| Titel | Alle meine Geheimnisse |
| Genre | Drama |
| Jahr | 2022 |
| FSK | 12 |
| Regie | Lee Ji-eun |
Starttermin: 29.02.2024
Lügen haben Kinderbeine!
In unserer Gesellschaft ist Armut oft ein Tabuthema, das mit Scham und Stigmatisierung einhergeht. Doch was bedeutet es, wenn Kinder aus armen Verhältnissen diese Last auf ihren jungen, hageren Schultern tragen müssen? Gerade in der Schule, wo soziale Unterschiede oft besonders deutlich werden und das Anderssein meist als Grund für Ausgrenzung genügt, ist es nicht leicht mit dem Bewusstsein, weniger als viele andere zu haben, zu hantieren. Getrieben von der Hoffnung es selbst einmal besser zu haben, und vor allem es auch besser zu machen, begibt sich die 12-jährige Myung-eun in Lee Ji-euns “Alle meine Geheimnisse” auf einen Selbstfindungstrip und taucht dabei wieder in eine eigenhändig aus Notlügen gemauerten Welt ein, die sie so gerne ihre persönliche Realität nennen würde.

Und darum geht es…
Myung-eun (Moon Seung-ah) redet nicht gerne über ihre familiäre Situation. Als Kind einer einfachen Arbeiterfamilie fühlt sich die 12-Jährige unter ihren Mitschüler*innen nicht wertgeschätzt und entspinnt daher eine Lügengeschichte nach der anderen. Ihre blühende Fantasie spiegelt sich auch in den kreativen Schreibarbeiten wider, mit denen sie regelmäßig Preise an ihrer Schule gewinnt. Als sie jedoch mit einer neuen, schriftstellerisch ebenfalls überaus begabten Klassenkameradin plötzlich eine echte Konkurrentin in den eigenen Reihen bekommt, muss sich Myung-eun etwas Neues überlegen, um sich abzuheben.


Zwischen KindlicheE Leichtigkeit und Schwermut
Statt sich im Drama des sozialen Ungleichgewichts zu suhlen und/oder eine analytische Dekonstruktion der vermeintlichen Chancengleichheit in die Wege zu leiten, inszeniert Lee Ji-eun die gesellschaftlichen Unterschiede durch Kinderaugen betrachtet, und zwar im Rahmen einer locker leichten Coming-of-Age-Geschichte. Dass sich Myung-euns kindliche Wahrnehmung innerhalb ihres Mikrokosmos nicht immer mit der Realität deckt, zeigt sich insbesondere im Zwiegespräch mit einem Büroangestellten, der umgehend ins Straucheln gerät, wenn es darum geht, die Faszination an seinem Beruf in Worte zu fassen. Für Myung-eun reichen Anzug und Aktentasche als Statussymbol und als Indikatoren für Ansehen. Das Zerrbild der idealen Familie samt geschäftsmännischem Vater und fürsorglicher Hausfrauenmutter dient hierbei als Dreh- und Angelpunkt.

Beschwingt durch die kindliche Leichtigkeit in der Art die Welt um sich herum wahrzunehmen, entpuppt sich “Alle meine Geheimnisse” als warmherziges Feelgood-Movie, das trotz des starken Selbstverwirklichungsdrangs Myung-euns und der Unzufriedenheit mit ihrer familiären Situation stets heiter vorgetragen wird. Ihre Eltern stehen hierbei stellvertretend für eine ganze Generation, die sich den Ängsten ihrer Kinder verweigern. Das beginnt bei kleinen individuellen Empfindungen wie die Scham über die öffentliche Wahrnehmung der eigenen Eltern, die eben nicht der idealisierten Vorstellung entsprechen und geht bis hin zu großen, übergeordneten Themen mit globalem Ausnahm, wie dem Klimawandel. Kinderdarstellerin Moon Seung-ah meistert die Aufgabe Myung-euns komplexe Gefühlswelt zu transportieren, mit Bravour und wertet das ohnehin schon gelungene Drama noch einmal weiter auf.

Fazit
Ein sensibel und warmherziges Feelgood-Drama mit einer fantastischen Jungdarstellerin!


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