Französisches Arthousekino mit deutschem Ausnahmetalent!
Während der Titel der norwegischen Indie-Überraschung „Der schlimmste Mensch der Welt“ aus dem vergangenen Jahre, lediglich als Metapher dafür zu verstehen war, wie sich die von den gesellschaftlichen Normen abnabelnde Protagonistin von ihrer Umwelt wahrgenommen fühlt, könnte er im Fall von Ira Sachs Liebesdrama „Passages“ frei von Ironie und jeglichem doppelten Boden eigentlich nicht zutreffender sein. Man könnte fast meinen, der Wiener Superstar Falco hätte die Hookline seiner 1998er-Hit-Single „Egoist“ nur für Protagonist Tomas gesungen. „Die ganze Welt dreht sich um mich, denn ich bin nur ein Egoist!“

Und darum geht es…
Paris: Für den deutschen Regisseur Tomas (Franz Rogowski) fällt mit der Beendigung der Dreharbeiten für seinen neuen Film eine große Last von den Schultern, was wie immer im Anschluss des letzten Drehtages mit einer Nacht voller Musik, Tanzen und Alkohol gefeiert werden muss. Dass sein eher introvertierter Ehemann Martin (Ben Whishaw) wie so oft früher nach Hause geht, ist nicht weiter schlimm für ihn, schließlich hat er mit der hübschen Lehrerin Agathe (Adèle Exarchopoulos) eben eine nicht minder feierwütige Verbündete gefunden. Doch dann passiert etwas, das Tomas noch nie passiert ist und seine Gefühlswelt einmal auf den Kopf stellt: Er hat Sex mit Agathe. Einer Frau – und das zum ersten Mal in seinem Leben. Eine leidenschaftliche wie verwirrende Erfahrung, die ihn lange beschäftigt und deren Folgen nicht nur sein Leben, sondern auch das von Martin und Agathe aus der Bahn zu werfen droht…

Schauspielkino der Extraklasse!
Man muss nicht lange suchen, um vor der Entscheidung für oder gegen das Dreiecksbeziehungsdrama „Passages“ einen oder besser gesagt zwei schlagkräftige Argumente zu finden, die förmlich nach einem „Ja, dieser Film muss gesehen werden“ schreien. Alleine das Zusammentreffen von zwei der vielversprechendsten jungen Schauspieltalente Europas rechtfertigt eine Sichtung des in der Stadt der Liebe verorteten Dramas zu einhundert Prozent. Nach der vielleicht besten Romanze aller Zeiten „Blau ist eine warme Farbe“ und „Zero Fucks Given“ zieht Adèle Exarchopoulos mit ihrer ausdrucksstarken Mimik auf ein neues alle Blicke auf sich, während „Luzifer“– und „Victoria“-Darsteller Franz Rogowski nicht minder einnehmen das Publikum zuerst für sich gewinnt, um es dann wieder unliebsame von sich zu stoßen.

Schöne Menschen treffen hässliche Entscheidungen. Narzissmus sticht Liebe. Wenn sich Tomas, und mit ihm auch die beiden Gespiel*innen seines eigensinnigen Liebes-Balletts sehenden Auges in den Abgrund stürzt, ist das vor allem eines: ganz großes Schauspielkino! Ira Sachs lässt dem sorgsam aufeinander abgestimmten Trio Raum, die Emotionen, Entwicklungen und Empfindungen ihrer Figuren freien Lauf zu lassen und reduziert die von Momentaufnahme zu Momentaufnahme springende Rahmenhandlung dabei auf das Nötigste. Sachs vermag es, mit kleinen Gesten große Wirkungen zu erzielen, während das Skript vieles unausgesprochen lässt. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Arthouse-Drama, das mit seiner unaufgeregten Inszenierung und dem einzigartigen Gespür für seine Figuren einen hypnotischen Sog erzeugt.

Fazit
Großartige Darsteller*innen in einem vielschichtigen Drama!
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