Unschuld und Verlangen | Film – Kritik: Sommer, Körper, Kontrollverlust

Französisches Coming-of-Age ohne Weichzeichner

Zwischen all den hochbudgetierten Blockbustern und preisgekrönten Autorenfilmen ist es beinahe unmöglich, den Blick für echte kleine Film-Perlen offenzuhalten. Umso erfreulicher ist es, wenn ein unscheinbarer Fernsehfilm wie das französische Coming-of-Age-Drama „Unschuld und Verlangen“ wie aus dem Nichts erscheint und dabei einen Großteil der im Mainstream etablierten Filme mit spielerischer Leichtigkeit überstrahlt. Diesen Film muss man gesehen haben!

Unschuld und verlangen ©Pierrot Le Fou

Als wären die eigenen körperlichen Veränderungen und das Entdecken neuer Gefühle und Neigungen nicht schon schwer genug, muss die 15-jährigen Solange dazu noch mit ansehen, wie die Ehe ihrer Eltern den Bach hinuntergeht und infolgedessen den Großteil ihrer Probleme selbst verarbeiten. Ihr gutmütiger Nachbar, der doppelt so alte Guillaume, bleibt ihr als einzige Bezugsperson und emotionaler Anker im Leben, während ihre Eltern nur noch mit Abwesenheit glänzen. Zwischen der ersten großen Liebe und Streitigkeiten mit ihren Freundinnen muss Solange feststellen, was es bedeutet, erwachsen zu werden.

Unschuld und verlangen ©Pierrot Le Fou

Solange zwischen erster Liebe und fehlenden Eltern

Als Teenager hat die Zeit noch eine andere Bedeutung als als Erwachsener. Momente können sich anfühlen wie eine Ewigkeit, und ein einziger Sommertag reicht schon aus, um ein komplett anderer Mensch zu werden. Die 15-jährige Solange muss in wenigen sommerlichen Monaten am eigenen Körper spüren, was es bedeutet, erwachsen zu werden. Allein gelassen von ihren elterlichen Bezugspersonen, durchlebt sie eine aufwühlende Zeit des sexuellen Erwachens, der Orientierungslosigkeit und der Erkenntnis, was es bedeutet, als Frau wahrgenommen zu werden. Gerade diese Mischung aus Neugier, Überforderung und stiller Verletzbarkeit macht „Unschuld und Verlangen“ so stark.

Unschuld und verlangen ©Pierrot Le Fou

Rodolphe Tissot gelingt es, die volle Bandbreite an konfusen Emotionen, die die Adoleszenz mit sich bringt, auf die Leinwand zu projizieren, und nimmt das Publikum mit auf eine authentische Reise durch die chaotische Gefühlswelt einer heranwachsenden Frau. „Unschuld und Verlangen“ besticht dabei mit einer gehörigen Portion Mut und Ehrlichkeit und scheut nicht davor zurück, Tabus zu durchbrechen und Grenzen auszureizen. Louisiane Gouverneur ist eine Wucht. Die schauspielerische Neuentdeckung verkörpert die verletzliche Solange mit einer ansteckenden Hingabe und füllt ihr komplexes Wesen mit facettenreichen Emotionen und authentischer Natürlichkeit. Selten war eine Coming-of-Age-Geschichte so kraftvoll, emotional und gleichzeitig zurückhaltend nüchtern.

Unschuld und verlangen ©Pierrot Le Fou

Fazit

Der Coming-of-Age-Film des Jahres: mutig, ehrlich, verletzlich und getragen von einer herausragenden Louisiane Gouverneur. „Unschuld und Verlangen“ erzählt vom Erwachsenwerden ohne Weichzeichner – kraftvoll, nüchtern und emotional erstaunlich präzise.

Bewertung: 4.5 von 5.