| Titel | Gazer |
| Genre | Thriller, Mystery |
| Jahr | 2024 |
| FSK | ungeprüft |
| Regie | Ryan J. Sloan |
Starttermin: unbekannt
Von Dreharbeiten an Wochenenden direkt zu Filmfestivals
Die Corona-Pandemie hat das Leben vieler Menschen auf der ganzen Welt zum Stillstand gebracht. Doch der Elektriker Ryan J. Sloan und die Kellnerin Ariella Mastroianni haben diese Zeit kreativ genutzt und an mehreren Wochenenden ein Filmprojekt realisiert, das sie immer wieder mit Freunden weiterentwickelten, wenn die Finanzierung es erlaubte. Das Ergebnis ist der Thriller „Gazer“ – einer der wohl fesselndsten Filme beim 73. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg.

Und darum geht es…
Frankie Rhodes (Ariella Mastroianni) leidet an der seltenen Krankheit Dyschronometrie, die ihre Wahrnehmung von Zeit beeinträchtigt. Sie lebt in Newark, arbeitet an einer Tankstelle und beobachtet die Menschen um sich herum. Um ihre Krankheit unter Kontrolle zu halten, hört sie selbst aufgenommene Kassetten. Ihre Tochter Cynthia (Emma Pearson) lebt bei ihrer Großmutter Diane (Marianne Goodell), seit Frankies Mann Roger (Grant Schumacher) sich tragischerweise das Leben genommen hat. Eines Tages beobachtet Frankie am Fenster gegenüber, wie eine Frau von einem Mann geschlagen wird. Kurz darauf trifft sie die Frau in einer Selbsthilfegruppe wieder, wo diese sich als Paige (Renee Gagner) vorstellt. Paige macht Frankie ein Angebot: Für 3000 Dollar soll sie das Auto von Paiges gewalttätigem Ex stehlen und an einem abgelegenen Ort parken. Ein fataler Fehler …

Wenn Zeit zum Feind wird …
„Wie kann Zeit heilen, wenn man nicht spürt, dass sie vergeht?“, fragt ein Nebencharakter im Laufe des Films und bringt damit geschickt die einzigartige Prämisse von „Gazer“ auf den Punkt. In der ersten Szene sitzt Frankie gedankenverloren bei ihrem Job in einer Tankstelle, hört einem Kassettenrekorder zu, auf dem sie sich selbst Anweisungen gibt, und beobachtet die Menschen um sich herum. Auf einnehmende Weise erhält das Publikum so von Anfang an Einblick in ihre Gedankenwelt und Perspektive sowie die seltene Krankheit, an der sie leidet. Das Beobachten von Menschen und das Fantasieren über deren Leben und Identitäten ist auch ohne Dyschronometrie etwas, womit sich viele identifizieren können – was den Zugang zur Hauptfigur Frankie erleichtert. Ein entscheidender Faktor, da „Gazer“ sich trotz verschiedener Schauplätze sehr eingeengt anfühlt, weil wir fast ausschließlich Frankie folgen – perfekt verkörpert von Ariella Mastroianni, die mit ihrer starken Ausstrahlung und facettenreichen Performance maßgeblich zur intensiven Wirkung des Films beiträgt. Frankie ist ein sanfter, fast schon fragiler Charakter, der dennoch eine gewisse Stärke und Durchsetzungsfähigkeit ausstrahlt, besonders in ihrer Beziehung zu ihrer Tochter.

Regisseur Ryan J. Sloan traut seinem Publikum zu, selbst nachzudenken, und serviert keine Antworten auf dem Silbertablett. Stattdessen bleiben wir stets auf dem gleichen Wissensstand wie Hauptfigur Frankie, die sich immer tiefer in ein Netz aus Manipulation und Lügen verstrickt. In ohnehin schon nervenaufreibenden Situationen tritt ihre Krankheit wiederholt in den Vordergrund, wie ein dunkler Schatten, der über den Ereignissen schwebt. Was, wenn sie genau in diesem Moment von einem Anfall heimgesucht wird? Diese Frage lässt den Spannungsbogen immer wieder in die Höhe schnellen. Die Horrorelemente, die vor allem in Frankies surrealen Erinnerungen und Träumen auftauchen, hätte der Film eigentlich gar nicht gebraucht – dennoch möchte man sie dank liebevoller Anspielungen auf Cronenberg nicht missen. „Gazer“ ist ein Herzensprojekt durch und durch, und das spürt man in jeder Einstellung. Eine kleine Indie-Produktion, die Regisseur Regisseur Ryan J. Sloan über einem Zeitraum von zweieinhalb Jahren an Wochenenden und mit Hilfe von Freunden auf die Beine stellte. Umso beeindruckender ist es, dass Sloan und Mastroianni mit so wenigen Mitteln ein derart fesselndes Werk geschaffen haben. In einer Welt, in der digitale Effekte dominieren, hat Sloan seinen Film auf 16mm gedreht und mit einem Soundtrack untermalt, der irgendwo zwischen „Insidious“ und „Twin Peaks“ schwebt – hier spürt man definitiv die Liebe zum Kino.

Fazit
„Gazer“ mag klein und zurückhaltend wirken, aber die emotionale Tiefe und die dichte Atmosphäre, die Sloan und sein Team erschaffen haben, hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Durch das Zusammenspiel von Bildsprache, Musik und Mastroiannis Darstellung entsteht eine beinahe hypnotische Stimmung, die einem auch lange nach dem Abspann nicht mehr aus dem Kopf geht.

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