Einschalten oder SKippen?
Ein Erbe ausschlagen – für viele ein einfacher Entschluss, wenn nur Schulden im Nachlass stehen. Doch wie verhält es sich, wenn die Gläubiger keine freundlichen Bankangestellten, sondern zwielichtige Figuren aus dem kriminellen Milieu sind? Hier wird der moralische Anspruch schnell zur Farce, und die juristische Sauberkeit verblasst angesichts finsterer Gestalten, bei denen die Schuldeneintreibung weit über Mahnbescheid, Kontopfändungen und Verzugszinsen hinausgeht. Wer das Erbe ausschlägt, mag den gesetzlichen Pflichten entgehen, doch das Vermeiden dieser besonderen „Verbindlichkeiten“ stellt eine ganz andere Herausforderung dar – so auch im Fall des Ex-Cops Oskar, der aufgrund der Schulden seines verstorbenen Vaters in der polnischen Crime–Serie “Augen zu und durch, Bruder” seine moralischen Prinzipien über Bord werfen muss.
Und darum geht es…
Seitdem Oskar Gwiazda (Piotr Witkowski) bei seinem letzten Polizeieinsatz eine Panikattacke erlitten hat, war es das für ihn vorerst mit weiteren taktischen Operationen. Um weiter seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können und gleichzeitig den immensen Schuldenberg seines verstorbenen Vaters abzubauen, heuert er als Wachmann an. Doch die Bezahlung ist schlecht und die Verlockung nach dem schnellen Geld zu groß, sodass sich Oskar schon bald auf die falschen Leute einlässt – und prompt die Quittung dafür bekommt!

Unser Fazit nach zwei Episoden
„Augen zu und durch„, ist eine Mantra, das man als Filmkritiker*in weitaus häufiger beherzigen muss, als es einem lieb ist – und speziell Netflix Originals bilden da keine Ausnahme. Trotz des furchtbaren deutschen Titels, den man wörtlich genommen als Foreshadowing auf eine vermeintlich quälende Angelegenheit betrachten könnte, erweist sich “Augen zu und durch, Bruder” (ab dem 30. Oktober 2024 auf Netflix verfügbar) als stellenweise überraschend unterhaltsame und atmosphärische Kriminalgeschichte. Doch trotz des stimmigen Ambientes zeichnet sich bereits innerhalb der ersten beiden Episoden ein erhebliches Problem ab, das der polnischen Netflix-Produktion auch fortan im Weg stehen dürfte: Mit einer Spielzeit von insgesamt sechs Stunden ist “Augen zu und durch, Bruder” schlicht und ergreifend zu lange geraten.

Im schmalen Korsett eines straf erzählten 90-Minüters, hatte der auf sechs Episoden aufgeblähte Plot durchaus das Zeug zum schnörkellosen Spannungsfilm gehabt. So überzeugt “Augen zu und durch, Bruder” punktuell mit nervöser Inszenierung, die von einer unmittelbaren, unruhigen Kamera, der trostlosen Stimmung und einer angenehmen Härte profitiert. Das Skript versäumt es dabei jedoch, sowohl den mafiösen Strukturen als auch seinem (Anti-)Helden interessante, neue Aspekte abzugewinnen, sodass sich die Erzählung stets im Rahmen bekannter Genremotive und stereotypen Figuren bewegt. Trotz des Serienformats, das grundsätzlich genügend Zeit bereithält, um Themen wie posttraumatische Belastungsstörung und Panikattacken ausreichend zu beleuchten, werden zumindest in den ersten zwei Episoden kaum Einblicke gewährt.

„Augen zu und durch, Bruder“ ab dem 29.10.2024 exklusiv auf Netflix streamen!


