Im zeitgenössischen Kontext betrachtet, wirken die, in der Zukunft angesiedelten Ereignisse der brasilianischen Horror-Grotesque “Medusa” gar nicht mal so fern, sondern weisen viele Parallelen zu aktuellen zeitgenössischen Problemen wie der politischen Situation im Iran oder den seit der Rückkehr der Taliban in Afghanistan vorherrschenden Missstände. Unter dem Deckmantel der Religion werden Frauen systematisch unterdrückt und misshandelt – und das unter der Aufsicht des Staates, der religiöse Werte wie Gesetzestexte behandelt. In Anita Rocha da Silveiras zweiter Regiearbeit wird Brasilien von einer radikalen christlichen Gruppierung regiert – und die Gläubigen richten über vermeintliche Sünder!

Handlung
Im Brasilien der Zukunft befindet sich die Regierung in kirchlicher Hand. Nachts patrouillieren Truppen durch die Städte, um Unzucht und sittenwidriges Verhalten hart zu bestrafen. Auch Mariana und ihre Freundinnen machen sich auf die Jagd nach sündigen Frauen, um ihnen ihren Glauben aufzuzwingen – wenn nötig auch mit roher Gewalt. Die Legende einer jungen Frau, deren sündige Schuld durch ein himmlisches Feuer aus dem Leib gebrannt wurde, bestärkt Mariana in ihrem Tun. Als sie bei einem nächtlichen Streifzug mit einer großen Narbe im Gesicht entstellt wird und aufgrund ihrer neuen äußeren Erscheinung gezwungenermaßen ihren Arbeitsplatz wechseln muss, entdeckt Mariana, dass es weitaus mehr im Leben gibt als nur das fromme Leben einer streng gläubigen Christin. Ihrem Umfeld gefällt dieser Wandel gar nicht…

Kritik
Wenn eine Gruppe maskierter Frauen zu den treibenden Klängen eines Synthe-Beats im strahlenden Neonlicht, durch die nächtlichen Straßen marschiert, gelingt dem brasilianischen Horrordrama ein audiovisuell berauschender Einstieg. Neben der ansprechenden Kinematografie, die sich auch in den folgenden zwei Stunden durch den Film zieht, liegt das Hauptaugenmerk jedoch auf den behandelnden Themen. Statt eine spannende Geschichte zu erzählen, setzt Anita Rocha da Silveiras alles auf den gesellschaftskritischen Subtext und verliert den Spannungsaufbau dabei völlig aus den Augen. Trotz der gegebenen technischen Voraussetzungen und der interessanten Prämisse gelingt es „Medusa“ selten, Botschaft und Geschichte zu einem flüssigen Seherlebnis zu vereinen. Das Ergebnis ist ein überlanges Gleichnis über veraltete Rollenbilder – nur leider kein spannendes Horror-Erlebnis.

Frauen als Marionetten des Patriarchats. In “Medusa” geht die Unterdrückung der weiblichen Selbstbestimmung größtenteils von Frauen selbst aus – instrumentalisiert durch die Gehirnwäsche eines radikalen christlichen Regimes, welches eine gute Frau äußerliche Schönheit und strikten Gehorsam attestiert. Dass feministischer Horror unglaublich gut funktionieren kann, hat zuletzt “Men” bewiesen, in dem Alex Garland Horror und Metaphorik zu einer organischen Einheit verschmelzen lässt. Von dieser Art von Horror ist in der satirischen Groteske kaum etwas zu spüren. Während die Exposition noch die Grundsteine für einen atmosphärischen Horrorfilm legt, schleppt sich der Plot spätestens ab der Mitte durch ein belangloses Szenario, die von den anfänglichen Stärken wenig bis gar nicht mehr gebraucht macht.

Fazit
Ein unorganischer Mix aus Horror und Gesellschaftskritik!
Wie hat Dir „Medusa“ gefallen?

