgt. Viel mehr zu lachen gibt es in dem chinesischen Thriller jedoch nicht, denn das Geschehen dreht sich um ernste Themen wie Kindesentführung und die allgegenwärtige Überwachung, der wir direkt oder indirekt ständig ausgesetzt sind. Ob Klassiker wie „Peeping Tom“ und „Das Fenster zum Hof“ oder moderne Beispiele wie „The Voyeurs“ und „Watcher“ – Voyeurismus bietet eine zutiefst verstörende Grundlage für Genrefilme, insbesondere im digitalen Zeitalter. Wir können jederzeit beobachtet werden: von Nachbarn, Überwachungskameras oder sogar freiwillig über soziale Medien. Diesen beunruhigenden Gedanken nutzt Yeo Siew Hua, um einen fesselnden Thriller zu inszenieren – auch wenn dies nicht durchgehend gelingt. Zwar bringt der Perspektivwechsel Schwung in die Erzählung, doch gelegentliche Längen trüben das Tempo.

Die stetige Änderung der Erzählperspektive hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Sobald man denkt, die Rollen seien klar verteilt, enthüllt Yeo immer mehr über seine Figuren und zeigt, dass nicht alles so ist, wie es zunächst scheint. Dadurch bleibt die Handlung weitgehend unvorhersehbar, und immer wieder überraschen Wendungen, die ein neues Licht auf die Geschehnisse werfen. Allerdings bleibt Yeo stellenweise zu vage und verpasst es, einige Twists tiefgründiger zu beleuchten, wodurch sich deren Wirkung nicht immer entfalten kann. Wu-Chien Ho und Anicca Panna liefern als verzweifeltes Ehepaar eine solide Leistung, doch vor allem Lee Kang-sheng als Lao Wu hinterlässt mit seiner starken Präsenz einen bleibenden Eindruck. Selbst in dialoglosen Szenen spricht seine Mimik Bände, und der Ausdruck in seinen Augen transportiert eine unglaubliche Intensität. Zudem ist Wu ein faszinierender Charakter, der der Thematik zusätzliche Tiefe verleiht. BeReal, TikTok, Instagram – wir sehen so viel von anderen Menschen, aber sehen wir sie wirklich? Lao Wu tut das: Er blickt hinter die Oberfläche, achtet auf Details, die niemand bemerkt, und macht „Stranger Eyes“ damit zu einem noch eindringlicheren Erlebnis.

Fazit
„Stranger Eyes“ ist ein eindringlicher Thriller, der Voyeurismus und Überwachung im digitalen Zeitalter erschreckend greifbar macht. Trotz gelegentlicher Längen und einer teils fehlenden Tiefe bei seinen überraschenden Wendungen überzeugt der Film mit starken Performances – allen voran Lee Kang-sheng.

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