| Titel | High Tension |
| Genre | Horror, Thriller |
| Jahr | 2003 |
| FSK | 18 (ungeschnitten) |
| Regie | Alexandre Aja |
Heimkinostart: 24.08.2023
Nach 18 Jahren Index, erstmals Uncut im deutschen Heimkino
Bevor sich Alexandre Ajas mit seinen, sich unter Genrefans großer Beliebtheit erfreuenden Remakes „The Hills Have Eyes“ und „Piranha 3D“ in Hollywood als gefragter Horror-Regisseur etablieren konnte, machte der Franzose 2003 erstmals mit seinem ultrabrutalen Terrorfilm „High Tension auf sich aufmerksam – doch der Siegeszug war nur von kurzer Dauer. Nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung setzte die deutsche Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien selbst die um eine Minute geschnittene SPIO/JK-Fassung des Horrorthrillers kurzerhand auf den Index. Stolze 18 Jahren sollte es dauern, bis der deutsche Heimkinomarkt erstmals in den Genuss einer komplett ungekürzten Fassung des zwischenzeitlich von der Liste der jugendgefährdenden Medien gestrichenen Schockers kommt – und am 24. August 2023 ist es endlich soweit!

Und darum geht es…
Um den Kopf freizubekommen und sich endlich mal zu einhundert Prozent auf das Lernen konzentrieren zu können, lassen die Freundin Alex und Marie den Campus vor den anstehenden Uni-Prüfungen für ein Wochenende hinter sich. Das abgelegene Haus von Maries Familie auf dem Land bietet hierfür die perfekte Kulisse. Doch bereits in der ersten Nacht war es das mit dem erhofften Frieden, als sich ein kaltblütiger Killer Zutritt in das Haus verschafft, Maries Eltern ermordet und die verängstigte Frau verschleppt. Nun ist es an Alex, die sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, ihre beste Freundin zu retten…

Ultrabrutales Terrorkino, das unter die Haut geht!
Die 2000er waren das reinste Fest für Fans ruppiger Genrefilme – und einer der Gründe hierfür war das aufblühende französische Terrorkino! Mit „Inside“, „Martyrs“ und nicht zuletzt „High Tension“ entfesselte Frankreich einen unbändigen Sturm aus brachialer, roher Gewalt und nervenzerreißender Spannung, neben dem der US-amerikanische Horrormarkt wie ein handzahmes Kätzchen erscheint – ein Effekt, den „High Tension“ damals wie heute unverändert erzielt! Nicht nur, dass Alexandre Ajas an die Nieren gehende Tour-de-Force mit ihrer rohen und gleichzeitig durchgestylten Schmuddel-Ästhetik auch noch fast 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung unglaublich gut aussieht, sie hat auch kein bisschen von ihrer intensiven Schockwirkung verloren. Ein ähnliches Gefühl von einnehmendem Terror und barbarischem Chaos ließ das Horrorgenre die vergangenen Jahre schmerzlich vermissen. „High Tension“ hingegen kann es immer noch – daran ändert auch die unliebsame Diskussion über den berüchtigten Twist nichts. Dass dieser eigentlich erst durch Ajas manipulative Erzählperspektive funktioniert, schmälert die Wirkung keinesfalls, schließlich ist es im Fall einer überraschenden Wendung das erklärte Ziel eines jeden Filmschaffenden, das Publikum trotz eingestreuter Hinweise – und davon gibt es viele – auf eine falsche Fährte zu locken. Den Vorwurf der fehlenden Plausibilität muss sich „High Tension“ jedenfalls völlig zu Unrecht anhören. Wieso? Ein Klick auf den Spoiler-Button enthüllt die überraschende Wendung, samt Erklärung!
Spoiler [Hier klicken]:
Alex ist der Killer – und das von Anfang an. Sie hat Maries Familie abgeschlachtet und Marie anschließend entführt. Doch wie konnte sie gleichzeitig an zwei Orten sein? Die Antwort ist simpel: Gar nicht. Alle Geschehnisse werden aus der Sicht von Alex geschildert, die sich zum Zeitpunkt dieser Nacherzählung in polizeilichem Gewahrsam befindet und diese auf Geheiß der Beamt*innen in eine Kamera erzählt. „High Tension“ beginnt folglich mit dem Ende und die eigentliche Geschichte erst mit der Schilderung Alexs. Als unzuverlässige Erzählerin kann das Publikum den folgenden Ereignissen also nicht trauen. Das liegt zum einen an ihrer gespaltenen Persönlichkeit, wie wir später erfahren, aber auch daran, dass sie sich nach ihrer schrecklichen Tat in eine Fantasie flüchtet, in der sie die strahlende Heldin ist, um sich dem allem nicht stellen zu müssen. Wenn wir also den imaginären Killer beim Oralsex mit einem abgetrennten Schädel sehen, während Alex zur selben Zeit mit Marie im Auto sitzt, spielt sich dies ausschließlich in ihrer Fantasie ab und spiegelt lediglich ihre gespaltene Persönlichkeit und ihre psychischen Abgründe, die sie letztlich zur kaltblütigen Mörderin machen.

Abgesehen von einer damals wie heute etwas albernen, weil anatomisch mehr als fragwürdigen Enthauptung bietet „High Tension“ derbe, handgemachte Gewaltszenen der Extraklasse, die mit ihrer kompromisslosen Härte und der erschreckend authentischen Inszenierung mit zum Besten gehören, was das Genre zu bieten hat. Mehr als nur einmal labt sich Aja auf verstörende Art und Weise am Todeskampf seiner Figuren, während es auf der Tonspur knackt, röchelt und sabscht, dass selbst die schützende Hand vor den Augen kein Entrinnen zulässt. Anders als im monoton-plumpen Splattergenre, nimmt das blutige Gemetzel eine zweckdienliche Rolle ein, die sowohl der nihilistischen Stimmung als auch dem sich aufbäumenden Nervenkitzel zuarbeitet und dabei nicht zum reinen Selbstzweck verkommt. Befeuert von dieser Kompromisslosigkeit entspinnt Alexandre Aja ein gemächliches Versteckspiel mit einmaligem Gespür für den Aufbau einer exponentiell ansteigenden Spannungskurve und einer damit einhergehender Sogwirkung, die das Publikum mit der geruhsamen, unbändigen Kraft von Treibsand unaufhaltsam tiefer und tiefer in sich hinein zieht.

Fazit
„High Tension“ ist Terror pur! Ein schnörkelloser, erwachsener Horrorthriller, der mit seiner rohen Brutalität und der dichten Atmosphäre auch heute noch unter die Haut geht!
Wie hat Dir „High Tension“ gefallen?

