Der schlimmste Mensch der Welt | Film – Kritik: Erwachsenwerden ohne Bauplan

Wenn das eigene Leben nicht nach Plan verläuft

Ein schönes Häuschen, ein grüner Garten, viele Kinder und ein sicherer Job. Der Traum eines jeden Menschen oder doch nur ein Potpourri gesellschaftlicher Zwänge? Welche kinderlose Frau über 30 kennt sie nicht, die Frage nach dem hoffentlich bald bevorstehenden Nachwuchs. Eine Übergriffigkeit, die jede Privatsphäre missachtet und deren Antwort grundsätzlich niemanden etwas angeht außer einen selbst. Wer einen anderen Weg gehen möchte, sollte sich niemals von veralteten Zwängen dazu genötigt sehen, den „deutschen Traum“ vom Eigenheim, einer großen Familie oder einem stringenten Bildungsweg zu folgen. Nicht einmal dann, wenn die eine oder andere Entscheidung, die man auf seinem Lebensweg trifft, für manche festgefahrenen Personen – ob beteiligt oder nicht – einen zum schlimmsten Menschen der Welt macht.

Der schlimmste Mensch der Welt ©Koch Films

Julie geht langsam, aber sicher auf die 30 zu. Ihren Platz im Leben hat die unentschlossene Studienabbrecherin bisher noch nicht gefunden. Nach zahlreichen beruflichen Umorientierungen arbeitet sie in einem Buchladen, träumt dabei aber von einer größeren künstlerischen Erfüllung. Als sie eines Abends den unbeschwerten Eivind kennenlernt, kommt neben ihrer unbeständigen Karriere auch noch ihr Liebesleben ins Wanken. Bis dahin schien ihre Beziehung mit ihrem zehn Jahre älteren Freund Aksel trotz Differenzen bezüglich der Kinderplanung ein sicherer Hafen für sie zu sein. Dies ist der Punkt, an dem sie eine Entscheidung treffen muss.

Der schlimmste Mensch der Welt ©Koch Films

Eine verspätete Coming-of-Age-Geschichte

Selbst ist die Frau! Das denkt sich auch Julie – wobei sie eigentlich nicht genau weiß, was sie denken soll. Eine sprunghafte Entscheidung hier, eine lebensverändernde Entscheidung da – einen übergeordneten Plan für ihr Leben hat sie noch nicht festgelegt. Und das ist auch völlig in Ordnung! „Der schlimmste Mensch der Welt“ erzählt die authentische Geschichte eines jungen Menschen kurz vor den Dreißigern, der sich noch in einer Phase der Selbstfindung befindet – wie auch viele andere in diesem Alter. Das macht den warmherzigen Mix aus, mit nuanciertem Humor angereichertem Drama und unkonventioneller Romanze, quasi zu einer etwas verspäteten Coming-of-Age-Geschichte. Julie ist dabei keine makellose Identifikationsfigur und gerade deshalb so nahbar. Sie kann egoistisch sein, charmant, feige, klug, unfair und verletzlich – manchmal alles innerhalb weniger Minuten. Der Film verurteilt sie dafür nicht, aber er entschuldigt auch nicht jede ihrer Entscheidungen.

Der schlimmste Mensch der Welt ©Koch Films

Fehler zu machen ist wichtig und Teil des Prozesses, der sich Leben nennt! „Der schlimmste Mensch der Welt“ fühlt sich in jeder einzelnen Einstellung unglaublich echt und unverblümt ehrlich an und wagt sich dabei auch an schwierige Themen wie Geschlechterrollen, Feminismus und gesellschaftliche Zwänge heran. In 14 Kapiteln – inklusive Prolog und Epilog – begleiten wir Julie durch wunderschön fotografierte Momentaufnahmen ihres Lebens. Dabei geht es um Familie, Liebe und Selbstverwirklichung. Neben der ehrlichen Botschaft und der stark auf Indie-Drama angelegten Inszenierung bietet Joachim Triers episodenhaftes Werk brillantes Schauspielkino, angeführt von der großartigen Renate Reinsve, die mit ihrer natürlichen, herzlichen Ausstrahlung von Haus aus schon eine einnehmende Persönlichkeit ist. Objektiv betrachtet kann man „Der schlimmste Mensch der Welt“ wenig bis gar nichts ankreiden, auch wenn am Ende große emotionale Ausbrüche ausbleiben. Nach „Der Rausch“ aus dem vergangenen Jahr der nächste Hit aus Norwegen!

Der schlimmste Mensch der Welt ©Koch Films

Fazit

„Der schlimmste Mensch der Welt“ ist ein authentisches, kluges und unverblümt ehrliches Drama über Selbstsuche, Liebe und gesellschaftliche Erwartungen. Warmherzig, präzise beobachtet und großartig gespielt – ein Film über Menschen, die keinen Plan haben und trotzdem weitergehen müssen.

Bewertung: 4 von 5.